{"id":5767,"date":"2026-04-09T02:33:41","date_gmt":"2026-04-09T00:33:41","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5767"},"modified":"2026-04-09T02:33:41","modified_gmt":"2026-04-09T00:33:41","slug":"das-maerchen-von-dem-kleinen-naseweisen-maedchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen-von-dem-kleinen-naseweisen-maedchen\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von dem kleinen naseweisen M\u00e4dchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das M\u00e4rchen von dem kleinen naseweisen M\u00e4dchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weihnachtsm\u00e4rchen von Luise B\u00fcchner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dem Mathildchen ward die Zeit bis zum Weihnachtsabend gar zu lang; es hatte nirgends mehr Ruhe und Rast, nur so lange die Tante erz\u00e4hlte, blieb es ruhig auf seinem St\u00fchlchen sitzen. Wo eine Schublade oder eine Schrankt\u00fcre aufgemacht wurde, hatte es blitzschnell den kleinen Blondkopf dazwischen und lauschend und horchend stand es hinter allen Stubent\u00fcren. Es knisterte und rumorte aber auch gar verf\u00fchrerisch im Hause herum und f\u00fcr die Nase gab es jeden Augenblick ein neues Bedenken. Bald roch es so s\u00fc\u00df und gew\u00fcrzreich, dann wieder nach feuchtem Moos und Tannenharz, oder auch nach ausgeblasenen Wachskerzen. Mit einem Wort, das ganze Haus war erf\u00fcllt mit dem wunderbaren, unbeschreiblichen Weihnachtsgeruch, dem zu Liebe die Kinder sich gerne eine Stunde fr\u00fcher als gew\u00f6hnlich zu Bette schicken lassen und der ihnen den kleinen Kopf schon im Voraus ganz toll und wirblicht macht. So ging es auch dem Matildchen und jeden Augenblick musste es sich bald von der Mama, bald von der Tante zurufen lassen: &#8222;Den Kopf hinweg, oder das Christkindchen bl\u00e4st dir die Augen aus!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich ward es Abend und sie sa\u00dfen wieder bei der Tante, da fragte Matildchen: &#8222;Liebe Tante, wie ist denn das mit dem Christkindchen, bl\u00e4st es den Kindern wirklich die Augen aus?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, freilich&#8220;, sagte die Tante, &#8222;wenn sie neugierig sind und sich nicht warnen lassen, denn sie k\u00f6nnen ja lieb sein und warten bis es Zeit zum Gucken ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Tante&#8220;, antwortete Mathildchen kleinlaut, &#8222;ich war heute so ein ganz klein wenig neugierig und habe in Mamas Schrank gesehen und &#8211; und &#8211; ich will aber jetzt nicht mehr hinsehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist brav, und nun will ich Euch eine Geschichte erz\u00e4hlen, von einem kleinen M\u00e4dchen, das auch ein wenig naseweis war, aber nicht sehr viel, gerade so wie du, dem ist es sonderbar mit dem Christkindchen gegangen. Das Merkw\u00fcrdigste an der Geschichte aber ist, dass das kleine M\u00e4dchen auch Mathildchen hei\u00dft. Nun, soll ich anfangen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach ja, liebe Tante!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe Euch doch schon fr\u00fcher erz\u00e4hlt, dass der Nikolaus um die Weihnachtszeit des Abends ein gro\u00dfes Feuer auf der B\u00f6llsteinerh\u00f6he anz\u00fcndet. die Leute, die um den Odenwald herum wohnen, sehen das Feuer, das sich freilich vom Weiten nur wie ein gro\u00dfer Stern ausnimmt. Wenn sich nun die Kinder zu Bett legen, dann laufen sie noch vorher an das Fenster, heben den Vorhang auf, sehen hinauf nach dem Christkindfeuer und tr\u00e4umen dann die ganze Nacht von den sch\u00f6nen Sachen, die es ihnen bringen wird. Wer aber neugierig ist und zu lange hinschaut, der sieht auf einmal gar nichts mehr und wenn endlich die Mama ruft: &#8222;Geschwind, ins Bett hinein!&#8220; k\u00f6nnen sie es kaum noch finden. Am andern Morgen sehen sie zwar wieder, aber sie m\u00fcssen doch noch sehr blinzeln und h\u00fcten sich wohl am andern Abend wieder in das Christkind Feuer zu gucken.