{"id":5436,"date":"2026-02-03T23:10:17","date_gmt":"2026-02-03T22:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5436"},"modified":"2026-02-03T23:10:17","modified_gmt":"2026-02-03T22:10:17","slug":"die-scharfe-schere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-scharfe-schere\/","title":{"rendered":"Die scharfe Schere"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die scharfe Schere<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Ludwig Bechstein<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>In einem kleinen St\u00e4dtchen war einmal ein frommes Schneiderlein, das wartete gar flei\u00dfig seiner Arbeit und r\u00fchrte sich vom Morgen bis zum Abend mit N\u00e4hnadel und Fingerhut, Schere und B\u00fcgeleisen, brachte es aber gar nicht weit damit und kam zu nichts Rechtem. Alles was man von seinem Gl\u00fccke sagen konnte, war: dass sotanes Schneiderlein sich leidlich und ehrlich durchflicke. Die Familie, aus Frau und mehreren Kindern bestehend, welche erhalten sein wollte, schwere Zeit und durch sie manche Sorge erpressten dem Schneiderlein manchen Seufzer. H\u00e4tte es gerne etwas besser gehabt, wusste aber nicht, wie dies anfangen; h\u00e4tte gerne noch mehr gearbeitet, konnte aber doch nicht mehr tun, als zu tun ihm aufgetragen wurde, und konnte keine Kundschaft herbeizaubern, so sehr er dies auch manches Mal w\u00fcnschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Zeit wurde immer schlechter, und es gedieh dahin, dass das arme Schneiderlein keinen einzigen Gesellen mehr halten konnte, und als sein letzter Lehrling losgesprochen war und das R\u00e4ntzel geschn\u00fcrt hatte und in die Fremde gewandert war, so meldete sich kein anderer Knabe zum Lehrling, denn die Leute sagten dem Schneiderlein nach, es sei weiter nichts als ein Flickschneider, welches Wort nicht viel mehr sagen will als ein Lump.<\/p>\n\n\n\n<p>Da klopfte eines Tages schon gegen die Abendd\u00e4mmerung endlich einmal wieder ein Schneidergesell an, gr\u00fc\u00dfte das Handwerk und bat um Arbeit. Dem klagte das arme Meisterlein gleich seine Not und sprach, es wollte ihm von Herzen gerne Arbeit geben, so es deren nur h\u00e4tte. Der Schneidergeselle aber antwortete, der Meister solle ihn nur annehmen; wo er arbeite, da sei das Gl\u00fcck, da gebe es genug zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun wohl! Wir wollen es auf acht Tage probieren\u00ab, sagte der Schneider, der leicht Hoffnung sch\u00f6pfte, und w\u00e4re es auch nur ein Fingerhut voll gewesen. Einiges fand sich noch zu flicken vor, und am andern Morgen begann die Arbeit; Meister und Geselle sa\u00dfen einander gegen\u00fcber, und dem ersten stand die Nadel still, als er sah, wie flink und fertig der neue Geselle n\u00e4hte. Dessen Nadel flog nur so, man sah kaum die arbeitende Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun betrachtete sich der Meister seinen neuen Gesellen auch weiter und verwunderte sich \u00fcber dessen Gestalt. Derselbe war schier so d\u00fcnn wie ein Zwirnsfaden; das nichts weniger als wohlbeleibte Schneiderlein war gegen jenen, was ein starker Stamm ist gegen eine d\u00fcnne Gerte; das Gesicht des Gesellen war dem Meister nicht angenehm; es \u00e4hnelte jenes Physiognomie aufs Haar der eines Ziegenbockes, und nebenbei hing der Geselle an alles, was er sprach, ein seltsames kicherndes Gel\u00e4chter, das akkurat wie Meckern klang.