{"id":5849,"date":"2026-04-15T01:59:31","date_gmt":"2026-04-14T23:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5849"},"modified":"2026-04-15T01:59:32","modified_gmt":"2026-04-14T23:59:32","slug":"das-kind-das-mit-den-feen-ging","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-kind-das-mit-den-feen-ging\/","title":{"rendered":"Das Kind, das mit den Feen ging"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Kind, das mit den Feen ging<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>M\u00e4rchen aus Irland<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u00d6stlich der alten Stadt Limerick, ungef\u00e4hr zehn irische Meilen unterhalb des Gebirgszuges, der unter der Bezeichnung \u00bbDie Slieveelim H\u00fcgel\u00ab bekannt ist, verl\u00e4uft eine sehr alte und enge Stra\u00dfe. Sie verbindet Limerick und die Stra\u00dfe nach Tipperary mit der Stra\u00dfe nach Dublin und f\u00fchrt durch Sumpf und Weide, \u00fcber Berg und Tal, an mit Stroh gedeckten H\u00fctten und dachlosen Schl\u00f6ssern vorbei, an die zwanzig Meilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Fu\u00df jenes Gebirges., das ich schon erw\u00e4hnte, gibt es ein Wegst\u00fcck, das besonders einsam ist. F\u00fcr mehr als drei irische Meilen kommt man durch eine v\u00f6llig verlassene Landschaft. Ein weites schwarzes Moor, flach wie ein See, eingefasst von Unterholz, breitet sich zur Linken aus, wenn man nordw\u00e4rts reist., und die ungleichm\u00e4\u00dfige Linie der Gebirgskette, die man zur Rechten sieht, H\u00fcgel mit Heide \u00fcberwuchert und graue Felsen., die den \u00dcberresten einer Befestigung \u00e4hnlich sind, wird h\u00e4ufig unterbrochen durch Schluchten., die sich hier und dort zu felsigen und bewaldeten T\u00e4lern ausweiten. Eine d\u00fcrftige Weide, auf der ein paar verstreute Schafe grasen, rahmt die einsame Wegstrecke \u00fcber ein paar Meilen hin ein, und unter einem schlitzenden H\u00fcgel und zwei oder drei gro\u00dfen Eschen stand vor gar nicht langer Zeit die mit Stroh gedeckte H\u00fctte der Witwe Mary Ryan.<\/p>\n\n\n\n<p>Arm war die Frau in einem armen Land. Das Strohdach hatte schon eine graue F\u00e4rbung und hier und da Vertiefungen, die auf die Einwirkungen der Witterung hindeuteten. .Aber welch andere Gefahren auch drohen mochten, man war dagegen in diesem Haus wohlgesch\u00fctzt. Rund um die H\u00fctte stand ein halbes Dutzend Bergeschen, die die Hexen nicht m\u00f6gen. An den abgeschabten T\u00fcrbalken waren zwei Hufeisen genagelt, und \u00fcber dem T\u00fcrsturz wuchs Lauch, ein altes Heilmittel gegen viele \u00dcbel, mit dem man auch die Machenschaften des B\u00f6sen vorbeugend bek\u00e4mpfen kann. War man durch die T\u00fcr eingetreten und hatten sich die Augen an das verschwommene Licht gew\u00f6hnt, so entdeckte man \u00fcber dem mit einem Holzhimmel versehenen Bett der Witwe ihren Rosenkranz und ein Fl\u00e4schchen mit Weihwasser. Hier gab es Schutz, und hier waren Bollwerke gegen das Vordringen au\u00dferirdischer und b\u00f6ser M\u00e4chte, an die man in der Familie st\u00e4ndig durch die Silhouette des Lisnavoura erinnert wurde, eines einsamen H\u00fcgels, den das \u00bbgute Volk\u00ab, wie die Feen nicht ganz zu Recht genannt werden, bewohnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der seltsame, kuppelartige H\u00fcgel erhob sich etwa eine halbe Meile vom Haus entfernt und wirkte wie eine