{"id":5733,"date":"2026-04-08T03:19:11","date_gmt":"2026-04-08T01:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5733"},"modified":"2026-04-08T03:19:12","modified_gmt":"2026-04-08T01:19:12","slug":"das-maerchen-vom-murmeltier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen-vom-murmeltier\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom Murmeltier"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das M\u00e4rchen vom Murmeltier<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rheinm\u00e4rchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Frau Loreley, die gute und sch\u00f6ne Wasserfrau, reiste \u00fcber Land, und als sie in Hessen ins Gebirg und in den wilden Wald kam, neigte sich die Sonne schon zu ihrem Untergang, und immer hatte sie noch keinen Brunnen gefunden in dem sie \u00fcbernachten konnte. Sie war daher etwas besorgt und legte sich dann und wann auf die Erde, um zu lauschen, ob sie nicht einen Brunnen murmeln h\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie auch einmal so lauschte, h\u00f6rte sie das Getrappel von einer Herde Schafe und eilte nun nach der Gegend zu, wo das Ger\u00e4usch erschallte, weil sie wohl wusste, dass die Hirten sich in der N\u00e4he der Brunnen gerne aufhalten. Nicht lange ging sie noch durch den Wald, als eine sch\u00f6ne Wiese vor ihr lag, worauf eine kleine Herde weidete; da sie aber hervortrat, st\u00fcrzten die Schafe, durch ihre Erscheinung erschreckt, nach der andern Seite der Wiese dem Walde zu, und zugleich sah sie ein junges Hirtenm\u00e4dchen der Herde nacheilen, um sie zur\u00fcckzuhalten. Die Hirtin hatte ein schwarzes R\u00f6ckchen an, ihr Mieder war rot, ihre Haube auch schwarz, und ihre Haare hingen ihr in zwei langen blonden Z\u00f6pfen die Schultern herab, und w\u00e4hrend sie lief, spann sie \u00e4ngstlich an einem Rocken. Endlich hatte sie die Herde wieder gesammelt, und da sie nun die sch\u00f6ne Wasserfrau erblickte, welche einen blauen, mit Silber durchwirkten Rock an hatte, stand sie erschrocken still und warf sich dann dem\u00fctig auf die Knie. Frau Loreley aber nahte sich ihr und hob sie auf und sprach ganz freundlich zu ihr: \u00bbMein Kind! f\u00fcrchte dich nicht, ich bin ein reisendes Wasserfr\u00e4ulein und suche einen Brunnen, in dem ich heute \u00fcbernachten kann; willst du mir einen Brunnen zeigen, so will ich dich belohnen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbRecht gern, mein sch\u00f6nes Fr\u00e4ulein!\u00ab sagte die Hirtin. \u00bbIch muss nur noch meinen Rocken abspinnen und mein K\u00f6rbchen voll Erdbeeren lesen, dann treibe ich die Herde an einen recht sch\u00f6nen Brunnen, der nicht weit von hier ist, um sie zu tr\u00e4nken, und wasche auch meine Erdbeeren dort.\u00ab &#8211; \u00bbKomm, gib mir deinen Rocken,\u00ab sagte das freundliche Wasserfr\u00e4ulein, \u00bbich will ein Weilchen spinnen, so sammle deine Erdbeeren geschwind, damit wir eher an den Brunnen kommen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hirtin gab ihr den Rocken und suchte Erdbeeren, die sie pl\u00f6tzlich in solcher Menge fand, dass ihr K\u00f6rbchen schnell geh\u00e4uft voll war. \u00bbIch bin recht gl\u00fccklich,\u00ab sagte sie, \u00bbmein K\u00f6rbchen ist schon voll, jetzt will ich Euch zum Brunnen f\u00fchren.\u00ab \u00bbGut\u00ab, sagte das freundliche Wasserfr\u00e4ulein; die Hirtin trieb nun ihre Herde voran und folgte ihr an der Seite des Wasserfr\u00e4ulein durch den sch\u00f6nen stillen Abend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie hei\u00dft du, mein liebes Kind?\u00ab sagte Loreley. Die Hirtin erwiderte: \u00bbIch hei\u00dfe Murmeltier.\u00ab &#8211; \u00bbMurmeltier!\u00ab sagte Loreley erstaunt, \u00bbMurmeltier! Wer hat dir denn diesen h\u00e4sslichen Namen gegeben? Du bist ja so freundlich, hast h\u00fcbsche rote Wangen und ein Paar helle blaue Augen; so sieht ja kein Murmeltier aus!\u00ab Als Loreley so gesprochen hatte, sah sie, dass die Hirtin weinte, und bat sie nun sehr, nicht zu weinen und ihr zu erz\u00e4hlen, was f\u00fcr ein Kummer sie betr\u00fcbe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch, liebes Wasserfr\u00e4ulein!\u00ab sagte die Hirtin, \u00bbich weine oft hier auf der Wiese; denn es geht mir recht \u00fcbel. Nicht weit von hier, im wilden Walde, wohnt meine Mutter und meine Schwester; sie lieben mich nicht, nichts kann ich recht machen; sie geben mir so viel Arbeit, dass ich sie nie ganz verrichten kann; ich soll alles tun, was zu Hause zu tun ist: waschen, Feuer machen, Stube und Stall kehren, und doch auch wieder die Herde fahren und pflegen und alle Abend den abgesponnenen Rocken und einen ganzen Korb voll Erdbeeren nach Hause bringen; und fehlt nur das Mindeste an diesen Aufgaben, so geben sie mir das St\u00fcckchen Brot nicht, wovon ich lebe, oder nehmen mir das Stroh, worauf ich schlafe, dass ich auf der harten Erde hungernd schlafen muss; ich sage zu allem dem auch kein Sterbensw\u00f6rtchen und leide alles mit Geduld; wenn meine Schwester aber mich schl\u00e4gt und ich weine still, so nennen sie dies murren, und so haben sie mir den Namen Murmeltier gegeben. Ach! wenn die Sonne untergeht, werde ich immer gar traurig; denn nun muss ich nach Haus, und da geht mein Kummer und Leiden an. Wenn ich so den Tag \u00fcber hier im Walde bin, da habe ich doch Ruhe, da ist mir wohl; alle V\u00f6gel kennen mich und gr\u00fc\u00dfen mich und h\u00fcpfen um mich herum, wenn ich Erdbeeren lese, und sitzen auf meinem Rocken, wenn ich spinne, und so bring ich den Tag mit einiger Ruhe zu; doch sehe ich immer mit Angst nach der Sonne und zittere, wenn ich sehe, dass sie sich nach den B\u00e4umen senkt; denn dann kommt der Abend, und ich muss nach Hause, wo mich Not und Elend erwarten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend dieser Erz\u00e4hlung hatten sie sich dem Brunnen gen\u00e4hert. \u00bbMein liebes Murmeltier!\u00ab sagte Loreley, \u00bbnun m\u00fcssen wir scheiden; ich werde heute Nacht hier bei der Brunnenfrau dieser Quelle wohnen und morgen mit Tagesanbruch weiter reisen; nun h\u00e4tte ich doch gerne ein Andenken von dir und m\u00f6chte auch dir etwas geben, denn ich bin dir sehr gut, mein liebes Kind!\u00ab &#8211; \u00bbAch!\u00ab sagte Murmeltier, \u00bbwas habe ich armes M\u00e4gdlein, das ich Euch geben k\u00f6nnte?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch will dir sagen,\u00ab erwiderte Loreley, \u00bbwie wir\u00b4s machen: gib du mir deine Kleider, ich gebe dir meine; denn es ist mir der silberne lange Rock doch hinderlich auf der Reise, und ich werde in deinem kurzen R\u00f6ckchen viel schneller gehen k\u00f6nnen.\u00ab Murmeltierchen musste nun mit der Frau Loreley die Kleider wechseln, und ihr dann die Haare k\u00e4mmen und flechten, wie sie es selbst trug. Aber wie wunderte sie sich, als ihr aus den Haaren der Frau Loreley lauter Perlen und Edelsteine in den Scho\u00df fielen. \u00bbDie schenke ich dir alle\u00ab, sagte Frau Loreley; \u00bbjetzt will ich mich in dem Brunnen betrachten, wie mir dein Kleid steht\u00ab, und indem sie in den Brunnen sah, sagte sie: \u00bbO, allerliebst!\u00ab und sprang in den Brunnen hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier trat nun an den Brunnen und sagte: \u00bbLeb wohl, leb wohl, lieb Wasserfr\u00e4ulein! vergiss das arme Murmeltier nicht!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da tauchte Frau Loreley noch einmal hervor und sprach: \u00bbMein liebes Kind! ertrage alles mit Geduld, bleibe fromm, flei\u00dfig und dem\u00fctig, und wenn du in gro\u00dfer Not bist, so st\u00fcrze dich in diesen Brunnen; ich will der Brunnenfrau, die drin wohnt, sagen, dass sie sich deiner Annehmen soll. Nun leb wohl!\u00ab Da verschwand sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier sah noch hinab, und da sie ihr eigenes Bild so sch\u00f6n geschm\u00fcckt im Wasserspiegel sah, dachte sie nicht, dass sie es selbst sei und sagte nur immer: \u00bbJe, die sch\u00f6ne, liebe Loreley!\u00ab Nun wusch sie ihre Erdbeeren in dem Wasser und lie\u00df dann ihre Herde trinken, nahm den Rocken und das Erdbeerenk\u00f6rbchen und zog nach Hause, mehr an die liebe Frau denkend als an die harte Begegnung, die sie erleiden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie aber den Mond \u00fcber den B\u00e4umen heraufsteigen sah, ergriff sie eine gro\u00dfe Angst, dass es schon so sp\u00e4t sei, und sie eilte furchtsam in ihre H\u00fctte, trieb die Schafe in den Stall, nahm ihren Rocken und ihre Erdbeeren und trat an die T\u00fcre. Da h\u00f6rte sie schon drin ihre Schwester zanken. \u00bbDas faule Murmeltier ist schon wieder zu sp\u00e4t nach Hause gekommen, Mutter!\u00ab sagte sie, \u00bbund wenn sie nicht alles fertig hat, so will ich sie recht anfahren und ihr das Brot nehmen.\u00ab &#8211; \u00bbJa,\u00ab sagte die Mutter, \u00bbdas h\u00e4ssliche, freche M\u00e4dchen wei\u00df gar nicht mehr, was sie vor \u00dcbermut treiben soll; hat sie nicht gestern gar einen Kranz von Rosen auf dem Kopf gehabt, als sie aus dem Walde kam; es wundert mich nicht, dass sie nie mit ihrer Arbeit fertig wird, wenn sie solche Eitelkeit treibt.\u00ab &#8211; \u00bbIch habe ihr aber den Kranz heruntergerissen und mit F\u00fc\u00dfen getreten\u00ab, sagte die b\u00f6se Schwester, \u00bbund ihr einen Strohkranz gegeben. Wo sie nur so lange bleibt? Ich habe doch die Schafe schon bl\u00f6ken h\u00f6ren; sie hat gewiss wieder etwas angestellt und f\u00fcrchtet sich, hereinzugehen; aber ich will sie schon bei den Ohren hereinziehen.