{"id":5641,"date":"2026-04-07T23:45:12","date_gmt":"2026-04-07T21:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5641"},"modified":"2026-04-07T23:48:13","modified_gmt":"2026-04-07T21:48:13","slug":"das-maedchen-das-auf-das-brot-trat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maedchen-das-auf-das-brot-trat\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4dchen, das auf das\u00a0Brot\u00a0trat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das M\u00e4dchen, das auf das&nbsp;Brot&nbsp;trat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Hans Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Geschichte von dem M\u00e4dchen, das auf das Brot trat, um sich die Schuhe nicht zu beschmutzen, und dem es dann gar schlecht erging, ist wohlbekannt, sie ist geschrieben und sogar gedruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inge hie\u00df das M\u00e4dchen; sie war ein armes Kind, stolz und hochm\u00fctig; es war ein schlechter Kern in ihr, wie man sagt. Schon als ganz kleines Kind hatte sie ihre Freude daran, Fliegen zu fangen diesen die Fl\u00fcgel auszurupfen und sie so in Kriechtiere zu verwandeln. Sp\u00e4ter nahm sie den Maik\u00e4fer und den Mistk\u00e4fer, steckte jeden an eine Nadel, schob dann ein gr\u00fcnes Blatt oder ein kleines St\u00fcck Papier zu ihren F\u00fc\u00dfen hin, und das arme Tier fasste es und hielt es fest, drehte und wendete es, um von der Nadel loszukommen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/brot-treten-e1775598430214.jpg\" rel=\"lightbox[5641]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"686\" height=\"468\" src=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/brot-treten-e1775598430214.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5642\" srcset=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/brot-treten-e1775598430214.jpg 686w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/brot-treten-e1775598430214-620x423.jpg 620w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/brot-treten-e1775598430214-300x205.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>&#8222;Jetzt liest der Maik\u00e4fer!&#8220; sagte Inge, sieh mal, wie er das Blatt wendet!&#8220; Mit den Jahren wurde sie eher immer schlechter als besser, aber h\u00fcbsch war sie, und das war ihr Ungl\u00fcck, sonst w\u00e4re sie schon anders hergenommen worden, als sie es eben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Kopf braucht eine scharfe Lauge!&#8220; sagte ihre eigene Mutter. &#8222;Als Kind hast du mir oft auf der Sch\u00fcrze herumgetrampelt, ich f\u00fcrchte, du wirst mir sp\u00e4ter aufs Herz treten.&#8220; Und das tat sie auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kam aufs Land in Dienst zu vornehmen Leuten, und diese hielten sie wie ihr eigenes Kind, als solches ging sie auch gekleidet; gut sah sie aus, und der Hochmut nahm zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie etwa ein Jahr dort war, sagte ihre Herrschaft zu ihr: &#8222;Du sollst doch einmal deine Eltern besuchen, Inge!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und Inge begab sich auch auf den Weg zu ihren Eltern, aber nur, um sich in der Heimat zu zeigen; dort sollten die Leute sehen, wie fein sie geworden war; doch als sie am Eingang des Dorfes anlangte und die jungen Burschen und M\u00e4dchen dort plaudernd stehen sah und auch ihre Mutter darunter erkannte, die auf einen Stein sa\u00df und sich ausruhte, vor sich ein B\u00fcndel Reisig, das sie im Wald gesammelt hatte, da kehrte Inge um, sie sch\u00e4mte sich, dass sie, die so fein angekleidet war, eine solch zerlumpte Frau, die Reisig auflas, zur Mutter hatte. Es reute sie gar nicht, dass sie umkehrte, sie war nur \u00e4rgerlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder verstrich ein halbes Jahr. &#8222;Du solltest doch wieder einmal in deine Heimat gehen und deine alten Eltern besuchen, Inge!