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte die Arbeit begonnen, als es an die T\u00fcre klopfte und ein fremder Herr eintrat, welcher ein neues Gewand bestellte und das Geld f\u00fcr das Tuch gleich auf den Arbeitstisch legte. Zitternd vor Freude h\u00fcpfte das Schneiderlein um den Fremden herum und nahm das Ma\u00df. Ach, es hatte so lange nicht das wonnige Gef\u00fchl einer Schneiderseele empfunden, ein Ma\u00df zu einem nagelneuen Gewande zu nehmen. Der Fremde empfahl Eile und ging, und die Frau Meisterin sollte geschwind in den Tuchladen gehen, das Tuch zu holen, konnte sich nicht schnell genug anziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSieht der Meister, dass ich recht hatte?\u00ab fragte der Geselle. \u00bbMit mir kommt das Gl\u00fcck ins Haus, m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFreut mich, freut mich sehr!\u00ab antwortete schmunzelnd das Schneiderlein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbZehn Taler hat der Herr zu Tuch da gelassen?\u00ab fragte der Geselle weiter. \u00bbDa schickt man achte in den Tuchladen, und zweie beh\u00e4lt man \u2013 m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGott soll mich beh\u00fcten und bewahren!\u00ab rief erschrocken das Schneiderlein. \u00bbNein, das w\u00e4re eine S\u00fcnde, das w\u00e4re unrechtes Gut, das bringt kein Gedeihen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbLasse mich der Meister aus mit \u2013 und S\u00fcnde \u2013 solche Worte kenn ich nicht \u2013 m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab erwiderte mit einem ungemein sp\u00f6ttischen Gesichte der Geselle, immerfort flei\u00dfig arbeitend. \u00bbMan riecht dem Meister recht das kleine Stadtnest an, darin wir sitzen \u2013 da sollte einmal der Meister in einer gro\u00dfen Stadt leben und ein Kunde so dumm sein wie der unsrige, das Geld zum Tuche voraus zu bezahlen! Dort m\u00fcsste man von zehn Talern gleich f\u00fcnfe behalten, weil sogar viele andere Kunden das Tuch, das die Schneider zum Gewande tun, nie und niemals bezahlen, und Auslagen nebst Macherlohn zum \u2013 zum Teufel sind \u2013 m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das fromme Schneiderlein f\u00e4delte einen neuen Faden in seine Nadel, zog diesen recht lang aus, hielt ihn dem Gesellen unter die Nase und sagte: \u00bbSieht Er, Mosj\u00f6! Ehrlich w\u00e4hret am l\u00e4ngsten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEine gute Zehrung, mit der man weit kommt!\u00ab spottete der Geselle mit seinem steten unausstehlichen Meckerlachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Tuch wurde gebracht, es war fein und gut; der Schneider spitzte die Kreide und schickte sich zum Zuschneiden an. Der Geselle blickte in die Camera obscura, die sich an den Arbeitstischen der Schneider befindet, um Abf\u00e4lle von Tuch, Futter und dergleichen aufzunehmen, und scharrte mit dem Fu\u00dfe darinnen umher, es lag aber gar nichts darin als einige Fasern von der letzten Flickarbeit \u2013 dann folgte des Gesellen lauernder Blick jeder Handbewegung des Meisters \u2013 dann sagte er: \u00bbNun Meister! Euer \u00c4ltester braucht notwendig ein R\u00f6cklein, oder die Frau Meisterin k\u00f6nnte eine Sonntagsjacke wohl brauchen. Schneidet h\u00fcbsch mit Verstand zu \u2013 werft die Lappen her \u2013 in die H\u00f6lle \u2013 m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBeim Teufel ist die H\u00f6lle \u2013 nicht bei mir! Nicht ein Flecklein zu einem Haubenl\u00e4ppchen f\u00fcr meine Frau behalte ich!\u00ab versetzte der ehrliche Schneider.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPah!\u00ab rief der Geselle und zog sein Bockgesicht zu einer gr\u00e4ulich fletschenden Grimasse. \u00bbWozu ist denn die H\u00f6lle da? Wozu hat sie ein Loch \u2013 m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs hei\u00dft eigentlich gar nicht H\u00f6lle, es hei\u00dft H\u00f6hle, weil es ein dunkler hohler Raum ist \u2013 mit der H\u00f6lle hat kein ehrlicher Schneider was zu schaffen\u00ab, versetzte der das Tuch mit gr\u00f6\u00dfter Gewissenhaftigkeit zuschneidende Kleiderk\u00fcnstler.