{"id":5418,"date":"2026-02-03T02:57:24","date_gmt":"2026-02-03T01:57:24","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5418"},"modified":"2026-02-03T03:05:12","modified_gmt":"2026-02-03T02:05:12","slug":"roy-raperpotz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/roy-raperpotz\/","title":{"rendered":"Roy Raperpotz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Roy Raperpotz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Tiras Rapkeve<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Copyright by Tiras Rapkeve, April 2002<\/strong><br>published in Germany http\/\/www.traeumeschenken.com<br><a href=\"mailto:Tiras-Rapkeve@gmx.net\">Tiras-Rapkeve@gmx.net<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>im Land der Tr\u00e4ume<br>Gute Nacht Geschichten f\u00fcr Kinder und tr\u00e4umende Erwachsene<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist eigentlich Roy Raperpotz?<\/p>\n\n\n\n<p>Roy Raperpotz ist ein Prinz aus Traumania, dem sagenumwobenen Land der Tr\u00e4ume, einem Ort, an dem all unserer Tr\u00e4ume in einem geheimnisvollen Meer verborgen liegen. Seine Eltern brachten ihn in unsere Welt, an jenem Tag, als der schwarze Regen ihr Land zu zerst\u00f6ren begann. Doch nun ist die Zeit gekommen ihm entgegen zu treten, und Roy ist bereit in sein K\u00f6nigreich zur\u00fcck zukehren. Zwar kann er sich noch an nichts erinnern, doch seine besten Freunde Racket und Romy stehen ihm hilfreich zur Seite. Roy muss es wieder lernen, das Tr\u00e4umeln. Das Tr\u00e4umeln? Was das ist? So nennt man es, den Menschen ihre Tr\u00e4ume zu bringen. Denn immer wenn wir schlafen des Nachts, holen uns die Tr\u00e4umler in ihr Land und bescheren uns unsere Tr\u00e4ume. Wahrhaft phantastisch. Nicht wahr? Doch Roy und Racket m\u00fcssen das Tr\u00e4umeln erst noch lernen. Zusammen mit Romy und all den anderen Kindern in der Schule Raperpotz ziehen sie los um ihren Traummantel, Traumsand und schlie\u00dflich ihren Konkel zu erringen, mit dem sie die Tr\u00e4ume aus dem Meer der Tr\u00e4ume in wunderbarer Weise zu den Menschen bringen. Und schlie\u00dflich lernen sie hunduisch, die alte Sprache der Tr\u00e4umler, die nur von diesen gesprochen werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zahlreichen Abenteuern werden sie die besten Tr\u00e4umler, die Traumania je gesehen hat. Sie bringen den ber\u00fchmtesten Menschen ihre Tr\u00e4ume: Christoph Kolumbus, K\u00f6nig Artus und Spartakus, Marco Polo, K\u00f6nig Salomo und Pharao Ramses, Galileo Galilei, Leonardo da Vinci, Nikolaus August Otto, Gutenberg, Einstein und vielen vielen anderen Pers\u00f6nlichkeiten und Wissenschaftlern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine unglaubliche Reise beginnt f\u00fcr die Abenteurer im Land der Tr\u00e4ume. Es ist nicht nur eine Reise in ein wahrhaft traumhaftes Land, es ist eine Reise durch die Geschichte der Menschheit, eine Reise durch Mythen und Sagen, durch die Sprache unserer Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine Reise, die einen selbst tr\u00e4umen l\u00e4sst in grenzenloser Phantasie und doch mit einem wunderbaren Bezug zur Realit\u00e4t. Es ist ein m\u00e4rchenhaftes Schulbuch, welches traumhaft einfach Wissen vermittelt und dabei eine unglaubliche Geschichte erz\u00e4hlt. Doch letzten Endes bleibt noch ein gro\u00dfes Geheimnis. Woher kommt der schwarze Regen?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Roy Rapperpotz und das verbotene Tor<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Roy war ein kleiner sch\u00fcchterner Junge mit blonden strubbeligen Haaren und einer seltsamen schwarzen Str\u00e4hne darin, die ihn jeden Morgen beim K\u00e4mmen derma\u00dfen \u00e4rgerte, dass er l\u00e4nger als all die anderen Jungen im Badezimmer brauchte, um sie zu b\u00e4ndigen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, so oft er auch durch sie hindurch k\u00e4mmte, er konnte diese Str\u00e4hne nicht besiegen. Sie stand von seinen Haaren ab wie ein st\u00f6rrischer Esel, der nicht h\u00f6ren will. Alle anderen Kinder &#8211; besonders Greg, der gr\u00f6\u00dfte Junge im Waisenhaus St. Jones &#8211; lachten ihn aus deswegen. Und gerade heute war die Str\u00e4hne noch widerspenstiger als sonst. So sehr er sich auch m\u00fchte, so oft er auch versuchte, sie flach an seinen Kopf anzuschmiegen, immer wieder stellte sie sich auf und trotzte jeder Bewegung seines Kammes, so als ob sie sich heute ganz besonders hervortun wollte, als ob sie heute einen ganz besonderen Grund daf\u00fcr h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von au\u00dfen pochte bereits Greg an die T\u00fcr. \u201eHe, Rapperpotz! Roy Rapperpotz! Wenn du nicht gleich raus kommst, dann kannst du f\u00fcr immer drin bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Um seine Worte zu betonen, stie\u00df er noch einmal kr\u00e4ftig mit dem Fu\u00df gegen die T\u00fcr. \u201eHast du mich verstanden, Rapperpotz?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Roy packte hastig seine Sachen zusammen. Er hasste es, so genannt zu werden. Immer wieder h\u00e4nselten ihn die Kinder wegen seines Namens. Rapperpotz. Roy Rapperpotz. Dies war wirklich ein sehr seltsamer Name. Roy Rapperpotz. Doch solange er denken konnte, hie\u00df er schon so. Und ebenso lange lebte er schon in diesem Waisenhaus, weit au\u00dferhalb der Stadt, zusammen mit vielen anderen Kindern, die kein zu Hause mehr hatten. Er wusste nicht, wer seine Eltern waren, noch wusste er, wo er hingeh\u00f6rte. Keiner hier konnte ihm dies sagen und keiner wusste, wie er eigentlich in dieses Waisenhaus gekommen war, nicht einmal Direktor Finlox.<\/p>\n\n\n\n<p>Roy \u00f6ffnete die T\u00fcr und schaute vorsichtig hinaus. Von der Seite packte ihn Greg und zog ihn aus dem Bad. \u201eRapperpotz, du siehst aus wie ein Struwwelpeter. Was hast du eigentlich die ganze Zeit da drin getrieben?\u201c Er stupste ihn in die Seite. \u201eWegen dir werden wir noch alle zu sp\u00e4t zum Fr\u00fchst\u00fcck kommen!\u201c Er schob Roy zur Seite und ging lauthals br\u00fcllend ins Bad.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchst\u00fccksraum waren bereits alle Kinder versammelt. Der Direktor, Herr Finlox, ein finster dreinblickender knorriger Mann, schritt vor der Reihe der Kinder entlang. Bei jedem hatte er etwas auszusetzen: \u201eSteck dein Hemd richtig rein, Peter. Kopf hoch, Martin. Michael, putz deine Schuhe.\u201c Kurz vor Roy stoppte er seinen langsamen und schleppenden Gang und sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eRapperpotz, Rapperpotz. Du wirst es wohl nie lernen. Schau dich an. Wei\u00dft du, wie du aussiehst? Wie ein Kind von der Stra\u00dfe. Was soll nur aus dir werden?\u201c &#8211; \u201eAber..\u201c, versuchte Roy sich zu verteidigen. \u201eNichts aber\u201c, unterbrach ihn Finlox. \u201eJeden Morgen hast du die gleiche Ausrede. Du gehst sofort in den Keller zu Morella und l\u00e4sst dir deine Haare schneiden, ist das klar?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder im Saal verstummten. Jeder f\u00fcrchtete sich vor Morella. Sie war eine alte seltsame Frau, die im Keller von St. Jones hauste und nur selten ins Haus &#8211; geschweige denn in den Garten &#8211; kam. Einige behaupten sogar, sie w\u00e4re eine Hexe und h\u00e4tte schon etliche kleine Kinder verhext. Alle Kinder, sogar Greg! hatten Angst vor ihr und jeder im Saal war froh, nicht an Roy\u2019s Stelle zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Finlox stand wartend vor Roy und musterte ihn scharf. Roy drehte sich um und verlie\u00df den Fr\u00fchst\u00fcckssaal. Was sollte er tun? Was sollte er sagen? So hungrig er auch war, er musste sich f\u00fcgen. Und da er zwar klein und sch\u00fcchtern, aber keinesfalls feige war, schritt er die kalten Stufen hinunter in den Keller zu Morella. Doch eigenartigerweise &#8211; je tiefer er kam, desto weniger Angst hatte er. Ja, und obwohl er im Halbdunkel nicht viel sah, so kam ihm die Umgebung sogar irgendwie bekannt vor. Nur ein- oder zweimal war er in diesem Keller und so richtig konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, auch nicht an Morella, doch er sp\u00fcrte das eigenartige Gef\u00fchl, schon sehr oft hier gewesen zu sein. Er konnte es sich nicht erkl\u00e4ren. Er kam zu einem Raum, der durch ein Kaminfeuer hell erleuchtet war, so dass er an den W\u00e4nden Regale mit seltsam anmutenden Gl\u00e4sern sehen konnte. In der Mitte stand ein gro\u00dfer Holztisch mit vier St\u00fchlen daran. Vor dem Kamin stand geb\u00fcckt eine Frau mit grauem, wallendem Haar. \u201eKomm ruhig n\u00e4her, Roy Rapperpotz. Ich habe schon auf dich gewartet. Du solltest eigentlich schon l\u00e4ngst hier unten sein, schon seit Wochen. Was hat dich aufgehalten?\u201c Roy wusste nicht so recht, was er erwidern sollte. \u201eDirektor Finlox hat mich eben erst hier herunter geschickt. Sie sollen mir meine Haare schneiden.\u201c &#8211; \u201eFinlox, dieser Trottel\u201c, erwiderte Morella emp\u00f6rt, ohne sich vom Kamin weg zudrehen. \u201eHaare schneiden. Ist das sein einziges Problem? Haare schneiden? Der hat keine Ahnung von dem, was hier wirklich vor sich geht. Setz dich Roy.