{"id":583,"date":"2015-11-03T22:15:29","date_gmt":"2015-11-03T21:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=583"},"modified":"2025-12-28T02:34:09","modified_gmt":"2025-12-28T01:34:09","slug":"das-goldne-koenigreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-goldne-koenigreich\/","title":{"rendered":"Das goldne K\u00f6nigreich"},"content":{"rendered":"\n<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein reicher Herr hatte einen einzigen Sohn. Als dieser zwanzig Jahre alt war, sprach er: \u201eVater, ich will reisen und die Welt sehn. \u201eDer Alte war damit zufrieden, gab ihm einen Wagen und Pferde, einen Bedienten, viel Geld und noch mehr gute Lehren und der J\u00fcngling zog dahin.<\/span><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Das goldne K\u00f6nigreich: M\u00e4rchen H\u00f6rbuch zum Einschlafen (J. W. Wolf)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TRpbw0duW_A?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Abends kamen sie in einen gro\u00dfen Wald und weil es dunkel war gerieten sie vom Wege ab und gelangten zu einem kleinen Hause. Der J\u00fcngling trat hinein und da sa\u00df eine Frau beim Feuer und kochte sich ihr Abendbrot. \u201eKann ich bei euch \u00fcbernachten? \u201efrug er. \u201eEi mit Freuden\u201c, sprach die Frau, \u201esetzet euch hin und tut als ob ihr zu Hause w\u00e4ret. \u201eDas war dem J\u00fcngling gerade recht, er a\u00df und trank nach Herzenslust, denn er hatte den ganzen Tag noch nichts in den Magen bekommen, und schlief wie ein Prinz bis die Sonne schon hoch am Himmel stand. Er sprang empor und schaute durch das Fenster in den sch\u00f6nen gr\u00fcnen Wald; da liefen Hirsche und Rehe und Hasen in ganzen Herden herum und wilde V\u00f6gel aller Arten flogen von Baum zu Baum; dazu sangen die Lerchen und Finken und Nachtigallen, dass es ihm so wohl ward wie ihm nie gewesen war und er beschloss, den sch\u00f6nen Wald nicht so bald zu verlassen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Beim Fr\u00fchst\u00fcck frug der J\u00fcngling die Frau, wem der Wald geh\u00f6re? \u201eDer Wald geh\u00f6rt mein\u201c, sprach sie. Da frug er weiter ob er wohl darin jagen d\u00fcrfe, denn die Jagd sei seine gr\u00f6\u00dfte Lust und Freude. \u201eDas m\u00f6gt ihr, soviel euch beliebt, doch ich rate euch, tut es nicht\u201c, erwiderte die Frau. Er schlug den Rath aber in den Wind, denn er sah keinen Grund dazu, ergriff eine B\u00fcchse und sprang fr\u00f6hlich in den Wald hinein. Da rief die Frau seinen Diener und sprach: \u201eGeh und folge deinem Herrn schnell, so lieb dir sein Leben ist. Wenn ihr auf den freien Waldplatz kommt, dann springen drei wei\u00dfe Hirsche vor euch her, doch darf dein Herr keinen schie\u00dfen, \u00fcbrigens mag er t\u00f6ten, was ihm vor den Lauf kommt. Du darfst deinem Herrn aber nicht sagen, dass ich dir dies verraten habe, sonst ist es um dich geschehen. \u201eDer Diener dankte der Frau von Herzen f\u00fcr ihren Rath, denn er liebte seinen Herrn \u00fcber alles.