{"id":5790,"date":"2026-04-09T15:09:57","date_gmt":"2026-04-09T13:09:57","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5790"},"modified":"2026-04-09T15:09:57","modified_gmt":"2026-04-09T13:09:57","slug":"das-klagende-lied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-klagende-lied\/","title":{"rendered":"Das klagende Lied"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das klagende Lied<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ludwig Bechstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein K\u00f6nig, der starb und hinterlie\u00df seine Frau, die K\u00f6nigin, und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter war aber ein Jahr \u00e4lter als der Sohn. Und eines Tages stritten die beiden K\u00f6nigskinder miteinander, welches von ihnen beiden K\u00f6nig werden sollte, denn der Bruder sagte: &#8222;Ich bin ein Prinz, und wenn Prinzen da sind, kommen Prinzessinnen nicht zur Regierung.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tochter aber sprach dagegen: &#8222;Ich bin die erstgeborene und \u00e4lteste, mir geb\u00fchrt der Vorrang.&#8220; Beides, was die Kinder da sagten, sagten sie in aller Unschuld und hatten die Worte nur so aufgeschnappt von dem Hofgesinde, ohne den Sinn so recht eigentlich zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie nun \u00fcber ihren Streit nicht einig wurden, so gingen sie miteinander zur Mutter und fragten diese: &#8222;Sage, liebe Mutter, welches von uns beiden wird dereinst K\u00f6nig werden?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage betr\u00fcbte die Mutter, denn es blickte der Keim der Herrschsucht durch dieselbe, die nicht wurzeln soll im Gem\u00fcte eines Kindes, und sie antwortete: &#8222;Liebe Kinder! Seht einmal hier das sch\u00f6ne Bl\u00fcmlein recht genau an, und dann gehet in den Wald und suchet. Wer von euch beiden dieses Bl\u00fcmchen zuerst findet, der wird dereinst K\u00f6nig werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder sahen sich voll Aufmerksamkeit das Bl\u00fcmchen an; sein Stengel war gestaltet wie ein Zepterlein und endete in einer halbaufgeschlossenen Lilie. Und die Kinder gingen ganz harmlos zusammen in den Wald und begannen zu suchen, und wie sie so suchten, so kamen sie bald auseinander, dass eins das andere aus den Augen verlor. Und da fand die kleine Prinzessin zuerst das Bl\u00fcmchen und freute sich dar\u00fcber und sah sich nach dem Bruder um, der war aber nicht da. Und da dachte das Kind, er wird wohl bald kommen, ich will hier auf ihn warten, und legte sich auf den weichen Rasen und in den k\u00fchlen Baumschatten, und es war so still im Walde, K\u00e4fer und Bienen summten blo\u00df, und eine nahe Quelle murmelte leise, und der Himmel blickte tiefblau durch die gr\u00fcnen Baumwipfel herab auf den gr\u00fcnen Waldesrasen. Die kleine Prinzessin hatte ihr Bl\u00fcmchen in die Hand genommen, und weil es so still und sie ein wenig m\u00fcde war, so entschlummerte sie in Gottes Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte nur eine kleine Weile, so kam der Bruder an die Waldstelle, wo seine Schwester schlief; er hatte aber das Bl\u00fcmchen, welches er suchte, nicht gefunden; und da sah er die Schwester am Boden liegen, s\u00fc\u00df schlummernd, und die hatte das Bl\u00fcmchen in ihrer Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stiegen in des Prinzen Seele schwarze Gedanken auf, und Schreckliches kam ihm in den Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss K\u00f6nig werden, ich! dachte er, und die Schwester soll es nicht werden! Lieber will ich sie t\u00f6ten und will die Blume nehmen und damit heimgehen, und dann werde ich K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, da hie\u00df es recht: gedacht und getan. Der Prinz ermordete sein