Festung in der Gebirgslinie. Es war im Herbst. Mit der untergehenden Sonne fielen die Schatten des H\u00fcgels \u00fcber die H\u00e4nge des Slieveelim bis in die N\u00e4he der kleinen einsamen H\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die V\u00f6gel sangen in den Zweigen der melancholischen Eschenb\u00e4ume, deren Blattwerk schon d\u00fcnn wurde. Die drei j\u00fcngeren Kinder der Witwe spielten auf der Stra\u00dfe, und ihre Stimmen vermischten sich mit dem Abendlied der V\u00f6gel. Nell, das \u00e4lteste M\u00e4dchen, war im Haus, um sich um die Kartoffeln zu k\u00fcmmern, die f\u00fcr das Abendessen gekocht wurden. Die Mutter war hinaus aufs Moor gegangen, um dort eine Last Torf zu holen. Es ist oder war jedenfalls eine menschenfreundliche Sitte unter den wohlhabenderen Leuten, beim Torfstechen immer einen kleinen Stapel f\u00fcr einen Armen mit aufzusetzen, der so Brennmaterial hatte, um seine Kartoffeln zu kochen und gut durch den Winter zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Moll Ryan kam einen steilen Pfad herauf, dessen R\u00e4nder mit Dornenb\u00fcschen \u00fcberwuchert waren. Gebeugt von der Last kam sie durch die T\u00fcr herein und wurde von Nell begr\u00fc\u00dft, die ihr auch dabei half, den Torf abzusetzen. Moll Ryan sah sich mit einem Aufatmen um, fuhr sich mit der Hand \u00fcber die Stirn und stie\u00df dann hervor: \u00bbIch bin froh, dass es geschafft ist. Gott sei Dank! Wo sind denn die Kleinen, Nell?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie spielen auf der Stra\u00dfe, Mutter. Hast du sie nicht gesehen, als du hereingekommen bist ? \u00ab<br>\u00bbNein. Es war niemand vor mir auf der Stra\u00dfe\u00ab, sagte sie beunruhigt, \u00bbnicht eine Seele, Nell, warum hast du nicht mal ein Auge auf sie gehabt?\u00ab<br>\u00bbAch, sie werden auf dem Hof sein, oder hinter dem Haus. Soll ich sie hereinrufen ? \u00ab<br>\u00bbTu das, M\u00e4dchen, in Gottes Namen. Die Hennen kommen heim. Die Sonne geht gerade hinter dem Knockdoulan unter, und ich bin jetzt ja auch da.\u00ab<br>Also sprang das dunkelhaarige M\u00e4dchen nach drau\u00dfen, lief zur Stra\u00dfe, schaute in diese und in die andere Richtung, aber ihre zwei kleinen Br\u00fcder, Con und Bill, und ihre kleine Schwester Peg waren nirgends zu sehen. Sie rief alle, aber aus dem Hof kam keine Antwort. Sie horchte, aber sie h\u00f6rte auch nirgends ihre Stimmen. \u00dcber den Zauntritt stieg sie, schaute hinter das Haus \u00fcberall war es still, und keines der Kinder zeigte sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schaute aufs Moor hinaus. Auch dort keine Kinder . Wieder horchte sie. Nichts. Sie wurde zornig, aber gleich darauf \u00fcberkam sie ein anderes Gef\u00fchl, und sie wurde bleich im Gesicht. Sie schaute zu der mit Heidekraut \u00fcberwucherten Kuppe des Lisnavoura, die nun in tiefem Purpurrot gegen den flammenden Himmel stand, an dem gerade die Sonne unterging.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder horchte sie, h\u00e4rte aber nichts als das Gezwitscher der V\u00f6gel in den B\u00e4umen. Wie oft hatte sie am Feuer w\u00e4hrend des Winters Geschichten von Kindern geh\u00f6rt, die bei Einbruch der Nacht an abgelegenen Orten von Feen gestohlen worden waren! Sie wusste auch, da\u00df diese Furcht ihre Mutter immer wieder plagte.