{"id":5471,"date":"2026-02-03T23:56:36","date_gmt":"2026-02-03T22:56:36","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5471"},"modified":"2026-02-03T23:56:36","modified_gmt":"2026-02-03T22:56:36","slug":"die-schlechten-kameraden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-schlechten-kameraden\/","title":{"rendered":"Die schlechten Kameraden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die schlechten Kameraden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein Schuster und ein Schneiderlein gingen zusammen auf die Wanderschaft; sie gelobten einander treu beizustehen, zusammen zu halten in Freud und Leid und was der Eine h\u00e4tte, m\u00fcsse auch der Andere haben. Sie fanden aber nirgendwo Arbeit und da ihnen das Fechten nicht l\u00e4nger behagte, so nahmen sie Dienst unter den Soldaten. Es war n\u00e4mlich schon seit langer Zeit Frieden und kein Krieg zu f\u00fcrchten, so dass ihr Muth keinen Schiffbruch leiden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schneiderlein hatte flinkere Beine, wie der Schuster und kam viel schneller vorw\u00e4rts; auch verstand es den Mund recht voll zu nehmen und machte viel Wesens von seiner Tapferkeit, wie es immer mutig zugestochen habe und wie es sein Eisen gef\u00fchrt, dass die Lappen gefallen seien und wie es stets kalten Blutes vorm Feuer gestanden. So wurde es bald Gefreiter, dann Unteroffizier und brachte es endlich selbst zum Feldwebel. Je h\u00f6her es aber r\u00fcckte umso hochm\u00fctiger wurde es und zuletzt kannte sein Stolz keine Grenzen mehr. Am meisten litt der arme Schuster darunter. Der Dienst wurde ihm endlich so verleidet, dass er eines Abends sein B\u00fcndel schn\u00fcrte und weglief, als ob es hinter ihm brenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Mittag kam er in einen Wald und da er des Weges nicht kundig war, verirrte er sich. Als er so dastand und nicht wusste wo aus noch wo ein, kam ein J\u00e4ger daher, der hatte sich gleichfalls verirrt und frug ihn um den rechten Weg. \u00bbDen sage du mir\u00ab, sprach der Schuster. \u00bbZwei k\u00f6nnen mehr als einer ausrichten\u00ab erwiderte der J\u00e4ger, \u00bbdrum lass uns zusammenhalten, dann kommen wir schon heraus. \u00ab Das taten sie, aber es wurde Abend und finstre Nacht und der Wald wollte immer noch kein Ende nehmen. Da stieg der Schuster auf einen hohen Eichbaum, schaute sich um und sah weit weit ein Lichtchen. Frischen Mutes gingen sie in der Richtung fort und kamen an ein kleines Haus, darin sa\u00df eine alte Frau, welche Kartoffeln sch\u00e4lte und Suppe kochte. \u00bbK\u00f6nnen wir hier die Nacht \u00fcber bleiben? \u00ab frug der Schuster. \u00bbNein\u00ab, sprach die alte Frau, \u00bbgeht vielmehr so schnell ihr k\u00f6nnt weiter, denn ihr seid in eine R\u00e4uberh\u00f6hle geraten und wenn die R\u00e4uber euch finden, seid ihr euren Kopf los. Nachts um zw\u00f6lf Uhr kommen ihrer zw\u00f6lf mit ihrem Hauptmann und mittags um zw\u00f6lf Uhr kommen zw\u00f6lf andere mit ihrem Hauptmann zum Essen. Die erste Partie muss schon in der N\u00e4he sein; sie setzen dem K\u00f6nig nach, der sich im Walde verirrt hat, darum eilt und macht, dass ihr fortkommt, ehe sie euch treffen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas macht nichts\u00ab, sprach der Schuster, \u00bbich will uns schon heraushelfen; sage uns nur wie die Hauptleute hei\u00dfen und was ihre Erkennungszeichen sind, und du Kamerad tu mir Alles nach, wie ich es dir vormache. \u00ab Da sagte die Frau ihnen Alles, denn sie war