\u00ab Nach diesen Worten riss Murxa (so hie\u00df die b\u00f6se Schwester) die T\u00fcre auf, um das Murmeltier zu holen; aber wie erstaunte sie und die Mutter, als sie die gl\u00e4nzende, von Silber schimmernde Jungfrau auf der Schwelle stehen sahen. Die Frau Wirx, so hie\u00df die alte Frau, und Murxa erkannten sie nicht und warfen sich vor ihr auf die Knie, denn sie hielten sie f\u00fcr eine K\u00f6nigin. Murmeltier aber sagte: \u00bbLiebe Mutter, liebe Schwester, ach! kennt ihr mich denn nicht mehr? Ich bin ja Murmeltier, eure Tochter.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun erkannten sie das arme Kind an der Stimme und kamen auch gleich in den gr\u00f6\u00dften Zorn. \u00bbEi! sieh da! das garstige Murmeltier l\u00e4sst sich auf den Knien verehren\u00ab, schrie Murxa. \u00bbWo hast du die pr\u00e4chtigen Kleider gestohlen?\u00ab sagte Wirx. \u00bbHerunter mit den Kleidern!\u00ab schrie die Schwester, \u00bbich will sie anziehen\u00ab &#8211; und so ging es in einem Zanken fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier lie\u00df sich ruhig die Kleider ausziehen, gab der Mutter die Erdbeeren; die waren aber lauter Goldk\u00f6rner, und dabei lagen die Perlen, die sie der Loreley aus den Haaren gek\u00e4mmt hatte; dar\u00fcber war die Mutter von neuem erstaunt, und als sie ihr den Rocken gab, war das Gespinst reines Silber. Aber alles war nicht recht; bei allem wurde sie gezankt, und da sie von Frau Loreley erz\u00e4hlte, sagte Murxa: \u00bbMorgen werde ich hin gehen und werde ganz anders beschenkt werden; die Frau Loreley muss nicht recht gescheit sein, dass sie sich so lang mit dir, h\u00e4ssliches Murmeltier! abgegeben\u00ab &#8211; und nun kniff sie dem armen M\u00e4dchen aus Bosheit in den Arm, dass sie laut weinte. \u00bbFort auf dein Stroh, Murmeltier!\u00ab sagte Frau Wirx, \u00bbschreie uns hier die Ohren nicht voll\u00ab &#8211; und Murmeltier w\u00fcnschte freundlich gute Nacht und ging auf ihr d\u00fcrftiges Lager.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie konnte vor Traurigkeit nicht schlafen und weinte immerfort und sagte: \u00bbAch! so ist denn, solange ich lebe, noch kein Mensch freundlich mit mir gewesen als die gute Frau Loreley, und alles, was sie mir geschenkt, habe ich hingegeben, und doch werde ich geschimpft und geschlagen; gibt es ein gr\u00f6\u00dferes Leid als meins? Nein, ich will nicht schlafen heut Nacht; ich will zum Brunnen laufen, ehe die Frau Loreley abreist, und ihr mein Elend klagen, vielleicht gibt sie mir Trost und Rat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Geschwind stand sie auf und lief in den Wald an den Brunnen; sie hatte nichts an, als ihren Unterrock und ihr Hemd von grober Leinwand; denn die Schwester, die ihr das Kleid genommen, hatte ihr kein anderes daf\u00fcr gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war heller Mondschein, und sie lief in Angst an den Brunnen und kniete weinend dabei nieder. Anfangs scheute sie sich, der Frau Loreley zu rufen, weil sie f\u00fcrchtete, sie m\u00f6ge sie aus dem Schlafe erwecken; da aber die Nachtigall sie sah, die sie gar wohl kannte, flog sie nieder zu ihr und setzte sich zu ihr auf den Rand des Brunnens und mischte ihren Gesang mit ihren Klagen. Die Nachtigall aber sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Viele, viele liebe, s\u00fc\u00dfe<br>M\u00e4gdlein kenne ich;<br>Wenn ich sie sehe gehen<br>Im Taue auf der Aue, ich sie anschaue<br>Und sie freundlich begr\u00fc\u00dfe,<br>Wenn sie sich blicken, und pfl\u00fccken, sich zu schm\u00fccken,<br>Und dr\u00fccken mit Entz\u00fccken<br>Die lieben Blumen ans kindische Herz<br>Und sehen in die stillen blauen Augen,<br>Mit denen der sch\u00fcchterne M\u00e4rz<br>Die junge W\u00e4rme der Sonne<br>In sich will saugen,<br>In die kleinen blauen Violen;<br>Wenn sie auf leichten Sohlen<br>Bisweilen eilen zum Strauche<br>Und im duftenden Hauche<br>Des Sommers sich brechen<br>Die Rosen und sich stechen,<br>Dann ruf ich: Weh! weh! weh!<br>Auf die Dornen seh!<br>Und sie setzen sich nieder<br>Beim duftenden, berauschenden Flieder,<br>Singen Lieder und schm\u00fccken das Mieder<br>Mit s\u00fc\u00dfen Primeln, Aurikeln, Lilien, Basilien,<br>Hyazinthen, und winden sich Kr\u00e4nze,<br>Dass ihr Haupt gl\u00e4nze im Lenze,<br>Dann sende ich s\u00fc\u00dfe Gr\u00fc\u00dfe, \u00fcber die Wiese<br>Wei\u00df ich zu locken die blumengeschm\u00fcckten, entz\u00fcckten Docken,<br>Die Fr\u00fchlingsgesellen, zu hellen Waldquellen,<br>Wo in die Wellen sie stellen<br>Die rosigen F\u00fc\u00dfe, zu k\u00fchlen im Schw\u00fclen;<br>Da gr\u00fc\u00df ich sie alle mit ihres Namens Schalle:<br>Gr\u00fc\u00df dich Gott, lieb, lieb Ludmilla!<br>Lilla! Sibylla! Kamilla!<br>Gr\u00fc\u00df dich Gott, lieb, lieb Agneta!<br>Margaretha! Elisabetha!&nbsp;Ameleya!<br>Sophia! Dora! Leonora!<br>Ricke! Fieke! Anna! Johanna!<br>Marianna! Susanna!<br>Gr\u00fc\u00df dich Gott und das Himmelblau,<br>S\u00fc\u00dfe Jungfrau! aber alle, alle,<br>Wie auch ihr Name s\u00fc\u00df schalle,<br>Sind mir nicht so lieb, lieb, lieb, lieb,<br>Als du lieb, du s\u00fc\u00df, du zart, mild Bild,<br>Du still, fromm, blond, lind Kind,<br>Du sch\u00f6n, gut, treugemut<br>Murmeltierchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltierchen h\u00f6rte zu, aber sie verstand nicht, was die liebe Frau Nachtigall sang, und sang ihr ganz leise wieder:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Schweig, liebe Nachtigall!<br>Dass der laute Widerhall<br>Nicht Frau Loreley erwecke,<br>Die hier in dem Brunnen ruht.<br>Ach, sie ist so lieb, so gut!<br>Lass sie schlummern und verstecke<br>Dich hier in der Rosenhecke,<br>Still, still, still, schweige, schweige!<br>Rauscht nicht so, ihr Eichenzweige!<br>Morgenwind, zieh still vorbei,<br>Wecke nicht Frau Loreley!<br>Sieh, wie ich so stille weine<br>Hier im lieben Mondenscheine;<br>Lasse mich alleine, alleine.<\/p>\n\n\n\n<p>Als aber Frau Nachtigall den Namen Loreley h\u00f6rte, gefiel er ihr so gut, dass sie laut zu singen begann:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Loreley! Loreley &#8211;<br>Klingt s\u00fc\u00df wie Ameley &#8211;<br>Alle T\u00f6ne geb ich frei,<br>Loreley! Loreley!<br>Komm herbei, herbei, herbei,<br>Dass das Kind getr\u00f6stet sei,<br>Ruf ich immer einerlei:<br>Loreley! Loreley! \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Nun erschallte aus dem Brunnen eine Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Wer wecket mich,<br>Das ist nicht fein!<br>Noch decket mich<br>Der Mondenschein;<br>Ich strecke mich<br>Und schlafe ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDa hast du&#8217;s geh\u00f6rt, Frau Nachtigall! jetzt sei still und verstecke dich.\u00ab Frau Nachtigall begab sich hinweg in die Rosenhecke und war ganz m\u00e4uschenstille.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Murmeltier regte sich nicht, und mit dem Haupt an den Brunnen gelehnt, sah das arme M\u00e4dchen in den Mond, bis es entschlummerte und nicht eher erwachte, bis die Schwalbe \u00fcber dem Brunnen am Fels ihr graues K\u00f6pfchen zum Nest herausstreckte und dem Morgenstern allerlei vorschw\u00e4tzte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">I, wie ziehn die Winde<br>So geschwinde durch die Linde,<br>Dass die Bl\u00e4tter zwitschern<br>Und die Grasspitzen glitzern<br>Vom Tau, schau!<br>Da ruht die Jungfrau &#8211;<br>Sie ist gewiss von der Schwester<br>Gestern wieder geschimpft und gezwickt,<br>Aus dem Zimmer vertrieben, immer<br>Ist sie in Zwist, die List<br>Der b\u00f6sen Frau Wirx<br>Qu\u00e4lt sie, o, o die verschiednen Geschwister!<br>Die Schwester l\u00e4stert und hetzet<br>Und schw\u00e4tzet, bis sie das liebe Herz<br>Mit Schmerz verletzet.<br>Ach! h\u00e4tte ich Kisten und Kasten voll<br>Silber, Perlen und Edelstein,<br>Dir, Murmeltier, w\u00e4r alles allein;<br>Aber ich bin arm, dass Gott erbarm,<br>Alles ist leer, leer, leer, leer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber diesem Geschw\u00e4tz der Schwalbe erwachte Murmeltier, und da sie in der k\u00fchlen Morgenluft fror, weil ihr die b\u00f6se Schwester ihr Kleid genommen hatte, ward sie sehr traurig und sah in den Brunnen und konnte nicht widerstehen, sie st\u00fcrzte sich hinab. Sie sank leise hinunter in eine Kammer ganz von reinem Glas, wo Frau Loreley und Frau Else, die Bewohnerin dieses Brunnens, auf dem Bette sa\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier umarmte weinend die F\u00fc\u00dfe der Frau Loreley und k\u00fcsste der Frau Else den Rock. Diese aber hoben sie auf und setzten sie neben sich, und Frau Else sagte zu ihr: \u00bbMein liebes M\u00e4gdlein! soeben hat mir Frau Loreley viel Gutes von dir erz\u00e4hlt, und da sie jetzt abreist, will ich, die hier immer im Brunnen wohnt, deine Freundin sein.\u00ab Dann sprach Frau Loreley: \u00bbWarum hast du denn kein Kleid an?\u00ab &#8211; \u00bbAch!\u00ab klagte Murmeltier, \u00bballes hat mir die Mutter und die Schwester genommen, was Ihr mir geschenkt habt, und hat mich noch dazu in den Arm gezwickt, dass ich habe weinen m\u00fcssen, da bin ich denn in meiner Angst hierher geflohen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWohlan, mein Kind!\u00ab sagte Frau Else \u00bbich will dir ein anderes R\u00f6ckchen geben\u00ab &#8211; und nun gab sie ihr ein sch\u00f6nes, einfaches, gr\u00fcnes Kleid; dann schenkte sie ihr einen Spinnrocken, der immer von selbst spann, wenn sie allein war, und einen Sch\u00e4ferstab, der alle W\u00f6lfe verscheuchte, wenn sie ihn auf der Wiese aufsteckte. Nachdem Murmeltier herzlich f\u00fcr diese Geschenke gedankt hatte, sagte Frau Else: \u00bbNun, mein Kind, k\u00e4mme mir und Frau Loreley die Haare, wir wollen die deinigen dann auch k\u00e4mmen\u00ab &#8211; dann gab sie ihr einen goldenen Kamm, und Murmeltier k\u00e4mmte beiden die Haare und flocht sie so sch\u00f6n, dass die Wasserfrauen sehr zufrieden mit ihr waren. Frau Else k\u00e4mmte ihr hierauf ihre Haare auch und sagte zu ihr: \u00bbMein Kind! so oft du nun deine Haare sch\u00fcttelst und k\u00e4mmst, sollen dir die sch\u00f6nsten und gl\u00e4nzendsten Blumen herausfallen. Nun aber gehe nach Haus, besorge alles und f\u00fchre dann deine Herde auf die Weide, damit die b\u00f6se Frau Wirx und die Murxa dich nicht zanken.