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSchulmeister! Oh! Deutscher Sprachmeister!\u00ab spottete der Geselle und warf einen Blick voll des grimmigsten Hohnes auf den redlichen Mann. Dieser aber lie\u00df sich nicht irren, und die neue Arbeit wurde begonnen. Im Laufe desselben Tages gingen noch andere Bestellungen ein \u2013 eine nach der andern; bereits war Arbeit auf eine ganze Woche vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Schneidermeister gefiel sein neuer Geselle gar nicht; er h\u00e4tte ihm gern am Morgen des ersten Arbeitstages schon wieder Feierabend gegeben, aber er hatte ihn nun einmal auf eine Woche lang angenommen; der Geselle schien in der Tat das Gl\u00fcck mitgebracht zu haben, und schickte er ihn aus der Arbeit, so konnte er allein nicht in zwei Wochen alles fertigen, was bestellt war. Und einen zweiten Arbeiter, wie dieser Geselle war, gab es gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am folgenden Tage setzte sich die Arbeit r\u00fchrig fort, unter manchem Zwiegespr\u00e4ch, unter mancher Sp\u00f6tterei und manchem den Meister verh\u00f6hnenden Bockgel\u00e4chter, daran sich dieser jedoch wenig kehrte. Er dachte: Spotte, h\u00f6hne du nur immerzu, stichle, so viel du willst, arbeite nur so fort; dein Spott bei\u00dft mich nicht, dein Hohn sticht mich nicht \u2013 der hei\u00dfe B\u00f6gelstahl deiner Zunge brennt mich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>So kam der Schneider mit Geduld und gutem Gewissen viel weiter, als wenn er fort und fort mit dem Gesellen gezankt und gehadert h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen die Arbeitstage fiel jetzt ein Sonntag. Meister und Meisterin schliefen eine Stunde l\u00e4nger, es war ja Ruhetag. Am Abende vorher hatte die Meisterin die Werkst\u00e4tte recht sch\u00f6n ausgekehrt und aufgewaschen, war aber nicht wenig erstaunt, als sie am Sonntagmorgen hineinschaute, den Boden rings umher wieder voll Tuchschnitzel, Zwirnst\u00fccke und Futterfetzen liegen zu sehen und auf seinem Platze den Gesellen in voller Arbeit; er hatte ein reines Hemde an, welches vorn aufstand, und mit Entsetzen gewahrte die Meisterin, dass des Gesellen Brust \u00fcber und \u00fcber voll schwarzer Haare war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zog sich zur\u00fcck und dr\u00fcckte ihrem Manne ihre Verwunderung aus, dass er den Gesellen am lieben Sonntage arbeiten lasse, was doch eine S\u00fcnde sei \u2013 und sie habe doch erst abends zuvor die Werkstatt so sch\u00f6n gefegt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie? Er arbeitet?\u00ab fragte ganz verwundert der Meister.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMir ist nicht eingefallen, ihn das zu hei\u00dfen. Das soll er gleich bleiben lassen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Rasch trat der Meister in die Werkstatt: \u00bbSch\u00f6nen guten Morgen auch! Aber was soll das hei\u00dfen? Wei\u00df Er nicht, dass heute Sonntag ist?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGro\u00dfen Dank, Meister! N\u00e4, m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbH\u00f6r Er! Lasse Er Sein dummes Lachen! Ich verbitte es mir!\u00ab sagte der Meister und warf sich in die Brust. \u00bbHeute ist Sonntag, heute wird ein f\u00fcr alle Mal nicht schneideriert. Sonntag ist Ruhetag!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHalte mir doch der Meister meine Arbeiten nicht f\u00fcr ungut!