{"id":5537,"date":"2026-02-04T02:59:56","date_gmt":"2026-02-04T01:59:56","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5537"},"modified":"2026-02-04T02:59:56","modified_gmt":"2026-02-04T01:59:56","slug":"das-nusszweiglein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-nusszweiglein\/","title":{"rendered":"Das Nusszweiglein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Nusszweiglein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein reicher Kaufmann, der musste in seinen Gesch\u00e4ften in fremde L\u00e4nder reisen. Da er nun Abschied nahm, sprach er zu seinen drei T\u00f6chtern: \u201eLiebe T\u00f6chter, ich m\u00f6chte euch gerne bei meiner R\u00fcckkehr eine Freude bereiten, sagt mir daher, was ich euch mitbringen soll? \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00c4lteste sprach: \u201eLieber Vater, mir eine sch\u00f6ne Perlenhalskette! \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere sprach: \u201eIch w\u00fcnschte mir einen Fingerring mit einem Diamantstein \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Die J\u00fcngste schmiegte sich an des Vaters Herz und fl\u00fcsterte: \u201eMir ein sch\u00f6nes, gr\u00fcnes Nusszweiglein, V\u00e4terchen. \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGut, meine lieben T\u00f6chter! \u201e sprach der Kaufmann, \u201eich will mir es aufmerken und dann lebet wohl. \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Weit fort reiste der Kaufmann und machte gro\u00dfe Eink\u00e4ufe, gedachte aber auch treulich der W\u00fcnsche seiner T\u00f6chter. Eine kostbare Perlenhalskette hatte er bereits in seinen Reisekoffer gepackt, um seine \u00c4lteste damit zu erfreuen, und einen gleich wertvollen Diamantring hatte er f\u00fcr die mittlere Tochter eingekauft. Einen gr\u00fcnen Nusszweig aber konnte er nirgends gewahren, wie er sich auch darum bem\u00fchte. Auf der Heimreise ging er deshalb gro\u00dfe Strecken zu Fu\u00df und hoffte, da sein Weg ihn vielfach durch W\u00e4lder f\u00fchrte, endlich einen Nussbaum anzutreffen; doch dies war lange vergeblich, und der gute Vater fing an betr\u00fcbt zu werden, dass er die harmlose Bitte seines j\u00fcngsten und liebsten Kindes nicht zu erf\u00fcllen vermochte.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich, als er so betr\u00fcbt seines Weges dahin zog, der ihn just durch einen dunklen Wald und an dichtem Geb\u00fcsch vor\u00fcberf\u00fchrte, stie\u00df er mit seinem Hut an einen Zweig, und es raschelte, als fielen Schlossen darauf; wie er aufsah, war&#8217;s ein sch\u00f6ner, gr\u00fcner Nusszweig, daran eine Traube goldner N\u00fcsse hing. Da war der Mann sehr erfreut, langte mit der Hand empor und brach den herrlichen Zweig ab. Aber in demselben Augenblicke schoss ein wilder B\u00e4r aus dem Dickicht und stellt sich grimmig brummend auf die Hintertatzen, als wollte er den Kaufmann gleich zerrei\u00dfen. Und mit furchtbarer Stimme br\u00fcllte er: \u201eWarum hast du meinen Nusszweig abgebrochen, du? Warum? Ich werde dich auffressen. \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Bebend vor Schreck und zitternd sprach der Kaufmann: \u201eO lieber B\u00e4r, friss mich nicht, und lass mich mit dem Nusszweiglein meines Weges ziehen, ich will dir auch einen gro\u00dfen Schinken und viele W\u00fcrste daf\u00fcr geben! \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der B\u00e4r br\u00fcllte wieder: \u201eBehalte deinen Schinken und deine W\u00fcrste! Nur wenn du mir versprichst, mir dasjenige zu geben, was dir zu Hause am ersten