{"id":5648,"date":"2026-04-07T23:55:34","date_gmt":"2026-04-07T21:55:34","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5648"},"modified":"2026-04-07T23:55:35","modified_gmt":"2026-04-07T21:55:35","slug":"des-maerchens-geburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/des-maerchens-geburt\/","title":{"rendered":"Des M\u00e4rchens Geburt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Des M\u00e4rchens Geburt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ludwig Bechstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal eine Zeit, da es noch keine M\u00e4rchen gab, und die war betr\u00fcbend f\u00fcr die Kinder, denn es fehlte in ihrem Jugendparadiese der sch\u00f6nste Schmetterling. Und da waren auch zwei K\u00f6nigskinder, die spielten miteinander in dem pr\u00e4chtigen Garten ihres Vaters. Der Garten war voll herrlicher Blumen, seine Pfade waren mit bunten Steinen und Goldkies bestreut und gl\u00e4nzten wetteifernd mit dem Taugefunkel auf den Blumenbeeten. Es gab in dem Garten k\u00fchle Grotten mit pl\u00e4tschernden Quellen, hoch zum Himmel aufrauschende Font\u00e4nen, sch\u00f6ne Marmorbilds\u00e4ulen, liebliche Ruheb\u00e4nke. In den Wasserbecken schwammen Gold- und Silberfische; in goldenen gro\u00dfen Vogelh\u00e4usern flatterten die sch\u00f6nsten V\u00f6gel, und andere V\u00f6gel h\u00fcpften und flogen frei umher und sangen mit lieblichen Stimmen ihre Lieder. Die beiden K\u00f6nigskinder aber hatten und sahen das alle Tage, und so waren sie m\u00fcde des Glanzes der Steine, des Duftes der Blumen, der Springbrunnen und der Fische, welche so stumm waren, und der V\u00f6gel, deren Lieder sie nicht verstanden. Die Kinder sa\u00dfen still beisammen und waren traurig; sie hatten alles, was nur ein Kind sich w\u00fcnschen mag: gute Eltern, die kostbarsten Spielsachen, die sch\u00f6nsten Kleider, wohlschmeckende Speisen und Getr\u00e4nke, und durften tagt\u00e4glich in dem sch\u00f6nen Garten spielen &#8211; sie waren traurig, obschon sie nicht wussten, warum, und nicht wussten, was ihnen fehle.<\/p>\n\n\n\n<p>Da trat zu ihnen ihre Mutter, die K\u00f6nigin, eine sch\u00f6ne hohe Frau mit mildfreundlichen Z\u00fcgen, und sie bek\u00fcmmerte sich dar\u00fcber, dass ihre Kinder so traurig waren und sie nur wehm\u00fctig anl\u00e4chelten, statt mit Jauchzen ihr entgegen zu fliegen; sie betr\u00fcbte sich, dass ihre Kinder nicht gl\u00fccklich waren, wie doch Kinder sein sollen und sein k\u00f6nnen, weil sie noch keine Sorgen kennen und der Himmel der Jugend meist ein wolkenloser ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6nigin setzte sich zu ihren beiden Kindern, die ein Knabe und ein M\u00e4dchen waren, und schlang um jedes derselben einen ihrer vollen wei\u00dfen Arme, welche goldne Spangen schm\u00fcckten, und fragte gar m\u00fctterlich und liebreich: &#8222;Was fehlt euch, meine lieben Kinder?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir wissen es nicht, teure Mutter!&#8220; sprach der Knabe. &#8222;Wir sind so traurig!&#8220; sprach das M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist so sch\u00f6n hier in diesem Garten, und ihr habt alles, was euch Freude machen kann; macht es euch denn keine Freude?