{"id":581,"date":"2015-11-03T22:13:55","date_gmt":"2015-11-03T21:13:55","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=581"},"modified":"2026-01-24T22:15:52","modified_gmt":"2026-01-24T21:15:52","slug":"die-goldhaarigen-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-goldhaarigen-kinder\/","title":{"rendered":"Die goldhaarigen Kinder"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus der T\u00fcrkei<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs geschah einmal, es geschah auch nicht, aber es geschah in alten Zeiten, als mein Vater noch mein Vater war, und ich meines Vaters Tochter war, damals war auf der anderen Seite der Welt, in der N\u00e4he des Teufelreiches eine gro\u00dfe Stadt. In dieser Stadt wohnten drei arme M\u00e4dchen, die Kinder eines armen Holzhackers waren. Von der Fr\u00fche bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen stickten, n\u00e4hten und webten sie in einem fort; in der Fr\u00fche ging die eine auf den Markt, verkaufte die Arbeiten und also lebten sie schlecht und recht.<\/p>\n<p>Einmal, warum und warum nicht, kurz der Padischah der Stadt erz\u00fcrnte \u00fcber die Bewohner und befahl zur Strafe, dass drei Tage und drei N\u00e4chte lang niemand in der Stadt ein Licht anz\u00fcnden d\u00fcrfe. Was sollten nun die drei Schwestern machen? Im Dunkeln konnten sie ja nicht arbeiten. Sie deckten also mit dicken Teppichen die Fenster zu, z\u00fcndeten ein L\u00e4mpchen an und sahen nach ihrer Arbeit, damit sie sich das t\u00e4gliche Brot verdienen.<\/p>\n<p>Am dritten Abende des Verbotes ging der Padischah aus, um nachzusehen, ob nicht jemand gegen das Verbot handle. Zuf\u00e4llig kam er vor das Haus der drei M\u00e4dchen und da der eine Zipfel des Teppichs im Fensterrahmen h\u00e4ngen geblieben war, bemerkte der Padischah das Licht. Die M\u00e4dchen hatten keine Ahnung davon, n\u00e4hten, stickten und sprachen von ihrer Armut.<\/p>\n<p>Die \u00c4lteste sprach: \u00bbOh, wenn mich der Padischah seinem Obermundschenken zur Frau geben w\u00fcrde, welch gute Speisen w\u00fcrde ich dann jeden Tag essen. Ich w\u00fcrde ihm daf\u00fcr einen solchen Teppich weben, auf dem alle seine Soldaten Platz h\u00e4tten.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWenn er mich,\u00ab sprach die Mittlere, \u00bbseinem Obergarderobenmeister zur Frau g\u00e4be, dann h\u00e4tte ich viele Kleider! Ich w\u00fcrde ihm daf\u00fcr ein so gro\u00dfes Zelt machen, dass alle seine Soldaten darin Platz h\u00e4tten.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWenn aber mich,\u00ab sprach die J\u00fcngste, \u00bbder Padischah zur Frau nehmen w\u00fcrde, so w\u00fcrde ich ihm zwei Kinder zur Welt bringen, die goldene Haare h\u00e4tten. Das eine w\u00e4re ein Knabe, das andere ein M\u00e4dchen; dem Knaben w\u00fcrde auf der Stirne ein Halbmond, dem M\u00e4dchen aber ein Stern gl\u00e4nzen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Padischah h\u00f6rte die Rede der drei M\u00e4dchen und kaum d\u00e4mmerte der n\u00e4chste Tag, so lie\u00df er sie zu sich in den Palast rufen. Die \u00c4lteste gab er dem Obermundschenken, die Mittlere dem Garderobenmeister und die J\u00fcngste nahm er sich zur Frau. Nun waren die drei M\u00e4dchen wohl aufgehoben. Die \u00c4lteste veranstaltete solch&#8216; reichliche Mahlzeiten, dass ihr das Teppichweben, wegen des stets vollen Magens nicht mehr behagte. Am andern Tage schickte man sie zur\u00fcck in ihre H\u00fctte. Die Mittlere kleidete sich in Silber und Gold und als sie an die Verfertigung des Zeltes gehen sollte, wollte sie sich damit nicht beschmutzen. Man schickte sie hin zu ihrer \u00e4lteren Schwester.