{"id":5636,"date":"2026-04-07T23:29:12","date_gmt":"2026-04-07T21:29:12","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5636"},"modified":"2026-04-07T23:29:12","modified_gmt":"2026-04-07T21:29:12","slug":"von-dem-machandelbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/von-dem-machandelbaum\/","title":{"rendered":"Von dem Machandelbaum"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Von dem Machandelbaum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun lange her, wohl an die zweitausend Jahre, da war einmal ein reicher Mann, der hatte eine sch\u00f6ne fromme Frau, und sie hatten sich beide sehr lieb, hatten aber keine Kinder. Sie w\u00fcnschten sich aber sehr welche, und die Frau betete darum so viel Tag und Nacht; aber sie kriegten und kriegten keine. Vor ihrem Hause war ein Hof, darauf stand ein Machandelbaum. Unter dem stand die Frau einstmals im Winter und sch\u00e4lte sich einen Apfel, und als sie sich den Apfel so sch\u00e4lte, da schnitt sie sich in den Finger, und das Blut fiel in den Schnee. &#8222;Ach&#8220;, sagte die Frau und seufzte so recht tief auf, und sah das Blut vor sich an, und war so recht wehm\u00fctig: &#8222;H\u00e4tte ich doch ein Kind, so rot wie Blut und so wei\u00df wie Schnee.&#8220; Und als sie das sagte, da wurde ihr so recht fr\u00f6hlich zumute: Ihr war so recht, als sollte es etwas werden. Dann ging sie nach Hause, und es ging ein Monat hin, da verging der Schnee; und nach zwei Monaten, da wurde alles gr\u00fcn; nach drei Monaten, da kamen die Blumen aus der Erde; und nach vier Monaten, da schossen alle B\u00e4ume ins Holz, und die gr\u00fcnen Zweige waren alle miteinander verwachsen. Da sangen die V\u00f6glein, dass der ganze Wald erschallte, und die Bl\u00fcten fielen von den B\u00e4umen, da war der f\u00fcnfte Monat vergangen, und sie stand immer unter dem Machandelbaum, der roch so sch\u00f6n. Da sprang ihr das Herz vor Freude, und sie fiel auf die Knie und konnte sich gar nicht lassen. Und als der sechste Monat vorbei war, da wurden die Fr\u00fcchte dick und stark, und sie wurde ganz still. Und im siebenten Monat, da griff sie nach den Machandelbeeren und a\u00df sie so begehrlich; und da wurde sie traurig und krank. Da ging der achte Monat hin, und sie rief ihren Mann und weinte und sagte: &#8222;Wenn ich sterbe, so begrabe mich unter dem Machandelbaum.&#8220; Da wurde sie ganz getrost und freute sich, bis der neunte Monat vorbei war: da kriegte sie ein Kind so wei\u00df wie der Schnee und so rot wie Blut, und als sie das sah, da freute sie sich so, dass sie starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Da begrub ihr Mann sie unter dem Machandelbaum, und er fing an, so sehr zu weinen; eine Zeitlang dauerte das, dann flossen die Tr\u00e4nen schon sachter, und als er noch etwas geweint hatte, da h\u00f6rte er auf, und dann nahm er sich wieder eine Frau. Mit der zweiten Frau hatte er eine Tochter; das Kind aber von der ersten Frau war ein kleiner Sohn, &nbsp;und war so rot wie Blut und so wei\u00df wie Schnee. Wenn die Frau ihre Tochter so ansah, so hatte sie &nbsp;sie sehr lieb; aber dann sah sie den kleinen Jungen an, und das ging ihr so durchs Herz, und es &nbsp;d\u00fcnkte sie, als st\u00fcnde er ihr \u00fcberall im Wege, und sie dachte dann immer, wie sie ihrer Tochter all &nbsp;das Verm\u00f6gen zuwenden wollte, und der B\u00f6se gab es ihr ein, dass sie dem kleinen Jungen ganz gram &nbsp;wurde, und sie stie\u00df ihn aus einer Ecke in die andere, und puffte ihn hier und knuffte ihn dort, so dass das arme Kind immer in Angst war. Wenn er dann aus der Schule kam, so hatte er keinen Platz, &nbsp;wo man ihn in Ruhe gelassen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal war die Frau in die Kammer hoch gegangen; da kam die kleine Tochter auch herauf und sagte: &#8222;Mutter, gib mir einen Apfel.