{"id":5744,"date":"2026-04-08T03:27:37","date_gmt":"2026-04-08T01:27:37","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5744"},"modified":"2026-04-08T03:27:37","modified_gmt":"2026-04-08T01:27:37","slug":"das-maerchen-von-dem-myrtenfraeulein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen-von-dem-myrtenfraeulein\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von dem Myrtenfr\u00e4ulein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das M\u00e4rchen von dem Myrtenfr\u00e4ulein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Clemens Brentano<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Im sandigen Lande, wo nicht viel Gr\u00fcnes w\u00e4chst, wohnten einige Meilen von der porzellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth residierte, ein T\u00f6pfer und seine Frau mitten auf ihrem Ton Feld neben ihrem T\u00f6pferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. Das Land war ringsum so flach wie ein See, kein Baum und Busch war zu sehen, und es war gar betr\u00fcbt und langweilig. T\u00e4glich beteten die guten Leute zum Himmel, er m\u00f6ge ihnen doch ein Kind bescheren, damit sie eine Unterhaltung h\u00e4tten, aber der Himmel erh\u00f6rte ihre W\u00fcnsche nicht. Der T\u00f6pfer verzierte alle seine Gef\u00e4\u00dfe mit sch\u00f6nen Engelsk\u00f6pfen, und die T\u00f6pferin tr\u00e4umte alle Nacht von gr\u00fcnen Wiesen und anmutigen Geb\u00fcschen und B\u00e4umen, bei welchen Kinder spielten; denn wonach das Herz sich sehnt, das hat man immer vor Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einstens hatte der T\u00f6pfer seiner Frau zwei sch\u00f6ne Werke auf ihrem Geburtstag verfertigt, eine wundersch\u00f6ne Wiege von dem wei\u00dfesten Ton, ganz mit goldenen Engelsk\u00f6pfen und Rosen verziert, und ein gro\u00dfes Gartengef\u00e4\u00df von rotem Ton, rings mit bunten Schmetterlingen und Blumen bemalt. Sie machte sich ein Bettchen in die Wiege und f\u00fcllte das Gartengef\u00e4\u00df mit der besten Erde, die sie selbst stundenweit in ihrer Sch\u00fcrze dazu herbeitrug, und so stellte sie die beiden Geschenke neben ihre Schlafstelle, in best\u00e4ndiger Hoffnung, der Himmel werde ihr ihre Bitte gew\u00e4hren; und so betete sie auch einst abends von ganzer Seele:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Herr, ich flehe auf den Knien,<br>Schenke mir ein liebes Kind,<br>Fromm will ich es auferziehen:<br>Ists ein M\u00e4gdlein, dass es spinnt<br>Einen klaren reinen Faden<br>Und dabei h\u00fcbsch singt und betet;<br>Ists ein Sohn durch deine Gnaden,<br>Dass er kluge Dinge redet<br>Und ein Mann wird treu von Worten,<br>Stark von Willen, k\u00fchn von Tat,<br>Der geehrt wird aller Orten,<br>Wie im Kampfe, so im Rat.<br>Herr! bereitet ist die Wiege,<br>Gib, dass mir ein Kind drin liege!<br>Ach, und sollte es nicht sein,<br>Gib mir doch nur eine Wonne,<br>W\u00e4rs auch nur ein B\u00e4umelein,<br>das ich in der lieben Sonne<br>K\u00f6nnte ziehen, k\u00f6nnte pflegen,<br>Dass ich mich mit meinem Gatten<br>Einst im selbsterzognen Schatten<br>Unter ihm ins Grab k\u00f6nnt legen.<\/p>\n\n\n\n<p>So betete die gute Frau unter Tr\u00e4nen und ging zu Bett. In der Nacht war ein schweres Gewitter, es donnerte und blitzte, und einmal fuhr ein heller Glanz durch die Schlafkammer. Am andern Morgen war das sch\u00f6nste Wetter, ein k\u00fchler Wind wehte durch das offene Fenster, und die gute T\u00f6pferin lag in einem s\u00fc\u00dfen Traum, als sitze sie unter einem sch\u00f6nen Myrtenbaum bei ihrem lieben Manne. Da s\u00e4uselte das Laub um sie und sie erwachte, und siehe da! ein frisches junges Myrtenreis lag neben ihr auf dem