{"id":5499,"date":"2026-02-04T02:02:55","date_gmt":"2026-02-04T01:02:55","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5499"},"modified":"2026-02-04T02:06:56","modified_gmt":"2026-02-04T01:06:56","slug":"das-schneegloeckchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-schneegloeckchen\/","title":{"rendered":"Das Schneegl\u00f6ckchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Schneegl\u00f6ckchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es ist Winterszeit, die Luft kalt, der Wind scharf, aber zu Hause ist es warm und gut; zu Hause lag die Blume, sie lag in ihrer Zwiebel unter Erde und Schnee.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages fiel Regen. Die Tropfen drangen durch die Schneedecke in die Erde hinab, r\u00fchrten die Blumenzwiebel an und meldeten von der Lichtwelt \u00fcber ihnen. Bald drang auch der Sonnenstrahl fein und bohrend durch den Schnee, bis zur Zwiebel hinab und stach sie.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Herein!&#8220; sagte die Blume.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das kann ich nicht&#8220;, sagte der Sonnenstrahl, &#8222;ich bin nicht stark genug, um aufzumachen; ich bekomme erst im Sommer Kraft.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wann ist es Sommer?&#8220; fragte die Blume, und das wiederholte sie, so oft ein neuer Sonnenstrahl hin abdrang. Aber es war noch weit bis zur Sommerzeit. Noch lag der Schnee, und das Wasser gefror zu Eis &#8211; jede einzige Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie lange das doch dauert! Wie lange!&#8220; sagte die Blume. &#8222;Ich f\u00fchle ein Kribbeln und Krabbeln, ich muss mich recken; ich muss mich strecken. Ich muss aufschlie\u00dfen, ich muss hinaus, dem Sommer einen &#8218;Guten Morgen&#8216; zunicken; das wird eine gl\u00fcckselige Zeit!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Blume reckte sich und streckte sich drinnen gegen die d\u00fcnne Schale, die das Wasser von au\u00dfen her weich gemacht, die der Schnee und die Erde gew\u00e4rmt und in die der Sonnenstrahl hineingestochen hatte. Sie schoss unter dem Schnee empor mit einer wei\u00dfgr\u00fcnen Knospe auf dem gr\u00fcnen St\u00e4ngel, mit schmalen, dicken Bl\u00e4ttern, die sie gleichsam besch\u00fctzen wollten. Der Schnee war kalt, aber vom Lichte durchstrahlt, dazu so leicht zu durchbrechen, und hier traf sie auch der Sonnenstrahl mit st\u00e4rkerer Macht als zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Willkommen! Willkommen!&#8220; sang und klang jeder Strahl, und die Blume erhob sich \u00fcber den Schnee in die Welt des Lichtes hinaus. Die Sonnenstrahlen streichelten und k\u00fcssten sie, bis sie sich ganz \u00f6ffnete, wei\u00df wie Schnee und mit gr\u00fcnen Streifen geputzt. Sie beugte ihr Haupt in Freude und Demut.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Liebliche Blume!&#8220; sang der Sonnenstrahl. &#8222;Wie frisch und leuchtend du bist! Du bist die erste, du bist die einzige, du bist unsere Liebe! Du l\u00e4utest den Sommer ein, den sch\u00f6nen Sommer \u00fcber Land und Stadt! Aller Schnee soll schmelzen, der kalte Wind wird fortgejagt! Wir werden gebieten. Alles wird gr\u00fcnen! Und dann bekommst du Gesellschaft, Flieder und Goldregen und zuletzt die Rosen; aber du bist die erste, so fein und leuchtend!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das war eine gro\u00dfe Freude. Es war, als s\u00e4nge und kl\u00e4nge die Luft, als dr\u00e4ngen die Strahlen des Lichts in ihre Bl\u00e4tter und St\u00e4ngel. Da stand sie, fein und leicht zerbrechlich und doch so kr\u00e4ftig in ihrer jungen Sch\u00f6nheit. Sie stand in wei\u00dfem Gewande mit gr\u00fcnen B\u00e4ndern und pries den Sommer. aber es war noch lang bis zur Sommerzeit, Wolken verbargen die Sonne, scharfe Winde bliesen \u00fcber sie hin.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du bist ein bisschen zu zeitig gekommen&#8220;, sagten Wind und Wetter. &#8222;Wir haben noch die Macht. Die bekommst du zu f\u00fchlen und musst dich dreinfinden. Du h\u00e4ttest zu Hause bleiben und nicht ausgehen sollen, um Staat zu machen; dazu ist es noch nicht die Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war schneidend kalt. Die Tage, die nun kamen, brachten nicht einen einzigen Sonnenstrahl; es war ein Wetter, um in St\u00fccke zu frieren, besonders f\u00fcr eine so zarte, kleine Blume. Aber sie trug mehr St\u00e4rke in sich, als sie selber wusste. Freude und Glauben an den Sommer machten sie stark, er musste ja kommen; er war ihr von ihrer tiefen Sehnsucht verk\u00fcndet und von dem warmen Sonnenlichte best\u00e4tigt worden. So stand sie voller Hoffnung in ihrer wei\u00dfen Pracht, in dem wei\u00dfen Schnee und beugte ihr Haupt, wenn die Schneeflocken herabfielen, w\u00e4hrend die eisigen Winde \u00fcber sie dahinfuhren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du brichst entzwei!