\u00ab verteidigte sich der Geselle mit scheinbarer Demut. \u00bbF\u00fcr wen arbeite ich denn? F\u00fcr Ihn oder f\u00fcr mich? Doch ohne Zweifel f\u00fcr Ihn. Ich bin nun einmal an stete T\u00e4tigkeit gew\u00f6hnt, ich muss mir stets was zu tun machen \u2013 ich kenne keine Ruhe und keinen M\u00fc\u00dfiggang. Kennt Ihr nicht das sch\u00f6ne Spr\u00fcchlein: M\u00fc\u00dfiggang ist des Teufels Ruhebank und aller Laster Anfang? M\u00e4h\u00e4 \u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMag sein\u00ab, antwortete der Meister, einigerma\u00dfen verwirrt. \u00bbJetzt h\u00f6re Er auf zu arbeiten. Fr\u00fchst\u00fccke Er und ziehe Er sich an. Er t\u00e4te auch wohl, sich zu rasieren; schau Er einmal in den Spiegel \u2013 Er hat ja einen Bart justement wie ein Ziegenbock.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbM\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab lachte der Geselle \u00fcberlaut. \u00bbVerzeih mir&#8217;s der Meister \u2013 ich muss lachen \u2013 m\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4! dass Ihr einen solchen Vergleich braucht. Nun Euer Wille soll geschehen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geselle ging in seine Kammer, rasierte sich und zog sich an und sah mit dem Barte, den er sich hatte stehen lassen, wie eine lebendige Satire auf die ganze l\u00f6bliche Schneiderzunft aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte einen kohlschwarzen Frack von gl\u00e4nzendem Sommerzeug an, dessen Sch\u00f6\u00dfe bis auf die Erde hingen, und in der Tasche des einen bauschte etwas, als wenn eine lange Schlangengurke drinnen st\u00e4ke, vermutlich eine Tabakspfeife, denn es hing eine Art schwarzer Quaste heraus. Unter dem Frack trug der Schneidergeselle eine Weste von feuerfarbigem Berkal, und seine Sommermodesten waren von echtem Nankin. Einen Hut besa\u00df der Geselle nicht, sondern blo\u00df ein flottes barett\u00e4hnliches K\u00e4pplein von schwarzem Sammet, mit rotem Rande und mit Goldschnur baspoliert. In der Hand trug er einen wunderlich knorrigen Stock von Wacholderholz, dessen Griff eine Art Drachenkopf bildete, welcher als ein Spiel der Natur so gewachsen war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEi \u2013 Er hat sich ja recht stattlich herausgeputzt, Schwarzburger!\u00ab rief der Meister den Gesellen an, der, wie das Wanderbuch auswies, aus dem Schwarzburgischen stammte. \u00bbNur Sein Bart gef\u00e4llt mir nicht und Sein K\u00e4pplein auch nicht, es hat vorn so seltsame Ecken, just als ob ein paar Bocksh\u00f6rnlein darunter steckten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEi, dass Euch der Bock stie\u00dfe, Meister!\u00ab rief der Geselle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbErst soll ich armer Schwartenhans einen Bocksbart, dann gar Bocksh\u00f6rnlein haben! Wisset, wenn Ihr so seid, so kann ich auch bocken, kann auch Feierabend machen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFriede am lieben Sonn- und Feiertage!\u00ab gebot der Meister. \u00bbWir wollen einander nicht gegenseitig ins Bockshorn jagen. Hier Geselle, hat Er ein Gesangbuch \u2013 wir gehen in die Kirche.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Vergebens hielt der Meister dem Gesellen das Buch hin \u2013 jener ber\u00fchrte es nicht \u2013 und lachte verlegen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbM\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4, Meister! Legt&#8217;s hin \u2013 legt&#8217;s hin \u2013 ich muss \u2013 ja, zu meiner Schande muss ich&#8217;s Euch gestehen \u2013 ich kann nicht \u2013 ich kann nicht lesen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHm! Hm!