&#8220; sagte ihre Dienstherrin. &#8222;Ich schenke dir ein gro\u00dfes Wei\u00dfbrot, das du ihnen geben kannst; sie werden sich gewiss freuen, dich wiederzusehen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und Inge zog ihren besten Staat und ihre neuen Schuhe an und hob die Kleider hoch und schritt gar vorsichtig einher, damit sie rein und nett um die F\u00fc\u00dfe bleibe, und das konnte man ihr auch nicht verargen! Als sie aber dorthin gelangte, wo der Fu\u00dfweg \u00fcber das Moor f\u00fchrt und wo Lachen und Schmutz sind, warf sie das Brot in den Schmutz und trat darauf, damit sie mit reinen Schuhen hin\u00fcberk\u00e4me. Allein, wie sie so dastand, den einen Fu\u00df auf dem Brot, den anderen in der Luft, um weiterzuschreiten, sank das Brot mit ihr tiefer und tiefer, sie verschwand ganz und gar, und nur eine gro\u00dfe Lache, die Blasen warf, war zu sehen. Das ist die Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wohin geriet Inge? Sie versank in den Moorgrund und kam zu der Moorfrau hinunter, die dort braut. Die Moorfrau ist die Base der Elfenm\u00e4dchen, die bekannt genug sind, von denen man Lieder singt und die man abgemalt findet, aber von der Moorfrau wissen die Leute nur, dass sie es ist, die braut, wenn die Wiesen im Sommer dampfen. Hier in die Brauerei der Moorfrau hinab versank Inge, und dort ist es nicht lange auszuhalten. Die Schlammgrube ist ein helles Prunkgemach gegen die Brauerei der Moorfrau! Jedes Gef\u00e4\u00df stinkt so, dass die Menschen davon ohnm\u00e4chtig werden und dann stehen die Gef\u00e4\u00dfe eng aneinander gepresst und gibt es irgendeine kleine \u00d6ffnung zwischen ihnen, durch welche man sich hindurchdr\u00e4ngen k\u00f6nnte, so ist das doch nicht m\u00f6glich, wegen all der nassen Kr\u00f6ten und fetten Schlangen, die sich hier f\u00f6rmlich verfilzen; hier hinab versank Inge; all das Ekelhafte, lebendige Gekrieche war so eisig kalt, dass ihr alle Glieder fr\u00f6stelten, ja, dass sie immer mehr erstarrte. An dem&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/maedchen_brot-trat.htm#\">&nbsp;Brot<\/a>&nbsp;blieb sie fest h\u00e4ngen, und das Brot zog sie hinab, wie ein Bernsteinknopf einen Strohalm anzieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Moorfrau war zu Hause, die Brauerei hatte an dem Tag Besuch, wie wurde besichtigt vom Teufel und seiner Gro\u00dfmutter, und des Teufels Gro\u00dfmutter ist ein altes, sehr giftiges Frauenzimmer, das nimmer m\u00fc\u00dfig ist; sie reitet nie auf Besuch aus, ohne ihre Handarbeit mit sich zu f\u00fchren, und die hatte sie denn auch hier bei sich. Sie n\u00e4hte Leder f\u00fcr die Schuhe der Mensch, so dass diese immer umherwuzeln mussten und kein Sitzfleisch haben konnten; sie stickte L\u00fcgengewebe und h\u00e4kelte unbesonnene Worte, die zur Erde gefallen waren, alles zum Schaden und Verderben. Ja, die konnte n\u00e4hen, sticken und h\u00e4keln, die alte Gro\u00dfmutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gewahrte Inge, hielt ihr Brillenglas vors Auge und besah sich das M\u00e4dchen noch einmal: &#8222;Das ist ein M\u00e4dchen, das F\u00e4higkeiten besitzt!&#8220; sprach sie, &#8222;und ich bitte mir die Kleine zur Erinnerung an meinen Besuch hier aus! Sie wird ein passendes Postament in dem Vorgemach meines Enkels bekommen!&#8220; Und sie bekam sie. Auf diese Weise kam Inge in die H\u00f6lle. Dahinein fahren die Leute nicht immer auf direktem Wege, aber sie k\u00f6nnen auf Umwegen hinkommen, wenn sie F\u00e4higkeiten besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein Vorgemach ohne Ende; es schwindelte einem, wenn man vorw\u00e4rts schaute, und es schwindelte einem, wenn man r\u00fcckw\u00e4rts schaute, und eine Schar von Verschmachtenden stand hier, die da harrte, dass ihnen das Tor der Gnade aufgetan werden sollte; sie hatte lange zu warten! Gro\u00dfe, fette, watschelnde Spinnen spannen tausendj\u00e4hriges Gewebe \u00fcber ihre F\u00fc\u00dfe hinweg, und dieses Gewebe schnitt ein wie Fu\u00dfangeln und