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Neugierig schaute sich Roy im Raum um. Als er sich setzte und wieder zum Kamin schaute, war Morella jedoch verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Er schaute in jede Ecke und jede Richtung, doch er konnte sie nicht mehr sehen. Er war ganz alleine. Dort sa\u00df er nun und wartete und wusste nicht was er tun sollte. Es sa\u00df dort bestimmt bis Mittag, doch es geschah nichts. Morella war verschwunden und kam nicht wieder zur\u00fcck. So wartete er weiter, bis es schon fast dunkel war, denn Direktor Finlox hatte ihm eindeutig erkl\u00e4rt, dass er ohne einen neuen Haarschnitt nicht aus dem Keller zu kommen brauchte. Zum Gl\u00fcck fand er in einem Regal ein paar \u00c4pfel und einen Kanten Brot. Damit stillte er seinen Hunger und er leerte f\u00fcr seinen Durst einen Krug Wasser, der auf dem Tisch stand. Doch allm\u00e4hlich wuchs in ihm die Sorge, dass Morella heute gar nicht mehr zur\u00fcckkommen w\u00fcrde. Da erklang pl\u00f6tzlich eine leise, schnurrende Stimme. \u201eK\u00f6nigliche Hoheit! Ein Gl\u00fcck, dass ich Euch gefunden habe.\u201c Roy schaute sich um. Es war niemand zu sehen. In der Ecke sa\u00df nur ein schwarzer Kater mit einigen wei\u00dfen Haaren an der Kehle. Sonst war niemand da. Aber woher kam dann diese Stimme, die ihn mit k\u00f6niglicher Hoheit ansprach? \u201eIhr k\u00f6nnt Euch nicht vorstellen, wie lange ich Euch gesucht habe, Euer k\u00f6nigliche Hoheit. Endlich habe ich Euch gefunden! Miau.\u201c Tats\u00e4chlich &#8211; es war der Kater, der zu Roy sprach. Roy konnte kaum seinen Augen und Ohren trauen. War dies hier etwa eine Hexenk\u00fcche mit sprechenden Tieren? \u201eIhr m\u00fcsst mir helfen. Ihr seid meine letzte Hoffnung. Ihr seid unsere letzte Hoffnung.\u201c &#8211; \u201eBist du das, der da zu mir spricht?\u201c, fragte Roy ungl\u00e4ubig den schwarzen Kater. \u201eJa, nat\u00fcrlich bin ich es.\u201c, erwiderte der Kater und stellte sich dabei auf die Hinterpfoten. \u201eErkennt Ihr mich denn nicht?\u201c &#8211; \u201eNein. Wer bist du denn?\u201c, fragte ihn Roy erstaunt. \u201eIch bin\u2019s, Racket. Euer treuer Freund Racket. Aber ja, ich h\u00e4tte es mir denken m\u00fcssen. Ihr erkennt mich nicht in dieser Tiergestalt. Ich vergesse immer wieder, dass ich ein Kater bin.\u201c, sprach der Kater und sprang \u00fcber einen Stuhl auf den Tisch. &#8211; \u201eSollte ich dich kennen?\u201c fragte Roy immer erstaunter. \u201eOh, ja. Nat\u00fcrlich. Wir sind die besten Freunde. Erinnert Ihr Euch nicht? Ihr m\u00fcsst Euch doch erinnern. Wir waren jeden Tag zusammen. Ihr wisst schon, damals in Traumania. Bis dieser Regen kam und unsere Welt zu zerfallen begann.\u201c &#8211; \u201eWovon sprichst du da? Ich kann mich an keinen Regen erinnern.\u201c &#8211; \u201eIhr wisst wirklich nichts davon? Ihr habt alles vergessen! Oh, wir m\u00fcssen uns beeilen. Wir m\u00fcssen zur\u00fcck in unsere Welt, bevor es zu sp\u00e4t ist, wenn es nicht jetzt schon zu sp\u00e4t ist.\u201c Roy war sehr aufgeregt. \u201eIn unsere Welt? Du wei\u00dft, woher ich komme?\u201c &#8211; \u201eJa, nat\u00fcrlich wei\u00df ich es.\u201c, schnurrte Racket und griff mit einer Pfote nach einem Apfel, der achtlos auf dem Tisch lag und biss genussvoll hinein. \u201eIhr seid Roy Rapperpotz, der j\u00fcngste Spro\u00df der k\u00f6niglichen Familie Rapperpotz aus dem Land Traumania.\u201c Racket verneigte sich auf den Hinterbeinen stehend und mit dem Rest des Apfels in der Pfote tief vor Roy und zeigte dann mit der anderen Pfote auf seine strubbeligen Haare. \u201eUnd seit dem Regen habt Ihr auch diese schwarze Str\u00e4hne, die Euch \u00fcbrigens sehr gut steht, meint zumindest Romi. Naja. Da kann man wohl geteilter Meinung sein.\u201c &#8211; \u201eRomi?\u201c, fragte Roy erneut sehr aufgeregt, denn nun schien er sich doch an etwas zu erinnern. \u201eSagt blo\u00df, Ihr habt auch Romi vergessen? Oh, wir m\u00fcssen uns wirklich beeilen. Folgt mir!\u201c Racket lie\u00df den Apfelrest auf den Tisch fallen und lief zu einer Seitent\u00fcr in der hinteren dunklen Ecke des Raumes. Roy hatte sie vorher gar nicht wahrgenommen, doch als sie nun hindurch traten standen sie pl\u00f6tzlich mitten im Garten hinter dem Waisenhaus. Der Kater Racket lief bis zu der Hecke mit den buschigen Hainbuchen am anderen Ende des Gartens. Als er unter der Hecke hindurch schl\u00fcpfen wollte, stockte Roy: \u201eWir d\u00fcrfen nicht hinter die Hecke. Direktor Finlox hat uns streng verboten, dahinter zu gehen.\u201c &#8211; \u201eVerge\u00dft Direktor Finlox, Roy. Wir werden bald zu Hause sein. Kommt schon!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aus irgendeinem Grunde \u2013 auch, wenn sie sonst \u00fcberall durch das Gel\u00e4nde stromerten &#8211; hielten sich doch alle Kinder aus dem Waisenhaus fern von dieser Hecke. Es kam ihnen nie in den Sinn, dieses Verbot zu missachten. Auch Roy beschlich nun ein unangenehmes Gef\u00fchl, das er nicht so recht beschreiben konnte. Doch mutig folgte er dem Kater, der sich Racket nannte und das seltsame Gef\u00fchl wich schnell einem neuen, wunderbaren, einem, das er nie zuvor erlebt hatte. Doch er meinte es zu kennen aus B\u00fcchern, die er gelesen hatte. Es war das Gef\u00fchl der Heimat, das Gef\u00fchl, nach Hause zu kommen. Mit pochendem Herzen lief er Racket nach und zw\u00e4ngte sich durch die Hainbuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Hecke, neben gro\u00dfen Haselnusstr\u00e4uchern verborgen, lag ein kleiner Pavillon. Die Mauern waren bereits vergilbt und der Putz br\u00f6ckelte von den W\u00e4nden. Der Eingang war gerade gro\u00df genug, um Roy problemlos hindurch zu lassen. Racket wartete ungeduldig auf ihn und tippte dann mit seiner Pfote gegen einen Stein in der Wand, auf dem ein Symbol, zwei quere gekreuzte Striche, eingeritzt waren. Ein seltsames Licht erstrahlte pl\u00f6tzlich und erhellte den gesamten Pavillon. Fast im selben Augenblick erklang eine tiefe Stimme direkt vor ihnen: \u201eWer st\u00f6rt die Ruhe des W\u00e4chters des verbotenen Tores?\u201c &#8211; \u201eMiau. Ich bin es, Racket.\u201c hauchte der Kater sanft und ehrerbietig. \u201eAch, du bist es schon wieder. Du wirst es wohl nie aufgeben. Hast du das R\u00e4tsel gel\u00f6st?\u201c &#8211; \u201eNein\u201c, antwortete Racket etwas ver\u00e4rgert, \u201eaber ich habe einen Freund mitgebracht, ein Mitglied der k\u00f6niglichen Familie, siehst du? Es ist Roy Rapperpotz.\u201c &#8211; \u201eHm. Ja. Ich sehe. Es ist wirklich Roy Rapperpotz. Er tr\u00e4gt die schwarze Str\u00e4hne im goldenen Haar. Hm. Dennoch muss auch er das R\u00e4tsel l\u00f6sen, um durch das Tor zu gehen.\u201c &#8211; \u201eJa, ja.\u201c, erwiderte Racket eifrig. \u201eStell ihm die Frage. Er wird sie beantworten. Er wird es wissen. Ich wei\u00df es.\u201c &#8211; \u201eAlso gut.\u201c, ert\u00f6ne die Stimme, jetzt sogar noch tiefer als vorher. \u201eH\u00f6re mir aufmerksam zu mein junger Freund:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Es ist ein Ort, den alle Menschen kennen.<br>Ob gut, ob b\u00f6se, sie alle ihn Ihr eigen nennen.<br>Es ist ein Ort, an dem sich jeder Wunsch erf\u00fcllt,<br>ein Mantel, in den man sich des n\u00e4chtens h\u00fcllt,<br>dort wo Erwachs\u2018ne wie die Kinder tollen,<br>und nie mehr von dort gehen wollen.<br>Ein Ort, an dem es keine Grenzen gibt,<br>an dem nur eins, der eigne Wille siegt,<br>zu dem man geht mit Freuden fort.<br>Sag mir, was ist das f\u00fcr ein Ort?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKennst du die Antwort, Roy Rapperpotz? Sag sie schnell, und ich \u00f6ffne dir mein Tor.\u201c Roy dachte angestrengt nach. Ein Ort, den alle Menschen kennen? Ein Mantel, in den man sich des n\u00e4chtens h\u00fcllt und wo sich jeder Wunsch erf\u00fcllt? Was konnte das nur sein? Von der Seite st\u00f6rte ihn Racket beim Nachdenken. \u201eWisst Ihr es, Roy? Ihr wisst es doch, nicht wahr? Sagt es dem W\u00e4chter. Ihr m\u00fcsst es doch wi . . .\u201c Pl\u00f6tzlich erlosch das Licht an der Mauer und Racket sprang blitzartig durch eine Seitent\u00fcr aus dem Pavillon. Von der anderen Seite kam Direktor Finlox herein gepoltert: \u201eRapperpotz, Roy Rapperpotz. Was machst du hier? Du solltest dir doch deine Haare schneiden lassen, du L\u00fcmmel. Wo hast du den ganzen Tag gesteckt?\u201c Er packte Roy am rechten Ohr und zerrte ihn aus dem Pavillon. \u201eIhr werdet es wohl nie lernen. Ihr solltet doch nicht hinter diese Hecke gehen. Habe ich euch das nicht tausendmal gesagt? He?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er hielt Roy so fest am Ohr, dass der arme Junge vor Schmerz das Gesicht verzog und zerrte ihn ins Haus. \u201eWir werden morgen weiter dar\u00fcber reden. Jetzt aber ab ins Bett! Los!