{"id":5795,"date":"2026-04-09T15:23:58","date_gmt":"2026-04-09T13:23:58","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5795"},"modified":"2026-04-09T15:23:59","modified_gmt":"2026-04-09T13:23:59","slug":"der-letzte-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-letzte-weg\/","title":{"rendered":"Der letzte Weg"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der letzte Weg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von <strong>Marion Wolf<\/strong> aus &#8222;M\u00e4rchen im Spiegel der Zeit&#8220;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Am Ufer eines spiegelblanken Sees stand ein Palast aus wei\u00dfem Marmor. In seinen Zimmern lagen bunte Teppiche und im Hof schl\u00e4ngelten sich helle Kieswege durch einen zauberhaften Bl\u00fctengarten. Inmitten dieser Pracht lud das Pl\u00e4tschern eines Springbrunnens dazu ein, an seiner Br\u00fcstung sinnierend zu verweilen oder ein Schw\u00e4tzchen zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>In jenem Palast lebte ein Greis mit Kindern und Kindeskindern. Als seine Zeit gekommen war, rief er die Seinen zu sich:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehet, all meine Jahre habe ich an diesem See verbracht:<br>Von seinen Fischen habe ich gegessen und wurde satt.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Fluten habe ich gebadet und wurde rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinen Schiffen habe ich Handel getrieben und wurde reich.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Spiegel habe ich geschaut und mich erkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Haltet fest an diesem Brauch und ehret diesen Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgen gehe ich auf meine letzte Reise,<\/p>\n\n\n\n<p>denn mein letztes St\u00fcndlein wird bald schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Folget mir nach, wenn Eure Zeit reif ist,<\/p>\n\n\n\n<p>denn in den M\u00fchlen der Gesch\u00e4ftigkeit verirrt sich der Geist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesen Worten legte er die Schl\u00fcssel auf den Tisch, verteilte seinen Besitz an Kinder, Diener und Gef\u00e4hrten, umarmte sie zum Abschied und schenkte jedem Enkel ein Kleinod zum Andenken. Dann zog er sich zur\u00fcck, entledigte sich seiner Kleider, nahm ein erholsames Bad und h\u00fcllte sich in ein schlichtes Leinengewand.<\/p>\n\n\n\n<p>So vorbereitet legte er sich in sein seidenes Bett und schlief den Schlaf der Gerechten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Morgengrauen machte sich der Greis auf zur Gratwanderung \u00fcber den Berg der irdischen Wahrheiten. Hinter dem Haus erhob sich dieses Massiv, \u00fcber das ein Pfad zum Pass der Endlichkeit f\u00fchrte. Dahinter ragte der Gipfel der Weisheit in die blaue Stille der Unendlichkeit. An den Flanken des Bergkammes breitete sich das pralle Leben aus: Auf der Ostseite leuchteten gelbe und rote Fr\u00fcchte aus gr\u00fcnen Stauden hervor, auf der Westseite h\u00fctete ein Urwald seine Geheimnisse. Der Greis beachtete beides nicht mehr. Er warf einen letzter Blick an den Ort seines irdischen Daseins und wanderte zielstrebig den einsamen H\u00f6henweg entlang, genoss die reine Luft, tankte die lichte W\u00e4rme des Himmels, trank reines Quellwasser, n\u00e4hrte sich von Wegkr\u00e4utern, sang ein Lied und ward sich selbst der beste Weggeselle.