{"id":5807,"date":"2026-04-09T15:46:02","date_gmt":"2026-04-09T13:46:02","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5807"},"modified":"2026-04-09T15:46:03","modified_gmt":"2026-04-09T13:46:03","slug":"holger-danske-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/holger-danske-2\/","title":{"rendered":"Holger Danske"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Holger Danske<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hans Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es gibt in D\u00e4nemark ein altes Schloss, das Kronborg hei\u00dft. Das h\u00e4lt am \u00d6resund Wacht, wo die gro\u00dfen Schiffe Tag f\u00fcr Tag zu hunderten vorbeisegeln, englische, russische und preu\u00dfische; die gr\u00fc\u00dfen mit Kanonen zu dem alten Schloss her\u00fcber: &#8222;Bum.&#8220; und das Schloss antwortet mit Kanonen: &#8222;Bum.&#8220; Denn so sagen die Kanonen &#8222;Guten Tag&#8220; und &#8222;Sch\u00f6nen Dank.&#8220; Im Winter segeln keine Schiffe vorbei, dann liegt bis zum schwedischen Land hin\u00fcber alles mit Eis bedeckt. Die Wasserstra\u00dfe ist gleichsam eine Landstra\u00dfe geworden; da weht die d\u00e4nische Flagge und die schwedische Flagge, und das d\u00e4nische und das schwedische Volk sagt einander: &#8222;Guten Tag.&#8220; und &#8222;Sch\u00f6nen Dank&#8220; aber nicht mit Kanonen, nein, mit freundlichem Handschlag, und der eine holt Weizenbrot und Brezeln bei dem andern; denn fremde Kost mundet am besten. Aber das Pr\u00e4chtigste ist doch das alte Kronborg, und dort unten, in dem tiefen finstern Keller, wohin niemand kommt, sitzt Holger Danske. Er ist in Eisen und Stahl gekleidet und st\u00fctzt sein Haupt auf die starken Arme. Sein langer Bart h\u00e4ngt \u00fcber den Marmortisch hinaus und ist darin festgewachsen. Er schl\u00e4ft und tr\u00e4umt; aber im Traume sieht er alles, was oben in D\u00e4nemark geschieht. Jeden Weihnachtsabend kommt ein Engel Gottes und sagt ihm, dass es richtig sei, was er getr\u00e4umt habe, und dass er ruhig weiterschlafen k\u00f6nne, denn noch befinde sich D\u00e4nemark in keiner wirklichen Gefahr. Ger\u00e4t es aber in Gefahr, dann wird der alte Holger Danske sich erheben, dass der Tisch berstet, wenn er den Bart herauszieht. Dann tritt er hervor und schl\u00e4gt mit seinem Schwert an den Schild, dass es \u00fcber alle L\u00e4nder der Erde t\u00f6nt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles dies von Holger Danske erz\u00e4hlte ein alter Gro\u00dfvater, der bei seinem Enkel sa\u00df, und der kleine Knabe wusste, dass es wahr sei, was der Gro\u00dfvater erz\u00e4hlte. W\u00e4hrend der Alte sa\u00df und erz\u00e4hlte, schnitzte er an einem gro\u00dfen Holzbilde, das Holger Danske vorstellen und den Bug eines Schiffes zieren sollte; denn der alte Gro\u00dfvater war Bildschnitzer. Das ist so ein Mann, der die Galionsfiguren ausschneidet, nach denen das Schiff benannt wird. Hier hatte er nun Holger Danske ausgeschnitten. Hoch und stolz stand er mit seinem langen Barte und hielt in der einen Hand das breite Schlachtschwert; mit der anderen st\u00fctzte er sich auf das d\u00e4nische Wappen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der alte Gro\u00dfvater erz\u00e4hlte soviel von ber\u00fchmten d\u00e4nischen M\u00e4nnern und Frauen, dass es dem kleinen Enkelsohn zuletzt vorkam, als ob er nun ebensoviel wisse, wie Holger Danske wissen k\u00f6nne, der ja nur davon tr\u00e4umte. Und als der Kleine in sein Bett kam, dachte er soviel daran, dass er schlie\u00dflich sein Kinn an die Bettdecke dr\u00fcckte und glaubte, nun habe er einen langen Bart, der darin festgewachsen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Gro\u00dfvater aber blieb bei seiner Arbeit sitzen und schnitzte den letzten Teil daran fertig; das war das d\u00e4nische Wappen. Als das Ganze fertig dastand und er es betrachtete, dachte er an alles, was er gelesen und geh\u00f6rt hatte, und was er heute abend dem kleinen Knaben erz\u00e4hlt hatte; und er nickte, trocknete seine Brille ab, setzte sie wieder auf und sagte: &#8222;Ja, zu meiner Zeit kehrt Holger Danske wohl nicht wieder. Aber der Knabe dort im Bette bekommt ihn vielleicht zu sehen und ist dabei, wenn es wirklich gilt.