{"id":565,"date":"2015-11-03T22:00:51","date_gmt":"2015-11-03T21:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=565"},"modified":"2026-01-24T22:07:19","modified_gmt":"2026-01-24T21:07:19","slug":"der-goldene-schuh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-goldene-schuh\/","title":{"rendered":"Der goldene Schuh"},"content":{"rendered":"<p>T\u00fcrkisches M\u00e4rchen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Einmal gab es viele Diener Allahs. In einem Lande lebte nun ein Waisenm\u00e4dchen. An dem Tage, da sein M\u00fctterlein der Erde anvertraut wurde, befiel nun seine Brust ein Feuer, sein Gesicht wurde aschfahl. Konnte von da an diese Waise noch lachen? Wenn sie wenigstens einen richtigen Vater gehabt h\u00e4tte, der ihr Hilfe und Schutz gew\u00e4hrt h\u00e4tte. Noch bevor die Erde \u00fcber dem Grab seiner Frau trocken geworden war, \u00fcberlie\u00df er sie der Stiefmutter. Die Stiefmutter aber hatte ein Herz von Stein. Ihre eigene Tochter lie\u00df sie keine Arbeit verrichten, aber dieser Ungl\u00fccklichen lie\u00df sie weder Ruhe noch Zeit. Sie spannt sie f\u00fcr alle Last an, schickt sie zu jedem steilen Weg und l\u00e4sst sie schlie\u00dflich mit dem Sieb aus dem Brunnen Wasser tragen. Trotzdem wird alles, was sie macht, zu einem Dorn, der der Stiefmutter in die Augen sticht. Wahrlich, das war ein Leid, das sie nicht ertragen konnte. Sie konnte das nicht mehr aushalten, und sie h\u00e4tte sich l\u00e4ngst aufgemacht und w\u00e4re davongelaufen, wenn nicht ihre gelbe Kuh und der Hahn mit Ohrringen allein und verlassen gewesen w\u00e4ren. Weil sie auf der Pritsche des Stalles schlief, wurde sie mit diesen beiden derart ein Herz und eine Seele, dass sie fast ihre gegenseitige Lage in ihrer Sprache erkl\u00e4rten. Ihr Hahn kr\u00e4hte jeden Morgen am Kopfende: &#8222;Erwache, mein Waisenkind, erwache! In der Welt gibt es viel Kummer, aber auch viel Erheiterung. Die Ungl\u00fcckstage dauern nicht bis zum J\u00fcngsten Tag. Auch \u00fcber dich werden solch gl\u00fcckliche Morgen kommen, vielleicht heute schon oder morgen. Halte dein Herz rein!&#8220; So also schien damals im Herzen des Waisenm\u00e4dchens ein Hoffnungsstrahl, und es war ihm schon mal so zumute, dass es w\u00fcnschte, den Hahn zu fassen und ihn ans Herz zu dr\u00fccken. Die gelbe Kuh, die sie &#8222;goldiger Liebling&#8220; nannte, wurde der Waisen, die seit der Mutterzeit nicht gelacht hatte, eine Mutter. Sie gab ihr aus der einen Brust Honig, aus der anderen Sahne zu trinken. Das M\u00e4dchen umarmte sie wie ein Kind und erz\u00e4hlte ihr, wie einer Mutter, all ihren Schmerz. Aus diesem Grunde geh\u00f6rte die ganze Welt ihr, wenn man ihr die gelbe Kuh \u00fcbergab und man sie auf die Weide schickte, um sie loszuwerden. Eines Tages trieb sie wiederum die gelbe Kuh vor sich her und brachte sie zu einem Ort, wo Gr\u00fcnfutter war. W\u00e4hrend sich die Kuh satt weidete, streckte sie sich unter einem Baum aus und begann Kn\u00e4uel f\u00fcr Kn\u00e4uel Wolle zu spinnen. Pl\u00f6tzlich wehte ein Wind \u00fcber die Berge und trug Wolle und Kn\u00e4uel fort. Das Waisenm\u00e4dchen wusste nicht, was ihm zugesto\u00dfen war. Es verh\u00e4lt sich ja mit der Stiefmutter so, dass sie auch rein gar nichts anerkennt. Wei\u00df Gott, f\u00fcr ein St\u00fcckchen Spinnfaden w\u00fcrde sie sie opfern! Wenn es sich nun um solch ein Kn\u00e4uel handelt, was f\u00fcr einen Krach w\u00fcrde sie schlagen! Stellt euch das nur mal vor! In dieser Furcht sprang sie auf wie vom Schlag getroffen und lief dem Kn\u00e4uel nach. Das Kn\u00e4uel lief fort, sie lief fort; das Kn\u00e4uel lief weiter, sie lief weiter. Aber weder blieb das Kn\u00e4uel an einem Gestr\u00fcpp h\u00e4ngen, noch fing es sich an einem Baumzweig vor der Gewalt des Windes. Indem &#8218;es immer weiterrollte, gelangte es in eine H\u00fctte, und das M\u00e4dchen folgte hinterdrein. Da sah es &#8211; was sollte es sehen! &#8211; eine wei\u00dfhaarige Frau, die auf einer Matte sa\u00df und vor sich einen Spiegel hatte. Das M\u00e4dchen verneigte sich sogleich, um ihr die Hand zu k\u00fcssen. Nun aber war jener Spiegel der Weltenspiegel. Was alles das Schicksal brachte und nahm, zeigte der Spiegel klar und deutlich. Wenn man doch alles so vollst\u00e4ndig wie diese Frau erfassen k\u00f6nnte! W\u00e4hrend das Waisenm\u00e4dchen noch erkl\u00e4ren wollte, wie es geschehen sei, dass es vor ihre T\u00fcr gekommen war, sagte die wei\u00dfhaarige Alte: &#8222;Gib dir keine M\u00fche, mein Kind! Was habe ich schon alles gesehen! Ich habe ein Kind gesehen, das seine Mutter verloren hat, und eine Mutter, die nach ihrem Kinde