<\/p>\n<p>Nun aber die J\u00fcngste. Die neun Monate und zehn Tage vergingen und Schmerzen kamen \u00fcber sie. Die beiden andern M\u00e4dchen besprachen sich nun, dass es eine gro\u00dfe Schande f\u00fcr sie sei, wenn die beiden Wunderkinder auf die Welt k\u00e4men. Sie versprachen also der Palasthebamme viel Geld, damit sie der Sache ein wenig zu Hilfe komme. Diese verfluchte Hebamme war eine Hexe und zu jeder b\u00f6sen Tat bereit. Sie verschaffte sich zwei junge Hunde und begab sich mit diesen zum Bette der Kranken.<\/p>\n<p>Und wahrlich, die Gattin des Padischah gebar solche zwei Kinder, die gl\u00e4nzenden Sternen glichen. Das eine war ein Knabe, das andere ein M\u00e4dchen; auf des Knaben Stirne gl\u00e4nzte ein Halbmond, auf der des M\u00e4dchens ein Stern, so dass davon selbst die Nacht hell wurde. Die b\u00f6se Hebamme aber nahm die beiden jungen Hunde, legte sie an Stelle der Kinder hin und lie\u00df dem Padischah sagen, dass die Sultansfrau Hunde geboren habe. Der Padischah ergrimmte dar\u00fcber so sehr, dass ihm das Herz beinahe in den Kopf fuhr. Er lie\u00df seine arme Gattin bis zu den Lenden in die Erde eingraben und \u00fcberall den Befehl ausrufen, das jeder Vor\u00fcbergehende sie anspeien und einen Stein auf sie werfen solle. Die Hexe aber nahm die beiden Kinder, trug sie ans Stadtende, legte sie am Flussufer nieder und kehrte vergn\u00fcgt in den Palast zur\u00fcck, als ob sie ein gutes Werk vollbracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Flusses, an dessen Ufer die beiden Kinder lagen, besa\u00df ein altes Ehepaar eine H\u00fctte. Die Alten hatten eine Ziege, die morgens auf die Weide ging, abends heimkehrte und die Alten mit Milch versah. Da bemerkte die alte Frau, dass die Ziege keine Milch mehr von sich gebe. Sie klagt dies ihrem Gatten, tr\u00e4gt ihm auf nachzusehen, wer doch die Milch der Ziege stehle. Am n\u00e4chsten Tage ging also der Alte der Ziege nach, er folgte ihr bis an den Fluss, wo er sich hinter einen Baum versteckt. Nun was erblicken seine Augen; wahrlich ihr werdet euch dar\u00fcber freuen, wenn ihr es h\u00f6rt. Die beiden goldhaarigen Kinder lagen im Grase, die Ziege trat an dieselben heran und s\u00e4ugte sie. Dann meckerte sie, verlie\u00df die Kinder und ging grasen. Der Alte freute sich dieser beiden Wunderdingerchen so sehr, dass er beinahe seinen Verstand verlor. Er hob die kleinen Wesen auf und da ihn Allah mit Kindern nicht gesegnet hatte, trug er sie in seine H\u00fctte und \u00fcbergab sie seiner Frau. Die Gattin hatte noch mehr Freude an den Kindern; Allah hatte sie ihnen geschenkt, daher pflegten und hegten sie dieselben. Bald kam die Ziege traurig meckernd heran und als man ihr die Kinder zeigte, so s\u00e4ugte sie dieselben und ging dann wieder grasen.