\u00ab &#8211; Frau Loreley machte sich nun auch auf die Reise und stieg, nachdem sie von ihrer Wirtin, der Frau Else, Abschied genommen, mit dem Murmeltier aus dem Brunnen. \u00bbLiebes Murmeltier!\u00ab sagte sie, \u00bbjetzt f\u00fchre mich noch auf den rechten Weg, es soll dich nicht gereuen.\u00ab Murmeltier tat es von Herzen, sie ging mit ihr, bis wo das B\u00e4chlein einen Teich bildete; da sah sie einen Biber, der sich in einer Falle gefangen hatte, und schnell machte sie ihn frei, wof\u00fcr ihr der Biber die F\u00fc\u00dfe k\u00fcsste und freundlich murrte. Da sprach Frau Loreley zu dem Biber:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Lieber Biber!<br>Kannst nicht sagen,<br>Wie du m\u00f6chtest dankbar sein.<br>Weil die Falle sie zerschlagen,<br>Sollst du ihr das Wasser tragen,<br>Sollst ihr Stall und Stub ausfegen<br>Und ihr dienen allerwegen.<br>Lieber Biber!<br>Kannst nicht sagen,<br>Wie du m\u00f6chtest dankbar sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesen Worten umarmte Frau Loreley das gute Murmeltier und trennte sich von ihr. Murmeltier aber eilte nach Hause und der Biber hinter ihr her, und w\u00e4hrend sie die Schafe schnell aus dem Stall trieb, hatte er ihr schon das n\u00f6tige Wasser getragen und mit seinem Schwanze alles rein und sauber gekehrt, worauf er sich nach seiner Wohnung zur\u00fcckbegab.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Frau Wirx und Murxa die Schafe bl\u00f6ken h\u00f6rten, standen sie auf und traten an die T\u00fcre. \u00bbWer hat dir gesagt, die Schafe auszutreiben!\u00ab schrie Frau Wirx. \u00bbHast du nicht geh\u00f6rt, dass Murxa heute auf die Wiese will?\u00ab &#8211; \u00bbDie Schafe mag sie immer treiben,\u00ab sagte Murxa, \u00bbaber nicht nach der Wiese; da geh ich allein hin; aber wo hat sie das gr\u00fcne Kleid schon wieder her, sie muss gewiss stehlen.\u00ab Nun n\u00e4herte sich Murmeltier und erz\u00e4hlte alles, was ihr im Brunnen begegnet. \u00bbSieh!\u00ab schrie die Murxa, \u00bbwie sie sich die Haare in so zierliche Flechten gelegt\u00ab und riss ihr die Z\u00f6pfe herunter; da sch\u00fcttelte Murmeltier ihre Locken, und es fielen die sch\u00f6nsten Blumen heraus, wor\u00fcber Frau Wirx und Murxa sehr erstaunten, und letztere sagte: \u00bbGleich will ich zum Brunnen laufen und mit eben solchen Gaben zur\u00fcckkehren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Wirx befahl nun dem Murmeltier, ihre Herde nach der andern Seite des Waldes zu treiben und zugleich einen Korb voll Birnen am Abend mitzubringen von dem Baume, der dort stand. Murxa aber ging ganz hoff\u00e4rtig in dem sch\u00f6nen Kleide der Frau Loreley nach dem Brunnen. Als Murmeltier mit der Herde zum Birnbaum gekommen war, steckte sie ihren Sch\u00e4ferstab in die Erde, zierte ihn mit Blumen und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">H\u00fcte, frommer Hirtenstab,<br>Den die gute Else gab,<br>Meine Herde,<br>Halte mir die W\u00f6lfe ab,<br>Lass die L\u00e4mmer nicht verlaufen,<br>Dass sie all auf einem Haufen<br>Hier im Gras beisammen bleiben,<br>Bis ich sie nach Haus will treiben;<br>In die Erde<br>Hab ich dich darum gesteckt<br>Und mit Blumen dich geziert,<br>Wie&#8217;s geb\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann steckte sie ihren Rocken neben den Birnbaum und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Spinne, lieber Rocken, spinne<br>Fein und klar nach meinem Sinne,<br>Dass ich F\u00e4den viel gewinne<br>Fein und klar, wie das Haar<br>Der Frau Else im Brunnen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sieh da! der Stab h\u00fctete die L\u00e4mmer, sie verlie\u00dfen ihn nicht, und der Rocken spann den klarsten und reinsten Faden wie das goldne Haar der Brunnenfrau. Traurig aber sah Murmeltier den Birnbaum an, er war hoch und steil; sie hatten ihr zwar eine Leiter mitgegeben, aber sie war viel zu kurz, und indem Murmeltier mit Sehnsucht hinauf nach den gelben Birnen sah, sprach sie:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Lieber Birnbaum auf der Wiese,<br>Kann ich dein gleich nicht genie\u00dfen,<br>Will ich dich doch frisch begie\u00dfen<br>Aus den Quellen, die hier flie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun grub sie mit einem spitzigen Stein eine Rinne aus dem Quell bis zu dem Birnbaum, so dass das Wasser an seine Wurzel floss und den Baum erquickte. Als sie freudig so zusah, wie die durstige Erde rund um den Baum das Wasser einschluckte, f\u00fchlte der alte Birnbaum seine Wurzeln erfrischt, er sah mit freudigem Ger\u00e4usch nieder zu dem Kinde und sprach, indem er die \u00c4ste niederbeugte, mit einer Stimme, die wie eine S\u00e4ge zischte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Quellen f\u00fchrst du mir zum Herzen,<br>Linderst mir des Durstes Schmerzen,<br>Meine Bl\u00e4tter nicht mehr \u00e4chzen,<br>Zungen, die nach Wasser lechzen,<br>Und ich senke meine \u00c4ste<br>Niederschwenkend, meine besten<br>Birnen kannst du so erreichen,<br>Ohne erst heraufzusteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier dankte dem Birnbaum und brach ganz leise, um ihm nicht weh zu tun, die sch\u00f6nsten gelben Birnen ab und legte sie schonend in ihren Korb. Worauf der Baum seine Zweige wieder emporhob und freundlich \u00fcber ihr rauschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Abend kam, nahm sie den Sch\u00e4ferstab und den Rocken in die Hand, hob sich den Korb voll Birnen auf den Kopf und zog hinter ihrer Herde nach Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs begegnete ihr ein sch\u00f6ner J\u00e4ger zu Pferd, er sah die sch\u00f6nen Birnen in ihrem Korb und kaufte sie ihr alle um mehrere Goldst\u00fccke ab, so dass sie ganz vergn\u00fcgt nach Hause kam. Aber da erwartete sie wieder Zank und Verdruss, wenn sie gleich alles, was ihr aufgetragen war, wohl verrichtet hatte. Murxa war an dem Brunnen gewesen und hatte der Frau Else grob und unh\u00f6flich gerufen. Da sie darauf nicht h\u00f6ren wollte, hatte sie einen schweren Stein hinabgeworfen und war selbst hinterdrein gefallen; da fand sie denn keine gl\u00e4serne Kammer, sondern ein tr\u00fcbes sumpfiges Wasser, und Frau Else erschien ihr und sprach: \u00bbDu b\u00f6se, neidische Schwester! so oft du deine roten Haare sch\u00fcttelst, soll lauter faules Schilf und Stroh herausfallen.\u00ab W\u00fctend vor Zorn fiel sie daher das arme Murmeltier an, die sich kaum vor ihren Misshandlungen retten konnte. Da Murxa vor Zank und Zorn m\u00fcde sich in eine Ecke setzte und weinte, legte Murmeltier der Mutter das Gold auf den Tisch und erz\u00e4hlte, wie es mit dem Birnbaum und dem J\u00e4ger gegangen war; aber sie hatte schlechten Dank, und wurde ihr gesagt: \u00bbDass du mir heute Nacht das Haus noch kehrst und den Stall reinigest und Wasser zutr\u00e4gst, sonst gibt&#8217;s Schl\u00e4ge; denn morgen fr\u00fch musst du den Esel mit einem Sack Korn in die Ungl\u00fccksm\u00fchle treiben. Geschwind packe dich, Faulenzerin! und arbeite.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ruhig ging Murmeltier nach dem Hof, um zu kehren; aber da schl\u00fcpfte ihr Freund, der Biber, aus der Hecke hervor und fegte alles rein und trug ihr das Wasser, und ger\u00fchrt nahm sie ihn in die Arme und gab ihm einen Kuss und sprach: \u00bbLieber Biber! du bist mein einziger Trost, ohne deine H\u00fclfe m\u00fcsste ich vor Kummer und Not sterben.\u00ab &#8211; Da konnte der Biber auf einmal reden und sprach: \u00bbSei zufrieden, mein gutes Kind! und lege dich zu Bett und schlafe ruhig; ich verdanke dir das Leben und nun auch die Sprache, weil du mich gek\u00fcsst hast. Wenn du morgen an meinem Bau am Teiche vor\u00fcbergehst, so will ich dir wegen der Ungl\u00fccksm\u00fchle guten Rat geben. Gute Nacht, lieb Murmeltier!\u00ab sprach er und ging fort. \u00bbGute Nacht, lieber Biber!\u00ab sagte sie und ging, sich aufs Stroh zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum dass der Tag graute, stand sie wieder auf, legte den Sack mit Korn auf den Esel und zog nach dem Teiche hin. Es war ihr angst und bang, nach der M\u00fchle zu gehen; denn wenn gleich der M\u00fcller das feinste Mehl mahlte, so waren doch wenige Menschen wieder aus seiner M\u00fchle herausgekommen, und wusste niemand, was aus ihnen dort geworden. Da sie nun an dem Teiche bei ihrem Freund Biber angekommen, rief sie ihn:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Lieber Biber!<br>Komm heraus<br>Aus dem Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Biber lie\u00df sie nicht lange warten, kam hervor, gr\u00fc\u00dfte sie und setzte sich neben sie ins Gras, wo er also zu ihr sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbLiebes Murmeltier! sie haben dich nach der Ungl\u00fccksm\u00fchle geschickt, damit du zu Grunde gehst; kein Mensch geht mehr in die M\u00fchle, ohne umzukommen; aber ich will dir raten, wie du sicher hingelangen kannst.\u00ab &#8211; \u00bbAch! ist denn der M\u00fcller ein so gar grausamer Mann,\u00ab fragte Murmeltierchen, \u00bbdass er mich umbringen wird?\u00ab &#8211; \u00bbDas eben nicht,\u00ab sagte der Biber, \u00bbaber er ist ein sehr wunderlicher Mensch und ger\u00e4t leicht in den bittersten Zorn; ich selbst habe es erfahren, lass dir erz\u00e4hlen. Sein Vater, der alte Kampe, bemerkt pl\u00f6tzlich ein wunderbares Gl\u00fcck in seinem Haus: Gold, Silber, Getreide, Mehl, Gut und Geld mehrte sich unbegreiflich unter seinen H\u00e4nden, und er wusste gar nicht, wo ihm all der Segen herwuchs. Als er nun einmal mit der Hacke im Garten stand und den vollen Segen seines Feldes und der B\u00e4ume anschaute, sprach er traurig: &#8218;Lieber Himmel, was soll mir all das Gl\u00fcck, da ich den nicht kenne, der es geschenkt, um ihm zu danken; lieber wollt ich arm sein und den Freund umarmen, der mir diesen Segen bringt, als so allein hier in H\u00fclle und F\u00fclle sitzen.