schreit. Ja, mein kleines M\u00e4dchen, ich wei\u00df alles, was \u00fcber dich gekommen ist und dein Herz bewegt. Der Wind hat dein Kn\u00e4uel aus deiner Hand fortgetragen, nicht wahr? Die guten Geister werden mit ihm die Hand und Zunge eines blinden Satans binden. Wenn du dich vor deiner Stiefmutter f\u00fcrchtest, nimm von der Wolle auf meinem Kopf, soviel du nehmen kannst. Du kannst wieder drehen und spinnen und Kn\u00e4uel machen und sie vor ihr aussch\u00fctten. &#8220; Das Waisenm\u00e4dchen traute seinen Ohren nicht. &#8222;Ach, M\u00fctterchen, wie kannst du das sagen! Wenn ich meinen Kopf schone und von deinem Kopf ein Haar ausrei\u00dfe, was soll der liebe Gott sagen. W\u00fcrden dann meine beiden H\u00e4nde nicht zu Stein? Was ich schon tue, ist meiner Stiefmutter ein Dorn im Auge. Ob ich den Wasserkrug zerbreche oder ihn f\u00fclle, das ist ein und dasselbe. Hat sie nicht immer einen Vorwand? Lass sie, wenn ich das Kn\u00e4uel dem Wind gegeben habe, mich in den str\u00f6menden Bach werfen. Was macht&#8217;s schon aus, nachdem ein Tag so traurig ist wie der andere?&#8220; Das M\u00e4dchen begann nach diesen Worten zu klagen und zu jammern, und darauf sagte die alte Frau: ,&gt;Weine nicht, M\u00e4dchen, weine nicht! Da du dieses Juwel von Herz hast, wird es Gott, wo es traurig ist, eines Tages erfreuen. Wasche dir doch mal Gesicht und Augen!&#8220; Sollte sie nicht ihre H\u00e4nde nach ihr ausstrecken! War es Zauber, war es ein Wunder, was war es? Aus ihren zehn Fingern begann tropfenweise ein Licht zu tropfen. Das Waisenm\u00e4dchen wusste nicht, was das war. Es rieb sich in dem Gedanken, dass es vielleicht n\u00fctze, das Gesicht und die Augen. Es erhielt den Segenswunsch der wei\u00dfhaarigen Alten und ging darauf zu der gelben Kuh. Als es aber nach Hause zur\u00fcckgekehrt war, brach dort ein Donnerwetter los. Nachdem die Stiefmutter das M\u00e4dchen von Kopf bis Fu\u00df gemustert hatte, rief sie: &#8222;Ach, in was f\u00fcr Zeiten sind wir geraten! Es ist gut, dass es \u00fcber uns nicht Steine regnet. Mann, schau dir an, was deine Tochter fertiggebracht hat! Ich lasse sie nicht mehr \u00fcber die Schwelle treten. Schlechte Gesellschaft verdirbt gute Sitten. Meine Tochter benimmt sich tadellos im Hause.&#8220; Sobald sie das Geschrei angestimmt hatte, wackelte der Boden. Da kam ihr Vater und sah &#8211; was sollte er sehen! -, dass sich seine Tochter v\u00f6llig ver\u00e4ndert hatte; ihre Augenbrauen waren wie Federkiele hingezogen, ihre Wimpern waren von der Schminke ganz stark geworden, ihre Lippen waren blutrot, ihre Wangen waren voll von Sch\u00f6nheitsmalen. Dem Mann blieb der Verstand stehen und er rief aus: &#8222;Du undankbares Gesch\u00f6pf ! Meine Zunge str\u00e4ubt sich, zu dir &gt;Tochter&lt; zu sagen. Was soll das, die rote Schminke in deinem Gesicht? Was soll das, die Schminke an deinen Augenlidern? Willst du unser Haus in schlechten Ruf bringen und unseren Namen nicht hochhalten? Von heute ab ist f\u00fcr dich in unserem Haus kein Platz mehr. Geh zu dem Schuft, der dich vom richtigen Weg abgebracht hat, und leg dich ihm zu F\u00fc\u00dfen!&#8220; Als das arme M\u00e4dchen so zwischen zwei Feuer geraten war, wusste es nicht, was ihm geschehen war. Sein Herz stockte und es erstarrte auf der Stelle. Seine Augen verdunkelten sich. Sobald seine sogenannte Schwester ihm den Spiegel in die Hand gereicht und ihm einen Faustschlag auf den Kopf gegeben hatte, kam es wieder zu sich. Als es in den Spiegel schaute und aus seinem Gesicht und seinen Augen ein Licht flie\u00dfen sah, schrieb es dieses dem Zauberspruch der alten Frau zu und rief: &#8222;Das ist also der Grund f\u00fcr die Verleumdungen und Verd\u00e4chtigungen. In meinem Gesicht liegt eine Entehrung, glaube ich. &#8220; Nach diesen Worten begann die Waise traurig und betr\u00fcbt zu weinen. Je mehr sie weinte, um so sch\u00f6ner wurde sie; je sch\u00f6ner sie wurde, um so lieblicher sah sie aus. Sie wurde wie ein Engel aus dem Paradies. Da sprach die gelbe Kuh durch Gottes Ratschluss: &#8222;Ach, ihr grausamen Gesch\u00f6pfe Gottes! Wie k\u00f6nnt ihr euch hinrei\u00dfen lassen und b\u00f6se Reden gegen dieses Waisenkind f\u00fchren? In dem Mond, der aufgeht, und in der Sonne, die untergeht, gibt es dunkle Flecken, bei ihr aber nicht. Ich bin Zeuge f\u00fcr sie, auch der Himmel ist Zeuge f\u00fcr sie!&#8220; Die anderen wussten nicht, was ihnen geschah. Ihr sogenannter Vater blickte einmal nach den Augen der Kuh, einmal in das Gesicht seiner Tochter. Darauf sprach er zu seiner Frau: &#8222;Es stimmt ja, es gibt Verstand und Wissen. Wenn das in ihrem Gesicht Schminke und Puder w\u00e4ren, w\u00fcrden sie dann diesem Tr\u00e4nenfluss standhalten?