&#8220; &#8222;Ja, mein Kind&#8220;, sagte die Frau und gab ihr einen sch\u00f6nen Apfel aus der Kiste; die Kiste aber hatte einen gro\u00dfen schweren Deckel mit einem gro\u00dfen scharfen eisernen Schloss. &#8222;Mutter&#8220;, sagte die kleine Tochter, &#8222;soll der Bruder nicht auch einen haben?&#8220; Das verdross die Frau, doch sagte sie: &#8222;Ja, wenn er aus der Schule kommt.&#8220; Und als sie ihn vom Fenster aus gewahr wurde, so war das gerade, als ob der B\u00f6se in sie gefahren w\u00e4re, und sie griff zu und nahm ihrer Tochter den Apfel wieder weg und sagte; &#8222;Du sollst ihn nicht eher haben als der Bruder.&#8220; Da warf sie den Apfel in die Kiste und machte die Kiste zu. Da kam der kleine Junge in die T\u00fcr; da gab ihr der B\u00f6se ein, dass sie freundlich zu ihm sagte: &#8222;Mein Sohn, willst du einen Apfel haben?&#8220; und sah ihn so j\u00e4hzornig an. &#8222;Mutter&#8220;, sagte der kleine Junge, &#8222;was siehst du so gr\u00e4sslich aus! Ja, gib mir einen Apfel!&#8220; &#8222;Da war ihr, als sollte sie ihm zureden. &#8222;Komm mit mir&#8220;, sagte sie und machte den Deckel auf, &#8222;hol dir einen Apfel heraus!&#8220; Und als der kleine Junge sich hineinb\u00fcckte, da riet ihr der B\u00f6se; bratsch! Schlug sie den Deckel zu, dass der Kopf flog und unter die roten \u00c4pfel fiel. Da \u00fcberlief sie die Angst, und sie dachte: &#8222;K\u00f6nnt ich das von mir bringen!&#8220; Da ging sie hinunter in ihre Stube zu ihrer Kommode und holte aus der obersten Schublade ein wei\u00dfes Tuch und setzt den Kopf wieder auf den Hals und band das Halstuch so um, dass man nichts sehen konnte und setzt ihn vor die T\u00fcre auf einen Stuhl und gab ihm den Apfel in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Darnach kam Marlenchen zu ihrer Mutter in die K\u00fcche. Die stand beim Feuer und hatte einen Topf mit hei\u00dfem Wasser vor sich, den r\u00fchrte sie immer um. &#8222;Mutter&#8220;, sagte Marlenchen, &#8222;der Bruder sitzt vor der T\u00fcre und sieht ganz wei\u00df aus und hat einen Apfel in der Hand. Ich hab ihn gebeten, er soll mir den Apfel geben, aber er antwortet mir nicht; das war mir ganz unheimlich.&#8220; &#8222;Geh noch einmal hin&#8220;, sagte die Mutter, &#8222;und wenn er dir nicht antwortet, dann gib ihm eins hinter die Ohren.&#8220; Da ging Marlenchen hin und sagte: &#8222;Bruder, gib mir den Apfel!&#8220; Aber er schwieg still; da gab sie ihm eins hinter die Ohren. Da fiel der Kopf herunter; dar\u00fcber erschrak sie und fing an zu weinen und zu schreien und lief zu ihrer Mutter und sagte: &#8222;Ach, Mutter, ich hab meinem Bruder den Kopf abgeschlagen&#8220;, und weinte und weinte und wollte sich nicht zufrieden geben. &#8222;Marlenchen&#8220;, sagte die Mutter, &#8222;was hast du getan! Aber schweig nur still, dass es kein Mensch merkt; das ist nun doch nicht zu \u00e4ndern, wir wollen ihn in Sauer kochen.