{"id":5759,"date":"2026-04-09T02:20:05","date_gmt":"2026-04-09T00:20:05","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5759"},"modified":"2026-04-09T02:23:46","modified_gmt":"2026-04-09T00:23:46","slug":"die-nachtigall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-nachtigall\/","title":{"rendered":"Die Nachtigall"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Nachtigall<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>M\u00e4rchen aus China<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>In China, wei\u00dft du Wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es wert, die Geschichte zu h\u00f6ren, ehe sie vergessen wird! Des Kaisers Schloss war das pr\u00e4chtigste der Welt: ganz und gar von feinem Porzellan, so kostbar, aber so spr\u00f6de, so misslich, daran zu r\u00fchren, dass man sich ordentlich in acht nehmen musste. Im Garten sah man die wunderlichsten Blumen, und an die allerpr\u00e4chtigsten waren Silberglocken gebunden, welche erklangen, damit man nicht vorbeigehen m\u00f6chte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten so aus spekuliert. Und er erstreckte sich so weit, dass der G\u00e4rtner selbst das Ende des selben nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit hohen B\u00e4umen und tiefen Seen. Der Wald ging gerade hinunter bis zum Meer, welches blau und tief war; gro\u00dfe Schiffe konnten bis unter die Zweige hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang, dass selbst der arme Fischer, der soviel anderes zu tun hatte, stillhielt und horchte, wenn er des Nachts ausgefahren war, um das Fischnetz aufzuziehen, und dann die Nachtigall h\u00f6rte. &#8222;Ach Gott, wie ist das sch\u00f6n!&#8220; sagte er; aber dann musste er auf seine Sachen Acht geben und verga\u00df den Vogel. Doch wenn dieser in der n\u00e4chsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, sagte er dasselbe: &#8222;Ach Gott, wie ist das doch sch\u00f6n!&#8220;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/nachtigall.png\" rel=\"lightbox[5759]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"940\" height=\"705\" src=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/nachtigall-940x705.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5761\" srcset=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/nachtigall-940x705.png 940w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/nachtigall-620x465.png 620w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/nachtigall-300x225.png 300w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/nachtigall-768x576.png 768w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/nachtigall.png 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Aus allen L\u00e4ndern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloss und den Garten. Doch wenn sie die Nachtigall zu h\u00f6ren bekamen, sagten sie alle: &#8222;Das ist doch das Beste!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Reisenden erz\u00e4hlten davon, wenn sie nach Hause kamen; und die Gelehrten schrieben viele&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/nachtigal.htm#\">&nbsp;B\u00fccher<\/a>&nbsp;\u00fcber die Stadt, das Schloss und den Garten. Aber auch die Nachtigall verga\u00dfen sie nicht; die wurde recht hervorgehoben, und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte \u00fcber die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fccher durchliefen die Welt, und einige kamen dann auch einmal zum Kaiser. Er sa\u00df in seinem goldenen Stuhle und las und las; jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die pr\u00e4chtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu vernehmen. &#8222;Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!&#8220; stand da geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was ist das?&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel hier in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie geh\u00f6rt! So etwas soll man erst aus&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/nachtigal.htm#\">&nbsp;B\u00fcchern<\/a>&nbsp;erfahren?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann rief er seinen Kavalier: Der war so vornehm, dass, wenn jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: &#8222;P!&#8220; und das hat nichts zu bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier soll ja ein h\u00f6chst merkw\u00fcrdiger Vogel sein, welcher Nachtigall genannt wird!&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Man sagt, dies sei das Allerbeste in meinem gro\u00dfen Reiche. Weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe ihn fr\u00fcher nie nennen h\u00f6ren!&#8220; sagte der Kavalier. &#8222;Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich will, dass er heute abend herkommen und vor mir singen soll!&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Die ganze Welt wei\u00df, was ich habe, und ich wei\u00df es nicht!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe ihn fr\u00fcher nie nennen h\u00f6ren!