&#8216; Kaum hatte er diese Worte von ganzer Seele gesprochen, als die Erde vor ihm erw\u00fchlt wurde und er, der einen Maulwurf zu sehen erwartete, schon die Hacke aufhob, um ihn zu erschlagen; aber sieh da! es war kein Maulwurf, es war ein kleines, braunes, freundliches Erdfr\u00e4ulein, das ihm die Arme entgegenstreckte und zu ihm sagte: &#8218;Ich halte dich beim Wort, mein lieber Kampe! umarme mich, ich bin das deutsche Erdfr\u00e4ulein und hei\u00dfe Wurzelw\u00f6rtchen; immer hab ich dich geliebt wegen dem sch\u00f6nen, reinen und richtigen Deutsch, das du sprichst, und habe dich deswegen mit Segen \u00fcbersch\u00fcttet; werde mein Gemahl, so soll dein Gl\u00fcck sich immer mehren.&#8216; Meister Kampe z\u00f6gerte nicht lange, er schlug ein, und sie heirateten sich. Nach einem Jahr schenkte Wurzelw\u00f6rtchen dem guten M\u00fcller Kampe einen Sohn, der Voss hie\u00df und sehr bald sprechen, aber wie sprechen lernte: so sch\u00f6n, so richtig, so rein, dass auch kaum ein H\u00e4rchen fehlte, dass man ihn gar nicht verstanden h\u00e4tte. Dieser Sohn wuchs heran; er war ungemein tiefsinnig und still; er spintisierte bald alles aus und richtete die M\u00fchle besser ein, dass die R\u00e4der auch so richtig klapperten, dass nicht eine Sekunde am Schlag fehlte. Sein Vater wollte, er sollte sich ganz allein mit der M\u00fchle abgeben, damit er selbst studieren k\u00f6nne, aber das ging nicht. Voss hatte einen viel gr\u00f6\u00dferen Trieb zum Studieren als sein Vater, und wartete nur eine Gelegenheit ab, diesem zu zeigen, dass er gegen seinen Sohn doch nur ein dummer M\u00fcller sei. Als nun Kampe mit seiner Frau Wurzelw\u00f6rtchen einstens im Garten sa\u00df und neue Worte machte, trat Vosschen auf einmal hervor und las ihnen dreimalhunderttausend neue deutsche W\u00f6rter vor, an die der gute Meister Kampe nie gedacht hatte; und der Vater ward durch diese Gelehrsamkeit seines Sohnes so best\u00fcrzt, dass er in den Armen der Frau Wurzelw\u00f6rtchen auf der Stelle verblich. &#8218;Lebe wohl, mein Sohn!&#8216; sagte die Erdfrau; &#8218;dein Vater ist durch dich gestorben, drum muss ich von dir scheiden; aber weil du unschuldig daran bist, so sollen dir meine Geister doch immer dienen.&#8216; Somit nahm sie ihren Gatten in die Arme und sank mit ihm in die Erde. Voss machte sich nicht viel daraus; er arbeitete immer drauflos und ward t\u00e4glich finsterer und menschenscheuer; ja, je weiter er in der Sprache kam, je mehr h\u00fctete er sich, sie zu sprechen, um sie nicht zu verderben und zu beschmutzen. Nun wurde ihm der gro\u00dfe Zulauf zu seiner M\u00fchle immer l\u00e4stiger, weil der Mehlstaub ihm alle die sch\u00f6nen neuen W\u00f6rter und Redensarten bestaubte, die er t\u00e4glich ausdachte, und er machte sich dran, den Zugang zu seiner M\u00fchle auf alle m\u00f6gliche Weise zu erschweren, was er auch mit Hilfe seiner Erdgeister so zustande brachte, dass fast niemand mehr zu ihm gelangt. Ich selbst habe seinen Zorn bitter erfahren, denn er ist es, der mich in einen Biber verwandelt hat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch! was warst du denn, lieber Biber?\u00ab fragte Murmeltier neugierig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch war ein Fischer und hie\u00df Biber\u00ab, sagte der Erz\u00e4hler, \u00bbund lebte still hier am Teiche. Da nun einstens der M\u00fcller Voss eine Menge neuer W\u00f6rter und Redensarten, die ihm unter die Kleie gekommen waren, hier am Teiche waschen wollte, schnappten sie ihm meine Hechte und Karpfen weg, und so kamen alle diese wunderlichen Worte mit den Fischen nach und nach in meinen Netzen zu mir. Ich aber trieb einen frommen Handel damit; denn da ich wusste, dass der M\u00fcller alle Leute in Korns\u00e4cke steckte und so in den Rauch h\u00e4ngte, die zu seiner M\u00fchle kamen, ohne ein neues Wort zu haben, so warnte ich hier die Vor\u00fcbergehenden und gab ihnen f\u00fcr kleine M\u00fcnze neue W\u00f6rter, womit sie den M\u00fcller bezahlen konnten. Endlich merkte der M\u00fcller ihre Quelle; zornig kam er zu mir, nahm meinen ganzen Vorrat als sein Eigentum in Besitz, und verwandelte mich zur Strafe in das, was mein Name bedeutete, in einen Biber, und nahm mir die Sprache; denn umbringen durfte er mich nicht, weil seine Mutter mir wohlwollte. Als er mich so verwandelt hatte, sagte er: &#8218;Solange sollst du die Sprache verlieren, bis ein Murmeltier dich umarmt und zu dir spricht: lieber Biber!&#8216; Dass du es sein k\u00f6nntest, wusste er nicht; so hast du mir die Sprache wiedergegeben und mir fr\u00fcher das Leben gerettet aus der Falle, die er mir gestellt, und nun will ich dir sagen, wie du zu der M\u00fchle kommen kannst und wie du dich bei ihm benehmen musst. &#8211; Nehme hier nicht den kurzen Weg, sondern gehe dort droben auf dem Umweg durch die Felsen. Mische dich in keinen Streit, keinen Handel, der dir auf dem Weg aufsto\u00dfen k\u00f6nnte; stellen sich dir wilde Tiere entgegen, so ber\u00fchre sie nur mit deinem Sch\u00e4ferstab; triffst du jemand in Not, so helfe von ganzem Herzen; f\u00e4hrt dich jemand grob an, so antworte ihm h\u00f6flich; des M\u00fcllers b\u00f6sen Hunden gebe dein Brot. An die T\u00fcre klopfe nicht, sondern sage nur: &#8218;Ins Heu, ins Heu, ins Heuderlei&#8216;; erlaubt er dir, einen Strau\u00df zu binden, so breche die Blumen nicht selber, sondern gehe lieber ohne Strau\u00df heim; vor allem h\u00fcte dich, ein undeutsches Wort zu sagen, und statt Sack sage Beutel. &#8211; Nun gehe in Gottesnamen, ich will dir immer in der N\u00e4he sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier dankte dem Biber und trat nun ihre Reise an. Das erste, was ihr begegnete, war ein sehr l\u00e4cherlicher Zank jenseits des Zaunes, der ihren schmalen Fu\u00dfsteig begleitete. Zwei M\u00e4nner stritten sich: ob die Louise oder die Dorothea sch\u00f6ner sei; der eine schrie, Louise hat sch\u00f6nere F\u00fc\u00dfe, der andere sagte, Dorothea hat eine sch\u00f6nere Seele. Da schrie der erste: \u00bbAber man geht nicht auf der Seele, man geht auf den F\u00fc\u00dfen\u00ab, und darauf sagte der zweite: \u00bbMan denkt auch nicht mit den F\u00fc\u00dfen, man denkt mit der Seele.\u00ab &#8211; \u00bbLouise hat immer mit den H\u00fchnern zu tun.\u00ab &#8211; \u00bbDorothea l\u00e4uft immer an den Brunnen.\u00ab So zankten sie lange, und Murmeltier wollte eben durch den Busch gucken, als der Biber vor die L\u00fccke trat und sie warnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie weiterkam, stellte sich ihr ein Wolf entgegen; er hatte sich eine Schafshaut umgeh\u00e4ngt und Kamaschen angezogen und stellte sich ganz galant. Aber Murmeltier kannte ihn gleich, sie zeigte ihm nur den Sch\u00e4ferstab, und er zog sich zur\u00fcck. So machte sie es auch mit einem B\u00e4ren und einem Auerochsen; schon sah sie die M\u00fchle am Ende einer Wiese liegen, als sie pl\u00f6tzlich neben sich an einem Brunnen eine weinende Stimme h\u00f6rte. Sie eilt hinzu und sieht eine wundersch\u00f6nes Kind in dem Brunnen liegen, das sich kaum mehr \u00fcber dem Wasser erhalten kann. Ohne sich zu besinnen, springt Murmeltier hinab und wirft das Kind heraus ins weiche Gras. Als sie sich aber kaum selbst wieder auf den Rand des Brunnens geschwungen hatte, erblickt sie einen n\u00e4rrischen Affen in einer bunten Jacke, der das Kind aufpacken und davonlaufen will. Schnell springt nur Murmeltier herzu, r\u00fchrt den Affen mit dem Sch\u00e4ferstab an, und er f\u00e4llt auf den R\u00fccken tot nieder. Nun naht sie sich, das Kind auf den Armen, der T\u00fcre der M\u00fchle. Gro\u00dfe Hunde nahen sich ihr; sie bellten nicht, denn der M\u00fcller, der das Hundegebell nicht leiden konnte, hatte ihnen die Zungen ausgeschnitten; aber grimmig fletschten sie die Z\u00e4hne. Da gab ihnen Murmeltier ihr Brot, und sie legten sich ruhig wie L\u00e4mmer nieder und fra\u00dfen. Nun war zwar ein sch\u00f6ner brillantener Klopfer an der T\u00fcre, aber Murmeltier r\u00fchrte ihn nicht an und sagte nur: \u00bbIns Heu, ins Heu, ins Heuderlei\u00ab da sprang die T\u00fcre auf, sie ging mit dem Kinde hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWer hat dich gelehrt, unangemeldet zu treten ins gastfreie Haus, gl\u00e4nzt der Hammer doch blank gescheuert am reinlichen Tore\u00ab, schrie der M\u00fcller ihr entgegen. Murmeltier erwiderte: \u00bbIch wollte nicht st\u00f6ren die Ruhe des heiligen Denkers mit lautem Gepoche.\u00ab Da sagte der M\u00fcller: \u00bbImmer wisst Ihr mit ekler Entschuldgung zu mehren die Schuld; schweiget und tretet herzu, weil Ihr nun einmal listig gelangt in das Haus.