Kopfkissen und spielte mit seinen zarten im Winde bewegten Bl\u00e4ttern um ihre Wangen. Da weckte sie mit gro\u00dfen Freuden ihren Mann, und zeigte es ihm, und sie dankten beide Gott auf ihren Knien, dass er ihnen doch etwas Lebendiges geschenkt hatte, das sie k\u00f6nnten gr\u00fcnen und bl\u00fchen sehen. Sie pflanzten das Myrtenreis mit der gr\u00f6\u00dften Sorgfalt in das sch\u00f6ne Gartengef\u00e4\u00df, und es war t\u00e4glich ihr liebstes Gesch\u00e4ft, das junge St\u00e4mmchen zu begie\u00dfen und in der Sonne zu setzen und vor b\u00f6sem Tau und rauen Winden zu sch\u00fctzen. Der Myrtenreis wuchs zusehends unter ihren H\u00e4nden und duftete ihnen Fried und Freud ins Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam einstens der Landesherr, Prinz Wetschwuth, in diese Gegend mit einigen Gelehrten, um neue Porzellanerde zu entdecken; denn es wurden in seiner Hauptstadt Porzellania so viele H\u00e4user davon gebaut, dass diese Erde in der N\u00e4he der Stadt selten geworden war. Da er in die Wohnung des T\u00f6pfers eintrat, ihn um seinen Rat zu fragen, ward er bei dem Anblick des Myrtenb\u00e4umchens so durch dessen Sch\u00f6nheit hingerissen, dass er alles andere verga\u00df und in lauter Verwunderung ausrief: &#8222;O wie lieblich, wie reizend ist diese Myrte! Ihr Anblick hat f\u00fcr mein Herz etwas ungemein Erquickendes, ich m\u00f6chte immer in der N\u00e4he dieses Baumes leben &#8211; nein, ich kann ihn nicht entbehren, ich muss ihn besitzen, und m\u00fcsste ich ihn mit einem Auge erkaufen.&#8220; Nach diesem Ausruf fragte er sogleich den T\u00f6pfer und seine Frau, was sie f\u00fcr die Myrte verlangten. Diese guten Leute erkl\u00e4rten auf die bescheidenste Weise, dass sie den Baum nicht verkaufen wollten, und dass er das Liebste sei, was sie auf Erden h\u00e4tten. &#8222;Ach,&#8220; sagte die T\u00f6pferin, &#8222;ich k\u00f6nnte nicht leben, wenn ich meine Myrte nicht vor mir s\u00e4he; ja sie ist mir so lieb und wert, als w\u00e4re sie mein Kind, und kein K\u00f6nigreich n\u00e4hme ich f\u00fcr diese meine Myrte.&#8220; Da der Prinz Wetschwuth dies h\u00f6rte, ward er sehr traurig und begab sich nach seinem Schlosse zur\u00fcck. Seine Sehnsucht nach der Myrte ward so gro\u00df, dass er in eine Krankheit fiel und das ganze Land um ihn bek\u00fcmmert wurde. Da kamen Abgesandte zu dem T\u00f6pfer und seiner Frau, und forderten sie auf, die Myrte dem Prinzen zu \u00fcberlassen, damit er nicht vor Sehnsucht sterben m\u00f6chte. Nach langen Unterhandlungen sagte die Frau: &#8222;Wenn er die Myrte nicht hat, so muss er sterben, und wenn wir die Myrte nicht haben, so k\u00f6nnen wir nicht leben; will der Prinz nun die Myrte haben, so muss er uns auch mitnehmen, wir wollen sie ihm \u00fcberbringen und ihn anflehen, dass er uns als treue Diener in sein Schloss aufnehme, damit wir die geliebte Myrte dann und wann sehen und uns an ihr erfreuen k\u00f6nnen.&#8220; Das waren die Abgesandten zufrieden, sie schickten gleich einen Reiter in die Stadt mit der frohen Nachricht, die Myrte werde ankommen, der Prinz sollte Mut fassen. Nun stellte der T\u00f6pfer das Gef\u00e4\u00df mit der Myrte auf eine Tragbahre, \u00fcber welche die Frau ihre sch\u00f6nsten seidenen T\u00fccher gebreitet hatte, und sie trugen beide, nachdem sie ihre H\u00fctte verschlossen hatten, den geliebten Baum nach der Stadt, wohin sie von den Abgesandten begleitet wurden. Von der Stadt kam ihnen der Prinz selbst in einem Wagen entgegen und hatte ein goldenes Gie\u00dfk\u00e4nnchen in der Hand, womit er die geliebte Myrte begoss, bei deren Anblick er sich sichtbar erholte. Vier wei\u00dfgekleidete, mit Rosen