\u00ab brummte das Schneiderlein verwundert und sprach: \u00bbDas nimmt mich wunder, dass bei den zahllosen trefflichen Schulanstalten, deren Deutschland sich zu erfreuen hat, und bei der \u00dcberzahl von Lehrern, welche rings die wahre Bildung und Aufkl\u00e4rung verbreiten, irgendwo der Unterricht noch so mangelhaft beschaffen sein sollte, dass ein deutscher Schneider nicht lesen k\u00f6nnte \u2013 indessen nehme Er nur das Buch, lege Er es in der Kirche vor sich hin und tue Er, als s\u00e4he Er hinein \u2013 das machen viele Tausende so, die recht gut lesen k\u00f6nnen. Es sieht doch aus wie Andacht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch kann wahrhaftig nicht, verschone mich der Meister damit!\u00ab lehnte der Geselle beharrlich ab. \u00bbIch kann nicht in die Kirche gehen \u2013 die k\u00fchle Luft beklemmt mir meine schwache Brust \u2013 ich will ein wenig Spazierengehen, die Natur ist mein Tempel \u2013 und hier ist eine sch\u00f6ne Gegend, nicht wahr, Meister?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbO ja\u00ab, mischte sich die Meisterin in das Gespr\u00e4ch. \u00bbWenn er zum untern Tore hinaus ist, f\u00fchrt gleich links der Weg in ein Felsental; man hei\u00dft diesen Weg nur den Drachengraben, und weiter hinten steht ein sch\u00f6ner Steinfels, den hei\u00dft man die Teufelskanzel.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAh! Das ist sch\u00f6n! Da will ich hingehen! K\u00fcsse die Hand, Frau Meisterin! W\u00fcnsche allerseits gute Andacht! M\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Am Sonntage nach der Nachmittagskirche ging das ehrsame Schneiderlein mit seiner Familie auch spazieren; das Wetter war sehr einladend, und an einem nahen Vergn\u00fcgungsorte, all wo es gutes Bier gab, wurde es sehr voll. Die Kinder fanden Spielgenossen, die Frau Meisterin fand Freundinnen und Gevatterinnen, und der Meister fand einen ihm wohlwollenden geistlichen Herrn, mit dem er sich noch ein wenig in der N\u00e4he des Lustgartens in guten Gespr\u00e4chen erging. Da begegnete ihnen der Geselle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMein, was ist das f\u00fcr eine Figur? Die hab ich doch hier noch nicht gesehen!\u00ab fragte der geistliche Herr. \u00bbSchaut, Meister, diese verzwickte Gestalt, diese miserable Physiognomie, und wie der Kerl hinkt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWahrhaftig, er hinkt, das habe ich noch gar nicht wahrgenommen!\u00ab erwiderte der Schneider.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie? Ihr kennt ihn, Meister?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs ist mein neuer Geselle\u00ab, antwortete mit einer gewissen Wichtigkeit und Betonung das Schneiderlein; denn es schmeichelte ihm doch, der Mann zu sein, welcher einen Gesellen hielt. Dieser Geselle aber schlug einen Nebenweg ein und bog links ab, um den beiden, die von ihm sprachen, nicht zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der geistliche Herr schien ebenso neugierig als argw\u00f6hnisch, er richtete Frage auf Frage an den Meister und machte dem guten Manne, der so ehrlich war, keine H\u00f6lle haben zu wollen, dennoch die H\u00f6lle hei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas sagt Ihr mir da alles, Meister?\u00ab rief der geistliche Herr. \u00bbWie ein Bock sieht er aus \u2013 meckert wie ein Bock \u2013 scheint H\u00f6rnlein unter der Kappe zu haben \u2013 hinkt \u2013 fasste das Gesangbuch nicht an \u2013 kann die Kirchenluft nicht vertragen? O du Erzbock, du S\u00fcndenbock! Du Bock aller B\u00f6cke! Meister, um des Himmels willen, welch einen Bock habt Ihr geschossen, diesen Bock in Euer christliches Haus aufzunehmen! Dankt dem Himmel, dass Euch heute mich hier finden lie\u00dfe. Euer Geselle \u2013 das ist der helle Teufel!