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun eilte Murmeltier mit dem Kind ans Kaminfeuer, um es zu trocknen, und da sah der M\u00fcller, dass es Abraham, sein S\u00f6hnchen, war, dem sie das Leben gerettet; er brachte es gleich seiner Frau, die auch erfreut war. Als er aber h\u00f6rte, dass Murmeltier auch den Affen totgeschlagen, ging er ganz froh hinaus und holte ihn herein und sagte ihr: \u00bbHerzlichen Dank verdienst du, o Freundin, du schlugst meinen Feind, den Affen Sonneto, den lumpengeflickten, und ich nagle den Schelm nun an den Baum des Gartens, dass er mir scheuche die V\u00f6gel, die Diebe der lachenden Kirschen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun nahm er Murmeltier mit in den Garten und nagelte den Affen an den Baum unter den bittersten Verw\u00fcnschungen. Es war nicht zu sagen, wie sch\u00f6n der Garten war: da standen nichts als Lorbeer- und Olivenb\u00e4ume und Rosen und Weinreben und eine Menge der sch\u00f6nsten Blumen. Der M\u00fcller sagte ihr, sie m\u00f6ge sich einen Strau\u00df brechen; aber sie dankte. Da brach er ihr selbst einen und einen f\u00fcr ihre Mutter und sprach dann zu ihr: \u00bbNehme den Strau\u00df, o M\u00e4gdlein! bewahr ihn, beschaue ihn t\u00e4glich, und bemerkest du traurig, dass er verliere den Glanz und den Duft der schimmernden Bl\u00e4tter, dann besorge Gefahr und lege die zierlichen Blumen in Milch, so senket der Schlaf sich bleiern hernieder, und Wirx, die Mutter, wird schlummern mit Murxa, der z\u00e4nkischen Schwester; dann aber schreite und suche in Kisten und Kasten der Mutter, du findest ein Lichtlein, der Docht ist gewunden aus schwarzer und r\u00f6tlicher Wolle; dies aber nimm und lege an dessen Stelle dies \u00e4hnliche Kerzlein, das ich dir gebe, mein Kind! zum Danke der Rettung.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier dankte dem M\u00fcller herzlich, und schon wollte sie scheiden, als er ihr sagte: \u00bbAber wo hast du das Korn, das zu mahlen du brachtest auf r\u00fcstigem Esel?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da erwiderte Murmeltier: \u00bbDrau\u00dfen im leinenen Beutel tr\u00e4get es fest gef\u00fcllet das Tier und seufzt der Entladung.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGut ist die Sprache, mein Kind!\u00ab versetzte der M\u00fcller, \u00bbdoch sage, wer lehrt&#8216; dich zu meiden ausl\u00e4ndisches Wort und den Sack nicht zu nennen, dem doch die sprechenden V\u00f6lker alle gegeben das Recht der Heimat bei sich?\u00ab &#8211; \u00bbAch!\u00ab sagte Murmeltier \u00e4ngstlich und kniete nieder, \u00bbach! teurer bester Herr! verzeiht mir, ich habe einen Freund, einen guten braven Mann, den Biber, der hat es mich gelehrt; ach! wenn Ihr mir eine Liebe antun wolltet und wolltet ihn wieder zum Menschen machen; sprechen kann er schon, er hat mir sein Ungl\u00fcck, Euch zu missfallen, erz\u00e4hlt, ich bin ihm viel Dank schuldig.\u00ab &#8211; \u00bbWohlan,\u00ab versetzte ger\u00fchrt der M\u00fcller, \u00bbdie Bitte gew\u00e4hr ich; Murmeltier hei\u00dft du, so ward denn mein Fluch erf\u00fcllet, und gehe, ber\u00fchre mit den Blumen den Freund, so wird ihm geholfen. Aber er meide das Land und ziehe hinab an den Rheinstrom, nicht mehr sich mengend in sprachliche Forschung.\u00ab Nun gab er dem Murmeltier einen Sack voll Mehl statt dem Korn und entlie\u00df sie, die voll Freuden nach dem Teiche zog, um den guten Biber zu erl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Murmeltier bei dem Biberbau am Wege anlangte, kam ihr der gute Biber mit den Worten entgegen: \u00bbNun, mein liebes Kind! wie ist es dir ergangen?\u00ab &#8211; \u00bb\u00dcber alle Erwartung gut,\u00ab sagte Murmeltier, \u00bbund dir selbst bringe ich die freudigste Botschaft; wenn du an den Rhein ziehen und dich gar nicht mehr mit neuen W\u00f6rtern abgeben willst, so darf ich dich nur mit diesem Blumenstrau\u00df ber\u00fchren und du bist wieder der Fischer, der du warst.\u00ab &#8211; \u00bbMein Kind,\u00ab sagte Biber, \u00bbdas ist ein hoher Preis; ich soll dich verlassen, ich soll dir die Stube nicht mehr auskehren, das Wasser nicht mehr tragen, ich soll dich in Kummer und Not wissen und daf\u00fcr nur ein Mensch sein. Nein, mein liebes Murmeltier! mute mir das nicht zu; lieber bleibe ich bei dir und ein ehrlicher Biber, als dass ich dich verlasse und wieder ein Mensch werde.\u00ab Murmeltier war \u00fcber die gro\u00dfe G\u00fcte des Bibers tief ger\u00fchrt und sprach zu ihm, indem sie ihn z\u00e4rtlich an ihr Herz dr\u00fcckte: \u00bbLieber Biber! du bist das edelste, liebste Wesen auf Erden, das ich kenne, und es verdient meine innigste Liebe, dass du mir ein so gro\u00dfes Gut aufopferst; aber ich will es dir ewig gedenken, und es steht von nun an in deiner Gewalt, ein Mensch zu werden, wenn du es begehrst.\u00ab Da sprach der Biber: \u00bbNie werd ich es begehren, wenn ich dich darum verlassen soll.\u00ab &#8211; In solchen Gespr\u00e4chen nun zogen sie mit einander nach Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Biber schlich in den Hof und den Stall und brachte alles in Ordnung. Murmeltier aber lud ihren Esel ab, stellte den Mehlsack in die K\u00fcche und trat freundlich mit ihren zwei Blumenstr\u00e4u\u00dfen in die Stube zur Mutter; doch verbarg sie den ihrigen auf ihrer Brust, weil sie f\u00fcrchtete, er m\u00f6ge ihr von Murxa genommen werden. \u00bbSeht, da hat sie der Kuckuck schon wieder\u00ab, schrie Murxa; \u00bbwir dachten schon, wir w\u00e4ren sie los.\u00ab &#8211; \u00bbUnkraut verdirbt nicht\u00ab, schrie Frau Wirx; \u00bbwo hast du das Mehl? Du warst gewiss nicht in der M\u00fchle.\u00ab- \u00bbLiebe Frau Mutter!\u00ab sprach Murmeltier, \u00bbin der K\u00fcche steht ein gro\u00dfer Sack des feinsten Mehls, und hier habt Ihr einen Strau\u00df von lauter Edelsteinen, den mir der g\u00fctige M\u00fcller f\u00fcr Euch gegeben\u00ab &#8211; und nun erz\u00e4hlte sie von der Sch\u00f6nheit der M\u00fchle und der Freundlichkeit des M\u00fcllers. Aber Murxa sagte: \u00bbEs ist gewiss alles erlogen, wie von dem abscheulichen Birnbaum; ich war dort, er hat mir die Zweige nicht niedergesenkt; ich habe ihn gesch\u00fcttelt, er hat sich nicht ger\u00fchrt; ich habe mit Pr\u00fcgeln nach ihm geworfen, da hat der boshafte Baum einen solchen Regen von Birnen auf mich herabfallen lassen, dass sie mich voller Beulen geschlagen, und als ich sie sammelte, waren sie alle voller Flecken. Dein sch\u00f6ner Herr J\u00e4ger, der mir begegnete, wollte sie nicht kaufen; da sagte ich ihm, er sei ein Schlingel, da gab er mir eine Ohrfeige, und die sollst du wieder haben, du Falsche! du L\u00fcgnerin! die mich in den Verdruss gebracht\u00ab &#8211; und nun schlug sie der armen Murmeltier ins Gesicht, die weinend entfliehen wollte; aber Murxa, die h\u00e4ssliche, b\u00f6se, hielt sie zur\u00fcck und sprach: \u00bbSo kommst du nicht davon; erst k\u00e4mme mir die Haare, und wenn nur ein bisschen Stroh oder Schilf herausf\u00e4llt, so ermorde ich dich.\u00ab Weinend nahm Murmeltier ihren eigenen Kamm und k\u00e4mmte der b\u00f6sen Murxa die Haare, und siehe da! der Kamm hatte die gl\u00fcckliche Wirkung, dass die roten Haare sich wie gew\u00f6hnliche Haare k\u00e4mmen lie\u00dfen. \u00bbNun sage mir nochmals alles von dem M\u00fcller\u00ab, sprach Murxa, \u00bbund l\u00fcge nicht, sonst soll es dir \u00fcbel gehen; denn morgen in aller Fr\u00fch will ich auch zu dem Narren, dem M\u00fcller, gehen und mir Edelsteinblumen holen.\u00ab Nun sagte ihr Murmeltier nochmals alles, was n\u00f6tig sei, gl\u00fccklich in die M\u00fchle zu kommen, und ging dann ruhig mit einem St\u00fcckchen Brot auf ihr Stroh, das ihr der gute Biber recht reinlich aufgesch\u00fcttelt und mit Blumen bestreut hatte. Sie sagte ihm freundlich Dank und gute Nacht, und dann trennten sie sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Am folgenden Morgen ging sie zur Mutter und fragte, ob sie vielleicht heute backen solle, weil sie das Mehl gebracht. \u00bbIst das eine Frage, dummes Murmeltier!\u00ab schrie Frau Wirx. \u00bbWozu habe ich denn das Mehl holen lassen? Ich dachte, du h\u00e4ttest den Teig schon fertig geknetet, den Ofen schon geheizt; fort, du Faule! an die Arbeit und lasse mich schlafen!\u00ab Nun eilte Murmeltier an den Backtrog, da war aber Freund Biber schon da und hatte Wasser hineingetan. \u00bbHeize den Ofen nur geschwind,\u00ab sagte er, \u00bbich will den Teig w\u00e4hrenddem kneten\u00ab und beide arbeiteten so schnell, dass das Brot schon im Ofen war, ehe Frau Wirx aufstand, wo sich der Biber geschwind zur\u00fcckzog, um nicht von ihr gesehen zu werden. Nun musste Murmeltier der Murxa den Esel aufz\u00e4umen und beladen. Dann stand Frau Wirx auf und sah nach dem edelsteinernen Blumenstrau\u00df, den ihr Murmeltier mitgebracht; aber er war in der Nacht an ihrer Brust schwarz wie Kohlen geworden. Zornig eilte sie auf Murmeltier zu, die vor dem gl\u00fchenden Backofen stand, und wollte sie hineinwerfen; aber der gute Biber sah sie kommen und schlug ihr mit dem Schwanz, der vom Kneten noch voll Mehlbrei war, ins Gesicht, dass sie nichts sehen konnte; worauf er wieder davonlief. Frau Wirx wurde nun bitterb\u00f6se und warf den Strau\u00df auf die Erde; aber kaum hatte ihn Murmeltier, die ihn aufhob, ber\u00fchrt, so war er so gl\u00e4nzend als vorher. \u00bbLiebe Mutter,\u00ab sagte sie, \u00bbsteckt den Strau\u00df ins Wasser, bis Ihr ihn verkauft, so wird er immer sch\u00f6n bleiben.\u00ab Frau Wirx wurde durch den erneuten Strau\u00df wieder etwas zufrieden und ging nach ihrer Stube zur\u00fcck. Nun musste Murmeltier der Murxa den Esel z\u00e4umen und ihm den Kornsack aufladen, dann gab sie ihrer Schwester einen frischgebackenen sch\u00f6nen Kuchen f\u00fcr die Hunde des M\u00fcllers, und die faule Murxa setzte sich noch zu dem schweren Sack auf den Esel, so dass das arme Tier kaum fortkonnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste, was sie unterwegs tat, war, dass sie den Kuchen rein aufa\u00df, den sie den Hunden h\u00e4tte mitbringen sollen. Als sie auf die Wiese kam, sah sie einen Hirten schlummern, der sich das Gesicht gegen die Fliegen zugedeckt hatte, und eben raubte ihm der Wolf einige Schafe. Sie weckte ihn nicht und hatte ihre Freude dran, und als der Wolf mit den Schafen weg war, nahm sie ihm leise das Tuch vom Gesichte, dass die Fliegen ihn recht stechen sollten. Sodann kam sie in ein W\u00e4ldchen, da sa\u00df eine Jungfrau bei einem Feuer und einer sch\u00f6nen Quelle, und wollte Kaffee kochen, schnell sprang Murxa vom Esel und trank ihr den ganzen Topf aus und schlug ihr den blinkenden Kessel am Baume voll Beulen, und trieb ihren Esel in die Quelle, der sie mit seinen schmutzigen F\u00fc\u00dfen verunreinigte. Das Flehen der reinlichen Jungfrau machte sie nur lachen. Sie zog nun weiter; da sah sie eine gro\u00dfe buntscheckige Katze sitzen, die mit dem Schwanze in einem Baume eingeklemmt gewaltig lamentierte und zu ihr schrie: \u00bbMurxa! mache mich los; der vermaledeite M\u00fcller hat mich hier eingeklemmt, weil er meinen sch\u00f6nen Gesang nicht leiden kann; ich hei\u00dfe Canzone und bin eine italienische Katze und fresse nichts als s\u00fc\u00dfe Orangen, und er m\u00f6chte sie gerne allein essen. Mache mich los, ich helfe dir auch in die M\u00fchle.