{"id":5667,"date":"2026-04-08T00:26:30","date_gmt":"2026-04-07T22:26:30","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5667"},"modified":"2026-04-08T00:27:55","modified_gmt":"2026-04-07T22:27:55","slug":"das-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das M\u00e4rchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Johann Wolfgang von Goethe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>An dem gro\u00dfen Flusse, der eben von einem starken Regen geschwollen und \u00fcbergetreten war, lag in seiner kleinen H\u00fctte m\u00fcde von der Anstrengung des Tages, der alte F\u00e4hrmann und schlief. Mitten in der Nacht weckten ihn einige laute Stimmen; er h\u00f6rte, dass Reisende \u00fcbergesetzt sein wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er vor die T\u00fcr hinaus trat, sah er zwei gro\u00dfe Irrlichter \u00fcber dem angebundenen Kahne schweben, die ihm versicherten, dass sie gro\u00dfe Eile h\u00e4tten und schon an jenem Ufer zu sein w\u00fcnschten. Der Alte s\u00e4umte nicht, stie\u00df ab und fuhr, mit seiner gew\u00f6hnlichen Geschicklichkeit, quer \u00fcber den Strom, indes die Fremden in einer unbekannten sehr beh\u00e4nden Sprache gegeneinander zischten und mitunter in ein lautes Gel\u00e4chter ausbrachen, indem sie bald auf den R\u00e4ndern und B\u00e4nken, bald auf dem Boden des Kahns hin- und widerh\u00fcpften.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Kahn schwankt!&#8220; rief der Alte, &#8222;und wenn ihr so unruhig seid, kann er umschlagen; setzt euch, ihr Lichter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie brachen \u00fcber diese Zumutung in ein gro\u00dfes Gel\u00e4chter aus, verspotteten den Alten und waren noch unruhiger als vorher. Er trug ihre Unarten mit Geduld, und stie\u00df bald am jenseitigen Ufer an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier ist f\u00fcr Eure M\u00fche!&#8220; riefen die Reisenden, und es fielen indem sie sich sch\u00fcttelten, viele gl\u00e4nzende Goldst\u00fccke in den feuchten Kahn.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ums Himmels willen, was macht ihr!&#8220; rief der Alte, &#8222;ihr bringt mich ins gr\u00f6\u00dfte Ungl\u00fcck! W\u00e4re ein Goldst\u00fcck ins Wasser gefallen, so w\u00fcrde der Strom, der dies Metall nicht leiden kann, sich in entsetzliche Wellen erhoben, das Schiff und mich verschlungen haben, und wer wei\u00df, wie es euch gegangen sein w\u00fcrde; nehmt euer Geld wieder zu euch!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir k\u00f6nnen nichts wieder zu uns nehmen, was wir abgesch\u00fcttelt haben,&#8220; versetzten jene.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So macht ihr mir noch die M\u00fche,&#8220; sagte der Alte, indem er sich b\u00fcckte und die Goldst\u00fccke in seine M\u00fctze las, &#8222;dass ich sie zusammensuchen, ans Land tragen und vergraben muss.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Irrlichter waren aus dem Kahne gesprungen, und der Alte rief: &#8222;Wo bleibt nun mein Lohn?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer kein Gold nimmt, mag umsonst arbeiten!&#8220; riefen die Irrlichter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr m\u00fcsst wissen, dass man mich nur mit Fr\u00fcchten der Erde bezahlen kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mit Fr\u00fcchten der Erde? Wir verschm\u00e4hen sie, und haben sie nie genossen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und doch kann ich euch nicht loslassen, bis ihr mir versprecht, dass ihr mir drei Kohlh\u00e4upter, drei Artischocken und drei gro\u00dfe Zwiebeln liefert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Irrlichter wollten scherzend davonschl\u00fcpfen; allein sie f\u00fchlten sich auf eine unbegreifliche Weise an den Boden gefesselt; es war die unangenehmste Empfindung die sie jemals gehabt hatten. Sie versprachen seine Forderung n\u00e4chstens zu befriedigen; er entlie\u00df sie und stie\u00df ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war schon weit hinweg als sie ihm nachriefen: &#8222;Alter! h\u00f6rt Alter! wir haben das Wichtigste vergessen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er war fort und h\u00f6rte sie nicht. Er hatte sich an derselben Seite den Fluss hinab treiben lassen, wo er in einer gebirgigen Gegend, die das Wasser niemals erreichen konnte, das gef\u00e4hrliche Gold verscharren wollte. Dort fand er zwischen hohen Felsen eine ungeheure Kluft sch\u00fcttete es hinein und fuhr nach seiner H\u00fctte zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Kluft befand sich die sch\u00f6ne gr\u00fcne Schlange, die durch die herabklingende M\u00fcnze aus ihrem Schlafe geweckt wurde. Sie ersah kaum die leuchtenden Scheiben, als sie solche auf der Stelle mit gro\u00dfer Begierde verschlang, und alle St\u00fccke die sich in dem Geb\u00fcsch und zwischen den Felsritzen zerstreut hatten, sorgf\u00e4ltig aufsuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum waren sie verschlungen, so f\u00fchlte sie mit der angenehmsten Empfindung das Gold in ihren Eingeweiden schmelzen und sich durch ihren ganzen K\u00f6rper ausbreiten, und zur gr\u00f6\u00dften Freude bemerkte sie, dass sie durchsichtig und leuchtend geworden war. Lange hatte man ihr schon versichert, dass diese Erscheinung m\u00f6glich sei; weil sie aber zweifelhaft war, ob dieses Licht lange dauern k\u00f6nne, so trieb sie die Neugierde und der Wunsch, sich f\u00fcr die Zukunft sicherzustellen, aus dem Felsen heraus, um zu untersuchen, wer das sch\u00f6ne Gold hereingestreut haben k\u00f6nnte. Sie fand niemanden. Desto angenehmer war es ihr, sich selbst, da sie zwischen Kr\u00e4utern und Gestr\u00e4uchen hinkroch, und ihr anmutiges Licht, das sie durch das frische Gr\u00fcn verbreitete, zu bewundern. Alle Bl\u00e4tter schienen von Smaragd, alle Blumen auf das herrlichste verkl\u00e4rt. Vergebens durchstrich sie die einsame Wildnis, desto mehr aber wuchs ihre Hoffnung, als sie auf die Fl\u00e4che kam und von weitem einen Glanz, der dem ihrigen \u00e4hnlich war, erblickte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Find&#8216; ich doch endlich meinesgleichen!&#8220; rief sie aus und eilte nach der Gegend zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie achtete nicht die Beschwerlichkeit durch Sumpf und Rohr zu kriechen; denn ob sie gleich auf trocknen Bergwiesen, in hohen Felsritzen am liebsten lebte, gew\u00fcrzhafte Kr\u00e4uter gerne genoss und mit zartem Tau und frischem Quellwasser ihren Durst gew\u00f6hnlich stillte, so h\u00e4tte sie doch des lieben Goldes willen und in Hoffnung des herrlichen Lichtes alles unternommen, was man ihr auferlegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr erm\u00fcdet gelangte sie endlich zu einem feuchten Ried, wo unsere beiden Irrlichter hin- und widerspielten. Sie schoss auf sie los, begr\u00fc\u00dfte sie, und freute sich so angenehme Herren von ihrer Verwandtschaft zu finden. Die Lichter strichen an ihr her, h\u00fcpften \u00fcber sie weg und lachten nach ihrer Weise.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Frau Muhme,&#8220; sagten sie, &#8222;wenn Sie schon von der horizontalen Linie sind, so hat das doch nichts zu bedeuten; freilich sind wir nur von Seiten des Scheins verwandt, denn sehen Sie nur (hier machten beide Flammen indem sie ihre ganze Breite aufopferten, sich so lang und spitz als m\u00f6glich) wie sch\u00f6n uns Herren von der vertikalen Linie diese schlanke L\u00e4nge kleidet; nehmen Sie&#8217;s uns nicht \u00fcbel, meine Freundin, welche Familie kann sich des r\u00fchmen? So lang es Irrlichter gibt, hat noch keins weder gesessen noch gelegen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlange f\u00fchlte sich in der Gegenwart dieser Verwandten sehr unbehaglich, denn sie mochte den Kopf so hoch heben als sie wollte, so f\u00fchlte sie doch, dass sie ihn wieder zur Erde biegen musste, um von der Stelle zu kommen, und hatte sie sich vorher im dunklen Hain au\u00dferordentlich Wohlgefallen, so schien ihr Glanz in Gegenwart dieser Vettern sich jeden Augenblick zu vermindern, ja sie f\u00fcrchtete, dass er endlich gar verl\u00f6schen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Verlegenheit fragte sie eilig, ob die Herren ihr nicht etwa Nachricht geben k\u00f6nnten, wo das gl\u00e4nzende Gold herkomme, das vor kurzem in die Felskluft gefallen sei; sie vermute, es sei ein Goldregen, der unmittelbar vom Himmel tr\u00e4ufle. Die Irrlichter lachten und sch\u00fcttelten sich, und es sprangen eine gro\u00dfe Menge Goldst\u00fccke um sie herum. Die Schlange fuhr schnell darnach sie zu verschlingen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Lasst es Euch schmecken, Frau Muhme,&#8220; sagten die artigen Herren, &#8222;wir k\u00f6nnen noch mit mehr aufwarten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sch\u00fcttelten sich noch einige Male mit gro\u00dfer Beh\u00e4ndigkeit, so dass die Schlange kaum die kostbare Speise schnell genug hinunterbringen konnte. Sichtlich fing ihr Schein an zu wachsen, und sie leuchtete wirklich aufs herrlichste, indes die Irrlichter ziemlich mager und klein geworden waren, ohne jedoch von ihrer guten Laune das mindeste zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin euch auf ewig verbunden,&#8220; sagte die Schlange, nachdem sie von ihrer Mahlzeit wieder zu Atem gekommen war, &#8222;fordert von mir was ihr wollt; was in meinen Kr\u00e4ften ist, will ich euch leisten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Recht sch\u00f6n!&#8220; riefen die Irrlichter, &#8222;sage, wo wohnt die sch\u00f6ne Lilie? F\u00fchr uns so schnell als m\u00f6glich zum Palaste und Garten der sch\u00f6nen Lilie, wir sterben vor Ungeduld, uns ihr zu F\u00fc\u00dfen zu werfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Diesen Dienst,&#8220; versetzte die Schlange mit einem tiefen Seufzer, &#8222;kann ich euch sogleich nicht leisten. Die sch\u00f6ne Lilie wohnt leider jenseit des Wassers.