{"id":5830,"date":"2026-04-09T16:18:41","date_gmt":"2026-04-09T14:18:41","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5830"},"modified":"2026-04-09T16:18:41","modified_gmt":"2026-04-09T14:18:41","slug":"eine-kindergeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/eine-kindergeschichte\/","title":{"rendered":"Eine Kindergeschichte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Eine Kindergeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Richard von Volkmann-Leander<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der Kirchhof, auf dem die zwei kleinen Kinder spielten, von denen ich heute erz\u00e4hlen will, lag hoch oben auf dem gr\u00fcnen Bergeshange. Das D\u00f6rfchen, zu dem er geh\u00f6rte, lag schon hoch genug \u00fcber dem waldigen Tal, so dass die Wolken es oft verdeckten, wenn man unten auf dem blauen Flusse vor\u00fcberfuhr. Doch der Kirchhof lag noch h\u00f6her \u00fcber dem Dorf, so dass seine vielen schwarzen Kreuze recht in den blauen Himmel hineinragten. Es war ziemlich m\u00fchsam f\u00fcr die Leute, ihre Verstorbenen aus dem Dorfe nach dem Kirchhof zu tragen, denn der Weg war steil und steinig, bis man zu der gr\u00fcnen Matte kam, auf der der Kirchhof lag; doch sie taten es gern. Denn die Bergbewohner k\u00f6nnen es nicht im Tal aushalten; da wird es ihnen so dumpf und \u00e4ngstlich zumut, wie uns in einem tiefen Keller und ihre Toten noch weniger. Hoch oben auf dem Berge m\u00fcssen sie begraben sein, so dass sie weit hinaus in das Land sehen k\u00f6nnen und hinunter ins Tal, wo die Schiffe fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der Ecke des Kirchhofes war ein verlassenes Grab. Es wuchs nur Gras auf ihm und in dem Grase ganz versteckt ein paar wilde wei\u00dfe oder blaue Bl\u00fcmchen, die niemand gepflanzt hatte. Denn in dem Grabe lag ein alter Hagestolz, der weder Weib noch Kind noch sonst irgendjemand hinterlassen hatte, der sich um ihn bek\u00fcmmerte. Aus fremdem Lande war er gekommen, woher, das wusste keiner. Er war jeden Morgen auf die Kuppe des Berges gestiegen und hatte dort stundenlang gesessen. Aber bald war er gestorben, und man hatte ihn begraben. Einen Namen hatte er ja sicher gehabt; wie er aber lautete, wusste ebenfalls niemand, nicht einmal der Totengr\u00e4ber. Im Kirchenbuche standen nur drei Kreuze und dahinter &#8222;ein alter fremder Hagestolz, gestorben am soundsovielten, im Jahre des Herrn soundso&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun freilich sehr wenig; aber die zwei kleinen Kinder des Totengr\u00e4bers, von denen ich eben erz\u00e4hlen wollte, hatten das alte, verlassene Grab in der Kirchhofsecke ganz besonders gern; denn es war ihnen erlaubt, auf ihm zu spielen und herumzutrampeln, soviel sie Lust hatten, w\u00e4hrend sie die anderen Gr\u00e4ber nicht anr\u00fchren durften. Diese waren alle sehr sorgf\u00e4ltig imstand gehalten; das Gras war frisch geschoren und dicht wie Samt, auch bl\u00fchten allerhand Blumen auf ihnen, die der Totengr\u00e4ber t\u00e4glich mit gro\u00dfer Sorgfalt begoss, wozu er sich das Wasser m\u00fchsam aus dem Dorfbrunnen heraufschleppen musste. Auf vielen lagen auch Kr\u00e4nze und bunte B\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Trinchen&#8220;, sagte der kleine Knabe, der vor dem verlassenen Grabe kniete, indem er sich wohlgef\u00e4llig das Loch besah, welches er in die Seitenwand des Grabes mit seinen kleinen H\u00e4nden hineingegraben hatte, &#8222;Trinchen, unser Haus ist fertig. Ich habe es mit bunten Steinen ausgepflastert und Blumenbl\u00e4tter darauf gestreut. Ich bin der Vater und du bist die Mutter. Guten Morgen, Mutter, was machen unsre Kinder?