geschm\u00fcckte Jungfrauen kamen mit einem rotseidenen Traghimmel, unter welchem die Myrte nach dem Schloss getragen wurde. Kinder streuten Blumen, und alles Volk war froh und warf die M\u00fctzen in die H\u00f6he. Nur neun Fr\u00e4ulein in der Stadt waren nicht bei der allgemeinen Freude zugegen, denn sie w\u00fcnschten, dass die Myrte verdorren m\u00f6chte, weil der Prinz, ehe er die Myrte gesehen hatte, sie oft besuchte und jede von ihnen gehofft hatte, einst Beherrscherin der Stadt Porzellania zu werden. Seit aber von der Myrte die Rede war, hatte er sich nicht mehr um sie bek\u00fcmmert; drum waren sie auf den unschuldigen Baum so erbittert, dass sich an diesem Freudentage keine von ihnen erblicken lie\u00df. Der Prinz lie\u00df die Myrte an das Fenster seiner Stube stellen und gab dem T\u00f6pfer und seiner Frau eine Wohnung im Schlossgarten, aus deren Fenster sie die Myrte immer erblicken konnten, womit die guten Leute dann auch wohl zufrieden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prinz war bald wieder ganz gesund; er pflegte den Baum mit einer unbeschreiblichen Liebe und Sorgfalt; auch wuchs dieser und breitete sich aus zu aller Freude. Einstens setzte sich der Prinz abends neben dem Baume auf sein Ruhebett. Alles war ruhig im Schloss, und er entschlummerte in tiefen Gedanken. Da nun die Nacht alles bedeckt hatte, h\u00f6rte er ein wunderbares S\u00e4useln in seinem Baum und erwachte und lauschte; da vernahm er eine leise Bewegung in seiner Stube herum, und ein s\u00fc\u00dfer Duft breitete sich umher. Er war stille, stille und lauschte immerfort; endlich, da es ihm wieder so wunderbar in der Myrte s\u00e4uselte, begann er zu singen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Sag, warum dies s\u00fc\u00dfe Rauschen,<br>Meine wundersch\u00f6ne Myrte!<br>O mein Baum, f\u00fcr den ich so gl\u00fche?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Da sang eine liebliche leise Stime wider:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Dank will ich f\u00fcr Freundschaft tauschen<br>Meinem wunderguten Wirte,<br>Meinem Herrn, f\u00fcr den ich bl\u00fche!<\/p>\n\n\n\n<p>Da war der Prinz \u00fcber die Stimme so entz\u00fcckt, dass es nicht auszusprechen ist; aber bald ward seine Freude noch viel gr\u00f6\u00dfer, denn er bemerkte, dass sich jemand auf den Schemel zu seinen F\u00fc\u00dfen setzte, und da er die Hand darnach ausstreckte, ergriff eine zarte Hand die seinige und f\u00fchrte sie an die Lippen eines Mundes, welcher sprach: &#8222;Mein teurer Herr und Prinz! frage nicht, wer ich bin; erlaube mir nur dann und wann in der Stille der Nacht zu deinen F\u00fc\u00dfen zu sitzen und dir zu danken f\u00fcr die treue Pflege, welche du mir in der Myrte bewiesen, denn ich bin die Bewohnerin dieser Myrte; aber mein Dank f\u00fcr deine Zuneigung ist so gewachsen, dass er keinen Raum mehr in diesem Baume hatte, und so hat es mir der Himmel verg\u00f6nnt, in menschlichen Gestalt dir manchmal nahezu sein.&#8220; Der Prinz war entz\u00fcckt \u00fcber diese Worte und pries sich unendlich gl\u00fccklich durch dies Geschenk der G\u00f6tter. Sie unterhielten sich einige Stunden, und sie sprach so weise und klug, dass er vor Begierde brannte, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das Myrtenfr\u00e4ulein aber sagte zu ihm: &#8222;Lass mich erst ein kleines Lied singen, dann kannst du mich sehen&#8220;, und sie sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">S\u00e4usle, liebe Myrte!