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schneiderlein stie\u00df einen Schrei aus und war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen \u2013 ja \u2013 ja \u2013 alles wurde ihm klar \u2013 die pl\u00f6tzlich sich h\u00e4ufende Arbeit, der schlimme verf\u00fchrerische Rat, vom Tuchgelde zu behalten, Tuch zu ganzen Jacken in die H\u00f6lle zu werfen \u2013 des Gesellen Hohn, den er stets gegen alles aussprach, was hehr und heilig war, jetzt stand alles im f\u00fcrchterlichen Zusammenhange da. Wenn das Tischgebet gesprochen wurde, hatte der Geselle sich Salz genommen, das Ding in seiner langen Rocktasche hatte sich bisweilen wunderlich bewegt, als zapple ein Aal darin, und die Quaste, die manchmal herausbaumelte, war nicht von schwarzem Kamelgarn, sondern es waren Haare.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMeister!\u00ab begann aufs Neue sehr ernst der geistlich Herr: \u00bbIhr seid ausersehen zu einer gro\u00dfen Tat, wie noch nie ein Schneider eine verrichtete \u2013 vollbringt Ihr sie, so tragt Ihr ewigen Ruhm davon; unterlasst Ihr sie zu vollbringen, so seid Ihr mit Leib und Seele, mit Frau und Kindern verloren zeitlich und ewiglich. Ihr habt jetzt den Schwarzen im Hause, Euch dient er, auf Spekulation, Eure Seele zu verderben, der Seelenf\u00e4nger. Habet Acht, wie wir ihn bannen und ihm das Wiederkommen verleiden, denn das wisst Ihr doch, dass eine Katze nicht wieder das Haus besucht, darin man ihr den Schwanz abhackte oder die Ohren abschnitt. Lasst vom Schleifer Eure Schere sch\u00e4rfen und habt sie zur Hand \u2013 das Weitere will ich Euch dann schon noch sagen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Abende gab es an dem Vergn\u00fcgungsorte n\u00e4chst dem St\u00e4dtchen, wo das Schneiderlein sesshaft war, zwischen Schneidergesellen und Schuhmachergesellen f\u00fcrchterliche Pr\u00fcgel. Ein Schuhmachergeselle hatte \u00fcber die unf\u00f6rmigen Stiefel gespottet, welche der fremde Schneidergeselle trug, es waren erst witzige, dann grobe Worte gefallen, dann die Schl\u00e4ge hageldicht, erst mit St\u00f6cken, dann mit Stuhlbeinen, und noch nie hatte es so viele zerschlagene Nasenbeine, Beulen, L\u00f6cher in den K\u00f6pfen und dergleichen gegeben. Alle Leute kamen in dem Urteil \u00fcberein, der Teufel sei v\u00f6llig losgewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Tage ging kein Geselle an die Arbeit. Die ganze Gesellenschaft war aufgeregt, keiner mochte arbeiten, man feierte blauen Montag, zog rauchend und singend, sich Arm in Arm f\u00fchrend, gassenbreit durch das St\u00e4dtchen, zu den Schneidern gesellten sich Barbier-, Drechsler-, Glaser-, Tuchmacher- und F\u00e4rber-Gesellen, zu den Schustern aber Gerber-, Tischler-, Schmiede-, Maurer- und Zimmergesellen. Der Schwarzburger war der F\u00fchrer der erstgenannten Partei \u2013 er hatte eine rote Hahnenfeder auf sein Barettlein gesteckt, und als abends die Gesellenschlacht entbrannte, zu der man sich den ganzen Tag \u00fcber durch manches Glas Branntwein geh\u00f6rig vorbereitet hatte, floss vieles Blut, und \u2013 was noch nie dagewesen war, die Schneiderpartei behauptete siegreich den Kampfplatz, indes kam am Abende dieses blauen Montags kaum einer ohne blaue Flecken oder Bluterg\u00fcsse heim. Nur der Schwarzburger zeigte keine Spur einer Verwundung, auch keine Erm\u00fcdung, sondern arbeitete am Dienstag fr\u00fch wieder flott und r\u00fcstig, zog aber ein sehr schiefes Gesicht, als jener geistliche Herr in die Werkst\u00e4tte trat, und r\u00fcckte unruhig hin und her. Der Meister empfing denselben mit vieler Reverenz, zeigte hinter dem R\u00fccken des Gesellen auf die frischgeschliffene scharfe Schere, und der geistliche Herr begann allerlei Fragen an den Gesellen zu richten, so zum Beispiel: \u00bbWie ist dein Taufname?