{"id":5446,"date":"2026-02-03T23:23:36","date_gmt":"2026-02-03T22:23:36","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5446"},"modified":"2026-02-03T23:23:36","modified_gmt":"2026-02-03T22:23:36","slug":"der-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-schatten\/","title":{"rendered":"Der Schatten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Schatten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>In den hei\u00dfen L\u00e4ndern, dort kann die Sonne brennen! Die Leute werden ganz mahagonibraun; ja in den allerhei\u00dfesten L\u00e4ndern werden sie sogar zu Negern gebrannt. Aber ein gelehrter Mann aus den kalten L\u00e4ndern war nur bis in die hei\u00dfen L\u00e4nder gekommen. Der glaubte nun, dass er ebenso herumlaufen k\u00f6nne wie zu Hause, doch das wurde ihm bald abgew\u00f6hnt. Er und alle vern\u00fcnftigen Leute mussten zu Hause bleiben; die Fensterladen und T\u00fcren blieben den ganzen Tag geschlossen; es sah aus, als ob das ganze Haus schliefe oder niemand daheim w\u00e4re. Die schmale Stra\u00dfe mit den hohen H\u00e4usern, wo er wohnte, war aber auch so gebaut, dass die Sonne vom Morgen bis zum Abend darauf liegen musste; es war wirklich nicht auszuhalten! Der gelehrte Mann aus den kalten L\u00e4ndern war ein kluger junger Mann. Es kam ihm vor, als s\u00e4\u00dfe er in einem gl\u00fchenden Ofen; das griff ihn sehr an, er wurde ganz mager, selbst sein Schatten schrumpfte zusammen und wurde viel kleiner als zu Hause; die Sonne griff auch ihn an. Sie lebten erst des Abends auf, wenn die Sonne untergegangen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein Vergn\u00fcgen, das mit anzusehen. Sobald Licht in die Stube gebracht wurde, wuchs der Schatten \u00fcber die ganze Wand, ja selbst bis an die Decke, so lang machte er sich; er musste sich strecken, um wieder zu Kr\u00e4ften zu kommen. Der Gelehrte ging auf den Altan, um sich dort auszustrecken, und sobald die Sterne an dem sch\u00f6nen klaren Himmel hervorkamen, war es ihm, als ob er wieder auflebte. Auf allen Altanen in der Stra\u00dfe \u2013 und in den warmen L\u00e4ndern ist vor jedem Fenster ein Altan \u2013 kamen nun Leute hervor, denn frische Luft muss man doch haben, wenn man auch daran gew\u00f6hnt ist, mahagonibraun zu sein! Dann wurde es lebendig unten und oben. Schuster und Schneider, alle Leute zogen auf die Stra\u00dfe, man brachte Tische und St\u00fchle hinaus, Lichter brannten, ja, \u00fcber tausend Lichter, und der eine sprach, und der andere sang, und die Leute spazierten, Wagen fuhren, Maultiere trabten, \u203aklingelingeling\u2039, die hatten Glocken; Leichen wurden mit Gesang begraben, Stra\u00dfenjungen lie\u00dfen Spr\u00fchteufelchen springen, die Kirchenglocken l\u00e4uteten, ja, es war wirklich sehr lebhaft auf der Stra\u00dfe. Nur in dem einen Haus, das dem gegen\u00fcberlag, in welchem der fremde gelehrte Mann wohnte, war es ganz still. Und doch wohnte dort jemand, denn es standen Blumen auf dem Altan, die bl\u00fchten so herrlich in der Sonnenhitze, und das h\u00e4tten sie doch nicht gekonnt, wenn sie nicht begossen worden w\u00e4ren, und jemand musste sie doch begie\u00dfen! Leute musste es da also geben. Die T\u00fcr dort oben wurde auch am Abend halb ge\u00f6ffnet, aber dort drinnen war es dunkel, wenigstens in dem vordersten Zimmer; tiefer aus dem Inneren ert\u00f6nte Musik. Der fremde gelehrte Mann fand sie unvergleichlich sch\u00f6n, aber es konnte auch gut sein, dass er sich das nur einbildete, denn er fand in den warmen L\u00e4ndern alles unvergleichlich sch\u00f6n, wenn nur keine Sonne dagewesen w\u00e4re. Der Wirt des Fremden sagte, dass er nicht wisse, wer das gegen\u00fcberliegende Haus gemietet habe, man sehe ja keinen Menschen, und was die Musik angehe, so scheine sie ihm schrecklich langweilig zu sein. \u00bbEs ist, als ob jemand das\u00e4\u00dfe und ein St\u00fcck ein\u00fcbte, das er doch nicht herausbringt, immer das gleiche St\u00fcck. \u203aIch kriege es doch heraus! \u2039 sagt er zu sich, er bringt es aber nicht heraus, wie lange er auch spielt. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Nachts erwachte der Fremde, er schlief bei offener Altant\u00fcr, der Vorhang bewegte sich im Wind, und es kam ihm vor, als komme ein wunderbarer Glanz von dem Altan des gegen\u00fcberliegenden Hauses, alle Blumen leuchteten wie Flammen in den sch\u00f6nsten Farben, und mitten zwischen den Blumen stand eine schlanke, liebliche Jungfrau, es war, als ob auch sie leuchte. Ihm stach es wirklich in die Augen, er hatte sie nun auch schrecklich weit aufgerissen und kam eben erst aus dem Schlaf. Mit einem Sprung war er aus dem Bett, ganz leise schlich er sich hinter den Vorhang, aber die Jungfrau war fort, der Glanz war fort, die Blumen leuchteten nicht mehr, standen aber noch so sch\u00f6n da wie immer. Die T\u00fcr war angelehnt, und von innen klang Musik, so weich und sch\u00f6n, dass man dabei wirklich in s\u00fc\u00dfe Gedanken versinken konnte. Es war wie ein Zauberwerk, aber wer wohnte da? Wo war der eigentliche Eingang? Im ganzen Erdgescho\u00df war Laden an Laden, und da konnten die Leute doch nicht immer durchlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends sa\u00df der Fremde auf seinem Altan; in der Stube hinter ihm brannte ein Licht, und so war es ja ganz nat\u00fcrlich, dass sein Schatten auf die Wand des gegen\u00fcberliegenden Hauses fiel; ja, da sa\u00df er gerade zwischen den Blumen auf dem Altan, und wenn der Fremde sich bewegte, so bewegte sich auch der Schatten, denn das tut er immer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch glaube, mein Schatten ist das einzig Lebendige, was man dr\u00fcben sieht\u00ab, sagte der gelehrte Mann. \u00bbSieh, wie h\u00fcbsch er dort zwischen den Blumen sitzt, die T\u00fcr steht nur angelehnt. Nun sollte der Schatten so gescheit sein und hineingehen, sich umsehen, dann zur\u00fcckkommen und mir erz\u00e4hlen, was er da gesehen hat. Ja, du solltest dich n\u00fctzlich machen\u00ab, sagte er wie im Scherz. \u00bbSei so gut und tritt ein! Nun, wirst du gehen? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann nickte er dem Schatten zu, und der Schatten nickte wieder. \u00bbNun geh nur, aber bleib nicht ganz weg! \u00ab Und der Fremde erhob sich, und sein Schatten auf dem Altan gegen\u00fcber erhob sich auch; der Fremde drehte sich um, und der Schatten drehte sich auch um, ja, wenn jemand genau darauf achtgegeben h\u00e4tte, so h\u00e4tte er deutlich sehen k\u00f6nnen, wie der Schatten durch die halbge\u00f6ffnete Altant\u00fcr des gegen\u00fcberliegenden Hauses hineinging, gerade als der Fremde in seine Stube zur\u00fcckging und den langen Vorhang hinter sich herabfallen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen ging der gelehrte Mann aus, um Kaffee zu trinken und Zeitungen zu lesen. \u00bbWas ist das! \u00ab sagte er, als er in den Sonnenschein kam. \u00bbIch habe ja keinen Schatten mehr! So ist er also wirklich gestern abend fortgegangen und nicht zur\u00fcckgekommen; das ist ja recht verdrie\u00dflich! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und das \u00e4rgerte ihn; aber nicht so sehr deswegen, weil der Schatten fort war, sondern weil er wusste, dass es eine Geschichte von einem Mann ohne Schatten gab, die alle Leute daheim in den kalten L\u00e4ndern kannten. Und k\u00e4me nun der gelehrte Mann nach Hause und erz\u00e4hlte seine eigene Geschichte, so w\u00fcrden sie sagen, er h\u00e4tte sie nur nachgeahmt, und das hatte er nicht n\u00f6tig. Er wollte daher nicht davon sprechen, und das war vern\u00fcnftig von ihm gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend ging er wieder auf seinen Altan. Das Licht hatte er sehr richtig hinter sich gesetzt, denn er wusste, dass der Schatten stets seinen Herrn zum Schirm haben will; aber er konnte ihn nicht hervorlocken. Er machte sich klein, er machte sich lang; aber da war kein Schatten, da kam kein Schatten. Er sagte: \u00bbHm, hm!\u00ab Aber das half nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war \u00e4rgerlich. Doch in den warmen L\u00e4ndern w\u00e4chst alles so geschwind, und nach acht Tagen merkte er zu seinem gro\u00dfen Vergn\u00fcgen, dass ihm ein neuer Schatten aus den Beinen wuchs, wenn er in den Sonnenschein kam; die Wurzel musste also geblieben sein. Nach drei Wochen hatte er einen ganz leidlichen Schatten, der, als er sich heim in die n\u00f6rdlichen L\u00e4nder begab, auf der Reise mehr und mehr wuchs, so dass er zuletzt so lang und gro\u00df war, dass die H\u00e4lfte genug gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>So kam der gelehrte Mann nach Hause, und er schrieb B\u00fccher dar\u00fcber, was es Wahres in der Welt und was es Gutes darin gibt, und was da sch\u00f6n ist, und es vergingen Tage und es vergingen Jahre \u2013 es vergingen viele Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sa\u00df er eines Abends in seiner Stube, und leise klopfte es an die T\u00fcr. \u00bbHerein!