&#8220; sagte der Kavalier. &#8222;Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wo wir Jer zu finden? Der Kavalier lief alIe Treppen auf und nieder, durch S\u00e4le und G\u00e4nge, aber keiner von allen denen, auf die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen h\u00f6ren. Und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und sagte, dass es sicher eine Fabel von denen sein m\u00fcsste, die da B\u00fccher schrieben. &#8222;Der kaiserliche Majest\u00e4t k\u00f6nnen gar nicht glauben, was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und etwas, was man die schwarze Kunst nennt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber das&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/nachtigal.htm#\">&nbsp;Buch<\/a>, in dem ich dieses gelesen habe&#8220;, sagte der Kaiser, &#8222;ist mir von dem gro\u00dfm\u00e4chtigen Kaiser von Japan gesandt, und es kann also keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall h\u00f6ren! Sie muss heute abend hier sein! Sie hat meine h\u00f6chste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll der ganze Hof auf den Leib getrampelt werden, wenn er Abendbrot gegessen hat!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Tsing-pe!&#8220; sagte der Kavalier und lief wieder alle Treppen auf und nieder, durch alle S\u00e4le und G\u00e4nge; und der halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht gern auf den Leib getrampelt werden. Da gab es ein Fragen nach der merkw\u00fcrden Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur niemand bei Hofe.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich trafen sie ein kleines, armes M\u00e4dchen in der K\u00fcche. Die sagte: &#8222;0 Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut; wie kann die singen! Jeden Abend habe ich Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter \u00dcberbleibsel vom Tische mit nach Hause zu bringen; sie wohnt unten am Strande, und wenn ich zur\u00fcckgehe, m\u00fcde bin und im Walde ausruhe, dann h\u00f6re ich die Nachtigall singen! Es kommt mir dabei das Wasser in die Augen, und es ist, als ob meine Mutter mich k\u00fc\u00dfte!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kleine K\u00f6chin&#8220;, sagte der Kavalier, &#8222;ich werde dir eine feste Anstellung in der K\u00fcche und die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, verschaffen, wenn du uns zur Nachtigall f\u00fchren kannst, denn sie ist heute abend angesagt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine Kuh zu ,br\u00fcllen an. &#8222;Oh!&#8220; sagten die Hofjunker, &#8222;nun haben wir sie! Das ist doch eine merkw\u00fcrdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die habe ich sicher schon fr\u00fcher geh\u00f6rt! &#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, das sind K\u00fche, welche br\u00fcllen!&#8220; sagte die kleine K\u00f6chin. &#8222;Wir sind noch weit von dem Orte entfernt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun quakten die Fr\u00f6sche im Sumpfe.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Herrlich!&#8220; sagte der chinesische Hofprediger. &#8222;Nun h\u00f6re ich sie; es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, das sind Fr\u00f6sche!&#8220; sagte die kleine K\u00f6chin. &#8222;Aber nun, denke ich, werden wir sie bald h\u00f6ren!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da begann die Nachtigall zu singen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist sie!&#8220; sagte das kleine M\u00e4dchen. &#8222;H\u00f6rt! h\u00f6rt! Und da sitzt sie!&#8220; Und sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ist es m\u00f6glich!&#8220; sagte der Kavalier. &#8222;So h\u00e4tte ich sie mir nimmer gedacht! Wie sie simpel aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe dar\u00fcber verloren, dass sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kleine Nachtigall!&#8220; rief die kleine K\u00f6chin ganz laut; &#8222;unser gn\u00e4digster Kaiser w\u00fcnscht, dass Sie vor ihm singen m\u00f6chten!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mit dem gr\u00f6\u00dften Vergn\u00fcgen!&#8220; sagte die Nachtigall und sang dann, dass es eine Lust war.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es klingt gerade wie Glasglocken!&#8220; sagte der Kavalier. &#8222;Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkw\u00fcrdig, dass wir sie fr\u00fcher nie geh\u00f6rt haben! Sie wird gro\u00dfes Aufsehen bei Hofe machen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?&#8220; fragte die Nachtigall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Meine vortreffliche, kleine Nachtigall!&#8220; sagte der Kavalier, &#8222;ich habe die gro\u00dfe Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend einzuladen, wo Sie Der hohe kaiserliche Gnaden mit Ihrem charmanten Gesang bezaubern werden!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der nimmt sich am besten im Gr\u00fcnen aus!