&#8220; Jetzt hatte sich der Vater getraut, einmal im Leben die Wahrheit zu sagen, aber glaubte es die Stiefmutter? Nein, sie glaubte es nicht! Sie ging zum M\u00e4dchen und sch\u00fcttete ihm vierzig Kessel Wasser \u00fcber den Kopf, aber weder von seinen Augenbr\u00e4uen war eine Linie abgewischt, noch von seinen Sch\u00f6nheitsmalen ein Punkt . . . Da biss sich die Frau auf die Zunge, indem sie zu sich selbst sprach: &#8222;Ist sie vielleicht an irgendeine Stelle auf dem Berg oder Bergpa\u00df geraten? Wie k\u00f6nnen wir es anstellen, wie k\u00f6nnen wir es herausbekommen?&#8220; Die Sch\u00f6nheit des M\u00e4dchens erregte sie immer mehr, und von jenem Tage an versuchten sie es bei ihr auf diese und jene Art, um es herauszubekommen, und stellten alles m\u00f6gliche an. Da erfuhren sie das Geheimnis der H\u00fctte und der Frau, die darin war. Sollten sie jetzt noch lange abwarten? Am folgenden Tag in der Fr\u00fche \u00fcbergab die Mutter ihrer eigenen Tochter die gelbe Kuh, um sie zum Weideplatz zu bringen. Gott gibt nicht nach dem Worte des Menschen, sondern gem\u00e4\u00df seinem Herzen. Nun, die Kuh ging, das M\u00e4dchen ging, der Rauch ging, der Staub ging. So kam sie zu jenem Ort, wo Futter und Gr\u00fcnes war. Sie tat, als wollte sie Wolle spinnen und ein Kn\u00e4uel machen, aber hatte sie jemals so etwas in ihre Hand genommen? Dabei stellte sie sich ganz ungeschickt an. Was sollte der Wind, was sollte der str\u00f6mende Bach! Sie sah, dass es so nicht ging. Sie stand also auf, um das Kn\u00e4uel selbst in die H\u00fctte zu bringen. Sie stand zwar auf, aber bisher war sie weder \u00fcber Stock noch Stein gegangen. Wie sollte sie auf- und absteigende Wege ertragen! Sie rollte, wie das Kn\u00e4uel, den Berghang hinunter und blieb in ihrem Blut liegen. M\u00fchsam schleppte sie sich zu der H\u00fctte, aber als sie die alte Frau sah, traute sie ihren Augen nicht: &#8222;Ach, dieses schmutzige, elende Weib soll die Frau sein, die ein lichtvolles Antlitz hat? Ihr Haar ist wie ein Spinnennetz, aus ihrem Gesicht tritt Verruchtheit hervor, sie ist eine richtige Hexe!&#8220; Sie k\u00fcsste weder ihre Hand noch ihren Kleidersaum. M\u00fcrrisch brachte sie heraus: &#8222;Hexe, was spinnst und webst du hier?&#8220; &#8222;Nur Gott wei\u00df, wer was ist, mein Kind. Mit was f\u00fcr einem Auge mich jemand ansieht, so sehe auch ich ihn an. Was mein Spinnen und Weben betrifft, so ist es entsprechend dem Herzen und der Absicht des einzelnen. Was einer spinnt, das webe ich. Ja, ich traue mich nicht, es zu sagen. Willst du mal, um deines Vaters willen, mein Haar und meinen Kopf anschauen, mein Kind!&#8220; &#8222;Dein Haar und dein Kopf sind abscheulich anzuschauen, alte Hexe!&#8220; &#8222;Willst du wenigstens mein Gesicht und meine Augen mal abwischen? &#8220; &#8222;Dein Gesicht und deine Augen sind nicht so, dass man sie abwischen sollte, alte Hexe!&#8220; &#8222;Ach ja, vielleicht hast du etwas davon mitbekommen, mein Kind! Komm, wasch dir mal dein Gesicht und deine H\u00e4nde! &#8220; Kaum hatte sie ihre zehn Finger ausgestreckt, wusch sie sich sogleich Gesicht und H\u00e4nde &#8211; das war ja auch ihr Wunsch. Dann trieb sie die gelbe Kuh vor sich her und kehrte nach Hause zur\u00fcck, ja, sie kehrte heim. Aber als ihre Mutter sie in ihrem Zustand gesehen hatte, erstarrte ihr Blut und alle ihre Adern stockten. Bei diesem Verhalten wurde es der Tochter seltsam zumute und sie sprach: &#8222;Aber Mutter, was ist denn mit dir los? Was hat dir denn die Sprache verschlagen? Warum machst du nicht den Mund auf und sagst keinen Ton?&#8220; Auf diese Frage sagte ihre Mutter weder ja noch nein und hielt ihr nur den Spiegel vors Gesicht. Da schaute sie hinein was sollte sie sehen? Weder war an ihren Augenbrauen ein Haar, noch an den Augen eine Wimper geblieben. Als ob ein b\u00f6ser Geist ihr Gesicht zerkratzt h\u00e4tte, so ungeheuer war es zerzaust. Das M\u00e4dchen, dem &#8222;der Sperling in der Hand lieber war als die Taube auf dem Dache&#8220;, f\u00fchlte sich an sieben Stellen von Kugeln getroffen und zerschlug den Spiegel in seiner Hand am Stein mit den Worten: &#8222;Hast du gesehen, was mir passiert ist? Wer wird noch seinen Kopf erheben und mir ins Gesicht schauen?&#8220; Sie begann zu jammern und zu klagen. Darauf brach im Haus ein Donnerwetter los: &#8222;Durch dich ist alles geschehen!