<br>Niemand weit und breit rief seine kleine Herde so fr\u00fch ins Haus wie die \u00e4ngstliche Witwe, nirgends in den sieben Kirchspielen wurde die Haust\u00fcr so fr\u00fch verriegelt wie hier. Bei alledem ist es kein Wunder, da\u00df sich auch Nell besonders vor den Feen f\u00fcrchtete. Sie starrte zum Lisnavoura wie in Trance hin\u00fcber, bekreuzigte sich immer wieder und fl\u00fcsterte Gebete.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann rief die Mutter von der Stra\u00dfe her. Sie antwortete und rannte vor die H\u00fctte, wo sie die Mutter antraf. \u00bbUnd wo in aller Welt sind die Kinder? Hast du sie irgendwo entdeckt?\u00ab rief Mrs. Ryan, w\u00e4hrend das M\u00e4dchen \u00fcber den Zauntritt stieg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch, Mutter. Sie sind gewiss nur ein St\u00fcck die Stra\u00dfe entlanggegangen. In ein paar Minuten werden sie zur\u00fcck sein. Es ist wie mit den Ziegen. Sie springen hierhin und springen dahin. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMag der Herr dir vergeben, Nell! Die Kinder sind fort. Entf\u00fchrt und keine Seele in unserer N\u00e4he. Vater Tom gar drei Meilen fort. Was soll ich jetzt tun, wer wird uns, da es nun dunkel wird, helfen? Ist es zu fassen? Die Kinder sind fort! \u00ab<br>\u00bbStill, Mutter, beruhige dich. Siehst du nicht. ..da kommen sie ja.\u00ab<br>Und dann begann sie in drohendem Ton zu schreien und winkte den Kindern zu, die auf der Stra\u00dfe daherkamen, die in einiger Entfernung durch eine Senke verlief, weshalb man sie wohl eine Weile nicht hatte sehen k\u00f6nnen. Sie kamen jetzt aus westlicher Richtung n\u00e4her, von dort her, wo der gef\u00fcrchtete H\u00fcgel von Lisnavoura lag.<br>Aber es waren nur zwei Kinder, und eines von ihnen, das kleine M\u00e4dchen, weinte. Mutter und gro\u00dfe Schwester liefen ihnen entgegen, jetzt noch mehr erschrocken als zuvor.<br>\u00bbWo ist Bill. ..wo ist er hin ?\u00ab fragte die Mutter atemlos, als sie nahe genug heran war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEr ist fort. ..sie haben ihn mitgenommen. Aber sie haben gesagt, er wird bald wieder zur\u00fcck sein\u00ab, antwortete der kleine Con, der dunkelbraunes Haare hatte.<br>\u00bbEr ist fort mit den gro\u00dfen Damen\u00ab, plapperte des kleine M\u00e4dchen.<br>\u00bbWas denn f\u00fcr Damen. ..und wohin ? Ach mein Liebling, haben sie es doch geschafft. Wo ist er? Wer hat ihn mitgenommen? Von was f\u00fcr Damen sprecht ihr denn? In welche Richtung sind sie denn gefahren?\u00ab rief sie.<br>\u00bbIch konnte nicht sehen, wo sie hinfuhren, Mutter. Aber es war mir, als ob sie gegen den Lisnavoura hin fuhren.\u00ab Unter wilden Ausrufen rannte die ver\u00e4ngstigte Frau allein gegen den H\u00fcgel hin, klatschte in die H\u00e4nde und rief laut den Namen des verlorengegangenen Kindes.<\/p>\n\n\n\n<p>Erschreckt sah Nell, die es nicht wagte, der Mutter zu folgen, ihr nach. Sie brach in Tr\u00e4nen aus, und ihre Geschwister stimmten in ihr Wehklagen und Weinen ein. Es wurde dunkler. Es war l\u00e4ngst \u00fcber die Zeit, zu der sie sonst sicher unter dem Dach der H\u00fctte sa\u00dfen. Nell f\u00fchrte die beiden Geschwister ins Haus, hie\u00df sie sich vor das Torffeuer setzen, w\u00e4hrend sie in der offenen T\u00fcr stehenblieb und voller Furcht die Heimkehr ihrer Mutter abwartete.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach langer Zeit kam die Mutter. Sie trat ein, setzte sich ans Feuer und weinte j\u00e4mmerlich.