\u201c Er schubste ihn in sein Zimmer, wo Greg schon hemmungslos schnarchte und schloss die T\u00fcr. Roy stieg leise in sein Bett. Immer wieder musste er an Racket und an diese geheimnisvolle Welt denken, von der er ihm erz\u00e4hlte hatte und an das R\u00e4tsel, dessen L\u00f6sung ihnen das verbotene Tor zu dieser Welt \u00f6ffnen sollte, zu einer Welt, die angeblich seine eigene war. Und pl\u00f6tzlich wusste er die L\u00f6sung des R\u00e4tsels. Zufrieden und voller Erwartungen an den n\u00e4chsten Tag schlief Roy todm\u00fcde unter seiner warmen und kuschligen Decke ein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Roy Rapperpotz und das Orakel Guckifix<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen gab sich Roy weniger M\u00fche, seine Str\u00e4hne glatt zu k\u00e4mmen. Er wusste nun, dass es eine Ursache daf\u00fcr gab und er wusste nun auch, dass er ein Mitglied der k\u00f6niglichen Familie war. Nun ja. Aber welcher k\u00f6niglichen Familie eigentlich und was f\u00fcr ein K\u00f6nigreich sollte das sein? Voller Ungeduld wartete er den ganzen Tag darauf, dass Racket sich bei ihm melden w\u00fcrde, doch er lie\u00df sich nicht blicken. Als ob gestern nichts geschehen war, verlief der Tag wie alle anderen. Selbst Direktor Finlox schien sich an nichts zu erinnern, denn er sprach ihn nicht auf seine noch immer zerzausten Haare an und verlor auch kein Wort \u00fcber den gestrigen Abend im Pavillon hinter der Hecke. Roy wunderte sich sehr dar\u00fcber und langsam begann er schon daran zu zweifeln, den gestrigen Tag \u00fcberhaupt erlebt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch als es zu d\u00e4mmern begann und alle Kinder aus dem Garten ins Haus zur\u00fcckgekehrt waren, h\u00f6rte er von der Seite ein leises Miauen und er meinte zu h\u00f6ren, wie jemand seinen Namen rief. Erschrocken blieb er stehen und drehte sich um. Au\u00dfer ihm schien niemand weiter diese Stimme geh\u00f6rt zu haben, denn alle Kinder liefen weiter und verschwanden im Haus, Roy stand ganz alleine im Garten. \u201eRacket? Bist du das?\u201c fragte er vorsichtig ins Dunkel. Von der Seite kam Racket auf Roy zugesprungen. \u201eRoy! Euer k\u00f6nigliche Hoheit! Wir m\u00fcssen uns beeilen.\u201c Dann schaute er Roy mit gro\u00dfen Augen an. \u201eWisst Ihr die L\u00f6sung des R\u00e4tsels?\u201c &#8211; \u201eJa, ich denke schon.\u201c &#8211; \u201eJa, ja. Ihr werdet es schon wissen. Schlie\u00dflich seid Ihr ein Mitglied der k\u00f6niglichen Familie. Ihr seid Roy Rapperpotz.\u201c, antwortete Racket, seiner Sache v\u00f6llig sicher. \u201eWas ist das f\u00fcr eine Familie?\u201c, fragte Roy wissbegierig. \u201eSind es meine Eltern? Leben meine Eltern noch?\u201c &#8211; \u201eHm. Naja. Das ist so eine Sache.\u201c, antwortete Racket verlegen. Doch Roy wollte es nun endlich wissen. \u201eWas ist das f\u00fcr ein K\u00f6nigreich? Du musst das doch wissen.\u201c &#8211; \u201eNaja. Das ist so eine Sache. Ich wei\u00df es nicht.\u201c &#8211; \u201eWie meinst du das, du wei\u00dft es nicht. Du wei\u00dft doch auch, dass ich ein Mitglied der k\u00f6niglichen Familie bin.\u201c &#8211; \u201eJa, das schon. Aber in dieser Welt hier ist alles ganz anders. Hier wei\u00df man nur, was man wissen muss, nicht mehr.\u201c &#8211; \u201eDas verstehe ich nicht.\u201c &#8211; \u201eKommt mit und Ihr werdet verstehen, wenn wir durch das Tor gehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Racket verschwand wieder hinter der Hecke zu den Haselnusstr\u00e4uchern und Roy beeilte sich, ihm zu folgen. Im Pavillon legte er seine Pfote auf den Stein und schaute Roy mit erwartungsvollen Augen an. \u201eSeid Ihr bereit, k\u00f6nigliche Hoheit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa.\u201c, erwiderte Roy, fest entschlossen durch das Tor in diese geheimnisvolle Welt zu gehen. Die tiefe Stimme des W\u00e4chters ert\u00f6nte. \u201eWer st\u00f6rt die Ruhe des W\u00e4chters des verbotenen Tores?\u201c &#8211; \u201eWir sind es, Racket und Roy Rapperpotz.\u201c &#8211; \u201eAch, ihr seid es schon wieder.\u201c, antwortete der W\u00e4chter sichtlich ver\u00e4rgert, wieder in seiner Ruhe gest\u00f6rt zu werden. \u201eHabt ihr das R\u00e4tsel gel\u00f6st?\u201c &#8211; \u201eIch denke schon.\u201c, erwiderte Roy, nun doch etwas unsicher. \u201eNun gut.\u201c, erhob der W\u00e4chter wieder seine Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eNenn mir den Ort, zu dem die Menschen t\u00e4glich ziehn. Nenn mir das Land, in das sie jede Nacht entfliehn, in dem sich jeder Wunsch erf\u00fcllt, in dem man nur mit Phantasie umh\u00fcllt. Es bringt in alle Kinderaugen Sand. Sag mir, was ist das f\u00fcr ein Land?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit fester Stimme antwortete Roy dem W\u00e4chter des verbotenen Tores: \u201eIch wei\u00df, welches Land es ist. Es ist das Land der Tr\u00e4ume.\u201c &#8211; \u201ePotz Blitz!\u201c ert\u00f6nte die tiefe Stimme des W\u00e4chters. \u201eJa, das ist es. Genau. Das Land der Tr\u00e4ume.\u201c Racket schaute mit gro\u00dfen Augen zu dem W\u00e4chter. \u201eWie? Ist es so einfach? Das Land der Tr\u00e4ume? Das h\u00e4tte ich auch gewu\u00dft.\u201c &#8211; \u201eIch habe nie gesagt, dass es schwierig ist. Doch nun hinweg mit euch. Ich habe noch andere Dinge zu tun. Aber denkt stets daran:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWer das Land der Tr\u00e4ume hier betrat, wird brauchen einst des W\u00e4chters Rat\u2026\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Stimme des W\u00e4chters wurde immer leiser, Roy konnte ihn kaum noch verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201e \u2026 denk stets an des R\u00e4tsels L\u00f6sung hier, das Hilfe bringen wird in Not zu dir\u2026\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weiter vernahm Roy nichts mehr, denn die Fugen der Mauer begannen zu verschwimmen und wie durch einen Schleier hindurch sah Roy die Umrisse eines Weges, auf den Racket schon hinauf gesprungen war. Er folgte ihm und es begann eine phantastische Reise in eine Welt, die Roy schon oft in seinen Tr\u00e4umen gesehen, die er aber nie verstanden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren kaum durch das Tor gegangen, da verwandelte sich Racket in einen Jungen, etwas kleiner sogar noch als Roy, mit schwarzen Haaren und lustigen runden braunen Augen, die vor Freude strahlten, endlich wieder zu Hause zu sein. Er sprang lauthals singend in die Luft und ruderte mit seinen Armen, als ob er gleich abheben und in die Wolken fliegen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Neugierig schaute sich Roy um. Sie standen auf einem steinernen Weg mit herrlich bl\u00fchenden Ebereschen zu beiden Seiten und die Luft duftete nach Fr\u00fchling und Sonne. Weite Wiesen mit wundersch\u00f6nen Blumen, die lustig in einer sanften Brise hin und her schwankten und miteinander zu spielen schienen, erstreckten sich bis zum Horizont. Racket ruderte noch immer mit den Armen, doch sprang er jetzt dazu noch hoch in die Luft, so als ob er die kleinen Wolken, die sanft \u00fcber ihm im Wind tanzten, einzufangen versuchte. Und, Roy konnte es kaum glauben, eine der Wolken kam tats\u00e4chlich zu ihm herunter, so dass Racket sie sogar ber\u00fchren konnte. Sobald diese kleine Wolke seinen Finger sp\u00fcrte kam sie ganz zu ihm herab geschwebt, und begann sich zu strecken und zu recken und verformte sich schlie\u00dflich in eine wundersch\u00f6ne Kutsche, mit R\u00e4dern aus plauschigen Wolken und wohlig weich aussehenden breiten Sitzen. Diese Kutsche &#8211; nun ja, diese verwandelte Wolke in Gestalt einer Kutsche &#8211; schwebte vor ihnen auf dem Weg und wartete nur darauf, sie durch dieses Meer der Phantasie, durch diese wunderbare Traumwelt zu tragen. Es war ein wundersch\u00f6ner Tag und Roy konnte gar nicht genug sehen von dieser neuen Welt. Nur hinten, weit weg in der Ferne, stand eine Wolke, die anders als all die anderen aussah, die dunkel und finster erschien, jedoch so weit weg war, dass keiner der beiden Jungen sie beachtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Racket war noch immer v\u00f6llig au\u00dfer sich. \u201eRoy, wir haben es geschafft! Wir sind wieder zu Hause. Jetzt wird alles gut.\u201c &#8211; \u201eWo sind wir hier?\u201c, fragte Roy verwirrt. \u201eIrgendwie kommt es mir bekannt vor. Doch ich kann mich nicht erinnern.\u201c &#8211; \u201eWie? Ihr wisst immer noch nicht, wo wir sind?\u201c, fragte Racket erstaunt. \u201eNein.\u201c, antwortete Roy. \u201eWie kann das sein? Wir sind zu Hause, Roy. Das ist unser Land, das ist Traumania. Erkennt Ihr es denn nicht?\u201c Roy sch\u00fcttelte traurig den Kopf. \u201eIch wei\u00df es nicht mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Racket packte Roy am \u00c4rmel und zog ihn zu der Kutsche. \u201eEs ist noch schlimmer geworden als zuvor. Wir m\u00fcssen sofort zu Guckifix.\u201c &#8211; \u201eGuckifix?\u201c, fragte Roy erstaunt. \u201eJa, unser Orakel Guckifix. Den kennt Ihr auch nicht?\u201c &#8211; \u201eNein.\u201c, antwortete Roy traurig. \u201eAber den kennt doch jeder hier. Er ist das k\u00f6nigliche Orakel. Ihr m\u00fcsst ihn doch kennen!\u201c Racket konnte nicht glauben, dass Roy alles vergessen haben sollte. \u201eTut mir leid, Racket. Ich kenne ihn nicht.