\u00ab sagte er, aber es kam niemand. Da \u00f6ffnete er die T\u00fcr, und vor ihm stand ein so au\u00dferordentlich magerer Mensch, dass ihm ganz wunderlich zumute wurde. \u00dcbrigens war der Mensch \u00e4u\u00dferst fein gekleidet, es musste ein vornehmer Mann sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMit wem habe ich die Ehre zu sprechen?\u00ab fragte der Gelehrte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, das dachte ich mir wohl\u00ab, sagte der feine Mann, \u00bbdass Sie mich nicht kennen w\u00fcrden! Ich bin so sehr K\u00f6rper geworden, dass ich ordentlich Fleisch und Kleider bekommen habe. Sie haben wohl nie daran gedacht, mich in so gutem Zustand zu sehen? Kennen Sie Ihren alten Schatten nicht mehr? Ja, Sie haben gewiss nicht geglaubt, dass ich wiederkommen w\u00fcrde. Mir ist es au\u00dferordentlich gut gegangen, seit ich zuletzt bei Ihnen war, ich bin in jeder Hinsicht sehr verm\u00f6gend geworden; muss ich mich vom Dienst freikaufen, so kann ich das.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann rasselte er mit einer ganzen Menge kostbarer Berlocken, die an seiner Uhr hingen, und legte seine Hand an die dicke, goldene Kette, die er um den Hals trug; und wie blitzten an allen seinen Fingern Diamantringe! Und alles war echt!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein, ich kann mich nicht fassen!\u00ab sagte der gelehrte Mann. \u00bbWas ist das alles?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, etwas Gew\u00f6hnliches nicht!\u00ab sagte der Schatten. \u00bbAber Sie geh\u00f6ren selbst ja auch nicht zu den Gew\u00f6hnlichen, und ich bin, das wissen Sie wohl, von Kindesbeinen an in Ihre Fu\u00dftapfen getreten. Sobald Sie fanden, dass ich reif genug sei, um allein in der Welt fortzukommen, ging ich meinen eigenen Weg. Ich bin in den allerbrillantesten Verh\u00e4ltnissen, aber mich \u00fcberkam eine Art Sehnsucht, Sie noch einmal zu sehen, ehe Sie sterben, denn Sie werden ja sterben! Ich wollte auch gern dieses Land wiedersehen, man h\u00e4ngt doch stets an seinem Vaterland. Ich wei\u00df, dass Sie einen anderen Schatten bekommen haben. Habe ich etwas an ihn oder an Sie zu bezahlen? Sie brauchen es mir nur zu sagen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein, bist du es wirklich?\u00ab sagte der gelehrte Mann. \u00bbDas ist doch h\u00f6chst merkw\u00fcrdig! Ich h\u00e4tte nie geglaubt, dass man seinen alten Schatten jemals als Menschen wiedersehen k\u00f6nne!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSagen Sie mir nur, was ich zu bezahlen habe\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbdenn ich m\u00f6chte nicht gern in jemandes Schuld stehen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie kannst du so sprechen?\u00ab sagte der gelehrte Mann. \u00bbVon welcher Schuld kann hier die Rede sein? Du bist so frei wie nur einer! Ich freue mich au\u00dferordentlich \u00fcber dein Gl\u00fcck! Setz dich nieder, alter Freund, und erz\u00e4hl mir doch ein wenig, wie das zugegangen ist und was du dort in den warmen L\u00e4ndern, in dem Hause uns gegen\u00fcber, gesehen hast!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, das will ich Ihnen erz\u00e4hlen\u00ab, sagte der Schatten und setzte sich, \u00bbaber dann m\u00fcssen Sie mir auch versprechen, niemals irgend jemand hier in der Stadt, wo Sie mich auch treffen werden, zu sagen, dass ich Ihr Schatten gewesen bin! Ich habe die Absicht, mich zu verloben; ich kann mehr als eine Familie ern\u00e4hren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSei unbesorgt\u00ab, sagte der gelehrte Mann, \u00bbich werde niemandem sagen, wer du eigentlich bist. Hier ist meine Hand, ich verspreche es dir, und ein Mann, ein Wort!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEin Wort, ein Schatten!