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der kleinen Mathilde aber, von der ich euch nun erz\u00e4hlen will, ist es noch sonderbarer ergangen. Sie war sehr geschickt und lieb und folgsam, nur ein klein wenig naseweis, und wenn sie des Abends ins Bett sollte, konnte man sie kaum von dem Fenster wegbringen, weil sie immer wieder das Christkind Feuer sehen wollte. Lag sie dann unter der warmen Decke, so dachte sie immer noch an das Feuer und stellte sich vor, wie sch\u00f6n es da oben auf der H\u00f6he bei dem Christkind sein m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends nun schien ihr das Feuer viel gr\u00f6\u00dfer und heller als gew\u00f6hnlich zu sein; es sah gar nicht mehr wie ein Stern, sondern wie der Mond, wenn er im Herbst ganz gro\u00df und feurig \u00fcber dem Rand der Berge auftaucht. Mathildchen legte sich zu Bett, nachdem sie lange in das Feuer gesehen, aber sie konnte nicht einschlafen und dachte immer wieder daran, wie es jetzt wohl oben auf dem B\u00f6llstein aussehen m\u00f6ge. Sie hielt es nicht mehr aus, stand leise auf, zog ihr Str\u00fcmpfe, Schuhe und Kleider wieder an und schlich sich unbemerkt hinaus vor die T\u00fcre, um das Feuer von da noch besser zu sehen. Ach, dachte sie auf einmal, wenn ich auf den kleinen Berg hinter unserm Garten ginge, da m\u00fcsste es noch sch\u00f6ner sein! Sie f\u00fcrchtete sich gar nicht, lief auf den kleinen Berg und sah sich recht satt an dem hellen Glanz &#8211; dann wollte sie wieder nach Hause und in ihr Bettchen. Aber &#8211; aber von dem langen Sehen waren ihr die Augen ganz wie geblendet geworden; statt in den Garten kam sie auf ein Feld, rannte dann \u00fcber eine Wiese, und auf einmal lief sie, ohne nur recht zu wollen, in den dunklen dichten Wald hinein; sie hatten ihren Weg vollst\u00e4ndig verloren und wusste gar nicht mehr, wo sie war. Von Angst getrieben, lief Mathildchen weiter und weiter, bis sie endlich ein kleines Licht durch die B\u00e4ume schimmern sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, dachte das kleine M\u00e4dchen, wo ein Licht ist, m\u00fcssen doch auch Menschen sein, die mir wieder den Weg nach Hause zeigen, ich will nur immer darauf zugehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie merkte in ihre Eile gar nicht, wie sie immer bergan lief, sondern freute sich nur, dass das Licht gr\u00f6\u00dfer ward und ihr immer n\u00e4her kam. Der Weg war steiler, und zuletzt musste es atemlos stehen bleiben, denn es konnte nicht mehr weiter. Nun schaute Mathildchen sich um, da blies ihm ein kalter Wind \u00fcber die hei\u00dfe Stirne und rings herum waren keine h\u00f6heren Berge und keine B\u00e4ume mehr, du lieber Himmel &#8211; am Ende war gar das Kind bis hinauf auf die B\u00f6llsteinerh\u00f6he gerannt. Dem Mathildchen zitterten die Knie vor Angst und M\u00fcdigkeit, aber es konnte doch nicht da stehen bleiben und so schlich es dann langsam weiter, von einem Baumstamm zum andern, hinter denen es sich versteckt hielt, bis es auf einmal wirklich am Rande des gro\u00dfen, freien Platzes stand, der den B\u00f6llstein bedeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, Kinder, was hat es da gesehen &#8211; das Matildchen verga\u00df M\u00fcdigkeit und Angst und Alles, es wusste gar nicht mehr, ob es schon im Himmel oder noch auf Erden war. Es starrte ganz verloren hinein in die Herrlichkeit, die sich da vor seinen Blicken ausbreitete. Denkt Euch Kinder, das war die Nacht, in der das Christkindchen Alles, was es das Jahr \u00fcber zusammengeholt und mit den Engelchen gearbeitet hat, aufstellt und ausbreitet und dann ausw\u00e4hlt, was es jedem von den kleinen und gro\u00dfen Leuten bringen will. Die Christbescherung f\u00fcr die ganze Welt stand hier auf einmal bei einander und nun k\u00f6nnt Ihr Euch denken, wie das glitzerte und flimmerte und wie Mathildchen ganz im Ernste glaubte, es sei blind geworden, so stach ihm all der Glanz in die Augen. nun wusste es auch, wovon der Wald so hell und warum das Feuer so gro\u00df erschienen war, denn die hohen Tannen und Fichten, welche um den freien Platz herum stehen, waren \u00fcbers\u00e4t mit brennenden Wachskerzen, so dass sie fast den Mond und die Sterne \u00fcberstrahlten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte aber war das Sch\u00f6nste von Allem, da stand das liebe, goldige Christkindchen selber und \u00fcberschaute seine Herrlichkeiten. Ein schneewei\u00dfes Kleid mit goldenen und silbernen Sternen bestickt, fiel ihm bis herab auf die F\u00fc\u00dfe und seinen feinen Schleier hielt eine hohe Sternenkrone fest, unter der blickten die gro\u00dfen, blauen Augen so selig und gut hinauf in den Himmel und die Wangen gl\u00fchten in so hellem Rosenlicht, dass man \u00fcber diesem Anblick alles \u00dcbrige verga\u00df. Mathildchen konnte lange kein Auge von ihm wenden, aber als es nun endlich weiter um sich schaute, puh! da ward ihm wieder angst und bange.