{"id":5520,"date":"2026-02-04T02:39:15","date_gmt":"2026-02-04T01:39:15","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5520"},"modified":"2026-02-04T02:39:16","modified_gmt":"2026-02-04T01:39:16","slug":"das-schokoladenschloss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-schokoladenschloss\/","title":{"rendered":"Das Schokoladenschloss"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Schokoladenschloss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlte den Kindern das M\u00e4rchen von H\u00e4nsel und Gretel und dem Kuchenh\u00e4uschen der Hexe, daran diese knusperten; und weil sie selber auch Hans und Grete hie\u00dfen, hatten sie doppelte Freude an der Geschichte. Zugleich aber funkelte ihnen die helle Begierde aus den blitzenden Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nicht wahr&#8220;, sprach die Gro\u00dfmutter l\u00e4chelnd, &#8222;so ein H\u00e4uschen m\u00f6chtet ihr auch wohl haben und den ganzen Tag daran knuspern und knabbern?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach ja&#8220;, sagte Gretchen, &#8222;das m\u00f6chte ich gar zu gern. Aber es brauchte gar kein richtiges gro\u00dfes Haus zu sein; mit einer ganz kleinen Hundeh\u00fctte w\u00e4r&#8216; ich auch schon zufrieden. Und sie brauchte nur aus gew\u00f6hnlichem Pfefferkuchen zu sein, Zuckerguss an den Fenstern w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig. Hundeh\u00fctten haben ja auch gar keine Fenster.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Oho&#8220;, rief nun aber H\u00e4nschen mit Eifer, &#8222;ich m\u00f6chte aber gerade ein ganz gro\u00dfes Schloss haben, so ein ganz wirkliches f\u00fcr Menschen und K\u00f6nige; und es m\u00fcsste von unten bis oben von Schokolade sein, innen mit F\u00fcllung, und die Fenster aus englischen Bonbons gemacht: das g\u00e4be sch\u00f6ne bunte Scheiben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr k\u00f6nnt beides haben&#8220;, sprach die Gro\u00dfmutter ernst, &#8222;ich habe eine Jugendfreundschaft mit der freundlichen Kuchenfee, die leicht solche Dinge schaffen kann: die braucht ihr nur aufzusuchen und ihr Gr\u00fc\u00dfe von mir zu bringen, so tut sie euch gern den kleinen Gefallen. Sie wohnt dr\u00fcben hinterm Schokoladensee; den findet ihr leicht, wenn ihr nur dem Geruche nachgeht; und seid ihr hin\u00fcbergefahren, braucht ihr nicht lange mehr zu suchen. Wenn ihr aber da seid, k\u00f6nnt ihr gleich auch mir einen guten Dienst erweisen. Ihr wisst, ich habe kranke Augen, die mir oft sehr weh tun: dagegen hilft nur eine gewisse Marzipansalbe, von der die Fee einen Vorrat hat. Davon sollt ihr mir eine Schachtel voll mitbringen, das ist mir wertvoller als ein Kuchenhaus, darin ich gar nicht wohnen m\u00f6chte; ich bin ja auch wohl keine alte Hexe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein&#8220;, riefen die Kinder, &#8222;das bist du nicht! Du bist die allerbeste Gro\u00dfmutter, die es auf der Welt gibt, nur dass du so h\u00e4ssliche triefende Augen hast. Und wir wollen jetzt hinlaufen und dir die Salbe besorgen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist aber eine Bedingung dabei&#8220;, sprach die Gro\u00dfmutter ein bisschen streng, &#8222;ihr d\u00fcrft unterwegs und auch bei der Fee nicht das kleinste Kr\u00fcmchen oder Tr\u00f6pfchen naschen, weder aus dem Schokoladensee trinken noch von dem Schloss oder der Hundeh\u00fctte knabbern oder auch nur lecken: sobald ihr das t\u00e4tet, verwandelt sich der Segen, der von der Fee in die Salbe mit einger\u00fchrt ist und der sie so heilkr\u00e4ftig macht, in den b\u00f6sesten Fluch, und ich muss elend erblinden, wenn ich sie aufstreiche.