\u00ab sagte der Schatten, denn so musste der ja sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war \u00fcbrigens wirklich ganz merkw\u00fcrdig, wie sehr er Mensch geworden war. Er war ganz schwarz gekleidet und trug das feinste, schwarze Tuch, lackierte Stiefel und einen Hut, den man zusammendr\u00fccken konnte, so dass er nichts als Deckel und Krempe war, ganz zu schweigen von dem, was wir schon wissen, den Berlocken, der goldenen Halskette und den Diamantenringen. Ja, der Schatten war au\u00dferordentlich gut gekleidet, und das war gerade, was ihn zu einem ganzen Menschen machte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun will ich erz\u00e4hlen\u00ab, sagte der Schatten, und dann stellte er seine, F\u00fc\u00dfe mit den lackierten Stiefeln, so fest er nur konnte, auf den Arm des neuen Schattens, der dem gelehrten Mann wie ein Pudelhund zu F\u00fc\u00dfen lag, und das geschah nun entweder aus Hochmut oder vielleicht auch, damit der neue Schatten daran h\u00e4ngenbleiben sollte. Aber der liegende Schatten verhielt sich still und ruhig, um recht zuh\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Er wollte wohl wissen, wie man loskommen und sich zu seinem eigenen Herrn hinaufdienen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWissen Sie, wer in dem Haus uns gegen\u00fcber wohnte?\u00ab fragte der Schatten. \u00bbDas war das Herrlichste von allem! Es war die Poesie! Ich war drei Wochen da, und das wirkt ebenso sehr, als ob man, dreitausend Jahre lebte und alles lesen k\u00f6nnte, was gedichtet und geschrieben ist, denn das sage ich, und es ist richtig. Ich habe alles gesehen, und ich wei\u00df alles! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Poesie! \u00ab rief der gelehrte Mann. \u00bbJa, ja, sie lebt oft als Einsiedlerin in den gro\u00dfen St\u00e4dten. Die Poesie! Ja, ich habe sie einen einzigen kurzen Augenblick gesehen, aber der Schlaf sa\u00df mir in den Augen! Sie stand auf dem Altan und leuchtete, wie das Nordlicht leuchtet! Erz\u00e4hle, erz\u00e4hle! Du warst auf dem Altan. Du gingst durch die T\u00fcr und dann \u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDann war ich im Vorzimmer\u00ab sagte der Schatten. \u00bbSie sa\u00dfen dr\u00fcben und sahen stets nach dem Vorzimmer hin\u00fcber. Dort war kein Licht, dort war eine Art von Halbdunkel, aber eine T\u00fcr nach der anderen in einer langen Reihe von Zimmern und S\u00e4len stand offen, und dort war es hell, ich w\u00e4re vom Licht glatt erschlagen worden, w\u00e4re ich ganz bis zur Jungfrau gekommen. Aber ich war besonnen, ich nahm mir Zeit, und das muss man tun. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd was sahst du dann? \u00ab fragte der gelehrte Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch sah alles! Und das will ich Ihnen erz\u00e4hlen, aber \u2013 es ist wahrlich kein Hochmut von mir \u2013 als freier Mann und bei den Kenntnissen, dich ich besitze, ganz zu schweigen von meiner guten Stellung, meinen vortrefflichen Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnissen, w\u00fcnschte ich doch, dass Sie g\u00fctigst \u203aSie\u2039 zu mir sagen m\u00f6chten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBitte um Verzeihung\u00ab, sagte der gelehrte Mann; \u00bbes ist eine alte Gewohnheit, die festsitzt. \u2013 Sie haben vollkommen recht, und ich will daran denken. Aber nun erz\u00e4hlen Sie mir alles, was Sie gesehen haben. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlles\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbdenn ich sah alles, und ich wei\u00df alles. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie sah es denn in den inneren S\u00e4len aus?\u00ab fragte der gelehrte Mann. \u00bbWar es dort wie in dem frischen Wald? War es dort wie in einer heiligen Kirche? Waren die S\u00e4le wie der sternenhelle Himmel, wenn man auf den hohen Bergen steht?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlles war da\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbich ging zwar nicht ganz hinein, ich blieb in dem vordersten Zimmer im Halbdunkel, aber da stand ich au\u00dferordentlich gut. Ich sah alles, und ich wei\u00df alles. Ich bin am Hofe der Poesie im Vorgemach gewesen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber was sahen Sie denn? Gingen durch die gro\u00dfen S\u00e4le alle G\u00f6tter der Vorzeit? K\u00e4mpften dort die alten Helden? Spielten dort liebliche Kinder und erz\u00e4hlten ihre Tr\u00e4ume?