<br>Wie still ists in der Welt,<br>Der Mond, der Sternenhirte<br>Auf klarem Himmelsfeld,<br>Treibt schon die Wolkenschafe<br>Zum Born des Lichtes hin,<br>Schlaf, mein Freund, o schlafe,<br>Bis ich wieder bei dir bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu s\u00e4uselte die Myrte, und die Wolken trieben so langsam am Himmel hin, und die Springbrunnen pl\u00e4tscherten so leise im Garten, und der Gesang war so sanft, dass der Prinz einschlief, und als er kaum nickte, erhob sich das Myrtenfr\u00e4ulein leise, leise vom Schemel und begab sich wieder in die Myrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Prinz am Morgen erwachte, erblickte er den Schemel leer zu seinen F\u00fc\u00dfen, und er wusste nicht, ob das Myrtenfr\u00e4ulein wirklich bei ihm gewesen war, oder ob er nur getr\u00e4umt habe; aber da er das B\u00e4umchen ganz mit Bl\u00fcten \u00fcbers\u00e4t sah, die in der Nacht aufgegangen waren, ward er der Erscheinung immer gewisser. Nie ward die Nacht so sehns\u00fcchtig erwartet als von ihm; er setzte sich schon gegen Abend auf sein Ruhebett und harrte. Endlich war die Sonne hinunter, es d\u00e4mmerte, es ward Nacht. Die Myrte s\u00e4uselte, und das Myrtenfr\u00e4ulein sa\u00df zu seinen F\u00fc\u00dfen und erz\u00e4hlte ihm so sch\u00f6ne Sachen, dass er nicht genug zuh\u00f6ren konnte, und als er sie wieder bat, Licht anz\u00fcnden zu d\u00fcrfen, sang sie ihm wieder ein Liedchen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">S\u00e4usle, liebe Myrte!<br>Und tr\u00e4um im Sternenschein,<br>Die Turteltaube girrte<br>auch ihre Brust schon ein.<br>Still ziehn die Wolkenschafe<br>Zum Born des Lichtes hin,<br>Schlaf, mein Freund, o schlafe,<br>Bis ich wieder bei dir bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Da schlummerte der Prinz wieder ein und erwachte am Morgen wieder mit der gleichen \u00dcberraschung und erwartete die Nacht wieder mit gleicher Sehnsucht. Aber es ging ihm auch diesmal wie in der ersten und zweiten Nacht, sie sang ihn immer in den Schlaf, wenn er sie zu sehen verlangte. Sieben N\u00e4chte ging dies so fort, w\u00e4hrend welchen sie ihm so vortreffliche Lehren \u00fcber die Kunst zu regieren gab, dass seine Begierde, sie zu sehen, nur noch gr\u00f6\u00dfer ward. Er lie\u00df daher am andern Tage an die Decke seiner Stube ein seidenes Netz befestigen, welches er ganz leise niederlassen konnte, und so erwartete er die Nacht. Als das Myrtenfr\u00e4ulein wieder zu seinen F\u00fc\u00dfen sa\u00df und ihm die tiefsinnigsten Lehren \u00fcber die Pflichten eines guten F\u00fcrsten gegeben hatte, wollte sie ihm wieder das Schlaflied singen, aber er sprach zu ihr: &#8222;Heute will ich einmal singen&#8220;, und sie gab es nach vielen Bitten zu; da sang er folgendes Liedchen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">H\u00f6rst du, wie die Brunnen rauschen?<br>H\u00f6rst du, wie die Grille zirpt?<br>Stille, stille, lass uns lauschen,<br>Selig, wer in Tr\u00e4umen stirbt;<br>Selig, wen die Wolken wiegen,<br>Wem der Mond ein Schlaflied singt!<br>O! wie selig kann der fliegen,<br>Dem der Traum den Fl\u00fcgel schwingt,<br>Dass an blauer Himmelsdecke<br>Sterne er wie Blumen pfl\u00fcckt:<br>Schlafe, tr\u00e4ume, flieg, ich wecke<br>Bald dich auf und bin begl\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dies Lied wirkte so durch die sanfte Weise, in welcher er es sang, dass das Myrtenfr\u00e4ulein zu den F\u00fc\u00dfen des Prinzen entschlummerte; da lie\u00df er das Netz nieder \u00fcber sie und z\u00fcndete seine Lampe an, und o Himmel! was sah er? Die wundersch\u00f6nste Jungfrau, welche jemals gelebt, im Antlitz wie der klare Mond so mild und rein, Locken wie Gold um die Stirne spielend und auf dem Haupt ein Myrtenkr\u00f6nchen; sie hatte ein gr\u00fcnes Gewand an, mit Silber gestickt, und ihre H\u00e4nde gefaltet wie ein Engelchen. Lange betrachtete er seine Freundin und Lehrerin mit stummen Erstaunen, dann konnte er seine Freude nicht mehr fassen, er brach in lautem Jubel aus und rief: &#8222;O Tugend! o Weisheit! wie sch\u00f6n ist deine Gestalt; wer kann leben ohne dich, wenn er dich einmal erblickte.