{"id":550,"date":"2015-10-14T01:50:22","date_gmt":"2015-10-13T23:50:22","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=550"},"modified":"2025-12-28T02:50:20","modified_gmt":"2025-12-28T01:50:20","slug":"goldener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/goldener\/","title":{"rendered":"Goldener"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig Bechstein<br \/>\n<!--more--><br \/>\nVor langen Jahren hat einmal in einem dichten Wald ein armer Hirte gelebt, der hatte sich ein bretternes H\u00e4uschen mitten im Wald erbaut, darin wohnte er mit seiner Frau und sechs Kindern, die waren alle Knaben. An dem Hause war ein Ziehbrunnen und ein G\u00e4rtlein, und wenn der Vater das Vieh f\u00fctterte, so gingen die Kinder hinaus und brachten ihm zu Mittag oder zu Abend einen k\u00fchlen Trunk aus dem Brunnen oder ein Gericht aus dem G\u00e4rtlein.<\/p>\n<p>Den j\u00fcngsten Knaben riefen die Eltern nur: \u00bbGoldener\u00ab, denn seine Haare waren wie Gold, und obgleich der j\u00fcngste, so war er doch der st\u00e4rkste von allen und auch der gr\u00f6\u00dfte. So oft die Kinder hinaus in die Flur gingen, so ging Goldener mit einem Baumzweige voran, anders wollte keins gehen, denn jedes f\u00fcrchtete sich, zuerst auf ein Abenteuer zu sto\u00dfen; ging aber Goldener voran, so folgten sie freudig eines hinter dem andern nach, durch das dunkelste Dickicht, und wenn auch schon der Mond \u00fcber dem Gebirge stand.<\/p>\n<p>Eines Abends erg\u00f6tzten sich die Knaben auf dem R\u00fcckwege vom Vater mit Spielen im Walde, und Goldener hatte sich vor allen so sehr im Spiele ereifert, da\u00df er so hell aussah wie das Abendrot. \u00bbLa\u00dft uns zur\u00fcckgehen!\u00ab sprach der \u00c4lteste, \u00bbes scheint dunkel zu werden.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSeht da, der Mond!\u00ab sprach der Zweite. Da kam es auf einmal licht zwischen den dunklen Tannen hervor, und eine Frauengestalt, leuchtend wie der Mond, setzte sich auf einen der moosigen Steine, spann mit einer kristallenen Spindel einen lichten Faden in die Nacht hinaus, nickte mit dem Haupte gegen Goldener und sang:<\/p>\n<p>\u00bbDer wei\u00dfe Fink, die goldne Ros,<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin im Meeresscho\u00df!\u00ab<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte wohl noch weiter gesungen, da brach ihr der Faden, und sie erlosch wie ein Licht. Nun war es ganz Nacht, die Kinder fa\u00dfte ein Grausen, sie sprangen mit kl\u00e4glichem Geschrei, das eine dahin, das andere dorthin, \u00fcber Felsen und Kl\u00fcfte, und verlor eins das andere.<\/p>\n<p>Wohl viele Tage und N\u00e4chte irrte auch Goldener in dem dicken Wald umher, fand aber weder einen seiner Br\u00fcder, noch die H\u00fctte seines Vaters, noch sonst die Spur eines Menschen, denn es war der Wald gar dicht verwachsen, ein Berg \u00fcber den andern gestellt und eine Kluft unter die andere.<\/p>\n<p>Die Brombeeren, welche \u00fcberall herumrankten, stillten seinen Hunger und Durst, sonst w\u00e4r er gar j\u00e4mmerlich gestorben. Endlich am dritten Tage \u2013 andere sagen gar erst am sechsten oder siebenten Tage \u2013 wurde der Wald hell und immer heller, und da kam Goldener zuletzt hinaus auf eine sch\u00f6ne gr\u00fcne Wiese.<\/p>\n<p>Da war es ihm so leicht um das Herz, und er atmete mit vollen Z\u00fcgen die freie Luft ein.<\/p>\n<p>Auf derselben Wiese waren Garne ausgelegt, denn da wohnte ein Vogelsteller, der fing V\u00f6gel, die aus dem Wald flogen, und trug sie in die Stadt zum Kaufe.<\/p>\n<p>\u00bbSolch ein Bursche ist mir gerade vonn\u00f6ten\u00ab, dachte der Vogelsteller, als er Goldener erblickte, der auf der gr\u00fcnen Wiese nah an den Garnen stand und in den weiten blauen Himmel hineinsah und sich nicht satt sehen konnte.<\/p>\n<p>Der Vogelsteller wollte sich einen Spa\u00df machen, er zog seine Garne und husch! war Goldener gefangen und lag unter dem Garne ganz erstaunt, denn er wu\u00dfte nicht, wie das geschehen war. \u00bbSo f\u00e4ngt man die V\u00f6gel, die aus dem Walde kommen\u00ab, sprach der Vogelsteller laut lachend, \u00bbdeine roten Federn sind mir eben recht. Du bist wohl ein verschlagener Fuchs? Bleibe bei mir, ich lehre dich auch die V\u00f6gel fangen!\u00ab<\/p>\n<p>Goldener war gleich dabei, ihm deuchte unter den V\u00f6geln ein gar lustig Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, die H\u00fctte seines Vaters wiederzufinden.<\/p>\n<p>\u00bbLa\u00df erproben, was du gelernt hast\u00ab, sprach der Vogelsteller nach einigen Tagen zu ihm. Goldener zog die Garne, und bei dem ersten Zuge fing er einen schneewei\u00dfen Finken.<\/p>\n<p>\u00bbPacke dich mit diesem wei\u00dfen Finken!\u00ab schrie der Vogelsteller, \u00bbdu hast es mit dem B\u00f6sen zu tun!\u00ab und so stie\u00df er ihn gar unsanft von der Wiese, indem er den wei\u00dfen Finken, den ihm Goldener gereicht hatte, unter vielen Verw\u00fcnschungen mit den F\u00fc\u00dfen zertrat.