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gro\u00dfmutter&#8220;, fragte H\u00e4nschen nachdenklich, &#8222;wenn wir aber doch naschen, nicht wahr, dann bekomme ich auch mein Schloss nicht und Grete nicht ihre Hundeh\u00fctte?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O doch&#8220;, sprach die Gro\u00dfmutter, &#8222;diese guten Dinge bekommt ihr auf alle F\u00e4lle, ob ihr brav seid oder nicht; ich hab\u2018 es einmal versprochen, und sein Versprechen muss man halten, selbst Feinden und schlechten Menschen. Aber es w\u00e4re doch h\u00fcbsch von euch, wenn ihr blo\u00df der alten Gro\u00dfmutter zuliebe das Naschen unterlie\u00dfet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das wollen wir auch ganz bestimmt&#8220;, riefen beide eifrig, weil wir dich so lieb haben und du uns manchmal so sch\u00f6ne Sachen schenkst !&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie machten sich nun alsbald auf den Weg und gingen immer der Nase nach, bis sie den Schokoladensee fanden. Das war ein breites Gew\u00e4sser von dunkelbrauner Farbe, und obgleich es ziemlich dickfl\u00fcssig war, schlug es doch starke Wellen, und die trugen wei\u00dfe Schaumkronen von feinster Schlagsahne. Dicht am Ufer schwamm ein h\u00fcbsches Boot, das war ganz und gar aus Kuchenteig gebacken, und als Segel diente eine Windbeutelschale.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder stiegen ein, der Wind fiel in die Segel und trieb sie rasch auf die braune Fl\u00e4che hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ob es denn aber wirklich Schokoladensuppe ist, darauf wir fahren?&#8220; fragte H\u00e4nschen nach einer Weile. &#8222;Eigentlich m\u00fcsste man es doch erst probieren, ehe man so etwas glaubt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und er fing schon an, ein wenig den Finger auszustrecken.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, nein&#8220;, rief das Schwesterchen \u00e4ngstlich, &#8222;wir d\u00fcrfen nicht kosten, nicht das kleinste Tr\u00f6pfchen. sonst muss die Gro\u00dfmutter blind werden! Und das riecht man doch wohl, dass es wirklich Schokolade ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, das w\u00e4re doch kein Naschen\u00ab, meinte H\u00e4nschen trotzig, &#8222;es w\u00e4re blo\u00df Probieren. Und sieh mal, die Schlagsahne riecht man nicht, und das m\u00fcsste man doch wissen, ob es wirklich solche ist. Man soll doch immer so viel lernen und wissen, als man irgend kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Tu\u2018s nicht, tu\u2018s nicht!&#8220; bat Gretchen dringend. &#8222;Alles kann der Mensch ja doch nicht wissen, hat die Gro\u00dfmutter gesagt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nschen brummte ein wenig, dr\u00fcckte aber doch den Finger wieder ein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&#8222;O Gott&#8220;, seufzte er kl\u00e4glich nach einiger Zeit, &#8222;wenn das noch lange so dauert, werde ich seekrank; ich merke es schon im Magen. Wei\u00dft du, dagegen gibt es bekanntlich nur ein einziges Mittel: man muss etwas Kr\u00e4ftiges und Nahrhaftes essen und nicht zu knapp. Schokolade ist aber eine sehr nahrhafte Speise, das hat der Vater immer gesagt, und mit Schlagsahne ist sie nat\u00fcrlich noch doppelt so kr\u00e4ftig. Die Gro\u00dfmutter kann doch von mir nicht verlangen, dass ich um ihretwillen die Seekrankheit kriege und dann gewiss daran sterbe. Denke doch, wie sie sich um mich gr\u00e4men und weinen und sich damit erst recht die armen Augen verderben w\u00fcrde. Nein, nein, das muss ich verh\u00fcten.