&#8220; Es gab \u00fcberhaupt nichts, was man dem Waisenm\u00e4dchen, das seit seiner Kindheit nicht gelacht hatte, nicht angetan h\u00e4tte. Fast h\u00e4tte man ihr sogar die Haut vom Leibe abgezogen. Da sprach wiederum die gelbe Kuh: &#8222;Ach, ihr ungerechten Diener Gottes! Das Waisenm\u00e4dchen hat keine Schuld, Schuld hat das M\u00e4dchen, dessen Ohr nicht h\u00f6rt, was ihrem Mund entfloh. Es hat jener verst\u00e4ndigen, weisen Frau gegen\u00fcber so ungeh\u00f6rige und b\u00f6se Worte gebraucht, dass selbst den Bergen und Steinen das Herz brach. Sollte das M\u00e4dchen unbestraft bleiben f\u00fcr das, was es getan hat? So ist es in einen Affen verwandelt worden. Wenn ihr wollt, k\u00f6nnt ihr euch r\u00fchmen oder mit Steinen werfen.&#8220; Die Stiefmutter sch\u00e4umte und raste vor Wut und ging auf die gelbe Kuh zu, indem sie schrie: &#8222;Du elender Bastard, bist du der Sprache m\u00e4chtig? Du bist der eigentliche Grund f\u00fcr alles! Wenn man dich nicht zur Weide gebracht h\u00e4tte, h\u00e4tte man weder Wasser auf die M\u00fchle f\u00fcr jenes M\u00e4dchen gegossen, das jedem, der ihm ins Gesicht schaut, Ungl\u00fcck bringt, noch w\u00e4re mein eigenes goldiges T\u00f6chterlein in ein solch zerrupftes Huhn verwandelt worden. Behalte deine Milch f\u00fcr dich selbst! Die Sch\u00f6nheit soll dem M\u00e4dchen kein Gl\u00fcck bringen!&#8220; Als sie sich nach diesen Worten auf den Weg zum Schl\u00e4chter Hadschi machte, umfasste das Waisenm\u00e4dchen ihre H\u00e4nde und den Saum ihres Gewandes und flehte: &#8222;Wenn du die Kuh schon umbringen willst, bring mich um, aber schone doch diese gutm\u00fctige und vertr\u00e4gliche Kuh! Welche Kuh kann denn sprechen und reden? Es muss doch einen geben, der sie zum Sprechen brachte. Wenn du ihr auch nur ein Haar kr\u00fcmmst, mit was f\u00fcr einem Gesicht kannst du sp\u00e4ter vor Gott hintreten! &#8220; So flehte sie zwar, aber die Augen der Stiefmutter f\u00fcllten sich auf einmal mit Blut. Voller Zorn schrie sie: &#8222;Du bl\u00f6des Waisenkind! Bist du denn der einzige Mensch, der mir Vernunft beibringen will? K\u00fcmmere dich um deinen eigenen Kopf. Ich will erst einmal drei Handvoll Blut von ihr trinken, dann werde ich dir zeigen, wozu ich mit dir f\u00e4hig bin. &#8220; Darauf ging sie fort. Das M\u00e4dchen aber fiel der Kuh um den Hals und begann schluchzend zu weinen. Viel Zeit verging nicht, da erschien der Schl\u00e4chter mit den blutigen Messern vor der T\u00fcr. Aber die goldgelbe Kuh sagte weder &#8222;maa&#8220; noch &#8222;muh&#8220;; sie hielt dem Schl\u00e4chter ihren Kopf hin und \u00fcberlieferte sich ihm. Der Mann wandte sich zur Stiefmutter und sagte: &#8222;Was wissen diese Tiere nicht alles, sogar, dass sie sterben, merken sie. Wenn die gelbe Fliege erscheint, kommen sie auf eigenen Beinen und halten ihren Kopf hin.&#8220; Da setzte er sein Messer an, aber es schnitt nicht. Mit den Worten &#8222;Im Namen Gottes&#8220; setzte er es nochmals an, aber wieder schnitt es nicht. Nochmals versuchte er, aber auch diesmal schnitt es nicht. Da griff sich der Schl\u00e4chter Hadschi an den Bart und rief: &#8222;O Gott, o Gott! Mein Messer schneidet, wenn es ein Stein w\u00e4re, auch den Stein. Das ist mir ein R\u00e4tsel. Wahrhaftig, ich kann dem guten Tier jetzt nicht mehr ein H\u00e4rchen kr\u00fcmmen.&#8220; Darauf warf er das Messer fort. Die Stiefmutter war so \u00e4rgerlich, dass sie den Mund nicht mehr auftat. Aber von jenem Tage an gab es f\u00fcr sie weder Feld noch Berghang, weder Gras noch Kraut; die Kuh bekam eine Handvoll Stroh, das M\u00e4dchen eine Scheibe Brot. Auf diese Weise beabsichtigte sie beide verhungern zu lassen. Das beabsichtigte sie zwar, aber das Waisenkind a\u00df sein Brot nicht, es benetzte es mit seinen Tr\u00e4nen und gab es der goldgelben Kuh; die aber mischte zu der wei\u00dfen Milch Honig und Rahm und lie\u00df das Waisenkind trinken. Inzwischen waren Monate und Jahre vergangen, aber Hass und Groll waren nicht vergangen. Was sollen wir jetzt sagen. Gott m\u00f6ge es auf seine Waage legen! In jenen Tagen fand in einem der gro\u00dfen Landh\u00e4user eine Hochzeit statt. Es wurde zwar nicht jeder offiziell eingeladen, es war ja auch nur ein Landhaus . . . Die T\u00fcren aber standen offen, und keiner verwehrte den Eintritt. Diejenigen, die den Tag feiern wollten, kamen in gro\u00dfen Scharen. &#8218; Kann man bei einer solchen Hochzeit fehlen! Auch die Stiefmutter kleidete ihre Tochter, die in ein Affengesicht verwandelt war, mit den Worten an: &#8222;Meine liebe, goldige Tochter.&#8220; Sie zog ihr die Augenbrauen mit dem Stift und schminkte ihre Augen und rief: &#8222;Auf zum Hochzeitshaus!