fesselte wie kupferne Ketten; und au\u00dferdem g\u00e4rte noch eine ewige Unruhe in jeder Seele, eine Unruhe voll des Jammers. Der Geizige stand da und hatte den Schl\u00fcssel zu seinem Geldkasten vergessen, und der Schl\u00fcssel steckte darin, das wusste er. Ja, es w\u00e4re zu weitl\u00e4ufig, alle Arten der Peinigungen und des Jammers herzuz\u00e4hlen, die dort erlitten wurden. Inge empfand es als entsetzliche Pein, dort auf einem Postament stehen zu m\u00fcssen; sie war gleichsam von unten an das Brot genagelt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das hat man davon, wenn man sich die F\u00fc\u00dfe rein und sauber bewahren will!&#8220; sprach sie zu sich selber. &#8222;Seht mal, wie sie mich anglotzen!&#8220; Ja, freilich waren die Blicke aller auf sie gerichtet; ihre b\u00f6sen Gel\u00fcste leuchteten ihnen aus den Augen und sprachen ohne Laute aus ihrem Mund, sie waren entsetzlich anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mich anzuschauen, muss ein Vergn\u00fcgen sein!&#8220; dachte Inge, &#8222;ich habe ein h\u00fcbsches Gesicht und sch\u00f6ne Kleider an!&#8220; und nun drehte sie die Augen, den Nacken konnte sie nicht drehen, der war zu steif dazu. Nein, wie war sie im Brauhaus der Moorfrau beschmutzt worden, das hatte sie nicht bedacht. Ihre Kleider waren wie mit Schleim bezogen, eine Schlange hatte sich in ihr Haar festgehangen und baumelte ihr am R\u00fccken herab, und aus jeder Falte ihres Kleides guckte eine gro\u00dfe Kr\u00f6te hervor, die wie ein engbr\u00fcstiger Mops bellte. Das war sehr unangenehmen. &#8222;Aber die anderen hier unten sehen ja auch entsetzlich aus!&#8220; meinte sie, und damit tr\u00f6stete sie sich selber.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlimmste von allem war jedoch der gr\u00e4ssliche Hunger, den sie versp\u00fcrte. Konnte sie sich denn nicht b\u00fccken und ein St\u00fcck von dem Brot brechen, auf welchem sie stand? Nein, der R\u00fccken war steif, Arme und H\u00e4nde waren erstarrt, ihr ganzer K\u00f6rper war wie eine Steins\u00e4ule, nur die Augen konnte sie noch im Kopfe drehen, ringsherum drehen, so dass sie auch r\u00fcckw\u00e4rts zu schauen vermochte; das war ein h\u00e4sslicher Anblick. Und dann kamen die Fliegen heran, die krochen \u00fcber ihre Augen hin, hin\u00fcber und her\u00fcber, sie blinzelte mit den Augen, aber die Fliegen flogen nicht davon, denn fliegen konnten sie nicht, die Fl\u00fcgel waren ihnen ausgezupft; sie waren in Kriechtiere verwandelt worden; das war eine Pein, und dazu der Hunger, ja, zuletzt schien es ihr, als fr\u00e4\u00dfen sich ihre Eingeweide selber auf und als w\u00fcrde sie inwendig ganz leer, ganz entsetzlich leer. &#8222;Wenn das l\u00e4nger andauern soll, dann halte ich es nicht aus!&#8220; sprach sie, aber sie musste aushalten, und es dauerte immerfort.<\/p>\n\n\n\n<p>Da fiel eine hei\u00dfe Tr\u00e4ne auf ihren Kopf herab, rollte \u00fcber ihr Antlitz und ihre Brust bis ganz auf das&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/maedchen_brot-trat.htm#\">&nbsp;Brot<\/a>, auf welchem sie stand, und es fielen mehr Tr\u00e4nen, viele noch. Wer weinte wohl \u00fcber Inge? Hatte sie doch auf Erden noch eine Mutter! Die Tr\u00e4nen des Kummers, welche eine Mutter \u00fcber ihr Kind weint, gelangen stets zu dem Kind, aber sie erl\u00f6sen es nicht, sie brennen, sie vergr\u00f6\u00dfern die Pein. Und nun dieser unleidige Hunger und die Qual, das Brot nicht erreichen zu k\u00f6nnen, auf welchem sie doch mit den F\u00fc\u00dfen stand! Sie hatte das Gef\u00fchl, als wenn ihr ganzes Inneres sich selber verzehrt habe, sie war wie ein d\u00fcnnes, hohles Rohr, dass jeden Laut einsaugt; sie h\u00f6rte deutlich alles, was oben auf der Erde von ihr gesprochen wurde, und was sie h\u00f6rte, war hart und b\u00f6s. Ihre Mutter weinte zwar sehr und war ihretwegen betr\u00fcbt, aber sie sprach dessen ungeachtet: &#8222;Hochmut kommt vor den Fall! Das war dein Ungl\u00fcck, Inge! Du hast deine Mutter sehr betr\u00fcbt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Mutter und alle oben auf der Erde wussten um die S\u00fcnde, die sie begangen hatte, wussten, dass sie auf das Brot getreten war, dass sie versunken und verschwunden war; der Kuhhirt hatte es vom Abhang, vom Moorweg aus gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie hast du doch deine Mutter betr\u00fcbt, Inge!