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch sage Ihnen, dass ich dagewesen bin, und daher begreifen Sie wohl, dass ich alles sah, was zu sehen war. Wenn Sie dorthin gekommen w\u00e4ren, Sie w\u00e4ren kein Mensch geworden, ich aber wurde einer! Und zugleich lernte ich mein innerstes Wesen, mein Angeborenes, die Verwandtschaft kennen, in der ich zu der Poesie stand. Ja, damals, als ich bei Ihnen war, dachte ich nicht dar\u00fcber nach; aber immer, das wissen Sie, wenn die Sonne auf- und niederging, wurde ich oft so wunderbar gro\u00df, im Mondschein war ich beinahe noch deutlicher als Sie selbst. Ich begriff damals nicht mein innerstes Wesen, im Vorgemach ging es mir auf \u2013 ich wurde Mensch! Gereift kam ich wieder heraus, aber Sie waren nicht mehr in den warmen L\u00e4ndern. Ich sch\u00e4mte mich, als Mensch so zu gehen, wie ich ging; ich brauchte Stiefel, ich brauchte Kleider und diesen ganzen Menschenfirnis, der einen Menschen erkennbar macht. Ich nahm meinen Weg \u2013 ja, Ihnen kann ich es wohl sagen, Sie werden es ja nicht in irgendein Buch bringen \u2013 ich nahm meinen Weg unter den Rock der Kuchenfrau, unter den versteckte ich mich. Das Weib dachte nicht daran, wie viel es verbarg; erst am Abend ging ich aus; ich lief im Mondschein auf der Stra\u00dfe umher, ich streckte mich lang an der Mauer hinauf, das kitzelte so herrlich auf dem R\u00fccken! Ich lief hinauf, ich lief hinab, guckte durch die h\u00f6chsten Fenster in die S\u00e4le und auf das Dach, ich guckte, wohin niemand gucken kann, und ich sah, was kein anderer sah, was niemand sehen sollte! Es ist im Grunde eine niedertr\u00e4chtige Welt! Ich w\u00fcrde nicht Mensch sein wollen, wenn es nun einmal nicht f\u00fcr etwas Besonderes gehalten w\u00fcrde, ein Mensch zu sein. Ich sah das Allerunglaublichste bei Frauen und bei M\u00e4nnern und bei Eltern und bei den s\u00fc\u00dfen, unvergleichlichen Kindern. Ich sah, was kein Mensch wissen darf, was sie aber alle gar zu gern wissen m\u00f6chten: \u00dcbles bei den Nachbarn. H\u00e4tte ich eine Zeitung geschrieben, sie w\u00e4re gelesen worden, aber ich schrieb gleich an die Personen selbst, und es entstand Schrecken in allen St\u00e4dten, wohin ich kam. Sie hatten solche Angst vor mir, sie hatten mich au\u00dferordentlich lieb! Der Professor machte mich zum Professor; der Schneider gab mir neue Kleider, ich bin gut versehen; der M\u00fcnzmeister schlug M\u00fcnzen f\u00fcr mich, und die Frauen sagten, ich sei so sch\u00f6n! \u2013 Und so wurde ich der Mann, der ich jetzt bin! Und nun sage ich Lebewohl! Hier ist meine Karte, ich wohne auf der Sonnenseite und bin bei Regenwetter stets zu Hause.\u00ab Und dann ging der Schatten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas war doch merkw\u00fcrdig!\u00ab sagte der gelehrte Mann. Jahr und Tag verging, da kam der Schatten wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie geht es?\u00ab fragte er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch!\u00ab sagte der gelehrte Mann, \u00bbich schreibe \u00fcber das Wahre, das Gute und das Sch\u00f6ne, aber niemand mag es h\u00f6ren, ich bin ganz verzweifelt, denn ich nehme mir das zu Herzen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas tue ich aber nicht\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbich werde dick und fett, und danach muss man doch streben. Sie verstehen sich nicht auf die Welt. Sie werden krank dabei. Sie m\u00fcssen reisen! Ich will diesen Sommer eine Reise machen, wollen Sie mit? Ich m\u00f6chte wohl einen Reisekameraden haben, wollen Sie als Schatten mitreisen? Es soll mir ein gro\u00dfes Vergn\u00fcgen sein, Sie mitzunehmen! Ich bezahle die Reise!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas geht zu weit!\u00ab sagte der gelehrte Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie man&#8217;s nimmt!\u00ab sagte der Schatten. \u00bbEine Reise wird Ihnen sehr gut tun. Wollen Sie mein Schatten sein? Dann sollen Sie alles auf der Reise frei haben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist zu toll!