&#8220; Das sagte sie zwar, aber als sie aus der T\u00fcr heraustraten, streckte sie ihren Kopf zum Stall und sagte: &#8222;Du bl\u00f6des Schaf von M\u00e4dchen! Ich f\u00fchre mein Herzenskind zur Hochzeit. Ich hole dich heute aus dem Stall, damit du auf die T\u00fcr und den Kamin aufpasst. Wenn auch nur einer Nadel etwas passiert, stecke ich dich in ein mit Nadeln gespicktes Fass.&#8220; So verga\u00df sie nicht, ihre Stieftochter einzusch\u00fcchtern. Dem Waisenkind wurde es weh ums Herz. Die Worte der Frau mit scharfer Zunge drangen ihr wie eine Kugel ins Herz. Wenn sie sich nicht beherrschen konnte, was sollte sie tun! Sie umarmte die gelbe Kuh und begann unter vielen Tr\u00e4nen zu sprechen: &#8222;Ach, meine liebe, goldige Kuli! Du kennst diese Menschen nicht. Die meisten V\u00e4ter lassen den Schornstein rauchen, die Mutter k\u00fcmmert sich um die Kinder. Gott hat die meinige genommen, er m\u00f6ge die der anderen nicht nehmen. Wer f\u00fchrt und leitet ein mutterloses Kind, wer nimmt es zur Hochzeit mit? Wenn man in die H\u00e4nde einer Stiefmutter geraten ist, was kann einem da alles passieren! Wenn ihr sonst nichts einf\u00e4llt, spricht sie so scharfe Worte, dass man das mit Nadeln gespickte Fass vorzieht. Wenn man sch\u00f6n ist, was hat man davon! Was hilft einem, wenn man auf der Welt keinen sch\u00f6nen Tag erlebt hat. Ach, was w\u00e4re geschehen, wenn die alte Frau das, was sie mir gegeben hat, doch der Stiefschwester gegeben h\u00e4tte. Dann w\u00e4ren mir wenigstens diese neidischen Wutausbr\u00fcche erspart geblieben.&#8220; W\u00e4hrend sie so klagte und jammerte, sprach die gelbe Kuh: &#8222;Weine nicht, mein Waisenm\u00e4dchen, weine nicht! Eines Tages hat die Hand einer Baumfee meine Stirn ber\u00fchrt. An der Stelle, die sie ber\u00fchrt hat, wachsen jetzt drei Haare. Entweder ist das ein Zeichen von jener Fee oder eine gl\u00fcckliche Botschaft von jener alten Frau mit dem lichtvollen Antlitz. Rei\u00df du doch eins von jenen Haaren aus und verbrenne es. Wir wollen mal sehen, was Gott gew\u00e4hren wird.&#8220; In den Augen des Waisenm\u00e4dchens leuchtete ein Hoffnungsfunke auf. Sie brannte eins von den Haaren an und da sah sie auf einmal &#8211; was sollte sie sehen! -, dass vor der T\u00fcr ein Wagen stand; in dem Wagen befand sich ein zusammengefaltetes Einschlagetuch; in dem Einschlagetuch befand sich alles, was man sich f\u00fcr die Hochzeit w\u00fcnscht, von den mit Goldf\u00e4den gewirkten bis auf die mit Schaum\u00fcnzen geschm\u00fcckten Kleider, von den rotfarbenen bis auf die veilchenblauen, mit Blumen und Bl\u00e4ttern bestickten Samtkleider. Das arme M\u00e4dchen konnte sich gar nicht satt sehen, und es stand darob wie erstarrt da. Darauf sagte die gelbe Kuh: &#8222;Voran, mein liebes Waisenkind! Bleib nicht wie angewurzelt stehen! &gt;Das Nest des verwaisten Vogels baut Allah.&lt; Kleide dich an und schm\u00fccke dich und gehe jetzt hin! Die Hochzeitsg\u00e4ste sollen mal eine Sch\u00f6ne sehen. Dein Herz soll sich etwas erfreuen und erheitern.&#8220; Das M\u00e4dchen machte sich daran, sich zu schm\u00fccken, es kleidete sich an und putzte sich; es wurde so s\u00fc\u00df wie Honig. Von der Rose nahm sie ihre Farbe, vom Veilchen ihren Duft, die Haare hingen wie Hyazinthen bis zu ihren Fu\u00dfkn\u00f6cheln, ihre Augen berauschten und brachten das Blut zum Wallen. Kaum war sie in solcher Aufmachung und Ausschm\u00fcckung durch die T\u00fcr ins Haus getreten, rissen die Hochzeitsg\u00e4ste Mund und Augen auf und waren wie vor den Kopf geschlagen, als ob sie sagen wollten: &#8222;Aus wessen Garten kommt diese Rose, aus wessen Hain diese Hyazinthe?&#8220; Sie blickten einander an. War schon eine solche wie sie auf der Erde gesehen worden? Nat\u00fcrlich gab es niemand, der sie kannte. Der Gastgeber meinte sogar: &#8222;Gebt acht, vielleicht kommt sie aus dem Serail und hat die Angeh\u00f6rigen des Wesirs und der Wesire verlassen.&#8220; Er begann an ihrer Seite wie ein Falter ums Licht zu tanzen. Jetzt spielte bewegt die Musik und die M\u00e4dchen sangen liebliche Weisen. Das Hochzeitshaus hat Hochzeit gefeiert, und das Waisenm\u00e4dchen hat sich einen sch\u00f6nen Tag gemacht . Als sie sah, dass die Stiefmutter, die in einer Ecke zusammengekauert hockte, und die Stiefschwester, die wie ein Paradiesvogel aufgeputzt war, mit verstohlenem Blick auf die T\u00fcr schauten, dachte sie: ,&gt;Es ist h\u00f6chste Zeit!&#8220; und brach auf. Man w\u00fcnschte Gl\u00fcck auf den Weg, indem man an sieben Stellen den Saum des Gewandes beim Gehen k\u00fcsste, wie man sie bewillkommnet hatte, als sie kam. Aber als sie an dem Platz, den man Bassinplatz nannte, vor\u00fcberkam, da fiel ihr der eine Schuh in das Bassin. Da man nicht hineingehen kann, wie soll sie hineingehen! Da man ihn nicht herausholen kann, wie soll sie ihn herausholen! Sie war ja schon traurig, aber sie sagte sich: &#8222;Vielleicht bringt das Gutes,!