{"id":5723,"date":"2026-04-08T02:56:53","date_gmt":"2026-04-08T00:56:53","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5723"},"modified":"2026-04-08T02:56:54","modified_gmt":"2026-04-08T00:56:54","slug":"der-meisterluegner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-meisterluegner\/","title":{"rendered":"Der Meisterl\u00fcgner"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Meisterl\u00fcgner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Da war auch einmal im Land Ich wei\u00df nicht wo ein K\u00f6nig, dem konnte einer das Blaue vom Himmel herunter in die Ohren l\u00fcgen; er konnte l\u00fcgen, dass sich die eichenen Balken im Thronsaale bogen &#8211; der K\u00f6nig hielt alles f\u00fcr wahr; es gab nichts, was ihm zu Ohren kam, das er am Ende nicht doch f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Viele Jahre war er nun schon K\u00f6nig, und mindestens einmal an jedem Tag war es vorgekommen, dass einer seiner Hofleute oder Minister \u00fcber irgendeine neue Kunde gesagt hatte: &#8222;Das ist eine L\u00fcge!&#8220; oder: &#8222;Das ist faustdick gelogen!&#8220; oder: &#8222;Das glaubt ja kein Sterblicher!&#8220; Da \u00e4rgerte sich der K\u00f6nig \u00fcber sich selbst, weil er immer alles f\u00fcr wahr halten musste und noch kein einziges Mal in seinem Leben einem ins Gesicht hatte sagen k\u00f6nnen: &#8222;Du gro\u00dfm\u00e4uliger Schelm, das l\u00fcgst du!&#8220; E i n mal wollte er es aber doch sagen k\u00f6nnen, ehe er starb, und sollte er gleich sein liebstes Kleinod daf\u00fcr hingeben m\u00fcssen. Darum lie\u00df er in seinem Reich durch einen Herold verk\u00fcnden: wer eine so gro\u00dfe L\u00fcge tun k\u00f6nne, dass selbst der K\u00f6nig sie nicht glaube, der solle seine einzige Tochter, die sch\u00f6ne Prinzessin, zur Frau bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele edle und unedle L\u00fcgenbeutel hatten nun schon versucht, sich mit ihrer Schelmenkunst das K\u00f6nigst\u00f6chterlein zu erl\u00fcgen; doch es war ihnen nicht gelungen. Sie hatten f\u00fcr ihre Dreistigkeit auf sieben Jahre in den dunkeln Turm wandern m\u00fcssen. Da h\u00f6rte auch ein wandernder Handwerksgeselle in einer fernen Stadt den Herold die k\u00f6nigliche Botschaft ausrufen. Der Geselle hielt sich f\u00fcr einen Erzl\u00fcgner, dem nicht so leicht einer das Wasser reichen konnte. Zudem dachte er, eines K\u00f6nigs sch\u00f6nes T\u00f6chterlein sei ein Preis, um den man schon ein paar saftige L\u00fcgen wagen k\u00f6nne, und machte sich also auf den Weg zum Schlosse.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der junge, schmucke Bursche durch das Tor trat und den Torh\u00fctern und Dienern Bescheid gab, was er da wolle, rieten ihm alle, keinen Schritt mehr weiter zu gehen. Doch der Handwerksbursche lie\u00df sich nicht einsch\u00fcchtern und verlangte, vor den K\u00f6nig gef\u00fchrt zu werden. Der K\u00f6nig sa\u00df auf seinem goldenen Throne, ihm zur Seite seine Tochter. Sie war so sch\u00f6n, dass der Bursche die Augen schlie\u00dfen musste, als er sie nur mit einem einzigen Blick gestreift hatte. Der K\u00f6nig aber sprach: Drei L\u00fcgen will ich dir gestatten. Wenn ich sie aber alle f\u00fcr wahr halte und dich nicht wenigstens einmal einen L\u00fcgner hei\u00dfe, so ist der k\u00f6stliche Preis hier zu meiner Linken verscherzt, und du siehst f\u00fcr sieben Jahre das Licht der Sonne nicht mehr!&#8220; Wie der K\u00f6nig aber von dem k\u00f6stlichen Preis zu seiner Linken sprach, wagte der Bursche noch einmal einen Blick zu der sch\u00f6nen Prinzessin hin\u00fcber, und &#8211; O Wunder! &#8211; die l\u00e4chelte ihm so freundlich und lieb zu, dass er alles Bangen von sich warf und nicht mehr daran zweifelte, dass er sie noch heute in seine Arme schlie\u00dfen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Zum ersten also!