{"id":573,"date":"2015-11-03T22:07:45","date_gmt":"2015-11-03T21:07:45","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=573"},"modified":"2026-01-24T22:11:06","modified_gmt":"2026-01-24T21:11:06","slug":"die-goldene-ziege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-goldene-ziege\/","title":{"rendered":"Die goldene Ziege"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus Frankreich<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEinst lebte in den Avures-Bergen ein bitterarmer H\u00e4usler mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Der Knabe hie\u00df Jean und war zwar klein und zart, doch klug wie ein Weiser und flink wie ein Eichh\u00f6rnchen, und er war von Herzen gut. Oft nahm ihn der Vater mit zur Arbeit. Hatte er schwere Arbeit zu tun, so st\u00e4rkte sich der Vater nicht mit einem kr\u00e4ftigen Schluck Wein, wie es die tun, die keinen Mangel leiden, sondern er riss ein B\u00fcschel Bitterkraut aus, a\u00df es und sprach zu seinem Sohn: \u00bbEs ist bitter, dieses Pfl\u00e4nzchen, doch verleiht es dir gewaltige Kraft, so dass du dich st\u00e4rker f\u00fchlst als eine Eisenkette und m\u00e4chtiger als der Donner. \u00ab<\/p>\n<p>Eines Tages ritt der Marquis jener Gegend zur Jagd aus. Als er einen gro\u00dfen Hirsch nicht zu fangen vermochte, geriet er dar\u00fcber in gro\u00dfen Zorn, und er ritt mit seiner ganzen Jagdgesellschaft, Pferden, Hunden und Wagen \u00fcber das einzige Feld des armen H\u00e4uslers hinweg, so dass die ganze Ernte vernichtet wurde. In seiner Not ging der Ungl\u00fcckliche zum Schloss seines Herrn. Der Marquis aber war b\u00f6se von Herzen wie die S\u00fcnde, und er geriet in unb\u00e4ndigen Zorn dar\u00fcber, dass ein Untertan es wagte, Recht zu verlangen. Und er lie\u00df den armen H\u00e4usler auf der Stelle hinrichten.<\/p>\n<p>In ihrem Kummer und allzu gro\u00dfem Schmerz starb bald darauf auch dessen Witwe, so dass Jean allein in der Welt zur\u00fcckblieb.<\/p>\n<p>Da packte dieser sein B\u00fcndel, nahm seine Pfeife, auf der er immer blies, a\u00df ein kr\u00e4ftiges B\u00fcschel Bitterkraut und zog in die Welt hinaus.<\/p>\n<p>Er war noch nicht weit gegangen, da sah er die Leute aus allen Ecken zusammenstr\u00f6men, und sie hatten alle Pfl\u00fcge bei sich. Dies verwunderte ihn sehr, denn es war nicht die Jahreszeit, da man zu pfl\u00fcgen pflegte. Er fragte einen alten Mann nach dem Grund ihres Tuns, und dieser sprach: \u00bbHast du denn nicht vom Marquis von Avures geh\u00f6rt? Dieser Teufel in Menschengestalt vernichtete unsere Ernten auf seinen h\u00f6llischen Jagden, und wer sich dar\u00fcber beklagte, den lie\u00df er umbringen. Da hat ihn unser K\u00f6nig daf\u00fcr bestraft und sein Schloss zerst\u00f6ren lassen, und nun pfl\u00fcgen wir \u00fcber den Boden hin, auf dem dieses Schloss stand, auf dass keine Spur mehr von ihm \u00fcbrigbleibt. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSollte ich den Marquis von Avures nicht kennen, hat er doch auch meinen Vater get\u00f6tet und meine arme Mutter ins Grab gebracht! Ich will Euch beim Pfl\u00fcgen helfen. \u00ab<\/p>\n<p>Nach getaner Arbeit wanderte Jean immer geradeaus weiter. Als es dunkelte, gelangte er in einen gro\u00dfen finsteren Wald. In der Ferne aber sah er ein schwaches Licht, und er hielt darauf zu. Bald erreichte er eine einsame H\u00fctte. Er pochte an die T\u00fcre, und ein Mann, schwarz wie ein Kamin, \u00f6ffnete. Aus seinem verru\u00dften Gesicht funkelten b\u00f6se die Augen.<\/p>\n<p>\u00bbHabt Ihr Arbeit und eine Bleibe f\u00fcr mich? \u00ab fragte Jean.