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Kaum waren Beide einige hundert Schritte im Walde fortgegangen, da wurde es lichter und immer lichter und sie kamen auf eine gro\u00dfe Wiese, da sprang ein B\u00e4chlein lustig \u00fcber wei\u00dfe Kiesel und die V\u00f6gel sangen, dass dem J\u00fcngling das Herz im Leibe h\u00fcpfte. Da raschelte es pl\u00f6tzlich im Geb\u00fcsch und drei pr\u00e4chtige schneewei\u00dfe Hirsche mit stolzem Geweih sprangen heraus und liefen quer \u00fcber die Wiese hin. Der J\u00fcngling legte an, aber ehe der Schuss noch fiel, schlug der treue Diener ihm die Flinte in die H\u00f6he, so dass die Kugel in einen Baum fuhr und die Hirsche unversehrt davon sprangen. Der J\u00fcngling fuhr den Diener hart an, warum er das getan habe, doch dieser entschuldigte sich und sprach, eine Biene habe ihn in die Hand gestochen und dar\u00fcber sei er aufgefahren.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie gingen weiter und der J\u00fcngling schoss noch allerlei Wild, aber die Freude war ihm verdorben, denn die drei wei\u00dfen Hirsche wollten ihm nicht aus dem Kopfe. In dem Waldh\u00e4uschen nahm die Frau den Diener bei Seite und lobte ihn, er habe seinem Herrn das Leben gerettet. Sie trug in ihrer Freude die k\u00f6stlichsten Speisen aller Art auf, schenkte Wein aus aller Herren L\u00e4ndern ein und dem J\u00fcngling gefiel es immer besser bei ihr.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am andern Morgen griff er wieder zur Flinte und ging in den Wald. Da sprach die Frau zu dem Diener: \u201eGeh und folge schnell deinem Herrn; wenn ihr auf den freien Waldplatz kommt, dann springen drei braune Hirsche daher, aber verh\u00fcte, dass dein Herr sie schie\u00dft, so lieb dir sein Leben ist, und verrate nicht, dass ich dir dies gesagt habe, sonst ist es um dich geschehen.\u201c Der J\u00fcngling ging ganz denselben Weg, wie Tags vorher, wie sehr auch der Diener suchte, ihn anderswohin zu f\u00fchren. Bald kamen sie auf die sch\u00f6ne Waldwiese mit dem muntern B\u00e4chlein und all den tausend V\u00f6geln. Da raschelte es wieder im Geb\u00fcsch und drei braune Hirsche mit pr\u00e4chtigem stolzem Geweih setzten quer \u00fcber die Wiese hin. Der J\u00fcngling schlug an, aber zugleich gab der Diener ihm einen Sto\u00df, dass die Kugel in die Luft pfiff. Da fuhr der J\u00fcngling zornig auf und rief: \u201eWenn du dies noch einmal wagst, dann schie\u00dfe ich dich nieder\u201c; und was der treue Diener auch sagen und wie er sich auch entschuldigen mochte, Alles half nichts, sein Herr blieb dabei. Er konnte nicht verschmerzen, dass die drei Hirsche ihm durchgegangen waren, denn sch\u00f6nere hatte er sein Leben lang nicht gesehen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Frau in dem Waldh\u00e4uschen trug heute noch viel k\u00f6stlicheres Essen auf als am Tage vorher und die guten Weine aller Art standen die H\u00fclle und F\u00fclle auf dem Tische. Zum Diener aber sprach sie heimlich, er habe seine Sache gut gemacht und sein Herr gehe einem gro\u00dfen Gl\u00fcck entgegen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als der J\u00fcngling am folgenden Morgen wieder in den Wald sprang, sprach die Frau zu dem Diener: \u201eGehe und folge deinem Herrn und lass ihn nur nicht schie\u00dfen, wenn er heute drei schwarze Hirsche auf dem Waldplatz sieht; heute ist der gef\u00e4hrlichste Tag und sein Leben h\u00e4ngt daran; verrate mich aber nicht, so dir dein Leben lieb ist.