<\/p>\n<p>Zeit kommt, Zeit vergeht und die beiden Wunderkinder wuchsen heran, liefen \u00fcber Berg und Tal und selbst der dunkle Wald ergl\u00e4nzte von ihrem Goldhaar. Sie trieben Jagd, h\u00fcteten Rinder und halfen den Alten in der Wirtschaft. Die Zeit flog dahin und die Kinder wurden gro\u00df, die beiden Alten aber schwach; die beiden Goldhaarigen erst\u00e4rkten, die Alten aber nahmen an Kraft so sehr ab, das sie eines Morgens starben. Die beiden Geschwister blieben allein zur\u00fcck. Die Armen weinten und jammerten genug, aber an der Sache konnte einmal nichts ge\u00e4ndert werden. Sie beerdigten also ihre alten Eltern und von nun an blieb das M\u00e4gdlein zu Hause bei der Ziege, w\u00e4hrend der J\u00fcngling auf die Jagd zog. Eines Tages als er im Walde jagte, erblickte ihn sein Padischah-Vater. Weder der Vater wusste, dass dies sein Sohn, noch der Sohn, dass dies sein Vater sei. Aber kaum hatte er das Wunderkind erblickt, so war&#8217;s ihm, als m\u00fcsste er es an sein Herz dr\u00fccken, und er trug seinen Leuten auf, nachzuforschen, wer der Knabe sei. Einer der Hofleute trat auch an den J\u00fcngling heran und sprach: \u00bbDu hast heute viel Wild erlegt mein Bej!\u00ab \u00bbViel Wild hat Allah erschaffen,\u00ab antwortete der J\u00fcngling, \u00bbf\u00fcr dich und auch f\u00fcr mich!\u00ab Mit diesen Worten entfernte er sich.<\/p>\n<p>Auch der Padischah kehrte in seinen Seraj zur\u00fcck, aber er war ganz krank vom Anblick dieses Wunderkindes, und als man ihn zu Hause nach der Ursache seines \u00dcbels fragte, meinte er, dass er im Walde ein solch&#8216; Wunderkind gesehen habe, von dessen Anblick er krank sei, so sehr h\u00e4tte er sich in dieses Wesen verliebt. Das Kind sei goldhaarig, besitze auf der Stirn einen Halbmond; ein solches Kind habe ihm einst seine Gattin versprochen. Die Hebamme erschrak dar\u00fcber. Sie eilte hin zum Flusse, erblickte dort die H\u00fctte und tritt in dieselbe ein. O Wunder! dort sa\u00df das goldhaarige M\u00e4dchen. Sie empfing die Hebamme freundlich und bietet ihr einen Sitzplatz an. Die Hebamme lie\u00df sich dies nicht zweimal sagen und forscht in honigs\u00fc\u00dfen Worten ob die Maid allein hier wohne? \u00bbNein M\u00fctterchen,\u00ab sprach das M\u00e4gdlein, \u00bbich habe auch einen Bruder. Am Tage geht er auf die Jagd, abends kehrt er heim.\u00ab \u00bbHast du nicht Langeweile hier allein?\u00ab fragt die Hexe. \u00bbWenn ich mich auch langweile, was soll ich machen?\u00ab antwortete das M\u00e4gdlein, \u00bbich bringe die Zeit zu, so wie ich eben kann!\u00ab \u00bbSag&#8216;, mein Diamant, liebt dich dein Bruder sehr?\u00ab forschte die Hexe, \u00bbWie sollte er seine Schwester nicht lieben?\u00ab sprach die Maid. \u00bbNun m\u00f6chte ich dir etwas sagen, meine Tochter,\u00ab begann die Alte, \u00bbaber du darfst es niemandem mitteilen. Wenn abends dein Bruder heimkehrt, beginne zu weinen und zu jammern, so wie du es nur imstande bist zu tun. Er wird dich fragen, was dir fehle, du aber gib ihm keine Antwort. Fragt er dich zum drittenmale, so sage ihm, dass du dich zu Hause furchtbar langweilst; und wenn er dich liebe, so solle er in den Garten der Feenk\u00f6nigin gehen und von dort dir einen Zweig bringen. Einen solch&#8216; sch\u00f6nen Zweig hast du nie in deinem Leben gesehen,\u00ab Die Maid versprach, dies zu tun und die Alte entfernte sich. Abends brach nun die Maid in Jammern und Weinen aus, so dass ihre Augen ganz rot waren. Ihr Bruder kehrte von der Jagd heim und konnte kaum ihr Leid erfahren. Alles m\u00f6gliche versprach ihr der J\u00fcngling und damit er den Wunsch seiner Schwester erf\u00fclle, so machte er sich denn am n\u00e4chsten Tage auf den Weg.