&#8220; fragte die K\u00f6nigin, und eine Tr\u00e4ne trat in ihr Auge, aus dem eine Seele voll G\u00fcte l\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nicht genug Freude macht uns, was wir haben&#8220;, antwortete dieser Frage das M\u00e4dchen. &#8222;Wir w\u00fcnschen uns was und wissen nicht, was!&#8220; setzte der Knabe hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter schwieg bek\u00fcmmert und sann nach, was wohl die Kinder w\u00fcnschen m\u00f6chten, das sie mehr erfreue als die Pracht des Gartens, der Schmuck der Kleider, die Menge der Spielsachen, der Genuss edler Speisen und Getr\u00e4nke, aber sie fand nicht, was ihre Gedanken suchten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O w\u00e4re ich nur selbst wieder ein Kind!&#8220; sprach die K\u00f6nigin still zu sich, mit einem leisen Seufzer, &#8222;dann fiele mir wohl bei, was Kinder froh macht. Um Kindesw\u00fcnsche zu begreifen, muss man selbst ein Kind sein. Aber ich bin schon zu weit gewandert aus dem Jugendlande, wo die goldnen V\u00f6gel durch die B\u00e4ume des Paradieses fliegen, jene V\u00f6gel, die keine F\u00fc\u00dfe haben, weil die Nimmerm\u00fcden irdischer Ruhe nicht bed\u00fcrfen. O k\u00e4me doch ein solcher Vogel her und br\u00e4chte meinen teuren Kindern, was sie gl\u00fccklich macht!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Siehe, wie die K\u00f6nigin also w\u00fcnschte, da wiegte sich pl\u00f6tzlich \u00fcber ihr in den blauen L\u00fcften ein wunderherrlicher Vogel, von dem ein Glanz ausging, wie Goldflammen und Edelsteinblitze, der schwebte tiefer und tiefer, und es sah ihn die K\u00f6nigin, es sahen ihn die Kinder. Diese riefen nur: &#8222;Ah! Ah!&#8220; und Staunen lie\u00df sie keine anderen Worte finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vogel war \u00fcberaus herrlich anzusehen, wie er, immer tiefer schwebend, sich niedersenkte, so schimmernd, so gl\u00e4nzend, im Regenbogenfarbengefunkel, fast das Auge blendend und doch immer wieder das Auge fesselnd. Er war so sch\u00f6n, dass die K\u00f6nigin und die Kinder vor Freude leise schauerten, zumal sie jetzt das Wehen seiner Fl\u00fcgel f\u00fchlten. Und ehe sie es ahnten, so hatte sich der Wundervogel niedergelassen in den Scho\u00df der K\u00f6nigin, der Mutter, und sah aus Augen, die wie freundliche Kinderaugen gestaltet waren, die Kinder an, und doch war etwas in diesen Augen, das die Kinder nicht begriffen, etwas Fremdartiges, Schauerhaftes, und sie wagten darum nicht, den Vogel zu ber\u00fchren, auch sahen sie jetzt, dass der seltsame, \u00fcberirdisch sch\u00f6ne Vogel unter seinen gl\u00e4nzendbunten Federn auch einige tiefschwarze Federn hatte, die man aber von weitem nicht gewahrte. Indes blieb den Kindern zu n\u00e4herer Betrachtung des sch\u00f6nen Wundervogels kaum so lange Zeit, als n\u00f6tig war, dies zu erw\u00e4hnen, denn alsbald hob sich der Vogel wieder empor, der Paradiesvogel ohne F\u00fc\u00dfe, schwebte, schimmerte, flog immer h\u00f6her, bis er nur eine im \u00c4ther schwimmende bunte Feder schien, dann nur noch ein goldener Streif, und dann entschwand &#8211; so lange aber, bis das geschah, sahen ihm auch die K\u00f6nigin und die Kinder mit Staunen nach. Aber O Wunder! Als Mutter und Kinder wieder niederblickten, wie staunten sie da aufs Neue! Auf dem Scho\u00dfe der Mutter lag ein goldnes Ei, das hatte der Vogel gelegt, O und das schimmerte auch so gr\u00fcngolden und goldblau wie der k\u00f6stlichste Labradorstein und die sch\u00f6nste Perlenmuschel der Meerestiefen. Und die K\u00f6nigskinder riefen aus einem Munde: &#8222;Ei, das sch\u00f6ne Ei!