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jenseit des Wassers! Und wir lassen uns in dieser st\u00fcrmischen Nacht \u00fcbersetzen! Wie grausam ist der Fluss, der uns nun scheidet! Sollte es nicht m\u00f6glich sein, den Alten wieder zu errufen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sie w\u00fcrden sich vergebens bem\u00fchen,&#8220; versetzte die Schlange, &#8222;denn wenn Sie ihn auch selbst an dem diesseitigen Ufer antr\u00e4fen, so w\u00fcrde er Sie nicht einnehmen; er darf jedermann her\u00fcber, niemand hin\u00fcber bringen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da haben wir uns sch\u00f6n gebettet! Gibt es denn kein ander Mittel, \u00fcber das Wasser zu kommen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noch einige, nur nicht in diesem Augenblick. Ich selbst kann die Herren \u00fcbersetzen, aber erst in der Mittagsstunde.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist eine Zeit, in der wir nicht gerne reisen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So k\u00f6nnen Sie abends auf dem Schatten des Riesen hin\u00fcberfahren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie geht das zu?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der gro\u00dfe Riese, der nicht weit von hier wohnt, vermag mit seinem K\u00f6rper nichts; seine H\u00e4nde heben keinen Strohhalm, seine Schultern w\u00fcrden kein Reisb\u00fcndel tragen; aber sein Schatten vermag viel, ja alles. Deswegen ist er beim Aufgang und Untergang der Sonne am m\u00e4chtigsten, und so darf man sich abends nur auf den Nacken seines Schattens setzen, der Riese geht alsdann sachte gegen das Ufer zu und der Schatten bringt den Wanderer \u00fcber das Wasser hin\u00fcber. Wollen Sie aber um Mittagszeit sich an jener Waldecke einfinden, wo das Geb\u00fcsch dicht ans Ufer st\u00f6\u00dft, so kann ich Sie \u00fcbersetzen und der sch\u00f6nen Lilie vorstellen; scheuen Sie hingegen die Mittagshitze, so d\u00fcrfen Sie nur gegen Abend in jener Felsenbucht den Riesen aufsuchen, der sich gewiss recht gef\u00e4llig zeigen wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer leichten Verbeugung entfernten sich die jungen Herren, und die Schlange war zufrieden von ihnen loszukommen, teils um sich in ihrem eignen Lichte zu erfreuen, teils eine Neugierde zu befriedigen, von der sie schon lange auf eine sonderbare Weise gequ\u00e4lt ward.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Felskl\u00fcften, in denen sie oft hin- und widerkroch, hatte sie an einem Orte eine seltsame Entdeckung gemacht. Denn ob sie gleich durch diese Abgr\u00fcnde ohne ein Licht zu kriechen gen\u00f6tigt war, so konnte sie doch durchs Gef\u00fchl die Gegenst\u00e4nde recht wohl unterscheiden. Nur unregelm\u00e4\u00dfige Naturprodukte war sie gewohnt \u00fcberall zu finden; bald schlang sie sich zwischen den Zacken gro\u00dfer Kristalle hindurch, bald f\u00fchlte sie die Haken und Haare des gediegenen Silbers, und brachte ein und den andern Edelstein mit sich ans Licht hervor. Doch hatte sie zu ihrer gro\u00dfen Verwunderung in einem ringsum verschlossenen Felsen Gegenst\u00e4nde gef\u00fchlt, welche die bildende Hand des Menschen verrieten. Glatte W\u00e4nde, an denen sie nicht aufsteigen konnte, scharfe regelm\u00e4\u00dfige Kanten, wohlgebildete S\u00e4ulen, und, was ihr am sonderbarsten vorkam, menschliche Figuren, um die sie sich mehrmals geschlungen hatte, und die sie f\u00fcr Erz oder \u00e4u\u00dferst polierten Marmor halten musste. Alle diese Erfahrungen w\u00fcnschte sie noch zuletzt durch den Sinn des Auges zusammenzufassen und das, was sie nur mutma\u00dfte, zu best\u00e4tigen. Sie glaubte sich nun f\u00e4hig durch ihr eignes Licht dieses wunderbare unterirdische Gew\u00f6lbe zu erleuchten, und hoffte auf einmal mit diesen sonderbaren Gegenst\u00e4nden v\u00f6llig bekannt zu werden. Sie eilte und fand auf dem gewohnten Wege bald die Ritze, durch die sie in das Heiligtum zu schleichen pflegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie sich am Orte befand, sah sie sich mit Neugier um, und obgleich ihr Schein alle Gegenst\u00e4nde der Rotunde nicht erleuchten konnte, so wurden ihr doch die n\u00e4chsten deutlich genug. Mit Erstaunen und Ehrfurcht sah sie in eine gl\u00e4nzende Nische hinauf, in welcher das Bildnis eines ehrw\u00fcrdigen K\u00f6nigs in lauterem Golde aufgestellt war. Dem Ma\u00df nach war die Bilds\u00e4ule \u00fcber Menschengr\u00f6\u00dfe, der Gestalt nach aber das Bildnis eher eines kleinen als eines gro\u00dfen Mannes. Sein wohlgebildeter K\u00f6rper war mit einem einfachen Mantel umgeben, und ein Eichenkranz hielt seine Haare zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte die Schlange dieses ehrw\u00fcrdige Bildnis angeblickt, als der K\u00f6nig zu reden anfing und fragte: &#8222;Wo kommst du her?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aus den Kl\u00fcften,&#8220; versetzte die Schlange, &#8222;in denen das Gold wohnt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was ist herrlicher als Gold?&#8220; fragte der K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Licht,&#8220; antwortete die Schlange.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was ist erquicklicher als Licht?&#8220; fragte jener.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Gespr\u00e4ch,&#8220; antwortete diese.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte unter diesen Reden beiseite geschielt und in der n\u00e4chsten Nische ein anderes herrliches Bild gesehen. In derselben sa\u00df ein silberner K\u00f6nig, von langer und eher schm\u00e4chtiger Gestalt; sein K\u00f6rper war mit einem verzierten Gewande \u00fcberdeckt, Krone, G\u00fcrtel und Zepter mit Edelsteinen geschm\u00fcckt; er hatte die Heiterkeit des Stolzes in seinem Angesichte und schien eben reden zu wollen, als an der marmornen Wand eine Ader, die dunkelfarbig hindurchlief, auf einmal hell ward und ein angenehmes Licht durch den ganzen Tempel verbreitete. Bei diesem Lichte sah die Schlange den dritten K\u00f6nig, der von Erz in m\u00e4chtiger Gestalt dasa\u00df, sich auf seine Keule lehnte, mit einem Lorbeerkranze geschm\u00fcckt war, und eher einem Felsen als einem Menschen glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wollte sich nach dem vierten umsehen, der in der gr\u00f6\u00dften Entfernung von ihr stand, aber die Mauer \u00f6ffnete sich, indem die erleuchtete Ader wie ein Blitz zuckte und verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann von mittlerer Gr\u00f6\u00dfe, der heraustrat, zog die Aufmerksamkeit der Schlange auf sich. Er war als ein Bauer gekleidet und trug eine kleine Lampe in der Hand, in deren stille Flamme man gerne hineinsah, und die auf eine wunderbare Weise, ohne auch nur einen Schatten zu werfen, den ganzen Dom erhellte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Warum kommst du, da wir Licht haben?&#8220; fragte der goldene K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr wisst, dass ich das Dunkle nicht erleuchten darf.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Endigt sich mein Reich?&#8220; fragte der silberne K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sp\u00e4t oder nie,&#8220; versetzte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer starken Stimme fing der eherne K\u00f6nig an zu fragen: &#8222;Wann werde ich aufstehn?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Bald,&#8220; versetzte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mit wem soll ich mich verbinden?&#8220; fragte der K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mit deinen \u00e4ltern Br\u00fcdern,&#8220; sagte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was wird aus dem j\u00fcngsten werden?&#8220; fragte der K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Er wird sich setzen,&#8220; sagte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin nicht m\u00fcde,&#8220; rief der vierte K\u00f6nig mit einer rauhen stotternden Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlange war, indessen jene redeten, in dem Tempel leise herumgeschlichen, hatte alles betrachtet und besah nunmehr den vierten K\u00f6nig in der N\u00e4he. Er stand an eine S\u00e4ule gelehnt, und seine ansehnliche Gestalt war eher schwerf\u00e4llig als sch\u00f6n. Allein das Metall, woraus er gegossen war, konnte man nicht leicht unterscheiden. Genau betrachtet war es eine Mischung der drei Metalle, aus denen seine Br\u00fcder gebildet waren. Aber beim Gusse schienen diese Materien nicht recht zusammengeschmolzen zu sein; goldne und silberne Adern liefen unregelm\u00e4\u00dfig durch eine eherne Masse hindurch, und gaben dem Bilde ein unangenehmes Ansehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen sagte der goldne K\u00f6nig zum Manne: &#8222;Wie viel Geheimnisse wei\u00dft du?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Drei,&#8220; versetzte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Welches ist das wichtigste?&#8220; fragte der silberne K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das offenbare,&#8220; versetzte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Willst du es auch uns er\u00f6ffnen?&#8220; fragte der eherne.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sobald ich das vierte wei\u00df,&#8220; sagte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was k\u00fcmmert&#8217;s mich!&#8220; murmelte der zusammengesetzte K\u00f6nig vor sich hin.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich wei\u00df das vierte,&#8220; sagte die Schlange, n\u00e4herte sich dem Alten und zischte ihm etwas ins Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist an der Zeit!&#8220; rief der Alte mit gewaltiger Stimme. Der Tempel schallte wider, die metallenen Bilds\u00e4ulen klangen, und in dem Augenblicke versank der Alte nach Westen und die Schlange nach Osten, und jedes durchstrich mit gro\u00dfer Schnelle die Kl\u00fcfte der Felsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle G\u00e4nge, durch die der Alte hindurch wandelte, f\u00fcllten sich hinter ihm sogleich mit Gold, denn seine Lampe hatte die wunderbare Eigenschaft, alle Steine in Gold, alles Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine zu verwandeln, und alle Metalle zu vernichten; diese Wirkung zu \u00e4u\u00dfern musste sie aber ganz allein leuchten. Wenn ein ander Licht neben ihr war, wirkte sie nur einen sch\u00f6nen hellen Schein, und alles Lebendige ward immer durch sie erquickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte trat in seine H\u00fctte, die an dem Berge angebauet war, und fand sein Weib in der gr\u00f6\u00dften Betr\u00fcbnis. Sie sa\u00df am Feuer und weinte und konnte sich nicht zufrieden geben.