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Erde ganz dicht zu Christkindchens F\u00fc\u00dfen sa\u00df der Knecht Nikolaus, der war nicht so holdselig anzuschauen. Er war in seinen Pelzrock geh\u00fcllt, hatte die Pelzm\u00fctze fast bis an die Nase ins Gesicht gezogen und auf seine Brust herab wallte nicht mehr wie fr\u00fcher ein schwarzer, sondern ein langer, wei\u00dfer Bart. Neben dem hellen, freundlichen Christkindchen sah er noch dunkler und m\u00fcrrischer aus als gew\u00f6hnlich. Er machte auch gerade jetzt ein besonders verdrie\u00dfliches Gesicht und hatte neben sich wieder einen ganzen Berg von Ruten liegen. &#8222;Lass gut sein, Nikolaus&#8220;, sagte das Christkind mit seinem hellen, feinen Stimmchen, das noch viel s\u00fc\u00dfer klang, als das silberne Schellchen, &#8222;wir haben jetzt Ruten genug.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein&#8220;, brummte Nikolaus mit einer Stimme, dass Mathildchen meinte, ein dumpfer Donner rolle \u00fcber die Odenwaldberge hin, &#8222;ich muss noch eine vom Kr\u00e4utchen Eigensinn machen; dort unten wohnt ein kleiner Junge, der hei\u00dft Georg und hat sie sehr n\u00f6tig.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mathildchen hinter seinem Baum dies h\u00f6rte, ging ihm fast der Atem aus, es hatte ja ein recht eigensinniges Br\u00fcderchen, das hei\u00dft Georg, und es seufzte zitternd: &#8222;Ach!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, o weh!&#8220; trotz seiner Pelzkappe hat der Nikolaus die feinsten Ohren, er schaute auf und sah hinter dem Baum ein St\u00fcck von einem roten R\u00f6ckchen hervorgucken und ein kleines vor Schreck fast wei\u00dfes N\u00e4schen, das sich \u00e4ngstlich an die Rinde dr\u00fcckte. Er ward vor Zorn ganz rot im Gesicht und rief mit einer f\u00fcrchterlichen Stimme: &#8222;Was steckt denn da hinten? Hervor Du kleines, naseweises Ding, dass ich Dir die Rute gebe! Kannst Du nicht warten bis zu dem Weihnachtsabend und kommst da herauf, um uns auszuspionieren!&#8220; Da blieb dem armen Mathildchen doch ganz gewiss gar nichts anders \u00fcbrig, als laut zu schluchzen und zu weinen und das tat es denn auch recht herzhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt heulst Du uns auch noch die Ohren voll&#8220;, schrie der Nikolaus immer zorniger. Christkindchen aber hob seine kleine Hand auf, tippte damit dem Nikolaus auf die Schulter und sagte: &#8222;So schweige doch stille, Du alter Brummb\u00e4r! Du hast das arme, kleine M\u00e4dchen ja so erschreckt, dass es gar nicht mehr sprechen kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schwebte es zu Mathildchen hin, das schluchzend den Baum umspannt hielt und sagte freundlich, ach! so freundlich: &#8222;Komm her, mein liebes Kind, f\u00fcrchte dich nicht, sondern sage mir, wie Du so ganz allein da in der Nacht zu mir herauf kommst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend es so sprach, sch\u00fcttelte der Nikolaus zornig mit dem Kopf und band noch emsiger als zuvor an seinen Ruten, denn er \u00e4rgerte sich offenbar \u00fcber das Christkind. Das lie\u00df sich nicht irre machen, f\u00fchrte Mathildchen herein in den Kreis, streichelte ihr Haar ihr Haar und als diese endlich nicht mehr schluchzen musste, sondern wieder ordentlich sprechen konnte, sagte es: &#8222;Ach, liebes Christkind, sei mir nur nicht b\u00f6se; ich wollte nicht auf den B\u00f6llstein, ich war nur in dem Walde verirrt, wusste gar nicht mehr wo ich war und lief immer dem Lichte nach, bis ich hier oben stand. Ich will auch gar nichts mehr hier ansehen, sondern gleich wieder nach Hause laufen, zeige mir den Weg.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie kommst du aber so sp\u00e4t und ganz allein in den Wald?&#8220; fragte das Christkind weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Da hing Mathildchen besch\u00e4mt den Kopf auf die Schulter und sagte weinerlich: &#8222;Liebes Christkind, verzeihe mir, ich war wirklich ein wenig neugierig, darum lief ich aus meinem warmen Bett hinauf auf den kleinen Berg hinter unserm Garten, aber dann wollte ich wieder nach Hause und habe mich verirrt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist doch ein naseweises Ding!&#8220; knurrte der Nikolaus, &#8222;des Nachts bleibt man in seinem Bett und l\u00e4uft nicht heraus. Wie gern steckte ich mich in die Federn, wenn ich nicht f\u00fcr das Kindervolk die ganze Nacht arbeiten m\u00fcsste.