&#8220; Die Mutter aber l\u00e4chelte selig und ahnete voll Dankgef\u00fchl, das m\u00fcsse der Edelstein sein, der noch zum Gl\u00fcck ihrer Kinder fehle, das Ei m\u00fcsse in seiner zauberfarbigschillernden Schale ein Gut enthalten, das den Kindern gew\u00e4hre, was dem Alter versagt ist, Zufriedenheit, und das ihre Sehnsucht, ihre kindische Trauer stille.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder aber konnten sich nicht satt sehen an dem pr\u00e4chtigen Ei und verga\u00dfen bald \u00fcber dem Ei den Vogel, der es brachte; erst wagten sie nicht, es zu ber\u00fchren, endlich aber legte das M\u00e4gdlein doch eines seiner rosigen Fingerchen daran und rief pl\u00f6tzlich, indem sein unschuldvolles Gesichtchen sich mit Purpur \u00fcbergoss: &#8222;Das Ei ist warm!&#8220; Nun tippte auch der K\u00f6nigsknabe vorsichtig und leise an das Ei, um zu f\u00fchlen, ob die Schwester wahr gesprochen. Endlich legte auch die Mutter ihre zarte wei\u00dfe Hand auf das k\u00f6stliche Ei, und siehe, was begab sich da? Die Schale fiel in zwei H\u00e4lften auseinander, und aus dem Ei kam ein Wesen hervor, wunderbar anzusehen. Es hatte Fl\u00fcgel und war nicht Vogel, nicht Schmetterling, Biene nicht und nicht Libelle, und doch von allen diesen etwas, aber nicht zu beschreiben; mit einem Wort, es war das buntgefl\u00fcgelte, farbenschillernde Kindergl\u00fcck, selbst ein Kind, n\u00e4mlich des Wundervogels Phantasie, das M\u00e4rchen. Und nun sah die Mutter ihre Kinder nicht mehr traurig, denn das M\u00e4rchen blieb fortan immer bei den Kindern, und sie wurden seiner nicht m\u00fcde, solange sie Kinder blieben, und seit sie das M\u00e4rchen hatten, wurden ihnen Garten und Blumen, Lauben und Grotten, W\u00e4lder und Haine erst recht lieb, denn das M\u00e4rchen belebte alles zur Lust der Kinder; das M\u00e4rchen lieh selbst den Kindern seine Fl\u00fcgel, da flogen sie weit umher in der unermesslichen Welt und waren doch immer gleich wieder daheim, sobald sie nur wollten. Jene K\u00f6nigskinder &#8211; das waren die Menschen in ihrem Jugendparadiese, und die Natur war ihre sch\u00f6ne mildfreundliche Mutter. Sie w\u00fcnschte den Wundervogel Phantasie vom Himmel nieder, der so pr\u00e4chtige Goldfedern und auch einige tiefdunkle hat, und er legte in ihren Scho\u00df das goldne M\u00e4rchenei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie die Kinder das M\u00e4rchen innig lieb gewannen, das ihre Kindheitstage versch\u00f6nte, in tausenderlei Gestaltungen und Verwandlungen sie erg\u00f6tzte und \u00fcber alle H\u00e4user und H\u00fctten, \u00fcber alle Schl\u00f6sser und Pal\u00e4ste flog, so war des M\u00e4rchens Art auch diese, dass es selbst den Erwachsenen gefiel und sie sich seiner freuten, wenn sie nur etwas aus dem Garten der Kindheit mit her\u00fcbergetragen in das reifere Alter, n\u00e4mlich die Kindlichkeit des Herzens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Des M\u00e4rchens Geburt Ludwig Bechstein Es war einmal eine Zeit, da es noch keine M\u00e4rchen gab, und die war betr\u00fcbend f\u00fcr die Kinder, denn es fehlte in ihrem Jugendparadiese der sch\u00f6nste Schmetterling. 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