<br>\u00bbSoll ich die T\u00fcr verriegeln, Mutter?\u00ab fragte Nell.<br>\u00bb Ja, tu das. ..habe ich nicht heute abend schon genug verloren, ohne dass die T\u00fcr offenstand. Aber zuvor bespreng dich mit Weihwasser und bring das Fl\u00e4schchen her, damit ich f\u00fcr mich und die Kleinen auch einen Hauch davon nehmen kann. Ich frag&#8216; mich, ob all das passiert w\u00e4re, h\u00e4ttest du die Kleinen mit Weihwasser besprengt, bevor sie gegen Abend nach drau\u00dfen liefen. Kommt alle her, Kinder, kommt zu mir. Ich will euch festhalten, so dass niemand euch mir fortnehmen kann. Und dann sollt ihr mir erz\u00e4hlen -der Herr sei zwischen uns und dem Ungl\u00fcck! -, was geschah, und wer es war, der unseren Billy mit fortnahm.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als die T\u00fcr verriegelt war, erz\u00e4hlten die Kinder, einander h\u00e4ufig unterbrechend, oft aber auch von einer Zwischenfrage der Mutter unterbrochen, jene seltsame Geschichte, die ich sp\u00e4ter zusammenh\u00e4ngend in meine Sprache brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Kinder der Witwe Ryan spielten, wie ich schon sagte, auf der alten engen Stra\u00dfe vor der T\u00fcr. Der kleine Bill oder Leum, etwa f\u00fcnf Jahre alt, mit hellblondem Haar und blauen Augen, war ein sehr h\u00fcbscher Junge, gesund und mit jenem Blick ernster Einfachheit, den man bei Stadtkindern gleichen Alters nur selten finden wird. Seine Schwester Peg, ungef\u00e4hr ein Jahr \u00e4lter, und sein Bruder Con, wiederum ein Jahr \u00e4lter als das M\u00e4dchen, waren gleich ihm mit auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den gro\u00dfen Eschenb\u00e4umen, deren Bl\u00e4tter abzufallen begannen, und im Licht der Oktobersonne, die sich anschickte unterzugehen, spielten die Kinder ausgelassen und versunken, und manchmal blickten sie dabei nach Westen, zu dem H\u00fcgel von Lisnavoura hin. Pl\u00f6tzlich wurden sie von einer aufgeregten Stimme in schrillem Tonfall von hinten angerufen und ihnen befohlen, aus dem Weg zu gehen. Sie wandten sich um. Sie blickten auf etwas, das sie nie zuvor gesehen hatten. Es war ein Wagen, bespannt mit vier Pferden, die schnaubten und ungeduldig wieherten, w\u00e4hrend sie herankamen. Die Kinder, die schon fast unter ihren Hufen waren, sprangen eilig zur Seite, und zwar gegen die T\u00fcr der H\u00fctte hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kutsche war von altmodischer Art, reichverziert und prunkvoll, und die Kinder, die nie etwas anderes gesehen hatten als einen Torwagen oder eine alte Chaise, die auf dem Weg von Killaloe hier vorbeigekommen waren, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Geschirre und das Zaumzeug waren scharlachrot mit Schnallen und Schlie\u00dfen aus Gold. Die Pferde waren gewaltig gro\u00df, schneewei\u00df, mit pr\u00e4chtigen M\u00e4hnen, und wenn sie sich sch\u00fcttelten, dann war es, als ob Rauch durch die Luft wirbele. Auch die Kutsche selbst spr\u00fchte von Farben und vergoldeten Beschl\u00e4gen und Ornamenten. Es gab Beifahrer in Livree mit dreieckigen H\u00fcten, und der Kutscher trug eine gro\u00dfe Per\u00fccke, so wie Richter sie aufsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Diener wirkten sehr klein und irgendwie unpassend zu den riesigen Pferden der Equipage. Sie hatten scharfe Gesichtsz\u00fcge, kleine, ruhelose, wild dreinblickende Augen, und um ihre M\u00fcnder spielte ein schlaues, boshaftes L\u00e4cheln, vor dem die Kinder Angst bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Kutscher schimpfte. Seine kleinen w\u00fctenden Perlaugen schienen aus ihren H\u00f6hlen herausspringen zu wollen, w\u00e4hrend er die Peitschenschnur um den Kopf der Pferde wirbeln lie\u00df, bis es aussah, als sei da ein Feuerstrahl in der Luft .