&#8220; sagte die Nachtigall; aber sie kam doch gern mit, als sie h\u00f6rte, dass es der Kaiser w\u00fcnschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Schlosse war alles ordentlich geschm\u00fcckt. Die W\u00e4nde und der Fu\u00dfboden, welche von Porzellan waren, gl\u00e4nzten im Strahle vieler Tausend Goldlampen; die pr\u00e4chtigsten Blumen, welche recht klingeln konnten, waren in den G\u00e4ngen aufgestellt. Das war ein Laufen und ein Zugwind, und alle Glocken klingelten so, dass man sein eigenes Wort nicht h\u00f6ren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in dem gro\u00dfen Saal, wo der Kaiser sa\u00df, war ein goldener Stecken hingestellt, und auf dein sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da, und die kleine K\u00f6chin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der T\u00fcr zu stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofk\u00f6chin bekommen hatte. Alle waren in ihrem gr\u00f6\u00dften Putz, und alle sahen nach dem kleinen, grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Nachtigall sang so herrlich, dass dem Kaiser die Tr\u00e4nen in die Augen traten. Die Tr\u00e4nen liefen ihm \u00fcber die Wangen hernieder, und da sang die Nachtigall noch sch\u00f6ner: Das ging recht zu Herzen. Und der Kaiser war so froh, und er sagte, dass die Nachtigall seinen goldenen Pantoffel haben solle, um ihn um den HaIs zu tragen. Aber die Nachtigall dankte: Sie habe schon Belohnung genug erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe Tr\u00e4nen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste Schatz! Eines Kaisers Tr\u00e4nen haben eine besondere Kraft! Gott wei\u00df es, ich bin genug belohnt!&#8220; Und darauf sang sie wieder mit ihrer s\u00fc\u00dfen herrlichen Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist die liebensw\u00fcrdigste Schmeichelei, die ich kenne!&#8220; sagten die Damen ringsumher, und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu klucksen, wenn jemand mit ihnen spr\u00e4che. Sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Lakaien und Kammerm\u00e4dchen lie\u00dfen melden, dass auch sie zufrieden seien; und das will viel sagen, denn die sind am schwersten zu befriedigen. Kurz, die Nachtigall brachte wirklich Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen K\u00e4fig samt der Freiheit haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts herauszuspazieren. Sie bekam dann zw\u00f6lf Diener mit, welche ihr alle ein Seidenband um das Bein geschlungen hatten, an dem sie sie recht festhielten. Es war durchaus kein Vergn\u00fcgen bei einem solchen Ausflug.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Stadt sprach von dem merkw\u00fcrdigen Vogel, und begegneten sich zwei, so sagte der eine nichts anderes als &#8222;Nacht&#8220; &#8211; und der andere sagte: &#8222;gall&#8220;. Und dann seufzten sie und verstanden einander. Ja, elf H\u00f6kerkinder wurden nach ihr benannt; aber nicht eines von ihnen hatte einen Ton in der Kehle.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages erhielt der Kaiser ein gro\u00dfes Paket, auf dem geschrieben stand: &#8222;L Nachtigall. &#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da haben wir nun ein neues&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/nachtigal.htm#\">&nbsp;Buch<\/a>&nbsp;\u00fcber unsern ber\u00fchmten Vogel!&#8220; sagte der Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern ein kleines Kunstwerk, welches in der Schachtel lag: eine k\u00fcnstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, alle \u00fcberall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man Kunstvogel aufzog, konnte er eines der St\u00fccke, die der wirkliche sang, singe und dann bewegte sich der Schweif auf und nieder und gl\u00e4nzte von Silber und Gold. Um den Hals ging ein kleines Band, und darauf stand geschrieben: &#8222;1) Kaisers von Japan Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist herrlich!&#8220; sagten sie alle; und der, welcher den k\u00fcnstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogar den Titel: Kaiserlicher Obernachtigallbringer.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun m\u00fcssen sie zusammen singen: was wird das f\u00fcr ein Duett werden!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so mussten sie zusammen singen; aber es wollte nicht recht gehen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel ging auf Walzei &#8222;Der hat keine Schuld&#8220;, sagte der Spielmeister; &#8222;der ist besonders taktfest un ganz nach meiner Schule!&#8220; Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er schenkt ebensoviel Gl\u00fcck wie der wirkliche, und dann war er ja soviel niedlich anzusehen: Er gl\u00e4nzte wie Armb\u00e4nder und Busennadeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dreiunddrei\u00dfigmal sang er ein und dasselbe St\u00fcck und war noch nicht m\u00fcde Die Leute h\u00e4tten ihn gern wieder von vorn geh\u00f6rt, aber der Kaiser meinte dass nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen solle. Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, dass sie aus dem offenen Fenster zu ihren gr\u00fcne W\u00e4ldern fortgeflogen war.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber was ist denn das?&#8220; sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schalten und meinten, dass die Nachtigall ein h\u00f6chst undankbares Tier sei. &#8222;Den beste Vogel haben wir doch!