\u201c Nachdenklich sch\u00fcttelte Racket mit dem Kopf. \u201eAlso gut. Kommt mit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er machte sich nun ernsthaft Sorgen. Roy hatte wirklich alles vergessen. Er konnte sich so gut wie an nichts mehr erinnern. Sie stiegen in die Kutsche und Racket befahl der Wolke sie zu Guckifix zu bringen. Sie flogen den steinigen Weg entlang, vorbei an den zahlreichen Ebereschen, \u00fcber riesige wundersch\u00f6ne Wiesen, mit Blumen, die Roy noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte, und die Blumen l\u00e4chelten ihnen freundlich zu und wiegten sich in der Sonne, die ihre herrlichen Farben zum Leuchten brachte, und Roy meinte zu h\u00f6ren, wie sie tuschelten, wenn ihre Kutsche ab uns zu in ihre N\u00e4he kam. \u201eSieh nur, das ist Roy Rapperpotz. Siehst du diese schwarze Str\u00e4hne? Ja, er ist es. Wirklich? Ja, er ist es wirklich. Ah. Roy Rapperpotz. Er wird den Regen besiegen. Meinst du? Ob er es schaffen wird? Ja er wird es schaffen, ganz sicher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er verstand nicht, was sie meinten, noch nicht, und so sah er gebannt nach unten als die Kutsche nun auf ein riesiges Meere hinaus flog, bis pl\u00f6tzlich eine Insel auftauchte, auf der ein einsamer Drachen Feuer spie, obwohl weit und breit niemand zu sehen war. \u201eAh, da ist ja Dragon, unser guter alter Dragon.\u201c, sagte Racket erfreut den Drachen zu sehen. \u201eWas ist den mit ihm?\u201c, fragte er dann mehr zu sich selbst als zu Roy. \u201eEr ist ja ganz aufgeregt. Was hat er denn nur? Sonst ist er ganz friedlich, glaubt mir euer k\u00f6niglicher Hoheit.\u201c Roy nickte mit dem Kopf und sie flogen weiter \u00fcber das Wasser, bis sie einen gro\u00dfen Dreimaster erblickten, auf dessen Bug ein Mann stand, der nachdenklich in die Ferne schaute.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer ist das?\u201c wollte Roy wissen. \u201eDas ist Kolumbus.\u201c, antwortete ihm Racket bereitwillig. Obwohl sich Roy ganz genau an die Geschichtsstunden in St. Jones und auch an den Namen Christopher Kolumbus erinnern konnte fiel ihm doch jetzt partout nichts weiter dazu ein. Also fragte er Racket: \u201eWer ist Kolumbus?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKolumbus ist ein Mann mit gro\u00dfen, wunderbaren Tr\u00e4umen. Er f\u00e4hrt \u00fcber das weite Meer, um einen neuen Seeweg nach Indien zu finden. Nur die besten Sch\u00fcler d\u00fcrfen ihm seine Tr\u00e4ume bringen.\u201c Fasziniert blickte Roy auf Schiff und Mann, bis sie langsam am Horizont verschwanden. \u201eAber wie kommt er denn hierher, auf dieses Meer? F\u00fchrt dieser Weg denn nach Indien?\u201c, fragte er verwundert. \u201eNein.\u201c, schmunzelte Racket. \u201eEr tr\u00e4umt es nur. In der richtigen Welt dort drau\u00dfen schl\u00e4ft er gerade, so dass er unserer Welt tr\u00e4umen kann.\u201c &#8211; \u201eAha.\u201c, sagte Roy beeindruckt und schon flogen sie weiter \u00fcber die K\u00fcste dieses riesigen Meeres \u00fcber einen weiten Wald mit m\u00e4chtigen Buchen und Eichen, und Roy konnte zwischen all diesen majest\u00e4tischen B\u00e4umen sogar einige besonders gro\u00dfe Haselnusstr\u00e4ucher erkennen, solche wie er sie auch schon hinter der Hecke des Waisenhaus St. Jones gesehen hatte. Die Bl\u00e4tter der alten Buchen und Eichen waren gerade noch gr\u00fcn, im n\u00e4chsten Augenblick erstrahlten sie jedoch in den pr\u00e4chtigsten Farben des Herbstes, bis die B\u00e4ume alle ihre Bl\u00e4tter schlie\u00dflich abwarfen, um wenige Augenblicke sp\u00e4ter erneut zu gr\u00fcnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Roy war ganz und gar von diesem Schauspiel gefangen, als durch die gerade noch kahlen B\u00e4ume direkt vor ihnen pl\u00f6tzlich ein m\u00e4chtiger Kopf empor ragte und zur Seite in die Ferne schaute.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Riese Arba!\u201c, rief Racket best\u00fcrzt und Roy konnte sich kaum noch richtig festhalten, als die Kutsche auch schon in die H\u00f6he schoss. Langsam schwebte sie nun \u00fcber dem Kopf, der dem Riesen Arba geh\u00f6rte, so dass sie ihn aus sicher Entfernung beobachten konnten. \u201eDa haben wir ja noch mal Gl\u00fcck gehabt, eure k\u00f6nigliche Hoheit.\u201c, sagte Racket gl\u00fccklich. \u201eDer Riese Arba ist ein ziemlich schrecklicher Geselle, wisst ihr. Schaut nur diese Narbe auf seiner Wange, wie entsetzlich sie aussieht. Gott sei Dank hat er uns nicht bemerkt.\u201c, f\u00fcgte er erleichtert hinzu. \u201eWisst ihr, er ist der gr\u00f6\u00dfte Riese aller Anakiter.\u201c In der Tat sah dieser Riese namens Arba sehr furchteinfl\u00f6\u00dfend und kriegerisch aus. Seine starken Arme schienen wahrhaft all die B\u00e4ume um ihn herum mit Leichtigkeit ausrei\u00dfen zu k\u00f6nnen, und auf seinem kr\u00e4ftigen und langen Hals sa\u00df ein riesenhafter Kopf mit zerzausten tiefschwarzen Haaren und einem Mund, in dem Racket und Roy ganz sicher hinein gepasst h\u00e4tten. Wenn alle Riesen, die Racket Anakiter nannte, so aussahen, dann hatte Roy nicht die geringste Lust auch nur einen von ihnen n\u00e4her kennen zu lernen. Doch Arba war nun ganz und gar nicht b\u00f6se. Er stand einfach nur so da, mit m\u00fcden und traurigen Augen, und beachtete die Wolkenkutsche \u00fcber ihm \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie anderen sind ja auch alle da.\u201c, rief Racket best\u00fcrzt aus, nachdem die Kutsche langsam an dem Riesen Arba vorbei immer weiter flog. \u201eDa ist ja auch Arba\u2018s Sohn Anak und all die anderen Riesen.\u201c Nur m\u00fchsam konnte Roy seinen Blick von dem gewaltigen Arba hinter ihm l\u00f6sen und sah nun vor sich noch weitere riesenhafte Gesch\u00f6pfe auf dem Waldboden sitzen, die wie Arba irgendwo ins Nichts starren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNormalerweise sitzt die Riesen nicht so ruhig und friedlich da.\u201c, gr\u00fcbelte Racket. \u201eNormalerweise darf man ihnen kein St\u00fcck zu nahe kommen. Aber irgendetwas scheint nicht ganz in Ordnung zu sein mit den Anakiten. Hm.\u201c, r\u00e4tselte Racket. \u201eOh, mein Gott. Ich sehe es. Das gibt\u2019s doch nicht. Jetzt hat er auch schon die Riesen erwischt.\u201c &#8211; \u201eWas?\u201c, fragte Roy sofort neugierig. \u201eWas hat die Riesen erwischt?\u201c &#8211; \u201eOh mein Gott. Er ist es wirklich.\u201c &#8211; \u201eWer ist es?\u201c, fragte Roy noch einmal ungeduldig.\u201c &#8211; \u201eDer schwarze Regen!\u201c, rief Racket entsetzt. \u201eSchaut nur. Ihre Kleider sind ganz schwarz und auch die Haare scheinen wie mit Pech beschmiert zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer schwarze Regen? Was f\u00fcr ein schwarzer Regen?\u201c, fragte Roy aufgeregt weiter und betrachtete die Riesen nun noch genauer. Und tats\u00e4chlich. All ihre K\u00f6rperteile waren mit einer eigenartigen schwarzen Masse benetzt. An einigen Stellen hatte dieser schwarze Regen sogar L\u00f6cher eingebrannt, und auch die Haar der Riesen waren durch ihn verklebt und gaben ihnen diese eigenartige schwarze Farbe. \u201eWas ist das f\u00fcr eine Regen?\u201c, fragte Roy entsetzt. Racket blickte Roy nun mit zitternder Stimme direkt in die Augen. \u201eEr ist schrecklich, euer Hoheit. Er kommt blitzschnell und bringt nur Unheil. Und nachdem er ebenso schnell wieder verschwunden ist bleibt nur noch dieses Chaos hier, nichts Gutes l\u00e4sst er \u00fcbrig, glaube ich.\u201c Traurig schaute Racket wieder aus der Kutsche zu den Riesen hinunter und sch\u00fcttelte nachdenklich den Kopf, so dass er Roy\u2018s n\u00e4chsten Worte erst gar nicht richtig wahrnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas meint ihr?\u201c, fragte er deshalb nach. \u201eWoher kommt denn dieser Regen, Racket? Bist du ihm schon einmal begegnet?\u201c, wiederholte Roy noch einmal seine Frage. \u201eEhhh.\u201c, begann Racket zu stottern. \u201eEigentlich nicht so richtig. Ich habe nur meine Eltern davon reden h\u00f6ren. Er war auch nicht so h\u00e4ufig bisher, wisst ihr. Er ist erst vor ein paar Jahren ganz am Rande unseres Landes erschienen. Aber jetzt scheint er ja \u00fcberall zu sein. Ich verstehe das nicht.\u201c Wieder sch\u00fcttelte Racket seinen Kopf und schaute nach unten. \u201eWei\u00dft du denn woher dieser Regen kommt?\u201c, fragte Roy weiter. \u201eEh. Nein. Niemand wei\u00df es. Vielleicht wei\u00df es ja unser Orakel Gu\u2026\u201c Doch noch bevor Racket zu Ende reden konnte, flog die Kutsche mitten auf einen Berg zu. Roy glaubte schon voller Schreck, sie w\u00fcrden an der Felsenwand zerschellen, da \u00f6ffnete sich die Wand vor ihnen und gab den Weg in einen langen Tunnel frei. Roy sp\u00fcrte die K\u00e4lte des Felsen um ihn herum. Er konnte nichts mehr sehen. Es war stockfinster. Roy und Racket rasten durch den Felsen und schrieen dabei lauthals ins Dunkle. Pl\u00f6tzlich erschien ein glei\u00dfendes Licht am Ende des Tunnels und die Kutsche schoss wieder aus dem Berg heraus auf eine Lichtung hoch oben auf dem Berg. Zwischen all den Gipfeln war es ruhig und friedlich. Die Kutsche hielt auf einem Weg, der zu einem seltsamen Gebilde f\u00fchrte. Dann begann sie sich pl\u00f6tzlich in lauter kleine W\u00f6lkchen aufzul\u00f6sen. Roy und Racket mussten schnell hinaus springen, um nicht auf den Hosenboden zu fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Racket lief munter den Weg entlang. \u201eKommt schon, Roy! Wir m\u00fcssen dort hinauf.\u201c Sie gingen mit vielen kleinen Wolken zwischen ihren F\u00fc\u00dfen zu jener seltsamen Gestalt, die, je n\u00e4her sie kamen, einer riesigen Uhr immer \u00e4hnlicher wurde. Doch konnte Roy keine Zeit ablesen, denn nirgendwo war ein Zeiger zu entdecken, was ihn sehr wunderte. \u201eWas ist das f\u00fcr eine seltsame Uhr, an der man keine Zeit ablesen kann?\u201c fragte er. \u201eDas ist die Uhr des Guckifix.