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hans&#8220;, entgegnete die Kleine, &#8222;du musst nicht so rasch spielen. Ich habe noch keine Kinder, aber ich werde gleich welche bekommen.&#8220; Darauf lief sie zwischen den Gr\u00e4bern und B\u00fcschen umher und kam, beide H\u00e4nde mit Schnecken gef\u00fcllt, wieder:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;H\u00f6re, Vater, ich habe schon sieben Kinder, sieben wundersch\u00f6ne Schneckenkinder!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Dann wollen wir sie gleich zu Bett bringen, denn es ist schon sp\u00e4t.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie pfl\u00fcckten gr\u00fcne Bl\u00e4tter ab, legten sie in das Loch, die bunten Schneckenh\u00e4user darauf, und deckten jedes wieder mit einem gr\u00fcnen Blatte zu.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt sei einmal still, H\u00e4nschen&#8220;, rief das kleine M\u00e4dchen, &#8222;ich muss meine Kinder einsingen; das muss ich ganz allein machen. Der Vater singt nie mit. Du kannst unterdessen noch auf die Arbeit gehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und H\u00e4nschen lief fort, und Trinchen sang mit ganz feiner Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schlaft mir allzusammen ein,<br>Meine sieben Kinderlein<br>In euren weichen Betten.<br>Schlummert s\u00fc\u00df und schlafet aus,<br>Steckt mir keins die Beinchen raus<br>Unter eurer Decke!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das eine Blatt begann sich zu bewegen, und eine von den Schnecken steckte unter demselben ihren Kopf mit den feinen H\u00f6rnern hervor. Da tippte die Kleine sie mit dem Finger auf den Kopf und sagte: &#8222;Warte, Gustl, du bist immer die Unartigste! Heute fr\u00fch hast du dich schon nicht wollen k\u00e4mmen lassen. Willst du gleich wieder ins Bett!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie sang noch einmal:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schlummert s\u00fc\u00df und schlafet aus,<br>Steckt mir keins die Beinchen raus<br>Unter eurer Decke!<\/p>\n\n\n\n<p>Seid ihr dann geschlafen ein,<br>Fliegt ein Engel ins Zimmer rein,<br>Besieht sich alle sieben:<br>Deine Kinder sind alle wei\u00df und rot,<br>Ein sch\u00f6nen Gru\u00df vom lieben Gott,<br>Ob sie auch fromm geblieben?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Kinder sind alle fromm,<br>Sie wollen gern in den Himmel kommen,<br>Sch\u00f6nen Dank f\u00fcr Milch und Wecken.<br>Bring wieder einen Gru\u00df nach Haus:<br>Es stecke auch keins die Beinchen raus<br>Mehr unter seiner Decke.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie ausgesungen hatte, waren die sieben Schnecken wirklich alle eingeschlafen, wenigstens lagen sie alle still, und da H\u00e4nschen immer noch nicht zur\u00fcckkehrte, lief die Kleine noch einmal im Kirchhof umher und suchte neue Schnecken. Sie sammelte eine gro\u00dfe Zahl in ihrer Sch\u00fcrze und kehrte mit ihnen zum Grabe zur\u00fcck. Da sa\u00df H\u00e4nschen und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Vater&#8220;, rief sie ihm entgegen, &#8222;ich habe noch hundert Kinder gekriegt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;H\u00f6re Frau&#8220;, erwiderte der Kleine, &#8222;hundert Kinder sind sehr viel. Wir haben blo\u00df einen Puppenteller und zwei Puppengabeln. Womit sollen die Kinder essen? Hundert Kinder hat auch gar keine Mutter. Es ging auch nicht hundert Namen. Wie sollen wir unsere Kinder taufen? Trag sie wieder fort!