{"id":5797,"date":"2026-04-09T15:25:23","date_gmt":"2026-04-09T13:25:23","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5797"},"modified":"2026-04-09T15:25:23","modified_gmt":"2026-04-09T13:25:23","slug":"der-liebste-roland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-liebste-roland\/","title":{"rendered":"Der Liebste Roland"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Liebste Roland<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal eine Frau, die war eine rechte Hexe, und hatte zwei T\u00f6chter, eine h\u00e4sslich und b\u00f6se, und die liebte sie, weil sie ihre rechte Tochter war, und eine sch\u00f6n und gut, die hasste sie, weil sie ihre Stieftochter war. Zu einer Zeit hatte die Stieftochter eine sch\u00f6ne Sch\u00fcrze, die der andern gefiel, so dass sie neidisch war und ihrer Mutter sagte, sie wollte und m\u00fcsste die Sch\u00fcrze haben. &#8218;Sei still, mein Kind,&#8216; sprach die Alte, &#8218;du sollst sie auch haben. Deine Stiefschwester hat l\u00e4ngst den Tod verdient, heute Nacht, wenn sie schl\u00e4ft, so komm ich und haue ihr den Kopf ab. Sorge nur, dass du hinten ins Bett zu liegen kommst, und schieb sie recht vornen hin.&#8216; Um das arme M\u00e4dchen war es geschehen, wenn es nicht gerade in einer Ecke gestanden und alles mit angeh\u00f6rt h\u00e4tte. Es durfte den ganzen Tag nicht zur T\u00fcre hinaus, und als Schlafenszeit gekommen war, musste es zuerst ins Bett steigen, damit sie sich hinten hinlegen konnte; als sie aber eingeschlafen war, da schob es sie sachte vornen hin und nahm den Platz hinten an der Wand. In der Nacht kam die Alte geschlichen, in der rechten Hand hielt sie eine Axt, mit der linken f\u00fchlte sie erst, ob auch jemand vornen lag, und dann fasste sie die Axt mit beiden H\u00e4nden, hieb und hieb ihrem eigenen Kinde den Kopf ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie fort gegangen war, stand das M\u00e4dchen auf und ging zu seinem Liebsten, der Roland hie\u00df, und klopfte an seine T\u00fcre. Als er herauskam, sprach sie zu ihm &#8218;h\u00f6re, liebster Roland, wir m\u00fcssen eilig fl\u00fcchten, die Stiefmutter hat mich totschlagen wollen, hat aber ihr eigenes Kind getroffen. Kommt der Tag, und sie sieht, was sie getan hat, so sind wir verloren.&#8216; &#8218;Aber ich rate dir,&#8216; sagte Roland, &#8218;dass du erst ihren Zauberstab wegnimmst, sonst k\u00f6nnen wir uns nicht retten, wenn sie uns nachsetzt und verfolgt.&#8216; Das M\u00e4dchen holte den Zauberstab, und dann nahm es den toten Kopf und tr\u00f6pfelte drei Blutstropfen auf die Erde, einen vors Bett, einen in die K\u00fcche und einen auf die Treppe. Darauf eilte es mit seinem Liebsten fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Als nun am Morgen die alte Hexe aufgestanden war, rief sie ihre Tochter, und wollte ihr die Sch\u00fcrze geben, aber sie kam nicht. Da rief sie &#8218;wo bist du?&#8216; &#8218;Ei, hier auf der Treppe, da kehr ich,&#8216; antwortete der eine Blutstropfen. Die Alte ging hinaus, sah aber niemand auf der Treppe und rief abermals &#8218;wo bist du?&#8216; &#8218;Ei, hier in der K\u00fcche, da w\u00e4rm ich mich,&#8216; rief der zweite Blutstropfen. Sie ging in die K\u00fcche, aber sie fand niemand. Da rief sie noch einmal &#8218;wo bist du?&#8216; &#8218;Ach, hier im Bette, da schlaf ich,&#8216; rief der dritte Blutstropfen. Sie ging in die Kammer ans Bett. Was sah sie da? Ihr eigenes Kind, das in seinem Blute schwamm, und dem sie selbst den Kopf abgehauen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hexe geriet in Wut, sprang ans Fenster, und da sie weit in die Welt schauen konnte, erblickte sie ihre Stieftochter, die mit ihrem Liebsten Roland forteilte. &#8218;Das soll euch nichts helfen,&#8216; rief sie, &#8218;wenn ihr auch schon weit weg seid, ihr entflieht mir doch nicht.&#8216; Sie zog ihre Meilenstiefeln an, in welchen sie mit jedem Schritt eine Stunde machte, und es dauerte nicht lange, so hatte sie beide eingeholt. Das M\u00e4dchen aber, wie es die Alte daherschreiten sah, verwandelte mit dem Zauberstab seinen Liebsten Roland in einen See, sich selbst aber in eine Ente, die mitten auf dem See schwamm. Die Hexe stellte sich ans Ufer, warf Brotbrocken hinein und gab sich alle M\u00fche, die Ente herbeizulocken: aber die Ente lie\u00df sich nicht locken, und die Alte musste abends unverrichteter Sache wieder umkehren. Darauf nahm das M\u00e4dchen mit seinem Liebsten Roland wieder die nat\u00fcrliche Gestalt an, und sie gingen die ganze Nacht weiter bis zu Tagesanbruch. Da verwandelte sich das M\u00e4dchen in eine sch\u00f6ne Blume, die mitten in einer Dornhecke stand, seinen Liebsten Roland aber in einen Geigenspieler. Nicht lange, so kam die Hexe herangeschritten und sprach zu dem Spielmann &#8218;lieber Spielmann, darf ich mir wohl die sch\u00f6ne Blume abbrechen?