<\/p>\n<p>Goldener konnte die Worte des Vogelstellers nicht begreifen, er ging traurig, doch getrost wieder in den Wald zur\u00fcck und nahm sich noch einmal vor, die H\u00fctte seines Vaters zu suchen. Tag und Nacht lief er \u00fcber Felsensteine und alte gefallene Baumst\u00e4mme, fiel auch gar oft \u00fcber die schwarzen Wurzeln, die aus dem Boden \u00fcberall hervorragten.<\/p>\n<p>Am dritten Tage aber wurde der Wald endlich wieder heller, und da kam er hinaus in einen sch\u00f6nen lichten Garten, der war voll der lieblichsten Blumen, und weil Goldener dergleichen noch keine erblickt, blieb er voll Bewunderung stehen. Der G\u00e4rtner im Garten erblickte ihn nicht so bald \u2013 denn Goldener stand unter den Sonnenblumen, und seine Haare gl\u00e4nzten im Sonnenschein nicht anders als so eine Blume \u2013 , als er sprach: \u00bbHa! Solch einen Burschen hab ich gerade vonn\u00f6ten!\u00ab und das Tor des Gartens schlo\u00df. Goldener lie\u00df es sich gefallen, denn ihm deuchte unter den Blumen ein gar buntes Leben, zumal da er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, die H\u00fctte seines Vaters wiederzufinden.<\/p>\n<p>\u00bbFort in den Wald!\u00ab sprach der G\u00e4rtner eines Morgens zu Goldener, \u00bbhol mir einen wilden Rosenstock, damit ich zahme Rosen darauf pflanze!\u00ab Goldener ging und kam mit einem Stock der sch\u00f6nsten goldfarbenen Rosen zur\u00fcck, die waren auch nicht anders, als h\u00e4tte sie der geschickteste Goldschmied f\u00fcr die Tafel eines K\u00f6nigs geschmiedet.<\/p>\n<p>\u00bbPacke dich mit diesen goldnen Rosen!\u00ab schrie der G\u00e4rtner, \u00bbdu hast es mit dem B\u00f6sen zu tun\u00ab, und so stie\u00df er ihn gar unsanft aus dem Garten, indem er die goldenen Rosen unter vielen Verw\u00fcnschungen in die Erde trat.<\/p>\n<p>Goldener konnte die Worte des G\u00e4rtners nicht begreifen, doch ging er getrost wieder in den Wald zur\u00fcck und nahm sich nochmals vor, die H\u00fctte seines Vaters zu suchen.<\/p>\n<p>Er lief Tag und Nacht, von Baum zu Baum, von Fels zu Fels. Am dritten Tage endlich wurde der Wald hell und immer heller, und da kam Goldener hinaus an das blaue Meer; das lag in einer unerme\u00dflichen Weite vor ihm, die Sonne spiegelte sich eben in der kristallhellen Fl\u00e4che, da war es wie flie\u00dfendes Gold, darauf schwammen sch\u00f6n geschm\u00fcckte Schiffe mit langen fliegenden Wimpeln. Einige Fischer hielten in einer zierlichen Barke am Ufer, in die trat Goldener und sah mit Erstaunen in die Helle hinaus.<\/p>\n<p>\u00bbEin solcher Bursch ist uns gerade vonn\u00f6ten\u00ab, sprachen die Fischer, und husch stie\u00dfen sie vom Lande. Goldener lie\u00df es sich gefallen, denn ihm deuchte bei den Wellen ein goldenes Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, seines Vaters H\u00fctte wiederzufinden. Die Fischer warfen ihre Netze aus und fingen nichts. \u00bbLa\u00df sehen, ob du gl\u00fccklicher bist!\u00ab sprach ein alter Fischer mit silbernen Haaren zu Goldener. Mit ungeschickten H\u00e4nden senkte Goldener das Netz in die Tiefe, zog und fischte \u2013 eine Krone von hellem Golde.<\/p>\n<p>\u00bbTriumph!\u00ab rief der alte Fischer und fiel Goldener zu F\u00fc\u00dfen, \u00bbich begr\u00fc\u00dfe dich als unsern K\u00f6nig! Vor hundert Jahren versenkte der alte K\u00f6nig, welcher keine Erben hatte, sterbend seine Krone in das Meer, und so lange, bis irgendeinem Gl\u00fccklichen das Schicksal bestimmt h\u00e4tte, die Krone wieder aus der Tiefe zu ziehen, sollte der Thron ohne Nachfolger in Trauer geh\u00fcllt bleiben.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbHeil unserm K\u00f6nig!\u00ab riefen die Fischer und setzten Goldenern die Krone auf. Die Kunde von Goldener und der wiedergefundenen K\u00f6nigskrone erscholl bald von Schiff zu Schiff und \u00fcber das Meer weit in das Land hinein. Da war die goldene Fl\u00e4che bald mit bunten Nachen besetzt und mit Schiffen, die mit Blumen und Laubwerk geziert waren; diese begr\u00fc\u00dften mit lautem Jubel alle das Schiff, auf dem K\u00f6nig Goldener stand. Er stand, die helle Krone auf dem Haupte, am Vorderteile des Schiffs und sah ruhig der Sonne zu, wie sie im Meer erlosch. Im Abendwinde wehten seine goldnen Locken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[90,85],"tags":[],"class_list":["post-550","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ludwig-bechstein","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/550","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=550"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/550\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":552,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/550\/revisions\/552"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=550"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=550"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=550"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}