<\/p>\n<p>Er schritt also vorw\u00e4rts, rauchte Tabak, trank Kaffee, bis er die Grenze des Feenreiches erreichte. Er gelangte an eine Ebene, wo keine Karawane wandern kann; er kam zwischen Berge, wo kein Vogel fliegen kann; er gelangte in T\u00e4ler, wo keine Schlange kriechen kann. Er setzte sein Vertrauen in Allah und schritt immer vorw\u00e4rts, bis er endlich auf eine endlose Ebene gelangte. In der Mitte derselben befand sich ein wundersch\u00f6ner Palast, am Wegrand aber sa\u00df die Teufelsmutter. Aus der rechten Brust floss \u00fcber ihre linke Schulter Blut, aus der linken Brust \u00fcber ihre rechte Schulter Eiter und ihr Mund sch\u00e4umte; so sa\u00df sie da am Wegrand und spann. Als der J\u00fcngling sie erblickte, sog er ein Bisschen aus ihrer rechten, dann aus ihrer linken Brust und sprach: \u00bbGuten Tag, M\u00fctterchen! bis zu meinem Tode soll ich dein Sohn sein!\u00ab Hierauf k\u00fcsst er ihre Hand. \u00bbAuch dir einen guten Tag, mein S\u00f6hnchen!\u00ab versetzte die Dew-Mutter, \u00bbwenn du aus meiner Brust nicht getrunken, mir die H\u00e4nde nicht gek\u00fcsst h\u00e4ttest, so h\u00e4tte ich dich sogleich gefressen, Sprich, mein S\u00f6hnchen, wohin gehst du?\u00ab Der J\u00fcngling erz\u00e4hlte ihr nun, dass er einen Zweig aus dem Garten der Feenk\u00f6nigin haben wolle. \u00bbWer hat dich dazu beredet, mein Kind?\u00ab fragte erstaunt die Alte. \u00bbHundert und hundert Talismane besch\u00fctzen diesen Garten; viele hundert Seelen gingen darob zu Grunde.\u00ab Doch der J\u00fcngling &#8211; ob Tod, ob Leben &#8211; blieb bei seinem Vorsatze. \u00bbDank es deiner in die Erde eingegrabenen unschuldigen Mutter,\u00ab sprach die Dew-Mutter. Sie hie\u00df den J\u00fcngling setzen und gab ihm Unterweisungen. \u00bbIn der Morgend\u00e4mmerung machst du dich auf den Weg und bleibst so lange nicht stehen, bis du nicht einen Brunnen und einen Wald erreichst. In diesem Walde nimm deine Pfeile hervor, fange lebendig f\u00fcnf bis zehn V\u00f6gel ab und spie\u00dfe sie an den Brunnen; sprich vorher zwei Gebete und wirf dann die V\u00f6gel in den Brunnen, indem du dabei die Schl\u00fcssel begehrst. Hierauf wird man dir aus dem Brunnen einen Schl\u00fcssel hinaufwerfen, den steck&#8216; zu dir und gehe weiter. Du wirst nun zu einer gro\u00dfen H\u00f6hle gelangen, \u00f6ffne ihre T\u00fcre mit dem Schl\u00fcssel und sobald du eintrittst, strecke im Finstern deine rechte Hand aus, ergreife das, was dir in die Hand f\u00e4llt, worauf du rasch umkehren und den Schl\u00fcssel in den Brunnen zur\u00fcckzuwerfen hast. Aber blicke nicht hinter dich, sonst mag nur Allah deiner Seele sich erbarmen.\u00ab<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tage fr\u00fch morgens machte sich der J\u00fcngling auf den Weg, fing f\u00fcnf bis zehn V\u00f6gel ab, verschaffte sich den Schl\u00fcssel, \u00f6ffnete die T\u00fcre der H\u00f6hle und streckte seine rechte Hand aus; er ergriff nun etwas und ohne nach r\u00fcckw\u00e4rts zu sehen, bestieg er sein Ross und kehrte heim zu seiner Schwester. Erst dort betrachtete er das, was sich in seiner Hand befand. Es war nicht mehr und nicht weniger, als ein Zweig aus dem Garten der Feenk\u00f6nigin. Aber was f\u00fcr ein Zweig war das! Er war voll kleiner Zweiglein, jedes Zweiglein voll Bl\u00e4tter; auf jedem Blatt ein Vogel und jeder Vogel hatte eine andere Stimme. Das war nun ein Singen, ein Zwitschern, dass wer es h\u00f6rte, davon ganz hingerissen ward. Freilich herrschte dar\u00fcber gro\u00dfe Freude im Hause.