\u00ab Sogleich machte Murxa die Katze los, die nun hinter sie auf den Esel sprang.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie zur M\u00fchle kam, kamen die Hunde auf sie los und w\u00fcrden sie gewiss zerrissen haben, wenn die Katze nicht von dem Esel herabgesprungen und, von ihnen verfolgt, \u00fcber die Hecke in des M\u00fcllers Garten gesprungen w\u00e4re. W\u00e4hrend dem schlug Murxa mit dem Hammer an die T\u00fcre; aber sie verbrannte sich die Finger, denn der M\u00fcller hielt ihn immer sehr hei\u00df, damit sich die Fliegen nicht darauf setzen sollten, die er nicht leiden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00fchle ging auf, Murxa schrie den M\u00fcller, der an einem Pulte stand und mit den Fingern die Schl\u00e4ge seiner M\u00fchle mit den Worten: dalderal, dalderal, dalderal, nachtrommlelte, an: \u00bbWas klappert ihr da? Ich wollte Euch besser sagen, wie es lautet: Es ist ein Dieb da, es ist ein Dieb da. Wer ist er? Wer ist er? Wer ist er? Der M\u00fcller, der M\u00fcller, der Mahler, der Dieb.\u00ab H\u00f6flich fragte sie der M\u00fcller: \u00bbSchelmisches M\u00e4gdelein! du scherzest! Sage, was f\u00fchret dich her auf beschwerlichem Wege zur klappernden M\u00fchle?\u00ab &#8211; \u00bbWas mich herf\u00fchrt? Das ist kurios gefragt. Mehl will ich haben, ennuyanter Kleienfresser! Ihr gebt Euch ein so douces Air und wollt immer die Miene eines honnete homme annehmen, und dahinter steckt nichts als Intrigue und Filouterie.\u00ab &#8211; \u00bbKomme, mein T\u00f6chterlein!\u00ab sagte geduldig der g\u00fctige M\u00fcller, \u00bbkomm, ich tausche dein Korn dir mit zartem wohlschmeckendem Mehle und geleite zum Garten dich, Jungfrau! dass du dir brechest ein Str\u00e4u\u00dflein von edlem Gestein, zu Haus die freundliche Mutter mit k\u00f6stlicher Gab zu erfreuen\u00ab- \u00bbAllons, fortgemacht!\u00ab sagte Murxa und folgte ihm in den Garten. Aber kaum war der M\u00fcller drin, als er die Katze sah, die auf dem Baume sa\u00df und einen zahmen Vogel fra\u00df, den er sehr liebte. Z\u00fcrnend lief er der Katze nach, die von Baum zu Baum sprang, wozu Murxa nur immer lachte und w\u00e4hrend dem sich die Taschen voll Edelsteinblumen brach und die \u00fcbrigen mit ihren plumpen F\u00fc\u00dfen zertrat und verw\u00fcstete. Endlich war die Katze entflohen, und als der M\u00fcller seinen Vogel beklagte und \u00fcber den fluchte, der die Katze befreit, lachte ihn Murxa aus und sagte ihm, dass sie es getan, wor\u00fcber der M\u00fcller sehr erbittert wurde. Nun trat auch der Hirt mit ganz zerstochenem Gesicht auf und klagte \u00fcber sein Leid und das geraubte Vieh. Es war des M\u00fcllers Sohn. Auch Louise, seine Tochter, kam weinend und klagte, dass Murxa ihren Kessel verdorben, den Kaffee getrunken, die Quelle getr\u00fcbt habe, und da Murxa sie zu allem diesem auslachte, wurde der M\u00fcller erz\u00fcrnt und warf sie zur M\u00fchle hinaus. Sie k\u00fcmmerte sich aber um nichts. Das Mehl war schon auf den Esel geladen, mit Edelsteinen war sie bepackt, und hohnlachend ritt sie nach Hause. Am Ende der M\u00fchle sah sie zwei M\u00e4nner, die sich um einen gebundenen Ring schlugen; da der Ring an der Erde lag, stieg sie ab und wollte ihn f\u00fcr sich stehlen. Aber die zwei M\u00e4nner fielen nun \u00fcber sie her und pr\u00fcgelten sie braun und blau, legten sie dann ohnm\u00e4chtig auf den Esel, der seinen Weg nach Hause verfolgte.<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen war Murmeltier mit ihrer Herde schon nach Hause gekommen und stand mit ihrem Spinnrocken unter der T\u00fcre im Abendschein. Da kam der J\u00e4ger, der ihr die Birnen abgekauft, zu Pferde angeritten, stieg ab und band sein Pferd an das Fenstergitter. Geschwind lief Murmeltier hinein und sagte der Frau Wirx, wer da sei. Sie kam m\u00fcrrisch heraus; aber der Gedanke dass der Mann, der die Birnen so gut bezahlt, viel Geld haben m\u00fcsse, machte sie kriechend und freundlich. \u00bbWas verlangt der gn\u00e4dige Herr Ritter?\u00ab sagte sie, \u00bbwer ist Er? womit kann ich dienen?\u00ab Er sprach:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Ich bin Konrad, der m\u00fcde Mann,<br>Und sprech Euch um Nachtherberg an.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sagte Frau Wirx:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Um Silber und um Gold<br>K\u00f6nnt Ihr haben, was ihr wollt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stieg der J\u00e4ger ab und sprach zum Murmeltier:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Nun, Jungfrau, liebste Jungfrau mein!<br>Schenkt mir einen Becher k\u00fchlen Wein ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da jagte Frau Wirx das Murmeltier zankend in den Keller nach Wein, den sie bald brachte und dem J\u00e4ger mit den Worten darreichte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Ach Ritter, liebster Ritter mein!<br>Hier nehmt von mir den k\u00fchlen Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ritter aber wollte nicht zuerst trinken und reichte ihr den Becher mit den Worten zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Trink erstlich ab, du roter Mund!<br>Dann leer ich\u00b4s Glas bis auf den Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier trank ein wenig ab und gab ihm den Becher freundlich wieder, den er austrank. Die Frau Wirx aber jagte sie in die K\u00fcche und sagte, sie solle nicht so frech sein. Als der Ritter mit ihr allein war, sprach er zu Frau Wirx:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Frau Wirtin, liebe Frau Wirtin mein!<br>Ist dies f\u00fcrwahr Euer T\u00f6chterlein?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Es ist nicht sowohl mein T\u00f6chterlein<br>Als mein K\u00fcchensudel, mein schmutzig Schwein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun,\u00ab sagte der Ritter, \u00bbwollt ihr sie mir heute nacht auf meine Kammer geben, so sollt ihr Geld und Gut haben, so viel Ihr wollt.\u00ab &#8211; \u00bbIhr k\u00f6nnt tun, was ihr wollt\u00ab, sagte die b\u00f6se Frau Wirx. \u00bbNun, so lasst sie mir ein Fu\u00dfbad machen und heraufbringen\u00ab, sprach der Ritter Konrad und ging nach seiner Stube.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Wirx nahm nun eine h\u00fcbsche Badewanne aus dem Schrank und gab sie dem Murmeltier mit dem Befehl, sogleich ein Fu\u00dfbad mit Kr\u00e4utern f\u00fcr den Ritter zu machen und ihm zu bringen. Als sie nun in den Garten ging, Majoran zu brechen, setzte sich auf einmal eine Amsel, die zahm im Haus herumzufliegen pflegte, vor sie auf einen Baum und sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">In dem Badw\u00e4nnlein bist du hergetragen,<br>Darin musst du ihm die F\u00fc\u00dfe zwagen;<br>Dein Vater starb in Leid und Not,<br>Deine Mutter gr\u00e4met sich zu Tod.<br>O weh! du armes Findelkind!<br>Wei\u00dft nicht, wer Vater und Mutter sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie verstand seine Sprache nicht und wunderte sich nur, dass der Vogel, der sonst immer geschwiegen hatte, so gespr\u00e4chig geworden war; denn er wiederholte ohne Unterlass die n\u00e4mliche Weise. Nun kam der gute Biber und sagte ihr, was die Amsel gesungen, und sie verwunderten sich beide dar\u00fcber, denn sie verstanden es nicht. Murmeltier aber ward sehr traurig \u00fcber den Gesang und machte sich allerlei wunderliche Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie nun das hei\u00dfe Wasser \u00fcber die Kr\u00e4uter in der K\u00fcche ins Badw\u00e4nnlein goss, kam die Mutter Wirx und sagte ihr: \u00bbMarsch! packe dich hinauf zu dem Gast, und dass du mir nicht wieder herunterk\u00f6mmst; du musst mir heute nacht bei ihm bleiben; er will es haben und gibt mir hundert Goldst\u00fccke daf\u00fcr.\u00ab &#8211; \u00bbAch!\u00ab weinte Murmeltier, \u00bber wird mich doch nicht kr\u00e4nken und beleidigen, er war so freundlich gegen mich!\u00ab Da flog die Amsel wieder her und sang ihr Lied, wor\u00fcber sie in gro\u00dfe Sorge geriet und nach ihrem Strau\u00df sah, den ihr der M\u00fcller gegeben, ob er ihr irgend eine Gefahr andeute; aber der Strau\u00df war frisch und bl\u00fchend, und sie f\u00fcrchtete sich nun nicht mehr; aber weinen musste sie doch aus einer geheimen inneren Schwermut.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie das Bad hinauftragen wollte, zupfte sie der Biber nochmals am Rock und sprach: \u00bbLiebes Murmeltier! vergiss mich nicht, vergiss mich nicht; es steht etwas Gro\u00dfes bevor, denn die Amsel singt noch immer.\u00ab Sie nahm Abschied von ihm \u2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Und trug nun das Badw\u00e4nnlein<br>Wohl in des Herren K\u00e4mmerlein;<br>Sie f\u00fchlt hinein, ob&#8217;s nicht zu warm<br>Und weint dazu, dass Gott erbarm.<br>Der Ritter sprach: \u00bbWarum weinst du dann,<br>Schein ich dir nicht ein guter Mann?