&#8220; Und er streckte von neuem den Zeigefinger aus. Aber Gretchen ergriff diesen mit entschlossener Hand und hielt ihn so fest, dass er nichts damit machen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sieh mal&#8220;, rief sie fr\u00f6hlich, &#8222;da ist schon das andere Ufer!&#8220; Wirklich kamen sie schnell n\u00e4her, landeten dort und stiegen aus dem Boot.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie traten in einen ausgedehnten Garten, den in der Mitte eine Allee von lauter gro\u00dfm\u00e4chtigen Baumkuchen durchschnitt, aus deren oberer \u00d6ffnung hohe Str\u00e4u\u00dfe von gezuckerten Fr\u00fcchten emporstiegen. H\u00e4nschen versuchte hie und da, sich eine der wei\u00dfen Zuckerzacken abzubrechen, aber die waren zu dick und stark, und Gretchen zog ihn auch jedes Mal schnell wieder vorw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sieh mal&#8220;, rief sie, &#8222;da ist schon das Haus, darinnen die gute Kuchenfee wohnt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so war es denn auch. Sie sahen ein stattliches Geb\u00e4ude, das aus riesigen Platten von Braunschweiger Honigkuchen gef\u00fcgt und mit Schokoladentafeln gedeckt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie herankamen, trat die Fee gerade aus der T\u00fcr und streckte ihnen freundlich beide H\u00e4nde entgegen. Sie war sehr sch\u00f6n anzusehen, etwas br\u00e4unlich von Antlitz, so von der Farbe, als wenn man Schlagsahne mit Schokolade recht gr\u00fcndlich mischt. Die Kinder k\u00fcssten ihr artig die Hand, wobei H\u00e4nschen heimlich ein klein wenig mit der Zunge leckte, weil die Hand auch so sch\u00f6n braun war. &#8222;Aber sie ist ja doch nicht von Schokolade, wenn sie auch beinahe so aussieht&#8220;, sprach er still zu sich selbst, &#8222;also ist es kein Naschen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und da hatte er recht: sie war von Fleisch und Bein, nur zarter und weicher als gew\u00f6hnliche Menschen; er meinte, es w\u00e4re, als wenn er ein seidenes Luftkissen k\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich wei\u00df schon, um was ihr gekommen seid&#8220;, sprach die sch\u00f6ne Fee mit einem g\u00fctigen L\u00e4cheln, &#8222;und ihr sollt alles haben, was ihr von mir begehrt, das Schloss aus Schokolade und die Hundeh\u00fctte aus Pfefferkuchen und die Augensalbe f\u00fcr meine alte Freundin. Nur eines m\u00fcsst ihr leisten: das Schloss und die H\u00fctte m\u00fcsst ihr selber aufbauen; das Baumaterial will ich euch geben, von welchem Stoffe ihr es haben wollt. Kommt nur herein in mein Warenlager.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder folgten ihr freudig ins Haus und fanden drinnen sch\u00f6ne, weite R\u00e4ume, ganz angef\u00fcllt mit Kuchen und S\u00fc\u00dfigkeiten und Schokoladenwerk von jeglicher Art, in so ungeheuren Massen und so verlockend zu sehen, dass ihnen das Wasser im Munde zusammenlief. Doch sie bezwangen ihr Gel\u00fcst und beschlossen, sich sogleich an die Arbeit zu begeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gretchen erbat sich sch\u00f6ne, dicke Pfefferkuchen, und erhielt sie und Sirup als M\u00f6rtel dazu. Nun kniete sie nieder,<\/p>\n\n\n\n<p>f\u00fcgte zuerst den Boden zusammen, dann die vier ,W\u00e4nde mit einer \u00d6ffnung vorn in der Mitte und w\u00f6lbte zuletzt eine t\u00fcchtige Decke. In einigen Stunden war sie mit der Arbeit fertig und klatschte in die H\u00e4nde vor gro\u00dfem Vergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4uschen aber schleppte sich einen gro\u00dfen Haufen von seinem Baustoff, Schokolade und Bonbons, zusammen, denn sein Schloss sollte