\u00ab Da stank es schon in der Fechtschule. \u00bbIch bin nicht getauft\u00ab, antwortete der Geselle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo bist du vielleicht ein Jude?\u00ab fragte der geistliche Herr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin kein Jude.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbOder ein T\u00fcrke? Oder ein Heide?\u00ab ging das Fragen fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geselle tat, als h\u00f6re er nicht wohl, und antwortete: \u00bbJa, ich bin ein Schneider. M\u00e4h\u00e4h\u00e4h\u00e4!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Teufel bist du, unsauberer Geist!\u00ab donnerte der geistliche Herr. \u00bb Exorciso te, creatura daemonica!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da begann der Teufel zu zittern und bekam den Krampf in seine d\u00fcrren Waden, und der Schneider hatte sich mittlerweile unter den Sitz des Teufels geb\u00fcckt und die rechte Stelle ersehen und schnitt jetzt mit einem k\u00fchnen Griffe dem Teufel rupps und kahl den bisher so sorglich verwahrten Schwanz ab. Der Teufel tat ein H\u00f6llengebr\u00fcll und fuhr auf und davon und kam niemals wieder. Den Schwanz lie\u00df er fallen, und der geistliche Herr hob denselben auf, um ihn zu anderen Seltenheiten der Natur und Kunst zu legen, die man in der Reliquienkammer aufbewahrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schneiderlein aber wurde gefeiert als ein Held, bekam viel Zuschlag und hatte sp\u00e4ter zw\u00f6lf Gesellen und sechs Lehrburschen sitzen. Litt aber nicht, dass einer gute und gro\u00dfe Lappen in die H\u00f6lle warf. Die scharfe Schere wurde zu keiner andern Arbeit mehr verwendet, sie blieb ein Angedenken und Kleinod in der Familie, und als der Schneider im Rufe eines frommen Christen verstorben war, mei\u00dfelte man das treue Abbild derselben in den Grabstein und mauerte diesen an die Au\u00dfenwand der Kirche, just da, wo innen die Reliquienkammer sich befand.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem geht nun der Teufel ohne Schwanz umher, und der gro\u00dfe Dienst, den der Schneider der Welt durch seinen kecken Schnitt zu leisten vermeinte, bleibt noch sehr in Frage gestellt; denn als der Teufel seinen Schwanz noch hatte, den er allerdings gern auf alles legte, konnte man ihm besser aus dem Wege gehen als jetzt, wo er ohne Schwanz umherstolziert; seit er so gestutzt und stattlich erscheint, kam der Name Stutzer auf f\u00fcr Leute, die geschniegelt, geb\u00fcgelt und gestriegelt sich sehen lassen, sich in die Brust werfen, hochn\u00e4sig und hochm\u00fctig, und dabei doch nichts als arme oder dumme Teufel sind.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die scharfe Schere Ludwig Bechstein In einem kleinen St\u00e4dtchen war einmal ein frommes Schneiderlein, das wartete gar flei\u00dfig seiner Arbeit und r\u00fchrte sich vom Morgen bis zum Abend mit N\u00e4hnadel und Fingerhut, Schere und B\u00fcgeleisen, brachte es aber gar nicht weit damit und kam zu nichts Rechtem. Alles was man von seinem Gl\u00fccke sagen konnte, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[90,85],"tags":[],"class_list":["post-5436","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ludwig-bechstein","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5436","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5436"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5436\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5437,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5436\/revisions\/5437"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5436"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5436"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5436"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}