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mathildchen schmiegte sich zitternd an Christkindchen, das aber lachte nur wieder und sprach: &#8222;Er ist nicht so b\u00f6se, als er sich stellt; f\u00fcrchte dich nicht. Es war freilich recht unartig und naseweis von Dir, dass Du aus dem Bett gelaufen bist, aber nachher bist Du ohne Deine Schuld herauf gekommen, das wei\u00df ich und weil du sonst ein braves, folgsames Kind bist, so will ich Dir verzeihen und Dir f\u00fcr die ausgestandene Angst meine sch\u00f6nen Sachen zeigen, und du magst Dir davon ausw\u00e4hlen, was Dir gef\u00e4llt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit fasste das Christkindlein Mathildchen bei der Hand, um es im Kreis herumzuf\u00fchren. Als der Nikolaus sah, dass er nichts ausrichten konnte, wollte er wenigstens sein Sp\u00e4\u00dfchen haben. Er griff in seinen gro\u00dfen Sack, nahm eine Hand voll N\u00fcsse und \u00c4pfel heraus und &#8211; bums kollerte er sie dem Mathildchen zwischen die F\u00fc\u00dfe, dass es vor Schrecken laut aufschrie und in eiligen S\u00e4tzen her\u00fcber und hin\u00fcber sprang. Dann b\u00fcckte es sich schnell und sammelte die N\u00fcsse und \u00c4pfel in sein Sch\u00fcrzchen. Christkindchen freute sich \u00fcber Mathildchens Spr\u00fcnge und auch der Nikolaus lachte in seinen langen Bart hinein, es lautete aber so sonderbar, dass man wirklich nicht recht wusste, ob er zanke oder vergn\u00fcgt sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergn\u00fcgt gingen die Beiden weiter, wie soll ich es Euch aber beschreiben, was Mathildchen nun f\u00fcr Herrlichkeiten sah. Alle die himmelhohen Tannen und Fichten, die den freien Platz umstanden, waren von oben bis unten mit den sch\u00f6nsten Kinderspielsachen beh\u00e4ngt. Da hingen Puppen in roten, gr\u00fcnen, blauen und wei\u00dfen Kleidern, mit Federh\u00fcten auf dem Kopfe, unter denen blonde oder schwarze Locken herauskamen. Andere Puppen hatten offene, lange Haare fast wie der Struwwelpeter und warteten nur darauf, dass die kleinen, lieben M\u00e4dchen, zu denen sie kommen sollten, ihnen die Haare ringelten oder flechten w\u00fcrden. Diese hatten auch gar nichts weiter an als schneewei\u00dfe Hemdchen, aber sie standen in einem gro\u00dfen Kasten, in dem lag rings um sie herum ihre ganze Ausstattung. Da waren gestickte Unterr\u00f6cke und Beinkleider, wei\u00dfe Schlafhemden und zierliche Nachth\u00e4ubchen, alle m\u00f6glichen Kleider von Seide, Wolle und Musselin, dazu sch\u00f6ne Kragen, M\u00e4ntel, Schals, H\u00fcte, Handschuhe, Stiefelchen und Sonnenschirme &#8211; man brauchte nur zuzugreifen. Es war ein Staat gerade wie f\u00fcr eine gro\u00dfe Mama, oder eine erwachsenen Tante.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die kleinen Knaben war aber auch gesorgt, da hingen zahllose Wagen und Pferde, Kanonen und Bleisoldaten, S\u00e4bel, Trommeln und Flinten. Unten um die B\u00e4ume herum aber standen wei\u00dfe Bettchen f\u00fcr die gro\u00dfen Puppen, sch\u00f6n eingerichtete Stuben f\u00fcr die kleinen pr\u00e4chtigen Puppenk\u00fcchen mit gl\u00e4nzendem Geschirr von Porzellan, Kupfer und Blech. Daneben prangten Kaufl\u00e4den und Festungen, St\u00e4lle f\u00fcr die Pferde, Sch\u00e4fereien und Puppentheater &#8211; nein, die Augen tun Einem weh, wenn man nur daran denkt, wie musste es erst dem Mathildchen beim Sehen zu Mute werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem es sich da satt geguckt, f\u00fchrte es Christkindchen zu den Felsen, die zwischen den B\u00e4umen liegen, da waren dann die niedrigsten auch wieder ganz mit Sachen f\u00fcr die kleinen Leute bedeckt. Da lagen Kleidchen und H\u00fctchen, Hosen und Kittel aller Art, M\u00e4ntelchen und Kapuzen, Stiefel und Schuhe von allen Farben, am sch\u00f6nsten waren aber die von blauem lackiertem Leder, die das Christkind erst ganz neu von Paris hatte kommen lassen. Was aber dem Mathildchen fast am meisten in die Augen leuchtete, das war ein ganzer Berg von Bilderb\u00fcchern. Gott, wie sch\u00f6n! Alle unartigen und alle geschickten Kinder waren da in Menge abgebildet und ihre Geschichte stand in sch\u00f6nen Versen darunter gedruckt. Es bleibt jetzt von den Kindern gar nichts B\u00f6ses mehr verborgen, die ganze Welt kann es lesen, wenn Elischen eigensinnig und Sophiechen zornig war, oder wenn der Louis die Schwester schl\u00e4gt und der Fritz nichts lernen will. Wer als ungezogenes Kind in die Bilderb\u00fccher kommt, muss sich sehr sch\u00e4men, aber wer als artiges darin steht, darf sich freuen, das merkt Euch wohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wollte aber das Mathildchen auch sehen, was vielleicht seine Mama und sein Papa, die Tante, der Onkel und die Gro\u00dfeltern von dem Christkindchen bek\u00e4men. Da fehlte es dann auch nicht an den wundersch\u00f6nsten Sachen. F\u00fcr die gro\u00dfen Leute war Alles auf dem hohen Felsen ausgebreitet und gar oft musste Mathildchen sich auf die Fu\u00dfspitzen stellen, um die sch\u00f6nen Kleider, die Uhren und goldenen B\u00fccher und herrlichen Bilder sehen zu k\u00f6nnen. auf einmal aber standen sie einer hohen Wand gegen\u00fcber, vor der man nicht mehr weiter konnte, die duftete ganz k\u00f6stlich, nicht wie Rosen und Veilchen, aber f\u00fcr kleine Nasen noch viel s\u00fc\u00dfer und herrlicher. Ja, was war denn das? Ei, Kinder, das war ein ganzes Gebirge von Lebkuchen, Anisgebackenes, Marzipan, verzuckerten Fr\u00fcchten, Schokoladenbonbons, Zuckerbrezeln usw. usw.