&#8216; &#8218;O ja,&#8216; antwortete er, &#8218;ich will dazu aufspielen.&#8216; Als sie nun mit Hast in die Hecke kroch und die Blume brechen wollte, denn sie wusste wohl, wer die Blume war, so fing er an aufzuspielen, und, sie mochte wollen oder nicht, sie musste tanzen, denn es war ein Zaubertanz. Je schneller er spielte, desto gewaltigere Spr\u00fcnge musste sie machen, und die Dornen rissen ihr die Kleider vom Leibe, stachen sie blutig und wund, und da er nicht aufh\u00f6rte, musste sie so lange tanzen, bis sie tot liegen blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie nun erl\u00f6st waren, sprach Roland &#8217;nun will ich zu meinem Vater gehen und die Hochzeit bestellen.&#8216; &#8218;So will ich derweil hier bleiben,&#8216; sagte das M\u00e4dchen, &#8218;und auf dich warten, und damit mich niemand erkennt, will ich mich in einen roten Feldstein verwandeln.&#8216; Da ging Roland fort, und das M\u00e4dchen stand als ein roter Stein auf dem Felde und wartete auf seinen Liebsten. Als aber Roland heim kam, geriet er in die Fallstricke einer andern, die es dahin brachte, dass er das M\u00e4dchen verga\u00df. Das arme M\u00e4dchen stand lange Zeit, als er aber endlich gar nicht wiederkam, so ward es traurig und verwandelte sich in eine Blume und dachte &#8218;es wird ja wohl einer dahergehen und mich umtreten.&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p>Es trug sich aber zu, dass ein Sch\u00e4fer auf dem Felde seine Schafe h\u00fctete und die Blume sah, und weil sie so sch\u00f6n war, so brach er sie ab, nahm sie mit sich, und legte sie in seinen Kasten. Von der Zeit ging es wunderlich in des Sch\u00e4fers Hause zu. Wenn er morgens aufstand, so war schon alle Arbeit getan: die Stube war gekehrt, Tische und B\u00e4nke abgeputzt, Feuer auf den Herd gemacht und Wasser getragen; und mittags, wenn er heim kam, war der Tisch gedeckt und ein gutes Essen aufgetragen. Er konnte nicht begreifen, wie das zuging, denn er sah niemals einen Menschen in seinem Haus, und es konnte sich auch niemand in der kleinen H\u00fctte versteckt haben. Die gute Aufwartung gefiel ihm freilich, aber zuletzt ward ihm doch angst, so dass er zu einer weisen Frau ging und sie um Rat fragte. Die weise Frau sprach &#8218;es steckt Zauberei dahinter; gib einmal morgens in aller Fr\u00fche acht, ob sich etwas in der Stube regt, und wenn du etwas siehst, es mag sein, was es will, so wirf schnell ein wei\u00dfes Tuch dar\u00fcber, dann wird der Zauber gehemmt.&#8216; Der Sch\u00e4fer tat, wie sie gesagt hatte, und am andern Morgen, eben als der Tag anbrach, sah er, wie sich der Kasten auftat und die Blume herauskam. Schnell sprang er hinzu und warf ein wei\u00dfes Tuch dar\u00fcber. Alsbald war die Verwandlung vorbei, und ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen stand vor ihm, das bekannte ihm, dass es die Blume gewesen w\u00e4re und seinen Haushalt bisher besorgt h\u00e4tte. Es erz\u00e4hlte ihm sein Schicksal, und weil es ihm gefiel, fragte er, ob es ihn heiraten wollte, aber es antwortete &#8217;nein,&#8216; denn es wollte seinem Liebsten Roland, obgleich er es verlassen hatte, doch treu bleiben: aber es versprach, dass es nicht weggehen, sondern ihm fernerhin haushalten wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kam die Zeit heran, dass Roland Hochzeit halten sollte: da ward nach altem Brauch im Lande bekannt gemacht, dass alle M\u00e4dchen sich einfinden und zu Ehren des Brautpaars singen sollten. Das treue M\u00e4dchen, als es davon h\u00f6rte, ward so traurig, dass es meinte, das Herz im Leibe w\u00fcrde ihm zerspringen, und wollte nicht hingehen, aber die andern kamen und holten es herbei. Wenn aber die Reihe kam, dass es singen sollte, so trat es zur\u00fcck, bis es allein noch \u00fcbrig war, da konnte es nicht anders. Aber wie es seinen Gesang anfing, und er zu Rolands Ohren kam, so sprang er auf und rief &#8218;die Stimme kenne ich, das ist die rechte Braut, eine andere begehr ich nicht.&#8216; Alles, was er vergessen hatte und ihm aus dem Sinn verschwunden war, das war pl\u00f6tzlich in sein Herz wieder heim gekommen. Da hielt das treue M\u00e4dchen Hochzeit mit seinem Liebsten Roland, und war sein Leid zu Ende und fing seine Freude an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Liebste Roland Gebr. Grimm Es war einmal eine Frau, die war eine rechte Hexe, und hatte zwei T\u00f6chter, eine h\u00e4sslich und b\u00f6se, und die liebte sie, weil sie ihre rechte Tochter war, und eine sch\u00f6n und gut, die hasste sie, weil sie ihre Stieftochter war. 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