{"id":5787,"date":"2026-04-09T15:06:59","date_gmt":"2026-04-09T13:06:59","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5787"},"modified":"2026-04-09T15:07:00","modified_gmt":"2026-04-09T13:07:00","slug":"der-leiermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-leiermann\/","title":{"rendered":"Der Leiermann"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Leiermann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Als meine Gro\u00dfmutter noch ein kleines M\u00e4dchen war, zog er durch die Stadt. Aus seinem schwarzen, verwitterten Kasten t\u00f6nte eine so sch\u00f6ne Musik, dass die Menschen den Atem anhielten. Sie \u00f6ffneten die Fenster und sahen hinaus, die Kinder fassten sich an den H\u00e4nden und tanzten, alle wurden sehr fr\u00f6hlich. Aber eines Tages geschah etwas Furchtbares. Da wollte der alte Mann auch wieder seine sch\u00f6ne Musik machen, aber es gelang ihm nicht. Er drehte und drehte, kein Ton kam heraus. Was sollte er machen? Er wurde traurig. Er setzte sich an den Stra\u00dfenrand und weinte. Da \u00f6ffnete sich die Erde, und ein kleines M\u00e4nnlein mit einer roten Zipfelm\u00fctze auf dem Kopf sprang heraus. &#8222;Du meine G\u00fcte&#8220;, rief es&#8220;, so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen, da sitzt ein alter Mann und weint.&#8220; &#8222;Ich habe wohl Grund dazu&#8220;, sagte der Mann &#8222;,ich hatte so einen sch\u00f6nen Leierkasten, der war noch von meinem Urgro\u00dfvater, aber wenn ich jetzt daran drehe, kommt kein Ton mehr heraus.&#8220; &#8222;Das ist doch nicht schlimm&#8220;, sagte das M\u00e4nnlein&#8220;, das werden wir gleich haben!&#8220; Es stellte sich vor den Kasten hin, breitete die Arme weit auseinander und fl\u00fcsterte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Komm heraus, du feiner Ton,<br>du kleines Ding,<br>komm her und spring<br>ins Menschenherz,<br>flieg himmelw\u00e4rts.<br>O, sei bereit f\u00fcr Seligkeit,<br>f\u00fcr Tr\u00e4nenzeit,<br>f\u00fcr Herzeleid<br>und fall hinab<br>ins tiefe Grab<br>und weck sie mir,<br>die Toten hier,<br>die B\u00f6sen und die Braven,<br>dass sie sich nicht verschlafen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So, nun ist die Musik wieder in dem Kasten&#8220;, sagte das M\u00e4nnlein, &#8222;versuche es nur!&#8220; &#8222;O, ich danke dir!&#8220; rief der alte Mann. Aber dann wurde er \u00e4ngstlich, er legte die H\u00e4nde in den Scho\u00df. &#8222;Aber du machst es bestimmt nicht umsonst&#8220;, sagte er leise. &#8222;Da hast du recht&#8220;, erwiderte das M\u00e4nnlein. &#8222;Ich habe gesehen, du hast so eine sch\u00f6ne schwarze Samtm\u00fctze, die m\u00f6chte ich haben!&#8220; &#8222;Nein, nein, die bekommst du nicht&#8220;, rief der alte Mann, &#8222;die M\u00fctze habe ich von meiner Mutter bekommen, die hat sie auch von ihrer Mutter bekommen, und das geht immer so weiter. Von einem Andenken kann man sich nicht trennen!&#8220; &#8222;Ja, das verstehe ich&#8220;, sagte das M\u00e4nnlein, &#8222;ich denke mir etwas anderes aus.&#8220; Dann bekomme ich eben das, was zuerst in die M\u00fctze hineingeworfen wird!&#8220; &#8222;Ja, da k\u00f6nntest du aber Pech haben&#8220;, meinte der alte Mann &#8222;,es gibt b\u00f6se Buben, die werfen Kn\u00f6pfe in die M\u00fctze. Und morgen gehe ich auf den Lindenplatz, da sind so viele Maik\u00e4fer in den B\u00e4umen, wenn nun ein solcher K\u00e4fer zuerst in die M\u00fctze f\u00e4llt?&#8220; &#8222;Ach, papperlapapp&#8220;, sagte das M\u00e4nnlein&#8220;, das erste, was in der M\u00fctze liegt, ist f\u00fcr mich, und wenn es eine Laus ist!&#8220; &#8222;Du sollst deinen Willen haben&#8220;, sprach der Mann, und am n\u00e4chsten Morgen ging er auf den Lindenplatz. &#8222;H\u00f6rt doch&#8220;, sagten die Leute zueinander &#8222;,welch eine Musik, welch ein Klang, das sind wohl die Geigen des Himmels!&#8220; Und sie liefen hinaus, um den Leiermann zu sehen. Nun stand auch eine junge Frau auf dem Platz, die hatte einen kleinen Jungen auf dern Arm, und der war sehr b\u00f6se. Er zappelte hin, er zappelte her. &#8222;Wenn du jetzt nicht ruhig bist&#8220;, sagte die Frau, &#8222;dann schlage ich dich, dass alle Leute es sehen!&#8220; &#8222;Ach&#8220;, dachte der kleine Junge&#8220; ,das tut sie ja doch nicht.&#8220; Und er fing an zu schreien. Die Frau wurde sehr traurig. Seht, sie war vom anderen Ende der Stadt hergekommen, um die Musik zu h\u00f6ren. Nun verdarb der Junge ihr die ganze Freude. &#8222;Wenn du aber jetzt nicht ruhig bist&#8220;, sagte sie noch einmal &#8222;,so setze ich dich oben auf den Leierkasten, und dann nimmt der alte Mann dich mit.&#8220;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/leierkasten.jpg\" rel=\"lightbox[5787]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"940\" height=\"897\" src=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/leierkasten-940x897.