&#8220; sagte die Mutter; &#8222;Ja, ich hatte es schon geahnt!&#8220; &#8222;W\u00e4re ich doch nie geboren!&#8220; dachte Inge dann, &#8222;das w\u00e4re weit besser f\u00fcr mich gewesen. Wozu n\u00fctzt es aber jetzt, dass meine Mutter weint?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie vernahm, wie ihre Herrschaft, die guten Leute, die sie wie Eltern gehegt und gepflegt hatten, jetzt sprachen und sagten: &#8222;Sie war ein s\u00fcndhaftes Kind, sie hat die Gaben Gottes nicht geachtet, sondern sie mit F\u00fc\u00dfen getreten, die T\u00fcr der Gnade wird sich ihr nur langsam auftun!&#8220; &#8222;Sie h\u00e4tten mich z\u00fcchtigen, mir die Mucken austreiben sollen, falls ich welche gehabt habe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00f6rte, dass ein ganzes Lied auf sei gereimt wurde, das Lied von dem hochm\u00fctigen M\u00e4dchen, das auf das Brot trat, damit ihre Schuhe rein blieben, und dass man das Lied im ganzen Lande sang.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&#8222;Dass man deshalb so viel B\u00f6ses h\u00f6ren muss und so viel leiden!&#8220; dachte Inge: &#8222;die anderen m\u00fcssten auch ihrer S\u00fcnden wegen bestraft werden! Ja, dann w\u00e4re freilich viel zu bestrafen! Ach wie ich gepeinigt werde!&#8220; Und ihr Sinn verh\u00e4rtete sich noch mehr als ihr \u00c4u\u00dferes. &#8222;Hier unten in dieser Gesellschaft kann man nun einmal nicht besser werden! Und ich will auch nicht besser werden! Sieh, wie sie mich anglotzen!&#8220; Und ihr Sinn war voll Zorn und Bosheit gegen alle Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt haben sie endlich dort oben etwas zu erz\u00e4hlen! Ach, wie ich gepeinigt werde!&#8220; Und sie h\u00f6rte auch, wie ihre Geschichte den Kindern erz\u00e4hlt wurde, und die Kleinen nannten sie die gottlose Inge, sie sei so h\u00e4sslich, sagten sie, so garstig, sie m\u00fcsse recht gepeinigt werden. Immerfort kamen harte Worte \u00fcber sie aus Kindermund.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch eines Tages, w\u00e4hrend Gram und Hunger im Innern ihres hohlen K\u00f6rpers nagten und sie h\u00f6rte, wie man ihren Namen nannte und ihre Geschichte einem unschuldigen Kind, einen kleinen M\u00e4dchen, erz\u00e4hlte da vernahm sie, dass die Kleine in Tr\u00e4nen ausbrach bei der Geschichte von der hochfahrenden putzs\u00fcchtigen Inge.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber kommt Inge denn nie mehr herauf?&#8220; fragte das kleine M\u00e4dchen. Und man antwortete: &#8222;Sie kommt nimmermehr herauf!&#8220; &#8222;Aber wenn sie nun &#8218;bitte, bitte&#8216; sagen, um Verzeihung bitten und es nie wieder tun w\u00fcrde!&#8220; &#8222;Dann wohl, doch sie will nicht um Verzeihung bitten!&#8220; hie\u00df es hierauf. &#8222;Ich m\u00f6chte so gern, dass sie es t\u00e4te!&#8220; sagte die Kleine und war ganz untr\u00f6stlich. &#8222;Ich will meine Puppe und all mein Spielzeug darum geben, wenn sie nur heraufkommen darf. Es ist zu schrecklich \u2013 die arme Inge!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und diese Worte reichten bis in Inges innerstes Herz, sie taten ihr gleichsam wohl; es war das erste Mal, dass jemand sagte: &#8222;Die arme Inge!&#8220; und nichts von ihren Fehlern hinzuf\u00fcgte; ein kleines, unschuldiges Kind weinte und bat um Gnade f\u00fcr sie, es wurde ihr dabei ganz sonderbar zumute, sie selber h\u00e4tte jetzt gern geweint, aber sie vermochte es nicht, sie konnte nicht weinen, und das war auch eine Qual.