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tage ging der J\u00fcngling wieder auf die Jagd und als er eben das Wild jagte, erblickte ihn der Padischah. Er wechselte einige Worte mit ihm, ging dann in seinen Palast und ward noch kranker. Die Hebamme eilte nun wieder in&#8217;s Haus des M\u00e4gdlein und erblickte dort den Zweig in der Hand der Maid. \u00bbNa, meine Tochter,\u00ab begann die Hebamme, \u00bbhabe ich es dir nicht gesagt? Aber dies ist noch nichts. Wenn er dir den Spiegel der Feenk\u00f6nigin holen w\u00fcrde, dann bei Gott! n\u00e4hmest du den Zweig nicht mehr in die Hand. Weine also, bis du es um den Zweig getan hast\u00ab Die Hexe war kaum weggegangen, als die Maid zu weinen begann, so dass ihr Bruder sie kaum zu tr\u00f6sten vermochte. Er ging also fort und zwar schnurstracks zur Mutter der Teufel und jammerte so sehr wegen des Spiegels, dass ihm die Dew-Frau nicht widerstehen konnte.<\/p>\n<p>\u00bbDanke es deiner in die Erde eingegrabenen unschuldigen Mutter,\u00ab sagte das M\u00fctterchen, \u00bbsonst w\u00e4ren alle deine Seelen, bes\u00e4\u00dfest du auch deren tausend, dort zu Grunde gegangen.\u00ab Sie unterrichtete nun ihren Sohn, was er machen solle und entlie\u00df ihn dann. Er nahm seinen Eisenstab in die Hand, zog Eisenschuhe an und wie es ihm die Dew-Frau vorausgesagt hatte, gelangte er zu den beiden Toren Das eine war offen, das andere abgesperrt. Er schloss das ge\u00f6ffnete ab, sperrte das geschlossene auf und trat ein. Dort befand sich noch ein Tor, vor demselben ein L\u00f6we und ein Schaf; vor dem Schafe lag Fleisch, vor dem L\u00f6wen Gras. Er legte Fleisch vor den L\u00f6wen hin, das Gras aber vor das Schaf und ging ungehindert weiter. Aber da stand ein drittes Tor, vor demselben zwei \u00d6fen; in dem einen brannte Feuer, im andern war die Glut erloschen. Das Feuer des einen l\u00f6schte er aus und entfachte die Glut des anderen und ging nun durch&#8217;s Tor durch in den Feengarten, aus dem Garten in den Feenpalast. Er nahm den Zauberspiegel und als er davon eilte, schrie man ihm so laut nach, dass Himmel und Erde davon erzitterte. \u00bbBrennender \u00d6fen ergreif&#8216; ihn!\u00ab rief man aus dem Palaste, als er am \u00d6fen vorbei lief \u00bbIch nicht,\u00ab antwortete der \u00d6fen, \u00bbwenn er mich nicht ausl\u00f6scht, so brenne ich auch jetzt noch.\u00ab Der andere \u00d6fen wollte ihn auch nicht ergreifen, weil er sein Feuer dem J\u00fcngling zu verdanken hatte.<\/p>\n<p>\u00bbL\u00f6we, zerrei\u00df&#8216; ihn!\u00ab rief man aus dem Palaste, als er an den Tieren vor\u00fcber schritt \u00bbIch nicht,\u00ab antwortete der L\u00f6we, \u00bbdurch ihn gelangte ich zu Fleisch.\u00ab Auch das Schaf wollte ihn nicht ergreifen, denn er hatte ihm zu Gras verholfen. \u00bbOffenes Tor, nicht lass ihn hinaus!\u00ab rief man nun. \u00bbWie sollte ich ihn nicht hinauslassen!\u00ab sprach das Tor, \u00bbwenn er mich nicht absperrt, so stehe ich noch immer ge\u00f6ffnet.\u00ab Das gesperrte Tor \u00f6ffnete sich vor ihm und bald war er daheim bei seiner goldhaarigen Schwester. Sie blickten nun in den Spiegel und sahen darin die ganze Welt. Der Maid fiel nun der Feenzweig gar nicht ein, sie blickte nur in den Spiegel hinein.