\u201c lautete die Antwort. \u201eDie einzige Uhr im ganzen Land der Tr\u00e4ume. Sie zeigt keine Zeit, weil f\u00fcr jeden in seinen Tr\u00e4umen die Zeit anders verl\u00e4uft. F\u00fcr einen schneller, f\u00fcr den anderen langsamer. Hattet Ihr noch nie dieses Gef\u00fchl, wenn Ihr tr\u00e4umtet?\u201c &#8211; \u201eDoch, irgendwie schon.\u201c, musste Roy zugeben. \u201eAber wozu n\u00fctzt eine Uhr, wenn man keine Zeit darauf ablesen kann?\u201c &#8211; \u201eNur Guckifix kann an dieser Uhr die Zeit lesen. Er ist unser Orakel. Nur er wei\u00df es.\u201c antwortete Racket ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren schon fast an der gro\u00dfen Uhr angekommen, als pl\u00f6tzlich eine leise, quieksende Stimme ert\u00f6nte. \u00ab Au! Du Tolpatsch! Pass doch auf, wo du hintrittst!\u201c Roy sprang erschrocken zur Seite. \u201eK\u00f6nnt ihr denn nicht aufpassen, wo ihr lang geht mit euren gro\u00dfen F\u00fc\u00dfen!\u201c Es war eine dieser kleinen Wolken durch die Roy nichtsahnend hindurchgetreten war, so wie vorher auch durch all die anderen W\u00f6lkchen, in die sich ihre Kutsche aufgel\u00f6st hatte. Aber diese kleine Wolke hier war anders. \u201eEntschuldige bitte, ich wusste nicht, dass ich dir weh tue.\u201c &#8211; \u201ePapperlapapp, Entschuldigung. Ist das vielleicht ein Art, durchs Leben zu gehen?\u201c, emp\u00f6rte sich das W\u00f6lkchen. \u201eMach doch deine Augen auf! Was wollt ihr eigentlich hier?\u201c &#8211; \u201eWir suchen Guckifix. Wei\u00dft du, wo er ist?\u201c &#8211; \u201eWas wollt ihr denn von ihm? Ihr Dreik\u00e4sehoch.\u201c &#8211; \u201eDas geht dich gar nichts an.\u201c, antwortete Racket frech dem seltsamen W\u00f6lkchen. &#8211; \u201eOh, ihr wollt mir nicht sagen, was ihr von ihm wollt? Bitte sehr. Ihr Geheimniskr\u00e4mer. Dann k\u00f6nnt ihr lange suchen. Von mir jedenfalls werdet ihr nichts erfahren.\u201c Aus dem Inneren der Uhr ert\u00f6nte eine freundliche, jedoch auch strenge Stimme: \u201eSchluss jetzt, Sch\u00f6ssel. Lass die Jungen rein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Widerwillig \u00f6ffnete das W\u00f6lkchen mit dem Namen Sch\u00f6ssel die T\u00fcr zur Uhr und babbelte dabei missgelaunt vor sich hin. \u201eDiese L\u00fcmmel wollen mir nicht sagen, was sie wollen. Diese Dreik\u00e4sehoch. Denen werde ich\u2019s noch zeigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als Roy die Uhr betrat, wurde der Innenraum gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer und bald standen sie in einem gem\u00fctlichen und ger\u00e4umigen Zimmer. An jeder Wand hingen Zahnr\u00e4der, und \u00fcberall waren tickende Instrumente zu sehen. An der Hinterwand war eine Waage befestigt, vor der ein alter Mann stand, der eifrig bem\u00fcht war, glitzernde Sterne auf eine Seite der Waage zu sch\u00fctten. Er hatte einen wei\u00dfen Bart, der fast bis auf den Boden reichte. \u201eKomm herein, Roy Rapperpotz.\u201c winkte er Roy zu, ohne sich dabei umzudrehen. \u201eIch habe schon auf dich gewartet. Morella sagte mir, dass du bald kommen w\u00fcrdest.\u201c &#8211; \u201eSie kennen Morella?\u201c fragte Roy erstaunt. \u201eOh, ja, nat\u00fcrlich kenne ich sie. Und du wirst sie auch bald wiedersehen, aber setz dich doch und dein Freund Racket auch.\u201c Racket wurde ganz verlegen. \u201eMeister Guckifix, ich habe ihn hier hergeholt, zur\u00fcck nach Traumania, so wie Ihr es mir aufgetragen habt. Aber wir haben ein Problem: Er kann sich an nichts erinnern.\u201c &#8211; \u201eIch wei\u00df, mein Freund. Es ist nicht deine Schuld, dass er sich an nichts erinnern kann. Es ist dieser Regen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Guckifix hatte nun wohl genug Sterne auf die Waage gelegt, denn sie bewegte sich nicht mehr. Zufrieden drehte er sich zu den beiden Jungen um. \u201eWei\u00dft du, wer du bist?\u201c fragte er Roy. Der antworte traurig: \u201eNein. Ich wohne im Waisenhaus St. Jones, weil meine Eltern tot sind. Ich wei\u00df nicht, wer sie waren. Ich wei\u00df nicht, wer ich bin.\u201c &#8211; \u201eWei\u00dft du, wo du bist?\u201c fragte Guckifix weiter. \u201eIm Land der Tr\u00e4ume?\u201c meinte Roy vorsichtig. \u201eJa, im gro\u00dfen Land der Tr\u00e4ume, in Traumania.\u201c erwiderte Guckifix. \u201eIn unserem Land, dass viele K\u00f6nigreiche und unz\u00e4hlige Landteile besitzt. Und eines davon, ein ganz besonderes K\u00f6nigreich, ist dein zu Hause, ist das K\u00f6nigreich der Familie Rapperpotz, deiner Familie.\u201c &#8211; \u201eAber warum wei\u00df ich dann nichts davon? Nichts von meiner Familie, nichts von meinen Eltern?\u201c wollte Roy sehr aufgeregt wissen. \u201eEs begann vor einiger Zeit, im Grunde ist es noch gar nicht so lange her, da kam ein f\u00fcrchterlicher Regen \u00fcber die Grenzen unseres Landes und begann die Tr\u00e4ume hinwegzuwischen. Niemand wusste woher und niemand wusste warum. Auch dein Vater schickte seine besten M\u00e4nner gegen diesen Regen, doch alle, die ihn erreichten, verga\u00dfen, was sie tun sollten, verga\u00dfen alles um sich herum und verga\u00dfen schlie\u00dflich sogar sich selbst. Er kommt blitzschnell und geht auch genauso schnell wieder. Eines Tages kam er auch in das K\u00f6nigreich des K\u00f6nig Rapperpotz, deines Vaters. Er kam \u00fcber die Mauern in den k\u00f6niglichen Garten und du, mein Junge, bist hinein geraten in diesen Regen und alle deine Erinnerungen begannen zu schwinden. Fast w\u00e4rst du geworden wie all die anderen. Wei\u00dft du Roy,\u2026 \u00bb Er ber\u00fchrte sanft sein Haar. \u201e\u2026 diese Str\u00e4hne in deinen Haaren hast du seit jenem Tag. Der Regen hat die Farbe und alle Erinnerungen heraus gewaschen. Doch deine Eltern haben dich gefunden, bevor es zu sp\u00e4t war und haben dich in diese Welt dort drau\u00dfen gebracht. Sie haben dich versteckt vor dem gro\u00dfen Regen, bis die Zeit kommen wird, sich ihm entgegen zu stellen. Und diese Zeit ist jetzt gekommen, mein Junge.\u201c &#8211; \u201eWo sind meine Eltern jetzt?\u201c, fragte Roy, begierig, mehr \u00fcber seine Familie zu erfahren. \u201eDeine Eltern sind noch immer in der anderen Welt. Doch je l\u00e4nger sie weg sind aus unserem Land, um so mehr vergessen sie und um so leichter hat es der Regen, alle verbleibenden Erinnerungen zu verwischen. Du musst dich beeilen, um sie zu retten.\u201c &#8211; \u201eAber wie soll ich das tun?\u201c &#8211; \u201eDu musst den heiligen Somnel finden. Nur dann kannst du den Regen besiegen. Nur dann kannst du deine Eltern retten.\u201c &#8211; \u201eWas ist denn der heilige Somnel?\u201c Roy hatte noch nie davon geh\u00f6rt. \u201eDer heilige Somnel ist der glitzerndste und schillerndste Traum, den es gibt in unserem Land. Er ist es, wonach sich alle Menschen sehnen. Seine Macht kann alles und jeden besiegen.\u201c &#8211; \u201eAber wo finde ich denn diesen Somnel?\u201c fragte Roy unglaublich aufgeregt. \u201eIch wei\u00df es nicht, mein Junge. Sotalex ist der H\u00fcter des heiligen Somnel. Zu ihm musst du finden in deinen Tr\u00e4umen, ihn wirst du sehen, wenn dein Herz rein und dein Geist klar ist. Wenn du den Menschen ihre Tr\u00e4ume zur\u00fcckbringen kannst, wirst du ihn finden.\u201c &#8211; \u201eAber wie soll ich den Menschen ihre Tr\u00e4ume bringen? Ich wei\u00df nicht, wie das geht.\u201c Guckifix sch\u00fcttelte nachdenklich sein wei\u00dfes Haupt. \u201eDann musst du es lernen. Und du musst dich beeilen, Roy.\u201c &#8211; \u201eAber wie soll ich es lernen und wo? Ich verstehe doch nichts davon.\u201c &#8211; \u201eEs gibt noch eine Schule. Eine einzige wurde verschont. Bei ihr konnte der Regen noch nicht sein f\u00fcrchterliches Werk vollbringen. Es ist eine ganz besondere Schule. Es ist die Schule Rapperpotz.\u201c &#8211; \u201eAber das ist ja \u2026\u201c fiel Roy Guckifix ins Wort. \u201eJa, Roy. Du tr\u00e4gst den gleichen Namen wie diese Schule. Dort musst du hin und lernen. Du musst dich beeilen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.\u201c &#8211; \u201eWie soll ich dorthin finden? Ich wei\u00df doch nicht, wo diese Schule ist.\u201c &#8211; \u201eSch\u00f6ssel wird euch begleiten. Sie wird euch zeigen, wo sie ist und sie wird euch helfen, den Somnel zu finden.\u201c &#8211; \u201eWas ich? Wieso ich?\u201c emp\u00f6rte sich Sch\u00f6ssel von der Seite. \u201eWieso muss ich denn mit, mit diesen zwei halben Portionen?\u201c &#8211; \u201eSie werden deine Hilfe brauchen, Sch\u00f6ssel. Also benimm dich.\u201c &#8211; \u201eDie werden es doch nie schaffen. Ich will nicht mit. Ich will lieber hier bleiben.\u201c &#8211; \u201eDu gehst mit. Keine Widerrede. Und jetzt legt euch hin und schlaft. Ihr habt morgen einen weiten Weg vor euch.\u201c Widerwillig flog Sch\u00f6ssel hinter eines der gro\u00dfen Zahnr\u00e4der und schloss die Augen. \u201eImmer muss ich den Karren aus dem Dreck ziehen. Warum nur immer ich?\u201c Doch Roy h\u00f6rte sie schon gar nicht mehr. Zu aufregend war dieser Tag und zu m\u00fcde war er jetzt. Doch nun hatte er endlich etwas \u00fcber seine Eltern, \u00fcber sich selbst erfahren. Und voller Erwartungen an den n\u00e4chsten Tag schlief Roy neben Racket in dem gro\u00dfen Himmelbett ein, das Guckifix auf dem Boden der Uhr aufgeschlagen hatte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Roy Rapperpotz und der Traum des Spartakus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Roy musste pl\u00f6tzlich niesen. Irgendetwas stieg ihm in die Nase. \u201eHatschie!