\u00ab sagte der gelehrte Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber so ist nun einmal die Welt\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbund so wird sie auch bleiben!\u00ab Und dann entfernte er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem gelehrten Mann ging es gar nicht gut, Sorgen und Kummer verfolgten ihn, und was er von dem Wahren, dem Guten und dem Sch\u00f6nen sprach, das war f\u00fcr die meisten, was Rosen f\u00fcr die Kuh sind. Er war zuletzt ganz krank.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie sehen wirklich aus wie ein Schatten!\u00ab sagten die Leute zu ihm, und den gelehrten Mann \u00fcberlief ein Schauer, denn er hatte dabei seine eigenen Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie m\u00fcssen in ein Bad!\u00ab sagte der Schatten, der ihm einen Besuch machte. \u00bbEs gibt keine andere Hilfe f\u00fcr Sie. Ich will Sie um unserer alten Bekanntschaft willen mitnehmen. Ich bezahle die Reise, und Sie machen eine Beschreibung davon und vertreiben mir damit die Zeit unterwegs. Ich will in ein Bad. Mein Bart w\u00e4chst nicht so recht, wie er sollte, das ist auch eine Krankheit, und einen Bart muss man doch haben. Seien Sie vern\u00fcnftig, und nehmen Sie mein Anerbieten an, wir reisen ja als Kameraden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann reisten sie. Der Schatten war nun Herr, und der Herr war Schatten. Sie fuhren miteinander, sie ritten und gingen miteinander, nebeneinander, vor- und hintereinander, wie die Sonne eben stand. Der Schatten wusste stets den Ehrenplatz einzunehmen; dar\u00fcber dachte der gelehrte Mann nun nicht weiter nach. Er hatte ein sehr gutes Herz und war au\u00dferordentlich mild und freundlich, und da sagte er eines Tages zum Schatten: \u00bbDa wir nun auf solche Weise Reisekameraden geworden und zudem von Kindesbeinen an miteinander aufgewachsen sind, wollen wir da nicht Br\u00fcderschaft trinken? Das ist doch viel vertraulicher.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie sagten da etwas\u00ab, sagte der Schatten, der ja nun der eigentliche Herr war, \u00bbwas sehr geradezu und wohlwollend gesagt ist, ich will nur ebenso wohlwollend und geradezu sein. Sie als ein gelehrter Mann wissen wohl, wie wunderlich die Natur ist. Manche Menschen k\u00f6nnen es nicht vertragen, graues Papier anzufassen, denn davon wird ihnen \u00fcbel; anderen f\u00e4hrt es durch alle Glieder, wenn man mit einem Nagel \u00fcber eine Glasscheibe f\u00e4hrt. Ich habe ein \u00e4hnliches Gef\u00fchl, wenn ich Sie \u203adu\u2039 zu mir sagen h\u00f6re, ich f\u00fchle mich dadurch zu Boden gedr\u00fcckt, wie in meiner ersten Stellung bei Ihnen. Sie sehen, dass dies ein Gef\u00fchl ist, kein Stolz. Ich kann Sie nicht \u203adu\u2039 zu mir sagen lassen, aber ich will gern \u203adu\u2039 zu Ihnen sagen, dann wird Ihr Wunsch doch zur H\u00e4lfte erf\u00fcllt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun sagte der Schatten \u203adu\u2039 zu seinem fr\u00fcheren Herrn. \u203aEs ist doch allzu toll\u2039, dachte dieser, \u203adass ich \u203aSie\u2039 sagen muss, und er sagt \u203adu\u2039!\u2039 Doch er musste es sich gefallen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kamen in ein Bad, wo viele Fremde waren und darunter eine wundersch\u00f6ne K\u00f6nigstochter, welche die Krankheit hatte, dass sie allzu scharf sah, und das war sehr be\u00e4ngstigend.<\/p>\n\n\n\n<p>Sogleich merkte sie, dass der Neuangekommene eine ganz andere Person war als alle andern. \u00bbMan sagt, dass er hier ist, damit sein Bart w\u00e4chst, aber ich sehe die rechte Ursache, er kann keinen Schatten werfen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war sie neugierig geworden, und daher lie\u00df sie sich auf der Promenade mit dem fremden Herrn sogleich in ein Gespr\u00e4ch ein. Als eine K\u00f6nigstochter brauchte sie nicht erst viel Umst\u00e4nde zu machen, darum sagte sie zu ihm: \u00bbIhre Krankheit besteht darin, dass Sie keinen Schatten werfen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIhre K\u00f6nigliche Hoheit m\u00fcssen entschieden auf dem Wege der Besserung sein\u00ab, sagte der Schatten. \u00bbIch wei\u00df, Ihr \u00dcbel besteht darin, dass Sie allzu gut sehen, aber das hat sich gegeben, Sie sind geheilt. Ich habe gerade