<\/p>\n\n\n\n<p>So viele gute Sachen hatte das Mathildchen noch nie in seinem Leben bei einander gesehen und es sperrte vor Erstaunen die Augen so ungeheuer weit auf, dass das Christkind laut dar\u00fcber lachen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Es nahm aus der s\u00fc\u00dfen Wand von jeder Sorte ein St\u00fcckchen und legte es in Mathildchens Sch\u00fcrzchen, es waren aber so viele, dass sie kaum Platz darin fanden und gar mancher Apfel und manche Nuss rollten wieder heraus und blieben unbeachtet an der Erde liegen. Christkindchen aber freute sich, dass Mathildchen nicht gleich ohne Weiteres in das Marzipan oder den Lebkuchen hinein biss, sondern h\u00fcbsch damit warten wollte, bis zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt komm&#8216;, mein liebes Kind&#8220;, sagte es freundlich, &#8222;nun Du alle meine Herrlichkeiten gesehen, w\u00e4hle Dir zum Christgeschenk davon aus, was Dir am besten gef\u00e4llt.&#8220; &#8222;Ach&#8220;, seufzte Mathildchen, &#8222;liebes Christkindchen, dort oben an dem Baum h\u00e4ngt eine Puppe mit blonden Locken, einem Strohh\u00fctchen mit einer Pfauenfeder, einer roten Bluse, roten Stiefelchen und einem schwarzen G\u00fcrtel, an dem eine kleine Ledertasche h\u00e4ngt. Diese Puppe gef\u00e4llt mir am meisten von allen. Sie sieht mir so bekannt aus, als ob ich schon lange damit gespielt h\u00e4tte, die m\u00f6chte ich gar zu gerne haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du sollst sie bekommen, mein Kind&#8220;, sagte Christkindchen, sch\u00fcttelte seine Fl\u00fcgel ein wenig auseinander, flog hinauf und holte die Puppe, welche ganz oben an der Spitze hing, herunter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und was nun noch?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noch mehr?&#8220; rief Mathildchen erfreut, &#8222;ach, dann gebe mir f\u00fcr meine Puppe auch ein Bettchen, in dem sie des Nachts neben meinem Bette schlafen kann, und eine W\u00e4rmflasche darin, damit mein Kind sich nicht erk\u00e4ltet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier, mein Herz&#8220;, sagte Christkind und reichte Mathildchen eines von den schneewei\u00dfen Bettchen hin, in dem nicht allein eine W\u00e4rmflasche, sondern auch ein sch\u00f6nes langes Schlafkleid und ein wei\u00dfes Nachth\u00e4ubchen lag. Mathildchen war au\u00dfer sich vor Freude; es dr\u00fcckte bald die Puppe und bald das Bett an sich, und hielt dabei sein volles Sch\u00fcrzchen fest, da sah es so drollig aus, dass selbst der Nikolaus ein freundlicheres Gesicht machte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie ist es denn mit Deinen Schuhen?&#8220; sagte jetzt das Christkindchen, &#8222;ich meine die blauen, lackierten Schuhe da aus Paris, d\u00fcrften im Sommer zu Deinem wei\u00dfen Kleidchen recht niedlich aussehen, die wollen wir auf das Puppenbett legen, und eines dieser Bilderb\u00fccher w\u00e4re f\u00fcr die langen Winterabende, die noch nach Weihnachten kommen, auch nicht zu verachten, meinst Du nicht?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Christkind, liebes Christkind, du gibst mir zu viel, Du bist zu gut&#8220;, rief Mathildchen entz\u00fcckt und fiel vor dem Christkindchen auf die Knie und sah es mit ganz verkl\u00e4rten Augen an. Aber Christkind hob es wieder auf, fuhr ihm mit seiner wei\u00dfen Hand \u00fcber die Locken und sprach sanft: &#8222;Du bist dankbar und bescheiden, meine Kleine, das ist mir lieb; bleibe nur so und damit Du es bleibst, darum sei flei\u00dfig und lerne etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>Nimm noch dieses B\u00fcchlein hier mit den sch\u00f6ngemalten Buchstaben, sieh jeden Tag hinein und wenn es wieder Weihnacht ist, dann musst du so gut lesen k\u00f6nnen, dass ich dir eines von den sch\u00f6nen Leseb\u00fccher schenken kann, die hier stehen. Weil man aber nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den H\u00e4nden flei\u00dfig sein