<br>\u00bbWeg frei f\u00fcr die Prinzessin! \u00ab br\u00fcllte der Kutscher mit bebender Stimme.<br>\u00bbWeg frei f\u00fcr die Prinzessin\u00ab, piepsten die Beifahrer gegen die Kinder hin und knirschten dann mit den Z\u00e4hnen. Die Kinder waren so verschreckt, dass sie ganz bleich wurden. Aber eine s\u00fc\u00dfe Stimme, die aus dem offenen Fenster der Kutsche drang, beruhigte sie und gebot dem Schimpfen der Diener Einhalt. Eine sch\u00f6ne und sehr vornehm aussehende Dame l\u00e4chelte den Kindern zu, und alle empfanden das Licht dieses L\u00e4chelns als angenehm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDiesen Jungen da, mit den goldenen Haaren, glaube ich\u00ab, sagte die Dame und sah Leum mit ihren gro\u00dfen Augen an.<br>Das Oberteil der Kutsche war fast v\u00f6llig aus Glas, und so konnten die Kinder sehen, dass drinnen noch eine andere Frau mitfuhr, die ihnen nicht so gut gefiel.<br>Es war eine schwarze Frau, mit einem wundervollen langen Hals, um den sie viele Ketten aus Perlen verschiedener Farbe trug. Auf dem Kopf hatte sie einen Turban aus Seide, die in allen Farben des Regenbogens changierte, und zusammengehalten wurde dieser Kopfputz von einem goldenen Stern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesicht diese schwarzen Frau sah fast aus wie bei einem Totenkopf, hohe Wangenknochen, gro\u00dfe starre Augen, bei denen das Wei\u00dfe, gleich der Farbe ihrer Z\u00e4hne, einen strahlenden Kontrast zu ihrer Haut bildete. Sie lehnte sich zu der sch\u00f6nen Frau hin\u00fcber und schien ihr etwas zuzufl\u00fcstern .<br>\u00bb Ja, den Jungen mit dem goldenen Haar, w\u00fcrde ich meinen\u00ab, wiederholte die Dame.<br>Und ihre Stimme kam den Kindern s\u00fc\u00df wie der Klang einer Silberglocke vor, ihr L\u00e4cheln luckte sie an wie das Licht einer Zauberlampe, w\u00e4hrend sie sich aus dem Fenster lehnte und ihre blauen Augen mit einem Blick bewundernden Wohlgefallens auf dem blonden Jungen ruhten. Der kleine Billy l\u00e4chelte zur\u00fcck, und als sie sich noch weiter vorbeugte und ihre mit Juwelen geschm\u00fcckten Arme zu ihm ausstreckte, hielt er ihr seine kleinen H\u00e4nde entgegen. Wie sie einander ber\u00fchrten, wussten die anderen Kinder nicht zu beschreiben, wohl aber erz\u00e4hlten sie, dass sie ausgerufen habe: \u00bbKomm und gib mir einen Kuss, mein Liebling! \u00ab Dann hob sie ihn hoch, und er schien an ihrem kleinen Finger zu h\u00e4ngen, leicht wie eine Feder, und sie setzte ihn auf ihrem Scho\u00df ab und bedeckte ihn mit K\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt waren die Kinder furchtlos, ein jedes w\u00e4re nur zu gern wie ihr kleiner Bruder bei der sch\u00f6nen Dame im Wagen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur eines war ihnen etwas unheimlich und machte ihnen angst, und das war die schwarze Frau. Sie f\u00fchrte ein Seidentaschentuch an die Lippen, und dann stopfte sie sich Lage um Lage dieses Taschentuchs, das scheinbar endlos war, in den Mund, um das Lachen zu