&#8220; Dann ergriff er ihre Hand und steckte ihr seinen Siegelring an den Finger und sprach: &#8222;Erwache, o meine holdselige Freundin! nimm meinen Thron und meine Hand und verlasse mich nie wieder.&#8220; Da erwachte das Myrtenfr\u00e4ulein, und als es das Licht erblickte, err\u00f6tete es \u00fcber und \u00fcber, und blies die Lampe aus. Dann klagte sie, dass er sie gefangen habe, und sagte, daraus wird gewiss Ungl\u00fcck kommen; aber der Prinz bat sie so sehr um Vergebung, bis sie ihm verzieh und versprach, die F\u00fcrstin seines Landes zu werden, wenn ihre Eltern es erlaubten, er sollte nur alle Anstalten zur Hochzeit machen und dann ihre Eltern fragen; bis dahin sollte er sie aber nicht wiedersehen. Der Prinz willigte in alles ein und fragte sie, wie er sie rufen solle, wenn er alle Anstalten getroffen habe, und sie sagte: &#8222;Befestige eine kleine Silberglocke an die Spitze meines B\u00e4umchens, und sobald du klingelst, werde ich erscheinen.&#8220; Nun zerriss sie das Netz, der Baum rauschte, und fort war das Myrtenfr\u00e4ulein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag war kaum angebrochen, als der Prinz auch schon alle seine Minister und R\u00e4te zusammenberief und ihnen bekannt machte, dass er sich n\u00e4chstens zu verm\u00e4hlen gedenke und dass sie alle Anstalten zu dem pr\u00e4chtigsten Hochzeitsfeste treffen sollten, das jemals im Land gewesen. Die R\u00e4te waren sehr erfreut dar\u00fcber und fragten ihn untert\u00e4nigst um den Namen der Braut, damit sie ihren Namenszug bei der Illumination anbringen k\u00f6nnten. Da sagte der Prinz: &#8222;Der erste Buchstabe ihres Namens ist M, und es sollen beim Feste \u00fcberall Myrtenzweige hingemalt werden, wo es sich schickt.&#8220; Da wollten die Herren ihn schon verlassen, als pl\u00f6tzlich eine Botschaft kam, dass ein wildes Schwein in dem f\u00fcrstlichen Tiergarten toll geworden w\u00e4re und in dem darin befindlichen gl\u00e4sernen Lusthause alles chinesische Porzellan zertr\u00fcmmert habe; es sei \u00e4u\u00dferst n\u00f6tig, es sogleich zu erlegen, damit es nicht andere Schweine bei\u00dfe und auch toll mache, welche dann leicht die ganze Stadt Porzellania \u00fcber den Haufen werfen k\u00f6nnten. Da durfte der Prinz nicht l\u00e4nger zaudern; er befahl seinen R\u00e4ten, einstweilen die Hochzeit zuzubereiten, und zog mit seinen J\u00e4gern hinaus auf die Jagd.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Prinz aus dem Schloss ritt, lagen die neun b\u00f6sen Fr\u00e4ulein, welche sich nicht mit gefreut hatten, als Myrte so feierlich in die Stadt gebracht wurde, sehr sch\u00f6n geputzt am Fenster, in der Hoffnung, der Prinz werde sie bemerken und gr\u00fc\u00dfen; aber vergebens, wenn sie sich gleich so weit herauslegten, dass sie leicht h\u00e4tten auf die Stra\u00dfe fallen k\u00f6nnen: der Prinz tat nicht, als wenn er sie bemerkte. Hier\u00fcber aufgebracht, kamen sie zusammen und fassten den Entschluss, sich zu r\u00e4chen. Die Geschichte mit dem tollgewordenen wilden Schwein war auch nur von ihnen ausgesprengt, damit der Prinz, der sich gar nicht mehr sehen lie\u00df, \u00fcber die Stra\u00dfe reiten sollte: sie hatten das chinesische Porzellan in dem Lusthaus durch ihre Diener zerschlagen lassen. Als sie eben versammelt waren, trat der Vater der \u00c4ltesten, der