muss, gebe ich Dir dies Arbeitsk\u00e4stchen, da sind Nadeln, ein Fingerh\u00fctchen und eine Schere drin, damit lerne h\u00fcbsch n\u00e4hen, und mit den vergoldeten Stricknadeln hier und dem Kringel Garn strickst Du bis zum n\u00e4chsten Jahr f\u00fcr die kleine Schwester ein Paar Str\u00fcmpfe. Willst Du flei\u00dfig und folgsam sein und Dir M\u00fche geben, Alles gut zu machen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Christkind so sprach, liefen dem Mathildchen wieder wie vorhin dicke Tr\u00e4nen \u00fcber die roten Wangen, aber nicht wie vorhin aus Angst, sondern vor Gl\u00fcck und Freude und es rief: &#8222;Herzliebes Christkind, ich verspreche Dir das ganze Jahr und immer brav und flei\u00dfig, folgsam und bescheiden zu sein, so dass Du und meine Eltern und alle Leute daheim ihre Freude an mir haben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun, so geh&#8216; jetzt mein Kind&#8220;, sagte Christkindlein, indem es die Kleine auf die Stirne k\u00fcsste, &#8222;die Sternlein werden blasser und der Mond ist schon lange schlafen gegangen. Eile Dich, damit du in Dein Bett kommst, sonst erschrickt Deine Mama, wenn sie Dich morgen fr\u00fch nicht findet!&#8220; Damit packte es dem Mathildchen seine Siebensachen zusammen, gab ihm Alles unter den Arm, ermahnte es die Sch\u00fcrze recht sch\u00f6n zuzuhalten und f\u00fchrte es auf den rechten Weg in den Wald.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, du lieber Himmel &#8211; auf dem Christkind Platz war es so warm und sch\u00f6n, da hatte man nichts davon gemerkt, in dem Walde jedoch schneite es ganz j\u00e4mmerlich. &#8222;Liebes Christkind&#8220;, rief Mathildchen und das Weinen war ihm wieder n\u00e4her als das Lachen, &#8222;sieh nur, wie es schneit; bis ich nach Hause komme, sind meine sch\u00f6nen Sachen alle verdorben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist \u00e4rgerlich&#8220;, sagte das Christkind, &#8222;da sch\u00fctteln die Engelein wieder mein Bett auf und jagen die Flocken durch den ganzen Wald. Aber ich will schon helfen, Nikolaus!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wei\u00df schon, was ich soll&#8220;, brummte der Alte, ging nach dem Felsen und holte einen gar h\u00fcbschen, kleinen Regenschirm von rotem Zeug herbei, spannte ihn selber auf und reichte ihn dem erstaunten Mathildchen hin. &#8222;Den soll ich auch mitnehmen?&#8220; sagte es sch\u00fcchtern, aber seine Stimme zitterte vor Freude.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, nimm ihn nur, Naseweischen&#8220;, knurrte Nikolaus, &#8222;so ein Ding hast Du schon lange gebraucht und wenn Du jetzt nach Neujahr in die Schule gehst, wird es dir noch notweniger sein.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Danke, lieber Nikolaus, danke!&#8220; rief Mathildchen freudig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt bin ich ein lieber Nikolaus, ja, so ist&#8217;s immer, wenn man den Leuten etwas schenkt&#8220;, schalt er hinter ihr drein, w\u00e4hrend sie schon mit eiligen Schritten den Berg hinab lief.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen konnte das Mathildchen gar nicht aus dem Bett heraus. Die Mama hatte es wohl schon dreimal geweckt, der Bruder stand vor ihrem Bett und rief: &#8222;Langschl\u00e4fer-Tilla!&#8220; und die Lisette versicherte ein- \u00fcber das andermal, dass sie jetzt Mathildchens Fr\u00fchst\u00fccksmilch der Katze geben werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich, endlich machte das faule Kind die Augen auf, rieb sich den Sandmann heraus und schaute verwundert in der Schlafstube umher. Die sah akkurat aus, wie am Abend vorher, gar nichts Neues war darin zu erblicken.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Mama wird Alles in das gute Zimmer getragen haben&#8220;, dachte Mathildchen, dann rief es laut: &#8222;Lisette, gib mir einmal meine Sch\u00fcrze, die ist ganz voll mit guten Sachen; ich brauche heute Morgen kein Brot zu meiner Milch, ich esse von meinem Guts und dem Bruder gebe ich auch davon.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was schwatzt das Kind?&#8220; sagte die Lisette und sah ihre Madame ganz verwundert und lachend an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du brauchst mich gar nicht auszulachen, Lisette&#8220;, rief Mathildchen eifrig, &#8222;ich war heute Nacht oben auf der B\u00f6llsteinerh\u00f6he und habe das Christkind und den Nikolaus gesehen und die haben mir herrliche Sachen geschenkt, eine pr\u00e4chtige Puppe und blaue Schuhe und einen roten Regenschirm und eine ganze Sch\u00fcrze voll Konfekt &#8211; Mama, wo hast Du denn Alles hingetan?