{"id":5839,"date":"2026-04-15T01:42:19","date_gmt":"2026-04-14T23:42:19","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5839"},"modified":"2026-04-15T01:42:20","modified_gmt":"2026-04-14T23:42:20","slug":"die-karawane","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-karawane\/","title":{"rendered":"Die Karawane"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Karawane<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wilhelm Hauff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es zog einmal eine gro\u00dfe Karawane durch die W\u00fcste. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, h\u00f6rte man schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen R\u00f6llchen der Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verk\u00fcndete ihre N\u00e4he, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und hellleuchtende Gew\u00e4nder das Auge. So stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein sch\u00f6nes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke beh\u00e4ngt, an dem hochroten Riemenwerk hingen silberne Gl\u00f6ckchen, und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein sch\u00f6ner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein wei\u00dfer Turban, reich mit Gold bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekr\u00fcmmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht gedr\u00fcckt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, k\u00fchnes Aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Reiter ungef\u00e4hr auf f\u00fcnfzig Schritt dem Vortrab der Karawane nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungew\u00f6hnliches Ereignis, einen einzelnen Reiter durch die W\u00fcste ziehen zu sehen, dass die W\u00e4chter des Zuges, einen \u00dcberfall bef\u00fcrchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was wollt ihr&#8220;, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen sah, &#8222;glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Besch\u00e4mt schwangen die W\u00e4chter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anf\u00fchrer aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer ist der Herr der Karawane?&#8220; fragte der Reiter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sie geh\u00f6rt nicht einem Herrn&#8220;, antwortete der Gefragte, &#8222;sondern es sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die wir durch die W\u00fcste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden beunruhigt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So f\u00fchrt mich zu den Kaufleuten&#8220;, begehrte der Fremde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das kann jetzt nicht geschehen&#8220;, antwortete der F\u00fchrer, &#8222;weil wir ohne Aufenthalt weiterziehen m\u00fcssen und die Kaufleute wenigstens eine Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten, bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch willfahren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in gro\u00dfen Z\u00fcgen zu rauchen, indem er neben dem Anf\u00fchrer des Vortrabs weiterritt. Dieser wusste nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht, ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so k\u00fcnstlich er auch ein Gespr\u00e4ch anzukn\u00fcpfen suchte, der Fremde hatte auf das: &#8222;Ihr raucht da einen guten Tabak&#8220;, oder: &#8222;Euer Rapp&#8216; hat einen braven Schritt&#8220;, immer nur mit einem kurzen &#8222;Ja, ja!&#8220; geantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte. Der Anf\u00fchrer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. Drei\u00dfig Kamele, schwer beladen, zogen vor\u00fcber, von bewaffneten F\u00fchrern geleitet. Nach diesen kamen auf sch\u00f6nen Pferden die f\u00fcnf Kaufleute, denen die Karawane geh\u00f6rte. Es waren meistens M\u00e4nner von vorger\u00fccktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien viel j\u00fcnger als die \u00fcbrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine gro\u00dfe Anzahl Kamele und Packpferde schloss den Zug.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings umhergestellt. In der Mitte war ein gro\u00dfes Zelt von blauem Seidenzeug. Dorthin f\u00fchrte der Anf\u00fchrer der Wache den Fremden. Als sie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die f\u00fcnf Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speise und Getr\u00e4nke. &#8222;Wen bringt Ihr uns da?&#8220; rief der junge Kaufmann dem F\u00fchrer zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ehe noch der F\u00fchrer antworten konnte, sprach der Fremde: &#8222;Ich hei\u00dfe Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka von einer R\u00e4uberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich aus der Gefangenschaft befreit. Der gro\u00dfe Prophet lie\u00df mich die Glocken eurer Karawane in weiter Ferne h\u00f6ren, und so kam ich bei euch an. Erlaubet mir, dass ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren Schutz keinem Unw\u00fcrdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet, werde ich eure G\u00fcte reichlich belohnen denn ich bin der Neffe des Gro\u00dfwesirs.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00e4lteste der Kaufleute nahm das Wort: &#8222;Selim Baruch&#8220;, sprach er, &#8222;sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir beizustehen; vor allem aber setze dich und iss und trinke mit uns.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und a\u00df und trank mit ihnen. Nach dem Essen r\u00e4umten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten lange Pfeifen und t\u00fcrkischen Sorbet. Die Kaufleute sa\u00dfen lange schweigend, indem sie die bl\u00e4ulichen Rauchwolken vor sich hin bliesen und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen: &#8222;So sitzen wir seit drei Tagen&#8220;, sprach er, &#8222;zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich versp\u00fcre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch T\u00e4nzer zu sehen oder Gesang und Musik zu h\u00f6ren. Wisst ihr gar nichts, meine Freunde, das uns die Zeit vertreibt?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier \u00e4lteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft nachzusinnen, der Fremde aber sprach: &#8222;Wenn es mir erlaubt ist, will ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz k\u00f6nnte einer von uns den anderen etwas erz\u00e4hlen. Dies k\u00f6nnte uns schon die Zeit vertreiben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Selim Baruch, du hast wahr gesprochen&#8220;, sagte Achmet, der \u00e4lteste der Kaufleute, &#8222;lasst uns den Vorschlag annehmen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt&#8220;, sprach Selim, &#8222;damit ihr aber sehet, dass ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den Anfang machen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Vergn\u00fcgt r\u00fcckten die f\u00fcnf Kaufleute n\u00e4her zusammen und lie\u00dfen den Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten gl\u00fchende Kohlen zum Anz\u00fcnden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem t\u00fcchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart \u00fcber dem Mund weg und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So h\u00f6rt denn die n\u00e4chste Geschichte.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Karawane Wilhelm Hauff Es zog einmal eine gro\u00dfe Karawane durch die W\u00fcste. 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