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Jahre dort oben verstrichen \u2013 unten, wo sie war, gab es keinen Wechsel \u2013, h\u00f6rte sie immer seltener Worte von oben, man sprach weniger von ihr. Da drang pl\u00f6tzlich eines Tages ein Seufzer zu ihrem Ohr: &#8222;Inge! Inge! Wie du mich betr\u00fcbt hast! Ich habe es ja gesagt!&#8220; Es war ihrer sterbenden Mutter letzter Seufzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuweilen h\u00f6rte sie ihren Namen von ihrer fr\u00fcheren Herrschaft nennen, und das waren sanfte Worte, wenn die Frau sagte: &#8222;Ob ich Dich doch wohl jemals wiedersehe, Inge? Man wei\u00df nicht, wohin man kommt!&#8220; Aber Inge sah wohl ein, dass ihre gute Dienstherrin nie hierher kommen k\u00f6nnte, wo sie war. So verstrich wiederum eine Zeit, eine lange, bittere Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Da h\u00f6rte Inge noch einmal ihren Namen nennen und sah \u00fcber sich gleichsam zwei klare Sterne funkeln; es waren zwei sanfte Augen, die sich auf Erden schlossen. So viele Jahre waren seit damals verstriche, als das kleine M\u00e4dchen untr\u00f6stlich war und \u00fcber &#8218;die arme Inge&#8216; weinte, dass das Kind eine alte Frau geworden war, die Gott nun wieder zu sich rufen wollte; und gerade in dieser Stunde, in der die Gedanken alle aus des Lebens ganzem Tun wieder emportauchen, entsann sie sich auch, wie sie einst als kleines Kind recht wehm\u00fctig hatte weinen m\u00fcssen bei der Geschichte von Inge. Jene Stunde und jener Eindruck wurden der alten Frau in ihrer Todesstunde derma\u00dfen wieder lebendig, dass sie ganz laut in die Worte ausbrach: &#8222;Mein Gott und Herr, ob ich nicht auch, wie Inge, oft deine Segensgaben mit F\u00fc\u00dfen getreten und mir nichts B\u00f6ses dabei gedacht habe. Ob ich nicht auch umhergegangen bin mit hochm\u00fctigem Sinn \u2013 du hast in deiner Gnade mich nicht sinken lassen, sondern mich aufrechterhalten! Oh, lasse nicht ab von mir in meiner letzten Stunde!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Augen der Alten schlossen sich, und ihrer Seele Auge erschloss sich, das Verborgene zu schauen. Sie, in deren letzten Gedanken Inge so lebhaft zugegen gewesen war, sie sah jetzt auch, wie tief hinab Inge gezogen war, und bei dem Anblick brach die Fromme in Tr\u00e4nen aus; im Himmel stand sie wie ein Kind und weinte um die arme Inge. Und diese Tr\u00e4nen und Gebete klangen wie ein Echo hinab in die hohle, leere H\u00fclle, welche die gefesselte, gepeinigte Seele umschloss, die nie erwartete Liebe von oben \u00fcberw\u00e4ltigte sie: ein Engel Gottes weinte um sie! Weshalb ward ihr dies wohl verg\u00f6nnt? Die gepeinigte Seele sammelte gleichsam in Gedanken jede Erdenhandlung, die sie ver\u00fcbt hatte, und sie, Inge, zitterte unter Tr\u00e4nen, wie sie solche niemals geweint hatte; Kummer \u00fcber sich selber erf\u00fcllte sie, ihr war es, als k\u00f6nnen sich ihr die Pforte der Gnade nimmer \u00f6ffnen, und als sie in Zerknirschung dieses erkannte, schoss leuchtend ein Strahl in den Abgrund zu ihr hinab, und zwar mit einer Kraft, die weit st\u00e4rker war als die des Sonnenstrahls, durch den der Schneemann auftaut, den die Knaben hinstellen; und weit schneller als die Schneeflocke schmilzt und zu einem Tropfen wird, der auf die warmen Lippen des Kindes f\u00e4llt, l\u00f6ste sich die versteinerte Gestalt Inges in Nebel auf, ein kleiner Vogel schwang sich im Zickzack des Blitzes hinauf in die Menschenwelt. Aber der Vogel war \u00e4ngstlich und scheu gegen alles ringsum, er sch\u00e4mte sich seiner selbst, sch\u00e4mte sich vor allen lebenden Gesch\u00f6pfen und suchte eiligst sich in ein finsteres Loch in einem alten, verwitterten Gem\u00e4uer zu verbergen, dort sa\u00df er und kauerte, zitternd am ganzen K\u00f6rper, keinen Laut vermochte er von sich zu geben, er hatte keine Stimme; lange sa\u00df er, bevor er all die Herrlichkeit ringsum klar sehen und vernehmen konnte; ja, herrlich war es! Die Luft