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie ungl\u00fccklich bin ich,&#8220; rief sie aus, &#8222;wollt&#8216; ich dich heute doch nicht fortlassen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was gibt es denn?&#8220; fragte der Alte ganz ruhig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kaum bist du weg,&#8220; sagte sie mit Schluchzen, &#8222;so kommen zwei ungest\u00fcme Wanderer vor die T\u00fcre; unvorsichtig lasse ich sie herein, es schienen ein paar artige rechtliche Leute; sie waren in leichte Flammen gekleidet, man h\u00e4tte sie f\u00fcr Irrlichter halten k\u00f6nnen: kaum sind sie im Hause, so fangen sie an, auf eine unversch\u00e4mte Weise, mir mit Worten zu schmeicheln, und werden so zudringlich, dass ich mich sch\u00e4me daran zu denken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun,&#8220; versetzte der Mann l\u00e4chelnd, &#8222;die Herren haben wohl gescherzt; denn deinem Alter nach sollten sie es wohl bei der allgemeinen H\u00f6flichkeit gelassen haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was Alter! Alter!&#8220; rief die Frau; &#8222;soll ich immer von meinem Alter h\u00f6ren? Wie alt bin ich denn? Gemeine H\u00f6flichkeit! Ich wei\u00df doch was ich wei\u00df. Und sieh dich nur um, wie die W\u00e4nde aussehen; sieh nur die alten Steine, die ich seit hundert Jahren nicht mehr gesehen habe; alles Gold haben sie heruntergeleckt, du glaubst nicht mit welcher Beh\u00e4ndigkeit, und sie versicherten immer, es schmecke viel besser als gemeines Gold. Als sie die W\u00e4nde rein gefegt hatten, schienen sie sehr gutes Mutes, und gewiss, sie waren auch in kurzer Zeit sehr viel gr\u00f6\u00dfer, breiter und gl\u00e4nzender geworden. Nun fingen sie ihren Mutwillen von neuem an, streichelten mich wieder, hie\u00dfen mich ihre K\u00f6nigin, sch\u00fcttelten sich und eine Menge Goldst\u00fccke sprangen herum; du siehst noch, wie sie dort unter der Bank leuchten; aber welch ein Ungl\u00fcck! Unser Mops fra\u00df einige davon und sieh, da liegt er am Kamine tot; das arme Tier! Ich kann mich nicht zufrieden geben. Ich sah es erst, da sie fort waren, denn sonst h\u00e4tte ich nicht versprochen, ihre Schuld beim F\u00e4hrmann abzutragen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was sind sie schuldig?&#8220; fragte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Drei Kohlh\u00e4upter,&#8220; sagte die Frau, &#8222;drei Artischocken und drei Zwiebeln; wenn es Tag wird, habe ich versprochen, sie an den Fluss zu tragen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du kannst ihnen den Gefallen tun,&#8220; sagte der Alte; &#8222;denn sie werden uns gelegentlich auch wieder dienen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ob sie uns dienen werden, wei\u00df ich nicht, aber versprochen und beteuert haben sie es.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen war das Feuer im Kamine zusammengebrannt, der Alte \u00fcberzog die Kohlen mit vieler Asche, schaffte die leuchtenden Goldst\u00fccke beiseite, und nun leuchtete sein L\u00e4mpchen wieder allein, in dem sch\u00f6nsten Glanze, die Mauern \u00fcberzogen sich mit Gold und der Mops war zu dem sch\u00f6nsten Onyx geworden, den man sich denken konnte. Die Abwechslung der braunen und schwarzen Farbe des kostbaren Gesteins machte ihn zum seltensten Kunstwerke.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nimm deinen Korb,&#8220; sagte der Alte, &#8222;und stelle den Onyx hinein; alsdann nimm die drei Kohlh\u00e4upter, die drei Artischocken und die drei Zwiebeln, lege sie umher und trage sie zum Flusse. Gegen Mittag lass dich von der Schlange \u00fcbersetzen und besuche die sch\u00f6ne Lilie, bring ihr den Onyx, sie wird ihn durch ihre Ber\u00fchrung lebendig machen, wie sie alles Lebendige durch ihre Ber\u00fchrung t\u00f6tet; sie wird einen treuen Gef\u00e4hrten an ihm haben. Sage ihr, sie solle nicht trauern, ihre Erl\u00f6sung sei nahe, das gr\u00f6\u00dfte Ungl\u00fcck k\u00f6nne sie als das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck betrachten, denn es sei an der Zeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte packte ihren Korb und machte sich, als es Tag war, auf den Weg. Die aufgehende Sonne schien hell \u00fcber den Fluss her\u00fcber, der in der Ferne gl\u00e4nzte; das Weib ging mit langsamem Schritt, denn der Korb dr\u00fcckte sie aufs Haupt, und es war doch nicht der Onyx der so lastete. Alles Tote was sie trug f\u00fchlte sie nicht, vielmehr hob sich alsdann der Korb in die H\u00f6he und schwebte \u00fcber ihrem Haupte. Aber ein frisches Gem\u00fcs oder ein kleines lebendiges Tier zu tragen, war ihr \u00e4u\u00dferst beschwerlich. Verdrie\u00dflich war sie eine Zeitlang hingegangen, als sie auf einmal, erschreckt, stille stand; denn sie h\u00e4tte beinahe auf den Schatten des Riesen getreten, der sich \u00fcber die Ebene bis zu ihr hin erstreckte. Und nun sah sie erst den gewaltigen Riesen, der sich im Fluss gebadet hatte, aus dem Wasser heraussteigen, und sie wusste nicht, wie sie ihm ausweichen sollte. Sobald er sie gewahr ward, fing er an sie scherzhaft zu begr\u00fc\u00dfen, und die H\u00e4nde seines Schattens griffen sogleich in den Korb. Mit Leichtigkeit und Geschicklichkeit nahmen sie ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel heraus und brachten sie dem Riesen zum Munde, der sodann weiter den Fluss hinauf ging und dem Weibe den Weg frei lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bedachte, ob sie nicht lieber zur\u00fcckgehen und die fehlenden St\u00fccke aus ihrem Garten wieder ersetzen sollte, und ging unter diesen Zweifeln immer weiter vorw\u00e4rts, so dass sie bald an dem Ufer des Flusses ankam. Lange sa\u00df sie in Erwartung des F\u00e4hrmanns, den sie endlich mit einem sonderbaren Reisenden her\u00fcberschiffen sah. Ein junger, edler, sch\u00f6ner Mann, den sie nicht genug ansehen konnte, stieg aus dem Kahne.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was bringt Ihr?&#8220; rief der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist das Gem\u00fcse, das Euch die Irrlichter schuldig sind,&#8220; versetzte die Frau und wies ihre Ware hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Alte von jeder Sorte nur zwei fand, ward er verdrie\u00dflich und versicherte, dass er sie nicht annehmen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau bat ihn inst\u00e4ndig, erz\u00e4hlte ihm, dass sie jetzt nicht nach Hause gehen k\u00f6nne und dass ihr die Last auf dem Wege, den sie vor sich habe, beschwerlich sei. Er blieb bei seiner abschl\u00e4glichen Antwort, indem er ihr versicherte, dass es nicht einmal von ihm abhange.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was mir geb\u00fchrt, muss ich neun Stunden zusammen lassen, und ich darf nichts annehmen, bis ich dem Fluss ein Dritteil \u00fcbergeben habe.&#8220; Nach vielem Hinundwiderreden versetzte endlich der Alte: &#8222;Es ist noch ein Mittel. Wenn Ihr Euch gegen den Fluss verb\u00fcrgt und Euch als Schuldnerin bekennen wollt, so nehm&#8216; ich die sechs St\u00fccke zu mir, es ist aber einige Gefahr dabei.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wenn ich mein Wort halte, so laufe ich doch keine Gefahr?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nicht die geringste. Steckt Eure Hand in den Fluss,&#8220; fuhr der Alte fort, &#8222;und versprecht, dass Ihr in vierundzwanzig Stunden die Schuld abtragen wollt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte tat&#8217;s, aber wie erschrak sie nicht, als sie ihre Hand kohlschwarz wieder aus dem Wasser zog. Sie schalt heftig auf den Alten, versicherte, dass ihre H\u00e4nde immer das Sch\u00f6nste an ihr gewesen w\u00e4ren, und dass sie, ungeachtet der harten Arbeit, diese edlen Glieder wei\u00df und zierlich zu erhalten gewusst habe. Sie besah die Hand mit gro\u00dfem Verdrusse und rief verzweiflungsvoll aus: &#8222;Das ist noch schlimmer! Ich sehe, sie ist gar geschwunden, sie ist viel kleiner als die andere.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt scheint es nur so,&#8220; sagte der Alte; &#8222;wenn Ihr aber nicht Wort haltet, kann es wahr werden. Die Hand wird nach und nach schwinden und endlich ganz verschwinden, ohne dass Ihr den Gebrauch derselben entbehrt. Ihr werdet alles damit verrichten k\u00f6nnen, nur dass sie niemand sehen wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich wollte lieber, ich k\u00f6nnte sie nicht brauchen und man s\u00e4h&#8216; mir&#8217;s nicht an,&#8220; sagte die Alte; &#8222;indessen hat das nichts zu bedeuten, ich werde mein Wort halten, um diese schwarze Haut und diese Sorge bald los zu werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Eilig nahm sie darauf den Korb, der sich von selbst \u00fcber ihren Scheitel erhob und frei in die H\u00f6he schwebte, und eilte dem jungen Manne nach, der sachte und in Gedanken am Ufer hinging. Seine herrliche Gestalt und sein sonderbarer Anzug hatten sich der Alten tief eingedruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Brust war mit einem gl\u00e4nzenden Harnisch bedeckt, durch den alle Teile seines sch\u00f6nen Leibes sich durchbewegten. Um seine Schultern hing ein Purpurmantel, um sein unbedecktes Haupt wallten braune Haare in sch\u00f6nen Locken; sein holdes Gesicht war den Strahlen der Sonne ausgesetzt, so wie seine sch\u00f6n gebauten F\u00fc\u00dfe. Mit nackten Sohlen ging er gelassen \u00fcber den hei\u00dfen Sand hin, und ein tiefer Schmerz schien alle \u00e4u\u00dferen Eindr\u00fccke abzustumpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gespr\u00e4chige Alte suchte ihn zu einer Unterredung zu bringen, allein er gab ihr mit kurzen Worten wenig Bescheid so dass sie endlich, ungeachtet seiner sch\u00f6nen Augen, m\u00fcde ward ihn immer vergebens anzureden, von ihm Abschied nahm und sagte: &#8222;Ihr geht mir zu langsam, mein Herr, ich darf den Augenblick nicht vers\u00e4umen, um \u00fcber die gr\u00fcne Schlange den Fluss zu passieren und der sch\u00f6nen Lilie das vortreffliche Geschenk von meinem Manne zu \u00fcberbringen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Worten schritt sie eilends fort und ebenso schnell ermannte sich der sch\u00f6ne J\u00fcngling und eilte ihr auf dem Fu\u00dfe nach.