{"id":5756,"date":"2026-04-09T01:58:37","date_gmt":"2026-04-08T23:58:37","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5756"},"modified":"2026-04-09T02:17:08","modified_gmt":"2026-04-09T00:17:08","slug":"die-nachbarfamilien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-nachbarfamilien\/","title":{"rendered":"Die Nachbarfamilien"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Nachbarfamilien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hans-Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Man h\u00e4tte wahrlich glauben sollen, dass in dem Dorfteich etwas los w\u00e4re, aber es war nichts los. Alle Enten, die gerade so sch\u00f6n auf dem Wasser lagen oder auf dem Kopf standen, denn das konnten sie, schwammen auf einmal ans Ufer; man konnte auf dem nassen Lehm die Spuren ihrer F\u00fc\u00dfe sehen, und man konnte weit und breit ihr Geschnatter h\u00f6ren. Das Wasser kam ordentlich in Bewegung, und vor kurzem war es noch blank wie ein Spiegel, in dem man jeden Baum, jeden Busch ganz nahe sah, auch das alte Bauernhaus mit den L\u00f6chern im Giebel und dem Schwalbennest, besonders aber den gro\u00dfen, mit Bl\u00fcten \u00fcbers\u00e4ten Rosenstrauch, der \u00fcber die Mauer fast bis auf das Wasser hing, und darin stand das Ganze wie ein Gem\u00e4lde, nur alles auf dem Kopf; und als das Wasser in Bewegung kam, lief alles ineinander, und das ganze Bild war fort. Zwei Federn, welche die aufflatternden Enten verloren hatten, schaukelten hin und her; auf einmal nahmen sie einen Anlauf, als ob Wind aufk\u00e4me, aber es kam kein Wind, und so mussten sie liegenbleiben, und das Wasser wurde wieder spiegelglatt. Man sah deutlich den Giebel mit dem Schwalbennest und den Rosenstrauch; jede Rose spiegelte sich, sie waren wundersch\u00f6n, wussten es aber selbst nicht, denn niemand hatte es ihnen gesagt. Die Sonne schien durch die zarten Bl\u00e4tter, die voller Duft waren; und es war f\u00fcr jede Rose wie f\u00fcr uns, wenn wir in Gedanken recht gl\u00fcckselig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie sch\u00f6n ist doch das Dasein! \u00ab sagte jede Rose. \u00bbIch h\u00e4tte nur den einzigen Wunsch, die Sonne k\u00fcssen zu k\u00f6nnen, weil sie so warm und so hell ist. \u2013 Ja, die Rosen da unten im Wasser m\u00f6chte ich auch k\u00fcssen, sie gleichen uns ganz und gar. Ich m\u00f6chte die s\u00fc\u00dfen Vogeljungen dort unten im Nest k\u00fcssen; ja, es sind auch einige \u00fcber uns. Sie strecken die K\u00f6pfe heraus und piepen leise; sie haben keine Federn wie ihr Vater und ihre Mutter. Wir haben gute Nachbarn, oben und unten. Wie sch\u00f6n ist doch das Dasein! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die kleinen Jungen oben und unten \u2013 die unten waren nur der Widerschein im Wasser \u2013 waren Sperlinge, auch Vater und Mutter waren Sperlinge. Sie hatten das leere Schwalbennest vom vergangenen Jahr genommen, und darin lagen sie nun und f\u00fchlten sich zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSind das Entenkinder, die dort schwimmen? \u00ab fragten die Sperlingsjungen, als sie die Federn auf dem Wasser treiben sahen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFragt vern\u00fcnftig, wenn ihr fragt! \u00ab sagte die Mutter. \u00bbSeht ihr denn nicht, dass es Federn sind, lebendiger Kleiderstoff, wie ich ihn habe und wie ihr ihn bekommt, aber unserer ist feiner! Ich wollte, wir h\u00e4tten sie oben im Nest, denn sie halten warm. Ich m\u00f6chte gern wissen, was die Enten so erschreckt hat, es muss etwas im Wasser gewesen sein, ich war es gewiss nicht, obwohl ich freilich ziemlich laut \u203aPiep\u2039 zu euch sagte. Die dickk\u00f6pfigen Rosen m\u00fcssten es eigentlich wissen, aber die wissen nichts, die sehen nur auf sich selbst und riechen. Ich bin dieser Nachbarn herzlich \u00fcberdr\u00fcssig! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbH\u00f6rt die s\u00fc\u00dfen kleinen V\u00f6gel dort oben\u00ab, sagten die Rosen, \u00bbsie wollen nun auch anfangen zu singen! Sie k\u00f6nnen es noch nicht, aber das kommt noch. Das wird ein Vergn\u00fcgen geben! Es ist recht lustig, solche vergn\u00fcgten Nachbarn zu haben. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich kamen zwei Pferde im Galopp heran und wollten zur Tr\u00e4nke. Ein Bauernbursche sa\u00df auf dem einen, er hatte alle seine Kleider abgelegt bis auf seinen schwarzen Hut. Der Bursche fl\u00f6tete, als ob er ein kleiner Vogel w\u00e4re, und ritt in den Teich hinein, wo er am tiefsten war, und als er an dem Rosenstrauch vor\u00fcberkam, brach er eine Rose ab und steckte sie an seinen Hut, und nun kam er sich sch\u00f6n geputzt vor und ritt weiter. Die andern Rosen sahen ihrer Schwester nach und fragten sich: \u00bbWohin reist sie wohl? \u00ab Aber niemand wusste es.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch m\u00f6chte schon einmal in die Welt hinaus\u00ab, sagte die eine zur andern, \u00bbdoch hier zu Hause in unserem eigenen Gr\u00fcn ist es auch sch\u00f6n. Den Tag \u00fcber scheint die Sonne so warm, und in der Nacht gl\u00e4nzt der Himmel noch sch\u00f6ner, das k\u00f6nnen wir durch all die kleinen L\u00f6cher sehen, die darin sind.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hielten die Sterne f\u00fcr L\u00f6cher, denn besser wussten es die Rosen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir bringen Leben ins Haus\u00ab, sagte die Sperlingsmutter, \u00bbund Schwalbennester bringen Gl\u00fcck, sagen die Leute, darum sind sie so froh, dass sie uns haben! Aber die Nachbarn! So ein ganzer Rosenstrauch an der Mauer gibt Feuchtigkeit. Ich denke, er kommt wohl fort, dann kann dort Korn wachsen. Die Rosen sind nur zum Ansehen und zum Riechen da oder h\u00f6chstens, um sie an den Hut zu stecken. Jedes Jahr, das wei\u00df ich von meiner Mutter, fallen sie ab. Die Bauersfrau salzt sie ein, sie bekommen einen franz\u00f6sischen Namen, den ich weder aussprechen kann noch mag, sie werden aufs Feuer gelegt, wenn sie gut riechen sollen. Seht, das ist ihr Lebenslauf, sie sind nur f\u00fcr das Auge und die Nase da. Nun wisst ihr es! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als es Abend wurde und die M\u00fccken in der warmen Luft und in den roten Wolken tanzten, kam die Nachtigall und sang den Rosen vor, dass das Sch\u00f6ne wie der Sonnenschein in dieser Welt sei und dass das Sch\u00f6ne ewig lebe. Die Rosen aber glaubten, dass die Nachtigall von sich selber s\u00e4nge, und das konnte man ja auch denken. Dass der Gesang ihnen galt, daran dachten sie nicht, aber sie freuten sich dar\u00fcber und \u00fcberlegten, ob wohl all die kleinen Sperlinge auch Nachtigallen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir haben recht gut verstanden, was der Vogel gesungen hat\u00ab, sagten die jungen Sperlinge, \u00bbnur ein Wort haben wir nicht verstanden: was ist das Sch\u00f6ne? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist nichts\u00ab, sagte die Sperlingsmutter, \u00bbdas ist nur etwas \u00c4u\u00dferliches. Oben auf dem Gutshof, wo die Tauben ihr eigenes Haus haben und ihnen jeden Tag Erbsen und Korn in den Hof gestreut werden \u2013 ich habe selbst mit ihnen gegessen, und dazu sollt ihr auch noch kommen, sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist! \u2013, dort oben auf dem Gutshof haben sie zwei V\u00f6gel mit gr\u00fcnen H\u00e4lsen und einem Kamm auf dem Kopf; die k\u00f6nnen den Schweif ausbreiten wie ein gro\u00dfes Rad, und er schillert in allen Farben, so dass es den Augen weh tut; Pfauen werden sie genannt, und sie sind das Sch\u00f6ne. Sie sollten nur ein wenig gerupft werden, dann w\u00fcrden sie nicht anders aussehen als wir andern alle. Ich h\u00e4tte sie schon gehackt, wenn sie nur nicht so gro\u00df w\u00e4ren. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch will sie hacken\u00ab, sagte der kleinste Sperling, der noch keine Federn hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bauernhaus wohnten zwei junge Leute; sie liebten sich sehr, waren flei\u00dfig und flink, es war sehr h\u00fcbsch bei ihnen. Des Sonntags fr\u00fch kam die junge Frau heraus, pfl\u00fcckte eine Handvoll der sch\u00f6nsten Rosen und setzte sie in ein Wasserglas, und das stellte sie mitten auf die Kommode.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJetzt sehe ich, dass es Sonntag ist\u00ab, sagte der Mann und k\u00fcsste seine kleine Frau, und sie setzten sich, lasen im Gesangbuch und hielten sich bei den H\u00e4nden, und die Sonne schien durch die Fenster hinein auf die frischen Rosen und die jungen Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe es satt, das zu sehen! \u00ab sagte die Sperlingsmutter, die von dem Nest in die Stube hineinguckte; und dann flog sie davon.<\/p>\n\n\n\n<p>So ging es auch den n\u00e4chsten Sonntag, denn jeden Sonntag kamen frische Rosen in das Glas, und immer bl\u00fchte die Rosenhecke gleich sch\u00f6n. Die Sperlingsjungen hatten nun Federn bekommen und wollten gern mitfliegen, die Mutter aber sagte: \u00bbIhr bleibt da! \u00ab Und so mussten sie dableiben. Sie flog, aber wie sie nun flog, auf einmal hing sie in einer Vogelschlinge aus Pferdehaaren, die einige Knaben an einem Zweig angebracht hatten. Die Pferdehaare zogen sich fest um das Bein zusammen, so fest, als sollte es durchgeschnitten werden; das war ein Schmerz, das war ein Schrecken! Die Knaben sprangen hinzu und ergriffen den Vogel und packten so grausam hart zu. \u00bbEs ist nur ein Sperling! \u00ab sagten sie, aber sie lie\u00dfen ihn doch nicht wieder fliegen, sondern nahmen ihn mit nach Hause; und jedes Mal, wenn er schrie, schlugen sie ihm auf den Schnabel.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bauernhof stand ein alter Mann, der konnte Seife f\u00fcr den Bart und f\u00fcr die H\u00e4nde machen, Seife in Kugeln und Seife in St\u00fccken. Es war so ein umherwandernder lustiger Alter, und als er den Sperling sah, mit dem die Knaben ankamen und aus dem sie sich, wie sie sagten, gar nichts machten, sagte er: \u00bbWollen wir ihn sch\u00f6n machen?\u00ab Und die Sperlingsmutter schauderte es, als er das sagte. Aus dem Kasten, worin die sch\u00f6nsten Farben lagen, nahm er eine Menge gl\u00e4nzendes Schaumgold, und die Knaben mussten ein Ei holen, von dem er das Wei\u00dfe nahm und damit den ganzen Vogel bestrich und das Schaumgold draufklebte, und dann war die Sperlingsmutter vergoldet. Sie aber dachte nicht an die Pracht, sie zitterte an allen Gliedern. Und der Seifenmann riss einen Lappen von dem roten Futter seiner alten Jacke, schnitt ihn zu einem gezackten Hahnenkamm und klebte ihn dem Vogel auf den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun sollt ihr den Goldvogel fliegen sehen\u00ab, sagte der Alte und lie\u00df den Sperling los, der in der entsetzlichsten Angst in dem hellen Sonnenschein davonflog. Nein, wie er gl\u00e4nzte! Alle Sperlinge, selbst eine gro\u00dfe Kr\u00e4he, nicht mehr jung an Jahren, erschraken sehr \u00fcber diesen Anblick, aber sie flogen doch hinterdrein, denn sie wollten wissen, was es f\u00fcr ein fremder Vogel sei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWoher? Woher? \u00ab schrie die Kr\u00e4he.