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des stillen Pfades empfing ihn ein pr\u00e4chtiges Tor. Es lag zwischen den St\u00e4mmen uralter Linden, deren \u00c4ste sich ineinander schlangen, wie die Arme zweier Liebender. Im Gezweig der Krone prangten blassgelbe Bl\u00fcten, deren Wohlgeruch ihn bet\u00f6rte. Tief atmete der Greis den balsamischen Lindenduft ein, dann trat er feierlich und gefasst durch die Baumpforte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ort der Geborgenheit empfing ihn, an dem sich alle Wege trafen: Zur linken bildete eine hohle Korkeiche das Tor vom Aufstieg aus dem wilden Wald, zur rechten s\u00e4umten Lorbeerb\u00e4ume das Ende des Wegs aus dem Sumpfgebiet. Inmitten des Platzes lud ein Becken zum Bade, aus dessen Grunde bunte Mosaiken funkelten. Das Wasser sprudelte aus dem Maul eines Einhorns. Am Ende lud eine wohnliche H\u00fctte unter einer riesigen Eibe zur besinnlichen Rast. Darinnen gingen drei Frauen ihrem Gewerbe nach: Die \u00c4lteste zog einen Faden aus dem Regenbogen und wickelte ihn auf eine Spindel. Die Mittlere stand am Webstuhl und verkn\u00fcpfte die letzten F\u00e4den des Tuches. Die J\u00fcngste hockte mit wildem Blick auf dem Schneidertisch und z\u00fcckte begierig die Schere<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Mann ging auf die drei Frauen zu: \u201eGuten Tag, darf ich f\u00fcr eine Nacht um Herberge bitten?\u201c Die Weberin l\u00e4chelte ihn treulich an, als kenne sie ihn l\u00e4ngst: \u201eWillkommen im Gasthaus zur Ewigkeit, der Stoff f\u00fcr Deinen Mantel ist gerade fertig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Mantelstoff?\u201c fragte der Greis erstaunt, \u201eworaus hast Du ihn denn gemacht?\u201c Die Weberin erkl\u00e4rte: \u201eEs sind die F\u00e4den Deiner Zeit, aus denen ich Dein Schicksal wob.\u201c Sein fragender Blick wanderte zur Spinnerin: \u201eUnd woher kommen die Farben?\u201c Die \u00c4lteste sah ihn beschw\u00f6rend an: \u201eEs waren Deine Gedanken, die Dein Dasein f\u00e4rbten, w\u00e4hrend ich Deinen Lebensfaden spann.\u201c Er \u00fcberlegte:\u201eSo ist denn jeder Faden, den Du spinnst, einmalig und dies Tuch der Spiegel meines Lebens?\u201c Die beiden Frauen nickten und die Weberin verk\u00fcndete: \u201eSo ist es, Mensch, und morgen sollst Du Deinen Mantel anlegen, damit der Bote Dich erkennt, wenn er Dich in die Ewigkeit geleitet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wanderer zwischen den Welten betrachtete versonnen die Muster auf dem Gewebe. Dann begegnete er dem wilden Blick der Schneiderin, die ihm den letzten Lebensfaden abschneiden sollte. Ihre Schere lie\u00df ihn erschaudern\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weberin schnitt eine Kalebasse ab, halbierte das Geh\u00e4use und kratzte die Samen heraus. Dann ging sie zur Quelle und f\u00fcllte die Schalen. L\u00e4chelnd n\u00e4herte sie sich dem Gast, reichte ihm den Trunk und begl\u00fcckw\u00fcnschte ihn f\u00fcr sein gutes Schicksal. Der Alte nahm die Erfrischung dankbar an. Kaum hatte er seinen Becher geleert, wurde ihm wunderlich froh ums Herz. Er f\u00fchlte sich seltsam beschwingt und bekam Lust zu tanzen, doch seine Muskeln waren schlaff und seine F\u00fc\u00dfe brannten wie Feuer. Die Weberin schien sein Befinden zu erahnen und f\u00fchrte ihn zum Becken:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier, nimm\u2019 ein Bad aus gleichem Quell,<\/p>\n\n\n\n<p>dann schwinden deine Schmerzen schnell.