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr geht zur sch\u00f6nen Lilie!&#8220; rief er aus, &#8222;da gehen wir einen Weg. Was ist das f\u00fcr ein Geschenk, das Ihr tragt?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mein Herr,&#8220; versetzte die Frau dagegen, &#8222;es ist nicht billig, nachdem Ihr meine Fragen so einsilbig abgelehnt habt, Euch mit solcher Lebhaftigkeit nach meinen Geheimnissen zu erkundigen. Wollt Ihr aber einen Tausch eingehen und mir Eure Schicksale erz\u00e4hlen, so will ich Euch nicht verbergen, wie es mit mir und meinem Geschenke steht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wurden bald einig; die Frau vertraute ihm ihre Verh\u00e4ltnisse, die Geschichte des Hundes, und lie\u00df ihn dabei das wundervolle Geschenk betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hob sogleich das nat\u00fcrliche Kunstwerk aus dem Korbe und nahm den Mops, der sanft zu ruhen schien, in seine Arme.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gl\u00fcckliches Tier!&#8220; rief er aus, &#8222;du wirst von ihren H\u00e4nden ber\u00fchrt, du wirst von ihr belebt werden, anstatt dass Lebendige vor ihr fliehen, um nicht ein trauriges Schicksal zu erfahren. Doch was sage ich traurig! ist es nicht viel betr\u00fcbter und b\u00e4nglicher durch ihre Gegenwart gel\u00e4hmt zu werden, als es sein w\u00fcrde von ihrer Hand zu sterben! Sieh mich an, sagte er zu der Alten; in meinen Jahren, welch einen elenden Zustand muss ich erdulden. Diesen Harnisch, den ich mit Ehren im Kriege getragen, diesen Purpur, den ich durch eine weise Regierung zu verdienen suchte, hat mir das Schicksal gelassen, jenen als eine unn\u00f6tige Last, diesen als eine unbedeutende Zierde. Krone, Zepter und Schwert sind hinweg, ich bin \u00fcbrigens so nackt und bed\u00fcrftig, als jeder andere Erdensohn, denn so unselig wirken ihre sch\u00f6nen blauen Augen, dass sie allen lebendigen Wesen ihre Kraft nehmen, und dass diejenigen, die ihre ber\u00fchrende Hand nicht t\u00f6tet, sich in den Zustand lebendig wandelnder Schatten versetzt f\u00fchlen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So fuhr er fort zu klagen und befriedigte die Neugierde der Alten keineswegs, welche nicht sowohl von seinem innern als von seinem \u00e4u\u00dfern Zustande unterrichtet sein wollte. Sie erfuhr weder den Namen seines Vaters noch seines K\u00f6nigreichs. Er streichelte den harten Mops, den die Sonnenstrahlen und der warme Busen des J\u00fcnglings, als wenn er lebte, erw\u00e4rmt hatten. Er fragte viel nach dem Mann mit der Lampe, nach den Wirkungen des heiligen Lichtes und schien sich davon f\u00fcr seinen traurigen Zustand k\u00fcnftig viel Gutes zu versprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Gespr\u00e4chen sahen sie von ferne den majest\u00e4tischen Bogen der Br\u00fccke, der von einem Ufer zum andern hin\u00fcber reichte, im Glanz der Sonne auf das wunderbarste schimmern. Beide erstaunten, denn sie hatten dieses Geb\u00e4ude noch nie so herrlich gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie!&#8220; rief der Prinz; &#8222;war sie nicht schon sch\u00f6n genug, als sie vor unsern Augen wie von Jaspis und Prasem gebaut dastand? Muss man nicht f\u00fcrchten sie zu betreten, da sie aus Smaragd, Chrysopras und Chrysolith mit der anmutigsten Mannigfaltigkeit zusammengesetzt erscheint?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Beide wussten nicht die Ver\u00e4nderung, die mit der Schlange vorgegangen war: denn die Schlange war es, die sich jeden Mittag \u00fcber den Fluss hin\u00fcber b\u00e4umte und in Gestalt einer k\u00fchnen Br\u00fccke dastand. Die Wanderer betraten sie mit Ehrfurcht und gingen schweigend hin\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren kaum am jenseitigen Ufer, als die Br\u00fccke sich zu schwingen und zu bewegen anfing, in kurzem die Oberfl\u00e4che des Wassers ber\u00fchrte und die gr\u00fcne Schlange in ihrer eigent\u00fcmlichen Gestalt den Wanderern auf dem Lande nachgleitete. Beide hatten kaum f\u00fcr die Erlaubnis auf ihrem R\u00fccken \u00fcber den Fluss zu setzen gedankt, als sie bemerkten, dass au\u00dfer ihnen dreien noch mehrere Personen in der Gesellschaft sein m\u00fcssten, die sie jedoch mit ihren Augen nicht erblicken konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00f6rten neben sich ein Gezisch, dem die Schlange gleichfalls mit einem Gezisch antwortete, sie horchten auf und konnten endlich folgendes vernehmen: &#8222;Wir werden,&#8220; sagten ein paar wechselnde Stimmen, &#8222;uns erst inkognito in dem Park der sch\u00f6nen Lilie umsehen, und ersuchen Euch, uns mit Anbruch der Nacht, sobald wir nur irgend pr\u00e4sentabel sind der vollkommenen Sch\u00f6nheit vorzustellen. An dem Rande des gro\u00dfen Sees werdet Ihr uns antreffen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es bleibt dabei,&#8220; antwortete die Schlange, und ein zischender Laut verlor sich in der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere drei Wanderer beredeten sich nunmehr, in welcher Ordnung sie bei der Sch\u00f6nen vortreten wollten, denn so viel Personen auch um sie sein konnten, so durften sie doch nur einzeln kommen und gehen, wenn sie nicht empfindliche Schmerzen erdulden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weib mit dem verwandelten Hunde im Korbe nahte sich zuerst dem Garten und suchte ihre G\u00f6nnerin auf, die leicht zu finden war, weil sie eben zur Harfe sang, die lieblichen T\u00f6ne zeigten sich erst als Ringe auf der Oberfl\u00e4che des stillen Sees, dann wie ein leichter Hauch setzten sie Gras und B\u00fcsche in Bewegung. Auf einem eingeschlossenen gr\u00fcnen Platze, in dem Schatten einer herrlichen Gruppe mannigfaltiger B\u00e4ume, sa\u00df sie und bezauberte beim ersten Anblick aufs neue die Augen, das Ohr und das Herz des Weibes, das sich ihr mit Entz\u00fccken n\u00e4herte und bei sich selbst schwur, die Sch\u00f6ne sei w\u00e4hrend ihrer Abwesenheit nur immer sch\u00f6ner geworden Schon von weitem rief die gute Frau dem liebensw\u00fcrdigsten M\u00e4dchen Gru\u00df und Lob zu.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Welch ein Gl\u00fcck Euch anzusehen welch einen Himmel verbreitet Eure Gegenwart um Euch her! Wie die Harfe so reizend in Eurem Scho\u00dfe lehnt, wie Eure Arme sie so sanft umgeben, wie sie sich nach Eurer Brust zu sehnen scheint und wie sie unter der Ber\u00fchrung Eurer schlanken Finger so z\u00e4rtlich klingt! Dreifach gl\u00fccklicher J\u00fcngling, der du ihren Platz einnehmen konntest!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Worten war sie n\u00e4her gekommen; die sch\u00f6ne Lilie schlug die Augen auf, lie\u00df die H\u00e4nde sinken und versetzte: &#8222;Betr\u00fcbe mich nicht durch ein unzeitiges Lob, ich empfinde nur desto st\u00e4rker mein Ungl\u00fcck. Sieh, hier zu meinen Fu\u00dfen liegt der arme Kanarienvogel tot, der sonst meine Lieder auf das angenehmste begleitete, er war gew\u00f6hnt auf meiner Harfe zu sitzen, und sorgf\u00e4ltig abgerichtet mich nicht zu ber\u00fchren; heute, indem ich vom Schlaf erquickt, ein ruhiges Morgenlied anstimme, und mein kleiner S\u00e4nger munterer als jemals seine harmonischen T\u00f6ne h\u00f6ren l\u00e4sst, schie\u00dft ein Habicht \u00fcber meinem Haupte hin; das arme kleine Tier, erschrocken, fl\u00fcchtet in meinen Busen und in dem Augenblick f\u00fchl&#8216; ich die letzten Zuckungen seines scheidenden Lebens. Zwar von meinem Blicke getroffen schleicht der R\u00e4uber dort ohnm\u00e4chtig am Wasser hin, aber was kann mir seine Strafe helfen, mein Liebling ist tot, und sein Grab wird nur das traurige Geb\u00fcsch meines Gartens vermehren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ermannt Euch, sch\u00f6ne Lilie!&#8220; rief die Frau, indem sie selbst eine Tr\u00e4ne abtrocknete, welche ihr die Erz\u00e4hlung des ungl\u00fccklichen M\u00e4dchens aus den Augen gelockt hatte, &#8222;nehmt Euch zusammen, mein Alter l\u00e4sst Euch sagen, Ihr sollt Eure Trauer m\u00e4\u00dfigen, das gr\u00f6\u00dfte Ungl\u00fcck als Vorbote des gr\u00f6\u00dften Gl\u00fccks ansehen; denn es sei an der Zeit; und wahrhaftig, fuhr die Alte fort, es geht bunt in der Welt zu. Seht nur meine Hand wie sie schwarz geworden ist! Wahrhaftig sie ist schon um vieles kleiner, ich muss eilen, eh&#8216; sie gar verschwindet! Warum musst&#8216; ich den Irrlichtern eine Gef\u00e4lligkeit erzeigen, warum musst&#8216; ich dem Riesen begegnen und warum meine Hand in den Fluss tauchen? K\u00f6nnt Ihr mir nicht ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel geben? so bring ich sie dem Flusse und meine Hand ist wei\u00df wie vorher, so dass ich sie fast neben die Eurige halten k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kohlh\u00e4upter und Zwiebeln k\u00f6nntest du allenfalls noch finden: aber Artischocken suchest du vergebens. Alle Pflanzen in meinem gro\u00dfen Garten tragen weder Bl\u00fcten noch Fr\u00fcchte; aber jedes Reis, das ich breche und auf das Grab eines Lieblings pflanze, gr\u00fcnt sogleich und schie\u00dft hoch auf. Alle diese Gruppen, diese B\u00fcsche, diese Haine habe ich leider wachsen sehen. Die Schirme dieser Pinien, die Obelisken dieser Zypressen, die Kolossen von Eichen und Buchen, alles waren kleine Reiser, als ein trauriges Denkmal von meiner Hand in einen sonst unfruchtbaren Boden gepflanzt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte hatte auf diese Rede wenig acht gegeben und nur ihre Hand betrachtet, die in der Gegenwart der sch\u00f6nen Lilie immer schw\u00e4rzer und von Minute zu Minute kleiner zu werden schien. Sie wollte ihren Korb nehmen und eben forteilen, als sie f\u00fchlte, dass sie das Beste vergessen hatte. Sie hub sogleich den verwandelten Hund heraus und setzte ihn nicht weit von der Sch\u00f6nen ins Gras.