{"id":5512,"date":"2026-02-04T02:27:23","date_gmt":"2026-02-04T01:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5512"},"modified":"2026-02-04T02:27:23","modified_gmt":"2026-02-04T01:27:23","slug":"schneider-haenschen-und-die-wissenden-tiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/schneider-haenschen-und-die-wissenden-tiere\/","title":{"rendered":"Schneider H\u00e4nschen und die wissenden Tiere"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Schneider H\u00e4nschen und die wissenden Tiere<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Ludwig Bechstein<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein Schuhmacher und ein Schneider sind einmal miteinander auf die Wanderschaft gegangen. Der Schuster hatte Geld, der Schneider aber war ein armer Schwartenhans. Beide hatten ein und dasselbe M\u00e4dchen lieb, welches Lieschen hie\u00df und jeder gedachte, es zu heiraten, wenn er sich ein gutes St\u00fcck Geld verdient habe und Meister geworden sei. Der Schuster, Peter genannt, war aller T\u00fccke voll und hatte ein schwarzes Herz, das Schneiderlein war gutm\u00fctig und leichtfertig, und sein Name war H\u00e4nschen. Erst hatte H\u00e4nschen nicht mit dem Peter zusammen wandern wollen, weil es kein Geld hatte, aber Peter, der auf eitel Bosheit gegen das Schneiderlein sann, weil jenes Lieschen das H\u00e4nschen gern sah und nicht den Peter, sann auf des Schneiderleins Verderben und sprach: \u201eKomm nur mit mir, ich habe Batzen, ich halte dich frei, auch wenn wir keine Arbeit bekommen. Alle Tage wollen wir uns dreimal t\u00fcchtig satt essen und satt trinken. Ist dir das nicht recht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVon satt essen und satt trinken bin ich ja ein Freund!\u201c antwortete H\u00e4nschen, und beide schn\u00fcrten ihre R\u00e4nzel und traten ihre Wanderschaft an. Neun Tage lang gingen sie und fanden nirgends Arbeit, zumal Peter keine finden mochte und, wenn auch H\u00e4nschen Arbeit h\u00e4tte haben k\u00f6nnen, diesen immer verlockte, sie nicht anzunehmen, sondern mit ihm zu wandern. Nun, nach den neun Tagen sprach Peter: \u201eH\u00e4nschen, mein Geld nimmt ab, soll es noch eine Weile reichen, so d\u00fcrfen wir von jetzt an des Tages nur zweimal essen und trinken.\u201c \u201eO weh!\u201c seufzte H\u00e4nschen, \u201ewird schon jetzt Schmalhans unser Wandergeselle? W\u00e4re ich doch nicht mit dir gegangen! Hungern konnte ich auch daheim! Dort h\u00e4tte ich doch was Liebes, was mir den Hunger vers\u00fc\u00dft h\u00e4tte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Peter, der w\u00e4hrend des Weitermarsches stets die Speisen kaufte, a\u00df sich heimlich dicksatt, denn er hatte Geld genug dazu, aber H\u00e4nschen gab er t\u00e4glich nur zweimal und hatte seine Freude daran, wenn seinem Gef\u00e4hrten der Magen murrte und knurrte und sich, nach dem Sprichwort, die Betteljungen in H\u00e4nschens Leibe pr\u00fcgelten.<\/p>\n\n\n\n<p>So gingen abermals neun Tage hin, und noch immer fand sich keine Arbeit, da sprach Peter: \u201eLiebes H\u00e4nschen, mit meinem Gelde wird es bald Matth\u00e4i am letzten sein &#8211; es langt wahrlich nimmer zu vier Mahlzeiten t\u00e4glich, zwei f\u00fcr dich, zwei f\u00fcr mich. Mein Geldbeutel hat die galoppierende Schwindsucht. Schau her, es ist so d\u00fcnn wie ein Spulwurm. Wir k\u00f6nnen von jetzt an uns nur einmal t\u00e4glich s\u00e4ttigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch, ach Peterlein!\u201c klagte H\u00e4nschen. \u201eIn welches Ungl\u00fcck hast du mich gebracht! Das halt ich ja nicht aus! Sieh mich doch nur an, ich bin ja schon so d\u00fcnne und durchsichtig, dass ich schier kaum noch einen Schatten werfe. Wo soll denn das zuletzt hinaus?