&#8220; Da nahm die Mutter den kleinen Jungen und hackte ihn in St\u00fccke, tat sie in den Topf und kochte ihn in Sauer. Marlenchen aber stand dabei und weinte und weinte, und die Tr\u00e4nen fielen alle in den Topf, und sie brauchten kein Salz.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam der Vater nach Hause und setzte sich zu Tisch und sagte: &#8222;Wo ist denn mein Sohn?&#8220; Da trug die Mutter eine gro\u00dfe, gro\u00dfe Sch\u00fcssel mit Schwarzsauer auf, und Marlenchen weinte und konnte sich nicht halten. Da sagte der Vater wieder: &#8222;Wo ist denn mein Sohn?&#8220; &#8222;Ach&#8220;, sagte die Mutter, &#8222;er ist \u00fcber Land gegangen, zu den Verwandten seiner Mutter; er wollte dort eine Weile bleiben.&#8220; &#8222;Was tut er denn dort? Er hat mir nicht mal Lebewohl gesagt!&#8220; &#8222;Oh, er wollte so gern hin und bat mich, ob er dort wohl sechs Wochen bleiben k\u00f6nnte; er ist ja gut aufgehoben dort.&#8220; &#8222;Ach&#8220;, sagte der Mann, &#8222;mir ist so recht traurig zumute; das ist doch nicht recht, er h\u00e4tte mir doch Lebewohl sagen k\u00f6nnen.&#8220; Damit fing er an zu essen und sagte: &#8222;Marlenchen, warum weinst du? Der Bruder wird schon wiederkommen.&#8220; &#8222;Ach Frau&#8220;, sagte er dann, &#8222;was schmeckt mir das Essen sch\u00f6n! Gib mir mehr!&#8220; Und je mehr er a\u00df, um so mehr wollte er haben und sagte: &#8222;Gebt mir mehr, ihr sollt nichts davon aufheben, das ist, als ob das alles mein w\u00e4re.&#8220; Und er a\u00df und a\u00df, und die Knochen warf er alle unter den Tisch, bis er mit allem fertig war. Marlenchen aber ging hin zu ihrer Kommode und nahm aus der untersten Schublade ihr bestes seidenes Tuch und holte all die Beinchen und Knochen unter dem Tisch hervor und band sie in das seidene Tuch und trug sie vor die T\u00fcr und weinte blutige Tr\u00e4nen. Dort legte sie sie unter den Machandelbaum in das gr\u00fcne Gras, und als sie sie dahin gelegt hatte, da war ihr auf einmal ganz leicht, und sie weinte nicht mehr. Da fing der Machandelbaum an, sich zu bewegen, und die zweige gingen immer so voneinander und zueinander, so recht, wie wenn sich einer von Herzen freut und die H\u00e4nde zusammenschl\u00e4gt. Dabei ging ein Nebel von dem Baum aus, und mitten in dem Nebel, da brannte es wie Feuer, und aus dem Feuer flog so ein sch\u00f6ner Vogel heraus, der sang so herrlich und flog hoch in die Luft, und als er weg war, da war der Machandelbaum wie er vorher gewesen war, und das Tuch mit den Knochen war weg. Marlenchen aber war so recht leicht und vergn\u00fcgt zumute, so recht, als wenn ihr Bruder noch lebte. Da ging sie wieder ganz lustig nach Hause, setzte sich zu Tisch und ass. Der Vogel aber flog weg und setzte sich auf eines Goldschmieds Haus und fing an zu singen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Mein Mutter der mich schlacht,<br>mein Vater der mich a\u00df,<br>mein Schwester der Marlenichen<br>sucht alle meine Benichen,<br>bindt sie in ein seiden Tuch,<br>legt&#8217;s unter den Machandelbaum.