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5788\" srcset=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/leierkasten-940x897.jpg 940w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/leierkasten-620x591.jpg 620w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/leierkasten-300x286.jpg 300w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/leierkasten-768x733.jpg 768w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/leierkasten.jpg 1430w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><br>&#8222;Ach, das tut sie gar nicht&#8220;, dachte der Junge und schrie noch lauter. Aber nun war es mit der Geduld der Frau zu Ende. Sie ging auf den Kasten zu und setzte den kleinen Jungen mitten in die schwarze Samtm\u00fctze hinein. Der alte Mann erschrak ordentlich. Der Himmel wurde pl\u00f6tzlich gr\u00fcn und ganz schwarz. Aus der Erde stieg das M\u00e4nnlein empor, nahm den kleinen Jungen und verschwand damit. Die Menschen schrien und die Mutter weinte. Als der Himmel ganz langsam wieder heller wurde, erblickten die Menschen in den Wipfeln eines Baumes eine kleine Fee. Sie trug ein wei\u00dfes langes Gewand und hatte goldene Haare. Die Menschen verstummten, denn die Fee sprach mit einer feinen klaren Stimme: &#8222;Alter Leiermann, ich will dir helfen, weil ich in all den Jahren immer deine sch\u00f6ne Musik h\u00f6ren durfte. Aber du musst etwas tun, was dir sehr schwer f\u00e4llt. Zerschlage deinen Leierkasten!&#8220; &#8222;Ach ja&#8220;, dachte der Mann, &#8222;ich bin schon so alt, aber der kleine Junge hat noch ein ganzes langes Leben vor sich.&#8220; So ging der Mann in die Schmiede und holte sich einen schweren Hammer, und zerschlug den Kasten kurz und klein.<br>Da tat sich die Erde wieder auf, und der kleine Junge sprang heraus, es war ihm gar nichts geschehn. Die Mutter nahm ihn schnell auf ihre Arme und lief nach Hause. Als sie sich nun ganz ersch\u00f6pft auf einen Stuhl setzte, musste sie an den alten Mann denken, der nun gar keinen Leierkasten mehr hatte. Sie erhob sich und ging in die Schlafkammer, dort griff sie unter ihr Kopfkissen und zog einen langen Strumpf heraus, der war voller Silberst\u00fccke. Sie nahm also den Strumpf und ging wieder auf den Lindenplatz. Da sa\u00df der alte Mann am Stra\u00dfenrand und weinte. Es war von seinem Kasten weiter nichts \u00fcbrig geblieben als ein paar Dr\u00e4hte. Er hielt sie in seiner Hand, und Tr\u00e4nen fielen darauf .&#8220;Hier hast du mein ganzes erspartes Geld&#8220;, sagte die Frau leise &#8222;,aber ich gebe dir einen guten Rat. Du brauchst jetzt nicht mehr zu arbeiten, kaufe dir einen sch\u00f6nen schwarzen Rock, einen Hut, ein Paar neue Schuhe, die dir richtig passen. Du kannst jetzt jeden Tag Braten essen und Wein trinken. Du wirst ein vornehmer Herr und kannst ein herrliches Leben f\u00fchren.&#8220; Der alte Mann bedankte sich, und freute sich sehr. Aber als er so ganz still da sa\u00df, musste er dar\u00fcber nachdenken, was die Frau ihm gesagt hatte. Und sonderbar, er wurde immer trauriger. &#8222;Jeden Tag Braten essen&#8220;, sagte er zu sich selbst&#8220; ,das wird man leid.&#8220; &#8222;Jeden Tag Wein trinken, davon wird man betrunken. Wenn ich mir einen feinen, schwarzen Rock kaufe, muss ich ihn wohl m\u00f6glich jeden Tag ausb\u00fcrsten, und was sind das f\u00fcr Umst\u00e4nde? Die Kinder werde ich nie mehr tanzen sehen, und was ist das f\u00fcr ein Leben?&#8220; Der alte Mann stand auf, ging in die Stadt, kaufte sich f\u00fcr das ganze Geld einen neuen Leierkasten. Ach, er war viel sch\u00f6ner als der andere, es war eine Pracht, ihn anzusehen. Er war ringsherum mit Blumen bemalt. Und an der Vorderwand knieten drei kleine Engel, die hatten silberne Fl\u00fcgel. Wenn der alte Mann nun seine Musik machte, h\u00f6rte man nicht nur die wundersch\u00f6nen, zitternden T\u00f6ne. Die kleinen Engel bewegten ihre K\u00f6pfe hin und her, ebenso ihre kleinen, zierlichen H\u00e4nde. Und das war das Rechte f\u00fcr die vielen Kinder in der Stadt, denn damals war das noch etwas ganz Besonderes. Da ist es dem alten Mann gut gegangen, bis er gestorben ist. H\u00f6rt zu! Wenn ihr heute einen Mann mit einem Leierkasten seht, so ist es bestimmt noch derselbe Kasten. Und wenn die Engel nicht mehr davorknien, so sind sie l\u00e4ngst zerbrochen. Und wenn die Blumen nicht mehr darauf sind, so sind sie in all den Jahren l\u00e4ngst herunter geregnet, denn der Kasten ist bestimmt 100 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Leiermann Als meine Gro\u00dfmutter noch ein kleines M\u00e4dchen war, zog er durch die Stadt. Aus seinem schwarzen, verwitterten Kasten t\u00f6nte eine so sch\u00f6ne Musik, dass die Menschen den Atem anhielten. Sie \u00f6ffneten die Fenster und sahen hinaus, die Kinder fassten sich an den H\u00e4nden und tanzten, alle wurden sehr fr\u00f6hlich. 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