<\/p>\n<p>Wieder ging nun der J\u00fcngling auf die Jagd und kam dem Padischah zu Gesicht. Und beim dritten Mal erkrankte er so sehr in Liebe zum J\u00fcngling, dass man ihn halbtot in den Palast trug. Wieder erf\u00e4hrt es die Hexe. Schnell l\u00e4uft sie zum M\u00e4gdlein und spricht ihr zu, dass sie so lange ihrem Bruder keine Ruhe geben solle, bis dieser die Feenk\u00f6nigin ihr nicht bringe. \u00bbHierbei wird er sich doch das Genick brechen,\u00ab dachte sich die Hexe. Die Maid freute sich schon im Vorhinein der sch\u00f6nen Fee und konnte kaum die Ankunft ihres Bruders erwarten. Tr\u00e4nen entstr\u00f6mten ihren Augen, als endlich ihr Bruder heimkehrte, als ob Regen den Wolken entgleiten w\u00fcrde. Vergebens sagt ihr der J\u00fcngling, dass der Weg weit und gefahrvoll sei; vergebens, das M\u00e4dchen will die Feenk\u00f6nigin haben.<\/p>\n<p>Er machte sich also wieder auf den Weg, suchte die Teufelsfrau auf, dr\u00fcckte ihr die Hand, k\u00fcsste ihre F\u00fc\u00dfe, dr\u00fcckte ihren Fu\u00df und ihre Hand, damit sie noch einmal in der Not helfe. Die Frau bewunderte seine K\u00fchnheit und sucht ihn von seinem Vorhaben abzuwenden, denn er habe ja nicht so viele Seelen, als dort zu Grunde gehen k\u00f6nnten. \u00bbNein, mein M\u00fctterchen,\u00ab sprach der J\u00fcngling, \u00bbwenn ich sterben muss, so sterbe ich, aber ohne sie kehre ich nicht zur\u00fcck!\u00ab<\/p>\n<p>Was sollte nun die Dew-Frau machen; sie beschrieb ihm also wieder den Weg. \u00bbAuf dem Wege gehe vorw\u00e4rts, auf dem du den Zweig gefunden hast, und auch auf dem, auf welchem du zu dem Spiegel gelangt bist. Dann kommst du auf eine gro\u00dfe Ebene, aber blicke weder nach rechts, noch nach links, sondern schreite stets nur vorw\u00e4rts in der Dunkelheit. Wenn es dann bald hell wird, so wirst du einen Zypressenwald erblicken, im Walde einen gro\u00dfen Friedhof, wo alle in Steine verwandelt liegen, die sich nach der Feenk\u00f6nigin gesehnt haben. Auch hier sollst du nicht stehen bleiben, sondern gehe zum Palaste der K\u00f6nigin und rufe, so kr\u00e4ftig du nur imstande bist, ihren Namen. Was nun mit dir dann geschehen wird, das wei\u00df ich selber nicht!\u00ab<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tage machte sich der J\u00fcngling auf den Weg, betete beim Brunnen, trat durch die Tore ein, und weder rechts, noch nach links blickend, schritt er vorw\u00e4rts. Auf einmal ward es ganz hell um ihn, ein gro\u00dfer Zypressenwald breitete sich vor ihm aus, dessen St\u00e4mme bis zum Himmel reichten und deren Wipfel auf Grabsteine sich nieder senkten Es war kein Friedhof, sondern nur in Steine verwandelte Menschen ohne Zahl. Weder ein Ton ward vernehmbar, noch ein Geist oder ein Mensch zu sehen, so dass den J\u00fcngling Gruseln befiel; aber er nahm seinen Mut zusammen und setzte seinen Weg fort.<\/p>\n<p>Als er nun vorw\u00e4rts blickte, so flimmerte es vor seinen Augen, denn Sonnenlicht strahlte ihm aus einem Palast entgegen. Er nahm den Rest seiner Kraft zusammen und als er den Namen der Feenk\u00f6nigin rief, erstarb der Ton auf seinen Lippen und bis zu den Knien ward sein Leib zu Stein. Er rief noch ein Mal und ward nun bis zum Nabel Stein; er rief nun noch zum letzten Mal und ward dann zu Stein vom Nabel bis zur Kehle, von da bis zum Kopfe, gleich den \u00fcbrigen Grabsteinen.