einer der Minister war, herein, und machte den Damen bekannt, sie m\u00f6chten sich zum Hochzeitsfest des Prinzen vorbereiten; der Prinz werde eine Prinzessin M. heiraten, auch sei von vielen Myrtenverzierungen bei der Illumination die Rede. Kaum waren sie wieder allein, als sie ihrem ganzen Zorn den Lauf lie\u00dfen; denn sie hatten sich alle neun eingebildet, den porzellanenen Thron zu besteigen. Sie lie\u00dfen sich einen Maurer kommen, der musste ihnen einen unterirdischen Gang bis in die Stube des Prinzen machen; denn sie wollten sehen, wen er dort versperrt habe. Als der Gang fertig war, beredeten sie noch ein zehntes junges Fr\u00e4ulein, der sie jedoch ihr Vorhaben verschwiegen, mitzugehen, welche es auch tat, doch nur aus Neugier und nicht aus b\u00f6sem Willen; sie nahmen sie aber nur mit, um sie dort zur\u00fcckzulassen, als habe sie alles getan. Hierauf begaben sie sich in einer Nacht mit Laternen versehen durch den Gang in die Stube des Prinzen und suchten alles durch, sehr verwundert, nichts Besonderes darin zu finden au\u00dfer der Myrte. An dieser lie\u00dfen sie nun allen ihren Grimm aus, rissen ihr Zweige und Bl\u00e4tter ab, und als sie auch den Wipfel herunterrissen, klingelte das Gl\u00f6ckchen, und das Myrtenfr\u00e4ulein, welches glaubte, es sei dies das Zeichen zu ihrer Hochzeit, trat pl\u00f6tzlich in dem sch\u00f6nsten Brautkleide aus der Myrte. Anfangs verwunderten sich die b\u00f6sen Gesch\u00f6pfe, aber bald waren sie einig, dieses m\u00fcsste die k\u00fcnftige F\u00fcrstin sein, und somit fielen sie \u00fcber sie her und ermordeten sie auf die unbarmherzigste Weise, indem sie das arme Myrtenfr\u00e4ulein mit ihren Messern in viele kleine St\u00fccke zerhackten; jede nahm sich einen Finger von dem armen Myrtenfr\u00e4ulein mit; nur das zehnte Fr\u00e4ulein hatte nicht mitgeholfen und nur immer gejammert und geweint, wof\u00fcr sie sie dann einsperrten und nun auf demselben Wege entwichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Kammerdiener des Prinzen, welchem dieser bei Lebensstrafe befohlen hatte, die Myrte t\u00e4glich zu begie\u00dfen und t\u00e4glich die Stube aufzur\u00e4umen, als wenn der Prinz da w\u00e4re, zu seiner Verrichtung hereintrat, war sein Entsetzen unbeschreiblich, da er das zerfleischte Myrtenfr\u00e4ulein in dem Blute an der Erde herumliegen und den Myrtenbaum zerknickt und entbl\u00e4ttert sah. Er wusste nicht, was dies sein konnte, denn er wusste von dem Myrtenfr\u00e4ulein nichts; da erz\u00e4hlte ihm das junge Fr\u00e4ulein, welches weinend in einer Ecke sa\u00df, alles. Sie nahmen unter bittern Tr\u00e4nen alle Glieder und Knochen der Ungl\u00fccklichen zusammen und begruben sie unter dem zerst\u00f6rten Myrtenbaum in das Gef\u00e4\u00df, so dass alles einen kleinen Grabh\u00fcgel bildete; sodann wuschen sie den Boden so rein sie konnten, und begossen den Baum mit dem blutverschmierten Wasser, r\u00e4umten die Stube auf, schlossen sie zu, und flohen in gro\u00dfer Angst miteinander; doch nahm das Fr\u00e4ulein eine Locke der ungl\u00fccklichen Gemordeten zum Andenken mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterdessen waren die Vorbereitungen zu der Hochzeit beinahe fertig, und der Prinz, der das wilde Schwein vergebens aufgesucht hatte, kehrte nach der Stadt zur\u00fcck. Sein erster Gang war zu dem guten T\u00f6pfer und seiner Frau, welchen er seine Geschichte mit dem Myrtenfr\u00e4ulein erz\u00e4hlte und sie um die Hand ihrer Tochter bat. Die guten Leute waren vor Entz\u00fccken fast au\u00dfer sich, als sie vernahmen, dass in ihrem Myrtenbaum ihnen eine Tochter erwachsen sei, und wussten nun, warum