{"id":5803,"date":"2026-04-09T15:39:24","date_gmt":"2026-04-09T13:39:24","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5803"},"modified":"2026-04-09T15:39:24","modified_gmt":"2026-04-09T13:39:24","slug":"jorinde-und-joringel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/jorinde-und-joringel\/","title":{"rendered":"Jorinde und Joringel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Jorinde und Joringel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein altes Schloss mitten in einem gro\u00dfen, dicken Wald, darin nen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die V\u00f6gel herbeilocken, und dann schlachtete sie&#8217;s, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloss nahe war, so musste er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach. Wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher K\u00fcrbe mit so raren V\u00f6geln im Schlosse.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war einmal eine Jungfrau, die hie\u00df Jorinde; sie war sch\u00f6ner als alle anderen M\u00e4dchen. Die und dann ein gar sch\u00f6ner J\u00fcngling, namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr gr\u00f6\u00dftes Vergn\u00fcgen eins am andern. Damit sie nun einmal vertraut zu sammen reden k\u00f6nnten, gingen sie in den Wald spazieren. &#8222;H\u00fcte dich&#8220;, sagte Joringel, &#8222;dass du nicht so nahe ans Schloss kommst.&#8220; Es war ein sch\u00f6ner Abend, die Sonne schien zwischen den St\u00e4mmen der B\u00e4ume ins dunkle Gr\u00fcn des Waldes, und die Turteltaube sang kl\u00e4glich auf den alten Maibuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jorinde weinte, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte; Joringel klagte auch. Sie waren so best\u00fcrzt, als wenn sie h\u00e4tten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre und wussten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne \u00fcber dem Berg, und halb war sie unter. Joringel sah durchs Geb\u00fcsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde todbang. Jorinde sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Mein V\u00f6glein mit dem Ringlein rot<br>Singt Leide, Leide, Leide:<br>Es singt dem T\u00e4ubelein seinen Tod,<br>Singt Leide, Lei &#8211; zuck\u00fcht, zick\u00fcth, zick\u00fcth.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang: &#8222;Zick\u00fcth, zick\u00fcth.&#8220; Eine Nachteule mit gl\u00fchenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal: &#8222;Schu, hu, hu, hu.&#8220; Joringel konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fu\u00df regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte, krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager; gro\u00dfe, rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das alte Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: &#8222;Gr\u00fc\u00df&#8216; dich, Zachiel, wenn&#8217;s M\u00fcndel ins K\u00f6rbel scheint, bind&#8216; los, Zachiel, zu guter Stund.&#8220; Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat, sie m\u00f6chte ihm seine Jorinde wieder geben, aber sie sagte, er sollte sie nie wiederhaben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. &#8222;Uu, was soll mir geschehen?&#8220; Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da h\u00fctete er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloss herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich tr\u00e4umte er einmal des Nachts, er f\u00e4nde eine blutrote Blume, in deren Mitte eine sch\u00f6ne Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse; alles, was er mit der Blume ber\u00fchrte, ward von der Zauberei frei; auch tr\u00e4umte er, er h\u00e4tte seine Jorinde dadurch wiederbekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume f\u00e4nde; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen fr\u00fch. In der Mitte war ein gro\u00dfer Tautropfen, so gro\u00df wie die sch\u00f6nste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloss. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloss kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, ber\u00fchrte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen V\u00f6gel vern\u00e4hme; endlich h\u00f6rte er&#8217;s. Er ging und fand den Saal, darin war die Zauberin und f\u00fctterte die V\u00f6gel in den siebentausend K\u00f6rben. Wie sie den Joringel sah, ward sie b\u00f6s, sehr b\u00f6s, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging, besah die K\u00f6rbe mit den V\u00f6geln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkte er, dass die Alte heimlich ein K\u00f6rbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der T\u00fcre ging. Flugs sprang er hinzu, ber\u00fchrte das K\u00f6rbchen mit der Blume und auch das alte Weib; nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefasst, so sch\u00f6n, wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern V\u00f6gel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergn\u00fcgt zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jorinde und Joringel Gebr. Grimm Es war einmal ein altes Schloss mitten in einem gro\u00dfen, dicken Wald, darin nen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. 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