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mein Mann,&#8220; sagte sie, &#8222;schickt Euch dieses Andenken, Ihr wisst, dass Ihr diesen Edelstein durch Eure Ber\u00fchrung beleben k\u00f6nnt. Das artige treue Tier wird Euch gewiss viel Freude machen, und die Betr\u00fcbnis, dass ich ihn verliere, kann nur durch den Gedanken aufgeheitert werden, dass Ihr ihn besitzt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die schone Lilie sah das artige Tier mit Vergn\u00fcgen und, wie es schien mit Verwunderung an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es kommen viele Zeichen zusammen,&#8220; sagte sie, &#8222;die mir einige Hoffnung einfl\u00f6\u00dfen aber ach! ist es nicht blo\u00df ein Wahn unsrer Natur, dass wir dann, wenn vieles Ungl\u00fcck zusammentrifft, uns vorbilden das Beste sei nah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Was helfen mir die vielen guten Zeichen<br>Des Vogels Tod, der Freundin schwarze Hand?<br>Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?<br>Und hat ihn nicht die Lampe mir gesandt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Entfernt vom s\u00fc\u00dfen menschlichen Genusse<br>Bin ich doch mit dem Jammer nur vertraut<br>Ach! warum steht der Tempel nicht am Flusse!<br>Ach! warum ist die Br\u00fccke nicht gebaut!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeduldig hatte die gute Frau diesem Gesange zugeh\u00f6rt, den die sch\u00f6ne Lilie mit den angenehmen T\u00f6nen ihrer Harfe begleitete und der jeden andern entz\u00fcckt h\u00e4tte. Eben wollte sie sich beurlauben, als sie durch die Ankunft der gr\u00fcnen Schlange abermals abgehalten wurde. Diese hatte die letzten Zeilen des Liedes geh\u00f6rt und sprach deshalb der sch\u00f6nen Lilie sogleich zuversichtlich Mut ein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Weissagung von der Br\u00fccke ist erf\u00fcllt!&#8220; rief sie aus, &#8222;fragt nur diese gute Frau wie herrlich der Bogen gegenw\u00e4rtig erscheint. Was sonst undurchsichtiger Jaspis, was nur Prasem war, durch den das Licht h\u00f6chstens auf den Kanten durchschimmerte, ist nun durchsichtiger Edelstein geworden. Kein Beryll ist so klar und kein Smaragd so sch\u00f6nfarbig.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich w\u00fcnsche Euch Gl\u00fcck dazu,&#8220; sagte Lilie, &#8222;allein verzeihet mir, wenn ich die Weissagung noch nicht erf\u00fcllt glaube. \u00dcber den hohen Bogen Eurer Br\u00fccke k\u00f6nnen nur Fu\u00dfg\u00e4nger hin\u00fcber schreiten und es ist uns versprochen, dass Pferde und Wagen und Reisende aller Art zu gleicher Zeit \u00fcber die Br\u00fccke her\u00fcber und hin\u00fcber wandern sollen. Ist nicht von den gro\u00dfen Pfeilern geweissagt, die aus dem Flusse selbst heraussteigen werden?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte hatte ihre Augen immer auf die Hand geheftet, unterbrach hier das Gespr\u00e4ch und empfahl sich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Verweilt noch einen Augenblick,&#8220; sagte die sch\u00f6ne Lilie, &#8222;und nehmt meinen armen Kanarienvogel mit. Bittet die Lampe, dass sie ihn in einen sch\u00f6nen Topas verwandle, ich will ihn durch meine Ber\u00fchrung beleben und er, mit Eurem guten Mops, soll mein bester Zeitvertreib sein; aber eilt was Ihr k\u00f6nnt, denn mit Sonnenuntergang ergreift unleidliche F\u00e4ulnis das arme Tier und zerrei\u00dft den sch\u00f6nen Zusammenhang seiner Gestalt auf ewig.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte legte den kleinen Leichnam zwischen zarte Bl\u00e4tter in den Korb und eilte davon.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie dem auch sei,&#8220; sagte die Schlange, indem sie das abgebrochene Gespr\u00e4ch fortsetzte, &#8222;der Tempel ist erbauet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Er steht aber noch nicht am Flusse,&#8220; versetzte die Sch\u00f6ne.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noch ruht er in den Tiefen der Erde,&#8220; sagte die Schlange; &#8222;ich habe die K\u00f6nige gesehen und gesprochen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber wann werden sie aufstehn?&#8220; fragte Lilie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlange versetzte: &#8222;Ich h\u00f6rte die gro\u00dfen Worte im Tempel ert\u00f6nen: es ist an der Zeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine angenehme Heiterkeit verbreitete sich \u00fcber das Angesicht der Sch\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;H\u00f6re ich doch,&#8220; sagte sie, &#8222;die gl\u00fccklichen Worte schon heute zum zweiten Mal; wann wird der Tag kommen, an dem ich sie dreimal h\u00f6re?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stand auf und sogleich trat ein reizendes M\u00e4dchen aus dem Geb\u00fcsch, das ihr die Harfe abnahm. Dieser folgte eine andre, die den elfenbeinernen geschnitzten Feldstuhl, worauf die Sch\u00f6ne gesessen hatte, zusammenschlug und das silberne Kissen unter den Arm nahm. Eine dritte, die einen gro\u00dfen, mit Perlen gestickten Sonnenschirm trug, zeigte sich darauf, erwartend, ob Lilie auf einem Spaziergange etwa ihrer bed\u00fcrfe. \u00dcber allen Ausdruck sch\u00f6n und reizend waren diese drei M\u00e4dchen, und doch erh\u00f6hten sie nur die Sch\u00f6nheit der Lilie, indem sich jeder gestehen musste, dass sie mit ihr gar nicht verglichen werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Gef\u00e4lligkeit hatte indes die sch\u00f6ne Lilie den wunderbaren Mops betrachtet. Sie beugte sich, ber\u00fchrte ihn und in dem Augenblicke sprang er auf. Munter sah er sich um, lief hin und wider und eilte zuletzt seine Wohlt\u00e4terin auf das freundlichste zu begr\u00fc\u00dfen. Sie nahm ihn auf die Arme und dr\u00fcckte ihn an sich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So kalt du bist,&#8220; rief sie aus, &#8222;und obgleich nur ein halbes Leben in dir wirkt, bist du mir doch willkommen; z\u00e4rtlich will ich dich lieben, artig mit dir scherzen, freundlich dich streicheln, und fest dich an mein Herz dr\u00fccken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lie\u00df ihn darauf los, jagte ihn von sich, rief ihn wieder, scherzte so artig mit ihm und trieb sich so munter und unschuldig mit ihm auf dem Grase herum, dass man mit neuem Entz\u00fccken ihre Freude betrachten und teil daran nehmen musste, so wie kurz vorher ihre Trauer jedes Herz zum Mitleid gestimmt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Heiterkeit, diese anmutigen Scherze wurden durch die Ankunft des traurigen J\u00fcnglings unterbrochen. Er trat herein, wie wir ihn schon kennen, nur schien die Hitze des Tages ihn noch mehr abgemattet zu haben, und in der Gegenwart der Geliebten ward er mit jedem Augenblicke bl\u00e4sser. Er trug den Habicht auf seiner Hand, der wie eine Taube ruhig sa\u00df und die Fl\u00fcgel h\u00e4ngen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist nicht freundlich,&#8220; rief Lilie ihm entgegen, &#8222;dass du mir das verhasste Tier vor die Augen bringst, das Ungeheuer, das meinen kleinen S\u00e4nger heute get\u00f6tet hat.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schilt den ungl\u00fccklichen Vogel nicht!&#8220; versetzte darauf der J\u00fcngling; &#8222;klage vielmehr dich an und das Schicksal, und verg\u00f6nne mir, dass ich mit dem Gef\u00e4hrten meines Elends Gesellschaft mache.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen h\u00f6rte der Mops nicht auf, die Sch\u00f6ne zu necken und sie antwortete dem durchsichtigen Liebling mit dem freundlichsten Betragen. Sie klatschte mit den H\u00e4nden, um ihn zu verscheuchen; dann lief sie, um ihn wieder nach sich zu ziehen Sie suchte ihn zu haschen, wenn er floh, und jagte ihn von sich weg, wenn er sich an sie zu dr\u00e4ngen versuchte. Der J\u00fcngling sah stillschweigend und mit wachsendem Verdrusse zu; aber endlich, da sie das h\u00e4ssliche Tier, das ihm ganz abscheulich vorkam, auf den Arm nahm, an ihren wei\u00dfen Busen dr\u00fcckte und die schwarze Schnauze mit ihren himmlischen Lippen k\u00fcsste, verging ihm alle Geduld und er rief voller Verzweiflung aus: &#8222;Muss ich, der ich durch ein trauriges Geschick vor dir, vielleicht auf immer, in einer getrennten Gegenwart lebe, der ich durch dich alles, ja mich selbst, verloren habe, muss ich vor meinen Augen sehen, dass eine so widernat\u00fcrliche Missgeburt dich zur Freude reizen, deine Neigung fesseln und deine Umarmung genie\u00dfen kann! Soll ich noch l\u00e4nger nur so hin- und widergehen und den traurigen Kreis den Fluss her\u00fcber und hin\u00fcber abmessen? Nein, es ruht noch ein Funke des alten Heldenmutes in meinem Busen; er schlage in diesem Augenblick zur letzten Flamme auf! Wenn Steine an deinem Busen ruhen k\u00f6nnen, so m\u00f6ge ich zu Stein werden; wenn deine Ber\u00fchrung t\u00f6tet, so will ich von deinen H\u00e4nden sterben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Worten machte er eine heftige Bewegung; der Habicht flog von seiner Hand, er aber st\u00fcrzte auf die Sch\u00f6ne los, sie streckte die H\u00e4nde aus, ihn abzuhalten und ber\u00fchrte ihn nur desto fr\u00fcher. Das Bewusstsein verlie\u00df ihn, und mit Entsetzen f\u00fchlte sie die sch\u00f6ne Last an ihrem Busen. Mit einem Schrei trat sie zur\u00fcck, und der holde J\u00fcngling sank entseelt aus ihren Armen zur Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ungl\u00fcck war geschehen! Die s\u00fc\u00dfe Lilie stand unbeweglich und blickte starr nach dem entseelten Leichnam. Das Herz schien ihr im Busen zu stocken und ihre Augen waren ohne Tr\u00e4nen. Vergebens suchte der Mops ihr eine freundliche Bewegung abzugewinnen; die ganze Welt war mit ihrem Freunde ausgestorben. Ihre stumme Verzweiflung sah sich nach H\u00fclfe nicht um, denn sie kannte keine H\u00fclfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen regte sich die Schlange desto emsiger; sie schien auf Rettung zu sinnen, und wirklich dienten ihre sonderbaren Bewegungen wenigstens die n\u00e4chsten schrecklichen Folgen des Ungl\u00fccks auf einige Zeit zu hindern. Sie zog mit ihrem geschmeidigen K\u00f6rper einen weiten Kreis um den Leichnam, fasste das Ende ihres Schwanzes mit den Z\u00e4hnen und blieb ruhig liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht lange, so trat eine der sch\u00f6nen Dienerinnen Liliens hervor, brachte den elfenbeinernen Feldstuhl, und n\u00f6tigte, mit freundlichen Geb\u00e4rden, die Sch\u00f6ne sich zu setzen; bald darauf kam die zweite, die einen feuerfarbigen Schleier trug und das Haupt ihrer Gebieterin damit mehr zierte als bedeckte; die dritte \u00fcbergab ihr die Harfe, und kaum hatte sie das pr\u00e4chtige Instrument an sich gedr\u00fcckt, und einige T\u00f6ne aus den Saiten hervorgelockt, als die erste mit einem hellen runden Spiegel zur\u00fcckkam, sich der Sch\u00f6nen gegen\u00fcber stellte, ihre Blicke auffing und ihr das angenehmste Bild, das in der Natur zu finden war, darstellte. Der Schmerz erh\u00f6hte ihre Sch\u00f6nheit, der Schleier ihre Reize, die Harfe ihre Anmut, und so sehr man hoffte ihre traurige Lage ver\u00e4ndert zu sehen, so sehr w\u00fcnschte man ihr Bild ewig, wie es gegenw\u00e4rtig erschien, festzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem stillen Blick nach dem Spiegel lockte sie bald schmelzende T\u00f6ne aus den Saiten, bald schien ihr Schmerz zu steigen, und die Saiten antworteten gewaltsam ihrem Jammer; einige Mal \u00f6ffnete sie den Mund zu singen, aber die Stimme versagte ihr, doch bald l\u00f6ste sich ihr Schmerz in Tr\u00e4nen auf, zwei M\u00e4dchen fassten sie hilfreich in die Arme, die Harfe sank aus ihrem Scho\u00dfe, kaum ergriff noch die schnelle Dienerin das Instrument und trug es beiseite.