<\/p>\n<p>Aber siehe da! die Feenk\u00f6nigin lief in ihren silbernen Schuhen herbei und hatte einen goldenen Napf in der Hand, mit dem sie in den Garten des Palastes eilte, dort aus einem diamantenen Beh\u00e4lter Wasser sch\u00f6pfte und den J\u00fcngling damit besprengend, ihn zum Leben erweckte. \u00bbNa, du junger Geselle,\u00ab sprach die Feenk\u00f6nigin, \u00bbwar es nicht genug, dass du meinen Feenzweig, dann meinen Spiegel weggetragen hast; du kommst gar zum dritten Male her? Danke es deiner in die Erde eingegrabenen unschuldigen Mutter, sonst w\u00e4rst du in Stein verwandelt hier geblieben. Sprich, was suchst du hier?\u00ab \u00bbIch bin gekommen, dich wegzuf\u00fchren,\u00ab sprach mutig der J\u00fcngling. \u00bbWeil du soviel wegen mir gelitten hast,\u00ab sprach die Fee, \u00bbso gehen wir denn.\u00ab<\/p>\n<p>Der J\u00fcngling w\u00fcnschte nun, dass sie alle die in Steine verwandelten Menschen wieder ins Leben zur\u00fcckrufe. Die Fee ging also in ihren Palast, packte ihre leichten, aber kostbaren Sch\u00e4tze zusammen, sattelte zwei Rosse, sch\u00f6pfte in den goldenen Napf Wasser und kaum dass sie damit die Steine besprengte, so erwachten alle zu neuem Leben.<\/p>\n<p>Sie setzten sich nun auf die Rosse und als sie das Feenland verlie\u00dfen, so erzitterte unter ihnen die Erde so sehr, der Himmel erdr\u00f6hnte so laut, dass der siebente Himmel zur ersten Erde, die siebente Erde zum ersten Himmel ward und wenn die Fee nicht neben dem J\u00fcngling gewesen w\u00e4re, so w\u00e4re er vor Schreck gestorben. Sie blickten nicht nach vorw\u00e4rts, sondern eilten ins Haus der Schwester. Nun hatte der J\u00fcngling nicht so bald Lust zur Jagd, sondern \u00bbich bin dein, du bist mein!\u00ab er tauschte Herz f\u00fcr Herz mit der sch\u00f6nen Fee ein.<\/p>\n<p>Die Fee wusste die Geschichte der Kinder und ihrer Mutter; sie bedauerte das Schicksal der Mutter und sprach eines Tages zum J\u00fcngling: \u00bbGeh in den Wald auf die Jagd und wenn du den Padischah antriffst, und er dich in seinen Palast einladet, so nimm die Einladung an!\u00ab So geschah es denn auch; kaum dass er den Wald erreichte, so stand der Padischah schon vor ihm und lud ihn zu sich in den Palast.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tage weckte die Fee die Kinder auf, klatschte in ihre H\u00e4nde und rief ihren Lala herbei. Es erschien ein Araber, dessen eine Lippe den Himmel, die andere die Erde fegte, und frug: \u00bbWas befiehlst du, Herrin?\u00ab \u00bbBring das Ross meines Vaters her,\u00ab befahl die Fee. Der Araber verschwand windschnell und nach einem Augenblick erschien ein Ross, dem keines auf der Welt glich. Der J\u00fcngling sprang auf das Ross und sieh da! am Wege harrte schon seiner das Geleite des Padischah.<\/p>\n<p>Aber Effendi, verzeihe meine S\u00fcnde, beinahe h\u00e4tte ich das Beste vergessen! Die Fee trug auch das dem J\u00fcngling auf, dass sobald er sich im Palaste befinde und sein Ross wiehere, er schleunigst zur\u00fcckkehre und den Padischah auf den dritt folgenden Tag zu sich einlade.