<\/p>\n<p>\u00bbIch bin ein K\u00f6hler, und mein Tagwerk ist schwer. Wenn du aber flei\u00dfig und gehorsam sein willst, so kannst du bei mir bleiben. Du sollst Holz f\u00e4llen und Meiler errichten, und wenn ich auf Reisen bin, so sollst du das Haus h\u00fcten und mein schwarzes Huhn gut pflegen. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbK\u00f6hler, ich will Euch zu Diensten sein. \u00ab<\/p>\n<p>Von nun an arbeitete Jean hart von fr\u00fch bis sp\u00e4t und erhielt daf\u00fcr nur geringen Lohn, hatte aber doch sein Auskommen.<\/p>\n<p>Eines Abends hielt eine pr\u00e4chtige Karosse vor der Waldh\u00fctte. Da sprach der K\u00f6hler zu Jean: \u00bbGeh und sei h\u00f6flich zu diesen Leuten. Sage ihnen, du seiest allein. \u00ab<\/p>\n<p>Mit diesen Worten verschwand er im H\u00fchnerstall. Jean verwunderte sich sehr dar\u00fcber, und er schlich heimlich seinem Meister nach. Noch mehr verwunderte er sich aber, als er durchs Schl\u00fcsselloch sp\u00e4hte und sah, wie dieser sich das schwarze Huhn auf die Schulter setzte und dabei murmelte:<\/p>\n<p>\u00bbVor mir sei Nacht, hinter mir sei Tag, auf dass kein Aug&#8216; mich zu sehen vermag. \u00ab<\/p>\n<p>Im selben Augenblick klopfte es an die T\u00fcre, und Jean \u00f6ffnete. Ein vornehm gekleideter Herr stand drau\u00dfen, bat um Wasser und fragte nach dem Weg zur n\u00e4chsten Herberge. Jean gab ihm zu trinken und zeigte ihm den Weg. Dann fuhr die Karosse weiter in die Nacht hinein. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte Jean Schritte im H\u00fchnerstall. Er lauschte an der T\u00fcre und vernahm die Stimme des K\u00f6hlers, die murmelte:<\/p>\n<p>\u00bbHinter mir die Nacht, vor mir der Tag, auf dass mich ein jeder zu sehen vermag. \u00ab<\/p>\n<p>Kaum hatte er die Worte gesprochen, so stand er in einer dunklen Ecke des H\u00fchnerstalls, das schwarze Huhn auf der Schulter. Da erkannte Jean, dass sein Herr ein Zauberer war, und wollte ihm nicht l\u00e4nger dienen. Also nahm er am andern Morgen Abschied und zog weiter in die Welt hinaus.<\/p>\n<p>Als er in die K\u00f6nigsstadt kam, vernahm er traurige Nachricht: Der b\u00f6se Marquis, den der K\u00f6nig hatte bestrafen lassen, hatte des K\u00f6nigs einzige Tochter geraubt und hielt sie gefangen. Er lie\u00df verk\u00fcnden, dass er sie freilassen wolle, wenn ihm der k\u00f6nigliche Brautschatz gebracht w\u00fcrde, andernfalls aber m\u00fcsse sie in drei Jahren sterben. Nun hatte der K\u00f6nig eine Karosse mit zw\u00f6lf S\u00e4cken voller Gold zu dem Marquis schicken lassen, den ganzen Brautschatz der Prinzessin. Unterwegs aber war das Gold gestohlen worden, und im ganzen Reich gab es nicht mehr dergleichen Sch\u00e4tze, so dass die K\u00f6nigstochter wohl werde sterben m\u00fcssen. Da erinnerte sich Jean jener Karosse, die vor der K\u00f6hlerh\u00fctte gehalten hatte, und des K\u00f6hlers, der sich unsichtbar machen konnte, und er ahnte, wo das k\u00f6nigliche Gold geblieben war.<\/p>\n<p>Er trat vor den Thron des K\u00f6nigs und sprach: \u00bbIch will das Gold beschaffen und Eure Tochter retten. \u00ab<\/p>\n<p>Jean a\u00df ein gro\u00dfes B\u00fcschel Bitterkraut, blies auf seiner Pfeife und machte sich geradewegs auf den Weg zur H\u00fctte des K\u00f6hlers. Er pochte an die T\u00fcr. Der K\u00f6hler \u00f6ffnete, und er war schw\u00e4rzer als je zuvor.<\/p>\n<p>\u00bbK\u00f6hler, ich wei\u00df, dass du das k\u00f6nigliche Gold gestohlen hast. Sagst du mir, wo du es versteckt hast, so will ich dich laufenlassen, sagst du es mir aber nicht, so will ich dich dem Henker \u00fcbergeben. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAch, ich bin ein Verdammter, ein Elender, denn wisse, meine Gier nach Gold war so gro\u00df, dass ich beschloss, mir noch welches bei der goldenen Ziege zu beschaffen. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbBei der goldenen Ziege, die in den Mauern von Montmajour wohnt? Das Tor zu ihren unterirdischen Sch\u00e4tzen im Innern des Mont de Cordes \u00f6ffnet sie nur in der Johannisnacht und in der Weihnachtsnacht. Sie \u00f6ffnet es f\u00fcr eine Stunde von dem Augenblick an, an dem der Priester das Evangelium spricht. \u00ab<\/p>\n<p>&#8222;Du sagst es. Endlich kam er, der langersehnte Weihnachtstag, und endlich kam sie, die langersehnte Stunde. Ich befand mich schon Stunden zuvor auf jenem H\u00fcgel. Pl\u00f6tzlich \u00f6ffnete sich der Erdboden vor mir, und ich stieg eilends hinab in die unterirdischen Kammern. Ich war geblendet von all dem Glanz dort unten, und ich merkte nicht, dass die Stunde vor\u00fcber war, und wurde eingeschlossen in der H\u00f6hle. Die goldene Ziege stand gleich einer Statue auf einem Sockel und leuchtete wie die Sonne, und sie sprach zu mir: &gt;K\u00f6hler, dich verlangte nach meinen Sch\u00e4tzen. Alsdann, so lebe ein Jahr lang hier mitten unter ihnen. Sei ihr Gefangener dein Leben lang, es sei denn, du bringst mir in einem Jahr so viel Gold herbei, als ein Mann zu tragen vermag.&#8220; Dann erlosch das Licht, und ich war lebendig begraben. Ein ganzes Jahr lang lebte ich inmitten all der Sch\u00e4tze, die in der Dunkelheit gl\u00e4nzten, und ich litt Hunger und Durst. Endlich \u00f6ffnete sich das Tor, und ich war f\u00fcr einen Tag frei, und ich brachte die Sch\u00e4tze des K\u00f6nigs in die unterirdische H\u00f6hle. Aber ach, als ich all das Gold herbeigebracht hatte, da sprach die goldene Ziege zu mir: &gt;Ungl\u00fccklicher, ist all dieses Gold denn dein? &lt;<\/p>\n<p>Da musste ich die Wahrheit gestehen, und noch ein Jahr war ich gefangen in der Finsternis. Nun hat mir die goldene Ziege Gnade erwiesen und mich noch einmal f\u00fcr ein Jahr in Freiheit gesetzt, und sie will mir meine Freiheit ganz zur\u00fcckgeben f\u00fcr den Fall, dass die k\u00f6nigliche Familie mir verzeiht. Doch das wird nimmermehr geschehen, denn die Prinzessin ist ja verloren. Ach, ich Ungl\u00fccklicher!\u00ab<\/p>\n<p>Als der K\u00f6hler geendet hatte, rief Jean: \u00bbOh, ich will und werde das Gold zur\u00fcckholen, und ich werde die Prinzessin retten! \u00ab<\/p>\n<p>Es war ein Tag vor Weihnachten. Am anderen Abend machte sich Jean auf den Weg zum Mont de Cordes. Unterwegs begegnete ihm eine alte Frau, die \u00e4chzte und st\u00f6hnte erb\u00e4rmlich, denn der Weg war steil.<\/p>\n<p>\u00bbGott gr\u00fc\u00dfe Euch. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbGott gr\u00fc\u00dfe Euch, junger Mann, was wollt Ihr denn um diese Zeit, in dieser heiligen Nacht hier, in der Ein\u00f6de? \u00ab<\/p>\n<p>Da erz\u00e4hlte Jean ihr seine Geschichte, und als er geendet hatte, fragte er: \u00bbUnd was treibt Euch auf diesen m\u00fchevollen Weg? \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAch, sch\u00f6ner J\u00fcngling, ich bin alt und bedarf der Sch\u00e4tze der goldenen Ziege nicht mehr. Aber ich kann doch nur in Ruhe sterben, wenn ich noch einmal mein Kind wiedersehe. Wisset, mein Gatte starb kurz nach der Geburt meines S\u00f6hnlein. Ich musste mich und den Kleinen n\u00e4hren, indem ich Holz, Kr\u00e4uter und Beeren im Walde sammelte. Eines Tages, es war an Johann, verlief ich mich im Wald. Ich hatte ein gro\u00dfes B\u00fcndel Reisig bei mir und das Kn\u00e4blein an meiner Brust. Es wurde dunkel, und ich bettete mich notd\u00fcrftig im Moos zur Ruhe. Auf einmal schlug es Mitternacht, und der H\u00fcgel \u00f6ffnete sich. Eine Stimme ert\u00f6nte, die rief: &#8222;Tritt ein, junge Frau, und