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer schafft uns den Mann mit der Lampe, ehe die Sonne untergeht?&#8220; zischte die Schlange leise, aber vernehmlich, die M\u00e4dchen sahen einander an, und Liliens Tr\u00e4nen vermehrten sich.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Augenblicke kam atemlos die Frau mit dem Korbe zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin verloren und verst\u00fcmmelt,&#8220; rief sie aus! &#8222;Seht wie meine Hand beinahe ganz weggeschwunden ist; weder der F\u00e4hrmann noch der Riese wollten mich \u00fcbersetzen weil ich noch eine Schuldnerin des Wassers bin, vergebens habe ich hundert Kohlh\u00e4upter und hundert Zwiebeln angeboten, man will nicht mehr als die drei St\u00fccke, und keine Artischocke ist nun einmal in diesen Gegenden zu finden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Vergesst Eure Not,&#8220; sagte die Schlange, &#8222;und sucht hier zu helfen; vielleicht kann Euch zugleich mitgeholfen werden. Eilt was Ihr k\u00f6nnt die Irrlichter aufzusuchen, es ist noch zu hell sie zu sehen, aber vielleicht h\u00f6rt Ihr sie lachen und flattern. Wenn sie eilen, so setzt sie der Riese noch \u00fcber den Fluss, und sie k\u00f6nnen den Mann mit der Lampe finden und schicken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weib eilte so viel sie konnte, und die Schlange schien ebenso ungeduldig als Lilie die R\u00fcckkunft der beiden zu erwarten. Leider vergoldete schon der Strahl der sinkenden Sonne nur den h\u00f6chsten Gipfel der B\u00e4ume des Dickichts und lange Schatten zogen sich \u00fcber See und Wiese, die Schlange bewegte sich ungeduldig und Lilie zerfloss in Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Not sah die Schlange sich \u00fcberall um, denn sie f\u00fcrchtete jeden Augenblick, die Sonne werde untergehen die F\u00e4ulnis den magischen Kreis durchdringen und den sch\u00f6nen J\u00fcngling unaufhaltsam anfallen. Endlich erblickte sie hoch in den L\u00fcften, mit purpurroten Federn den Habicht, dessen Brust die letzten Strahlen der Sonne auffing. Sie sch\u00fcttelte sich vor Freuden \u00fcber das gute Zeichen, und sie betrog sich nicht; denn kurz darauf sah man den Mann mit der Lampe \u00fcber den See hergleiten, gleich als wenn er auf Schlittschuhen ginge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlange ver\u00e4nderte nicht ihre Stelle, aber die Lilie stand auf und rief ihm zu: &#8222;Welcher gute Geist sendet dich in dem Augenblick, da wir so sehr nach dir verlangen und deiner so sehr bed\u00fcrfen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Geist meiner Lampe,&#8220; versetzte der Alte, &#8222;treibt mich und der Habicht f\u00fchrt mich hierher. Sie spratzelt wenn man meiner bedarf, und ich sehe mich nur in den L\u00fcften nach einem Zeichen um; irgendein Vogel oder Meteor zeigt mir die Himmelsgegend an, wohin ich mich wenden soll. Sei ruhig, sch\u00f6nstes M\u00e4dchen! ob ich helfen kann wei\u00df ich nicht, ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt. Aufschieben wollen wir und hoffen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Halte deinen Kreis geschlossen,&#8220; fuhr er fort, indem er sich an die Schlange wendete, sich auf einen Erdh\u00fcgel neben sie hinsetzte und den toten K\u00f6rper beleuchtete. &#8222;Bringt den artigen Kanarienvogel auch her und leget ihn in den Kreis!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4dchen nahmen den kleinen Leichnam aus dem Korbe, den die Alte stehen lie\u00df, und gehorchten dem Manne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne war indessen untergegangen, und wie die Finsternis zunahm, fing nicht allein die Schlange und die Lampe des Mannes nach ihrer Weise zu leuchten an, sondern der Schleier Liliens gab auch ein sanftes Licht von sich, das wie eine zarte Morgenr\u00f6te ihre blassen Wangen und ihr wei\u00dfes Gewand mit einer unendlichen Anmut f\u00e4rbte. Man sah sich wechselweise mit stiller Betrachtung an, Sorge und Trauer waren durch eine sichere Hoffnung gemildert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht unangenehm erschien daher das alte Weib in Gesellschaft der beiden muntern Flammen, die zwar seither sehr verschwendet haben mussten, denn sie waren wieder \u00e4u\u00dferst mager geworden, aber sich nur desto artiger gegen die Prinzessin und die \u00fcbrigen Frauenzimmer betrugen. Mit der gr\u00f6\u00dften Sicherheit und mit vielem Ausdruck sagten sie ziemlich gew\u00f6hnliche Sachen, besonders zeigten sie sich sehr empf\u00e4nglich f\u00fcr den Reiz, den der leuchtende Schleier \u00fcber Lilien und ihre Begleiterinnen verbreitete. Bescheiden schlugen die Frauenzimmer ihre Augen nieder und das Lob ihrer Sch\u00f6nheit versch\u00f6nerte sie wirklich. Jedermann war zufrieden und ruhig bis auf die Alte. Ungeachtet der Versicherung ihres Mannes, dass ihre Hand nicht weiter abnehmen k\u00f6nne solange sie von seiner Lampe beschienen sei, behauptete sie mehr als einmal dass, wenn es so fortgehe, noch vor Mitternacht dieses edle Glied v\u00f6llig verschwinden werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte mit der Lampe hatte dem Gespr\u00e4ch der Irrlichter aufmerksam zugeh\u00f6rt und war vergn\u00fcgt, dass Lilie durch diese Unterhaltung zerstreut und aufgeheitert worden. Und wirklich war Mitternacht herbeigekommen man wusste nicht wie. Der Alte sah nach den Sternen und fing darauf zu reden an: &#8222;Wir sind zur gl\u00fccklichen Stunde beisammen, jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht und ein allgemeines Gl\u00fcck wird die einzelnen Schmerzen in sich aufl\u00f6sen, wie ein allgemeines Ungl\u00fcck einzelne Freuden verzehrt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesen Worten entstand ein wunderbares Ger\u00e4usch denn alle gegenw\u00e4rtigen Personen sprachen f\u00fcr sich und dr\u00fcckten laut aus was sie zu tun h\u00e4tten, nur die drei M\u00e4dchen waren stille; eingeschlafen war die eine neben der Harfe, die andere neben dem Sonnenschirm, die dritte neben dem Sessel, und man konnte es ihnen nicht verdenken denn es war sp\u00e4t. Die flammenden J\u00fcnglinge hatten nach einigen vor\u00fcbergehenden H\u00f6flichkeiten, die sie auch den Dienerinnen gewidmet, sich doch zuletzt nur an Lilien, als die Allersch\u00f6nste, gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Fasse,&#8220; sagte der Alte zum Habicht, &#8222;den Spiegel, und mit dem ersten Sonnenstrahl beleuchte die Schl\u00e4ferinnen und wecke sie mit zur\u00fcckgeworfenem Lichte aus der H\u00f6he.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlange fing nunmehr an sich zu bewegen, l\u00f6ste den Kreis auf und zog langsam in gro\u00dfen Ringen nach dem Flusse. Feierlich folgten ihr die beiden Irrlichter, und man h\u00e4tte sie f\u00fcr die ernsthaftesten Flammen halten sollen. Die Alte und ihr Mann ergriffen den Korb, dessen sanftes Licht man bisher kaum bemerkt hatte, sie zogen von beiden Seiten daran, und er ward immer gr\u00f6\u00dfer und leuchtender, sie hoben darauf den Leichnam des J\u00fcnglings hinein und legten ihm den Kanarienvogel auf die Brust, der Korb hob sich in die H\u00f6he und schwebte \u00fcber dem Haupte der Alten und sie folgte den Irrlichtern auf dem Fu\u00dfe. Die sch\u00f6ne Lilie nahm den Mops auf ihren Arm und folgte der Alten, der Mann mit der Lampe beschloss den Zug, und die Gegend war von diesen vielerlei Lichtern auf das sonderbarste erhellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mit nicht geringer Bewunderung sah die Gesellschaft, als sie zu dem Flusse gelangte, einen herrlichen Bogen \u00fcber denselben hin\u00fcbersteigen, wodurch die wohlt\u00e4tige Schlange ihnen einen gl\u00e4nzenden Weg bereitete. Hatte man bei Tage die durchsichtigen Edelsteine bewundert, woraus die Br\u00fccke zusammengesetzt schien, so erstaunte man bei Nacht \u00fcber ihre leuchtende Herrlichkeit. Oberw\u00e4rts schnitt sich der helle Kreis scharf an dem dunklen Himmel ab, aber unterw\u00e4rts zuckten lebhafte Strahlen nach dem Mittelpunkte zu und zeigten die bewegliche Festigkeit des Geb\u00e4udes. Der Zug ging langsam hin\u00fcber, und der F\u00e4hrmann, der von ferne aus seiner H\u00fctte hervorsah, betrachtete mit Staunen den leuchtenden Kreis und die sonderbaren Lichter, die dar\u00fcber hinzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum waren sie an dem andern Ufer angelangt, als der Bogen nach seiner Weise zu schwanken und sich wellenartig dem Wasser zu n\u00e4hern anfing. Die Schlange bewegte sich bald darauf ans Land, der Korb setzte sich zur Erde nieder, und die Schlange zog aufs neue ihren Kreis umher, der Alte neigte sich vor ihr und sprach: &#8222;Was hast du beschlossen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mich aufzuopfern, ehe ich aufgeopfert werde,&#8220; versetzte die Schlange; &#8222;versprich mir, dass du keinen Stein am Lande lassen willst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte versprach&#8217;s und sagte darauf zur sch\u00f6nen Lilie: &#8222;R\u00fchre die Schlange mit der linken Hand an und deinen Geliebten mit der rechten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Lilie kniete nieder und ber\u00fchrte die Schlange und den Leichnam. Im Augenblicke schien dieser in das Leben \u00fcberzugehen, er bewegte sich im Korbe, ja er richtete sich in die H\u00f6he und sa\u00df; Lilie wollte ihn umarmen, allein der Alte hielt sie zur\u00fcck, er half dagegen dem J\u00fcngling aufstehn und leitete ihn, indem er aus dem Korbe und dem Kreise trat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00fcngling stand, der Kanarienvogel flatterte auf seiner Schulter, es war wieder Leben in beiden, aber der Geist war noch nicht zur\u00fcckgekehrt; der sch\u00f6ne Freund hatte die Augen offen und sah nicht, wenigstens schien er alles ohne Teilnehmung anzusehn, und kaum hatte sich die Verwunderung \u00fcber diese Begebenheit in etwas gem\u00e4\u00dfigt, als man erst bemerkte, wie sonderbar die Schlange sich ver\u00e4ndert hatte. Ihr sch\u00f6ner schlanker K\u00f6rper war in tausend und tausend leuchtende Edelsteine zerfallen; unvorsichtig hatte die Alte, die nach ihrem Korbe greifen wollte, an sie gesto\u00dfen, und man sah nichts mehr von der Bildung der Schlange, nur ein sch\u00f6ner Kreis leuchtender Edelsteine lag im Grase.