unschuldiges Schwesterlein im Schlafe, verscharrte es im Walde und deckte Erde darauf und Rasen auf die Erde, und kein Mensch erfuhr etwas von dieser b\u00f6sen Tat, denn wie der Prinz nach Hause kam, so sagte er, seine Schwester sei im Walde von ihm hinweg und ihren eigenen Weg gegangen. Wie er die Blume gefunden gehabt, habe er den R\u00fcckweg nach Hause angetreten und geglaubt, sie sei auch schon nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da sind viele Jahre hingegangen, und die alte K\u00f6nigin hat fort und fort getrauert \u00fcber die verlorene Tochter, die sie im ganzen Walde fruchtlos suchen lie\u00df, und hat sich den Tod gew\u00fcnscht, weil sie selbst die geliebte Tochter fortgeschickt hatte, und als ihr Sohn nun die Jahre seiner M\u00fcndigkeit erreicht hatte, so ward er K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nach manchem, manchem Jahre kam ein Hirtenknabe in jenen Wald, der h\u00fctete dort seine Herde und stocherte zum Zeitvertreibe und aus Langeweile mit seiner Schippe in dem Rasen herum, wie die Hirten \u00f6fter tun, die manches Mal Herzen und Namen und Kreuze in den gr\u00fcnen Rasen graben, und da grub er von ungef\u00e4hr ein Totenbeinlein aus von der get\u00f6teten Prinzessin, das war so rein und wei\u00df wie Schnee. Und der Hirtenknabe machte ein paar L\u00f6chlein in das Bein lein, so wurde daraus eine kleine Fl\u00f6te, und diese setzte der Hirtenknabe an seine Lippen und blies. Da quollen klagende T\u00f6ne aus dem Totenbeine, ach, so unendlich traurig, und es war ordentlich, als singe in demselben eine weinende Kindesstimme, dass der Hirtenknabe selbst weinen musste, und konnte doch nicht aufh\u00f6ren zu blasen. Es lautete aber das klagende Lied also.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O Hirte mein, o Hirte mein,<br>Du fl\u00f6test auf meinem Totenbein!<br>Mein Bruder erschlug mich im Haine.<br>Nahm aus meiner Hand<br>Die Blum, die ich fand,<br>Und sagte, sie sei die seine.<br>Er schlug mich im Schlaf, er schlug mich so hart &#8211;<br>Hat ein Grab gew\u00fchlt, hat mich hier verscharrt &#8211;<br>Mein Bruder &#8211; in jungen Tagen.<br>Nun durch deinen Mund<br>Soll es werden kund,<br>Will es Gott und Menschen klagen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und immer war nur das eine und immer das eine Lied aus der beinernen Fl\u00f6te zu bringen, und immer blies es der junge Hirte wieder, w\u00e4hrend ihm jedes Mal die hellen Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen herabrollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das klagende Lied im Walde erklang, da wurden alle V\u00f6glein stumm und traurig, hingen K\u00f6pflein und Fl\u00fcgel und schwiegen; auch die K\u00e4fer und Bienen summten nicht mehr, und selbst das Murmeln der pl\u00e4tschernden, geschw\u00e4tzigen Quelle war nicht mehr zu h\u00f6ren &#8211; es wurde so recht, was man sagt: totenstill.<\/p>\n\n\n\n<p>Schallte das klagende Lied \u00fcber eine Trift, so hingen die Tiere der Weide wehm\u00fctig die H\u00e4upter, und keines gab einen Laut; auch der Hund bellte nicht mehr und sprang nicht, wie sonst, fr\u00f6hlich umher, vielmehr duckte er sich und winselte ganz leise, denn es war f\u00fcr alle Kreatur etwas Herzzerschneidendes in dem klagenden Liede. Aber der Hirtenknabe konnte nicht m\u00fcde werden, dieses Lied zu fl\u00f6ten, bis einst ein Rittersmann am Hang vor\u00fcberkam, der h\u00f6rte auch das Lied und f\u00fchlte, dass seine Augen tropften, und hielt und lie\u00df nicht nach, bis der Hirtenknabe ihm, dem Ritter, die kleine Fl\u00f6te k\u00e4uflich abtrat. Und nun zog der Ritter im ganzen Lande herum, blies das Lied und brachte mit demselben alle Welt zu Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>So kam dieser auch an den Hof, wo der junge