{"id":5685,"date":"2026-04-08T01:58:00","date_gmt":"2026-04-07T23:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5685"},"modified":"2026-04-08T01:58:00","modified_gmt":"2026-04-07T23:58:00","slug":"der-marionettenspieler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-marionettenspieler\/","title":{"rendered":"Der Marionettenspieler"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Marionettenspieler<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hans-Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>An Bord des Dampfschiffes befand sich ein \u00e4ltlicher Mann mit einem so vergn\u00fcgten Gesicht, dass, wenn es ihn nicht L\u00fcgen strafte, er der gl\u00fccklichste Mensch von der Welt sein musste. Das sei er auch, sagte er, und ich selber h\u00f6rte es aus seinem eigenen Munde. Er war ein D\u00e4ne, ein reisender Theaterdirektor. Er hatte das ganze Personal mit, es lag in einem gro\u00dfen Kasten; er war Marionettenspieler. Sein angeborener guter Humor, sagte er, sei von einem polytechnischen Kandidaten gel\u00e4utert, und bei diesem Experimente sei er vollst\u00e4ndig gl\u00fccklich geworden. Ich begriff dies alles nicht sogleich, aber dann setzt er mir die ganze Geschichte klar auseinander, und hier ist sie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs war im St\u00e4dtchen Slagelse\u00ab, sagte er; \u00bbich gab eine Vorstellung im Saale der Posthalterei, hatte brillantes Publikum, ganz und gar unkonfirmiertes, mit Ausnahme von einem Paare alter Matronen; auf einmal kommt so eine schwarz gekleidete Person vom Studentenschlage in den Saal, setzt sich, lacht laut an den passendsten Stellen, klatscht ganz und gar richtig: das war ein ungew\u00f6hnlicher Zuschauer! Ich musste wissen, wer der sei, und ich erfuhr dann, es sei ein Kandidat des polytechnischen Institutes zu Kopenhagen, der ausgesandt sei, um die Leute in den Provinzen zu belehren. Punkt acht Uhr war meine Vorstellung aus, Kinder m\u00fcssen ja fr\u00fch zu Bette, und man muss an die Bequemlichkeit des Publikums denken. Um neun Uhr begann der Kandidat seine Vorlesungen und Experimente, und nun war ich sein Zuh\u00f6rer. Das war merkw\u00fcrdig zu h\u00f6ren und zu sehen. Das meiste ging mir \u00fcber meinen Horizont, aber so viel dachte ich mir doch dabei, k\u00f6nnen wir Menschen so was ausfindig machen, so m\u00fcssen wir auch l\u00e4nger aushalten k\u00f6nnen, als bis man uns in die Erde verscharrt. Es waren lauter kleine Mirakel, die er machte, und doch alles wie Wasser, ganz nat\u00fcrlich! Um die Zeit Moses und der Propheten w\u00e4re ein solcher polytechnischer Kandidat einer der Weisen des Landes geworden; im Mittelalter h\u00e4tte man ihn auf den Scheiterhaufen gebracht. Ich schlief die ganze Nacht nicht; und als ich am anderen Abend Vorstellung gab und der Kandidat sich wiederum einfand, sprudelte mein Humor. Ich habe von einem Schauspieler geh\u00f6rt, dass er in Liebhaberrollen immer nur an eine einzige der Zusehauerinnen dachte; f\u00fcr sie spielte er und verga\u00df das ganze \u00fcbrige Haus; der polytechnische Kandidat war meine \u2013 \u00bbsie\u00ab, mein einziger Zuschauer, f\u00fcr den ich allein spielte. Als die Vorstellung zu Ende war, wurden s\u00e4mtliche Marionetten hervorgerufen und ich von dem polytechnischen Kandidaten auf sein Zimmer auf ein Glas Wein eingeladen; er sprach von meinen Kom\u00f6dien und ich von seiner Wissenschaft, und ich glaube, wir fanden gleich gro\u00dfe Freude daran. Aber ich bereue das Wort, denn in seinem Kram war nun einmal vieles, wor\u00fcber