sie denselben so ungemein liebgehabt hatten. Freudig willigten sie in die Bitte des Prinzen ein und begleiteten ihn in das Schloss, um ihre wunderbare Tochter zu sehen. Als sie nun zusammen in das Zimmer traten, wo die Myrte stand, sahen ihre Augen ein trauriges Schauspiel: &#8211; am Boden noch viele blutige Spuren, und der geliebte Baum entbl\u00e4ttert und verletzt, neben ihm aber ein Grabh\u00fcgel. Der Prinz rief, der T\u00f6pfer rief, die T\u00f6pferin rief: &#8222;O meine geliebte Braut! o mein teures Kind! mein einziges liebes T\u00f6chterchen! o wo bist du, la\u00df dich sehen vor deinen ungl\u00fccklichen Eltern!&#8220; Aber nichts r\u00fchrte sich, und ihre Verzweiflung war unbegrenzt. Die drei armen Ungl\u00fccklichen sa\u00dfen nun ganze Tage und begossen den Myrtenbaum mit ihren Tr\u00e4nen, und das ganze Land war best\u00fcrzt und traurig.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter solchen Schmerzen pflegten und warteten der Prinz und der T\u00f6pfer nebst seiner Frau den kranken Myrtenbaum aufs z\u00e4rtlichste, und er begann wieder Zweige zu treiben, wor\u00fcber sie sehr erfreut wurden, und er war schon wieder ganz hergestellt, nur fehlten ihm an dem Wipfel einige Bl\u00e4tter und an einem seiner beiden Haupt\u00e4ste die \u00e4u\u00dfersten f\u00fcnf Sprossen und an dem andern vier, neben welchen der f\u00fcnfte zu keimen anfing. Diesen f\u00fcnften Spross beobachtete der Prinz alle Tage, und wie entz\u00fcckt war er nicht, als er eines Morgens diesen Spross ganz erwachsen und den Ring, den er dem Myrtenfr\u00e4ulein gegeben, an demselben wie an einem Finger befestigt sah. Sein Entz\u00fccken war unbeschreiblich; denn er glaubte nun, das Myrtenfr\u00e4ulein m\u00fcsse noch leben. In der n\u00e4chsten Nacht sa\u00df er mit dem T\u00f6pfer und der T\u00f6pferin bei dem Baum, und sie flehten die Myrte so z\u00e4rtlich um ein Lebenszeichen an, dass der Baum endlich zu s\u00e4useln begann und folgende Worte sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Habt Erbarmen,<br>An zwei Armen<br>fehlen mir neun Fingerlein.<br>Lieber Prinz! in deinem Reiche<br>Wachsen jetzt neun Myrtenzweige,<br>Und sie sind mein Fleisch und Bein.<br>Habt Erbarmen,<br>Schafft mir Armen<br>Wieder die neun Fingerlein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prinz und die Eltern waren durch dies traurige Lied sehr ger\u00fchrt, und der Prinz lie\u00df den andern Tag im ganzen Lande bekanntmachen, wer ihm die sch\u00f6nsten Myrtenzweige bringe, den wolle er mit seiner k\u00f6niglichen Hand belohnen. Dieses kam auch zu den Ohren der Mordfr\u00e4ulein, welche die arme Myrte so schrecklich gemartert hatten, und sie waren sehr froh dar\u00fcber: denn sie hatten die neun Finger des Myrtenfr\u00e4uleins, jede den ihren, in einen Topf mit Erde vergraben, und es waren kleine Myrtensprosse daraus erwachsen. Sie putzten sich gleich sch\u00f6n an und kamen eine nach der andern mit ihren Myrtenzweigen ins Schloss; denn sie glaubten, die Worte des Prinzen wollten soviel sagen, als wolle er die \u00dcberbringerin der sch\u00f6nsten Myrte heiraten. Der Prinz lie\u00df ihnen die Myrtenzweige abnehmen und versprach ihnen seiner Zeit Antwort sagen zu lassen; sie m\u00f6chten sich nur zum Feste vorbereiten. Als er nun alle die neun Zweige neben den gro\u00dfen Baum gestellt hatte, sprach die Stimme aus dem Baum:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Willkomm, willkomm, neun Zweigelein!<br>Willkomm, willkomm, neun Fingerlein!<br>Willkomm, willkomm, mein Fleisch und Bein!<br>Willkomm, willkomm, zum Topf herein!