d\u00e4mpfen, in das sie verfallen war, und von dem sie gesch\u00fcttelt wurde. Dabei schauten aber ihre Augen unheimlicher und b\u00f6sartiger denn je zuvor drein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann blickten die Kinder alle wieder zu der Dame hin, weil sie eben so sch\u00f6n war. Sie fuhr fort, den kleinen Jungen auf ihren Knien zu k\u00fcssen und zu streicheln. Sie l\u00e4chelte den Kindern zu und hielt dabei einen gro\u00dfen braunen Apfel zwischen den Fingern. Die Kutsche fuhr jetzt wieder langsam an, und mit einem Nicken, das wohl dazu einladen sollte, die Frucht zu holen, lie\u00df sie den Apfel auf die Stra\u00dfe rollen. Er rollte neben die R\u00e4der. Die Kinder liefen dem Apfel nach. Die Dame warf einen zweiten Apfel und dann noch einen und noch einen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wenn eines der Kinder gerade glaubte, einen der \u00c4pfel greifen zu k\u00f6nnen, fiel er in ein Loch oder in einen Graben. Dann sahen sich die Kinder um, und immer noch warf die vornehme Dame \u00c4pfel aus dem Fenster, die \u00fcber die Stra\u00dfe rollten. Diese Jagd nach den \u00c4pfeln setzte sich fort, bis sie, ohne sich dies jedoch recht bewu\u00dft zu machen, an eine Stra\u00dfenkreuzung kamen, wo der Weg nach Owney abzweigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hatte den Anschein, dass dort die Pferdehufe und das Gef\u00e4hrt einen wunderbaren Staub aufwirbelten, und eine Staubwolke, wie sie auch an ruhigen Tagen manchmal entsteht, schien sich zu bilden. Sie h\u00fcllte die Kinder f\u00fcr einen Moment ein und trieb dann wirbelnd gegen den Lisnavoura hin. Inmitten dieses Wirbels aber fuhr die Kutsche. Pl\u00f6tzlich aber war statt ihrer nur noch Stroh in der Luft, und einige welke Bl\u00e4tter segelten \u00fcber das Stra\u00dfenpflaster. Im selben Augenblick verschwand der obere Rand des untergehenden Sonnenballs hinter dem H\u00fcgel von Knockdoula, und es wurde Zwielicht. Die Kinder sp\u00fcrten die Ver\u00e4nderung wie einen Schock -und der Anblick des runden Gipfels des Lisnavoura, der jetzt aus der N\u00e4he auf sie niedersah, verst\u00e4rkte dieses Gef\u00fchl noch. Sie riefen den Namen des Bruders, aber ihre Schreie verhallten ohne Antwort. Gleichzeitig meinten sie eine tiefe Stimme sagen h\u00f6ren: \u00bbGeht heim! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schauten sich um, aber da war niemand. Sie f\u00fcrchteten sich, und Hand in Hand -das kleine M\u00e4dchen wild weinend und der Junge grau wie Asche im Gesicht -, liefen sie heim, so rasch sie konnten, um, wie wir geh\u00f6rt haben, ihre seltsame Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mollv Ryan sah ihren Sohn nie wieder. Aber seine fr\u00fcheren Spielgef\u00e4hrten bekamen ihn wieder zu Gesicht.<br>Manchmal, wenn die Mutter fort war, um bei der Heuernte eine Kleinigkeit zu verdienen und Nelly Kartoffeln f\u00fcr das Mittagessen wusch oder an dem kleinen Bach, der durch die Senke in der N\u00e4he des Hauses flie\u00dft, Kleidungsst\u00fccke s\u00e4uberte, schaute Billys h\u00fcbsches Gesicht zur T\u00fcr herein und l\u00e4chelte sie schweigend an. Und wenn sie dann hinrannten und ihn mit einem Freudenschrei umarmen wollten, zog er sich vorsichtig nach drau\u00dfen zur\u00fcck; folgten sie ihm aber dorthin, dann war nirgends eine Spur von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies geschah oft, und