f\u00fclle deine Sch\u00fcrze mit Gold, Silber und Edelsteinen. Aber nur eine Stunde hast du Zeit, bedenke dies wohl. &lt;<\/p>\n<p>Da betrat ich die H\u00f6hle, und vor mir breiteten sich unermessliche Sch\u00e4tze aus. Da raffte ich zusammen, so viel ich zu tragen vermochte, und brachte das Gold ins Freie, und noch einmal lief ich hinein und holte mehr und noch einmal und noch einmal. Da schloss sich pl\u00f6tzlich das Tor mit lautem Krachen, gerade als ich drau\u00dfen war. Ich hatte aber das Kn\u00e4blein in der H\u00f6hle gelassen und konnte es nicht mehr holen. Oh, ich hatte das Wichtigste vergessen! Das Gold habe ich verschenkt, denn es freute mich nicht mehr. In der Weihnachtsnacht ging ich wiederum zu jenem H\u00fcgel, und ich bat und flehte um mein Kind. Da sprach die Stimme zu mir: &gt;Wenn dir das Warten nicht zu lang wird, so sollst du dein Kind heil und gesund wiederhaben. Lege jeden Samstag um Mitternacht ein reines wei\u00dfes Hemdchen deines Kindes hier vor das Tor meiner Schatzkammer. &lt;<\/p>\n<p>Und so komme ich nun schon seit siebenundsiebzig Jahren an diesen Ort, sch\u00f6ner J\u00fcngling, und erf\u00fclle das, was die goldene Ziege mir aufgetragen. \u00ab<\/p>\n<p>Tr\u00e4nen liefen der Alten \u00fcber das Antlitz, und sie sprach weiter: \u00bbMein Schicksal sei dir eine Lehre. Suche dein Gl\u00fcck woanders und kehre um, solange es noch Zeit ist. \u00ab<\/p>\n<p>Unterdessen waren sie auf dem Gipfel des H\u00fcgels angelangt. Die Alte legte schweigend das Hemdchen vor das Tor.<\/p>\n<p>Auf einmal \u00f6ffnete sich der H\u00fcgel, und eine Stimme ert\u00f6nte: \u00bbJean, lange warte ich schon auf dich. Komm herein und hole dir die Sch\u00e4tze, die du begehrst. \u00ab<\/p>\n<p>Da betrat Jean die H\u00f6hle, und all das Gold blinkte ihm entgegen, und die goldene Ziege stand auf einem Sockel und leuchtete wie die Sonne, und sie sprach: \u00bbHole sie dir, die zw\u00f6lf S\u00e4cke mit dem k\u00f6niglichen Brautschatz. Trage sie hinweg. Das Tor soll so lange ge\u00f6ffnet bleiben, bis du sie alle hinausgetragen hast. \u00ab<\/p>\n<p>Da griff Jean einen Sack nach dem anderen und schleppte sie hinaus. Als er den letzten Sack hinausgetragen hatte, sprach die Ziege abermals: \u00bbJean, noch einmal zw\u00f6lf S\u00e4cke sollst du f\u00fcllen, mit allem, was dir gef\u00e4llt. \u00ab<\/p>\n<p>Da sprach Jean: \u00bbAch, all der Sch\u00e4tze begehr ich nicht. Nur um der Rettung der Prinzessin willen bin ich hier. Doch wenn es m\u00f6glich ist, so lass eine der gefangenen Seelen frei. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWeil du reinen Herzens bist und ohne Gier nach Macht, Gut und Geld, will ich deine Bitte erf\u00fcllen, denn es ist die wahre Liebe, die dich zu mir trieb. Suche dir eine meiner Seelen aus und f\u00fchre sie mit dir ans Licht! \u00ab<\/p>\n<p>Im selben Augenblick h\u00f6rte Jean vieltausend Stimmen rufen, schreien und betteln: \u00bbAch, edler J\u00fcngling, sei gepriesen, ach, erw\u00e4hle doch mich, denn all mein Geld hatte ich beim Spiel verloren. Wie sollte ich da meine Schuldner bezahlen? So kam es, dass ich hierher geriet. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAch, nimm mich! Ich hatte eine wundersch\u00f6ne Geliebte und suchte ihr mit Perlen und Geschmeide Freude zu machen! \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAch, erw\u00e4hle doch mich, die Armut trieb mich hierher! \u00ab<\/p>\n<p>Alle, alle hatten sie ihre eigene Geschichte. Sie alle hatten die H\u00f6hle nicht rechtzeitig verlassen und mussten nun f\u00fcr immer in der Finsternis bleiben. Jean war von Mitleid erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Dann aber sprach er. \u00bbEine Seele hat die Stimme nicht erhoben. Es ist die Seele eines unschuldigen Wickelkindes, das vor siebenundsiebzig Jahren hier von seiner Mutter zur\u00fcckgelassen wurde. \u00ab<\/p>\n<p>Da antwortete eine Stimme: \u00bbAch, niemanden habe ich mehr drau\u00dfen in der Welt. Gewiss ist meine Mutter l\u00e4ngst gestorben. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbOh, nein, sie lebt, und sie wartet auf dich. Komm mit mir! \u00ab<\/p>\n<p>Da trat ein Greis von siebenundsiebzig Jahren vor Jean und sprach: \u00bbIch bin jenes Wickelkind. \u00ab<\/p>\n<p>Da sprach Jean: \u00bbGoldene Ziege, der ist&#8217;s und kein anderer, den ich mit mir in die Freiheit f\u00fchren will. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs sei, wie du es w\u00fcnschst. Leb wohl. Gott segne dich, mein Sohn. \u00ab<\/p>\n<p>Und Jean verlie\u00df mit dem Greis die H\u00f6hle. Als die Alte ihren Sohn sah, konnte sie sich vor Freude kaum fassen, und sie weinte, weil sie nicht die Freuden einer Mutter erlebt, ihn nicht hatte heranwachsen sehen. Dann aber zeigte sie ihm das reine wei\u00dfe Hemdchen, das noch immer vor dem Tor lag. Wie zum Scherz st\u00fclpte sie es ihm \u00fcber den Kopf. Kaum aber war dies geschehen, siehe, da waren auf einmal die beiden Alten verschwunden, als h\u00e4tte es sie nie gegeben. Eine sch\u00f6ne, junge Frau aber beugte sich \u00fcber ein winziges Wickelkind und l\u00e4chelte es an. Da dankte Jean der goldenen Ziege und zog still mit seinen zw\u00f6lf S\u00e4cken, die er auf Maultiere geladen hatte, von dannen. Er dachte an das schwarze Huhn des K\u00f6hlers, und er ging noch einmal zu der K\u00f6hlerh\u00fctte und lie\u00df es sich geben. Eilends brachte er sodann die Sch\u00e4tze zum Schloss des K\u00f6nigs. Er bat den K\u00f6nig und die K\u00f6nigin, dem K\u00f6hler zu verzeihen, was diese gerne taten, wenn sie nur ihre Tochter wiederhaben konnten. Jean a\u00df sodann ein kr\u00e4ftiges B\u00fcschel Bitterkraut und ritt zu dem Turm, in dem die Prinzessin gefangen gehalten wurde. Er setzte sich das schwarze Huhn des K\u00f6hlers auf die Schulter und sprach:<\/p>\n<p>\u00bbVor mir sei Nacht, hinter mir sei Tag, auf dass kein Aug&#8216; mich zu sehen vermag. \u00ab<\/p>\n<p>Da wurde Jean unsichtbar, und er konnte mit Leichtigkeit in den Turm gelangen. Unbemerkt trug er die Prinzessin hinaus, vorbei an den Wachen, die Karten spielten. In gestrecktem Galopp ritten sie zum Schloss des K\u00f6nigs, wo alles sich \u00fcber das feurige Ross ohne Reiter verwunderte. Dann aber sprach Jean die Worte:<\/p>\n<p>\u00bbHinter mir die Nacht, vor mir der Tag, auf dass uns ein jeder zu sehen vermag. \u00ab<\/p>\n<p>Im selben Augenblick waren Jean und die Prinzessin wieder sichtbar, und alle umarmten und k\u00fcssten sich.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig aber sprach zu Jean: \u00bbDu sollst meine Tochter zur Frau bekommen und nach meinem Tode an ihrer Seite regieren. \u00ab<\/p>\n<p>So geschah es auch. Noch am gleichen Tage wurde die Hochzeit von Jean und der Prinzessin gefeiert. Die Hochzeit dauerte sieben Wochen lang, und man hat seither kein solches Fest mehr erlebt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus Frankreich<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,195,133],"tags":[],"class_list":["post-573","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-maerchen-aus-frankreich","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=573"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":574,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/573\/revisions\/574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}