den R\u00e4ubern von Herzen feind und diente ihnen nur gezwungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf gab es L\u00e4rm drau\u00dfen und der erste Hauptmann kam mit seinen zw\u00f6lf Leuten. Der Schuster trat aber keck auf ihn zu und sprach: \u00bbEinen sch\u00f6nen Gru\u00df von unseren Hauptmann, ihr solltet uns sagen, ob ihr den K\u00f6nig gefangen h\u00e4ttet oder nicht; wir haben seine Spur ganz verloren. \u00ab \u00bbUns geht&#8217;s nicht besser\u00ab, antwortete der Hauptmann, und sah den Schuster scharf an, \u00bbwir sind ihm wohl auf der Spur, aber vom Fangen war noch keine Rede. Setzt euch nun zu Tische und esst mit, hernach sprechen wir weiter und ihr k\u00f6nnt dann umso besser marschieren. \u00ab Das taten die Beiden und der J\u00e4ger gab genau auf Alles Acht, was der Schuster machte und tat ebenso. Der legte aber L\u00f6ffel und Gabel verkehrt, denn das war das Erkennungszeichen der andern Bande. \u00bbJetzt sehe ich, dass ihr zu der Bande geh\u00f6rt\u00ab, sagte der Hauptmann, \u00bbbisher konnte ich es noch nicht glauben, denn du J\u00e4ger siehst gar nicht wie ein \u00e4chter R\u00e4uber aus. \u00ab Dann ging das Leben erst recht los, sie erz\u00e4hlten sich von ihren Taten und der Schuster log ihnen den Buckel voll, mehr als ein Karrengaul ziehen kann; dazu wurde gegessen und getrunken, als sollte in acht Tagen kein Mittag mehr gehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Essen musste jeder ein Kunstst\u00fcck machen. Als die Reihe an den Schuster kam, sprach er, jetzt wolle er ein St\u00fcckchen machen, dass Alle ihre Freude daran haben sollten, und einen Kessel mit siedendem \u00d6l austrinken. \u00bbDas ist unm\u00f6glich\u00ab, riefen die R\u00e4uber. \u00bbNun ihr werdet schon sehen\u00ab, sprach der Schuster und die alte Frau setzte den gr\u00f6\u00dften Kessel aufs Feuer und goss ihn voll \u00d6l. Als es nun recht wallte und Blasen warf, sprach er: \u00bbSetzt euch nun im Halbzirkel um mich, damit ihr es gut sehet, und du Kamerad tritt hinter mich und mach den andern Platz. \u00ab Jetzt holte er den Kessel vom Feuer, hob ihn zum Munde empor und rief: \u00bbNun passt auf! \u00ab Aber er h\u00fctete sich wohl, das \u00d6l zu trinken, sondern schwenkte den Kessel im Kreise umher, dass das gl\u00fchende \u00d6l den R\u00e4ubern in die Gesichter zischte, griff dann rasch nach seinem Schwert und schlug sie nieder, einen nach dem Andern, ehe sie sich besinnen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Schuster mit den R\u00e4ubern fertig war, schaute er sich nach seinem Kameraden um, doch konnte er ihn lange nicht finden. Endlich zog er ihn unter einer Bank hervor, wohin er sich verkrochen hatte. \u00bbDu bist mit ein tapferer Held\u00ab, sprach der Schuster, \u00bbder die Courage meterweise verschlungen hat. Heraus jetzt, du siehst ja, dass die Arbeit getan ist und hilf mir die Kerle fortschaffen, ehe die andern kommen, wenn dir dein Leben lieb ist. \u00ab Da half der J\u00e4ger, aber er stellte sich schlecht an, man sah wohl, dass ihm die Arbeit nie sauer geworden war. Sie machten vor dem R\u00e4ubernest ein gro\u00dfes Loch, warfen die ganze Bande hinein und stopften ihnen das Maul mit Erde. Die alte Frau aber reinigte derweil das Zimmer vom \u00d6l und Blut und machte Alles wieder in Ordnung; dann kochte sie das Essen f\u00fcr die zweite Bande.