K\u00f6nig auf dem Throne sa\u00df, von dem das Lied sang und klagte und die alte K\u00f6nigin Mutter lebte auch noch, und es wurde ihr Kunde gebracht von dem ritterlichen Spielmanne, der ein Lied fl\u00f6te, von dessen Melodie alle Herzen erzitterten und alle Seelen mit tiefer Trauer erf\u00fcllt w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte K\u00f6nigin aber, die stets traurig war, sprach: &#8222;Was k\u00f6nnte es in der Welt geben, das trauriger w\u00e4re als meine Trauer? Ich w\u00fcsste nichts, mich wird das klagende Lied des Spielmannes nicht trauriger machen, als ich ohnehin bin. Lasset ihn immerhin kommen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der ritterliche Spielmann kam und blies:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O Ritter mein, o Ritter mein,<br>Du fl\u00f6test auf meinem Totenbein!<br>Mein Bruder erschlug mich im Haine.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte die alte K\u00f6nigin diese wenigen Worte vernommen, so schoss schon ein Tr\u00e4nenstrom aus ihren Augen &#8211; aber als es weiter t\u00f6nte:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nahm aus meiner Hand<br>Die Blum, die ich fand,<br>Und sprach, sie w\u00e4re die seine&#8220; &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>da stie\u00df die K\u00f6nigin einen geltenden Schrei aus und fiel in eine tiefe Ohnmacht. Der Spielmann erschrak dar\u00fcber und wollte absetzen, aber das konnte er nicht &#8211; das Lied wollte jedes Mal, wenn es begonnen war, zu Ende gespielt sein &#8211; und als der letzte Ton mit tiefer Klage verzitterte, da erwachte die K\u00f6nigin aus ihrer Ohnmacht und rief: &#8222;Mir, mir die Fl\u00f6te! Um alle meine Sch\u00e4tze &#8211; mir diese Fl\u00f6te!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der ritterliche Spielmann lie\u00df der K\u00f6nigin die beinerne Fl\u00f6te und sagte, er begehre keine Sch\u00e4tze &#8211; und nahm nichts an und zog weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die K\u00f6nigin schloss sich ganz allein in ihre tiefsten Gem\u00e4cher und blies das Lied und weinte so lange, bis sie fast keine Tr\u00e4nen mehr hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig aber war ein lebenslustiger froher Herr geworden, der hatte seine Freude an Sang und Klang, feierte gern heitere Feste und freute sich seines Lebens. Einst geschah es, dass er auch ein Fest zu feiern beschlossen hatte, und es waren zahlreiche S\u00e4nger und Spielleute bestellt und zahlreiche G\u00e4ste eingeladen worden. Der Sitte gem\u00e4\u00df hatte der junge K\u00f6nig nie unterlassen, seine Mutter auch jedes Mal einzuladen zu seinen Festen, aber sie hatte niemals teilgenommen, weil sie, wie sie dem Sohne dankend sagen lie\u00df, zu vieler Trauer im Herzen habe. Als aber dieses Mal die Einladung wiederum an sie gelangte, da lie\u00df sie sagen, sie werde teilnehmen. Dies wunderte den K\u00f6nig und befremdete ihn, und er wusste nicht, ob er sich dar\u00fcber freuen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da nun alle G\u00e4ste in bunter Pracht versammelt waren und alle S\u00e4nger und Spielleute bereit und der Hof eintrat in den herrlich geschm\u00fcckten K\u00f6nigssaal, darin das Fest stattfand, so erregte es fast eine bange Verwunderung, die alte K\u00f6nigin zu sehen in langem schleppenden, schwarzen Trauergewande und im Witwenschleier &#8211; der Jubel der Instrumente, der Harfen und Pauken, Fl\u00f6ten und Symbol aber brach los, und die Ch\u00f6re der S\u00e4nger begannen in erhabenen Weisen eine Hymne zum Preise des K\u00f6nigs.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber tut die alte K\u00f6nigin? Sie setzt sich nicht, sie steht starr, wie ein Marmorbild. Was h\u00e4lt sie denn f\u00fcr ein seltsames kleines Zepter in der Hand? Das ist ja kein Zepter, das ist ein Totenbein. Und warum hebt sie denn dies Totenbein zum Munde? Warum h\u00e4lt sie es so, wie Spielleute ihre Fl\u00f6ten halten?