\u201c Der Diener versprach ihr es willig und eilte seinem Herrn nach. Aber heute war es ihm so traurig zu Mute, er wusste selbst nicht wie und warum; der Wald schien ihm nicht mehr so sch\u00f6n und die V\u00f6glein nicht mehr so lustig und das B\u00e4chlein nicht mehr so munter. Er versuchte wohl seinen Herrn einen andern Weg zu f\u00fchren, aber der J\u00fcngling wollte nicht, er hatte die drei Hirsche im Kopf und drohte dem treuen Diener: \u201eHeute rate ich dir aber gut, sto\u00dfe mich nicht, sonst geht es dir schlimm. \u201eAlso kamen sie an die Waldwiese und kaum standen sie da, da brachen drei schwarze Hirsche mit m\u00e4chtigem Geweih aus den B\u00fcschen und sprangen quer \u00fcber die Wiese daher. Der J\u00fcngling schlug an, da gab ihm der treue Diener einen Ruck, die Kugel sauste in den Wald und die drei Hirsche entsprangen. \u201eDas sollst du mir b\u00fc\u00dfen\u201c, schrie der J\u00fcngling und lud von Neuem. Wie sehr der treue Diener auch jammerte und um sein Leben bat, Alles half nichts, der J\u00fcngling schoss ihn in seinem Zorne nieder.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als die blasse Leiche aber so vor ihm lag, da verrauchte der Zorn bald und die Reue kam. Vergebens rief er den treuen Diener mit hundert sch\u00f6nen Namen, er weinte und rang die H\u00e4nde, er war tot und blieb tot. Da st\u00fcrzte er wild und wie ein wahnsinniger Mann durch den Wald zur\u00fcck zu dem Waldh\u00e4uschen, doch es war \u00f6d und einsam, die freundliche Frau war verschwunden. Er sattelte im Stall eins seiner Pferde, sprang darauf und ritt verzweiflungsvoll weg, wohin, das wusste er selber nicht.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Also war er in tiefster Betr\u00fcbnis Stunde an Stunde dahingesprengt auf wilden Waldwegen. Die Sonne stand im Mittag und sie ging zur R\u00fcste und der Wald wurde immer dichter; weder Dorf noch Haus war zu sehen, Hunger und noch mehr Durst qu\u00e4lten ihn. Die ganze Nacht ritt er fort bis an den Wipfeln der B\u00e4ume der Schein des Morgenrots wieder strahlte, da \u00f6ffnete sich der Wald und er kam auf eine gro\u00dfe Wiese, darauf sprang eine klare frische Quelle. Er b\u00fcckte sich zu ihr, um seinen brennenden Gaumen zu letzen und trank lange Z\u00fcge. Als er sich aber wieder erhob, da siehe standen drei wundersch\u00f6ne Jungfrauen vor ihm.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Er zog seinen Hut zum Gru\u00dfe ab, doch sie schauten ihn finster und zornig an und sprachen: \u201eDu hast in deinem b\u00f6sen Zorne dein Gl\u00fcck verscherzt und unsere Erl\u00f6sung auf lange Zeit verschoben. Jetzt w\u00e4rest du im goldnen K\u00f6nigreich, wenn du gutem Rate und freundlichen Bitten gefolgt h\u00e4ttest, nun aber musst du noch lange wandern und viel k\u00e4mpfen, bis du dahin kommen kannst.\u201c Da st\u00fcrzte der J\u00fcngling vor ihnen auf die Knie und rief voll Reue: \u201eIch will gern Alles dulden und ertragen, wenn ich nur meine Tat wieder gut machen kann, saget mir nur was ich tun soll. \u201e\u201eDas ist uns nicht gegeben\u201c, sprachen die Jungfrauen, \u201edoch wollen wir dir beistehen, so viel uns erlaubt ist. \u201e<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da gab die \u00c4lteste ihm ein Schwert, dem konnte nichts widerstehen und wer von ihm getroffen wurde, der sank tot zu Boden. Die zweite gab ihm eine B\u00f6rse, die blieb immer mit blanken Goldst\u00fccken gef\u00fcllt, wie viel man auch herausnehmen mochte. Die Jungfrau aber, welche die Sch\u00f6nste war und zu der er sogleich in Liebe entbrannte, gab ihm einen goldnen Ring, dass er ihrer nicht vergesse. Dann verschwanden sie.