&#8220; Das war ein Erstaunen &#8211; die Lisette schlug die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf zusammen, der Bruder schrie: &#8222;Will auch gute Sachen und Regenschirm!&#8220; Die Mutter aber nahm ihr Mathildchen auf den Scho\u00df und sagte lachend: &#8222;Du dummes, kleines M\u00e4dchen! glaubst Du denn, die Mama w\u00fcrde ihr Mathildchen in der Nacht auf die B\u00f6llsteinerh\u00f6he laufen lassen, ohne etwas davon zu merken? Du hast die ganze Nacht hier s\u00fc\u00df und sanft neben mir geschlafen, nur viel zu fest, denn der Papa ist schon l\u00e4ngst ausgefahren zu den kranken Leuten und konnte Dir nur im Schlaf ein K\u00fcsschen geben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie, Mama?&#8220; rief Mathildchen und schluchzte laut, &#8222;ich habe keine Puppe und keinen Regenschirm und kein ABC Buch?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, mein Herz, das hast Du nur getr\u00e4umt, aber, aber, wenn du noch zweimal geschlafen hast, dann ist Weihnachten, dann kommt das liebe Christkind von seiner H\u00f6he herunter zu uns und vielleicht bring es Dir dann etwas von den sch\u00f6nen Sachen, die Du im Traume gesehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, liebe Mama, sage ihm, dass es mir Alles bringt, was es mir schon heute Nacht geschenkt &#8211; es war gar zu sch\u00f6n!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir wollen sehen, mein Kind!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei ganze Tage lang musste das Mathildchen noch warten und w\u00e4hrend dieser Zeit war es fast m\u00e4uschenstill und machte nicht halb so viel L\u00e4rm als sonst, denn es musste immer an das Christkind und dessen Herrlichkeiten denken. Sollte das alles wirklich nur ein Traum gewesen sein? Es hatte doch einmal irgendwo ganz deutlich die Puppe mit der roten Bluse und auch das schneewei\u00dfe Bettchen gesehen, nur wusste es jetzt nicht mehr recht, ob droben auf der H\u00f6he oder in Mamas Schrank.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nur Geduld &#8211; endlich musste ja Alles kommen! Die Federn aus Christkindleins Bettchen lagen fast fu\u00dfhoch, die goldenen Sterne flimmerten dar\u00fcber hin, da schlug die gro\u00dfe Glocke auf dem Kirchturm f\u00fcnfmal: bum! bum! bum! bum! bum! Mathildchen und ihre Geschwisterchen sa\u00dfen im Wohnzimmer und wagten kaum zu atmen. Es raschelte bald an dieser, bald an jener T\u00fcre so geheimnisvoll, und endlich war die ganze Familie versammelt, der Papa, die Mama, der Onkel, die Tante, die Kathrine und die Lisette.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einen Augenblick &#8211; da h\u00f6rte man ein silberhelles Gl\u00f6ckchen klingen, die Saalt\u00fcr flog auf, ach! da war Mathildchens Traum zur Wirklichkeit geworden!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ihm stand ein Christbaum fast so hoch als die Fichten auf der B\u00f6llsteinerh\u00f6he, der war vollges\u00e4t mit Lichtern, goldenen \u00c4pfeln und N\u00fcssen, Marzipan, silbernen Kr\u00e4nzen und bunten Glaskugeln. Auf der einen Seite des Baumes stand der Nikolaus, ganz so wie ihn Mathildchen im Tr\u00e4ume gesehen, mit dem Pelzrock, der Pelzm\u00fctze und einer gro\u00dfen Rute in der Hand, nur machte er ein freundlicheres Gesicht als damals, denn am Weihnachtsabend, wo Alles vergn\u00fcgt und lustig ist, kann er mit dem besten Willen auch nicht verdrie\u00dflich bleiben. auf der andern Seite des Baumes aber stand das liebe, goldige Christkind, und mochte den Kindern auch noch ein wenig bange sein vor dem Nikolaus, so verging ihnen schnell alle Furcht, wenn sie in sein freundliches Gesicht und seine guten, blauen Augen schauten. &#8222;Ach, liebes Christkind, bin ich denn wirklich nicht bei Dir gewesen?&#8220; rief Mathildchen, &#8222;gerade so wie jetzt bist Du mir doch erschienen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da l\u00e4chelte Christkind, legte den Finger auf den Mund, sch\u00fcttelte seine Fl\u00fcgel auseinander und &#8211; weg waren sie Beide! Die Kinder standen da und starrten die leere Stelle an, wo sie gestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sie sind zum Fenster hinaus, Kinder&#8220;, sagte die Mama, &#8222;Papa, mache wieder zu, es kommt viel zu kalt herein!