einen ganz ungew\u00f6hnlichen Schatten. Sehen Sie nicht die Person, die stets neben mir geht? Andere Menschen haben einen gew\u00f6hnlichen Schatten, aber ich liebe das Gew\u00f6hnliche nicht. Man gibt seinen Dienern feineres Tuch zur Livree, als man selbst tr\u00e4gt, und so habe ich meinen Schatten zu einem Menschen herausputzen lassen! Ja, Sie sehen, dass ich ihm sogar einen Schatten gegeben habe. Das ist sehr kostspielig, aber ich liebe es, etwas Besonderes zu haben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aWie\u2039, dachte die Prinzessin, \u203asollte ich mich wirklich erholt haben? Dieses Bad ist das Beste, das es gibt; das Wasser hat in unserer Zeit ganz wunderbare Kr\u00e4fte. Aber ich reise noch nicht fort, denn jetzt wird es hier erst am\u00fcsant; der Fremde gef\u00e4llt mir au\u00dferordentlich gut. Wenn nur sein Bart nicht w\u00e4chst, denn dann reist er wieder ab.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend tanzten die K\u00f6nigstochter und der Schatten zusammen in dem gro\u00dfen Ballsaal. Sie war leicht, aber er war noch leichter, einen solchen T\u00e4nzer hatte sie noch nie gehabt. Sie sagte ihm, aus welchem Land sie sei, und er kannte das Land; er war dagewesen, aber damals war sie nicht zu Hause; er hatte durch die Fenster des Schlosses geguckt, von unten und von oben, er hatte das eine und das andere gesehen, und daher konnte er der K\u00f6nigstochter antworten und Anspielungen machen, so dass sie ganz erstaunt war. Er musste der kl\u00fcgste Mann der ganzen Erde sein; sie bekam eine gro\u00dfe Achtung vor dem, was er wusste. Und als sie wieder tanzten, verliebte sie sich in ihn, und das konnte der Schatten gut merken, denn sie h\u00e4tte beinahe durch ihn hindurchgesehen. Sie tanzten noch einmal, und sie war nahe daran, es ihm zu sagen, aber sie war besonnen, sie dachte an ihr Land und Reich und an die vielen Menschen, \u00fcber die sie regieren sollte. \u203aEin weiser Mann ist er\u2039, sagte sie zu sich selbst, \u203adas ist gut! Und ganz herrlich tanzt er, das ist auch gut. Aber ob er wohl gr\u00fcndliche Kenntnisse hat? Das ist ebenso wichtig! Er muss examiniert werden.\u2039 Und nun richtete sie sogleich eine schwierige Frage an ihn, die sie selbst nicht h\u00e4tte beantworten k\u00f6nnen; und der Schatten machte ein ganz sonderbares Gesicht. \u00bbDarauf k\u00f6nnen Sie mir nicht antworten\u00ab, sagte die K\u00f6nigstochter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas habe ich schon in meiner Schulzeit geh\u00f6rt\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbich glaube, sogar mein Schatten dort an der T\u00fcr w\u00fcrde darauf antworten k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIhr Schatten?\u00ab sagte die K\u00f6nigstochter, \u00bbdas w\u00e4re h\u00f6chst merkw\u00fcrdig.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch sage nicht bestimmt, dass er es kann\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbaber ich m\u00f6chte es glauben. Er ist mir schon so manches Jahr gefolgt und hat viel von mir geh\u00f6rt, ich m\u00f6chte es glauben. Aber Ihre K\u00f6nigliche Hoheit erlauben mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass er so stolz darauf ist, f\u00fcr einen Menschen zu gelten, dass man ihn, wenn er bei guter Laune sein soll \u2013 und das muss er sein, um richtig zu antworten \u2013, ganz wie einen Menschen behandeln muss.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas gef\u00e4llt mir!\u00ab sagte die K\u00f6nigstochter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun ging sie zu dem gelehrten Mann an der T\u00fcr und sprach mit ihm von Sonne und Mond und vom \u00c4u\u00dferen und Inneren des Menschen, und er antwortete sehr klug und gut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aWas das f\u00fcr ein Mann sein muss, der einen so klugen Schatten hat!\u2039 dachte sie. \u203aEs w\u00fcrde ein wahrer Segen f\u00fcr mein Volk und mein Reich sein, wenn ich ihn zu meinem Gemahl erw\u00e4hlte \u2013 ich tue es!\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie wurden bald einig, die K\u00f6nigst\u00f6chter und der Schatten, aber niemand sollte etwas davon wissen, bevor sie in ihr Reich heimgekehrt war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNiemand, nicht einmal mein Schatten!