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchnalle einen Schmachtriemen um!\u201c lachte Peter. \u201e\u00dcbe dich in der Tugend der Enthaltsamkeit. Tritt in einen M\u00e4\u00dfigkeitsverein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat sich was einzutreten\u201c, jammerte das Schneiderlein. \u201eIch meint, wir w\u00e4ren schon mitten in der M\u00e4\u00dfigkeit!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was half aber nun alles, es musste gut tun, wohl oder \u00fcbel; H\u00e4nschen hungerte tapfer, dass er aber nicht zunahm an Leibesf\u00fclle, kann sich jeder denken. Er wurde rasseld\u00fcrr, und sein Angesicht bekam eine Farbe wie Hauszwirn. Und immer gab es keine Arbeit, und nun zumal erst recht nicht, denn die Meister sprachen: \u201eReise mit Gott, Bruder Mondschein! Wie kann so ein Kerlchen etwas sch\u00f6nes n\u00e4hen, dem sein ganzes eigenes Gestelle aus der Naht rei\u00dft? Schneider d\u00fcrfen von Natur d\u00fcnn sein, aber nur was recht ist &#8211; so dann, dass man sie statt N\u00e4hgarns einf\u00e4deln kann, d\u00fcrfen sie doch nicht sein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nslein weinte hei\u00dfe Tr\u00e4nen, wenn er solche lose Reden zu h\u00f6ren bekam, und der schlechte Peter frohlockte heimlich und innerlich dar\u00fcber, und als wiederum neun Tage vergangen waren und H\u00e4nschen vor Hunger fast am Wege liegenblieb, da sprach der falsche Peter: \u201eBruderherz &#8211; es tut mir leid und schneidet mir in die Seele, dass ich&#8217;s sagen muss, aber mein Geldbeutel ist jetzt ganz auf den Hund &#8211; mit Essen und Trinken bei B\u00e4cker und Wirt ist es nun ganz und gar vorbei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDass es Gott erbarm!\u201c schrie H\u00e4nschen. \u201eGar nicht mehr essen und trinken? Da steht mir der Verstand stille! Wer kann das aushalten? O wehe, wehe mir! Dass ich dir folgte! Wehe dir, dass du mich so verlockt hast!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Himmel, wie du gleich au\u00dfer dir geraten kannst, H\u00e4nschen!\u201c rief Peter. \u201eAls ob es nicht zu trinken vollauf g\u00e4be!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWo? Wo?\u201c rief H\u00e4nschen mit lechzender Zunge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00dcberall! Wasser, Bruderherz! Wasser!\u201c lachte Peter. \u201eWasser ist sehr gesund, es verd\u00fcnnt Blut und S\u00e4fte, es heilt die meisten Krankheiten, es st\u00e4rkt die Glieder. Siehst du, ich muss ja auch Wasser trinken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber Wasser ist kein Essen!\u201c klagte H\u00e4nschen. \u201eVon Luft kann ich nicht leben, also schaffe mir zu essen, oder ich muss ins Gras bei\u00dfen und Erde kauen. Etwas muss ich zu kauen haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun, ich will zum B\u00e4cker gehen und f\u00fcr das letzte Geld ein Br\u00f6tchen kaufen, das will ich redlich mit dir teilen!\u201c sagte der falsche Peter, hie\u00df H\u00e4nschen auf einen Stein sitzen und ging zu einem B\u00e4cker, kaufte dort vier Br\u00f6tchen, a\u00df drei davon gleich auf und trank einen Schnaps dazu &#8211; dann kam er wieder zu H\u00e4nschen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber Peter!\u201c sprach das hungrige Schneiderlein: \u201eDu bleibst sehr lange aus. Gib mir zu essen, die Ohnmacht wandelt mich an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe erst warten m\u00fcssen, bis das Brot sich abgek\u00fchlt hatte\u201c, verteidigte sich Peter, \u201ewarmes Brot ist nicht gut in einen leeren Magen. Hier hast du deine H\u00e4lfte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePeter, du riechst nach Schnaps!\u201c sprach H\u00e4nschen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo?\u201c fragte Peter, \u201ekann schon sein, drinnen trank einer, der stie\u00df an mich und sch\u00fcttete mir aus Ungeschick ein paar Tropfen auf mein Gewand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nschen verschlang sein halbes Br\u00f6tchen mit Wolfshunger, stillte mit Wasser seinen Durst und wanderte weiter mit seinem treulosen Gef\u00e4hrten. Beide sprachen fast nichts mehr miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es bald Abend wurde und beide wieder durch ein Dorf kamen, ging Peter wieder zu einem B\u00e4cker, a\u00df sich satt und kam mit einem Br\u00f6tchen aus dem Laden. Hans dachte, jener werde das Br\u00f6tchen mit ihm teilen, aber Peter schob es in die Tasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Weile sprach H\u00e4nschen, als sie das Dorf im R\u00fccken hatten und in einen Wald gelangt waren: \u201eNun, Peter! R\u00fccke heraus mit deinem Br\u00f6tchen! Mich hungert \u00e4u\u00dferst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMich nicht\u201c, antwortete Peter ganz kurz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht?\u201c schrie H\u00e4nschen erschrocken und blieb stehen, und seine Beine zitterten. \u201eUnmensch, der du bist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielfra\u00df, der du bist!\u201c h\u00f6hnte Peter. \u201eBei dir trifft doch recht zu, was ich immer habe sagen h\u00f6ren: je d\u00fcrrer ein Kerl ist, eine umso bessere Klinge schl\u00e4gt er. Das Br\u00f6tchen, das ich noch bei mir trage, ist, wie du sehr richtig bemerktest, mein Br\u00f6tchen, und du bekommst nicht eine Krume davon, weil du gesagt hast Unmensch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo muss ich ja Hungers sterben!\u201c schrie H\u00e4nschen in Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStirb in Gottes Namen!\u201c antwortete Peter. \u201eDie Leichentr\u00e4ger werden sich an dir keinen Schaden heben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber ich bitte dich um Gottes willen!\u201c jammerte H\u00e4nschen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUm was?\u201c fragte Peter lauernd.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUm die H\u00e4lfte deines Br\u00f6tchens!\u201c stammelte H\u00e4nschen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUmsonst ist der Tod &#8211; es hat mich mein allerletztes Geld gekostet. Wie viel Geld k\u00f6nnte ich noch haben, h\u00e4tte ich mich nicht mit dir geschleppt und dich gef\u00fcttert!\u201c sprach Peter aufs neue.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber du selbst hast mich ja beredet, mit dir zu gehen!\u201c warf H\u00e4nschen ein, doch machten \u00c4rger und Hunger ihm schon schwer, die Worte hervor zu w\u00fcrgen. Seine Zunge klebte am Gaumen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGibst du mir, so gebe ich dir\u201c, nahm Peter wieder das Wort. \u201eMir ist mein Br\u00f6tchen so lieb wie meine Aug\u00e4pfel, folglich ist es zwei Aug\u00e4pfel wert. Gib mir einen deiner Aug\u00e4pfel f\u00fcr die H\u00e4lfte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGott im Himmel! Wie strafst du mich, dass ich diesem folgte!\u201c wimmerte H\u00e4nschen, denn schreien konnte das arme Schneiderlein schon vor Schw\u00e4che nicht mehr &#8211; doch streckte es die Hand nach dem halben Br\u00f6tchen aus und s\u00e4ttigte sich, und dann stach ihm Peter den einen Augapfel aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Tage wiederholte sich alles Traurige des vorigen Tages bei den zwei Wandergesellen. Peter kaufte wieder ein Br\u00f6tchen und gab H\u00e4nschen nichts davon, und wollte das andere Auge H\u00e4nschens f\u00fcr dessen H\u00e4lfte haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber dann bin ich ja stockblind!