<\/p>\n\n\n\n<p>Da begrub der Prinz die neun Zweige und die neun Finger unter die Myrte, welche noch denselben Tag die neun fehlenden Sprossen trieb. Nun aber kam noch das j\u00fcngste Fr\u00e4ulein, welche nur die Haarlocke genommen und ihr den Ringfinger gelassen hatte, und warf sich dem Prinzen zu F\u00fc\u00dfen und sagte: &#8222;Herr! ich habe keine Myrte und habe auch keine haben wollen; aber diese Locke gebe ich in deine Hand und bitte dich um eine Gnade.&#8220; Der Prinz versprach sie ihr, und sie erz\u00e4hlte ihm, wie die ganze Mordtat geschehen sei, und bat ihn, er m\u00f6ge seinem entflohenen Kammerherrn verzeihen und sie mit demselben verm\u00e4hlen. Da gab ihr der Prinz einen Gnadenbrief f\u00fcr denselben, und sie lief zu ihm in den Wald, wo er sich in einem hohlen Baum versteckt hatte, in den sie ihm t\u00e4glich zu essen gebracht. Der Kammerherr erfreute sich sehr \u00fcber sein Gl\u00fcck und kam mit ihr wieder in die Stadt. Als aber der Prinz die Haarlocke auch vergraben hatte, sprach die Myrte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Nun bin ich ganz<br>Im alten Glanz,<br>Bring mir den Kranz<br>Und f\u00fchre mich zum Hochzeitstanz<\/p>\n\n\n\n<p>Da lie\u00df der Prinz ein gro\u00dfes Fest vor allem Volke im Schlossgarten ansagen; da alles versammelt war, ward die Myrte unter einen Thronhimmel gestellt, und der sch\u00f6nste Blumenkranz, mit Gold durchwunden, ward ihr von dem T\u00f6pfer und der T\u00f6pferin aufgesetzt, und als dies kaum geschehen war, trat das Myrtenfr\u00e4ulein, wie die sch\u00f6nste Braut geschm\u00fcckt, aus dem Baum hervor und ward von ihren Eltern, welche sie noch nie gesehen hatten, unter Freudentr\u00e4nen und dann von dem gl\u00fccklichen Prinzen als seine Braut herzlich umarmt. Da standen die neun Mordfr\u00e4ulein wie auf hei\u00dfen Kohlen; der Prinz aber sprach: &#8222;Was verdient der, welche diesem Myrtenfr\u00e4ulein etwas zu Leide tut?&#8220; Und einer sagte da nach dem andern irgendeine harte Strafe her, und als die Frage an die neun Fr\u00e4ulein kam, sagten sie alle zusammen: &#8222;Dass ihn die Erde verschlinge und seine Hand aus der Erde wachse&#8220;; und kaum hatten sie es gesagt, als die Erde sie auch verschlang und \u00fcber ihnen F\u00fcnffingerkraut hervorwuchs. Nun wurde die Hochzeit gehalten, und der Kammerherr hielt mit dem j\u00fcngsten Fr\u00e4ulein auch Hochzeit. Es schenkte dem Prinzen der Himmel auch bald ein kleines Myrtenprinzchen, das ward in der sch\u00f6nen Wiege des alten T\u00f6pfers gewiegt, und das ganze Land war froh und gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Myrtenbaum aber ward bald so stark und gro\u00df, dass man ihn ins Freie setzen musste. Da begehrte die Prinzessin Myrte, dass er neben die ehemalige H\u00fctte ihrer Eltern gesetzt werde; das geschah auch, und die H\u00fctte ward zu einem sch\u00f6nen Landhaus ver\u00e4ndert, und endlich ward aus dem Myrtenbaum ein Myrtenwald, und die Enkel des T\u00f6pfers und seiner Frau spielten darin, und die beiden guten Leute wurden dort, wie sie gew\u00fcnscht hatten, unter dem Myrtenbaum begraben. Der Prinz und das Myrtenfr\u00e4ulein ruhen wohl auch schon dort, wenn sie nicht mehr leben sollten, woran ich fast zweifle; denn es ist schon sehr lange her.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen von dem Myrtenfr\u00e4ulein Clemens Brentano Im sandigen Lande, wo nicht viel Gr\u00fcnes w\u00e4chst, wohnten einige Meilen von der porzellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth residierte, ein T\u00f6pfer und seine Frau mitten auf ihrem Ton Feld neben ihrem T\u00f6pferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. 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