&#8220; Und der alte Gro\u00dfvater nickte, und je l\u00e4nger er seinen Holger Danske ansah, desto deutlicher wurde ihm bewusst, dass er da ein gutes Bild gemacht habe. Es schien sich mit Farbe zu erf\u00fcllen, der Harnisch ergl\u00e4nzte wie Eisen und Stahl, die Herzen im d\u00e4nischen Wappen wurden rot und r\u00f6ter, und die L\u00f6wen mit den goldenen Kronen sprangen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist doch das pr\u00e4chtigste Wappen, das man in der Welt hat&#8220; sagte der Alte. &#8222;Die L\u00f6wen sind die St\u00e4rke und die Herzen die Milde und Liebe.&#8220; Und er blickte auf den obersten L\u00f6wen und dachte an K\u00f6nig Knud, der das m\u00e4chtige Engelland an D\u00e4nemarks K\u00f6nigsstuhl fesselte; und er sah auf den zweiten L\u00f6wen und dachte an Waldemar, der D\u00e4nemark einigte und die wendischen Lande bezwang; er sah auf den dritten L\u00f6wen und dachte an Margarethe, die D\u00e4nemark, Schweden und Norwegen verband. Aber als er auf die roten Herzen sah, leuchteten sie noch st\u00e4rker als zuvor; sie wurden zu roten Flammen, die sich fortbewegten, und seine Gedanken folgten ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Flamme f\u00fchrte ihn in ein enges, d\u00fcsteres Gef\u00e4ngnis; dort sa\u00df eine Gefangene, ein herrliches Weib, Christians des Vierten Tochter: Eleonore Ulfeld. Und die Flamme setzte sich einer Rose gleich auf ihre Brust und bl\u00fchte zugleich mit ihrem Herzen leuchtend empor, dem Herzen der edelsten und besten aller d\u00e4nischen Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, das ist ein Herz in D\u00e4nemarks Wappen&#8220; sagte der alte Gro\u00dfvater.<\/p>\n\n\n\n<p>Und seine Gedanken folgten der zweiten Flamme, die ihn aufs Meer hinaus f\u00fchrte, wo die Kanonen donnerten, und wo Schiffe in Rauch geh\u00fcllt lagen. Und die Flamme heftete sich wie ein Ordensband auf Hitfeldts Brust, als er zur Rettung der Flotte sich und sein Schiff in die Luft sprengte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Flamme f\u00fchrte ihn zu Gr\u00f6nlands elenden H\u00fctten, wo der Prediger Hans Egede mit Liebe in Wort und Werk stand. Die Flamme leuchtete gleich einem Stern auf seiner Brust, ein Herz zum d\u00e4nischen Wappen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und des alten Gro\u00dfvaters Gedanken gingen der schwebenden Flamme voran, denn sie wussten, wo die Flamme hinwollte. In der \u00e4rmlichen Stube der Bauernfrau stand Friedrich der Sechste und schrieb seinen Namen mit Kreide an einen Balken. Die Flamme auf seiner Brust bebte in seinem Herzen. In dieser Bauernstube wurde sein Herz ein Herz in D\u00e4nemarks Wappen. Der alte Gro\u00dfvater trocknete seine Augen, denn er hatte K\u00f6nig Friedrich mit dem silberwei\u00dfen Haar und den treuen blauen Augen gekannt und f\u00fcr ihn gelebt, und er faltete seine H\u00e4nde und blickte still vor sich hin. Da kam des alten Gro\u00dfvaters Schwiegertochter und sagte, es sei schon sp\u00e4t, nun solle er ruhen, denn der Abendtisch sei gedeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber sch\u00f6n ist es geworden, was Du da gemacht hast, Gro\u00dfvater!&#8220; sagte sie. &#8222;Holger Danske und unser ganzes altes Wappen! Mir ist gerade, als h\u00e4tte ich sein Gesicht schon fr\u00fcher gesehen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, das hast Du wohl nicht gesehen!&#8220; sagte der alte Gro\u00dfvater, &#8222;aber ich habe es gesehen, und ich habe mich bem\u00fcht, es ins Holz zu schneiden, so wie es mir noch vor Augen schwebt. Es war damals, als die Engl\u00e4nder auf der Reede lagen, am zweiten April, und wo wir bewiesen haben, dass wir noch die alten D\u00e4nen sind! Auf dem Schiff &#8222;D\u00e4nemark&#8220;, wo ich in Steen Billes Bataillon stand, hatte ich einen Mann zur Seite: es war als ob die Kugeln ihm auswichen! Lustig sang er alte Weisen und schoss und k\u00e4mpfte, als sei er mehr als ein Mensch. Ich sehe noch immer sein Antlitz vor mir; aber woher er kam, wohin er ging, wei\u00df ich nicht, wei\u00df niemand. Ich habe oft gedacht, es m\u00fcsse wohl der alte Holger Danske selbst gewesen sein, der von Kronborg herabgeschwommen war, um uns zur Stunde der Gefahr beizustehen. Das war mein Gedanke, und dort steht sein Bild.