ja viel gr\u00f6\u00dfer werden als das Haus der Fee mit allen R\u00e4umen und Lagern. Und er fing an mit gro\u00dfem Eifer zu bauen, dass er ganz verga\u00df, an Kosten und Naschen auch nur zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gretchen unterdessen fertig geworden war und zu Hans hin\u00fcberblickte, erfand sich\u2018s, dass er mit all seinem Flei\u00dfe erst ein winziges St\u00fcckchen der Untermauerung zustande gebracht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ja&#8220;, sagte die Fee, sein Werkchen betrachtend, &#8222;ein Jahr wird\u2018s wohl dauern, bis das erste Stockwerk hergestellt ist, und f\u00fcr den \u00dcberbau werden noch ein paar J\u00e4hrchen erforderlich sein. Dann wird\u2018s freilich etwas Feines, und du wirst mit Frau und Kindern bis an dein seliges Ende zu tun haben, bis du das Schloss wieder herunterknabberst. Das Schlimme ist f\u00fcr jetzt nur, dass du von meinen S\u00fc\u00dfigkeiten nichts naschen darfst, sonst wird die Salbe verdorben; und andere Speisen habe ich nicht. So wird\u2018s ein b\u00f6ses Hungern werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da fing der arme Junge bitterlich an zu weinen und wusste sich nicht zu helfen, wie er zu seinem Schlosse kommen<\/p>\n\n\n\n<p>sollte. Die Fee aber strich ihm tr\u00f6stend \u00fcbers Haar und sagte freundlich: &#8222;Ich will dir sagen, wie du es machen kannst: du f\u00e4hrst mit Gretchen jetzt nach Hause, und wenn du die Salbe, ohne zu naschen, gl\u00fccklich zur Gro\u00dfmutter bringst und ihre Augen geheilt werden, darfst du morgen und alle Tage wiederkommen und weiterbauen. Zu raten w\u00e4re jedoch, dass du dein Mittagessen mitbringst, damit du kr\u00e4ftig zur Arbeit bleibst; denn naschen darfst du auch k\u00fcnftig hier nicht, bis dein Schl\u00f6sschen vollendet ist: sobald du das t\u00e4test, w\u00fcrde dieses in sich zusammenst\u00fcrzen und f\u00fcr dich auf immer verloren sein.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da ward H\u00e4nschen wieder froh und ordentlich stolz darauf, dass er ein so gewaltiges Werk zu schaffen unternommen hatte, zu dem es jahrelanger Arbeit bedurfte; und er blickte mit etlicher Verachtung auf seiner Schwester armseliges Hundeh\u00fcttchen hernieder. Doch half er es ihr tragen bis zu dem Boote, und die Fee begleitete sie dorthin und gab Gretchen zum Abschied noch ein kleines Paket.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist ein Brief f\u00fcr die Gro\u00dfmutter darin&#8220;, sprach sie, ihnen die H\u00e4nde dr\u00fcckend, &#8222;und noch eine Kleinigkeit au\u00dferdem, die ihr beide noch nicht zu wissen braucht. H\u00fcte das P\u00e4ckchen wohl und lege es richtig in ihre H\u00e4nde. Und hier habt ihr jedes ein B\u00fcchschen mit Salbe. Gr\u00fc\u00dft sch\u00f6n und lebet wohl Und auf Wiedersehen, H\u00e4nschen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder stiegen ein und segelten wieder auf den dunkelbraunen See hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie in dessen Mitte gekommen waren, wo die Wogen am h\u00f6chsten gingen und die Schaumkronen am sch\u00f6nsten waren, konnte H\u00e4nschen dem herrlichen Anblick nicht mehr widerstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich will ja blo\u00df den Finger eintauchen&#8220;, sprach er zu sich selbst, ich m\u00f6chte doch wissen, wie sich das anf\u00fchlen mag. Von Naschen ist nat\u00fcrlich gar keine Rede.