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, H\u00e4nschen&#8220;, sagte das kleine M\u00e4dchen, &#8222;hundert Kinder sind sehr h\u00fcbsch. Ich brauche sie alle.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Indes kam die junge Frau des Totengr\u00e4bers mit zwei gro\u00dfen Butterbroten, denn die Vesperstunde hatte geschlagen. Sie k\u00fcsste die beiden Kinder, hob sie auf, setzte sie auf das Grab und sagte: &#8222;nehmt eure neuen Sch\u00fcrzen h\u00fcbsch in acht.&#8220; Da sa\u00dfen sie nun stumm wie die Spatzen und a\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der alte Hagestolz in seinem einsamen Grabe hatte alles vernommen; denn die Toten h\u00f6ren alles sehr genau, was man an ihrem Grabe spricht. Er dachte an die Zeit, wo er noch ein kleiner Knabe gewesen war. Da hatte er auch ein kleines M\u00e4dchen gekannt, und sie hatten zusammen gespielt, hatten H\u00e4user gebaut und waren Mann und Frau gewesen. Und dann dachte er an die sp\u00e4tere Zeit, wo er das kleine M\u00e4dchen noch einmal gesehen hatte, wie es schon erwachsen war. Nachher hatte er nie wieder etwas von ihm geh\u00f6rt, denn er war seine eigenen Wege gegangen, und die mussten wohl nicht sehr sch\u00f6n gewesen sein, denn je mehr er daran dachte, und je mehr oben auf seinem Grabe die Kinder schwatzten, um so trauriger wurde er. Er fing an zu weinen und weinte immer mehr. Und als die Totengr\u00e4berfrau die Kinder auf sein Grab setzte und sie ihm nun gerade auf der Brust sa\u00dfen, weinte er noch viel mehr. er versuchte seine Arme auszustrecken, denn es war ihm so, als m\u00fcsse er die Kinder an sein Herz dr\u00fccken. Aber es ging nicht; denn auf ihm lagen sechs Fu\u00df Erde, und sechs Fu\u00df Erde wiegen schwer, sehr schwer. Da weinte er noch mehr; und er weinte immer noch, als die Totengr\u00e4berfrau l\u00e4ngst die Kinder geholt und zu Bett gebracht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als aber der Totengr\u00e4ber am n\u00e4chsten Morgen durch den Kirchhof ging, da war aus dem alten verlassenen Grabe eine Quelle entsprungen. Das waren die Tr\u00e4nen, die der alte Hagestolz geweint hatte. Sie rieselte hell aus dem Grabh\u00fcgel hervor und kam gerade aus dem Loche, wo die beiden Kinder ihr kleines H\u00e4uschen hineingegraben hatten. Da freute sich der Totengr\u00e4ber, denn nun brauchte er das Wasser zum Begie\u00dfen der Blumen nicht mehr aus dem Dorfe den steilen Weg hinaufzutragen. Er machte f\u00fcr die Quelle eine ordentliche Leitung und fasste sie mit gro\u00dfen Steinen ein. Von jetzt an begoss er mit dem Wasser der neuen Quelle alle Gr\u00e4ber auf dem Kirchhofe, und die Blumen auf ihnen bl\u00fchten nun sch\u00f6ner wie je zuvor. Nur das Grab, worin der alte Hagestolz lag, begoss er nicht, denn es war ja ein altes, verlassenes Grab, nach dem niemand fragte. Trotzdem wuchsen aber auf ihm die wilden Bergblumen \u00fcppiger wie an jedem anderen Orte, und die beiden Kinder sa\u00dfen oft an der Quelle, bauten M\u00fchlen und lie\u00dfen Papierk\u00e4hnchen auf ihr schwimmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kindergeschichte Richard von Volkmann-Leander Der Kirchhof, auf dem die zwei kleinen Kinder spielten, von denen ich heute erz\u00e4hlen will, lag hoch oben auf dem gr\u00fcnen Bergeshange. 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