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Jetzt fiel dem J\u00fcngling wie ein Stein vom Herzen, er fasste sich einen frischen Muth und dachte an weiter nichts, als an das goldne K\u00f6nigreich und die drei Jungfrauen, besonders an die J\u00fcngste. Er schwang sich auf sein Pferd und ritt ruhigern Sinnes in den Wald hinein. Noch war er keine hundert Schritte weit, als er ein schreckliches Zischen und j\u00e4mmerliches Br\u00fcllen in dem Geb\u00fcsch h\u00f6rte. Er sprang darauf zu und da war es ein scheu\u00dflicher Lindwurm, der seinen langen Schweif um einen L\u00f6wen geschlagen hatte und ihm sein Gift entgegenspie. Kurz entschlossen fasste der J\u00fcngling sein Schwert und tat einen schweren Schlag, so dass er dem Lindwurm den Schweif abschlug und das abgehauene St\u00fcck fuhr mit solcher Gewalt in die B\u00e4ume hinein, dass es ganze \u00c4ste zerbrach. Mit einem zweiten Schlage traf er den Kopf des Drachen, so dass das Untier hinst\u00fcrzte und die Zunge armslang aus dem Halse streckte. Der L\u00f6we aber sch\u00fcttelte sich und sprang vor Freuden, wie ein getreuer Hund zu seinem Befreier, dr\u00fcckte seinen zottigen Kopf an ihn und suchte ihm auf jede Art seinen Dank zu beweisen, folgte ihm auch seit dem Augenblicke \u00fcberall hin. Da wuchs dem J\u00fcngling der Muth, denn nun erkannte er die Kraft seines Schwertes und er ritt heiter manche Woche lang seines Weges fort bis er endlich an das Wasser Irrewellen kam, welches so gro\u00df und breit ist, dass man sein Ende gar nicht absehen kann.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da lag am Ufer ein Schiff vor Anker und nicht weit davon stand des Schiffers Haus. Der trat heraus, gr\u00f6\u00dfte den J\u00fcngling und bot ihm Speise und Trank. Das nahm der J\u00fcngling dankbar an, denn er hatte seit vielen Tagen nur von Wurzeln und Kr\u00e4utern gelebt. Dann frug er den Schiffer, ob er nicht wisse, wo das goldne K\u00f6nigreich liege? Der Schiffer sprach: \u201eWenn ihr dahin wollt, dann seid ihr schlecht beraten; das liegt weit, weit jenseits des Wassers und der Riesenl\u00e4nder und der Weg dahin ist schwer und gef\u00e4hrlich, denn die Riesen fordern von jedem, der durch ihr Land will, eine Hand oder einen Fu\u00df als Zoll.\u201c \u201eIch f\u00fcrchte mich nicht vor den Riesen\u201c, erwiderte der J\u00fcngling, \u201ewenn ich nur in das goldne K\u00f6nigreich kommen kann. \u201e\u201eWenn ihr nicht anders wollt, dann fahre ich euch \u00fcber\u201c, sprach der Schiffer. Der J\u00fcngling trat mit seinem Pferde und dem L\u00f6wen in das Schiff, der Wind blies in die wei\u00dfen Segel und es flog \u00fcber die Wellen dahin. Bald aber verfinsterte sich der Himmel, der Sturm erhob sich und warf das Schiff auf und nieder, wie einen Spielball, so dass man jeden Augenblick meinte, es m\u00fcsse versinken, doch der J\u00fcngling behielt seinen Muth und verzagte nicht. Nach einiger Zeit lie\u00df der Sturm nach, es wurde wieder hell und heiter und das Schiff landete bei freundlichem Sonnenschein. Der J\u00fcngling lohnte dem F\u00e4hrmann reichlich dankte ihm und stieg ans Land.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Noch ehe er sich recht umschauen konnte, h\u00f6rte er einen entsetzlichen L\u00e4rm und sah drei Riesen, welche mit eisernen Stangen auf ihn zuliefen und schrien, sie m\u00fcssten seine rechte Hand zum Zoll haben. \u201eGemach, gemacht\u201c sprach der J\u00fcngling, \u201edas hat nicht so gro\u00dfe Eile\u201c und er trat ihnen fest entgegen, schwang sein Schwert und schlug in einem Hui zweien den Kopf ab, den dritten zerriss sein L\u00f6we und nahm ihn als Fr\u00fchst\u00fcck ein, aber nicht ganz, denn der Riese hatte handdickes Fett auf den Knochen und war wohl gen\u00e4hrt. Dann sprang der J\u00fcngling auf sein Pferd und ritt frohern Sinnes weiter durch Wald und Heide, Wiese und Weide, bis er wiederum an ein gro\u00dfes Wasser kam. Am Strande stand ein Haus und vor dem Hause lag ein Schiff.