<\/p>\n<p>Der J\u00fcngling sprengte also auf dem Prachtrosse dahin, gefolgt vom pr\u00e4chtigen Geleite und gelangte rechts und links gr\u00fc\u00dfend in den von Pracht strahlenden Palast. Sie a\u00dfen und tranken und unterhielten sich; der Padischah war au\u00dfer sich vor Freude, als aber dass Ross wieherte, erhob sich der J\u00fcngling und wie man ihn auch zum Bleiben n\u00f6tigte, er gab nicht nach, sprang auf das Ross und kehrte heim zu seiner Schwester.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte die Fee die Mutter der Kinder ausgraben lassen und mit ihren Zaubermitteln so hergestellt, dass sie so aussah wie in ihren M\u00e4dchenjahren. Aber sie erw\u00e4hnte weder die Kinder der Mutter, noch die Mutter den Kindern. Am Tage des Gastempfangs standen sie zeitig auf, blickten hinaus und sahen nun an der Stelle der H\u00fctte einen prachtvollen Palast stehen, wie solchen noch kein Auge gesehen, kein Ohr von einem solchen je geh\u00f6rt hatte; was das Land an Edelsteinen besa\u00df, alle waren dort am Palaste. Und erst der Garten des Palastes, die wundervollen Blumen mit den wunderbar singenden V\u00f6geln, die alle ein anderes Gefieder hatten, und ach, erst die vielen Lauben. Und dann die vielen Palastleute, die schwarzen Diener des Harems, die wei\u00dfen Sklavinnen der M\u00e4nner, die Schauspieler, Musikanten und S\u00e4nger, z\u00e4hl&#8216; sie alle her, wenn du es imstande bist. Und noch das Feengeleite, das den Padischah zu empfangen auszog, wer k\u00f6nnte das Alles erz\u00e4hlen<\/p>\n<p>\u00bbDas ist kein menschgeborenes Kind\u00ab sagten die Leute des Padischah, als sie diese Wunderdinge sahen; \u00bbwenn es aber ein Wunderkind ist, so hat es eine Feenschaar in seinen Diensten.\u00ab In das sch\u00f6nste Gemach des Palastes f\u00fchrte man den Padischah; brachte Kaffee, Scherbet herbei; dann begann die Musik zu spielen und die zahllosen V\u00f6gel zu singen. Darauf holt man die unz\u00e4hligen Speisen herbei, die teuren S\u00fc\u00dfigkeiten; nun erscholl abermals Musik; Schauspieler und Gaukler traten auf und bis sp\u00e4t abends gab es immer etwas Neues.<\/p>\n<p>Abends kam man um den Padischah damit er in den Harem gehe. Er trat ein und erblickte den goldhaarigen J\u00fcngling mit dem Halbmond auf der Stirne, dann dessen Braut die Feenk\u00f6nigin; und seine in die Erde eingegrabene Gattin mit ihrer goldhaarigen Tochter, auf deren Stirne ein Stern gl\u00e4nzte. Sie liefen zum Padischah, der wie versteinert da stand, k\u00fcssten den Saum seines Gewandes und die Fee begann hierauf die ganze Geschichte von Anfang bis Ende zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Wahrlich es fehlte nicht viel dazu, dass der Padischah vor Freude starb. Er traute kaum seinen Augen, druckte alle an sein Herz, seine Kinder, seine Gattin, die Feenk\u00f6nigin. Den beiden Schwestern der Sultansfrau verzieh er, aber die Hexe lie\u00df er schonungslos umbringen. Er und seine Gattin, sein Sohn und die Feenk\u00f6nigin hielten zugleich ihre Hochzeit ab. Vierzig Tage und vierzig N\u00e4chte dauerte dieselbe mit Allah&#8217;s Erlaubnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus der T\u00fcrkei<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,140,133],"tags":[],"class_list":["post-581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-tuerkei","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=581"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":582,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions\/582"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}