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWart ein bisschen! Wart ein bisschen! \u00ab sagten die Sperlinge. Aber sie wollte nicht warten, in Angst und Entsetzen flog sie heimw\u00e4rts; sie war nahe daran, zur Erde zu sinken; und immer mehr V\u00f6gel kamen hinzu, kleine und gro\u00dfe; einige flogen ganz dicht an sie heran, um auf sie loszuhacken. \u00bbSieh mal den! Sieh mal den! \u00ab schrien sie alle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSieh mal den! Sieh mal den! \u00ab schrien die Jungen, als sie zum Nest flog. \u00bbDas ist bestimmt ein junger Pfau, der hat alle Farben, die in die Augen stechen, wie die Mutter sagte. Piep! Das ist das Sch\u00f6ne! \u00ab Und nun hackten sie mit ihren kleinen Schn\u00e4beln, dass es ihr nicht m\u00f6glich war, hineinzuschl\u00fcpfen, und sie war so entsetzt, dass sie nicht einmal \u203aPiep! \u2039 oder \u203aIch bin ja eure Mutter! \u2039 sagen konnte. Die anderen V\u00f6gel hackten auch alle auf sie ein, so dass ihr alle Federn ausgingen, und blutend sank die Sperlingsmutter in die Rosenhecke.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu armes Tier! \u00ab sagten die Rosen, \u00bbkomm, wir wollen dich verbergen! Lehn dein K\u00f6pfchen an uns! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sperlingsmutter breitete noch einmal die Fl\u00fcgel aus, zog sie dann wieder fest an sich und lag tot bei der Nachbarfamilie, den sch\u00f6nen frischen Rosen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPiep! \u00ab sagten die Sperlingsjungen im Nest. \u00bbWo nur die Mutter bleibt, das ist unbegreiflich. Es wird doch nicht ein Trick von ihr sein, dass wir jetzt f\u00fcr uns selbst sorgen sollen! Das Haus hat sie uns als Erbteil hinterlassen, wer von uns soll es nun aber allein haben, wenn wir Familie bekommen? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, ich kann euch nicht hierbehalten, wenn ich meine Wirtschaft durch Frau und Kinder erweitere! \u00ab meinte der Kleinste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bekomme wohl mehr Frauen und Kinder als du! \u00ab sagte der Zweite.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin aber der \u00c4lteste! \u00ab sagte ein Dritter. Alle gerieten nun in Streit, schlugen mit den Fl\u00fcgeln, hackten mit den Schn\u00e4beln, und bums! wurde einer nach dem andern aus dem Nest gepufft. Da lagen sie und waren b\u00f6se. Den Kopf hielten sie ganz auf die eine Seite und blinzelten dabei mit einem Auge nach oben. Das war so ihre Art zu schmollen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen konnten sie schon fliegen, und dann \u00fcbten sie sich noch etwas mehr, und zuletzt wurden sie sich dar\u00fcber einig, dass sie, um sich zu erkennen, wenn sie sich einmal in der Welt begegnen w\u00fcrden, piep! sagen und dreimal mit dem linken Fu\u00df kratzen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Junge, das im Nest zur\u00fcckgeblieben war, machte sich so breit, wie es nur konnte, es war ja nun Hausbesitzer, aber das dauerte nicht lange. \u2013 In der Nacht leuchtete das rote Feuer durch das Fenster, die Flammen schlugen unter dem Dach hervor, das trockene Stroh loderte hoch empor, das ganze Haus verbrannte und der junge Sperling mit, das junge Ehepaar aber kam gl\u00fccklich davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Sonne am n\u00e4chsten Morgen aufgegangen war und alles so frisch aussah wie nach einem sanften Nachtschlaf, war von dem Bauernhaus nichts weiter zur\u00fcckgeblieben als einige schwarze, verkohlte Balken, die sich an den Schornstein lehnten, der nun sein eigener Herr war. Es rauchte stark aus dem Schutt, aber davor stand frisch und bl\u00fchend der heile Rosenstrauch, der jede Bl\u00fcte, jeden Zweig in dem stillen Wasser spiegelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein, wie sch\u00f6n doch die Rosen vor dem niedergebrannten Hause bl\u00fchen! \u00ab rief ein Mann, der dort vorbeikam, \u00bbdas ist das lieblichste Bild! Das muss ich haben. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Mann nahm aus der Tasche ein kleines Buch mit wei\u00dfen Bl\u00e4ttern und seinen Bleistift hervor, denn er war ein Maler, und zeichnete dann die rauchenden Tr\u00fcmmer, die verkohlten Balken an dem schiefen Schornstein, der sich mehr und mehr neigte. Aber ganz vorn stand die gro\u00dfe bl\u00fchende Rosenhecke, sie war so herrlich und ja auch allein daran schuld, dass das Ganze gezeichnet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter kamen zwei von den Sperlingen vorbei, die hier geboren waren. \u00bbWo ist das Haus? \u00ab fragten sie. \u00bbWo ist das Nest? Piep! Alles ist verbrannt und unser starker Bruder mit. Das hat er nun davon, dass er das Nest behielt. Die Rosen sind gut davongekommen; da stehen sie noch mit roten Wangen, sie trauern nicht \u00fcber das Ungl\u00fcck der Nachbarn. Ja, ich spreche nicht mit ihnen, und h\u00e4sslich ist es hier, das ist meine Meinung! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dann flogen sie davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Herbst gab es einen herrlichen sonnigen Tag, man h\u00e4tte ordentlich glauben k\u00f6nnen, es sei noch mitten im Sommer. Es war trocken und rein im Hof vor der gro\u00dfen Treppe zum Gutshaus, und dort spazierten Tauben, schwarze und wei\u00dfe und violette, die im Sonnenschein gl\u00e4nzten, und die alten Taubenm\u00fctter plusterten sich auf und sagten zu den Jungen: \u00bbSteht in Gruppen! Steht in Gruppen! \u00ab \u2013 Denn so sahen sie viel besser aus. \u00bbWas sind das f\u00fcr kleine Graue, die zwischen uns umherlaufen? \u00ab fragte eine alte Taube mit Rot und Gr\u00fcn in den Augen. \u00bbGrauchen! Grauchen! \u00ab rief sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs sind Sperlinge, brave Tiere. Wir haben stets in dem Ruf gestanden, fromm zu sein, und darum wollen wir sie picken lassen; sie reden uns nicht hinein und kratzen so nett mit den F\u00fc\u00dfen. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sie kratzten dreimal mit dem Fu\u00df, und zwar mit dem linken Fu\u00df, und sagten \u203aPiep! \u2039 Daran erkannten sie sich, denn es waren Sperlinge aus dem abgebrannten Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHier gibt es au\u00dferordentlich gut zu essen! \u00ab sagten die Sperlinge. Die Tauben stolzierten umeinander herum, br\u00fcsteten sich und behielten ihre Meinung f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSiehst du die Kropftaube? \u00ab sagte die eine zu der anderen. \u00bbSiehst du, wie sie die Erbsen verschluckt? Sie bekommt zu viele! Sie bekommt die besten! Gurre! Gurre! Siehst du, wie kahlk\u00f6pfig sie wird! Siehst du das naschhafte, garstige Tier! Knurre! Knurre! \u00ab Und alle Augen funkelten vor Bosheit! \u00bbSteht in Gruppen! Steht in Gruppen! Grauchen! Grauchen! Knurre! Knurre! Knurre! \u00ab ging es in einem fort, und so wird es in tausend Jahren noch gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sperlinge a\u00dfen gut, und sie h\u00f6rten gut zu, ja, sie stellten sich auch auf, aber das stand ihnen nicht. Sie waren nun satt und gingen von den Tauben fort und sagten einander ihre Meinung \u00fcber sie, h\u00fcpften unter dem Gartenzaun hindurch, und da die T\u00fcr zur Gartenstube offenstand, h\u00fcpfte der eine, der \u00fcbersatt und daher mutig war, auf die Schwelle. \u00bbPiep! \u00ab sagte er, \u00bbdas darf ich! \u00ab \u2013 \u00bbPiep! \u00ab sagte der andere, \u00bbdas darf ich auch und noch etwas mehr! \u00ab Und er h\u00fcpfte in die Stube hinein. Es waren keine Leute da; das sah der dritte wohl, und so flog er noch tiefer in die Stube und rief: \u00bbEntweder ganz oder gar nicht! Es ist \u00fcbrigens ein l\u00e4cherliches Menschennest. Und was haben sie hier aufgestellt! Nein, was ist das alles? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade vor den Sperlingen bl\u00fchten ja die Rosen, die sich im Wasser spiegelten, und die verkohlten Balken lehnten an dem bauf\u00e4lligen Schornstein. \u00bbNein, was ist denn das? Wie kommt das in die Gutshofsstube? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und alle drei Sperlinge wollten \u00fcber die Rosen und den Schornstein fliegen, sie flogen aber gegen eine flache Wand. Das Ganze war ein Gem\u00e4lde, ein gro\u00dfes, pr\u00e4chtiges St\u00fcck, das der Maler nach seiner kleinen Zeichnung gemacht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPiep! \u00ab sagten die Sperlinge, \u00bbes ist nichts! Es sieht nur nach etwas aus. Piep! das ist das Sch\u00f6ne. Kannst du es begreifen? Ich nicht!\u00ab Und sie flogen davon, denn es kamen Menschen in die Stube.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun vergingen Jahr und Tag. Die Tauben hatten manches Mal gegurrt \u2013 um nicht zu sagen geknurrt, die boshaften Tiere! Die Sperlinge hatten im Winter gefroren und im Sommer flott gelebt. Sie waren alle verlobt oder verheiratet, oder wie man es nun nennen will. Sie hatten Junge, und jeder hielt sein Junges nat\u00fcrlich f\u00fcr das sch\u00f6nste und kl\u00fcgste. Einer flog hierhin, einer dorthin, und trafen sie sich, so erkannten sie einander an ihrem \u203aPiep! \u2039 und dem dreimaligen Kratzen mit dem linken Fu\u00df. Das \u00e4lteste von ihnen war eine alte Jungfer, hatte kein Nest und hatte keine Jungen; sie wollte so gern einmal eine gro\u00dfe Stadt sehen, und so flog sie nach Kopenhagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort war ein gro\u00dfes Haus mit vielen Farben; es stand dicht am Schloss und am Kanal, in dem viele mit \u00c4pfeln und T\u00f6pfen beladene Schiffe lagen. Die Fenster waren unten breiter als oben, und wenn die Sperlinge hineinguckten, so kam ihnen jede Stube wie eine Tulpe vor, mit allen m\u00f6glichen Farben und Schn\u00f6rkeln. Mitten in der Tulpe standen wei\u00dfe Menschen, die waren aus Marmor, einige waren aus Gips, aber das kommt f\u00fcr Sperlingsaugen auf eins hinaus. Oben auf dem Haus stand ein Metallwagen mit Metallpferden bespannt, und die Siegesg\u00f6ttin, auch aus Metall, lenkte sie. Es war Thorvaldsens Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie es gl\u00e4nzt, wie es gl\u00e4nzt! \u00ab sagte das Sperlingsfr\u00e4ulein. \u00bbDas ist wohl das Sch\u00f6ne. Piep! Hier ist es aber gr\u00f6\u00dfer als ein Pfau! \u00ab Es erinnerte sich noch aus seiner Kindheit, was das gr\u00f6\u00dfte Sch\u00f6ne war, das die Mutter gekannt hatte. Und es flog in den Hof hinunter; dort war es auch pr\u00e4chtig, dort waren an die W\u00e4nde Palmen und Zweige gemalt, und mitten im Hof stand ein gro\u00dfer bl\u00fchender Rosenstrauch; er neigte seine frischen Zweige mit den vielen Rosen \u00fcber ein Grab. Dahin flog das Sperlingsfr\u00e4ulein, denn dort liefen viele Sperlinge \u2013 \u203apiep! \u2039 und drei Kratzer mit dem linken Fu\u00df. Den Gru\u00df hatte es nun Jahr und Tag viele Male gemacht, und keiner hatte ihn verstanden, denn die einmal getrennt sind, treffen sich nicht alle Tage. Der Gru\u00df war zur Gewohnheit geworden, aber heute waren dort zwei alte Sperlinge und ein junger, die sagten \u203apiep! \u2039 und kratzten mit dem linken Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSieh da, guten Tag, guten Tag! \u00ab Es waren zwei Alte aus dem Sperlingsnest und noch ein kleiner aus der Familie. \u00bbDass wir uns hiertreffen! \u00ab sagten sie. \u00bbDas ist ein vornehmer Ort, aber hier gibt es nicht viel zu essen. Das ist das Sch\u00f6ne! Piep! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und es kamen viele Menschen aus den Seitenr\u00e4umen, wo die pr\u00e4chtigen Marmorgestalten standen, und sie gingen zu dem Grab, das den gro\u00dfen Meister barg, der die Marmorgestalten geformt hatte. Alle standen mit verkl\u00e4rten Gesichtern um Thorvaldsens Grab, und einzelne lasen die abgefallenen Rosenbl\u00e4tter auf und verwahrten sie. Dort waren Leute von weit her; sie kamen aus dem gro\u00dfen England, aus Deutschland und Frankreich. Die sch\u00f6nste Dame nahm eine der Rosen und steckte sie an ihre Brust. Da glaubten die Sperlinge, dass die Rosen hier regierten und dass das ganze Haus ihretwegen gebaut sei. Das schien ihnen freilich ein wenig zu viel, aber da die Menschen all ihre Liebe f\u00fcr die Rosen zeigten, wollten sie nicht zur\u00fcckstehen. \u00bbPiep\u00ab! sagten sie und kehrten den Fu\u00dfboden mit ihrem Schwanz und sahen mit einem Auge nach den Rosen. Bald aber wussten sie, dass es die alten Nachbarn waren. Und sie waren es wirklich. Der Maler, der den Rosenbusch bei dem abgebrannten Haus gezeichnet, hatte sp\u00e4ter gegen Ende des Jahres Erlaubnis bekommen, ihn auszugraben, und hatte ihn dem Baumeister gegeben, denn sch\u00f6nere Rosen gab es nicht; und der Baumeister hatte ihn auf Thorvaldsens Grab gepflanzt, wo er als Bild des Sch\u00f6nen bl\u00fchte und seine roten, duftenden Bl\u00e4tter hingab, um in ferne L\u00e4nder als Erinnerung getragen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHabt ihr hier in der Stadt Anstellung gefunden? \u00ab fragten die Sperlinge. Und die Rosen nickten; sie erkannten die grauen Nachbarn und freuten sich, sie wiederzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie ist es doch herrlich zu leben und zu bl\u00fchen, alte Freunde und jeden Tag sanfte Gesichter zu sehen! Hier ist es gerade, als w\u00e4re jeder Tag ein gro\u00dfer Festtag. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPiep! \u00ab sagten die Sperlinge. \u00bbJa, es sind wahrlich die alten Nachbarn! Ihrer Herkunft vom Dorfteich erinnern wir uns. Piep! Wie die zu Ehren gekommen sind! Ja, manchem wird es im Schlaf gegeben. Und was an so einem roten Klecks h\u00fcbsch sein soll, das wei\u00df ich nicht! \u2013 Und da sitzt auch ein verwelktes Blatt, das sehe ich ganz genau! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie pickten so lange daran, bis das Blatt abfiel, und noch frischer und gr\u00fcner stand der Busch, und die Rosen dufteten im Sonnenschein auf Thorvaldsens Grab, mit dessen unsterblichen Namen sich ihre Sch\u00f6nheit verband.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nachbarfamilien Hans-Christian Andersen Man h\u00e4tte wahrlich glauben sollen, dass in dem Dorfteich etwas los w\u00e4re, aber es war nichts los. Alle Enten, die gerade so sch\u00f6n auf dem Wasser lagen oder auf dem Kopf standen, denn das konnten sie, schwammen auf einmal ans Ufer; man konnte auf dem nassen Lehm die Spuren ihrer F\u00fc\u00dfe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5758,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-5756","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5756","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5756"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5756\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5757,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5756\/revisions\/5757"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5758"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}