er nicht allemal Wort und Rede stehen konnte: z. B., das Ding, dass ein St\u00fcck Eisen, das durch eine Spirale f\u00e4llt, magnetisch wird, ja! was ist das?! \u2013 Der Geist kommt \u00fcber dasselbe, aber woher kommt er; es ist damit wie mit den Menschen dieser Welt, denke ich: Unser lieber Herrgott l\u00e4sst sich durch die Spirale der Zeit purzeln, und der Geist kommt \u00fcber sie, und so steht da ein Napoleon, ein Luther oder irgendeine \u00e4hnliche Person. \u00bbDie ganze Welt ist eine Reihe von Wunderwerken\u00ab, sagte der Kandidat, \u00bbaber wir sind so an dieselben gew\u00f6hnt, dass wir sie Alltagsgeschichten nennen\u00ab \u2013 Er sprach und erkl\u00e4rte: es war mir zuletzt, als hebe man mir den Hirnsch\u00e4del in die H\u00f6he, und ich gestand ehrlich, dass wenn ich nicht schon so ein alter Knabe w\u00e4re, so w\u00fcrde ich sofort die polytechnische Anstalt beziehen und lernen, die Welt so recht in den N\u00e4hten nachzusehen \u2013 ungeachtet ich einer der gl\u00fccklichsten Menschen bin! \u00bbEiner der gl\u00fccklichsten\u00ab \u2013 sagte er, und es war mir, als kostete er davon. \u00bbSind Sie gl\u00fccklich?\u00ab \u2013 \u00bbJa!\u00ab sagte ich, \u00bbgl\u00fccklich bin ich, und willkommen hei\u00dft man mich in allen St\u00e4dten, wo ich mit meiner Gesellschaft eintreffe! Zwar \u2013 ich habe allerdings einen Wunsch, derselbe liegt nicht selten wie Blei, wie ein Alb, auf meinem guten Humor: ich m\u00f6chte Theaterdirektor einer lebendigen Truppe, einer richtigen Menschengesellschaft sein.\u00ab \u00bbSie w\u00fcnschen ihren Marionetten Leben eingehaucht, dass sie wirkliche Schauspieler \u2013 und Sie selber Direktor w\u00fcrden!\u00ab sagte er. \u00bbDann w\u00fcrden Sie vollkommen gl\u00fccklich sein? Glauben?\u00ab \u2013 Er glaubte es nicht, und wir sprachen hin und her, in die Kreuz und Quer und blieben doch gleich weit auseinander; doch mit den Gl\u00e4sern stie\u00dfen wir an, und der Wein war exzellent, aber Zauberei war dabei, sonst w\u00fcrde ich bestimmt einen Rausch bekommen haben. Aber das war nicht der Fall, ich blieb klarsehend, in der Stube war Sonnenschein, und Sonnenschein strahlte aus den Augen des polytechnischen Kandidaten; ich musste an die alten G\u00f6tter in ihrer ewigen Jugend denken, als sie noch auf der Erde umherspazierten und uns Menschen Besuche machten; und das sagte ich ihm auch, dann l\u00e4chelte er, und ich h\u00e4tte darauf schw\u00f6ren d\u00fcrfen, er sei ein verkappter Gott, oder doch wenigsten aus der Familie! \u2013 das war er auch: mein h\u00f6chster Wunsch sollte in Erf\u00fcllung gehen, die Marionetten lebendig und ich Direktor einer Menschentruppe werden. Wir stie\u00dfen darauf an und leerten die Gl\u00e4ser! Er packte alle meine Puppen in den Kasten, band sie auf meinen R\u00fccken, und dann lie\u00df er mich durch eine Spirale fallen: \u2013 ich h\u00f6re noch, wie ich purzelte, ich lag auf dem Fu\u00dfboden, das wei\u00df ich gewiss, und die ganze Gesellschaft sprang aus dem Kasten heraus \u2013 der Geist war \u00fcber uns alle insgesamt gekommen, alle Marionetten waren ausgezeichnete K\u00fcnstler geworden, das sagten sie selber, und ich war Direktor! Alles war zur ersten Vorstellung bereit, die ganze Gesellschaft wollte mit mir reden, und das Publikum auch; die T\u00e4nzerin sagte, das Haus m\u00fcsse fallen, wenn ich nicht auf einem Beine st\u00e4nde, sie sei die Meisterin des Ganzen und b\u00e4te sich aus, danach behandelt zu werden; diejenige, welche die K\u00f6nigin spielte, wollte auch