&#8220; Als sie das zum Guten gedeutet hatte, wurde ihr Herz beruhigt. Sollte sie noch bleiben? Ohne sich den Leuten zu zeigen und ohne auf ein anderes Hindernis zu sto\u00dfen und in Schwierigkeiten zu geraten, kehrte sie nach Hause zur\u00fcck, zog sich um und schl\u00fcpfte wieder in ihre Lumpen, an denen an vielen Stellen die Flicken nur so herunterhingen. Derweil kamen auch die anderen, aufgebl\u00e4ht wie Truth\u00e4hne. &#8222;M\u00e4dchen, T\u00fcrh\u00fcterin, habe ich dir nicht aufgetragen, T\u00fcr und Kamin zu bewachen? Hast du das getan?&#8220; &#8220; Ja, ich habe sie bewacht, aber es ist keine Menschenseele gekommen und hat an unsere T\u00fcr geklopft.&#8220; &#8222;Aber, du dumme Ziege, wer ist denn schon drau\u00dfen auf den Bergen oder Abh\u00e4ngen gewesen, der an unsere T\u00fcr h\u00e4tte klopfen sollen! Alle Leute haben das Hochzeitshaus wie einen Bienenkorb gef\u00fcllt.&#8220; Nicht deswegen, weil sie das arme M\u00e4dchen menschenw\u00fcrdig behandeln wollte, sondern damit sie vor Neid zerplatze, begann sie die Hochzeitsfeier zu schildern: &#8222;Was gab es dort nicht alles! Na, eine Sch\u00f6ne war gekommen, eine so Sch\u00f6ne, um die Wahrheit zu sagen, eine so Sch\u00f6ne, wie sie die M\u00fctter nicht zur Welt bringen k\u00f6nnen. Wer wei\u00df, wessen Feenk\u00f6nigs T\u00f6chterlein sie war. Alle, die sie sahen, erfreuten sich des Lebens und des Gl\u00fcckes. Aber da wurde mein Herz besonders gl\u00fccklich! Fragst du, dumme Ziege, warum? Ja, die Sch\u00f6ne, derengleichen noch nie gesehen wurde, lie\u00df so viele Vornehme und Adelige links liegen und setzte sich ausgerechnet zu mir. Sie liebkoste und streichelte mein goldiges T\u00f6chterlein sehr.&#8220; Wie sie immer mehr angab und weiterspann, da musste sich das Waisenm\u00e4dchen auf Lippen und Zunge bei\u00dfen, um nicht zu lachen. Wie es auch sei, sie soll fortfahren und L\u00fcge auf L\u00fcge h\u00e4ufen. Wir aber wollen in der Geschichte von einer anderen Seite aus fortfahren. Eines Tages wollte der Sohn eines Padischahs sein Pferd tr\u00e4nken, aber kaum beugte dieses folgsame Tier seinen Kopf zum Wasser, zog es ihn zur\u00fcck, spitzte die Ohren und scheute zur\u00fcck. Da der K\u00f6nigssohn keinen Grund f\u00fcr diese Furcht sah, beugte er sich nieder und sah, dass auf dem Grunde des Bassins etwas Glitzerndes lag. Da zog er es heraus, es war ein mit Silber- und Goldf\u00e4den bestickter Schuh, aber ein Schuh, wie man ihn noch nie gesehen hatte und auch nicht sehen w\u00fcrde. Mit der Schere war er nicht geschnitten, mit der Nadel nicht gen\u00e4ht . . . Dem K\u00f6nigssohn blieb der Mund offen; er rief: &#8222;O Gott, o Gott! Wenn dieser Schuh schon so sch\u00f6n ist, wer wei\u00df, wie sch\u00f6n das M\u00e4dchen erst sein muss, das ihn getragen hat.&#8220; In diesem Augenblick kam schleppend eine buckelige, alte Frau daher. Als die Seufzer des K\u00f6nigssohnes an ihr Ohr drangen, richtete sie sich auf, schaute ihn aus einem Augenwinkel an und sprach: &#8222;Nun, mein Sohn, ich habe diesen Schuh am Fu\u00df von jemand auf der Hochzeit gesehen. Was sucht der denn im Bassin! Hoffentlich haben die R\u00e4uber ihr nicht den Weg versperrt und sie in die Berge entf\u00fchrt. Das w\u00fcrde mir sehr leid tun. Sie war keine, die den W\u00f6lfen und V\u00f6geln als Futter dient. Alle Augen der Hochzeitsg\u00e4ste ruhten auf ihr. Soll ich sie eine Huri oder Fee nennen? Wie soll ich sie nennen? Eine so Sch\u00f6ne war sie! &#8220; Als sie fortgegangen war, fiel ein Feuer in das Herz des K\u00f6nigssohnes. Ohne zu z\u00f6gern trieb er die Reiter an und lie\u00df sie Berge und Steine durchk\u00e4mmen und die Erde Schritt f\u00fcr Schritt absuchen. Als die Reiter mit h\u00e4ngenden K\u00f6pfen zur\u00fcckkehrten, hatte sich das Feuer noch vergr\u00f6\u00dfert. War es m\u00f6glich, dass seine Funken nicht auf das Schloss spr\u00fchten? Sein Vater und seine Mutter auf der einen, der Wesir und die Minister auf der anderen Seite begannen schmerzbewegt \u00fcber die Sache zu sprechen. Der solcherart bestickte Schuh kam aus dem Bassin zum Audienzsaal, vom Audienzsaal zum Ministerrat, es wurde viel geredet. Drei Tage und drei N\u00e4chte dauerte die Haarspalterei. Sie spannen die Angelegenheit tausendfach aus. Alles ging ins Leere, es war wie ein Fass ohne Boden. Sie kamen zu keinem Ergebnis. Das, was sie redeten, f\u00fcllte nicht einmal einen Nusskern. Da sagte ein erfahrener Wesir: &#8222;Ach, ergraute Leute! Uns fliegt kein Vogel fort, keine Karawane kommt vorbei. Wie kann man da von vierzig R\u00e4ubern sprechen? Warum durchk\u00e4mmt ihr nicht die dortige Gegend? Wenn dieses M\u00e4dchen keine Fee, sondern ein Menschenkind ist, hat sich die Erde nicht geteilt und sie verschlungen, sondern sie wird arbeiten, essen und irgendwo wohnen. Wir wollen zwei von den wei\u00dfen Eunuchen w\u00e4hlen und sie von T\u00fcr zu T\u00fcr ziehen lassen. An wessen Fu\u00df der Schuh passt, dem geh\u00f6rt er. Wenn Gott es so bestimmt, werden wir ein gro\u00dfes Hochzeitsfest feiern. Der Befehl steht unserem Padischah zu!