<br>\u00a0Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Goldschmied sa\u00df in seiner Werkstatt und machte eine goldene Kette; da h\u00f6rte er den Vogel, der auf seinem Dach sa\u00df und sang, und das d\u00fcnkte ihn so sch\u00f6n. Da stand er auf, und als er \u00fcber die T\u00fcrschwelle ging, da verlor er einen Pantoffel. Er ging aber so recht mitten auf die Strasse hin, mit nur einem Pantoffel und einer Socke; sein Schurzfell hatte er vor, und in der einen Hand hatte er die goldene Kette, und in der anderen die Zange; und die Sonne schien so hell auf die Strasse. Da stellte er sich nun hin und sah den Vogel an. &#8222;Vogel&#8220;, sagte er da, &#8222;wie sch\u00f6n kannst du singen! Sing mir das St\u00fcck noch mal!&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte der Vogel, &#8222;zweimal sing ich nicht umsonst. Gib mir die goldene Kette, so will ich es dir noch einmal singen.&#8220; &#8222;Da&#8220;, sagte der Goldschmied, &#8222;hast du die goldene Kette; nun sing mir das noch einmal!&#8220; Da kam der Vogel und nahm die goldene Kette in die rechte Kralle, setzte sich vor den Goldschmied hin und sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Mein Mutter der mich schlacht,<br>mein Vater der mich a\u00df,<br>mein Schwester der Marlenichen,<br>sucht alle meine Benichen,<br>bindt sie in ein seiden Tuch,<br>legt&#8217;s unter den Machandelbaum.<br>Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da flog der Vogel fort zu einem Schuster, und setzt sich auf sein Dach und sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Mein Mutter der mich schlacht,<br>mein Vater der mich a\u00df,<br>mein Schwester der Marlenichen,<br>sucht alle meine Benichen,<br>bindt sie in ein seiden Tuch,<br>legt&#8217;s unter den Machandelbaum.<br>Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schuster h\u00f6rte das und lief in Hemds\u00e4rmeln vor seine T\u00fcr und sah zu seinem Dach hinauf und musste die Hand vor die Augen halten, dass die Sonne ihn nicht blendete. &#8222;Vogel&#8220;, sagte er, &#8222;was kannst du sch\u00f6n singen.&#8220; Da rief er zur T\u00fcr hinein: &#8222;Frau, komm mal heraus, da ist ein Vogel; sieh doch den Vogel, der kann mal sch\u00f6n singen.&#8220; Dann rief er noch seine Tochter und die Kinder und die Gesellen, die Lehrjungen und die M\u00e4gde, und sie kamen alle auf die Strasse und sahen den Vogel an, wie sch\u00f6n er war; und er hatte so sch\u00f6ne rote und gr\u00fcne Federn, und um den Hals war er wie lauter Gold, und die Augen blickten ihm wie Sterne im Kopf. &#8222;Vogel&#8220;, sagte der Schuster, &#8222;nun sing mir das St\u00fcck noch einmal!&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte der Vogel, &#8222;zweimal sing ich nicht umsonst, du musst mir etwas schenken.&#8220; &#8222;Frau&#8220;, sagte der Mann, &#8222;geh auf den Boden, auf dem obersten Wandbrett, da stehen ein paar rote Schuh, die bring mal her!&#8220; Da ging die Frau hin und holte die Schuhe. &#8222;Da, Vogel&#8220;, sagte der Mann, &#8222;nun sing mir das Lied noch einmal!&#8220; Da kam der Vogel und nahm die Schuhe in die linke Kralle und flog wieder auf das Dach und sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Mein Mutter der mich schlacht,<br>mein Vater der mich a\u00df,<br>mein Schwester der Marlenichen<br>sucht alle meine Benichen,<br>bindt sie in ein seiden Tuch,<br>legt&#8217;s unter den Machandelbaum.