{"id":5705,"date":"2026-04-08T02:30:49","date_gmt":"2026-04-08T00:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5705"},"modified":"2026-04-08T02:30:50","modified_gmt":"2026-04-08T00:30:50","slug":"das-meerhaeschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-meerhaeschen\/","title":{"rendered":"Das Meerh\u00e4schen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Meerh\u00e4schen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebr\u00fcder Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal eine K\u00f6nigstochter, die hatte in ihrem Schloss hoch unter der Zinne einen Saal mit zw\u00f6lf Fenstern, die gingen nach allen Himmelsgegenden, und wenn sie hinaufstieg und umherschaute, so konnte sie ihr ganzes Reich \u00fcbersehen. Aus dem ersten sah sie schon sch\u00e4rfer als andere Menschen, in dem zweiten noch besser, in dem dritten noch deutlicher, und so immer weiter, bis in dem zw\u00f6lften, wo sie alles sah, was \u00fcber und unter der Erde war, und ihr nichts verborgen bleiben konnte. Weil sie aber stolz war, sich niemand unterwerfen wollte und die Herrschaft allein behalten, so lie\u00df sie bekanntmachen, es sollte niemand ihr Gemahl werden, der sich nicht so vor ihr verstecken k\u00f6nnte, dass es ihr unm\u00f6glich w\u00e4re, ihn zu finden. Wer es aber versuche und sie entdecke ihn, so werde ihm das Haupt abgeschlagen und auf einen Pfahl gesteckt. Es standen schon siebenundneunzig Pf\u00e4hle mit toten H\u00e4uptern vor dem Schloss, und in langer Zeit meldete sich niemand. Die K\u00f6nigstochter war vergn\u00fcgt und dachte &#8218;ich werde nun f\u00fcr mein Lebtag frei bleiben.&#8216; Da erschienen drei Br\u00fcder vor ihr und k\u00fcndigten ihr an, dass sie ihr Gl\u00fcck versuchen wollten. Der \u00e4lteste glaubte sicher zu sein, wenn er in ein Kalk Loch krieche, aber sie erblickte ihn schon aus dem ersten Fenster, lie\u00df ihn herausziehen und ihm das Haupt abschlagen. Der zweite kroch in den Keller des Schlosses, aber auch diesen erblickte sie aus dem ersten Fenster, und es war um ihn geschehen: sein Haupt kam auf den neunundneunzigsten Pfahl. Da trat der j\u00fcngste vor sie hin und bat, sie m\u00f6chte ihm einen Tag Bedenkzeit geben, auch so gn\u00e4dig sein, es ihm zweimal zu schenken, wenn sie ihn entdecke: misslinge es ihm zum dritten Mal, so wolle er sich nichts mehr aus seinem Leben machen. Weil er so sch\u00f6n war und so herzlich bat, so sagte sie &#8218;ja, ich will dir das bewilligen, aber es wird dir nicht gl\u00fccken.&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p>Den folgenden Tag sann er lange nach, wie er sich verstecken wollte, aber es war vergeblich. Da ergriff er seine B\u00fcchse und ging hinaus auf die Jagd. Er sah einen Raben und nahm ihn aufs Korn; eben wollte er losdr\u00fccken, da rief der Rabe &#8217;schie\u00df nicht, ich will dir\u2019s vergelten!&#8216; Er setzte ab, ging weiter und kam an einen See, wo er einen gro\u00dfen Fisch \u00fcberraschte, der aus der Tiefe herauf an die Oberfl\u00e4che des Wassers gekommen war. Als er angelegt hatte, rief der Fisch &#8217;schie\u00df nicht, ich will dir\u2019s vergelten!&#8216; Er lie\u00df ihn untertauchen, ging weiter und begegnete einem Fuchs, der hinkte. Er schoss und verfehlte ihn, da rief der Fuchs &#8218;komm lieber her und zieh mir den Dorn aus dem Fu\u00df.&#8216; Er tat es zwar, wollte aber dann den Fuchs t\u00f6ten und ihm den Balg abziehen. Der Fuchs sprach &#8218;lass ab, ich will dir\u2019s vergelten!&#8216; Der J\u00fcngling lie\u00df ihn laufen, und da es Abend war, kehrte er heim.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Tag sollte er sich verkriechen, aber wie er sich auch den Kopf dar\u00fcber zerbrach, er wusste nicht wohin. Er ging in den Wald zu dem Raben und sprach &#8218;ich habe dich leben lassen, jetzt sage mir, wohin ich mich verkriechen soll, damit mich die K\u00f6nigstochter nicht sieht.&#8216; Der Rabe senkte den Kopf und bedachte sich lange. Endlich schnarrte er &#8218;ich hab\u2018s heraus!