&#8220; sagten sie; und so musste denn der Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddrei\u00dfigstemal, dass sie dasselbe St\u00fcck zu h\u00f6ren bekamen. Aber sie konnten es noch nicht ganz auswendig, denn es war schwer. Und der Spielmeister lobte den Vogel so au\u00dferordentlich; ja, er versichert, dass er besser als eine wirkliche Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten betr\u00e4fe, sondern auch innerlich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor allen! bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird; aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt! Man kann es erkl\u00e4ren, man kann ihn aufmachen und<\/p>\n\n\n\n<p>das menschliche Denken zeigen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen und wie das eine aus dem andern folgt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das sind ganz unsere Gedanken!&#8220; sagten sie alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am n\u00e4chsten Sonntag den Vogel dem Volke vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen h\u00f6ren, befahl der Kaiser. Und es h\u00f6rte ihn, und es wurde so vergn\u00fcgt, als ob es sich am Tee berauscht h\u00e4tte; und da sagten alle: &#8222;Oh!&#8220; und hielten den Zeigefinger in die H\u00f6he und nickten dazu. Aber die armen Fischer, welche die wirkliche Nachtigall geh\u00f6rt hatten, sagten &#8222;Es klingt h\u00fcbsch genug; die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich wei\u00df nicht, was!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die wirkliche Nachtigall ward aus dein Lande und Reiche verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen dicht bei des Kaisers Bett; all die Geschenke, welche er erhalten, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem &#8222;Hochkaiserlichen Nachttischs\u00e4nger&#8220; gestiegen, im Range bis Numero eins zur linken Seite. Denn der Kaiser rechnete die Seite f\u00fcr die vornehmste, auf der das Herz sa\u00df, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Und der Spielmeister schrieb ein Werk von f\u00fcnfundzwanzig B\u00e4nden \u00fcber den Kunstvogel; das war so gelehrt und so lang, voll von den allerschwersten chinesischen W\u00f6rtern, dass alle Leute sagten, sie h\u00e4tten es gelesen und verstanden, denn sonst w\u00e4ren sie ja dumm gewesen und w\u00e4ren auf den Leib getrampelt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und all die andern Chinesen konnten jeden kleinen Kluck in des Kunstvogels Gesang auswendig. Aber gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten; sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie. Die Stra\u00dfenbuben sangen: &#8222;Zizizi! Kluckkluckkluck!&#8220; und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das war gewiss pr\u00e4chtig!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eines Abends, als der Kunstvogel am besten sang und der Kaiser im Bett lag und darauf h\u00f6rte, sagte es inwendig im Vogel &#8222;Schwupp&#8220;. Da sprang etwas! &#8222;Schnurrrr&#8220;, alle R\u00e4der liefen herum, und dann stand die Musik still.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und lie\u00df seinen Leib\u00e4rzt rufen; aber was konnte der helfen! Dann lie\u00dfen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Sprechen und Nachsehen bekam er den Vogel etwas in Ordnung; aber er sagte, dass er sehr geschont werden m\u00fcsse, denn die Zapfen seien abgenutzt, und es w\u00e4re unm\u00f6glich, neue so einzusetzen, dass die Musik sicher ginge. Das war nun eine gro\u00dfe Trauer! Nur einmal im Jahr durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war fast schon zuviel. Aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede mit schweren Worten und sagte, dass es ebenso gut sei wie fr\u00fcher; und dann war es ebenso gut wie fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun waren f\u00fcnf Jahre vergangen, und das ganze Land bekam eine wirklich gro\u00dfe Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde alle zu ihrem Kaiser, und jetzt war er krank und konnte nicht mehr leben, sagte man. Schon war ein neuer Kaiser gew\u00e4hlt, und das Volk stand drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe und fragte den Kavalier, wie es ihrem alten Kaiser ginge.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;P!&#8220; sagte er und sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem gro\u00dfen, pr\u00e4chtigen Bette; der ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder von ihnen lief hin, den neuen Kaiser zu begr\u00fc\u00dfen. Die Kammerdiener liefen hinaus, um dar\u00fcber zu schwatzen, und die Kammerm\u00e4dchen hatten gro\u00dfe Kaffeegesellschaft. Ringsumher in allen S\u00e4len und G\u00e4ngen war Tuch gelegt, damit man niemanden gehen h\u00f6ren k\u00f6nnte, und deshalb war es da so still, so still! Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem pr\u00e4chtigen Bette mit den langen Samtgardinen und den schweren Goldquasten; hoch oben stand ein Fenster auf, und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war gerade, als ob etwas auf seiner Brust s\u00e4\u00dfe; er schlug die Augen auf, und da sah er, dass es der Tod war, der auf seiner Brust sa\u00df und sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen Hand des Kaisers goldenen S\u00e4bel, in der andern seine pr\u00e4chtige Fahne hielt. Und ringsumher aus den Falten der gro\u00dfen samtenen Bettgardinen sahen wunderliche K\u00f6pfe hervor: einige ganz h\u00e4sslich, andere so lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers b\u00f6se und gute Taten, welche ihn anblickten, jetzt, da der Tod ihm auf dem Herzen sa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Entsinnst du dich dieses?