\u201c nieste Roy wieder. \u201eHatschie! Hatschie!\u201c Doch Sch\u00f6ssel gab nicht auf. Sie schwebte \u00fcber seinem Gesicht und kitzelte dabei unaufh\u00f6rlich seine Nase. \u201eLos, Los! Raus aus den Federn ihr Schlafm\u00fctzen. Die Sonne steht schon weit oben am Himmel.\u201c Racket drehte sich noch einmal um und gab nur undeutliche Wortfetzen von sich. \u201eHm? Aufstehen? Mitten in der Nacht? Noch eine halbe Stunde.\u201c mit diesen Worten vergrub er sich wieder unter seiner Decke. Doch er hatte nicht mit Sch\u00f6ssels Hartn\u00e4ckigkeit gerechnet. Sie schwebte \u00fcber den beiden und pre\u00dfte sich so fest zusammen, dass sich eine ordentliche Portion Wasser auf die Jungen entleerte. V\u00f6llig durchn\u00e4\u00dft sprangen die beiden erschrocken aus ihren Betten. \u201eWas soll das, Sch\u00f6ssel? Wir kommen doch schon!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir m\u00fcssen uns beeilen.\u201c, erwiderte Sch\u00f6ssel missgelaunt. \u201eWir haben einen weiten Weg vor uns. Also los, ihr Langschl\u00e4fer. Meister Guckifix ist schon in den Bergen, um neue Sterne einzusammeln und ihr verschlaft den ganzen Tag.\u201c Schnell a\u00dfen die beiden Jungen etwas Obst, das f\u00fcr sie auf dem Tisch lag, sprangen dann eilig auf und folgten Sch\u00f6ssel nach drau\u00dfen, wo bereits ihre wundersame Kutsche zur Abfahrt bereitstand. Sobald sie eingestiegen waren, erhob sich die Kutsche in die H\u00f6he und flog dem fernen Ziel entgegen, das eigenartigerweise den selben Namen trug wie Roy.<\/p>\n\n\n\n<p>Soviel hatte Roy in den letzten beiden Tagen erlebt, das Tor im Garten des Waisenhauses St. Jones, welches ihm nun schon so weit weg vorkam, diese wunderbare Welt hier mit Riesen in seltsamen W\u00e4ldern, mit Drachen und kleinen Wolken, die sprechen konnten, einem Orakel namens Guckifix, der die Zeit an einer Uhr ohne Zeiger misst und der ihm von seinen Eltern erz\u00e4hlte und von einem heiligen Somnel, den er finden sollte, um seine Welt zu retten, von der er bis vor ein paar Tagen noch nicht einmal wusste, dass sie existierte. So viel Neues hatte er erlebt, dass ihn nun gar nichts mehr zu \u00fcberraschen schien, nicht einmal die Heerscharen von Soldaten in r\u00f6mischen Gew\u00e4ndern, die pl\u00f6tzlich vor ihnen auftauchten. So weit das Auge reichte, standen sie in Haufen zum Kampf bereit. Es waren bestimmt weit \u00fcber hunderttausend Mann. Ihnen gegen\u00fcber sah Roy viele zerlumpte Gestalten mit zersprengten eisernen Fesseln an ihren H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. Geschunden sahen sie aus mit ihren in Fetzen geh\u00fcllten K\u00f6rpern. Und obwohl einige wenige von ihnen auch recht gut gekleidet waren, so sah Roy doch auch in ihren Gesichtern das Leid und den Schmerz der Gefangenschaft. Aber er sah auch Stolz in ihnen und Entschlossenheit, f\u00fcr ihre Freiheit zu k\u00e4mpfen und auch f\u00fcr sie zu sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dieser seltsamen Menge stand ein Mann, nicht gr\u00f6\u00dfer oder kr\u00e4ftiger, aber doch noch stolzer und noch entschlossener als all die anderen. Als sich die Kutsche den zerlumpten Menschen n\u00e4herte, verstand Roy den Namen, den die M\u00e4nner ununterbrochen riefen: \u201eSpartakus, Spartakus!\u201c Es hallte weit \u00fcber das Land: \u201eSpartakus, Spartakus!\u201c Die r\u00f6mischen Soldaten schienen zu erzittern bei dem Widerhall dieses Namens, denn sie sahen nun noch kleiner und erb\u00e4rmlicher aus als zuvor und Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben, als sich die Menge in Bewegung setzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Roy sah, wie von Spartakus ein seltsames Licht ausging. Ein seltsames und wunderbar leuchtendes Licht, so wie das Leuchten der Sterne auf Guckifix Waage. Es erstreckte sich \u00fcber das gesamte Feld und tauchte alles um sich in ein glei\u00dfendes Feuer. Und dann \u2013 wie von einem Blitz getroffen &#8211; leuchtete Spartakus noch heller und noch intensiver. Er strahlte weit und blendend \u00fcber das Feld. Und &#8211; ja, tats\u00e4chlich &#8211; da kam noch ein Blitz von weit oben auf ihn herab geschossen. Direkt aus dem Himmel, wie Roy glaubte. Doch als er nach oben blickte und die Augen fest zusammenkniff, sah er dort einen Jungen durch die Luft schweben, der immer n\u00e4her kam und unheimlich schnell zwischen all den Menschen umherflog. Dabei schoss er mit einem seltsamen Ger\u00e4t diese Blitze ab. Es war eine Art Kugel, die im Licht der Sonne funkelte. Doch so genau konnte Roy es gar nicht sehen, denn dieser Junge trug einen silbernen Mantel, der ihn fast vollst\u00e4ndig verh\u00fcllte und aus dem Staub wie Sterne auf alle die Menschen unter ihm fiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgeregt schaute Roy diesem Treiben zu. So etwas hatte er noch nie gesehen. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er so etwas eigenartiges erlebt. Was tat dieser Junge dort nur, inmitten dieser vielen Menschen? Niemand schien ihn zu bemerken, niemand schien ihn wahrzunehmen. Er flog durch sie hindurch und verstreute seinen Zaubersand und feuerte seine Blitze ab, die jedoch nur Spartakus trafen. Doch irgendwie schien etwas nicht zu stimmen, denn Roy sah, wie die Soldaten und Sklaven noch w\u00fctender und zorniger wurden und wild aufeinander losst\u00fcrmten. \u201eWas ist dort los?\u201c rief Roy aufgeregt. Ohne die Augen von dem Spektakel zu lassen, antwortete Racket. \u201eDas ist Spartakus, der F\u00fchrer der Sklaven. Er f\u00fchrt sie gegen die r\u00f6mischen Legionen.\u201c &#8211; \u201eJaja, ich kenne Spartakus aus der Schule.\u201c, erwiderte Roy schnell. \u201eEr k\u00e4mpft f\u00fcr die Freiheit, f\u00fcr seine eigene und f\u00fcr die aller Sklaven. Aber wer ist dieser Junge, der zwischen all den Menschen herum fliegt und diese Blitze abfeuert?\u201c &#8211; \u201eIch wei\u00df nicht wer das ist, aber es muss jemand aus der Schule sein. So wie er durch die Luft fliegt, dass lernt man nur in einer Schule. Und so wie es aussieht hat er es in der besten gelernt, in Rapperpotz, der letzten noch verbliebenen Schule.\u201c, seufzte Racket und wurde dann sehr nachdenklich. \u201eHm! Soviel ich wei\u00df darf normalerweise kein Sch\u00fcler in diesem Landesteil tr\u00e4umeln.\u201c &#8211; \u201eTr\u00e4umeln?\u201c Roy ri\u00df neugierig die Augen auf, da er dieses Wort noch nie geh\u00f6rt hatte. \u201eJa, tr\u00e4umeln. Ihr wisst nicht, was tr\u00e4umeln ist?\u201c &#8211; \u201eNein.\u201c &#8211; \u201eOh, entschuldigt bitte. Ihr habt ja alles vergessen. So nennen wir es, den Menschen ihre Tr\u00e4ume zu bringen.\u201c &#8211; \u201eSo werden den Menschen ihre Tr\u00e4ume gebracht?\u201c Roy war sehr beeindruckt. \u201eNun ja. Irgendwie schon.\u201c Roy merkte, dass Racket sehr nerv\u00f6s wurde. \u201eIch wei\u00df auch nicht genau. Ehrlich gesagt habe ich so etwas auch noch nie gesehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Racket hatte schon oft versucht, in eine der einst so vielen Schulen Traumanias aufgenommen zu werden. Liebend gern w\u00fcrde er das Tr\u00e4umeln lernen. Liebend gern w\u00fcrde er mehr \u00fcber sein eigenes Land Traumania mit all seinen Geheimnissen und R\u00e4tseln erfahren. Doch bisher hatte er nie die Aufnahmepr\u00fcfungen bestanden. So sehr er sich auch bem\u00fchte, so sehr er sich auch endlich zu tr\u00e4umeln w\u00fcnschte &#8211; in jeder Schule war er durchgefallen. Immer wieder musste er erfolglos nach Hause zur\u00fcckkehren, ohne seinem gro\u00dfen Ziel auch nur ein kleines St\u00fcckchen n\u00e4her gekommen zu sein. Und da die Aufnahmepr\u00fcfung in der Schule Rapperpotz besonders schwierig ist, und nur die besten der besten dort das Tr\u00e4umeln lernen durften, ist es ihm nie in den Sinn gekommen, sich in dieser geheimnisvollen Schule zu bewerben. Doch nun, nun war alles ganz anders. Nun hatte er die Gelegenheit bekommen mit Roy Rapperpotz, dem ber\u00fchmten Roy Rapperpotz, eben diese Schule zu besuchen, und er freute sich darauf. Auch wenn er jetzt schon wieder Angst vor dieser ganz besonderen Aufnahmepr\u00fcfung in Rapperpotz sp\u00fcrte, so wusste er doch, diesmal hatte er eine gute Chance. Diesmal hatte er den besten Tr\u00e4umler an seiner Seite. Diesmal w\u00fcrde alles ganz anders werden. Und dieses Selbstvertrauen verleitet ihn nun dazu, so zu tun, als ob er bereits ein Experte im Tr\u00e4umeln w\u00e4re, was Roy nat\u00fcrlich sofort bemerkte. Doch es st\u00f6rte ihn nicht weiter und Racket dachte nun auch nicht mehr an die Aufnahmepr\u00fcfung, sondern schaute dem Treiben vor ihnen zu. Spartakus st\u00fcrmte mit seinen Sklaven auf die R\u00f6mer zu und das Licht, welches immer intensiver von ihm ausstrahlte, verwandelte das gesamte Schlachtfeld in ein riesiges Feuermeer. Sch\u00f6ssel hatte sich ganz klein gemacht und war in Roy\u2019s Rucksack verschwunden. Von dort schaute sie vorsichtig mit einem Auge hervor. \u201eIrgenetwas stimmt hier nicht.\u201c fl\u00fcsterte sie leise. \u201eWie meinst du das, Sch\u00f6ssel?\u201c &#8211; \u201eSo wird nicht getr\u00e4umelt.\u201c Roy sah Racket fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern. Dann wand er sich wieder Sch\u00f6ssel zu. \u201eWoher wei\u00dft du das, Sch\u00f6ssel?