\u201c jammerte das Schneiderlein. \u201eDann kann ich ja nicht mehr arbeiten! Ohne ein Auge mindestens kann ich doch nicht einf\u00e4deln!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer blind ist\u201c, tr\u00f6stete der hart- und schwarzherzige Peter mit heimlichem Hohne, \u201eder hat es gut. Er sieht nicht mehr, wie b\u00f6se, falsch und treulos die Welt ist; er braucht nicht mehr zu arbeiten, denn er hat eine triftige Entschuldigung, und einem armen Blinden gibt auch der Geizigste zur Not noch eine Gabe. Du kannst noch reich werden als blinder Bettler, w\u00e4hrend ich mich armselig durch die Welt schleppen muss. Sollte dies eintreten, so werde ich zu dir kommen und du wirst mich noch als deinen besten Wohlt\u00e4ter segnen und deinen Reichtum mit mir teilen, wie ich bisher meine Armut mit dir geteilt habe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nschen vermochte auf diese teuflische Rede gar nichts mehr zu erwidern &#8211; er lie\u00df alles mit sich geschehen und gab, um nur nicht Hungers zu sterben, dem treulosen Gef\u00e4hrten auch den zweiten Augapfel preis. Und als das geschehen war und H\u00e4nschen hoffte, dass der Peter ihn nun leiten und fuhren werde, sprach dieser: \u201eNun gehabe dich recht wohl, mein gutes dummes H\u00e4nschen! Hier habe ich dich haben wollen. Hier ist Bettelmanns Umkehr. Jetzt wandre ich wieder heim und heirate unser Lieschen. \u00c4tsch! Siehe du zu, wohin du kommst!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Fort ging Peter, und H\u00e4nschen schwanden vor K\u00f6rper und Seelenschmerz eine Zeitlang v\u00f6llig die Sinne, so dass er umsank und wie tot am Wege lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kamen drei Wanderer des Weges daher, aber keine zweibeinigen, sondern zuf\u00e4llig vierbeinige, das waren ein B\u00e4r, ein Wolf und ein Fuchs. Sie berochen den Ohnm\u00e4chtigen, und der B\u00e4r brummte: \u201eDieses Manntier ist tot! M\u00f6gt ihr ihn? Ich mag ihn nicht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe vor einer Stunde erst ein frisches Schaf verspeist, habe jetzt keinen Hunger, auch ist ja der Kerl so d\u00fcrr und so hart wie ein Baumast!\u201c sprach der Wolf. \u201eDa w\u00e4re mir leid um meine Z\u00e4hne, die ich weiter brauche.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieser Held muss ein Schneider gewesen sein!\u201c sp\u00f6ttelte der Fuchs. \u201eMir ist eine fette Gans lieber als ein d\u00fcrrer Schneider. W\u00e4re er ein K\u00fcrschner gewesen, so w\u00fcrde ich ihm die Nase abbei\u00dfen &#8211; so aber liegt er mir gut. Er ist ja blind gewesen, der hat gewiss nie einen Fuchs geschossen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das arme Schneiderlein kam wieder zu sich, merkte seine Gesellschaft und hielt den Odem an sich, so gut es ging, w\u00e4hrend die drei Tiere sich gar nicht weit von ihm behaglich ins Gr\u00fcne lagerten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBlind zu sein, ist ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck\u201c, sprach der Fuchs, \u201esowohl f\u00fcr uns edle Tiere als f\u00fcr die schlechten zweibeinigen Gabeltiere, die sich Menschen nennen und sich so klug d\u00fcnken und so f\u00fcrchterlich dumm sind, dass sie gar nichts wissen. W\u00fcssten sie, was ich wei\u00df, so g\u00e4be es keine Blinden mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOho!\u201c rief der Wolf. \u201eIch wei\u00df auch, was ich wei\u00df. W\u00fcssten das die Manntiere in der nahen K\u00f6nigsstadt, so litten sie nicht den gebrannten Durst, den sie leiden, und kauften nicht ein Schnapsgl\u00e4schen voll Wasser um eine Krone.