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und er tat nach seinen Gedanken und zog den Finger recht wohlig durch den Sahneschaum einer vor\u00fcberspritzenden Welle; und als er ihn wieder herausnahm, war der Finger ringsum wie von einer schneewei\u00dfen Wattedecke umh\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hielt ihn in die H\u00f6he und betrachtete ihn vergn\u00fcglich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Siehst du&#8220;, sprach er zu Gretchen, &#8222;ich kann das stundenlang ruhig so ansehen und kriege gar keine Lust zum Naschen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da freute sie sich mit ihm und glaubte ihm gern, weil sie selbst ihr Begehren so tapfer bezwingen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>indes er so spielte, kam eine Wespe, von dem Zuckerschaum angezogen, und setzte sich darauf, und als er sie fortjagen wollte, stach sie ihm in den Finger und flog davon. Vor Schmerz aufschreiend, steckte er unwillk\u00fcrlich den Finger in den Mund: als er nun aber sogleich den s\u00fc\u00dfen Wohlgeschmack auf der Zunge sp\u00fcrte, erschrak er nicht wenig. Und auch Gretchen, die es gesehen hatte, rief ihm hastig zu: &#8222;Spuck es aus! Spuck es aus!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Ruf kam zu sp\u00e4t: solcher S\u00fc\u00dfigkeit im Munde noch Widerstand zu leisten, ging \u00fcber seine Kraft; er schluckte den Sahneschaum bis auf das letzte Restchen hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald er den Nachgeschmack nicht mehr auf der Zunge hatte, kam \u00fcber ihn eine Wehmut und \u00fcber sein Schwesterchen auch.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach Gott, ach Gott&#8220;, klagten sie beide um die Wette, &#8222;nun ist die k\u00f6stliche Salbe gewiss verdorben, und die Gro\u00dfmutter muss blind werden, wenn sie die Augen damit bestreicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das braucht sie ja aber nicht zu tun&#8220;, bemerkte H\u00e4nschen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber geheilt wird sie dann auch nicht&#8220;, meinte Gretchen traurig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, wei\u00dft du&#8220;, sprach H\u00e4nschen, sich selber zu einem kleinen Trost, &#8222;wenn ich den Schaum auch ausgespuckt h\u00e4tte, etwas w\u00e4re doch im Munde h\u00e4ngengeblieben, geholfen h\u00e4tte es also doch nichts.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, das ist wahr&#8220;, best\u00e4tigte das Schwesterchen, &#8222;und wei\u00dft du was? Vielleicht gilt dies gar nicht als Naschen, weil du es doch nicht gewollt hast, sondern die Wespe daran schuld war; da bleibt die Salbe gewiss unverdorben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nschen dachte eine Weile tiefsinnig nach, wobei er den Finger wieder in den Mund steckte. &#8222;Ach nein, ach nein&#8220;, rief er dann auf einmal ganz hitzig, \u00bbgenascht habe ich doch, weil ich das Zeug verschluckt habe; daran ist nichts mehr zu \u00e4ndern. Aber sieh mal, weil das Ungl\u00fcck nun doch einmal geschehen ist und alles in einem hingeht, wollen wir wenigstens etwas davon haben und von der Schokolade mit Schlagsahne trinken, so viel wir irgend k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Gretchen weigerte sich, mitzutun, und sagte bestimmt:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mir w\u00fcrde es doch nicht schmecken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nschen aber fuhr eilig mit der M\u00fctze in die br\u00e4unliche Fl\u00fcssigkeit, lie\u00df diese hineinlaufen und trank in vollen Z\u00fcgen und trank und trank.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist die beste Schokolade, die ich jemals getrunken habe&#8220;, sprach er in einer Erholungspause, indem er nach Luft schnappte, &#8222;Mutters Sorte ist viel geringer.