\u201c &#8211; \u201eIch wei\u00df es eben.\u201c Und obwohl Roy noch keine Ahnung vom Tr\u00e4umeln hatte, so f\u00fchlte er doch, dass hier irgendetwas nicht richtig war. Er konnte es nicht beschreiben. Etwas in seinem Inneren, etwas, das er noch nicht verstand, gab ihm dieses Gef\u00fchl. Roy sah, wie Spartakus mit jedem Blitz, den er erhielt, sein Gesicht seltsam verzog und w\u00fctend und voller Hast nach vorn st\u00fcrmte. Schnell lenkte Roy die Kutsche zwischen den Jungen und Spartakus und fing den n\u00e4chsten Blitz mit der Kutsche ab. Nichts passierte. Die Kutsche vibrierte kurz und wurde dann wieder ruhig. Sch\u00f6ssel hatte sich nun ganz hinter Roy\u2019s R\u00fccken versteckt. Noch einmal schoss der Junge einen Blitz von sehr weit oben ab. Doch auch dieser verpuffte in der Wolkenkutsche und erreichte Spartakus nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge mit dem seltsamen silbernen Mantel kam nun selber wie ein Blitz vom Himmel geschossen und stoppte scharf vor ihnen. Racket fiel vor Schreck nach hinten. Roy stand fest in der Kutsche und sp\u00fcrte, wie der Wind ihm scharf ins Gesicht wehte. Er stand fest und hatte keine Angst, auch wenn der Junge ihn mit stechenden und b\u00f6sen Augen ansah. \u201eWas f\u00e4llt dir ein, mein Tr\u00e4umeln zu st\u00f6ren?\u201c &#8211; \u201eEs ist nicht richtig, was du da machst.\u201c antwortete Roy mutig. \u201eWer bist du, dass du mir sagst, was richtig ist?\u201c &#8211; \u201eIch wei\u00df zwar nicht, was du da machst, aber ich sehe, dass es falsch ist. Wozu l\u00e4sst du diese Menschen so w\u00fctend gegeneinander k\u00e4mpfen?\u201c &#8211; \u201eEs ist ihre Bestimmung, zu k\u00e4mpfen.\u201c, antwortete der Junge grimmig und f\u00fcgte scharf hinzu: \u201eIch frage dich noch einmal: Wer bist du, dass du unsere Regeln brichst und mich beim Tr\u00e4umeln st\u00f6rst?\u201c Mit diesen Worten holte er aus und wollte schon einen f\u00fcrchterlichen Blitz aus seiner Kugel abfeuern. Doch als er Sch\u00f6ssel sah, die vorsichtig hinter Roy\u2019s R\u00fccken hervorschaute, beherrschte er sich. Roy merkte, dass es ihm sehr schwer fiel. \u201eDu hast Gl\u00fcck, du Wicht, dass Guckifix\u2019s Scho\u00dfh\u00fcndchen bei dir ist, sonst w\u00fcrde ich dir zeigen, was es hei\u00dft, mein Tr\u00e4umeln zu st\u00f6ren. Sieh zu, dass sich unsere Wege nicht noch einmal kreuzen.\u201c Er schwang sich in die L\u00fcfte und verschwand in Richtung Berge.<\/p>\n\n\n\n<p>Racket hatte sich wieder aufgerappelt und stand nun neben Roy. \u201eWas war das denn?\u201c &#8211; \u201eIch wei\u00df nicht. Er ist verschwunden.\u201c &#8211; \u201eWas hat er gesagt?\u201c &#8211; \u201eEr war sauer, weil ich ihn beim Tr\u00e4umeln gest\u00f6rt habe und er meinte, ich h\u00e4tte eine wichtige Regel gebrochen.\u201c &#8211; \u201eJa, ich glaube, das stimmt. Ich habe davon geh\u00f6rt. Man darf sich nie in das Tr\u00e4umeln eines anderen einmischen. Man kann einem Menschen andere Tr\u00e4ume schicken, aber man darf sich nie bei einem anderen Tr\u00e4umler einmischen.\u201c &#8211; \u201eAber sein Tr\u00e4umeln war falsch! Hast du nicht gesehen, wie w\u00fctend die Menschen waren?\u201c &#8211; \u201eJa, habe ich. Aber aus irgendeinem Grunde darf man es nun mal nicht. Wenn Ihr aber selber tr\u00e4umeln k\u00f6nntet, dann h\u00e4ttet Ihr Spartakus einen anderen Traum bringen k\u00f6nnen.\u201c &#8211; \u201eWir m\u00fcssen das Tr\u00e4umeln lernen, Racket. Unbedingt.\u201c &#8211; \u201eJa, wenn wir ankommen w\u00fcrden eines Tages. Aber ich f\u00fcrchte fast, Sch\u00f6ssel kennt den Weg nicht.\u201c Sch\u00f6ssel, nun wieder mutig, h\u00f6rte nat\u00fcrlich diese Bemerkung und emp\u00f6rte sich sofort. \u201eIhr werdet noch fr\u00fch genug ankommen, ihr Dreik\u00e4sehoch. Dann werdet ihr zeigen k\u00f6nnen, was f\u00fcr Kerle ihr seid.\u201c Sie schwebte beleidigt ganz nach vorn und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Feld unter ihnen war es friedlich und ruhig. Ganz pl\u00f6tzlich waren alle r\u00f6mischen Soldaten und auch Spartakus Mannen verschwunden. Nur eine saftige gr\u00fcne Wiese war zu sehen, als ob hier nie etwas gewesen w\u00e4re. Roy ahnte: Spartakus war aufgewacht. Racket nickte ihm bedeutungsvoll zu. \u201eIn ihm habe ich einen guten Freund,\u201c dachte Roy. Er reichte Racket die Hand und sagte: \u201eLass von jetzt an dieses \u201eEuch\u201c und \u201eIhr\u201c, wir wollen \u201edu\u201c zueinander sagen.\u201c Diese hohe Ehre nahm Racket gerne an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kutsche flog nun weiter einem fernen Ziel entgegen, \u00fcber endlose Wiesen, \u00fcber Stock und Stein, \u00fcber W\u00e4lder und \u00fcber schier uferlose Meere. So lange waren sie unterwegs, dass Roy nun auch zu zweifelte begann, ob Sch\u00f6ssel den richtigen Weg kannte. Aber als sie wieder eine dieser wundersch\u00f6nen Wiesen \u00fcberflogen, schrie Sch\u00f6ssel pl\u00f6tzlich auf. \u201eDort ist er! Dort unten!\u201c Roy schaute hinunter und sah nichts au\u00dfergew\u00f6hnliches, nun ja zumindest kein besonderes Geb\u00e4ude oder etwas in der Art, das die Schule Rapperpotz sein k\u00f6nnte. Auf einer saftigen gr\u00fcnen Wiese graste friedlich ein pr\u00e4chtiger Schimmel. Dieser Schimmel war allerdings au\u00dfergew\u00f6hnlich. In seinem ganzen Leben hatte Roy noch nie ein so sch\u00f6nes Pferd gesehen. Sein wundersch\u00f6nes wei\u00dfes Fell gl\u00e4nzte in der Sonne, und seine M\u00e4hne schien majest\u00e4tisch bis in den Himmel zu wehen. Stolz trabte er \u00fcber das Gras und stoppte, als er die Kutsche sah. Roy und Racket sprangen heraus und folgten Sch\u00f6ssel, die bereits aufgeregt vor dem Schimmel stand und mit ihm redete. \u201eEhrw\u00fcrdiger Tarkan! Endlich haben wir Euch gefunden.\u201c &#8211; \u201eIch gr\u00fc\u00dfe auch dich, seltsam anmutendes W\u00f6lkchen. Sag mir dein Begehren.\u201c &#8211; \u201eMeister Guckifix schickt mich, um Euch diese beiden Sch\u00fcler zu bringen.\u201c &#8211; \u201eSind sie es w\u00fcrdig, die Schule Rapperpotz zu besuchen?\u201c &#8211; \u201eEs sind Roy Rapperpotz und sein Freund Racket, die Einlass erbitten.\u201c Tarkan musterte einen Augenblick die beiden Jungen, dann verschr\u00e4nkte er seine Vorderbeine und \u00f6ffnete seinen Mund, der seltsamerweise immer gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer wurde, bis bequem ein Mensch hindurch passte. Sch\u00f6ssel schwebte gleich hinein, die beiden Jungen aber standen noch staunend vor Tarkan. \u201eKommt schon, ihr Schlafm\u00fctzen. Tarkan kann nicht ewig seinen Mund aufhalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Roy tat ungl\u00e4ubig einen Schritt auf den Schimmel zu. Er sah in seine feurigen Pferdeaugen, die ihm freundlich zuzwinkerten. Dann fasste er all seinen Mut zusammen und sprang hinein. Racket folgte ihm. Sobald sie in Tarkan verschwunden waren, schloss dieser seinen Mund wieder und das Tor hinter ihnen verschwand. Sie standen inmitten eines Pferdes, doch es war nicht dunkel. Ein sanftes, weiches Licht umgab sie. Aber sonst konnte Roy nichts weiter sehen. Sch\u00f6ssel war schon in der Ferne verschwunden. Roy h\u00f6rte sie kaum noch: \u201eKommt schon und tr\u00f6delt nicht so. Wir m\u00fcssen weiter.\u201c &#8211; \u201eAber wohin?\u201c schrie Roy ihr nach. \u201eWas denn? Du wei\u00dft immer noch nicht, wohin?\u201c &#8211; \u201eIch kann nichts sehen.\u201c Sch\u00f6ssel kam zur\u00fcck und hielt direkt vor Roy. \u201eOh, ja. Ich wei\u00df schon, warum. Ihr musst an euch selbst glauben und an die Schule Rapperpotz. Ihr m\u00fcsst daran glauben, dass sie hier ist, nur dann kann es funktionieren. \u00d6ffnet eure Herzen.\u201c Roy legte seine Zweifel ab und sah pl\u00f6tzlich den Schimmer einer Br\u00fcstung und h\u00f6rte ferne Stimmen. Und als er ganz fest daran glaubte, erschien die Schule Rapperpotz in ihrer ganzen Pracht vor ihm, umgeben von einem See, auf dem lustig Wasserrosen tanzten. Ein Br\u00fccke schwebte \u00fcber der Wasseroberfl\u00e4che und wies ihnen den Weg zur Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohin gehst du, Roy?\u201c fragte Racket, als er die Br\u00fccke betreten wollte. Er konnte noch immer nichts sehen. \u201eSchlie\u00dfe deine Augen und h\u00f6re auf dein Herz, Racket. Glaube an das Unm\u00f6gliche.\u201c Und als er dies tat, h\u00f6rte auch er die Stimmen vor ihm, und als er die Augen wieder \u00f6ffnete, sah auch er, was vor ihnen lag: Ein riesiges Schloss mit gro\u00dfen T\u00fcrmen und breiten Fl\u00fcgeln. Die Mauern bestanden nicht aus gew\u00f6hnlichen Steinen, sondern waren aus einem seltsamen gl\u00e4sernen durchscheinenden Material. Roy konnte bereits von weitem in den Innenhof schauen. Beide Jungen liefen voller Staunen \u00fcber die Br\u00fccke, denn in dem See war kein Wasser, sondern glitzernder Zauberstaub, der funkelte und leuchtete. Roy meinte zu h\u00f6ren, wie die Wasserrosen auf der Oberfl\u00e4che st\u00e4ndig etwas murmelten. \u00ab Rapperpotz. Roy Rapperpotz! Sieh nur. Da kommt er endlich. Roy Rapperpotz. Er ist da.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt verstand Roy, warum diese Schule vor dem Regen sicher war. Tarkan war ihr Besch\u00fctzer, ihr wachsames Auge. Er war pfeilschnell, schneller als der Wind und schneller als jeder Regen. Und da sich die Schule Rapperpotz in seinem Inneren befand, war auch sie sicher, so dachte Roy damals zumindest.