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Schiffer trat aus dem Hause als er den Tritt des Pferdes h\u00f6rte, gr\u00fc\u00dfte den J\u00fcngling und bot ihm Obdach und Labsal in seinem Hause an. Der J\u00fcngling nahm dies dankbar an, denn er hatte seit seinem Kampfe mit den Riesen nichts mehr genossen. Nach dem Essen frug er den Schiffer, wie das Wasser hei\u00dfe und wo das goldne K\u00f6nigreich liege? \u201eDas Wasser hei\u00dft Grausam\u201c, sprach der Schiffer, \u201eweil es alles verschlingen m\u00f6chte, was auf ihm schwimmt und schwebt. Aber wenn ihr in das goldne K\u00f6nigreich wollt, dann habt ihr schlimme Wege. Das liegt weit jenseits des Wassers und der Riesenl\u00e4nder. Die Riesen fordern aber von jedem, der durch ihr Land will, eine Hand oder einen Fu\u00df und ihrer sind viel, darum rate ich euch, bleibt lieber hier.\u201c \u201eIch frage nichts nach den Riesen und k\u00e4men sie auch zu Dutzenden\u201c, sprach der J\u00fcngling. \u201eWie ihr wollt, ich fahre euch gern \u00fcber. \u201eDa stiegen sie alle in das Schiff, der F\u00e4hrmann zog die Segel auf und der Wind blies so g\u00fcnstig, dass es eine Lust war. Er blies aber mit der Zeit immer st\u00e4rker und st\u00e4rker, der Himmel verfinsterte sich und ein schrecklicher Sturm mit heftigem Gewitter brach los. Das Wasser wurde stets wilder, die Wellen packten ordentlich das Schiff wie mit wei\u00dfen F\u00e4usten und warfen es herum, dass dem F\u00e4hrmann H\u00f6ren und Sehen verging. Aber da stellte sich der J\u00fcngling ans Steuerruder und stand fest und aufrecht da und je wilder das Wasser wurde, umso mehr Freude machte es ihm. Endlich legte sich der Sturm, die Wellen wurden immer zahmer und kleiner und zuletzt waren sie ganz still und friedlich und das Schiff glitt nur so \u00fcber sie dahin. Am Lande stieg der J\u00fcngling mit seinen Tieren aus und gab dem Schiffer \u00fcberreichen Lohn. Da sprangen sechs plumpe Riesen mit schweren Eisenstangen herbei, die schrien ihm zu, er m\u00fcsse ihnen seine linke Hand als Zoll geben, wenn er durch ihr Land wolle. \u201eSogleich sollt ihr sie haben\u201c rief der J\u00fcngling, hob sein Schwert und hui sagte es, da wussten vier von den Riesen nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand; die zwei andern nahm der L\u00f6we zum Fr\u00fchst\u00fcck und fra\u00df als ob er in acht Tagen nichts mehr bekommen sollte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Immer weiter ging nun die Reise \u00fcber Berg und Tal, bis sie an ein drittes Wasser kamen. Da lag ein m\u00e4chtig gro\u00dfes Schiff vor Anker und am Strande stand des Schiffers Haus. Der trat heraus, gr\u00fc\u00dfte den J\u00fcngling und bot ihm Obdach und Labsal. Das lie\u00df er sich gefallen, denn in den Bergen und T\u00e4lern war er keinem Wirtshaus begegnet und sein Magen knurrte. Nachdem er sich gest\u00e4rkt hatte, frug er den Schiffer, wie das Wasser hei\u00dfe und wie weit es bis zum goldnen K\u00f6nigreich sei? \u201eDas Wasser hei\u00dft das Allerschlimmste\u201c, sprach der Schiffer, \u201eweil noch kein Schiff hat hin\u00fcber fahren k\u00f6nnen. Aber wenn man auch dr\u00fcben w\u00e4re, dann hat man immer noch nicht gewonnen, denn da liegen neun Riesen, die lassen nicht mit sich spa\u00dfen; sie fordern von jedem die F\u00fc\u00dfe als Zoll, der in das goldne K\u00f6nigreich will, und mit denen wird Niemand so leicht fertig.