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das warf seinen gro\u00dfen Schatten \u00fcber die Wand bis an die Decke, ja selbst ein St\u00fcck dar\u00fcber hinweg; es sah aus, als sei es der wirkliche Holger Danske, der dahinter stehe, denn der Schatten bewegte sich; das konnte aber auch daran liegen, dass die Lichtflamme nicht ruhig brannte. Und die Schwiegertochter k\u00fcsste den alten Gro\u00dfvater und f\u00fchrte ihn zu dem gro\u00dfen Lehnstuhl, der am Tische stand, und sie und ihr Mann, der ja des alten Gro\u00dfvaters Sohn und der Vater des kleinen Knaben war, der nun im Bette lag, setzten sich auch und a\u00dfen ihre Abendmahlzeit. Und der alte Gro\u00dfvater sprach von den d\u00e4nischen L\u00f6wen und den d\u00e4nischen Herzen, von der St\u00e4rke und der Milde, und bedeutsam erkl\u00e4rte er, dass es noch eine anders geartete St\u00e4rke g\u00e4be, als die im Schwerte liegende, und er wies auf das B\u00fccherbrett, wo alte&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/holger-danske.htm#\">&nbsp;B\u00fccher<\/a>&nbsp;lagen, alle Kom\u00f6dien von Holberg, die so oft schon gelesen worden waren; denn sie waren so erg\u00f6tzlich, dass man meinen konnte, alle Leute darin von fr\u00fcheren Zeiten her zu kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sieh, der hat auch dreinzuschlagen verstanden!&#8220; sagte der alte Gro\u00dfvater. &#8222;Er hat das Rohe und Beschr\u00e4nkte im Volke gegei\u00dfelt, so lange er konnte!&#8220; Und der alte Gro\u00dfvater nickte zum Spiegel hin\u00fcber, wo der Kalender mit dem Runden Turm stand, und er sagte: &#8222;Tycho Brahe, das war auch einer, der das Schwert brauchte, nicht um in Fleisch und Bein zu hauen, sondern um den deutlicheren Weg zwischen den Sternen des Himmels&#8220; zu bahnen. &#8211; Und dann er, dessen Vater meinem Handwerk zugeh\u00f6rte, des alten Bildschnitzers Sohn, er, den wir selbst gesehen haben mit seinem wei\u00dfen Haar und den starken Schultern, er, dessen Name in allen L\u00e4ndern der Welt genannt wird. Ja, er konnte hauen; ich kann nur schnitzen! Ja, Holger Danske kann auf vielen Wegen kommen, so dass in allen L\u00e4ndern D\u00e4nemarks Lob widerhallt! Wollen wir ein Glas auf Bertel Torwaldsens Wohl leeren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der kleine Knabe im Bette sah deutlich das alte Kronborg und den \u00d6resund, den wirklichen Holger Danske, der tief unter der Erde sa\u00df, den Bart im Marmortische festgewachsen, und von allem tr\u00e4umte, was hier oben geschieht. Holger Danske tr\u00e4umte auch von der kleinen, \u00e4rmlichen Stube, wo der Bildschnitzer sa\u00df; er h\u00f6rte alles, was gesprochen wurde, nickte im Traume und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, mein d\u00e4nisches Volk, denkt nur an mich. Behaltet mich in Erinnerung. Ich komme in der Stunde der Not.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und drau\u00dfen vor Kronborg leuchtete der klare Tag, und der Wind trug die T\u00f6ne des Waldhorns vom Nachbarlande her\u00fcber, die Schiffe segelten vorbei und gr\u00fc\u00dften: &#8222;Bum, Bum,&#8220; und von Kronborg antwortete es: &#8222;Bum, Bum,&#8220; Aber Holger Danske erwachte nicht, so stark sie auch schossen, denn es hie\u00df ja nur: &#8222;Guten Tag.&#8220; &#8211; &#8222;Sch\u00f6nen Dank.&#8220; Da muss anders geschossen werden, wenn er erwachen soll. Aber er erwacht sicher einmal, denn seine Kraft schlummert nur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holger Danske Hans Christian Andersen Es gibt in D\u00e4nemark ein altes Schloss, das Kronborg hei\u00dft. 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