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHm hm!\u201c brummte der B\u00e4r. \u201eUnsereiner ist auch nicht auf den Kopf gefallen. Auch mir ist ein Geheimnis kund. Sagt ihr mir das eure, sage ich euch das meine, aber bei Leib und Leben darf keiner von uns den andern verraten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein das d\u00fcrfen und wollen wir nicht tun!\u201c gelobte der Fuchs.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs muss einer dem andern feierlich die rechte Pfote darauf geben!\u201c bekr\u00e4ftigte der Wolf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTopp, es gilt!\u201c sprach Petz, und hielt seine haarige Tatze hin, und wie die andern einschlugen, so dr\u00fcckte und sch\u00fcttelte der B\u00e4r zum Spa\u00df ihre Pfoten so, dass sie vor Schmerz laut aufheulten, davon dem blinden Schneiderlein angst und bange wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df\u201c, begann der Fuchs, als der B\u00e4r ihn ob seines Zartgef\u00fchles ausgelacht und wieder beg\u00fctigt hatte, \u201edass heute eine besonders heilige Nacht ist; in dieser f\u00e4llt Himmelstau auf Gras und Kraut. Wer blind ist, darf nur mit dem Tau seine Augen salben, so wird er wieder sehend, und selbst wenn er keine Aug\u00e4pfel mehr hat, so bekommt er neue.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist ein sch\u00f6nes Geheimnis\u201c, sprach der Wolf, \u201emeins ist aber auch nicht zu verachten. In der K\u00f6nigsstadt ist das Wasser ausgeblieben, und die Leute dort leben jetzt fast nur vom Geist, wenigstens sagen sie so, wenn es aber noch ein Weilchen so fort geht, so werden sie ihren Geist ganz aufgeben m\u00fcssen. Gleichwohl haben sie Wasser die F\u00fclle unter sich und wissen es nur nicht. Auf dem Markte mitten im Pflaster liegt ein Grauwackenstein, wenn der aufgehoben wird, so wird ein Wasserp\u00fctz turmhoch aus dem Boden springen. Ach, wie froh w\u00fcrden die Residenzst\u00e4dter sein, und wie heilsam w\u00e4re es ihnen, wenn sie wieder Wasser h\u00e4tten. Dass aber keiner von euch es ihnen sagt, sonst bei\u00dfe ich jedem die Zunge im Maule ab!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNichts wird gesagt, Bruder Isegrimm!\u201c sprach Herr Braun und brummelte: \u201eWas ich wei\u00df, ist dieses: Seit sieben Jahren kr\u00e4nkelt des K\u00f6nigs einzige Tochter, und kein Doktor kann ihr helfen, weil keiner wei\u00df, was ihr fehlt, wie wunderklug sich auch alle d\u00fcnken. Gar manchen Rat gaben schon insgeheim des K\u00f6nigs Geheimr\u00e4te, aber es ist nichts R\u00e4tliches davon an den Tag gekommen. Die Krankheit der K\u00f6nigstochter ist so gestiegen, dass der K\u00f6nig verheilen hat, sie dem zur Gemahlin zu geben, der ihr hilft, um sie nur beim Leben erhalten zu sehen; es kann aber keiner helfen, der das nicht wei\u00df, was ich wei\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu machst uns neugierig, hochgn\u00e4diger Herr K\u00f6nig Braun!\u201c sprach der Wolf, und Petz brummte: \u201eNur Geduld, es kommt schon noch. Werdet doch ein wenig warten gelernt haben?\u201c Darauf schnaubte der B\u00e4r erst einmal geh\u00f6rig aus und fuhr dann fort: \u201eDie Prinzessin K\u00f6nigstochter sollte in der Kirche ein Goldst\u00fcck in den Opferstock werfen, sie war aber noch sehr jung und befangen und \u00e4ngstlich und sch\u00e4mte sich vor den vielen Leuten in der Kirche und warf das Goldst\u00fcck etwas ungeschickt, dass es daneben und in eine Spalte fiel. Darauf wurde sie von ihrer Krankheit befallen, die nicht fr\u00fcher enden wird, bis man das Goldst\u00fcck hervorzieht und in die Ritze des Opferstockes einwirft. Solche Kur ist kinderleicht, es d\u00fcrfte nur einer hingehen und das Goldst\u00fcck suchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Tiere sich einander so ihre Geheimnisse mitgeteilt hatten, erhoben sie sich aus ihrer Ruhe und gingen weiter; H\u00e4nschen aber war heilfroh \u00fcber das, was er geh\u00f6rt hatte. Er bestrich sich eilend mit dem bereits gefallenen Himmelstau die Augen, da wuchsen ihm neue klare Aug\u00e4pfel, und er sah die goldenen Sterne am Himmel blinken und die dunklen Wipfel der Waldesb\u00e4ume. Bald brach der Morgen an, und H\u00e4nschen sah nun Weg und Steg und wanderte, neu gest\u00e4rkt, der Stra\u00dfe entlang. In einigen D\u00f6rfern, durch die er kam, erfocht er so viel, dass er seinen neuerwachten Hunger und Durst stillen konnte, und endlich kam er in die Stadt, in welcher der Wassermangel so gro\u00df war, dass alle Leute Wein und viele Schn\u00e4pse tranken, welche sie Lik\u00f6r nannten.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nschen hatte kein Geld f\u00fcr Lik\u00f6re; er trat zu einer Wirtin und bat, ihm ein gro\u00dfes Glas Wasser zu reichen. Die Wirtin sah ihn daf\u00fcr sehr gro\u00df an und schalt: \u201eSehe mir einer den Lump! Hat nicht einmal Geld, einen Lik\u00f6r zu bezahlen, und will Wasser zechen! Meint der Mosj\u00f6, Herr von Fadenschein, das Wasser quelle nur so f\u00fcr nichts und wieder nichts? Es koste kein Geld? O weit gefehlt. Wisch Er sich das Maul von wegen dem Wasser; Wein oder Lik\u00f6r kann Er haben, mit Wasser kann ich nicht dienen, zumal in so gro\u00dfer Menge nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLiegt man hier wirklich so krank an der Wassersucht, wie ich drau\u00dfen vernommen?\u201c fragte H\u00e4nschen. \u201eEi, wozu habt ihr denn hier Magistrat und Gemeinderat? Ist kein Moses im Stadtrate, der Wasser aus dem Felsen schl\u00fcge? Eure Krankheit wollte ich bald kuriert haben; ich bin ein Brunnenarzt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Worte vernahmen einige junge Ratsherren, welche bei der Wirtin teils auch Lik\u00f6re, teils Champagnerwein tranken; sie taten dies nur aus Ermangelung des Wassers, sonst w\u00fcrden sie es gewiss nicht getan haben, denn sie nannten den Champagner Gift und \u00c4quinoktials\u00e4ure, und ohne die \u00e4u\u00dferste Not wird sicherlich niemand Gift oder solcherlei S\u00e4uren zu sich nehmen. Diese jungen Herren umringten H\u00e4nschen und fragten hastig, wie er es anstellen wolle, dem Mangel abzuhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine hochverehrtesten Herren\u201c, sprach H\u00e4nschen, \u201ewenn ich solchen Mangel hier abstellen soll, so tut n\u00f6tig sein, dass ich erst angestellt werde. Soll ich euch geheimen Rat erteilen, so w\u00fcrde eine mir zugeteilte kleine Geheimeratsbesoldung &#8211; so vier- bis sechstausend T\u00e4lerchen allj\u00e4hrlich mich zu Dank vergn\u00fcgt machen. Dann solltet ihr Herren aber auch sehen, dass ich etwas leiste, was sich nicht von allen Geheimr\u00e4ten r\u00fchmen l\u00e4sst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die jungen Ratsherren gaben dem Schneiderlein zu verstehen, es m\u00f6ge nicht sticheln und nicht so anz\u00fcglich reden, das k\u00f6nne man in der geistreichen Residenz nicht vertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNanu!\u201c entgegnete H\u00e4nschen. \u201eWenn ein Kleiderk\u00fcnstler nicht mehr sticheln und anz\u00fcglich reden soll, da h\u00f6rt alles auf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache wurde nun im Gemeinderate und vom Magistrate reiflich erwogen, und alle Stimmen einigten sich in dem Rufe: \u201eWasser um jeden Preis &#8211; ehe wir im Sande totalit\u00e4r vertrocknen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Magistrat stellte hierauf die Not gemeiner Stadt dem K\u00f6nige vor und auch das Mittel zu deren Abhilfe und bat Seine Majest\u00e4t, in Gnaden zu geruhen, f\u00fcr den fremden Brunnenarzt ein Geheimeratsdekret ausfertigen zu lassen, die Besoldung solle aus st\u00e4dtischen Mitteln gern bestritten werden. Der K\u00f6nig willfahrete mit v\u00e4terlicher Huld diesem Gesuche und lie\u00df das Dekret ausfertigen, jedoch &#8211; durch Erfahrungen gewitzigt &#8211; mit dem Vorbehalte, dass selbes nicht eher in Kraft trete, bis hinl\u00e4ngliches Wasser geschafft sei &#8211; sonst solle es nichts gelten, da schon so viele Versprechungen von ausw\u00e4rts hergewanderten Fremdlingen zwar zu Wasser geworden seien, aber zu keinem nutzbaren. H\u00e4nschen begab sich nun in Begleitung einer schnell ernannten Wasserkommission auf den Markt, sah schon von weitem den grauen Quader &#8211; sprach zu den Technikern der Kommission: diesen Stein lasset ausbrechen, ihr Herren! &#8211; und als dies geschah, so rauschte pl\u00f6tzlich der Strahl eines Springbrunnens stark und m\u00e4chtig und turmhoch in die Luft und quoll so viel Wasser aus, dass auf der Stelle in allen Kaufl\u00e4den der Residenz die Preise der wasserdichten Zeuge um das Doppelte in die H\u00f6he gingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut erscholl durch die ganze K\u00f6nigsresidenz das Lob des Wasserdoktors; fast h\u00e4tte man ihn, wie den Schneider Hans Bockhold von Leiden, zum Propheten gemacht und ihn in Opern voll Pomp und Unsinn verherrlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch desselben Tages wurde der neue Herr Geheimrat, der sich indessen mit Staatskleidern, Staatswagen und Dienerschaft versehen hatte, an den Hof gerufen und fuhr stolz in den Palast. Der K\u00f6nig sagte ihm vieles Freundliche und schenkte ihm in Anerkennung seines Verdienstes um die Haupt- und Residenzstadt einen sch\u00f6nen Orden, am gewasserten Bande zu tragen. Sehr bald lenkte sich das Gespr\u00e4ch auf die Krankheit der K\u00f6nigstochter, und der K\u00f6nig fragte den neuen Geheimrat, ob er als geschickter Wasserdoktor vielleicht f\u00fcr die Prinzessin eine Brunnenkur heilsam finde. \u201eNein, Euer Majest\u00e4t\u201c, erwiderte der Geheimrat. \u201eEinmal mit Wasser mich befasst, und nicht wieder. Lasse mich Eure Majest\u00e4t der Gnade teilhabt werden, Allerh\u00f6chste Prinzessin Tochter zu sehen, so hoffe ich zuversichtlich den Sitz ihrer Krankheit zu ergr\u00fcnden.\u201c Dar\u00fcber war der K\u00f6nig \u00fcber alle Ma\u00dfen froh und f\u00fchrte den Doktor selbst zu der kranken Prinzessin. Der f\u00fchlte ihr den Puls und sah, dass sie sehr sch\u00f6n war. Dann sprach er: \u201eGro\u00dfm\u00e4chtigster K\u00f6nig, wenn die allerdurchlauchtigste Prinzessin genesen soll, so kann dies nicht durch irdische Medizin geschehen, sondern durch g\u00f6ttliche Hilfe; gestatten Allerh\u00f6chst dieselben, dass wir die Kranke in die Hofkirche tragen lassen, dort wird sie wohl genesen.\u201c Dieser Vorschlag ward vom K\u00f6nige alsbald gutgehei\u00dfen, denn er war sehr fromm und freute sich, einen so frommen neuen Geheimrat gewonnen zu haben. In der Kirche lie\u00df sich der Heilk\u00fcnstler von der Prinzessin den Opferstock zeigen, suchte nach und fand in einer Ritze das Goldst\u00fcck. Dieses gab er der erleuchten Kranken in die Hand und ersuchte sie, dasselbe nun richtig in den Stock zu werfen. Selbiges tat die Prinzessin, und alsbald wurde sie v\u00f6llig gesund und begann wie eine Rose aufzubl\u00fchen. So f\u00fchrte sie nun der Geheimrat zu dem K\u00f6nige. Was da f\u00fcr eine gro\u00dfe Freude war, ist gar nicht zu schildern. Aus dem Geheimrat wurde alsbald rasch nacheinander ein Reichsrat, ein Standesherr, ein Graf, ein F\u00fcrst &#8211; und aus diesem ein Br\u00e4utigam der genesenen Prinzessin.