begegnet, so will ich dich nicht fressen. \u201e Dies ging der Kaufmann gerne ein, denn er gedachte, wie sein Pudel gew\u00f6hnlich ihm entgegenlaufe, und diesen wollte er, um sich das Leben zu retten, gerne opfern. Nach derbem Handschlag tappte der B\u00e4r ruhig ins Dickicht zur\u00fcck; und der Kaufmann schritt, aufatmend, rasch und fr\u00f6hlich von dannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der goldene Nusszweig prangte herrlich am Hut des Kaufmanns, als er seiner Heimat zueilte. Freudig h\u00fcpfte das j\u00fcngste M\u00e4gdlein ihrem lieben Vater entgegen; mit tollen Spr\u00fcngen kam der Pudel hinterdrein, und die \u00e4ltesten T\u00f6chter und die Mutter schritten etwas weniger schnell aus der Haust\u00fcre, um den Ankommenden zu begr\u00fc\u00dfen. Wie erschrak nun der Kaufmann, als seine j\u00fcngste Tochter die erste war, die ihm entgegen flog! Bek\u00fcmmert und betr\u00fcbt entzog er sich der Umarmung des gl\u00fccklichen Kindes und teilte nach den ersten Gr\u00fc\u00dfen den Seinigen mit, was ihm mit dem Nusszweig widerfahren. Da weinten nun alle und wurden betr\u00fcbt, doch zeigte die j\u00fcngste Tochter den meisten Mut und nahm sich vor, des Vaters Versprechen zu erf\u00fcllen. Auch ersann die Mutter bald einen guten Rat und sprach: \u201e\u00c4ngstigen wir uns nicht, meine Lieben, sollte je der B\u00e4r kommen und dich, mein lieber Mann, an dein Versprechen erinnern, so geben wir ihm, anstatt unsrer J\u00fcngsten, die Hirtentochter, mit dieser wird er auch zufrieden sein.\u201c Dieser Vorschlag galt, und die T\u00f6chter waren wieder fr\u00f6hlich und freuten sich recht \u00fcber diese sch\u00f6nen Geschenke. Die J\u00fcngste trug ihren Nusszweig immer bei sich; sie gedachte bald gar nicht mehr an den B\u00e4ren und an das Versprechen ihres Vaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eines Tages rasselte ein dunkler Wagen durch die Stra\u00dfe vor das Haus des Kaufmanns, und der h\u00e4ssliche B\u00e4r stieg heraus und trat brummend in das Haus und vor den erschrockenen Mann, der Erf\u00fcllung seines Versprechens begehrend. Schnell und heimlich wurde die Hirtentochter, die sehr h\u00e4sslich war, herbeigeholt, sch\u00f6n geputzt und in den Wagen des B\u00e4ren gesetzt. Und die Reise ging fort. Drau\u00dfen legte der B\u00e4r sein wildes zotteliges Haupt auf den Schoss der Hirtin und brummte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGraue mich, grabble mich,<br>Hinter den Ohren zart und fein,<br>Oder ich fress&#8216; dich mit Haut und Bein! \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Und das M\u00e4dchen fing an zu grabbeln; aber sie machte es dem B\u00e4ren nicht recht, und er merkte, dass er betrogen wurde; da wollte er die geputzte Hirtin fressen, doch diese sprang rasch in ihrer Todesangst aus dem Wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf fuhr der B\u00e4r abermals vor das Haus des Kaufmanns und forderte furchtbar drohend die rechte Braut. So musste denn das liebliche M\u00e4gdlein herbei, um nach schwerem bittren Abschied mit dem h\u00e4sslichen Br\u00e4utigam fortzufahren. Drau\u00dfen brummte er wieder, seinen rauen Kopf auf des M\u00e4dchens Scho\u00df legend:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGraue mich, grabble mich,<br>Hinter den Ohren zart und fein,<br>Oder ich fress&#8216; dich mit Haut und Bein! \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Und das M\u00e4dchen grabbelte, und so sanft, dass es ihm behagte und dass sein furchtbarer B\u00e4renblick freundlich wurde, so dass