jedes Mal waren die Umst\u00e4nde seines Erscheinens ein wenig anders. Manchmal schaute er l\u00e4nger ins Haus, manchmal k\u00fcrzer, manchmal streckte er die Hand aus, bewegte den Finger zu einer lockenden Geste und winkte den Geschwistern, ihm zu folgen. Aber immer l\u00e4chelte er, und nie sagte er ein Wort. Und immer war er verschwunden, wenn die anderen die T\u00fcr erreichten. Allm\u00e4hlich wurden die Besuche seltener, und nach etwa acht Monaten h\u00f6rten sie ganz auf, und der kleine Billy, den man nun ganz verloren gab, galt als Toter.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Wintermorgen, anderthalb Jahre nach seinem Verschwinden, machte sich seine Mutter bald nach dem ersten Hahnenschrei nach Limerick auf, um dort Gefl\u00fcgel auf dem Markt zu verkaufen. Das kleine M\u00e4dchen lag neben ihrer \u00e4lteren Schwester, die noch fest schlief . Pl\u00f6tzlich, im grauen Morgenlicht, sah die Kleine, wie sich die T\u00fcr \u00f6ffnete. Billy kam herein und zog die T\u00fcr vorsichtig hinter sich zu. Es war immerhin hell genug, um zu erkennen, dass er barfuss war, abgerissen aussah, bleich und abgemagert. Er ging geradewegs auf das Feuer zu, beugte sich \u00fcber die Glut und schien sich w\u00e4rmen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kleine stie\u00df ihre gro\u00dfe Schwester voller Schrecken an und fl\u00fcsterte: \u00bbWach auf, Nelly, Billy ist heimgekommen! \u00ab<br>Nelly schlief fest weiter, aber der kleine Junge, dessen H\u00e4nde fast die Glut ber\u00fchrten, wandte sich um und schaute, so schien es der Kleinen jedenfalls, sich \u00e4ngstlich um. Dann schlich er sich auf Zehenspitzen wieder zur T\u00fcr zur\u00fcck und ging fast lautlos nach drau\u00dfen. Danach wurde der kleine Junge nie mehr gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Feendoktoren, wie man die Leute nennt, die in solchen F\u00e4llen probate Gegenmittel verkaufen, taten, was sie konnten &#8211; vergebens. Pater Tom kam und versuchte es mit jenen Mitteln, die die Kirche zu Gebote hat. Auch das blieb erfolglos.<br>F\u00fcr Mutter, Bruder und Schwestern war der kleine Billy tot.<br>Andere, die von Menschen geliebt worden waren, lagen in geweihter Erde, auf dem alten Kirchhof von Abington, mit einem Stein an der Stelle, an der die \u00dcberlebenden niederknien und ein Gebet f\u00fcr den Frieden der Seele des Toten sprechen k\u00f6nnen. F\u00fcr den kleinen Billy gab es keine solche Stelle, es sei denn, man h\u00e4tte den alten H\u00fcgel von Lisnavoura daf\u00fcr genommen, der bei Sonnenuntergang einen langen Schatten bis vor die T\u00fcr der H\u00fctte wirft, oder das wei\u00dfe Mondlicht, das in sp\u00e4teren Jahren seinen Bruder an ihn erinnerte, wenn dieser von der Messe oder dem Markt zur\u00fcckkam, seufzte und ein Gebet f\u00fcr den kleinen Billy sprach, verlorengegangen vor so langer Zeit und nie mehr gesehen seither.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dieses M\u00e4rchen wurde mir von der Geschichtenkiste im Internet zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kind, das mit den Feen ging M\u00e4rchen aus Irland \u00d6stlich der alten Stadt Limerick, ungef\u00e4hr zehn irische Meilen unterhalb des Gebirgszuges, der unter der Bezeichnung \u00bbDie Slieveelim H\u00fcgel\u00ab bekannt ist, verl\u00e4uft eine sehr alte und enge Stra\u00dfe. 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