\u201c \u201eDie Riesen k\u00fcmmern mich nicht, wenn ihr mich nur \u00fcberfahren wollt. \u201e\u201eDazu ist mir mein Schiff und mein Leben zu lieb\u201c erwiderte der Schiffer, aber als der J\u00fcngling anfing, aus der B\u00f6rse blanke Goldtaler auf den Tisch zu z\u00e4hlen, wurde der F\u00e4hrmann immer mutiger und als der Tisch vollgez\u00e4hrt lag, sprach er: \u201eNun ich will&#8217;s wagen.\u201c<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da stieg der J\u00fcngling mit seinen Tieren in das Schiff, der F\u00e4hrmann folgte und die Segel schwollen im frischen Winde. Pl\u00f6tzlich aber brach der Sturm los. Das Wasser wurde wie ganz schwarz, die Wellen gingen turmhoch und packten das Schiff, als ob sie es zermalmen wollten. Dazu zischten die Blitze, so dass der Himmel wie ein Feuermeer schien, der Donner folgte sich Schlag auf Schlag, kurz es war als solle die Welt untergehen. Der Schiffer jammerte und schrie, die Tiere wimmerten vor Angst, nur der J\u00fcngling war ruhig und kalt. Als der Schiffer zuletzt gar Alles verloren gab, als die Segel rissen, der Mast brach, und keine Rettung mehr m\u00f6glich schien, da fasste er das Steuerruder und hielt an demselben aus, bis die Wut des Sturmes sich legte, die wilden Wasser sich ebneten und die Sonne wieder hinter den Wolken hervortrat. Da lag das Riesenland vor ihnen, der J\u00fcngling beschenkte den F\u00e4hrmann noch einmal reichlich und machte sich mit seinen Tieren auf den Weg.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Er war nicht weit gegangen, da kamen die neun Riesen schon herangepoltert, schwenkten ihre dicken Eisenstangen \u00fcber den K\u00f6pfen und schrien alle durcheinander: \u201eDeine F\u00fc\u00dfe m\u00fcssen wir als Zoll haben! Her deine F\u00fc\u00dfe! Deine F\u00fc\u00dfe her!\u201c \u201eEi schreit nicht so toll, ich h\u00f6re es ja schon\u201c, rief der J\u00fcngling. \u201eWer will meine F\u00fc\u00dfe haben? \u201e\u201eWir wollen sie haben\u201c, schrien die vier Ersten und wollten \u00fcber ihn herfallen, aber hui sagte das Schwert und da waren sie alle vier m\u00e4uschenstill. Dann lief er zu den f\u00fcnf andern, die nicht so schnell gelaufen waren, hui pfiff das Schwert und da lagen wieder drei da, die zwei letzten nahm der L\u00f6we zum Mittagsbrot und fra\u00df, dass er nicht mehr von der Stelle konnte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Voller Freude schaute der J\u00fcngling um sich und da lag in der Ferne eine wundersch\u00f6ne Stadt, die strahlte und leuchtete in der Sonne wie reines Gold. Er ruhte einen Augenblick aus, dann spornte er sein Ross und sprengte auf die Stadt zu, aber je n\u00e4her er kam umso weniger konnte er den Glanz aushalten. \u201eDas muss das goldne K\u00f6nigreich sein\u201c sprach er, \u201eoder ich finde es nie\u201c, und er hatte Recht, denn es war die Hauptstadt vom goldnen K\u00f6nigreich.