\u00ab<br>Sie sprach: \u00bbIhr scheint ein frommer Mann,<br>Ich wein \u00fcber unserer Amsel Sang,<br>Ich war im Garten und brach das Kraut,<br>Da sang die Amsel hell und laut:<br>&#8218;In dem Badw\u00e4nnlein ist sie hergetragen,<br>Darin muss sie ihm die F\u00fc\u00dfe zwagen,<br>Der Vater starb in Leid und Not,<br>Die Mutter gr\u00e4mte sich schier zu Tod.<br>Weh! Murmeltier, du Findelkind!<br>Wei\u00dft nicht, wer Vater und Mutter sind.&#8217;\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Da sah der Ritter das Badw\u00e4nnelein an<br>Und sah das burgundische Wappen dran,<br>Er sprach: \u00bbDas ist mein Wappen allein,<br>Wie kommt die Wanne ins Wirtshaus herein?\u00ab<br>Da sang die Amsel am Fensterladen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8218;In dem W\u00e4nnelein ist sie hergetragen.<br>Weh! Murmeltier, du Findelkind!<br>Wei\u00dft nicht, wer Vater und Mutter sind.&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Da sah Herr Konrad ihr an den Hals,<br>Und sah da wohl ein Muttermal.<br>\u00bbGott gr\u00fc\u00df,\u00ab sprach er, \u00bbdu roter Mund!<br>Dein Vater war K\u00f6nig von Burgund,<br>Christina hei\u00dft deine treue Mutter,<br>Ich, Konrad, bin dein Zwillingsbruder.\u00ab<br>Nun knieten sie beide auf ihre Knie<br>Und dankten Gott bis morgens fr\u00fch.<br>Und als nun morgens kr\u00e4ht der Hahn,<br>F\u00e4ngt schon Frau Wirx zu rufen an:<br>\u00bbSteh auf steh auf, du faule Haut!<br>Kehr deiner Mutter die Stuben aus.\u00ab<br>Da schrie Herr Konrad \u00fcberlaut:<br>\u00bbSie kehrt nicht, ist keine faule Haut,<br>Herein, Frau Wirx! kommt nur herein<br>Und bringt mir meinen Morgenwein.\u00ab &#8211;<br>Und als Frau Wirx herein nun trat,<br>Herr Konrad sie gefraget hat:<br>\u00bbWoher habt ihr das Jungfr\u00e4ulein,<br>Die K\u00f6nigstochter, mein Schwesterlein?\u00ab<br>Frau Wirx ward bleich gleich wie die Wand,<br>Die Amsel verriet da ihre Schand:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">\u00bbIn dem Lustgarten, im gr\u00fcnen Gras,<br>Das Kind in dem Badw\u00e4nnlein sa\u00df<br>Auf einem gr\u00fcnen Rainelein,<br>Spielt mit den bunten Steinelein,<br>Da kam die b\u00f6se Wirx ins Land<br>Und warf ihr hin ein seidnes Band,<br>So hat die b\u00f6se Zigeunerin<br>Gestohlen das zarte Kindelein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Herr Konrad ward da hoch entr\u00fcst,<br>Sein Schwert er durch der Frau Wirx Ohrl\u00e4ppchen stie\u00df<br>Und spie\u00dfte sie fest da an die Wand<br>Und nahm die Schwester an der Hand<br>Und nahm sie an dem G\u00fcrtelschloss<br>Und schwang sie auf sein hohes Ross.<br>Das Badw\u00e4nnlein hing am Sattelknopf,<br>Die Amsel sa\u00df auf des Rosses Kopf.<br>So ritten sie wohl manche Stund,<br>Bis in das Schloss, ins Land Burgund,<br>Und als er in das Tor einritt,<br>Die Mutter ihm entgegenschritt:<br>\u00bbKonrad! lieber Konrad mein!<br>Was bringst du mir f\u00fcr eine Braut herein?\u00ab &#8211;<br>\u00bbIch bringe keine Braut herein,<br>Ich bring Euch Euer T\u00f6chterlein.\u00ab<br>Die Tochter da vom Rosse sprang,<br>Die Mutter in eine Ohnmacht sank,<br>Und als sie wieder zu sich kam,<br>Ihr Kind sie in die Arme nahm.<br>\u00bbO lasst mir das eine Freude sein,<br>Ich bin Euer armes T\u00f6chterlein;<br>Heut sind es f\u00fcrwahr achtzehn Jahr,<br>Dass ich der Frau Mutter gestohlen war;<br>Frau Wirx, die b\u00f6se Zigeunerin,<br>Trug mich in dem Badw\u00e4nnlein hin.\u00ab<br>Und als sie sprach, die Amsel sang,<br>Dass laut die Stimm im Schloss erklang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">\u00bbFrau Wirx schreit jetzt: &#8218;Mein Ohr tut weh!&#8216;<br>Sie will keine Kinder stehlen meh;<br>Nun lasst vom Goldschmied klar und rein<br>Mir schmieden ein goldnes Gitterlein,<br>Wohl schmieden vor das Badw\u00e4nnlein,<br>Es soll der Amsel Wohnung sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>So schnell und wunderbar hatte sich das Ungl\u00fcck des armen Murmeltiers gewendet. Sie war nun eine Prinzessin von Burgund und hatte alles vollauf; die Amsel sa\u00df in der kleinen Badewanne, die ihr der Goldschmied in einen Vogelbauer verwandelt hatte; aber Murmeltier war doch nicht ganz gl\u00fccklich. Immer dachte sie an die letzten Worte des guten Bibers: \u00bbVergiss mich nicht! vergiss mich nicht!\u00ab &#8211; und wenn sie nun gedachte, dass er aus Liebe zu ihr ein Biber geblieben war, so weinte sie oft im stillen, dass sie seinen Bitten nachgegeben und ihn nicht zum Menschen verwandelt hatte. Hierauf kam noch ein trauriger Fall: ihre Mutter, die K\u00f6nigin von Burgund, war durch die pl\u00f6tzliche Freude des Wiedersehens so ersch\u00fcttert worden, dass sie krank ward und nach wenigen Wochen starb. Ihr Bruder Konrad, der nun der Herr des Landes war, fragte sie oft um ihren Kummer, sie sagte ihm endlich die Geschichte des Bibers, und er machte sich nun auf den Weg, den Biber zu suchen, und tat einen Eid, nicht eher zur\u00fcckzukommen, bis er den Biber gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>So war sie nun allein und betr\u00fcbt auf dem Schlosse und sah alle Augenblicke zum Fenster hinaus, ob ihr Bruder nicht bald zur\u00fcckkommen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will nun erz\u00e4hlen, wie&#8217;s unterdessen der b\u00f6sen Frau Wirx und der Murxa gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Murxa lag, wie ihr euch erinnern werdet, t\u00fcchtig abgepr\u00fcgelt \u00fcber dem Mehlsack auf dem Esel, der so langsam unter seiner Last nach Haus schritt, dass er erst vor der H\u00fctte ankam, als Frau Wirx schon mit dem Ohrl\u00e4ppchen an die Wand gespie\u00dft und Ritter Konrad mit Murmeltier davongeritten war. Dem Meister Langohr ward es zu lang, bis das Tor aufgemacht und ihm seine Last abgenommen wurde, er sch\u00fcttelte sich daher aus Leibeskr\u00e4ften und warf die ohnm\u00e4chtige Murxa mitsamt dem Mehlsack nieder. Da diese in die Brennnesseln fiel, kam sie wieder zu sich und h\u00f6rte nun ihre Mutter lamentieren. So schnell sie konnte, lief sie nun die Treppe hinauf und zog den Degen heraus, womit die Mutter angespie\u00dft war. Nun erz\u00e4hlten sie sich beide ihr Ungl\u00fcck unter best\u00e4ndigem Schimpfen auf Murmeltier.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt will sie der Mutter das sch\u00f6ne Mehl zeigen, aber kaum hat sie den Sack ge\u00f6ffnet, als lauter h\u00e4ssliche Stechfliegen heraussummen und sich ihr und der Mutter ins Gesicht setzen und sie zerstechen. Nun konnten sie sie nicht wieder loswerden, bis sie sich beide in ein Fass Wasser setzten und die Fliegen ers\u00e4uften. Nun wollte sich Murxa mit ihren Edelsteinen tr\u00f6sten und schm\u00fcckte sich mit ihnen von oben bis unten und legte sich, so auszuruhen, ins Bett. Kaum aber war sie eingeschlummert, als sich alle die Edelsteine in Hornissen und Wespen verwandelten und sie so zerstachen, dass sie das eine Auge dr\u00fcber verlor. Die Mutter kam auf ihr entsetzliches Geschrei und wusste sich keine andere Hilfe, da die Wespen sie auch zerstachen, als dass sie ein gro\u00dfes Feuer auf dem Herd machten und sich beide auf den Schornstein in den Rauch setzten, wodurch sie, nachdem sie ganz schwarz ger\u00e4uchert waren, endlich die beschwerlichen Tiere los wurden. Da oben im Rauchfang sagte nun Frau Wirx: \u00bbWarte, mein Kind! jetzt f\u00e4llt mir ein Mittel ein, wie wir uns an dem falschen Murmeltier r\u00e4chen. Lass uns unser Haus hier verbrennen und zu ihr nach Burgund ziehen. Wir erz\u00e4hlen ihr unser Ungl\u00fcck und flehen sie h\u00f6flich an; sie ist eine so dumme Gans, sie kann keinem Menschen etwas abschlagen.\u00ab Nun begaben sich Frau Wirx und Murxa herab und verbrannten das Haus, machten ihre besten Sachen zusammen, nahmen den Rocken und den Sch\u00e4ferstab des Murmeltiers und das seidene Kleid, das ihr Frau Loreley gegeben, und schlugen den Weg nach Burgund ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs kamen sie abends zu einer alten Base der Frau Wirx, die in einem abgebrannten Dorf auf dem Kirchhof wohnte, bei der \u00fcbernachteten sie und erz\u00e4hlten ihr ihr Vorhaben. Da schenkte ihnen die Alte eine Wachskerze von Menschenfett mit einem roten und einem wei\u00dfen Docht und sagte ihnen, wenn sie die anstecken w\u00fcrden, so m\u00fcsse Murmeltier sterben. Vergn\u00fcgt \u00fcber dies Geschenk setzten sie ihren Weg fort und kamen, nachdem sie bei drei Monaten unterwegs gewesen, endlich nach Burgund vors Schloss.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war gerade der Ort im Lustgarten, wo Frau Wirx vor achtzehn Jahren die Prinzessin geraubt hatte, und heute war gerade der Tag und die Stunde. \u00bbHier\u00ab, sagte Frau Wirx, \u00bblass uns unsere Heuchelei anfangen\u00ab &#8211; und nun setzten sie sich beide in das Gras und weinten. Murmeltier wollte zum Andenken den Ort besuchen und ihr trauriges Geschick beweinen; denn immer war ihr Bruder mit dem Biber noch nicht zur\u00fcckgekehrt. Als sie nun zu der Stelle im Garten kam, sah sie Frau Wirx und Murxa an der Erde liegen und weinen. Sie stellten sich, als wenn sie Murmeltier nicht bemerkten, und schrieen immer fort: \u00bbAch! wir Ungl\u00fccklichen! Ach! dass wir die arme Prinzessin so gekr\u00e4nkt; Gott hat uns gestraft, wir sind um alles gekommen, das Feuer hat uns alles geraubt.\u00ab Murmeltier konnte sich der Tr\u00e4nen nicht enthalten. Die Frau und die Tochter, die sie so lange f\u00fcr Schwester und Mutter gehalten, r\u00fchrten sie. \u00bbStehet auf,\u00ab sprach sie, \u00bbich verzeihe euch von Herzen.\u00ab &#8211; \u00bbAch!\u00ab schrie Frau Wirx, \u00bbist es m\u00f6glich? Sieh, hier haben wir dir auch deinen Hirtenstab und Spinnrocken Und dein sch\u00f6nes Kleid mitgebracht; alles andere ist uns verbrannt! Das haben wir allein gerettet!\u00ab Murmeltier dankte herzlich, umarmte beide und nahm sie in das Schloss, kleidete sie neu an, machte sie zur Obersthofmeisterin und Murxa zur ersten Hofdame.