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Hochzeit fahren die Neuverm\u00e4hlten auf einer Rundreise durch das Land, da kamen sie auch durch das Dorf, aus welchem der F\u00fcrst j\u00fcngst als H\u00e4nschen gewandert war. Da stand am Wirtshaus ein Scherenschleifer und schliff, und seine Frau drehte ihm das Rad &#8211; und da waren&#8217;s der Peter und das Lieschen, die den Peter erst durchaus nicht haben wollte, ihn aber am Ende doch nahm, weil er ihr zuschwur, H\u00e4nschen werde sie nie wieder sehen. H\u00e4nschen kannte gleich den Peter am falschen Gesicht, rief dem Kutscher zu: \u201eHalt!\u201c und jenem rief er zu: \u201ePeter!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Peter horchte hoch auf &#8211; und fragte, was der Herr befehle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNichts befehlen will ich; Peter\u201c, sprach Hans, \u201eals dass du das H\u00e4nschen in mir wiederkennen sollst, dem du zu so hohem Gl\u00fccke verholfen hast. Dort im Walde fand ich armer Augenloser, durch dich augenlos &#8211; das blinde Gl\u00fcck, wie manche blinde Taube ihre Erbse. Dort unter einem Baume, an dem ich lag, suchte mich es heim. Hier hast du vieles Geld vom blinden Bettler, der wieder sehend und reich geworden ist! Fahre wohl, und fahr zu, Kutscher!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Peter stand wie aus den Wolken gefallen, lange starrte er dem Prachtwagen nach, dann gab er seiner Frau das Geld, es aufzuheben, und sagte: \u201eDorthin muss ich auch &#8211; muss auch das blinde Gl\u00fcck finden.\u201c Und alsbald r\u00fcstete sich Peter und wanderte, so rasch er wandern konnte, an jenen Ort, wo er am armen H\u00e4nschen die letzte treulose Tat beging. Ein Fuchs lief lange vor ihm her &#8211; an jenem Orte stand der Fuchs. Da kam von weitem ein Wolf entgegengesprungen. Rasch wandte Peter sich um, da trabte ein B\u00e4r des Weges daher. Voll Entsetzen klomm jetzt Peter am Baume empor, unter dem er H\u00e4nschen den letzten Augapfel ausgestochen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerr\u00e4ter! Verr\u00e4ter! Verr\u00e4ter, die ihr seid!\u201c bellte der Fuchs, heulte der Wolf, brummte der B\u00e4r, und jeder beschuldigte den andern, das Geheimnis verplaudert zu haben, auf dessen Beh\u00fctung sie einander doch alle drei die Pfote gegeben hatten, waren sehr bissig gegeneinander und gaben einander schlechte Titel. Endlich nahmen B\u00e4r und Fuchs gegen den Wolf Partei, der sollte zun\u00e4chst der Verr\u00e4ter sein und daf\u00fcr gehenkt werden, und alsbald drehte der Fuchs ein Seil und eine Schlinge aus Tannenreisig, der B\u00e4r hielt den Wolf fest, der Fuchs warf letzterem die Schlinge um den Hals und zog den Zappelnden in die H\u00f6he. Der Wolf starrte stieren Auges empor, da sah er Peter im Gezweige des Baumes sitzen und heulte: \u201eO falsche ungerechte Welt! Da droben sitzt er, der unser Geheimnis verraten hat!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sahen die andern beiden Tiere auch in die H\u00f6he, lie\u00dfen den Wolf fallen, und der B\u00e4r kletterte auf den Baum und holte den Peter herunter. Drunten empfing ihn der Fuchs, der so fuchswild war, dass er ihm gleich beide Augen auskratzte. Dann w\u00fcrgte ihn der Wolf, und der B\u00e4r dr\u00fcckte ihn mausetot, darauf haben sie ihn zu dritt aufgefressen, dass kein Kn\u00f6chelchen von ihm \u00fcbrig geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schneider H\u00e4nschen und die wissenden Tiere Ludwig Bechstein Ein Schuhmacher und ein Schneider sind einmal miteinander auf die Wanderschaft gegangen. Der Schuster hatte Geld, der Schneider aber war ein armer Schwartenhans. 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