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als er hinein kam, suchte und fragte er zuerst nach dem K\u00f6nigsschloss; dann kehrte er in einem Wirtshaus ein, welches dem Schlosse grade gegen\u00fcber lag. Da h\u00f6rte er von dem Wirth, dass im Schlosse drei sch\u00f6ne Prinzessinnen seien, sie w\u00e4ren aber verw\u00fcnscht und k\u00f6nnten nur durch den Br\u00e4utigam der J\u00fcngsten erl\u00f6st werden; der wohne noch jenseits der drei Meere und der Riesenl\u00e4nder und es sei eine gro\u00dfe Frage, wann er komme. Der J\u00fcngling frug weiter, wie der Br\u00e4utigam die Erl\u00f6sung vollbringe, das Schloss sei ja immer geschlossen und man s\u00e4he ihm nicht an, dass ein lebendes Wesen darin wohne. Sprach der Wirth, wenn der Br\u00e4utigam im rechten Wagen und mit den rechten Pferden zu dem Schlosse fahre, dann werde es sich \u00f6ffnen, weiter wisse er nichts.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun wusste der J\u00fcngling genug, denn es war klar, dass nur er der Br\u00e4utigam sein konnte. Am folgenden Tage tat die B\u00f6rse ihre Schuldigkeit, er kaufte einen schwarzen Wagen und sechs schwarze Rosse, nahm viele Diener an und kleidete alle schwarz; also fuhr er auf das Schloss zu. Als der Wagen in die N\u00e4he des Tores kam, sprang es auf und da kam er in den gro\u00dfen Schlosshof. Der war aber \u00f6de und einsam und alle T\u00fcren und Fenster gesperrt; nur dem Thor gegen\u00fcber war ein zweites Thor, das war auch offen. Der J\u00fcngling befahl dem Kutscher hindurch zu fahren, denn er glaubte in einen zweiten Hof zu kommen, aber er fand sich auf der Stra\u00dfe und das Thor schlug hinter ihm zu.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da sah er, dass dies der rechte Wagen und die rechten Pferde nicht waren. Er kaufte sich nun einen pr\u00e4chtigen braunen Wagen mit sechs braunen Pferden, kleidete auch alle seine Diener braun und fuhr wieder auf das Schloss zu. Das gro\u00dfe Thor sprang vor dem Wagen auf und der Wagen rollte in den Schlosshof. Da war es wiederum ganz still und einsam, nur waren die Fenster alle offen, so dass man in die pr\u00e4chtigen Zimmer sehen konnte, doch die T\u00fcren blieben geschlossen und keine lebende Seele zeigte sich. Da befahl er dem Kutscher, durch das zweite Thor zu fahren und als er kaum hindurch war, schlug es hinter dem Wagen zu.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am folgenden Tage kaufte er sich einen schneeschlo\u00dfenwei\u00dfen Wagen mit sechs Schimmeln, kleidete alle seine Diener wei\u00df und fuhr also nach dem Schlosse. Da sah er von weitem schon das gro\u00dfe Thor sperrangelweit offen, auf dem Dache flatterten die Fahnen und die Kanonen schossen als er n\u00e4her kam, dass der Erdboden zitterte. Als er hinein fuhr scholl ihm Musik entgegen von Pauken und Trompeten und der ganze Hof stand voll pr\u00e4chtig gekleideter Herren und Frauen und Diener; die schlossen seinen Wagen auf und empfingen ihn ehrerbietig, um ihn ins Schloss zu f\u00fchren. Da stand an der Treppe der K\u00f6nig mit seiner Krone auf dem Haupte, drei wundersch\u00f6ne Jungfrauen zu seiner Seite. Die J\u00fcngste und sch\u00f6nste aber eilte dem J\u00fcngling entgegen und sprach: \u201eSei gegr\u00fc\u00dft, mein Erl\u00f6ser und Geliebter! \u201eSie k\u00fcssten sich und wurden zur Stunde mit einander verm\u00e4hlt und waren in treuer Liebe gl\u00fccklich ihr Leben lang.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[92,85],"tags":[],"class_list":["post-583","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-johann-wilhelm-wolf","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=583"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1348,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions\/1348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}