<br>Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und als er ausgesungen hatte, da flog er weg; die Kette hatte er in der rechten und die Schuhe in der linken Kralle, und er flog weit weg, bis zu einer M\u00fchle, und die M\u00fchle ging: Klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe. Und in der M\u00fchle sa\u00dfen zwanzig M\u00fchlknappen, die klopften einen Stein und hackten: Hick hack, hick hack, hick hack; und die M\u00fchle ging klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe. Da setzte sich der Vogel auf einen Lindenbaum, der vor der M\u00fchle stand und sang: &#8222;Mein Mutter der mich schlacht&#8220;, da h\u00f6rte einer auf; &#8222;mein Vater der mich a\u00df&#8220;, da h\u00f6rten noch zwei auf und h\u00f6rten zu; &#8222;mein Schwester der Marlenichen&#8220; da h\u00f6rten wieder vier auf; &#8222;sucht alle meine Benichen, bindt sie in ein seiden Tuch&#8220;, nun hackten nur acht; &#8222;legt&#8217;s unter&#8220;, nun nur noch f\u00fcnf; &#8222;den Machandelbaum&#8220; &#8211; nun nur noch einer; &#8222;Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220; Da h\u00f6rte der letzte auch auf, und er hatte gerade noch den Schluss geh\u00f6rt. &#8222;Vogel&#8220;, sagte er, &#8222;was singst du sch\u00f6n!&#8220; Lass mich das auch h\u00f6ren, sing mir das noch einmal!&#8220; &#8222;Neun&#8220;, sagte der Vogel, &#8222;zweimal sing ich nicht umsonst; gib mir den M\u00fchlenstein, so will ich das noch einmal singen.&#8220; &#8222;Ja&#8220;, sagte er, &#8222;wenn er mir allein geh\u00f6rte, so solltest du ihn haben.&#8220; &#8222;Ja&#8220;, sagten die anderen, &#8222;wenn er noch einmal singt, so soll er ihn haben.&#8220; Da kam der Vogel heran und die M\u00fcller fassten alle zwanzig mit B\u00e4umen an und hoben den Stein auf, &#8222;hu uh uhp, hu uh uhp, hu uh uhp!&#8220; Da steckte der Vogel den Hals durch das Loch und nahm ihn um wie einen Kragen und flog wieder auf den Baum und sang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Mein Mutter der mich schlacht,<br>mein Vater der mich a\u00df,<br>mein Schwester der Marlenichen<br>sucht alle meine Benichen,<br>bindt sie in ein seiden Tuch,<br>legt&#8217;s unter den Machandelbaum.<br>Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und als er das ausgesungen hatte, da tat er die Fl\u00fcgel auseinander und hatte in der echten Kralle die Kette und in der linken die Schuhe und um den Hals den M\u00fchlenstein, und flog weit weg zu seines Vaters Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stube sa\u00df der Vater, die Mutter und Marlenchen bei Tisch, und der Vater sagte: &#8222;Ach, was wird mir so leicht, mir ist so recht gut zumute.&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte die Mutter, &#8222;mir ist so recht angst, so recht, als wenn ein schweres Gewitter k\u00e4me.&#8220; Marlenchen aber sa\u00df und weinte und weinte. Da kam der Vogel angeflogen, und als er sich auf das Dach setzte, da sagte der Vater: &#8222;Ach, mir ist so recht freudig, und die Sonne scheint so sch\u00f6n, mir ist ganz, als sollte ich einen alten Bekannten wiedersehen!&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte die Frau, &#8222;mir ist angst, die Z\u00e4hne klappern mir und mir ist, als h\u00e4tte ich Feuer in den Adern.&#8220; Und sie riss sich ihr Kleid auf, um Luft zu kriegen. Aber Marlenchen sa\u00df in der Ecke und weinte, und hatte ihre Sch\u00fcrze vor den Augen und weinte die Sch\u00fcrze ganz und gar nass. Da setzte sich der Vogel auf den Machandelbaum und sang: &#8222;Meine Mutter die mich schlacht&#8220; &#8211; Da hielt sich die Mutter die Ohren zu und kniff die Augen zu und wollte nicht sehen und h\u00f6ren, aber es brauste ihr in den Ohren wie der allerst\u00e4rkste Sturm und die Augen brannten und zuckten ihr wie Blitze. &#8222;Mein Vater der mich a\u00df&#8220; &#8211; &#8222;Ach Mutter&#8220;, sagte der Mann, &#8222;da ist ein sch\u00f6ner Vogel, der singt so herrlich und die Sonne scheint so warm, und das riecht wie lauter Zinnamom.