au\u00dferhalb der Szene als K\u00f6nigin behandelt sein \u2013 sie k\u00e4me sonst aus der \u00dcbung; der, welcher nur dazu gebraucht wurde, einen Brief abzugeben, machte sich ebenso wichtig wie der erste Liebhaber, denn die Kleinen seien wie die Gro\u00dfen, sie seien von gleicher Wichtigkeit in einem k\u00fcnstlerischen Ganzen, sagte er; der Held wollte nur Rollen aus lauter Abgangs-Repliken bestehend, denn dabei werde geklatscht: die Primadonna wollte nur in rotem Lichte spielen, denn das st\u00fcnde ihr, blaues leide sie nicht: es war wie Fliegen in einer Flasche, und ich war mitten in der Flasche, ich war Direktor! Der Atem verlie\u00df mich, der Kopf verlie\u00df mich: ich war so elend, wie ein Mensch es werden kann; es war ein neues Menschengeschlecht, unter welches ich geraten, ich w\u00fcnschte nur, ich h\u00e4tte sie alle wieder in dem Kasten, dass ich niemals Direktor geworden; ich sagte ihnen rund heraus, sie seien doch im Grunde Marionetten; dann schlugen sie mich tot. Ich lag auf dem Bette in meinem Zimmer, wie ich dorthin und \u00fcberhaupt vom polytechnischen Kandidaten weggekommen bin, das muss er wissen, ich wei\u00df es nicht. Der Mond schien auf den Fu\u00dfboden herein, wo der Puppenkasten umgeworfen und alle Puppen bunt durcheinander lagen gro\u00df und klein, die ganze Geschichte; aber ich war nicht faul: aus dem Bette fuhr ich heraus, in den Kasten kamen sie alle insgesamt, einige auf den Kopf, andere auf die Beine, ich warf den Deckel zu und setzte mich selber oben auf den Kasten. \u00bbJetzt werdet ihr schon drinnen bleiben!\u00ab sagte ich, \u00bbund ich werde mich h\u00fcten, euch wieder Blut und Fleisch zu w\u00fcnschen.\u00ab Mir war ganz leicht geworden, meinen Humor hatte ich wieder, ich war der gl\u00fccklichste Mensch , der polytechnische Kandidat hatte mich f\u00f6rmlich gel\u00e4utert. Ich sa\u00df in lauter Gl\u00fcckseligkeit und schlief auf dem Kasten ein. Am n\u00e4chsten Morgen \u2013 eigentlich war es Mittag, aber ich schlief diesen Morgen wunderbar lange \u2013 sa\u00df ich noch immer da, gl\u00fccklich und belehrt, dass mein fr\u00fcherer einziger Wunsch dumm gewesen. Ich fragte nach dem polytechnischen Kandidaten, aber er war fort, wie die griechischen und r\u00f6mischen G\u00f6tter. Von der Zeit an bin ich der gl\u00fccklichste Mensch gewesen. Ich bin ein gl\u00fccklicher Direktor, mein Personal r\u00e4soniert nicht, mein Publikum auch nicht, es ist herzensvergn\u00fcgt. Meine St\u00fccke kann ich zusammenflicken, wie ich will; ich nehme aus allen Kom\u00f6dien das Beste heraus, das mir ansteht, und niemand \u00e4rgert sich dar\u00fcber. St\u00fccke, die jetzt bei den gro\u00dfen B\u00fchnen verachtet sind, nach welchen aber das Publikum vor drei\u00dfig Jahren wie besessen lief, und wobei es heulte, dass ihm die Tr\u00e4nen \u00fcbers Gesicht rollten, deren nehme ich mich jetzt an; jetzt setze ich sie den Kleinen vor, und die Kleinen, die weinen wie Papa und Mama geweint haben; ich verk\u00fcrze sie aber, denn die Kleinen lieben das lange Liebesgeschw\u00e4tz nicht, sie wollen: \u00bbUngl\u00fccklich, aber rasch\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Marionettenspieler Hans-Christian Andersen An Bord des Dampfschiffes befand sich ein \u00e4ltlicher Mann mit einem so vergn\u00fcgten Gesicht, dass, wenn es ihn nicht L\u00fcgen strafte, er der gl\u00fccklichste Mensch von der Welt sein musste. Das sei er auch, sagte er, und ich selber h\u00f6rte es aus seinem eigenen Munde. 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