&#8220; begann der K\u00f6nig. Er wies mit seiner ringfunkelnden Hand auf den Boden des Thronsaales, der mit lauter Goldplatten belegt war, und fragte den Handwerksburschen: &#8222;Gelt, Junge, so einen kostbaren Boden hast du noch nirgends gesehen?&#8220; &#8211; &#8222;Ei, warum nicht&#8220;, antwortete der. &#8222;Wo?&#8220; fragte der K\u00f6nig. &#8222;In meinem Heimatdorf, das gleich hinter dem gl\u00e4sernen Wald rechts unterm Mond liegt und L\u00fcg mir eins hei\u00dft.&#8220; &#8211; &#8222;Und bei wem hast du einen solchen goldenen Boden gesehen?&#8220; &#8211; &#8222;Na, wo auch? Daheim, bei meinem Vater.&#8220; &#8211; &#8222;Wer ist denn dein Vater?&#8220; &#8211; &#8222;Ei, wer sollt&#8216; er auch sein: der Sauhirt in unserm Dorf.&#8220; &#8211; &#8222;Wie viel S\u00e4ue hat er zu h\u00fcten?&#8220; &#8211; &#8222;An die f\u00fcnftausend.&#8220; &#8211; &#8222;Wie lange schon treibt dein Vater auf die Weide?&#8220; &#8211; &#8222;Jetzt geht&#8217;s gerade ins hundertneunundneunzigste Jahr. &#8220; Der K\u00f6nig r\u00e4usperte sich und sagte: &#8222;Dass dein Vater in so viel Jahren mit so viel S\u00e4uen so viel Geld erspart hat, dass er am Ende in seine Stube einen goldenen Boden hat legen lassen k\u00f6nnen, das glaub&#8216; ich gerne; denn Sau- hirt sein ist verdienstlich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig schmunzelte sp\u00f6ttisch, weil die erste L\u00fcge f\u00fcr ihn nicht gro\u00df genug gewesen war. Doch der Bursche lie\u00df sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. &#8222;Zum andern denn!&#8220; fuhr drauf der K\u00f6nig fort, wies mit der Hand nach dem Fenster und sprach: &#8222;Geh dorthin und schau in den Garten hinab! Hast du deiner Lebtage schon einmal so gro\u00dfe R\u00fcben gesehen?&#8220; &#8211; &#8222;O jemine!&#8220; versetzte der kecke Geselle, &#8222;da sind die Euren vertrocknete Setzlinge gegen\u00fcber denen, die ich heut vor neunundneunzig Jahren weit hinterm Nirgends meer im Land Eckumeck gesehen habe. Selbige sind so gro\u00df gewesen, dass unter ihrem Krautwerk sechzehntausend Soldaten beim gr\u00f6\u00dften Wolkenbruch unterstehen konnten, und ist keiner auch nur einen Tropfen nass geworden.&#8220; Der K\u00f6nig r\u00e4usperte sich zweimal und sagte: &#8222;Nun ja, kann sich ein Schweinehirt einen goldenen Fu\u00dfboden in seiner Stube leisten, so k\u00f6nnen auch im Land Eckumeck hinterm Nirgendsmeer so gro\u00dfe R\u00fcben wachsen. Was ist nicht alles m\u00f6glich unter der Sonne !?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig l\u00e4chelte noch sp\u00f6ttischer als beim ersten Male. Und sogleich hob er wieder seine Hand und wies nach dem Fenster auf der andern Seite des Saales. Dann sagte er: &#8222;Zum dritten also! Geh dort hin\u00fcber und sieh dir die Tanne in meinem Park an. Hast du je einmal auf deinen Wanderfahrten eine so hohe Tanne angetroffen?&#8220; Der lustige Geselle, der voller L\u00fcgen steckte, besann sieh rasch auf eine, die so grausam erlogen war, dass es gewiss auf der ganzen Welt keinen Menschen gab, der sie glaubte, und begann tapfer und mit prahlerischer Stimme zu erz\u00e4hlen: &#8222;O du meine G\u00fcte! Das hier? Das ist ja nur ein Besenreis gegen das, was ich im Himmeleieieigebirge einmal an Tannen gesehen habe! Ich habe wundershalber probiert, wie hoch die h\u00f6chste wohl sein m\u00f6ge. Habe mir also zweiundzwanzigtausend Sparrenn\u00e4gel gekauft und sie einen nach dem andern in den Stamm geschlagen und bin drauf