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte machte sogleich Anstalt, die Steine in den Korb zu fassen, wozu ihm seine Frau behilflich sein musste. Beide trugen darauf den Korb gegen das Ufer an einen erhabenen Ort, und er sch\u00fcttete die ganze Ladung, nicht ohne Widerwillen der Sch\u00f6nen und seines Weibes, die gerne davon sich etwas ausgesucht h\u00e4tten, in den Fluss. Wie leuchtende und blinkende Sterne schwammen die Steine mit den Wellen hin und man konnte nicht unterscheiden, ob sie sich in der Ferne verloren oder untersanken.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Meine Herren,&#8220; sagte darauf der Alte ehrerbietig zu den Irrlichtern, &#8222;nunmehr zeige ich Ihnen den Weg und er\u00f6ffne den Gang, aber Sie leisten uns den gr\u00f6\u00dften Dienst, wenn Sie uns die Pforte des Heiligtums \u00f6ffnen, durch die wir diesmal eingehen m\u00fcssen und die au\u00dfer Ihnen niemand aufschlie\u00dfen kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Irrlichter neigten sich anst\u00e4ndig und blieben zur\u00fcck. Der Alte mit der Lampe ging voraus in den Felsen, der sich vor ihm auftat; der J\u00fcngling folgte ihm, gleichsam mechanisch; still und ungewiss hielt sich Lilie in einiger Entfernung hinter ihm; die Alte wollte nicht gerne zur\u00fcckbleiben und streckte ihre Hand aus, damit ja das Licht von ihres Mannes Lampe sie erleuchten k\u00f6nne. Nun schlossen die Irrlichter den Zug, indem sie die Spitzen ihrer Flammen zusammenneigten und miteinander zu sprechen schienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren nicht lange gegangen, als der Zug sich vor einem gro\u00dfen ehernen Tore befand, dessen Fl\u00fcgel mit einem goldenen Schloss verschlossen waren. Der Alte rief sogleich die Irrlichter herbei, die sich nicht lange aufmuntern lie\u00dfen, sondern gesch\u00e4ftig mit ihren spitzesten Flammen Schloss und Riegel aufzehrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut t\u00f6nte das Erz, als die Pforten schnell aufsprangen und im Heiligtum die w\u00fcrdigen Bilder der K\u00f6nige, durch die hereintretenden Lichter beleuchtet, erschienen. Jeder neigte sich vor den ehrw\u00fcrdigen Herrschern, besonders lie\u00dfen es die Irrlichter an krausen Verbeugungen nicht fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Pause fragte der goldne K\u00f6nig: &#8222;Woher kommt ihr?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aus der Welt,&#8220; antwortete der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wohin geht ihr?&#8220; fragte der silberne K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;In die Welt,&#8220; sagte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was wollt ihr bei uns?&#8220; fragte der eherne K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Euch begleiten,&#8220; sagte der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gemischte K\u00f6nig wollte eben zu reden anfangen, als der goldne zu den Irrlichtern, die ihm zu nahe gekommen waren sprach: &#8222;Hebet euch weg von mir, mein Gold ist nicht f\u00fcr euren Gaum.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wandten sich darauf zum silbernen und schmiegten sich an ihn, sein Gewand gl\u00e4nzte sch\u00f6n von ihrem gelblichen Widerschein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr seid mir willkommen,&#8220; sagte er, &#8222;aber ich kann euch nicht ern\u00e4hren; s\u00e4ttiget euch ausw\u00e4rts und bringt mir euer Licht&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie entfernten sich und schlichen, bei dem ehernen vorbei, der sie nicht zu bemerken schien, auf den zusammengesetzten los.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer wird die Welt beherrschen?&#8220; rief dieser mit stotternder Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer auf seinen F\u00fc\u00dfen steht,&#8220; antwortete der Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das bin ich!&#8220; sagte der gemischte K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es wird sich offenbaren,&#8220; sagte der Alte, &#8222;denn es ist an der Zeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die sch\u00f6ne Lilie fiel dem Alten um den Hals und k\u00fcsste ihn aufs herzlichste.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Heiliger Vater,&#8220; sagte sie, &#8222;tausendmal dank&#8216; ich dir, denn ich h\u00f6re das ahnungsvolle Wort zum dritten Mal.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte kaum ausgeredet, als sie sich noch fester an den Alten anhielt, denn der Boden fing unter ihnen an zu schwanken, die Alte und der J\u00fcngling hielten sich auch aneinander, nur die beweglichen Irrlichter merkten nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Man konnte deutlich f\u00fchlen dass der ganze Tempel sich bewegte, wie ein Schiff das sich sanft aus dem Hafen entfernt, wenn die Anker gelichtet sind; die Tiefen der Erde schienen sich vor ihm aufzutun als er hindurch zog. Er stie\u00df nirgends an, kein Felsen stand ihm in dem Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Augenblicke schien ein feiner Regen durch die \u00d6ffnung der Kuppel hereinzurieseln; der Alte hielt die sch\u00f6ne Lilie fester und sagte zu ihr: &#8222;Wir sind unter dem Flusse und bald am Ziel.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht lange darauf glaubten sie stillzustehn, doch sie betrogen sich; der Tempel stieg aufw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun entstand ein seltsames Get\u00f6se \u00fcber ihrem Haupte. Bretter und Balken, in ungestalter Verbindung, begannen sich zu der \u00d6ffnung der Kuppel krachend hereinzudr\u00e4ngen. Lilie und die Alte sprangen zur Seite, der Mann mit der Lampe fasste den J\u00fcngling und blieb stehen. Die kleine H\u00fctte des F\u00e4hrmanns, denn sie war es, die der Tempel, im Aufsteigen, vom Boden abgesondert und in sich aufgenommen hatte, sank allm\u00e4hlich herunter und bedeckte den J\u00fcngling und den Alten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weiber schrien laut, und der Tempel sch\u00fctterte wie ein Schiff, das unvermutet ans Land st\u00f6\u00dft. \u00c4ngstlich irrten die Frauen in der D\u00e4mmerung um die H\u00fctte, die T\u00fcre war verschlossen und auf ihr Pochen h\u00f6rte niemand. Sie pochten heftiger und wunderten sich nicht wenig, als zuletzt das Holz zu klingen anfing. Durch die Kraft der verschlossenen Lampe war die H\u00fctte von innen heraus zu Silber geworden. Nicht lange, so ver\u00e4nderte sie sogar ihre Gestalt, denn das edle Metall verlie\u00df die zuf\u00e4lligen Formen der Bretter, Pfosten und Balken, und dehnte sich zu einem herrlichen Geh\u00e4use von getriebener Arbeit aus. Nun stand ein herrlicher kleiner Tempel in der Mitte des gro\u00dfen, oder wenn man will, ein Altar des Tempels w\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch eine Treppe, die von innen heraufging, trat nunmehr der edle J\u00fcngling in die H\u00f6he, der Mann mit der Lampe leuchtete ihm, und ein anderer schien ihn zu unterst\u00fctzen, der in einem wei\u00dfen kurzen Gewand hervorkam und ein silbernes Ruder in der Hand hielt; man erkannte in ihm sogleich den F\u00e4hrmann, den ehemaligen Bewohner der verwandelten H\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sch\u00f6ne Lilie stieg die \u00e4u\u00dferen Stufen hinauf, die von dem Tempel auf den Altar f\u00fchrten, aber noch immer musste sie sich von ihrem Geliebten entfernt halten. Die Alte, deren Hand, solange die Lampe verborgen gewesen, immer kleiner geworden war, rief: &#8222;Soll ich doch noch ungl\u00fccklich werden? Ist bei so vielen Wundern durch kein Wunder meine Hand zu retten?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Mann deutete nach der offenen Pforte und sagte: &#8222;Siehe, der Tag bricht an, eile und bade dich im Flusse.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Welch ein Rat!