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater schloss das Fenster und die Kinder fingen jetzt laut zu jubeln an. Da stand ja wahrhaftig Alles beieinander, was Mathildchen im Traum geschenkt bekam &#8211; die Puppe, das Bett, die blauen Schuhe, das ABC &#8211; Buch, das Arbeitsk\u00e4stchen, das Strickzeug, der rote Regenschirm, nichts fehlte und am wenigsten die guten Bissen, die ihm Christkindchen in die Sch\u00fcrze gesteckt. &#8222;Papa, Mama&#8220;, rief es entz\u00fcckt, &#8222;es ist Alles da! Gewiss habe ich unterwegs beim Heimlaufen die sch\u00f6nen Sachen verloren und Ihr habt sie wiedergefunden!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Richtig&#8220;, sagte die Mama, &#8222;so wird es sein. Alles kommt zur rechten Zeit &#8211; aber nur nicht mehr, wenn es wieder Weihnacht wird, ein naseweises M\u00e4delchen sein.&#8220; &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Das wirkliche Mathildchen seufzte tief auf, nachdem die Tante geendet und sagte: &#8222;Die Christbescherung auf der B\u00f6llsteinerh\u00f6he m\u00f6chte ich aber doch auch einmal sehen.&#8220; &#8222;Geh'&#8220;, antwortete die Tante, &#8222;Du bist ein kleiner Angsthase und w\u00fcrdest Dich gar nicht getrauen in die N\u00e4he des Nikolauses zu gehen. Ich glaube fast, heute Abend kommt er hierher.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Husch, sa\u00dfen Georg und Mathildchen auf der Tante Scho\u00df, weil sie sich da sicherer glaubten, und sie hatte wirklich Recht. Es rasselte an der T\u00fcr und schlug mit einer Rute daran, man h\u00f6rte es ganz deutlich. Dann ging die T\u00fcre ein wenig auf und der Nikolaus rief mit seiner brummigen Stimme herein: &#8222;Sind hier die Kinder geschickt?&#8220; und zugleich rollte er eine ganze Ladung von \u00c4pfeln und N\u00fcssen ins Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Georg und Mathildchen nahmen die Tante fest um den Hals, die aber sagte: &#8222;Die Kinder sind recht lieb und brav, Nikolaus.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Dann sollen sie hierher kommen und mir ein H\u00e4ndchen geben und mir einen Vers aufsagen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tante stand auf, die Kinder dr\u00fcckten sich immer noch scheu an sie, gingen aber doch mit bis zur T\u00fcre. &#8222;Nun, Mathildchen&#8220;, sagte die Tante, &#8222;gib jetzt dem Nikolaus sch\u00f6n eine Hand und sage den Christkind Vers, den ich Dich gelehrt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mathildchen streckte zitternd ihre Hand durch die T\u00fcrspalte, da strich ihr der Nikolaus mit der Rute dar\u00fcber, dass sie schreiend wieder zur\u00fcckfuhr.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Tut nichts&#8220;, rief die Tante lachend, &#8222;sage nun Deinen Vers&#8220;, und Mathildchen begann:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&#8222;Liebes Christkind, lass mich sein<br>Stets wie Du so fromm und rein,<br>Und lass mich so gerne schenken,<br>Und so treu f\u00fcr andere denken,<br>Wie Du es tust weit und breit<br>In der goldenen Weihnachtszeit!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&#8222;Sch\u00f6n&#8220;, brummte Nikolaus durch den T\u00fcrspalt, &#8222;strecke jetzt noch einmal die Hand heraus!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mathildchen gehorchte und jetzt ber\u00fchrte statt der Rute etwas Weiches ihre Hand und als sie dieselbe herein zog, hielt sie ein gro\u00dfes Lebkuchenherz fest.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Will auch&#8220;, rief Georg, &#8222;kann aber keinen Vers sagen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das sollst du auch nicht, sei aber nur nicht mehr eigensinnig, sonst gibt\u2019s!&#8220; so brummte es wieder durch die T\u00fcre. Georg streckte nun auch die Hand hinaus, die erst ein bisschen mit der Rute gestreichelt wurde, aber dann ein gro\u00dfes St\u00fcck Anisgebackenes bekam.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gute Nacht! jetzt gehe ich wieder fort&#8220;, rief der Nikolaus noch herein, dann h\u00f6rte man ihn mit seinen schweren Pelzstiefeln forttappen; im Hof gab es aber noch ein gro\u00dfes Geschrei, denn da hatte er der Lisette, die ihn necken wollte, t\u00fcchtig die Rute gezeigt. &#8211; &#8222;Jetzt aber schnell ins Bett, Kinder&#8220;, rief die Tante, &#8222;es ist die h\u00f6chste Zeit!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen von dem kleinen naseweisen M\u00e4dchen Weihnachtsm\u00e4rchen von Luise B\u00fcchner Dem Mathildchen ward die Zeit bis zum Weihnachtsabend gar zu lang; es hatte nirgends mehr Ruhe und Rast, nur so lange die Tante erz\u00e4hlte, blieb es ruhig auf seinem St\u00fchlchen sitzen. 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