war frisch und mild, der Mond warf seinen klaren Schein \u00fcber die Erde; B\u00e4ume und Geb\u00fcsch sandten D\u00fcfte aus, und gar traulich war es, wo er sa\u00df, sein Federgewand war ganz rein und fein. Nein, wie war doch alles Geschaffenen in Liebe und Herrlichkeit dargebracht! Alles, was sich in der Brust des Vogels regte, wollte sich hinaussingen, aber der Vogel vermochte es nicht, gern h\u00e4tte er gesungen wie im Fr\u00fchling der Kuckuck und die Nachtigall. Unser Herrgott, der auch den lautlosen Lobgesang des Wurmes vernimmt, h\u00f6rte auch hier den Lobgesang, der sich in Gedankenakkorden erhob, so wie der Psalm im Innern Davids klang, bevor er zu Wort und Melodie wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wochenlang regten diese lautlosen Lieder sich in Gedanken, sie mussten zum Ausbruch kommen, musste es bei dem ersten Fl\u00fcgelschlag einer guten Tat, eine solche musste getan werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Das heilige Weihnachtsfest kam heran. Der Bauer pflanzte in der N\u00e4he der Mauer eine Stange auf und befestigte daran eine Garbe Hafer, damit die V\u00f6gel in der Luft auch ein fr\u00f6hliches Weihnachtsfest und eine gute Mahlzeit h\u00e4tten, in dieser Zeit des Erl\u00f6sers.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Sonne erhob sich am Weihnachtsmorgen und schien auf die Garbe, und zwitschernde V\u00f6gel in Scharen umflatterten die Futterstange, da klang es auch aus dem Mauerloch heraus: &#8222;Piep, piep!&#8220; Der schwellende Gedanke ward zum Laut, das schwache Piepen eine ganze Freudenhymne, der Gedanke einer guten Tat erwachte, und der Vogel schwang sich aus seinem Versteck heraus, im Himmel wussten sie schon, was das f\u00fcr ein Vogel war!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Winter war streng, die Gew\u00e4sser waren zugefroren, die V\u00f6gel und die Tiere des Waldes hatten knappe Futterzeiten. Unser kleiner Vogel schwang sich \u00fcber die Landstra\u00dfe dahin, und dort in dem Geleise der Schlitten fand er auch hin und wieder ein K\u00f6rnchen, an den Haltestellen einige Brotkr\u00fcmelchen, und er selber fra\u00df nur wenig, aber er rief all die anderen verhungerten Sperlinge herbei, damit sie etwas Futter bek\u00e4men. Er flog in die St\u00e4dte hinein, sp\u00e4hte ringsum, und wo eine liebe Hand&nbsp;<a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/maerchen\/maedchen_brot-trat.htm#\">&nbsp;Brot<\/a>&nbsp;auf das Fensterbrett f\u00fcr die V\u00f6gel gestreut hatte, dort fra\u00df er selber nur ein einzelnes Kr\u00fcmelchen, gab aber alles den anderen V\u00f6geln.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Verlauf des Winters hatte der Vogel so viele Brotkr\u00fcmelchen gesammelt und den anderen V\u00f6geln gespendet, dass sie zusammen das ganze Brot aufwogen, aus das Inge getreten hatte, damit ihre Schuhe rein blieben, und als das letzte Brotkr\u00fcmelchen gefunden und gespendet war, wurden die grauen Fl\u00fcgel des Vogels wei\u00df und breiteten sich weit aus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Dort fliegt eine Seeschwalbe \u00fcber das Wasser hin!&#8220; sagten die Kinder, die den wei\u00dfen Vogel sahen; nun tauchte er in den See hinab, nun hob er sich empor in den klaren Sonnenschein, er gl\u00e4nzte, es war nicht m\u00f6glich, zu sehen, wo er blieb; sie sagten, er sei geradewegs in die Sonne geflogen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte von dem M\u00e4dchen, das auf das Brot trat, um sich die Schuhe nicht zu beschmutzen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5642,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-5641","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5641"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5645,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5641\/revisions\/5645"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5642"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}