&#8220; Nun hatte aber der Padischah hinter dem Gitterwerk das alles mit angeh\u00f6rt und hielt diese Worte f\u00fcr vern\u00fcnftig und klug. Von jenem Tage an durchzogen die wei\u00dfen Eunuchen, den bestickten Schuh in der Hand, den Befehl des Padischahs auf den Lippen, siebzig Stadtviertel von T\u00fcr zu T\u00fcr, bis sie zum Haus der hartherzigen Frau kamen. Die Stiefmutter nahm den Schuh aus der Hand der wei\u00dfen Eunuchen und wollte ihn an ihren Fu\u00df ziehen, aber es ging nicht. So nahm sie ihn und wollte ihn an den Fu\u00df ihrer Tochter ziehen, aber auch ihr passte er nicht. Da die Eunuchen hier nicht finden konnten, was sie suchten, wandten sie sich an eine andere T\u00fcr. Da sagte eine Nachbarsfrau: &#8222;Na, es wird ja schon nichts von der Stickerei verlorengehen, wenn das Waisenm\u00e4dchen ihn auch mal anprobiert. Was ist denn schon dabei? Ist denn das M\u00e4dchen nicht auch eine Tochter dieses Hauses?&#8220; Da runzelte die Stiefmutter die Stirn und sagte: &#8222;Bei Gott, Nachbarin, du bist aber gut! Was gibt es schon bei ihr, die weder einem Kind noch einer Tochter gleicht! Sie lebt im Stall wie Heidekraut. Die Nase dessen, der sich ihr n\u00e4hert, kann es vor Gestank nicht aushalten. So etwas kann man den Leuten nicht vorf\u00fchren!&#8220; Da aber die wei\u00dfen Eunuchen merkten, dass da etwas nicht stimmte, sprachen sie: &#8222;Frau, der Befehl kommt von h\u00f6chster Stelle. Wir machen keine Unterschiede. Ist das M\u00e4dchen nicht auch ein Gesch\u00f6pf Gottes?&#8220; Als sie darauf bestanden, ging die Stiefmutter gezwungenerweise zum Stall und \u00f6ffnete die T\u00fcr. Da sahen die Eunuchen &#8211; was sollten sie sehen -, dass das, was man Waisenm\u00e4dchen nannte, keineswegs dem Heidekraut \u00e4hnelte und auf dem Misthaufen gewachsen, sondern wie eine Rose geworden war. Sie zog den Schuh an und er passte ganz genau auf ihren Fu\u00df. Da biss sich die Stiefmutter auf die Zunge und den Eunuchen blieb der Finger im Munde stecken. Was auch immer die w\u00fcrdigen Eunuchen machten, sie konnten keinen Laut aus dem Munde des M\u00e4dchens herausbringen, aber sie konnten alles aus ihren Augen ablesen. &#8222;M\u00e4dchen&#8220;, sagten sie, &#8222;Gott hat in dein Gesicht geblickt. Ein Gl\u00fccksvogel wird sich auf deinem Haupte niederlassen. Mach dich dazu bereit!&#8220; Gut, aber konnte die Stiefmutter das ertragen? Sie beabsichtigte, eine List anzuwenden und ihre eigene Tochter an die Stelle des Waisenm\u00e4dchens zu setzen, um sie als Braut ins Serail zu bringen. Freilich, wer das Minarett stehlen will, muss sich zuvor die passende H\u00fclle verschaffen. Um Mund, Gesicht und Augen ihrer Tochter zu schm\u00fccken, gab es keine Farbe, die sie nicht angewandt h\u00e4tte. Aber was kann bei ihrer Natur die Farbe noch ausrichten! Da wird bald der falsche Schein herauskommen. Doch das Auge der Mutter war so geblendet, dass sie nicht die Au\u00dfenseite ihrer Nase sehen konnte. Fr\u00fch am Morgen, als die Brautwerberinnen zur T\u00fcr kamen und anklopften, brachte die Stiefmutter ihre eigene Tochter, die sie aufgeputzt und aufgeschm\u00fcckt hatte, und setzte sie an ihre Seite. Nachdem die Brautwerberinnen ihren Kopf hochgehoben und sie so von Kopf bis Fu\u00df gemustert hatten, meinten sie: &#8222;Na, soll sich der Mond an einem solchen Tage hinter einer Wolke verbergen? \u00d6ffnet den roten Schleier, damit wir einmal das Gesicht der Braut sehen k\u00f6nnen.&#8220; Als die Stiefmutter kein Geh\u00f6r schenken wollte, erhob sich eine der Brautwerberinnen und zog den Schleier fort. Was sollte sie da sehen! Die Ausgeburt eines Menschen, Z\u00e4hne wie Schaufeln, dreieinhalb Haare, H\u00fcften ohne Taille. Wenn du nach den Augen und Augenbrauen fragst, so waren diese vor lauter Schminke nicht zu sehen! Sie trauten ihren Augen nicht. &#8222;O Gott, o Gott! Ist denn das diese, die die wei\u00dfen Hofbediensteten als Rose bezeichneten? Wo ist denn das Gegenst\u00fcck zu dem Schuh, der ins Bassin gefallen ist?