<\/p>\n\n\n\n<p>Horch! Ein Ton &#8211; und es verstummen alle Pauken und Harfen und Cymbeln &#8211; noch ein Ton, und jeder S\u00e4ngermund wird stumm.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort aber sitzt der K\u00f6nig und blickt entsetzt, von ungeheurem Grauen durchrieselt, auf seine Mutter, und alle, alle blicken auf die alte K\u00f6nigin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte K\u00f6nigin spielt ein Fl\u00f6tensolo.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O Mutter mein, o Mutter mein &#8211;<br>Du fl\u00f6test auf meinem Totenbein!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da erbeben, erzittern schon alle Herzen, da bleibt schon kein Auge trocken, Hofstaat und G\u00e4ste, S\u00e4nger und Spielleute, alle weinen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mein Bruder erschlug mich im Haine.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ha!&#8220; schreit der K\u00f6nig, und das Zepter entsinkt seiner Hand, und er fasst mit beiden H\u00e4nden nach seiner Krone.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nahm aus meiner Hand<br>Die Blum, die ich fand,<br>Und sagte, sie sei die seine.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da rollte die Krone von dem K\u00f6nig Haupte herab, fiel auf den Marmorboden und zerschellte. Es klang, als ob ein Totensch\u00e4del auf dem Marmor rasselte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Er schlug mich im Schlaf &#8211; er schlug mich so hart &#8211;<br>Hat ein Grab gew\u00fchlt, mich im Walde verscharrt -&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Da st\u00fcrzte der K\u00f6nig selbst vom Throne herab und fiel auf sein Angesicht und st\u00f6hnte und wimmerte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mein Bruder &#8211; in jungen Tagen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig wand sich in Todeszuckungen und b\u00e4umte sich und schrie: &#8222;Ende! Mutter &#8211; ende!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die alte K\u00f6nigin konnte nicht von selbst das klagende Lied beendigen, es t\u00f6nte fort:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun durch deinen Mund<br>Soll es werden kund,<br>Will es Gott und Menschen klagen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da flohen, w\u00e4hrend diese Worte entsetzlich und zermalmend, und doch gar nicht laut, vernommen wurden, alle G\u00e4ste, Spielleute, S\u00e4nger und Hofdienerschaft zu allen T\u00fcren des Saales hinaus &#8211; dar\u00fcber Instrumente und Sessel viele zerbrachen, und die Kerzen l\u00f6schten aus, bis auf zwei &#8211; und als das Lied zu Ende geklungen war, war niemand mehr im weiten Saale als nur die K\u00f6nigin im Trauergewande und ihr sterbender Sohn in seinem bunten Flitterstaate, reich besetzt mit Gold und Perlen. Und sie kniete neben dem noch immer am Boden liegenden Sohne nieder, hielt sein Haupt in ihren H\u00e4nden und weinte hei\u00dfe Tr\u00e4nen darauf. Da l\u00f6schte langsam die eine der beiden noch brennenden Kerzen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte K\u00f6nigin aber weinte und betete noch bis Mitternacht &#8211; dann verl\u00f6schte sie selbst die letzte Kerze und zerbrach die Fl\u00f6te, auf dass niemand mehr das klagende Lied vernehme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das klagende Lied Ludwig Bechstein Es war einmal ein K\u00f6nig, der starb und hinterlie\u00df seine Frau, die K\u00f6nigin, und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter war aber ein Jahr \u00e4lter als der Sohn. 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