&#8220; fl\u00fcsterte einer nach dem andern. &#8222;Erinnerst du dich dessen?&#8220; Und dann erz\u00e4hlten sie ihm so viel, dass ihm der Schwei\u00df von der Stirne rann.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das habe \u00b7ich nie gewusst!&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Musik! Musik! Die gro\u00dfe chinesische Trommel!&#8220; rief er, &#8222;damit ich nicht alles zu h\u00f6ren brauche, was sie sagen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Musik! Musik!&#8220; schrie der Kaiser. &#8222;Du kleiner, herrlicher Goldvogel! Singe<\/p>\n\n\n\n<p>doch, singe! Ich habe dir ja Gold und Kostbarkeiten gegeben; ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals geh\u00e4ngt; singe doch, singe!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Vogel stand still; es war niemand da, ihn aufzuziehen, und sonst sang er nicht. Aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen gro\u00dfen leeren Augen h\u00f6hlen anzustarren, und es war so still, so schrecklich still!<\/p>\n\n\n\n<p>Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang: es war die kleine, lebendige Nachtigall, welche auf einem Zweige drau\u00dfen sa\u00df. Sie hatte von der Not ihres Kaisers geh\u00f6rt und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster immer bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte und sagte: &#8222;Fahre fort, kleine Nachtigall!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; &#8222;Ja, willst du mir den pr\u00e4chtigen goldenen S\u00e4bel geben? Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Tod gab jedes Kleinod f\u00fcr einen Gesang; und die Nachtigall fuhr noch fort zu singen; und sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die wei\u00dfen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Tr\u00e4nen der \u00dcberlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, wei\u00dfer Nebel aus&#8216; dem Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Dank, Dank!&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Du himmlischer, kleiner Vogel! Ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche gejagt! Und doch hast du die b\u00f6sen Gesichter von meinem Bette weggesungen, den Tod von meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du hast mich belohnt!&#8220; sagte die Nachtigall. &#8222;Ich habe deinen Augen Tr\u00e4nen entlockt, als ich das erstemal sang: Das vergesse ich nie! Das sind die Juwelen, die ein S\u00e4ngerherz erfreuen! &#8211; Aber schlafe nun und werde frisch und stark! Ich werde dir vorsingen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie sang &#8211; und der Kaiser fiel in einen s\u00fc\u00dfen Schlummer. Ach, so mild und wohltuend war der Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm hinein, als er gest\u00e4rkt und gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war noch zur\u00fcckgekehrt, denn sie glaubten, er sei tot; aber die Nachtigall sa\u00df noch und sang.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Immer musst du bei mir bleiben!&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Du sollst nur singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend St\u00fccke.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Tue das nicht!&#8220; sagte die Nachtigall. &#8222;Der hat ja das Gute getan, solange er konnte! Behalte ihn wie bisher! Ich kann im Schlosse nicht mein Nest bauen<\/p>\n\n\n\n<p>und wohnen; aber lass mich kommen, wenn ich selbst Lust habe: Da will ich des Abends auf dem Zweige dort beim Fenster sitzen und dir vorsingen, damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich! Ich werde von den Gl\u00fccklichen singen und von denen, die da leiden! Ich werde vom B\u00f6sen und vom Guten singen, was rings um dich her dir verborgen bleibt! Der kleine Singvogel fliegt weit umher zu dem armen Fischer, zu des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligem an sich! &#8211; Ich komme, ich singe dir vor! &#8211; Aber eins musst du mir versprechen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Alles!&#8220; sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er selbst angelegt hatte, und dr\u00fcckte den S\u00e4bel, welcher schwer von Gold war, an sein Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Um eines bitte ich dich! Erz\u00e4hle niemandem, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt: Dann wird es noch besser gehen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so flog die Nachtigall fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen &#8211; &#8211; ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: &#8222;Guten Morgen!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nachtigall M\u00e4rchen aus China In China, wei\u00dft du Wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. 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