&#8220; Nach diesen Worten geriet die Stiefmutter in \u00e4u\u00dferste Verzweiflung und begann stotternd: &#8222;Als der eine Schuh ins Bassin gefallen war, habe ich den anderen in den Bach geworfen!&#8220; &#8222;Wo ist denn der Bach?&#8220; &#8222;Ein Ochse hat ihn ausgetrunken.&#8220; &#8222;Wo ist der Ochse?&#8220; &#8222;Er ist nach dem Berg gelaufen.&#8220; . &#8220; Wo ist der Berg? &#8220; &#8222;Er ist verbrannt und zu Asche geworden.&#8220; Dieserart h\u00e4ufte sie L\u00fcge auf L\u00fcge und versuchte den Palastdienern Sand in die Augen zu streuen. Aber wartet mal ab, was Gott machen wird! Der Hahn mit dem Ohrgeh\u00e4nge trat an die T\u00fcre und begann zu kr\u00e4hen: &#8222;Das Waisenm\u00e4dchen ist im W\u00e4rmekasten, im W\u00e4rmekasten. Das Waisenm\u00e4dchen ist im W\u00e4rmekasten, im W\u00e4rmekasten . . .&#8220; Da rief die Oberste der Palastbediensteten: &#8222;Gott bringt dieses stumme Gesch\u00f6pf ohne Sprache zum Reden!&#8220; und lief geradenwegs zum W\u00e4rmekasten hin. Die Stiefmutter richtete sich vor ihr auf: &#8222;Bei Gott, Tante Sultan, mir mit meinem reinen Mund glaubt ihr nicht, aber wollt ihr denn dem Hahn glauben?&#8220; So versuchte sie, die Sache zu vertuschen. Als aber die Tante Sultan das Schreiben vorgezeigt hatte, konnte sie nichts mehr machen. Konnte sie jetzt noch den Trick, den sie angewandt hatte, ausf\u00fchren? In Angstschwei\u00df gebadet, ging sie zum W\u00e4rmekasten und hob den Deckel auf. Was sollten sie da sehen! Jene Weltensch\u00f6ne, die man damals auf der Hochzeit gesehen hatte! Was sie dort antrafen, konnten sie nicht wissen. Jetzt erst begann das Waisenm\u00e4dchen zu reden und z\u00e4hlte all das der Reihe nach auf, was es durch die Stiefmutter erduldet hatte. Da f\u00fcllten sich die Augen der Tante Sultan mit Tr\u00e4nen: &#8222;Du hartherzige Frau! F\u00fcrchtest du dich denn nicht vor Gott? Jetzt werde ich dem Sultan vortragen, was du alles getan hast. W\u00e4hle, was du willst: vierzig Hackmesser oder vierzig Maultiere.&#8220; Da blickte die Stiefmutter einmal in das Gesicht ihrer eigenen Tochter, ein andermal in das Gesicht ihrer Stieftochter und senkte ihren Kopf. Da sagte das Waisenm\u00e4dchen: &#8222;Liebe, gutm\u00fctige Tante! Was sie mir angetan hat, kann man weder mit vierzig Hackmessern noch mit vierzig Mauleseln bezahlen. Nun, sie ist auch eine Mutter und hat eine Tochter. Was mir geschehen ist, soll ihr wenigstens nicht geschehen. Wenn ihre Mutter ihre S\u00fcnden mit ihrem Blut bezahlt, dann wird ihre Tochter wie ich in die H\u00e4nde einer Stiefmutter kommen. Am besten \u00fcberlasse ich es Gott. Teilt es weder dem Padischah noch dem K\u00f6nigssohn mit! Es soll ein Geheimnis zwischen uns bleiben!&#8220; Da kamen Mutter und Tochter und k\u00fcssten ihre Hand und ihren Rocksaum, aber sie lie\u00df das nicht zu, sondern beugte sich zu ihnen und k\u00fcsste ihnen Gesicht und H\u00e4nde. Danach holte sie ihr verborgenes B\u00fcndel, kleidete sich so sch\u00f6n wie Rosen an und wiegte sich anmutig wie Zypressen vor ihnen. Die gro\u00dfe Welt auf der einen, sie auf der anderen Seite. H\u00e4tte sie ihre goldgelbe Kuh und ihren Hahn \u00fcberhaupt vergessen k\u00f6nnen? Sie lie\u00df beide zum Gutshof des Serails bringen, sie stieg in die Hochzeitskutsche und fuhr fort mit der Tante Sultan . . . Das ganze Serail freute sich und schm\u00fcckte sich; vierzig Tage und vierzig N\u00e4chte wurde Hochzeit gefeiert, eine so gro\u00dfe Hochzeit, dass sogar das Schicksal um ein Jahr \u00e4lter wurde. Das Waisenm\u00e4dchen und der K\u00f6nigssohn hatten nun ihren Wunsch erreicht. Auch wir wollen daran teilhaben. Vom Himmel fielen drei \u00c4pfel in den Scho\u00df der Waise, die nie gelacht hat.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\">Dieses M\u00e4rchen wurde mir von M\u00e4rchenkristall zur Verf\u00fcgung gestellt. <a href=\"http:\/\/www.maerchenkristall.de\" target=\"_blank\">http:\/\/www.maerchenkristall.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00fcrkisches M\u00e4rchen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,140,133],"tags":[],"class_list":["post-565","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-tuerkei","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/565","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=565"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/565\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":568,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/565\/revisions\/568"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=565"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=565"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=565"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}