&#8220; (Zimt) &#8222;Mein Schwester der Marlenichen&#8220; &#8211; Da legte Marlenchen den Kopf auf die Knie und weinte in einem fort. Der Mann aber sagte: &#8222;Ich gehe hinaus; ich muss den Vogel in der N\u00e4he sehen.&#8220; &#8222;Ach, geh nicht&#8220;, sagte die Frau, &#8222;mir ist, als bebte das ganze Haus und st\u00fcnde in Flammen.&#8220; Aber der Mann ging hinaus und sah sich den Vogel an &#8211; &#8222;sucht alle meine Benichen, bindt sie in ein seiden Tuch, legt&#8217;s unter den Machandelbaum. Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit lie\u00df der Vogel die goldene Kette fallen, und sie fiel dem Mann gerade um den Hals, so richtig herum, dass sie ihm ganz wundersch\u00f6n passte. Da ging er herein und sagte: &#8222;Sieh, was ist das f\u00fcr ein sch\u00f6ner Vogel, hat mir eine so sch\u00f6ne goldene Kette geschenkt und sieht so sch\u00f6n aus.&#8220; Der Frau aber war so angst, dass sie lang in die Stube hinfiel und ihr die M\u00fctze vom Kopf fiel. Da sang der Vogel wieder: &#8222;Mein Mutter der mich schlacht&#8220; &#8211; &#8222;Ach, dass ich tausend Klafter unter der Erde w\u00e4re, dass ich das nicht zu h\u00f6ren brauchte!&#8220; &#8222;Mein Vater der mich a\u00df&#8220; &#8211; Da fiel die Frau wie tot nieder. &#8222;Mein Schwester der Marlenichen&#8220; &#8211; &#8222;Ach&#8220;, sagte Marlenchen, &#8222;ich will doch auch hinausgehen und sehn, ob mir der Vogel etwas schenkt?&#8220; Da ging sie hinaus. &#8222;Sucht alle meine Benichen, bindt sie in ein seiden Tuch&#8220; &#8211; Da warf er ihr die Schuhe herunter. &#8222;Legt&#8217;s unter den Machandelbaum. Kiwitt, kiwitt, wat v\u00f6r&#8217;n sch\u00f6\u00f6n Vagel b\u00fcn ik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da war ihr so leicht und fr\u00f6hlich. Sie zog sich die neuen roten Schuhe an und tanzte und sprang herein. &#8222;Ach&#8220;, sagte sie, &#8222;mir war so traurig, als ich hinausging, und nun ist mir so leicht. Das ist mal ein herrlicher Vogel, hat mir ein Paar rote Schuhe geschenkt!&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte die Frau und sprang auf, und die Haare standen ihr zu Berg wie Feuerflammen, &#8222;mir ist, als sollte die Welt untergehen; ich will auch hinaus, damit mir leichter wird.&#8220; Und als sie aus der T\u00fcr kam, bratsch! Warf ihr der Vogel den M\u00fchlstein auf den Kopf, dass sie ganz zerquetscht wurde. Der Vater und Marlenchen h\u00f6rten das und gingen hinaus. Da ging ein Dampf und Flammen und Feuer aus von der St\u00e4tte, und als das vorbei war, da stand der kleine Bruder da, und er nahm seinen Vater und Marlenchen bei der Hand und waren alle drei so recht vergn\u00fcgt und gingen ins Haus, setzten sich an den Tisch und a\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist nun lange her, wohl an die zweitausend Jahre, da war einmal ein reicher Mann, der hatte eine sch\u00f6ne fromme Frau, und sie hatten sich beide sehr lieb, hatten aber keine Kinder. 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