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittags um zw\u00f6lf Uhr kam der Hauptmann mit seinen zw\u00f6lf Spie\u00dfgesellen an. Keck ging der Schuster auf sie zu und sprach: \u00bbEinen sch\u00f6nen Gru\u00df von unserm Hauptmann, und er h\u00e4tte den K\u00f6nig erwischt und k\u00e4me um zwei Uhr mit ihm und unsern Leuten hierher; ihr solltet auf ihn warten. \u00ab \u00bbHat er ihn? \u00ab rief der Hauptmann. \u00bb\u00c4rgert mich, dass ich ihn nicht fangen konnte, aber wir wollen doch lustig drauf essen und trinken. Setzt euch zu uns. \u00ab Da setzten sich die Beiden zu den R\u00e4ubern und legten die Messer und Gabeln so, wie die erste Bande sie gelegt hatte. Sprach der Hauptmann: \u00bbNun sehe ich erst, dass ihr zur Bande geh\u00f6rt, bisher traute ich euch nicht, besonders dir nicht, J\u00e4ger, denn du siehst aus, als k\u00f6nntest du keinen Floh knicken! \u00ab Der Schuster fiel ihm in die Rede und erz\u00e4hlte viel von Mordtaten und R\u00e4ubereien, welche die andre Bande seit gestern begangen habe, so dass die R\u00e4uber den J\u00e4ger ganz verga\u00dfen. Nach dem Essen machte jeder sein St\u00fcckchen und der Schuster machte wieder seins mit dem siedenden \u00d6l und so vortrefflich, dass keiner von den R\u00e4ubern sich beklagen konnte, er habe zu wenig bekommen. \u00bbWas k\u00f6nnt ihr mit euren verbrannten K\u00f6pfen noch machen\u00ab, rief er dann und hieb sie ihnen ab. Von dem J\u00e4ger war wieder keine Spur zu sehn. Als er die alte Frau frug, sprach sie, er sei auf den Boden gestiegen. Der Schuster stieg ihm nach und fand ihn in einem Bund Stroh versteckt. \u00bbSind sie Alle tot? \u00ab frug der J\u00e4ger in gro\u00dfer Herzensangst. \u00bbGeh hinunter und frage sie selbst\u00ab, sprach der Schuster. \u00bbAber du bist ein rechter Zwiebelkopf, mich so im Stich zu lassen. \u00ab Da kroch der J\u00e4ger hervor und freute sich mit dem Schuster und der alten Frau, dass Alles so gut abgelaufen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie das Raubnest durchsuchten, fanden sie ungeheuere Sch\u00e4tze von Gold, Silber und Edelgestein, Kleidern, Waffen und andern Dingen. Diese schenkten sie dem Kloster, welches in der N\u00e4he am Saume des Waldes lag und die alte Frau folgte den Sch\u00e4tzen in das Kloster, denn sie wollte nichts mehr von der Welt wissen. Der Schuster nahm nur so viel Gold f\u00fcr sich, als in seine Taschen ging, der J\u00e4ger wollte aber nichts anr\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gingen die beiden Gesellen weiter und kamen gegen Abend vor der Hauptstadt an. Da die Thore schon geschlossen waren, kehrten sie im n\u00e4chsten Dorfe in einer kleinen Herberge ein. Als der Schuster am andern Morgen aufwachte und seinen Reisegef\u00e4hrten wecken wollte, war der durchgegangen und hatte nicht einmal seine Zeche bezahlt. \u00bbEs ist gut, dass ich den Kerl los bin\u00ab dachte der Schuster, zahlte den Wirth und ging r\u00fcstig weiter der Stadt zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Thor trat die Wache vor ihm ins Gewehr und der Offizier rief: \u00bbPr\u00e4sentirt&#8217;s Gewehr! \u00ab \u00bbDer hat wohl fr\u00fche schon zu tief ins Glas geguckt\u00ab, sprach der Schuster f\u00fcr sich und ging weiter auf das Schloss des K\u00f6nigs zu. Da sprang die Wache heraus, stellte sich in Reih&#8216; und Glied und der Offizier kommandierte: \u00bbPr\u00e4sentirt&#8217;s Gewehr! \u00ab Er ging auf den Offizier zu und sprach verwundert: \u00bbWas macht ihr denn f\u00fcr dummes Zeug, ich bin ja ein Schuster meines Handwerks und m\u00f6chte wissen, ob ich beim K\u00f6nig in Dienst treten kann. \u00ab \u00bbIch will eure Exzellenz zu seiner Majest\u00e4t f\u00fchren\u00ab, sprach der Offizier und der Schuster sch\u00fcttelte den Kopf, zuckte die Achseln und dachte: \u00bbSind die Soldaten denn alle verr\u00fcckt geworden? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig war \u00fcberaus gn\u00e4dig gegen den Schuster, frug ihn, wie er hei\u00dfe, woher er komme und was er verstehe? Der Schuster erz\u00e4hlte Alles aufs Haar. \u00bbW\u00fcrdest du denn deinen Kameraden den J\u00e4ger wohl wiedererkennen, wenn du ihn s\u00e4hest? \u00ab \u00bbEi den Burschen f\u00e4nde ich aus Hunderten heraus! \u00ab Da ging der K\u00f6nig fort in ein anderes Zimmer und \u00fcber eine Weile kam der J\u00e4ger herein. \u00bbAch da bist du ja, du Hasenfu\u00df! \u00ab rief der Schuster; \u00bbdu bist mir der rechte Vogel, aber ich habe dem K\u00f6nig Alles gesagt und der wird dir einen t\u00fcchtigen Ausputzer geben. \u00ab \u00bbGemach, gemach, mein guter Freund\u00ab, sagte der J\u00e4ger und kn\u00f6pfte den Rock auf und zog die M\u00fctze aus dem Gesicht; da sah der arme Schuster, dass es der K\u00f6nig selber war. Er w\u00e4re vor Schrecken fast auf den R\u00fccken gefallen, aber der K\u00f6nig beruhigte ihn, verbot ihm etwas von der Sache zu erz\u00e4hlen und schickte ihn sogleich als Oberst zu dem Regiment, wobei das Schneiderlein Feldwebel war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWarte B\u00fcrschlein, jetzt sollst du mir herhalten\u00ab, dachte der Oberst, als er zuerst in seiner pr\u00e4chtigen Uniform mit dem Federhut vor die Fronte ritt und seinen alten Kameraden, den Schneider erblickte. So oft jetzt exerziert wurde, hatte der Oberst etwas an dem Feldwebel auszusetzen. Bald war das Zeug nicht gut genug geputzt, oder der S\u00e4bel nicht blank, oder der Rock nicht rein, und dann regnete es Ehrentitel wie Fetthammel, Schmutzlappen, Faulpelz u. a. auf den Feldwebel von morgens bis abends. Wagte er, zu antworten oder sich zu entschuldigen, dann gab es Arrest wegen Widersetzlichkeit oder undienstlichen Benehmens; schwieg er aber zu den Vorw\u00fcrfen, dann wurde er verstockt und Gott wei\u00df wie genannt; kurz das arme Schneiderlein konnte nichts mehr recht machen, er mochte sich anlegen, wie er wollte, und war mehr als einmal in heller Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit wurde es pl\u00f6tzlich vor den Obersten gerufen. Der frug ihn: \u00bbKennst du mich? \u00ab Der Feldwebel wusste nicht, was antworten, denn sagte er ja, dann log er und es taugte nicht f\u00fcr ihn, sagte er nein, was die Wahrheit war, dann taugte es ebenso wenig. Endlich entschloss er sich frisch heraus die Wahrheit zu sagen, weil dies doch das Beste sei und sprach: \u00bbNein. \u00ab \u00bbDann will ich dir sagen, wer ich bin\u00ab, sprach der Oberst, \u00bbich bin dein alter Kamerad, der Schuster. Ich denke du wirst jetzt kl\u00fcger geworden sein und deinen Hochmuth und Prahlerei lassen. Zum Lohn f\u00fcr deine N\u00f6ten ernenne ich dich aber zum Oberfeldwebel. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem sprach das Schneiderlein nie wieder von seinem Muth, brachte es auch nicht weiter. Der Schuster aber starb als Generalfeldmarschall.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die schlechten Kameraden Johann Wilhelm Wolf Ein Schuster und ein Schneiderlein gingen zusammen auf die Wanderschaft; sie gelobten einander treu beizustehen, zusammen zu halten in Freud und Leid und was der Eine h\u00e4tte, m\u00fcsse auch der Andere haben. 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