allm\u00e4hlich die arme B\u00e4renbraut einiges Vertrauen zu ihm gewann. Die Reise dauerte nicht gar lange, denn der Wagen fuhr ungeheuer schnell, als brause ein Sturmwind durch die Luft. Bald kamen sie in einen sehr dunklen Wald, und dort hielt pl\u00f6tzlich der Wagen vor einer finsteren H\u00f6hle. Diese war die Wohnung des B\u00e4ren. Oh, wie zitterte das M\u00e4dchen! Und zumal da der B\u00e4r sie mit seinen furchtbaren Klauenarmen umschlang und zu ihr freundlich brummend sprach: \u201eHier sollst du wohnen, Br\u00e4utchen, und gl\u00fccklich sein, so du drinnen dich brav benimmst, dass mein wildes Getier dich nicht zerrei\u00dft. \u201e Und er schloss, als beide in der dunklen H\u00f6hle einige Schritte getan, eine eiserne T\u00fcre auf und trat mit der Braut in ein Zimmer, das voll von giftigem Gew\u00fcrm angef\u00fcllt war, welches ihnen gierig entgegenz\u00fcngelte. Und der B\u00e4r brummte seinem Br\u00e4utchen ins Ohr:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehe dich nicht um!<br>Nicht rechts, nicht links;<br>Gerade zu, so hast du Ruh! \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Da ging auch das M\u00e4dchen, ohne sich umzublicken, durch das Zimmer, und es regte und bewegte sich so lange kein Wurm. Und so ging es noch durch zehn Zimmer, und das letzte war von den scheu\u00dflichsten Kreaturen angef\u00fcllt, Drachen und Schlangen, Gift geschwollenen Kr\u00f6ten, Basilisken und Lindw\u00fcrmern. Und der B\u00e4r brummte in jedem Zimmer:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehe dich nicht um!<br>Nicht rechts, nicht links;<br>Gerade zu, so hast du Ruh! \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen zitterte und bebte vor Angst und Bangigkeit wie in Espenlaub, doch blieb sie standhaft, sah sich nicht um, nicht rechts, nicht links. Als sich aber das zw\u00f6lfte Zimmer \u00f6ffnete, strahlte beiden ein gl\u00e4nzender Lichtschimmer entgegen, es erschallte drinnen eine liebliche Musik, und es jauchzte \u00fcberall wie Freudengeschrei, wie Jubel. Ehe sich die Braut nur ein wenig besinnen konnte, noch zitternd vom Schauen des Entsetzlichen und nun wieder dieser \u00fcberraschenden Lieblichkeit &#8211; tat es einen furchtbaren Donnerschlag, also dass sie dachte, es breche Erde und Himmel zusammen. Aber bald ward es wieder ruhig. Der Wald, die H\u00f6hle, die Gifttiere, der B\u00e4r &#8211; waren verschwunden; ein pr\u00e4chtiges Schloss mit Gold geschm\u00fcckten Zimmern und sch\u00f6n gekleideter Dienerschaft stand daf\u00fcr da, und der B\u00e4r war ein sch\u00f6ner junger Mann geworden, war der F\u00fcrst des herrlichen Schlosses, der nun sein liebes Br\u00e4utchen an das Herz dr\u00fcckte und ihr tausendmal dankte, dass sie ihn und seine Diener, das Getier, so liebreich aus seiner Verzauberung erl\u00f6set.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nun so hohe, reiche F\u00fcrstin trug aber noch immer ihren sch\u00f6nen Nusszweig am Busen, der die Eigenschaft hatte, nie zu verwelken, und trug ihn jetzt nur noch umso lieber, da er der Schl\u00fcssel ihres holden Gl\u00fcckes geworden. Bald wurden ihre Eltern und ihre Geschwister von diesem freundlichen Geschick benachrichtigt und wurden f\u00fcr immer, zu einem herrlichen Wohlleben, von dem B\u00e4renf\u00fcrsten auf das Schloss genommen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Nusszweiglein Ludwig Bechstein Es war einmal ein reicher Kaufmann, der musste in seinen Gesch\u00e4ften in fremde L\u00e4nder reisen. 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