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die zwei b\u00f6sen Weiber allein in ihrer Stube waren, lachten sie herzlich \u00fcber die Dummheit des guten Murmeltieres &#8211; so nannten sie ihre G\u00fcte &#8211; Und Frau Wirx sagte: \u00bbNur nichts merken lassen, Murxa! wir wollen unser Gl\u00fcck hier noch aufs h\u00f6chste treiben.\u00ab So missbrauchten sie heuchelnd und schmeichelnd mehrere Wochen die G\u00fcte des frommen Murmeltiers.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends ging diese allein am Rhein spazieren und spann an ihrem Rocken, und dachte an ihren Bruder, als sich auf einmal auf der entgegengesetzten Seite ein Ritter auf einem wei\u00dfen Rosse ins Wasser st\u00fcrzte. Murmeltier eilte mit ausgebreiteten Armen gegen den Strom und schrie: \u00bbAch! Konrad! Konrad! bringst du meinen Biber mit?\u00ab Aber der Biber konnte den langsamen Schritt des Rosses nicht abwarten und schwamm ihm voraus und lag zu den F\u00fc\u00dfen der jubelnden Prinzessin, die nicht l\u00e4nger z\u00f6gern wollte und ihn mit ihrem Strau\u00dfe ber\u00fchrte, worauf er sogleich als ein sch\u00f6ner junger Fischer zu ihren F\u00fc\u00dfen lag. \u00bbGn\u00e4dige Prinzessin!\u00ab rief er aus, \u00bbach! h\u00e4ttet ihr mich einen Biber bleiben lassen; ein Biber darf wohl um Euch sein, ein armer, niedriger Fischer ist zu geringen Standes f\u00fcr Eure W\u00fcrde.\u00ab &#8211; \u00bbEi, was W\u00fcrde!\u00ab schrie Murmeltier, \u00bbIhr seid mir der Liebste auf der Welt!\u00ab und umarmte ihn. Nun kam auch Konrad auf seinem Rosse ans Land und umarmte seine Schwester und fragte: \u00bbEi! wo ist denn der Biber?\u00ab &#8211; \u00bbHier ist er,\u00ab sagte Murmeltier, \u00bbhier dieser Fischer, ich habe ihn gleich wieder zum Menschen gemacht.\u00ab Konrad lie\u00df sich alles erz\u00e4hlen und erz\u00e4hlte auch, wie er den Biber in der ganzen Welt gesucht und ihn endlich bei Biberich am Rhein gefunden. \u00bbJa,\u00ab sagte der Biber, \u00bbals Murmeltier fort war, wollte ich auch nicht mehr in jenem Lande bleiben und zog, nachdem ich lange vergebens sie suchend herumgeirrt war, endlich in die Gegend von Mainz und legte mir dort einen Bau an, wo er mich vor drei Tagen gefunden hat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun begaben sie sich in das Schloss, denn Konrad klagte \u00fcber Frost und N\u00e4sse, weil er \u00fcber den Rhein geschwommen. Sie brachten ihn auf seine Stube und pflegten ihn, der Fischer Biber blieb bei ihm. Auf einmal in der Nacht pochte etwas an Murmeltiers Stube. \u00bbWer ist draus?\u00ab rief sie. \u00bbGeschwind, geschwind, liebe Prinzessin!\u00ab rief der Biber, \u00bbkommt zu Eurem Bruder.\u00ab Murmeltier warf schnell einen goldnen Schlafrock um und eilte in Konrads Kammer, aber der war dem Tode schon nah. \u00bbAch!\u00ab sagte er, \u00bbliebe Schwester! ich habe mich gestern im Rhein erk\u00e4ltet nach dem heftigen Ritt, und muss nun sterben.\u00ab Murmeltier weinte sehr, aber Konrad nahm ihre Hand und legte sie in des Fischers Hand und sprach: \u00bbIch gebe euch einander, seid gl\u00fccklich und regiert das Land!\u00ab und somit starb er in ihren Armen. Man begrub ihn zu der Mutter; beide hatte die Freude get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p>Murmeltier lie\u00df am folgenden Morgen dem Fischer pr\u00e4chtige Kleider anlegen, versammelte das Volk und k\u00fcndete ihnen ihr Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck an. Alles brachte seine Gl\u00fcckw\u00fcnsche und Beileidsbezeugungen, auch Frau Wirx und Murxa heucheln und bringen ihre W\u00fcnsche dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war die Trauerzeit verflossen, man machte Anstalt zur Hochzeit, und als der Hochzeitsabend kam, sagte Murmeltier zum Fischer: \u00bbLieber Biber! wir wollen heute Nacht nicht in die Brautkammer gehen, wir wollen jeder in seiner Stube beten.\u00ab \u00bbJa\u00ab, sagte der Biber, und beide gingen nach ihrer Kammer.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Wirx hatte indes die garstige Murxa angeputzt und verschleiert und legte sie heimlich ins Hochzeitsbett mit der Absicht, das arme Murmeltier nachher mit ihrem Zauberlichte zu t\u00f6ten, und so ihre h\u00e4ssliche Tochter zur K\u00f6nigin zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sie dies aber tat, sah Murmeltier an ihrem Betstuhl knieend ihren Edelsteinstrau\u00df pl\u00f6tzlich welk und blass werden. Schnell fielen ihr die Worte des M\u00fcllers ein, sie lief und holte das Licht, das er ihr gegeben, und ging damit nach der Frau Wirx Kammer, wo sie das \u00e4hnliche Licht schon auf dem Leuchter stecken sah. Sie verwechselte nun die beiden Lichter und ging nach ihrem Betstuhl zur\u00fcck. Da sah sie ihre Blumen wieder frisch und gesund, wof\u00fcr sie Gott herzlich dankte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte Frau Wirx die h\u00e4ssliche Murxa in das Brautbett gelegt, als sie nun das Zauberlicht ansteckte und sich zu Bett legte. Auf einmal h\u00f6rte sie im Schlafe eine Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Weh! Weh! ich vergeh,<br>Weh! ich sterbe,<br>Ich verderbe;<br>Ganz in Schmerzen<br>Brenne ich gleich einer Kerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wachte Frau Wirx auf. Als sie aber das Zauberlicht noch brennen sah, sagte sie: \u00bbSchon gut, schon gut, bald wird es aus mit dem Murmeltier sein.\u00ab Dann schlief sie ein, und nach einer Stunde h\u00f6rte sie wieder:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Weh! Weh! ich vergeh,<br>Weh! ich sterbe,<br>Ich verderbe;<br>Schon am Herzen,<br>Zehret mir die Zauberkerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wachte sie wieder auf, und als sie das Zauberlicht bis auf den letzten Docht herabgebrannt sah, sprang sie auf, warf es an die Erde und trat das Licht aus mit den Worten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Sterbe, Licht,<br>Das Herz bricht<br>Zu dieser Frist,<br>Wider das du gemacht bist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war sie versichert, dass Murmeltier tot sei, und schlief ruhig wie eine Ratze schnarchend.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen war gro\u00dfe Versammlung am Hofe angesagt, das Ehepaar zu begr\u00fc\u00dfen. Sie als Obersthofmeisterin musste die Herrschaft empfangen. Sie legte sich in den gr\u00f6\u00dften Staat und trat mit der hoff\u00e4rtigsten Miene in den Audienzsaal, fest versichert, nun ihre Tochter als K\u00f6nigin hereintreten zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles war versammelt, die T\u00fcre \u00f6ffnete sich: Biber f\u00fchrte nach der Sitte des Landes seine Frau verschleiert herein. Die Obersthofmeisterin Wirx musste ihr den Schleier abnehmen. Sie ging triumphierend auf sie los und, fest \u00fcberzeugt, ihre Tochter als K\u00f6nigin zu pr\u00e4sentieren, hob sie den Schleier weg &#8211; und tat einen lauten Schrei, als sie Murmeltier heil und gesund fand. W\u00fctend lief sie nach der Brautkammer, riss die Vorh\u00e4nge des Brautbettes auseinander, und als sie da ihre Tochter zu Kohlen verbrannt sah, gestand sie ihre gr\u00e4ssliche Tat der ganzen Versammlung, die ihr gefolgt war, und sprang rasend, ehe man sie halten konnte, von dem Schlossfenster hinab in den Rhein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gingen der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin und der ganze Hofstaat in die Kirche, Gott f\u00fcr die abgewendete Gefahr zu danken, und regierten ein Jahr lang ihr Volk ruhig.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch w\u00e4hrte das nicht lange. Ein benachbarter K\u00f6nig wollte den Biber nicht als Regenten \u00fcber Burgund anerkennen und zog mit einem gro\u00dfen Kriegsheer ins Land, wo er eine gro\u00dfe Partei unter dem Adel hatte. Der Aufstand ward allgemein, der Biber sagte dazu Murmeltier: \u00bbWenn du nicht w\u00e4rst, so w\u00fcsste, ich wohl, was ich t\u00e4te.\u00ab &#8211; \u00bbWas w\u00fcrdest du denn tun?\u00ab &#8211; \u00bbEi! ich w\u00fcrde\u00ab, erwiderte Biber, \u00bbzu dem n\u00e4rrischen Volke sagen: Lasst euch regieren, von wem ihr Lust habt, und w\u00fcrde weg gehn und ein Fischer sein nach wie vor.\u00ab &#8211; \u00bbVon Herzen bin ich das zufrieden\u00ab, sagte Murmeltier und umarmte ihn und nahm ihre Spindel und ihren Sch\u00e4ferstab und die Amsel in dem Badw\u00e4nnlein, und was sie sonst hatte, und trat mit ihrem Fischer vor das Volk und sagte: \u00bbLebt wohl, allerliebste Untertanen! Lasst euch regieren, von wem ihr wollt\u00ab, und verlie\u00df mit ihm das Land. Anfangs bauten sie ihre Fischerh\u00fctte, wo der Biber am Rhein war wiedergefunden worden, und nannten den Ort Biberich; dann zogen sie hierher nach Mainz und lebten gl\u00fccklich; der Himmel schenkte ihnen ein T\u00f6chterlein, das hie\u00df Ameleychen.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit hatte Frau Marzibille erz\u00e4hlt, als alles schrie: \u00bbAmeleychen! Ameleychen!\u00ab und siehe da, das liebe Kind schwamm eben auf dem Kahne von Schw\u00e4nen gezogen heran und eilte seiner Mutter in den Scho\u00df, die vor Freude nicht wusste, was sie machen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Fischer Peter umarmte sein Kind z\u00e4rtlich, und dann die K\u00f6nigin Ameley, der das M\u00e4gdlein wie auch dem Radlauf viele Gr\u00fc\u00dfe vom Vater Rhein mitbrachte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen vom Murmeltier Rheinm\u00e4rchen Frau Loreley, die gute und sch\u00f6ne Wasserfrau, reiste \u00fcber Land, und als sie in Hessen ins Gebirg und in den wilden Wald kam, neigte sich die Sonne schon zu ihrem Untergang, und immer hatte sie noch keinen Brunnen gefunden in dem sie \u00fcbernachten konnte. 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