&#8216; Er holte ein Ei aus seinem Nest, zerlegte es in zwei Teile und schloss den J\u00fcngling hinein: dann machte er es wieder ganz und setzte sich darauf. Als die K\u00f6nigstochter an das erste Fenster trat, konnte sie ihn nicht entdecken, auch nicht in den folgenden, und es fing an ihr bange zu werden, doch im elften erblickte sie ihn. Sie lie\u00df den Raben schie\u00dfen, das Ei holen und zerbrechen, und der J\u00fcngling musste herauskommen. Sie sprach &#8218;einmal ist es dir geschenkt, wenn du es nicht besser machst, so bist du verloren.&#8216; Am folgenden Tag ging er an den See, rief den Fisch herbei und sprach &#8218;ich habe dich leben lassen, nun sage, wohin soll ich mich verbergen, damit mich die K\u00f6nigstochter nicht sieht.&#8216; Der Fisch besann sich, endlich rief er &#8218;ich hab\u2018s heraus! ich will dich in meinem Bauch verschlie\u00dfen.&#8216; Er verschluckte ihn und fuhr hinab auf den Grund des Sees. Die K\u00f6nigstochter blickte durch ihre Fenster, auch im elften sah sie ihn nicht und war best\u00fcrzt, doch endlich im zw\u00f6lften entdeckte sie ihn. Sie lie\u00df den Fisch fangen und t\u00f6ten, und der J\u00fcngling kam zum Vorschein. Es kann sich jeder denken, wie ihm zumut war. Sie sprach &#8218;Zweimal ist dir\u2019s geschenkt, aber dein Haupt wird wohl auf den hundertsten Pfahl kommen.&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p>An dem letzten Tag ging er mit schwerem Herzen aufs Feld und begegnete dem Fuchs. &#8218;Du wei\u00dft alle Schlupfwinkel zu finden\u2019, sprach er, &#8218;ich habe dich leben lassen, jetzt rat mir, wohin ich mich verstecken soll, damit mich die K\u00f6nigstochter nicht findet.&#8216; &#8218;Ein schweres St\u00fcck\u2019, antwortete der Fuchs und machte ein bedenkliches Gesicht. Endlich rief er &#8218;ich hab\u2018s heraus!&#8216; Er ging mit ihm zu einer Quelle, tauchte sich hinein und kam als ein Marktkr\u00e4mer und Tierh\u00e4ndler heraus. Der J\u00fcngling musste sich auch in das Wasser tauchen, und ward in ein kleines Meerh\u00e4schen verwandelt. Der Kaufmann zog in die Stadt und zeigte das artige Tierchen. Es lief viel Volk zusammen, um es anzusehen. Zuletzt kam auch die K\u00f6nigstochter, und weil sie gro\u00dfen Gefallen daran hatte, kaufte sie es und gab dem Kaufmann viel Geld daf\u00fcr. Bevor er es ihr hinreichte, sagte er zu ihm &#8218;wenn die K\u00f6nigstochter ans Fenster geht, so krieche schnell unter ihren Zopf.&#8216; Nun kam die Zeit, wo sie ihn suchen sollte. Sie trat nach der Reihe an die Fenster vom ersten bis zum elften und sah ihn nicht. Als sie ihn auch bei dem zw\u00f6lften nicht sah, war sie voll Angst und Zorn und schlug es so gewaltig zu, dass das Glas in allen Fenstern in tausend St\u00fccke zersprang und das ganze Schloss erzitterte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ging zur\u00fcck und f\u00fchlte das Meerh\u00e4schen unter ihrem Zopf, da packte sie es, warf es zu Boden und rief &#8218;fort mir aus den Augen!&#8216; Es lief zum Kaufmann, und beide eilten zur Quelle, wo sie sich untertauchten und ihre wahre Gestalt zur\u00fcckerhielten. Der J\u00fcngling dankte dem Fuchs und sprach &#8218;der Rabe und der Fisch sind blitzdumm gegen dich, du wei\u00dft die rechten Pfiffe, das muss wahr sein!&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00fcngling ging geradezu in das Schloss. Die K\u00f6nigstochter wartete schon auf ihn und f\u00fcgte sich ihrem Schicksal. Die Hochzeit ward gefeiert, und er war jetzt der K\u00f6nig und Herr des ganzen Reichs. Er erz\u00e4hlte ihr niemals, wohin er sich zum drittenmal versteckt und wer ihm geholfen hatte, und so glaubte sie, er habe alles aus eigener Kunst getan und hatte Achtung vor ihm, denn sie dachte bei sich &#8218;der kann doch mehr als du!&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Meerh\u00e4schen Gebr\u00fcder Grimm Es war einmal eine K\u00f6nigstochter, die hatte in ihrem Schloss hoch unter der Zinne einen Saal mit zw\u00f6lf Fenstern, die gingen nach allen Himmelsgegenden, und wenn sie hinaufstieg und umherschaute, so konnte sie ihr ganzes Reich \u00fcbersehen. 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