gipfelw\u00e4rts geklettert. Denkt Euch! Da bin ich bis in den siebten Himmel hinaufgekommen, und die Tannenwipfel waren immer noch nicht zu sehen. Weil ich nun doch schon einmal da war, dachte ich, ich k\u00f6nnte mir auch den Himmel ein bisschen ansehen. Fand viele alte Bekannte aus L\u00fcgmireins und aus dem Lande Eckumeck vor und erz\u00e4hlte ihnen, dass ich, eh&#8216; ein Jahr vergangen, des K\u00f6nigs sch\u00f6nes T\u00f6chterlein im Land Ich wei\u00df nicht wo als Gemahlin heimf\u00fchren werde. Und sie glaubten mir alle bei ihrer Seele Seligkeit und w\u00fcnschten mir von Herzen Gl\u00fcck dazu. Sie h\u00e4tten mich gar zu gerne zum Nachtessen eingeladen, aber ich war drauf bedacht, vor dem Dunkelwerden wieder in die Welt hinabzurutschen, und empfahl mich. Ich habe aber ums Leben nicht mehr die Tanne gefunden, auf der ich heraufgestiegen bin, und hatte drum im Sinn, im Himmel ein verstecktes Pl\u00e4tzchen zum Nachtlager zu suchen. Wie ich da nun so herumstolperte, stie\u00df ich von ungef\u00e4hr an ein Bollenfa\u00df. Sah hinein und bemerkte, dass es ein gut St\u00fcck \u00fcber den Rand hinaus voll war mit Weizenkleie. Holla! hab&#8216; ich gedacht, du kommst mir gerade recht! Habe aus der Kleie ein Seil geflochten, es mit einem Dutzend \u00fcbriggebliebenen N\u00e4geln am Himmelsfenster festgenagelt und mich an dem Kleieseil allm\u00e4hlich auf die Welt herabgelassen. Wie ich aber noch weit \u00fcber den allerobersten Wolken gewesen bin, ist das Trumm ausgegangen. Jetzt was tun? Nun, ich hab&#8216; halt keine andere Wahl gehabt, als das Seil oben abzuschneiden und unten an den Rest wieder anzukn\u00fcpfen. Bis ich aber endlich auf festem Boden und geradeswegs vor dem Tor zu Eurem k\u00f6niglichen Palast angekommen bin, hat das Seil &#8211; Ihr m\u00f6gt mir&#8217;s glauben oder nicht! &#8211; nur noch aus lauter Kn\u00f6pfen bestanden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da fuhr der K\u00f6nig aus seinem Thronsessel auf und rief: &#8222;Das ist ja eine L\u00fcge so gro\u00df wie das Seil, das du mir da vom Himmel heruntergelogen!&#8220; &#8211; &#8222;Gut&#8220;, erwiderte freudestrahlend der Handwerksbursche, &#8222;und also bin ich Euer Tochtermann!&#8220;, nahm die sch\u00f6ne Prinzessin, die ihn gar liebreich anlachte, bei der Hand und gab ihr den Verlobungskuss. Dann trat das gl\u00fcckliche Paar vor den K\u00f6nig, und der legte ihre H\u00e4nde ineinander, nahm die Krone von seinem grauen Haupt und dr\u00fcckte sie dem wackeren Gesellen in die Locken. Und so ist der Meisterl\u00fcgner K\u00f6nig im Lande Ich wei\u00df nicht wo geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Meisterl\u00fcgner Da war auch einmal im Land Ich wei\u00df nicht wo ein K\u00f6nig, dem konnte einer das Blaue vom Himmel herunter in die Ohren l\u00fcgen; er konnte l\u00fcgen, dass sich die eichenen Balken im Thronsaale bogen &#8211; der K\u00f6nig hielt alles f\u00fcr wahr; es gab nichts, was ihm zu Ohren kam, das er am [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,204],"tags":[],"class_list":["post-5723","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-unbekannt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5723","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5723"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5723\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5724,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5723\/revisions\/5724"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5723"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5723"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5723"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}