{"id":5539,"date":"2026-02-04T03:06:19","date_gmt":"2026-02-04T02:06:19","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5539"},"modified":"2026-02-04T03:06:20","modified_gmt":"2026-02-04T02:06:20","slug":"rapunzel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/rapunzel\/","title":{"rendered":"Rapunzel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Rapunzel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gebr. Grimm<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die w\u00fcnschten sich schon lange vergeblich ein Kind; endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erf\u00fcllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen pr\u00e4chtigen Garten sehen, der voll der sch\u00f6nsten Blumen und Kr\u00e4uter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin geh\u00f6rte, die gro\u00dfe Macht hatte und von aller Welt gef\u00fcrchtet wurde. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den sch\u00f6nsten Rapunzeln (Feldsalat) bepflanzt war, und sie sahen so frisch und gr\u00fcn aus, dass sie l\u00fcstern ward und das gr\u00f6\u00dfte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: &#8222;<em>Was&nbsp;<\/em>fehlt dir, liebe Frau?&#8220; &#8211; &#8222;Ach&#8220;, antwortete sie, &#8222;wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Haus zu essen kriege, so sterbe ich.&#8220; Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: &#8222;Eh&#8216; du deine Frau sterben lassest, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will.&#8220; In der Abendd\u00e4mmerung stieg er also \u00fcber die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und a\u00df ihn in vollem Hei\u00dfhunger auf. Er hatte ihr aber so gut, so gut geschmeckt, dass sie den andern Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abendd\u00e4mmerung wieder hinab; als er aber die Mauer hinabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. &#8222;Wie kannst du es wagen&#8220;, sagte sie mit zornigem Blick, &#8222;in meinen Garten zu steigen und mir wie ein Dieb meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen!&#8220; &#8211; &#8222;Ach&#8220;, antwortete er, &#8222;lasst Gnade vor Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen; meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein so gro\u00dfes Gel\u00fcste, dass sie sterben w\u00fcrde, wenn sie nicht davon zu essen bek\u00e4me.&#8220; Da lie\u00df die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: &#8222;Verh\u00e4lt es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung. Du musst mir das Kind geben, das euch der liebe Gott schenken wird; es soll ihm gut gehen, und ich will f\u00fcr es sorgen wie eine Mutter.&#8220; Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als das Kind zur Welt kam, erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Rapunzel ward das sch\u00f6nste Kind unter der Sonne. Als es zw\u00f6lf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag und weder Treppe noch T\u00fcr hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hineinwollte, stellte sie sich unten hin und rief.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Rapunzel, Rapunzel,<\/p>\n\n\n\n<p>Lass mir dein Haar herunter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Rapunzel hatte lange, pr\u00e4chtige Haare, fein wie gesponnenes Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, band sie ihre Z\u00f6pfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des K\u00f6nigs durch den Wald ritt und an dem Turm vor\u00fcberkam. Da h\u00f6rte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er stillhielt und horchte. Das war Rapunzel, die sich in ihrer Einsamkeit die Zeit damit vertrieb, ihre s\u00fc\u00dfe Stimme erschallen zu lassen. Der K\u00f6nigssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer T\u00fcr des Turmes, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz ger\u00fchrt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuh\u00f6rte, Als er einmal so hinter einem Baume stand, sah er, dass eine Zauberin herankam, und h\u00f6rte, wie sie hinaufrief:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Rapunzel, Rapunzel,<\/p>\n\n\n\n<p>Lass mir dein Haar herunter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da lie\u00df Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. Der K\u00f6nigssohn dachte: &#8222;Ist das die Leiter, auf der man hinaufkommt&#8216; so will ich auch einmal mein Gl\u00fcck versuchen.&#8220; Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Rapunzel, Rapunzel,<\/p>\n\n\n\n<p>Lass mir dein Haar herunter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Alsbald fielen die Haare herab, und der K\u00f6nigssohn stieg hinauf. Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten; doch der K\u00f6nigssohn fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden, und erz\u00e4hlte ihr, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr bewegt worden sei, dass es ihm keine Ruhe gelassen habe und er sie selbst habe sehen m\u00fcssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und sch\u00f6n war, so dachte sie: &#8222;Der wird mich lieber haben als die alte Frau Patin&#8220;, und sagte &#8222;Ja&#8220; und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: &#8222;Ich will gern mit dir gehn, aber ich wei\u00df nicht. wie ich hinabkommen kann. Wenn du kommst, so bring&#8216; jedes Mal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten, und wenn die fertig ist, so steige ich hinunter, und du nimmst mich auf dein Pferd.&#8220; Sie verabredeten, dass er bis dahin alle Abende zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: &#8222;Sag&#8216; Sie mir doch, Frau Patin, wie kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge K\u00f6nigssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.&#8220; &#8211; &#8222;Ach, du gottloses Kind&#8220;, rief die Zauberin, &#8222;was muss ich von dir h\u00f6ren! Ich dachte, ich h\u00e4tte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!&#8220; In ihrem Zorne packte sie die sch\u00f6nen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand, ergriff eine Schere mit der rechten, und ritsch ratsch waren sie abgeschnitten, und die sch\u00f6nen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine W\u00fcstenei brachte, wo sie in gro\u00dfem Jammer und Elend leben musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel versto\u00dfen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der K\u00f6nigssohn kam und rief:<\/p>\n\n\n\n<p>Rapunzel, Rapunzel,<\/p>\n\n\n\n<p>Lass mir dein Haar herunter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>da lie\u00df sie die Haare hinab. Der K\u00f6nigssohn stieg hinauf; aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit b\u00f6sen und giftigen Blicken ansah. &#8220; Aha&#8220; , rief sie h\u00f6hnisch, &#8222;du willst die Frau Liebste holen? Aber der sch\u00f6ne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. F\u00fcr dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.&#8220; Da geriet der K\u00f6nigssohn au\u00dfer sich vor Schmerz, und in der Verzweiflung sprang er vom Turm herab. Das Leben brachte er davon, aber die Domen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Nun irrte er blind im Walde umher, a\u00df nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen \u00fcber den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die W\u00fcstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und M\u00e4dchen, k\u00fcmmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihm so bekannt. Da ging er darauf zu, und wie er hinkam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tr\u00e4nen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er f\u00fchrte sie heim in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange gl\u00fccklich und vergn\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die w\u00fcnschten sich schon lange vergeblich ein Kind; endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erf\u00fcllen. 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