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als er endlich ganz satt war und gar nicht mehr konnte, bekam er Bauchweh, und als sie ans Land gestiegen waren, wurde er seekrank und es erging ihm ganz \u00fcbel.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber doch noch ein wenig \u00fcbler war ihm zumute, da er nun vor die Gro\u00dfmutter hintreten und weinend bekennen musste, was er getan hatte. Denn die Unwahrheit sagen konnte er doch nicht, dann w\u00e4re sie von der Salbe ja blind geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Frau schalt gar nicht und klagte auch nicht, sondern sprach ruhig zu Gretchen: &#8222;Deine Salbe, die rein geblieben ist von dem Fluche, wird mir immerhin wohl tun und meine Schmerzen ein wenig lindern. Ganz geheilt werden kann ich nun freilich vorl\u00e4ufig noch nicht, weil Hansens Salbe verdorben ist. Das Ablecken des Fingers h\u00e4tte ihr noch nichts geschadet, weil das fast ohne seine Schuld geschah; aber dass er sich nachher sogar Bauchschmerzen angetrunken hat, das hat das Heilmittel vergiftet. Trotzdem kann ich ihn nicht strafen, weil er mir nichts B\u00f6ses getan, sondern nur unterlassen hat, mir eine Wohltat zu erweisen. Auch sein Schokoladenschloss, das ich ihm verhie\u00df, soll ihm nicht vorenthalten werden, wenn es nun auch etwas anders aussieht, als er es sich wohl getr\u00e4umt hatte. Wer bescheidene W\u00fcnsche hat wie du, Gretchen, dem werden sie leichthin erf\u00fcllt ganz nach seinen Gedanken; wer zu hoch hinaus will, mag auch wohl etwas erreichen, aber meist in einer Gestalt, die ihm gar nicht mehr behagt. Sieh her, H\u00e4nschen, hier ist dein Schloss, das die Fee in diesem P\u00e4ckchen mir schickt. Und dazu schreibt sie, sie wisse im voraus,&nbsp;dass du naschen werdest und Gretchen nicht: sie kennt ihre Leute auf den ersten Blick. Es ist ein Schloss in nat\u00fcrlicher Gr\u00f6\u00dfe, wie die Menschen es brauchen und wie du es dir gew\u00fcnscht hast nur ist es statt aus Eisen aus Schokolade geformt. Von meinem Versprechen wird dir nichts abgezogen, du musst also zufrieden sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Worten wickelte sie aus dem P\u00e4ckchen ein gro\u00dfes T\u00fcrschloss, so eins zum Vorlegen an ein Scheunentor. Und sie legte einen eisernen Reifen um seinen Kopf, gerade unter der Nase hin; daran h\u00e4ngte sie das Schloss, dass es ihm gerade vor dem M\u00e4ulchen baumelte und er nur mit der ausgestreckten Zunge ein wenig daran lecken, nicht aber mit den Z\u00e4hnen es fassen konnte. Es war aber aus so harter Schokolade gebacken, dass er es auch mit den Fingern nicht zu zerbrechen vermochte, sondern vier Wochen daran lecken musste, bis er den Mund wieder ein wenig mehr frei hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gretchen verspeiste ihre Hundeh\u00fctte unterdessen und verdarb sich nur einmal jede Woche den Magen; sie h\u00e4tte dem Br\u00fcderchen gern etwas abgegeben; aber das schwere Schloss schlug ihr immer auf die Finger, dass sie &#8222;au!&#8220; sagte und zur\u00fcckfuhr. Da a\u00df sie den Kuchen lieber allein.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nschen aber soll&nbsp;in seinem Leben nicht wieder getuscht haben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schokoladenschloss Die Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlte den Kindern das M\u00e4rchen von H\u00e4nsel und Gretel und dem Kuchenh\u00e4uschen der Hexe, daran diese knusperten; und weil sie selber auch Hans und Grete hie\u00dfen, hatten sie doppelte Freude an der Geschichte. 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