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Greis setzte sich an den Beckenrand und lie\u00df seine F\u00fc\u00dfe ins Wasser baumeln. \u201eAh\u201c, seufzte er, \u201ewie gut das tut\u201c. Schon wollte er seine Kutte abstreifen, da hielt er schamhaft inne. W\u00e4hrend er noch dar\u00fcber nachdachte, ob es schicklich sei, sich vor den Frauen zu entbl\u00f6\u00dfen, hob ein Windsto\u00df das graue Gewand und trug es fort. Behutsam glitt er ins heilende Nass und aalte sich darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er dem Bade entstieg, f\u00fchlte sich der Alte so wohl und leicht, wie ein Ritter ohne R\u00fcstung. Er sch\u00fcttelte die dicken Tropfen ab wie ein nasser Pudel, streckte seine Arme der Sonne entgegen und lie\u00df die feinen Wasserperlen im Winde trocknen. Zufrieden setzte er sich f\u00fcr ein Weilchen auf einen Stein, tankte Sonnenw\u00e4rme, wie eine Eidechse im hei\u00dfen Fels und dachte: \u201aSind die Freuden nicht herrlich, welche die Natur uns schenkt?\u2019 Zur\u00fcck bei den schlichten Anf\u00e4ngen unseres Daseins fragte er sich nun, wozu er in seinen besten Jahren einen Palast mit orientalischen Teppichen, goldenen L\u00f6ffeln und seidenen Betten gebraucht hatte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201aDamals freute ich mich daran\u2019, dachte er, \u201adoch jetzt ist es mir egal. Hauptsache ist, loslassen zu k\u00f6nnen, wenn das Ende naht. Wie m\u00fchsam w\u00e4re diese Reise doch gewesen, h\u00e4tte ich mich mit Reicht\u00fcmern belastet. Kann man diesen Ort \u00fcberhaupt erreichen, wenn man nicht so frei ist, den letzten Weg v\u00f6llig unbeschwert zu gehen? Die Schneiderin brachte den fertigen Mantel und h\u00fcllte den Alten in seine Erinnerungen. Die Spinnerin zauberte eine Abendspeise und sie genossen das Festmahl. Nach dem Schmaus fragte er, mit wem er mit Verlaub das Vergn\u00fcgen habe\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind die Schicksalsfeen\u201c, sagten sie wie aus einem Munde. \u201eMan nennt uns Moiren, Nornen, Parzen \u2013 egal wie man uns nennt, unsre Aufgaben sind stets die gleichen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie erste spinnt, was der Mensch sich erdacht,<\/p>\n\n\n\n<p>die zweite webt, was der Mensch daraus macht,<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte n\u00e4ht, was er damit erreicht,<\/p>\n\n\n\n<p>kein Mantel je einem andern gleicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann reichte ihm die Schneiderin ein Fernrohr und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchau noch einmal zur\u00fcck auf Dein Leben,<\/p>\n\n\n\n<p>danach wird es kein Zur\u00fcck mehr geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sah er alle wichtigen Stationen seines Lebensweges vor dem inneren Auge vor\u00fcber ziehen und bewertete sie mit einer Klarheit, die er zuvor nie gehabt hatte. Die Weberin f\u00fchrte ihn zu seinem Lager und im Schlaf verabschiedete er sich von dieser Welt. Am Morgen schritt er durch das Tor der Welteibe, reichte dem Himmelsboten die Hand und schwebte als Lichtgestalt davon.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dieses M\u00e4rchen wurde mir von Marion Wolf zur Verf\u00fcgung gestellt.<br>Das Copyright dieses M\u00e4rchens liegt bei der Autorin: <a href=\"http:\/\/dichterseele.beepworld.de\">http:\/\/dichterseele.beepworld.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Kopieren in andere Webseiten oder Foren ist nicht gestattet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der letzte Weg von Marion Wolf aus &#8222;M\u00e4rchen im Spiegel der Zeit&#8220; Am Ufer eines spiegelblanken Sees stand ein Palast aus wei\u00dfem Marmor. In seinen Zimmern lagen bunte Teppiche und im Hof schl\u00e4ngelten sich helle Kieswege durch einen zauberhaften Bl\u00fctengarten. 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