&#8220; rief sie, &#8222;ich soll wohl ganz schwarz werden und ganz verschwinden, habe ich doch meine Schuld noch nicht bezahlt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gehe,&#8220; sagte der Alte, &#8222;und folge mir! Alle Schulden sind abgetragen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte eilte weg, und in dem Augenblick erschien das Licht der aufgehenden Sonne an dem Kranze der Kuppel, der Alte trat zwischen den J\u00fcngling und die Jungfrau und rief mit lauter Stimme: &#8222;Drei sind die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem ersten Worte stand der goldne K\u00f6nig auf, bei dem zweiten der silberne und bei dem dritten hatte sich der eherne langsam emporgehoben, als der zusammengesetzte K\u00f6nig sich pl\u00f6tzlich ungeschickt niedersetzte. Wer ihn sah, konnte sich, ungeachtet des feierlichen Augenblicks, kaum des Lachens enthalten, denn er sa\u00df nicht, er lag nicht, er lehnte sich nicht an, sondern er war unf\u00f6rmlich zusammengesunken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Irrlichter, die sich bisher um ihn besch\u00e4ftigt hatten, traten zur Seite; sie schienen, obgleich blass beim Morgenlichte, doch wieder gut gen\u00e4hrt und wohl bei Flammen; sie hatten auf eine geschickte Weise die goldnen Adern des kolossalen Bildes mit ihren spitzen Zungen bis aufs innerste herausgeleckt. Die unregelm\u00e4\u00dfigen leeren R\u00e4ume, die dadurch entstanden waren, erhielten sich eine Zeitlang offen und die Figur blieb in ihrer vorigen Gestalt. Als aber auch zuletzt die zartesten \u00c4derchen aufgezehrt waren, brach auf einmal das Bild zusammen und leider gerade an den Stellen, die ganz bleiben, wenn der Mensch sich setzt; dagegen blieben die Gelenke, die sich h\u00e4tten biegen sollen, steif. Wer nicht lachen konnte, musste seine Augen wegwenden; das Mittelding zwischen Form und Klumpen war widerw\u00e4rtig anzusehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann mit der Lampe f\u00fchrte nunmehr den sch\u00f6nen, aber immer noch starr vor sich hinblickenden J\u00fcngling vom Altare herab und gerade auf den ehernen K\u00f6nig los. Zu den F\u00fc\u00dfen des m\u00e4chtigen F\u00fcrsten lag ein Schwert, in eherner Scheide. Der J\u00fcngling g\u00fcrtete sich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!&#8220; rief der gewaltige K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen darauf zum silbernen, der sein Zepter gegen den J\u00fcngling neigte. Dieser ergriff es mit der linken Hand, und der K\u00f6nig sagte mit gef\u00e4lliger Stimme: &#8222;Weide die Schafe!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie zum goldenen K\u00f6nig kamen, dr\u00fcckte er mit v\u00e4terlich segnender Geb\u00e4rde dem J\u00fcngling den Eichenkranz aufs Haupt und sprach: &#8222;Erkenne das H\u00f6chste!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte hatte w\u00e4hrend dieses Umgangs den J\u00fcngling genau bemerkt. Nach umg\u00fcrtetem Schwert hob sich seine Brust, seine Arme regten sich und seine F\u00fc\u00dfe traten fester auf; indem er den Zepter in die Hand nahm, schien sich die Kraft zu mildern und durch einen unaussprechlichen Reiz noch m\u00e4chtiger zu werden; als aber der Eichenkranz seine Locken zierte, belebten sich seine Gesichtsz\u00fcge, sein Auge gl\u00e4nzte von unaussprechlichem Geist, und das erste Wort seines Mundes war Lilie.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Liebe Lilie!&#8220; rief er, &#8222;als er ihr die silbernen Treppen hinauf entgegeneilte; denn sie hatte von der Zinne des Altars seiner Reise zugesehn: &#8222;Liebe Lilie! was kann der Mann, ausgestattet mit allem, sich K\u00f6stlicheres w\u00fcnschen als die Unschuld und die stille Neigung, die mir dein Busen entgegenbringt? O! mein Freund,&#8220; fuhr er fort, &#8222;indem er sich zu dem Alten wendete und die drei heiligen Bilds\u00e4ulen ansah, herrlich und sicher ist das Reich unserer V\u00e4ter, aber du hast die vierte Kraft vergessen, die noch fr\u00fcher, allgemeiner, gewisser die Welt beherrscht, die Kraft der Liebe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Worten fiel er dem sch\u00f6nen M\u00e4dchen um den Hals; sie hatte den Schleier weggeworfen und ihre Wangen f\u00e4rbten sich mit der sch\u00f6nsten unverg\u00e4nglichsten R\u00f6te.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierauf sagte der Alte l\u00e4chelnd: &#8222;Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dieser Feierlichkeit, dem Gl\u00fcck, dem Entz\u00fccken hatte man nicht bemerkt, dass der Tag v\u00f6llig angebrochen war, und nun fielen auf einmal durch die offne Pforte ganz unerwartete Gegenst\u00e4nde der Gesellschaft in die Augen. Ein gro\u00dfer mit S\u00e4ulen umgebener Platz machte den Vorhof, an dessen Ende man eine lange und pr\u00e4chtige Br\u00fccke sah, die mit vielen Bogen \u00fcber den Fluss hin\u00fcber reichte; sie war an beiden Seiten mit S\u00e4uleng\u00e4ngen f\u00fcr die Wanderer bequem und pr\u00e4chtig eingerichtet, deren sich schon viele Tausende eingefunden hatten, und emsig hin- und widergingen. Der gro\u00dfe Weg in der Mitte war von Herden und Maultieren, Reitern und Wagen belebt, die an beiden Seiten, ohne sich zu hindern, stromweise hin und herflossen. Sie schienen sich alle \u00fcber die Bequemlichkeit und Pracht zu verwundern, und der neue K\u00f6nig mit seiner Gemahlin war \u00fcber die Bewegung und das Leben dieses gro\u00dfen Volks so entz\u00fcckt, als ihre wechselseitige Liebe sie gl\u00fccklich machte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gedenke der Schlange in Ehren,&#8220; sagte der Mann mit der Lampe, &#8222;du bist ihr das Leben, deine V\u00f6lker sind ihr die Br\u00fccke schuldig, wodurch diese nachbarlichen Ufer erst zu L\u00e4ndern belebt und verbunden werden. Jene schwimmenden und leuchtenden Edelsteine, die Reste ihres aufgeopferten K\u00f6rpers, sind die Grundpfeiler dieser herrlichen Br\u00fccke, auf ihnen hat sie sich selbst erbaut und wird sich selbst erhalten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man wollte eben die Aufkl\u00e4rung dieses wunderbaren Geheimnisses von ihm verlangen, als vier sch\u00f6ne M\u00e4dchen zu der Pforte des Tempels hereintraten. An der Harfe, dem Sonnenschirm und dem Feldstuhl erkannte man sogleich die Begleiterinnen Liliens, aber die vierte, sch\u00f6ner als die drei, war eine Unbekannte, die scherzend schwesterlich mit ihnen durch den Tempel eilte und die silbernen Stufen hinanstieg.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wirst du mir k\u00fcnftig mehr glauben, liebes Weib?&#8220; sagte der Mann mit der Lampe zu der Sch\u00f6nen: &#8222;wohl dir und jedem Gesch\u00f6pfe, das sich diesen Morgen im Flusse badet!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die verj\u00fcngte und versch\u00f6nerte Alte, von deren Bildung keine Spur mehr \u00fcbrig war, umfasste mit belebten jugendlichen Armen den Mann mit der Lampe, der ihre Liebkosungen mit Freundlichkeit aufnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wenn ich dir zu alt bin,&#8220; sagte er l\u00e4chelnd, &#8222;so darfst du heute einen andern Gatten w\u00e4hlen; von heute an ist keine Ehe g\u00fcltig, die nicht aufs neue geschlossen wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wei\u00dft du denn nicht,&#8220; versetzte sie, &#8222;dass auch du j\u00fcnger geworden bist?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es freut mich, wenn ich in deinen jungen Augen als ein wackrer J\u00fcngling erscheine; ich nehme deine Hand von neuem an, und mag gern mit dir in das folgende Jahrtausend hin\u00fcberleben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6nigin bewillkommte ihre neue Freundin und stieg mit ihr und den \u00fcbrigen Gespielinnen in den Altar hinab, indes der K\u00f6nig in der Mitte der beiden M\u00e4nner nach der Br\u00fccke hinsah und aufmerksam das Gewimmel des Volks betrachtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht lange dauerte seine Zufriedenheit, denn er sah einen Gegenstand, der ihm einen Augenblick Verdru\u00df erregte. Der gro\u00dfe Riese, der sich von seinem Morgenschlaf noch nicht erholt zu haben schien, taumelte \u00fcber die Br\u00fccke her und verursachte daselbst gro\u00dfe Unordnung. Er war, wie gew\u00f6hnlich, schlaftrunken aufgestanden und gedachte sich in der bekannten Bucht des Flusses zu baden; anstatt derselben fand er festes Land und tappte auf dem breiten Pflaster der Br\u00fccke hin. Ob er nun gleich zwischen Menschen und Vieh auf das ungeschickteste hineintrat, so ward doch seine Gegenwart zwar von allen angestaunt, doch von niemand gef\u00fchlt, als ihm aber die Sonne in die Augen schien, und er die H\u00e4nde aufhub sie auszuwischen, fuhr der Schatten seiner ungeheuren F\u00e4uste hinter ihm so kr\u00e4ftig und ungeschickt unter der Menge hin und wider, dass Menschen und Tiere in gro\u00dfen Massen zusammenst\u00fcrzten, besch\u00e4digt wurden, und Gefahr liefen in den Fluss geschleudert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig, als er diese Untat erblickte, fuhr mit einer unwillk\u00fcrlichen Bewegung nach dem Schwerte, doch besann er sich und blickte erst ruhig sein Zepter, dann die Lampe und das Ruder seiner Gef\u00e4hrten an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich errate deine Gedanken,&#8220; sagte der Mann mit der Lampe, &#8222;aber wir und unsere Kr\u00e4fte sind gegen diesen Ohnm\u00e4chtigen ohnm\u00e4chtig. Sei ruhig! er schadet zum letzten Mal, und gl\u00fccklicherweise ist sein Schatten von uns abgekehrt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen war der Riese immer n\u00e4her gekommen, hatte vor Verwunderung \u00fcber das, was er mit offenen Augen sah, die H\u00e4nde sinken lassen, tat keinen Schaden mehr, und trat gaffend in den Vorhof herein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade ging er auf die T\u00fcre des Tempels zu, als er auf einmal in der Mitte des Hofes an dem Boden festgehalten wurde. Er stand als eine kolossale m\u00e4chtige Bilds\u00e4ule, von r\u00f6tlich gl\u00e4nzendem Steine, da, und sein Schatten zeigte die Stunden, die in einem Kreis auf den Boden um ihn her, nicht in Zahlen, sondern in edlen und bedeutenden Bildern, eingelegt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht wenig erfreut war der K\u00f6nig, den Schatten des Ungeheuers in n\u00fctzlicher Richtung zu sehen; nicht wenig verwundert war die K\u00f6nigin, die als sie mit gr\u00f6\u00dfter Herrlichkeit geschm\u00fcckt aus dem Altare, mit ihren Jungfrauen, heraufstieg, das seltsame Bild erblickte, das die Aussicht aus dem Tempel nach der Br\u00fccke fast zudeckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen hatte sich das Volk dem Riesen nachgedr\u00e4ngt, da er stillstand, ihn umgeben und seine Verwandlung an<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen Johann Wolfgang von Goethe An dem gro\u00dfen Flusse, der eben von einem starken Regen geschwollen und \u00fcbergetreten war, lag in seiner kleinen H\u00fctte m\u00fcde von der Anstrengung des Tages, der alte F\u00e4hrmann und schlief. 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