&#8220; sagten sie. &#8222;Verwelke, Erfriere! Was willst du hier drau\u00dfen! Weshalb lie\u00dfest du dich verlocken! Die Sonnenstrahlen haben dich genarrt! Nun sollst du es gut haben, du Sommernarr!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sommernarr!&#8220; schallte es durch den kalten Morgen, denn &#8222;Sommernarr&#8220; hei\u00dft im D\u00e4nischen das Schneegl\u00f6ckchen. &#8222;Sommernarr&#8220; jubelten ein paar Kinder, die in den Garten hinab kamen. &#8222;Da steht einer, so lieblich, so sch\u00f6n, der erste, der einzige!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Worte taten der Blume so wohl, es waren Worte wie warme Sonnenstrahlen. Die Blume f\u00fchlte in ihrer Freude nicht einmal, dass sie gepfl\u00fcckt wurde. Sie lag in einer Kinderhand, wurde von einem Kindermund gek\u00fcsst und hinein in die warme Stube gebracht, von milden Augen angeschaut, in Wasser gestellt, so st\u00e4rkend, so belebend. Die Blume glaubte, dass sie mit einem Male mitten in den Sommer hineingekommen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tochter des Hauses, ein niedliches kleines M\u00e4dchen, war eben konfirmiert; sie hatte einen lieben kleinen Freund, der auch konfirmiert worden war; nun arbeitete er auf eine feste Stellung hin. &#8222;Es soll mein Sommernarr sein!&#8220; sagte sie. Dann nahm sie die feine Blume, legte sie in ein duftendes St\u00fcck Papier, auf dem Verse geschrieben standen, Verse \u00fcber die Blume, die mit &#8222;Sommernarr&#8220; anfingen und mit &#8222;Sommernarr&#8220; schlossen, das Ganze war eine z\u00e4rtliche Neckerei. Nun wurde alles in den Umschlag gelegt, die Blume lag darin, und es war dunkel um sie her, dunkel wie damals, als die noch in der Zwiebel lag. So kam die Blume auf Reisen, lag im Postsack, wurde gedr\u00fcckt und gesto\u00dfen; das war nicht behaglich. Aber es nahm ein Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise war vorbei, der Brief wurde ge\u00f6ffnet und von dem lieben Freunde gelesen. Er war so erfreut, dass er die Blume k\u00fcsste, und dann wurde sie mit den Versen zusammen in einen Schubkasten gelegt, worin noch mehr solcher sch\u00f6nen Briefe lagen, aber alle ohne Blume; sie war die erste, die einzige, wie die Sonnenstrahlen sie genannt hatten, und dar\u00fcber nachzudenken war sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie durfte auch lange dar\u00fcber nachdenken, sie dachte, w\u00e4hrend der Sommer verging und der lange Winter verging, und als es wieder Sommer wurde, wurde sie wieder hervor genommen. Aber da war der junge Mann gar nicht froh. Er fasste das Papier hart an und warf die Verse hin, dass die Blume zu Boden fiel. Flachgepre\u00dft und trocken war sie ja, aber deshalb h\u00e4tte sie doch nicht auf den Boden geworfen werden m\u00fcssen; doch dort lag sie besser als im Feuer, wo die Verse und Briefe aufloderten. Was war geschehen? &#8211; Was so oft geschieht. Die Blume hatte ihn genarrt, es war ein Scherz; die Jungfrau hatte ihn genarrt; das war kein Scherz, sie hatte sich einen anderen Freund im sch\u00f6nen Sommer erkoren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen schien die Sonne auf den flachgedr\u00fcckten keinen Sommernarren herab, der aussah, als sei er auf den Boden gemalt. Das M\u00e4dchen, das auskehrte, nahm ihn auf und legte ihn in eins der B\u00fccher auf dem Tische, weil sie glaubte, dass er dort herausgefallen sei, als sie aufr\u00e4umte und das Zimmer in Ordnung brachte. Und die Blume lag wieder zwischen Versen, gedruckten Versen und die sind viel vornehmer als die geschriebenen. wenigstens haben sie mehr gekostet.<\/p>\n\n\n\n<p>So vergingen Jahre. Das Buch stand auf dem B\u00fccherbrett. Nun wurde es hervorgeholt, ge\u00f6ffnet und gelesen. Es war ein gutes Buch, Verse und Lieder, die es wert sind, gekannt zu werden. Und der Mann, der das Buch las, wandte das Blatt um. &#8222;Da liegt ja eine Blume&#8220;, sagte er, &#8222;ein Sommernarr! Es hat wohl seine Bedeutung, dass er gerade hierhergelegt worden ist. Ja, liege als Zeichen hier im Buche, kleiner Sommernarr!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so wurde das Schneegl\u00f6ckchen wieder ins Buch gelegt und f\u00fchlte sich beehrt und erfreut, dass es als Zeichen von Bedeutung im Buche liegenbleiben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das M\u00e4rchen vom Schneegl\u00f6ckchen, dem Sommernarren.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages fiel Regen. Die Tropfen drangen durch die Schneedecke in die Erde hinab, r\u00fchrten die Blumenzwiebel an und meldeten von der Lichtwelt \u00fcber ihnen. 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