\u00ab sagte der Schatten, und dabei hatte er seine eigenen Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kamen in das Land, wo die K\u00f6nigstochter regierte, wenn sie zu Hause war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbH\u00f6re, mein guter Freund\u00ab, sagte der Schatten zu dem gelehrten Mann, \u00bbnun bin ich so gl\u00fccklich und m\u00e4chtig, wie nur jemand es werden kann, nun will ich auch etwas Besonderes f\u00fcr dich tun. Du sollst immer bei mir auf dem Schloss wohnen, mit mir in meinem k\u00f6niglichen Wagen fahren und hunderttausend Reichstaler j\u00e4hrlich bekommen, aber du musst dich von allen und jedem Schatten nennen lassen und darfst nicht sagen, dass du jemals Mensch gewesen bist; und dann musst du einmal im Jahr, wenn ich auf dem Altan im Sonnenscheine sitze und mich sehen lasse, zu meinen F\u00fc\u00dfen liegen, wie es einem Schatten geb\u00fchrt. Denn ich will dir sagen, ich heirate die K\u00f6nigstochter, und heute abend soll die Hochzeit sein!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein, das ist doch zu toll!\u00ab sagte der gelehrte Mann. \u00bbDas will ich nicht, das tue ich nicht, das hei\u00dft das ganze Land betr\u00fcgen und die K\u00f6nigstochter dazu! Ich werde alles sagen, dass ich Mensch bin und du der Schatten und dass du nur angezogen bist!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas w\u00fcrde niemand glauben\u00ab, sagte der Schatten, sei vern\u00fcnftig, oder ich lasse die Wache rufen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch gehe geradewegs zur K\u00f6nigstochter!\u00ab sagte der gelehrte Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber ich gehe zuerst\u00ab, sagte der Schatten, \u00bbund du gehst ins Gef\u00e4ngnis!\u00ab Und das musste er, denn die Schildwachen gehorchten dem, von dem sie wussten, dass die K\u00f6nigstochter ihn haben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu zitterst?\u00ab sagte die K\u00f6nigstochter, als der Schatten zu ihr kam. \u00bbIst etwas vorgefallen? Du darfst heute abend nicht krank werden, jetzt, wo wir Hochzeit halten wollen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe das F\u00fcrchterlichste erlebt, was man erleben kann!\u00ab sagte der Schatten. \u00bbDenk dir \u2013 ja, so ein armes Schattengehirn kann nicht viel vertragen! Denk dir, mein Schatten ist verr\u00fcckt geworden, er glaubt, dass er Mensch geworden sei und dass \u2013 denk dir nur! dass ich sein Schatten sei!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist ja schrecklich!\u00ab sagte die Prinzessin. \u00bbEr ist doch eingesperrt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist er! Ich f\u00fcrchte, dass er sich nie wieder erholen wird.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer arme Schatten!\u00ab rief die Prinzessin. \u00bbEr ist sehr ungl\u00fccklich; es ist eine wahre Wohltat ihn von dem bisschen Leben, das er hat, zu befreien, und wenn ich recht dar\u00fcber nachdenke, so scheint es mir n\u00f6tig zu sein, dass man ihn in aller Stille beiseite schafft.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist freilich hart, denn er war ein treuer Diener\u00ab, sagte der Schatten, und er tat, als ob er seufzte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu bist ein edler Charakter!\u00ab sagte die K\u00f6nigstochter.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend war die ganze Stadt illuminiert, und Kanonen wurden abgefeuert: Bum! Und die Soldaten pr\u00e4sentierten die Gewehre. Das war eine Hochzeit! Die K\u00f6nigstochter und der Schatten traten auf den Altan, um sich sehen zu lassen und noch einmal ein Hurra entgegenzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gelehrte Mann h\u00f6rte nichts von all diesen Herrlichkeiten \u2013 denn man hatte ihm das Leben genommen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schatten Hans Christian Andersen In den hei\u00dfen L\u00e4ndern, dort kann die Sonne brennen! Die Leute werden ganz mahagonibraun; ja in den allerhei\u00dfesten L\u00e4ndern werden sie sogar zu Negern gebrannt. Aber ein gelehrter Mann aus den kalten L\u00e4ndern war nur bis in die hei\u00dfen L\u00e4nder gekommen. 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