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Jungen standen nun vor dem Tor, das sich \u00f6ffnete und krachend hinter ihnen zufiel. Sch\u00f6ssel hatte sich wieder klein gemacht und war in Roy\u2019s rechter Hosentasche verschwunden. Der Hof des Schlosses war mit hektisch umherlaufenden Kindern \u00fcbers\u00e4t. \u00dcberall wurde laut geredet und getuschelt. Alle schienen sehr besch\u00e4ftigt zu sein und keiner nahm so richtig Notiz von den beiden Neuank\u00f6mmlingen. Roy merkte schnell, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas musste passiert sein. Mitten unter den wild diskutierenden Kindern stand eine Frau mit grauen wallendem Haar. Roy erkannte sie sofort. Es war Morella, die die beiden nun bemerkte und begr\u00fc\u00dfte. \u201eKomm ruhig n\u00e4her Roy. Wir haben schon auf dich gewartet, wenn auch nicht gerade heute.\u201c Dann richtete sie sich an alle Sch\u00fcler im Hof: \u201eIch freue mich, euch einen ganz besonderen Sch\u00fcler vorstellen zu d\u00fcrfen. Komm her Roy!\u201d Ein Raunen ging durch die Reihen der Sch\u00fcler. \u201eJa, er ist es wirklich. Siehst du die Str\u00e4hne in seinen Haaren? Es ist Roy. Roy Rapperpotz.\u201c Alle Kinder drehten sich nach Roy um und einige winkten ihm freundlich zu. Aber er sah nicht nur fr\u00f6hliche Gesichter. Ein paar von ihnen schauten sehr dunkel drein. Unter ihnen erkannte Roy sofort den Jungen von heute Morgen. Morella sah auch in diese Richtung und sagte scharf:. \u201eGreg Haport. Wir werden uns morgen weiter unterhalten. Um 8 Uhr in meinem Zimmer.\u201c Dann wendete sie sich wieder an die beiden Jungen: \u201eEs tut mir leid Roy, aber ich muss mich jetzt um andere Dinge k\u00fcmmern. Irgendjemand hat einen falschen Traum an Spartakus geschickt, einen sehr beunruhigenden falschen Traum. Irgendjemand &#8211; ich kann mir schon denken, wer es war &#8211; hat falsch getr\u00e4umelt, obwohl es verboten ist. Ich werde jetzt selber den Schaden beheben m\u00fcssen.\u201c Dann winkte sie einem M\u00e4dchen zu, das nicht weit entfernt von ihnen stand und Roy schon die ganze Zeit seltsam anl\u00e4chelte. \u201eRomi wird euch zeigen, wo ihr heute nacht schlafen werdet und morgen lernt ihr die Schule Rapperpotz kennen.\u201c Mit diesen Worten warf sie sich einen goldenen Mantel \u00fcber, murmelte ein paar unverst\u00e4ndliche Worte verschwand. Als Roy noch einmal zur Seite blickte, sah er, wie Greg ihn mit grimmigem Blick musterte, sich dann umdrehte und mit zwei anderen Jungen ins Haus ging. Romi zog Roy am \u00c4rmel: \u201eLass dich blo\u00df nicht mit dem ein, Roy!\u201c &#8211; \u201eWas?\u201c &#8211; \u201eGreg Haport. Lass dich ja nicht mit dem ein. Wie ich h\u00f6rte, hat er die Schule Rapperpotz schon oft in Schwierigkeiten gebracht.\u201c Dann l\u00e4chelte sie und zog Roy noch st\u00e4rker am Arm: \u201eIch freue mich so, dass du wieder da bist. Kennst du mich denn noch?\u201c Roy kannte sie zwar nicht, doch sp\u00fcrte er sofort eine enge Vertrautheit, die er nicht erkl\u00e4ren konnte, die ihm jedoch sehr gefiel. Deshalb antwortete er ihr freundlich. \u201eJa, irgendwie schon. Es ist nur\u2026\u201c Racket half ihm: \u201eEr kann sich an nichts erinnern, Romi. Lass ihm noch ein bisschen Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Romi f\u00fchrte die beiden ins Schlossinnere und zeigte ihnen ihre Zimmer. \u201eHier werden wir schlafen. Ich hoffe, f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit. Wir m\u00fcssen gut aufpassen in den n\u00e4chsten drei Tagen. Am vierten Tag ist die Aufnahmepr\u00fcfung und wie ich h\u00f6rte, ist die nicht leicht hier in Rapperpotz.\u201c &#8211; \u201eErinnere mich blo\u00df nicht daran!\u201c st\u00f6hnte Racket. Roy war zu m\u00fcde, um sich genauer im Zimmer umzusehen. Sobald er sich seine Z\u00e4hne geputzt und sich gewaschen hatte, fiel er ins Bett, zog sich seine Decke weit \u00fcber den Kopf und schlief sofort ein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Roy und die Schule Rapperpotz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Roy am n\u00e4chsten Morgen erwachte, musste er sich zun\u00e4chst umschauen, wo er \u00fcberhaupt war. Er hatte so tief und fest geschlafen, dass er es wirklich nicht mehr wusste. Er lag in einem Bett aus purpurnem Samt. Als er die Bettdecke zur Seite schlagen wollte, gab sie eigenartige T\u00f6ne von sich. \u201eHm, jetzt schon aufstehen, Roy Rapperpotz? Vielleicht noch ein halbes St\u00fcndchen?\u201c Und da wusste Roy, wo er war. Er war in der Schule Rapperpotz. Und schnell kam die Erinnerung an den gestrigen Tag zur\u00fcck. Racket musste schon unterwegs sein, denn sein Bett war leer. Aufgeregt stand Roy auf, wusch sich in Windeseile und wollte sich gerade anziehen, als die T\u00fcr aufflog. \u201eRoy, schnell, du musst mitkommen.\u201c Romi st\u00fcrzte in das Zimmer, drehte sich jedoch sofort verlegen zur Seite. \u201eOh, entschuldige. Ich dachte, du w\u00e4rst schon angezogen.\u201c &#8211; \u201eSchon gut. Ich bin gleich fertig.\u201c Hastig zog sich Roy an und folgte Romi nach drau\u00dfen, wo bereits mehrere Kinder wie H\u00fchner aufgeregt hin- und herliefen. Einige von ihnen schrieen dabei wild. Morella war zur\u00fcckgekehrt und irrte nun v\u00f6llig wirr zwischen all den Kindern im Hof herum. In ihren Haaren sah Roy \u00fcberall schwarze Str\u00e4hnen, solche, wie auch er eine hatte, und ihr Mantel war mit tiefen schwarzen L\u00f6chern \u00fcbers\u00e4t. Roy ahnte schon, was geschehen war. Morella war zu Spartakus geflogen, um seinen Traum zu berichtigen. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie nicht bemerkte, wie der Regen langsam und schleichend immer n\u00e4her kam. Eigentlich ist sie ein Meister des Tr\u00e4umelns und eine der Kl\u00fcgsten und Weisesten im \u00c4ltestenrat Traumanias. Aber gestern \u00e4rgerte sie sich derma\u00dfen \u00fcber diesen Greg Haport, dass sie alle Vorsicht und Weisheit verga\u00df. Als sie den Regen sah, war es fast schon zu sp\u00e4t. Mit letzter Kraft schleppte sie sich hierher zur\u00fcck. Niemand konnte ihr helfen, bis von der Seite ein knochiger Mann herbeisprang und sie st\u00fctzte. \u201eMein Gott, Morella! Wie konntest du nur so unvorsichtig sein? Wir werden sie behandeln m\u00fcssen!\u201c, rief er zwei anderen M\u00e4nnern zu, die aus dem Keller gerannt kamen. Zu dritt schafften sie sie in den Keller des Schlosses. \u201eWohin bringen sie sie?\u201c fragte Roy Romi. \u201eIn dem Keller werden alle behandelt, die vom Regen getroffen wurden.\u201c &#8211; \u201eIn dem Keller? Aber wie?\u201c &#8211; \u201eIch wei\u00df nicht. Ich war noch nie dort unten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Obergeschoss erklang eine Stimme. \u201eAlle Sch\u00fcler sofort in die Klassenzimmer. Der Unterricht beginnt in zehn Minuten. Alle Erstkl\u00e4ssler melden sich bei Mrs. Wedding im ersten Stock.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erst jetzt fand Roy Zeit, sich umzublicken. Die weiten Fl\u00fcgel zu beiden Seiten des Schlosses waren ihm gestern schon aufgefallen. Sie umschlossen einen gro\u00dfen Innenhof. Die T\u00fcrme konnte Roy nur sehr schlecht erkennen, so hoch waren sie. Es schien fast, als ob sie \u00fcberhaupt kein Ende h\u00e4tten. Die Fenster hatten etwas Magisches an sich. Sobald er hineinschaute, sah er zwar ein Spiegelbild, doch es war nicht seines. Auch wenn es seinen Bewegungen folgte, so sah er doch eindeutig einen ganz anderen Jungen. Roy konnte sich nicht erkl\u00e4ren, wer dieser Junge war und warum er st\u00e4ndig seinen Bewegungen folgte. Doch jetzt hatte er keine Zeit, dar\u00fcber nachzudenken. Er ging mit den anderen Kindern in den ersten Stock, wo sie bereits von Mrs. Wedding erwartet wurden. Mrs. Wedding war eine relativ junge, h\u00fcbsche und sehr nette Frau. Aber eigenartigerweise hatte auch sie schon graue Haare, wie scheinbar alle erwachsenen Menschen hier. Sie begr\u00fc\u00dfte jedes Kind mit einem freundlichen H\u00e4ndedruck und ein paar pers\u00f6nlichen Worten. Als Roy an der Reihe war, nahm sie sich besonders viel Zeit. \u201eSieh an. Da ist er ja. Der ber\u00fchmte Roy Rapperpotz. Ich hoffe, es wird dir bei uns gefallen.\u201c &#8211; \u201eJa. Ich denke schon.\u201c erwiderte Roy verlegen. \u201eGut. So setze dich.\u201c Roy setzte sich neben Racket auf einen der St\u00fchle, welche im Kreis angeordnet waren. Ein paar der Kinder hatte er drau\u00dfen schon gesehen. Da war der kleine sch\u00fcchterne Rothaarige namens Sem, der sich kaum traute, den Mund aufzumachen. Und auch einer der beiden Jungen, die mit Greg Haport zusammen waren &#8211; sein Name war Ed Fischer &#8211; betrat jetzt in frechem Schritt das Zimmer. Als alle Sch\u00fcler sich gesetzt hatten, schloss Mrs. Wedding die T\u00fcr und nahm auf einem Stuhl in der Mitte Platz. Sie begann den Unterricht: \u201eWisst ihr, warum ihr hier seid, Kinder?\u201c &#8211; \u201eWir wollen lernen, den Menschen ihre Tr\u00e4ume zu bringen.\u201c antwortete ein M\u00e4dchen. \u201eJa, richtig, Marie. Und wei\u00dft du auch, wie wir das nennen?\u201c Noch bevor Marie antworten konnte, polterte es aus Racket heraus: \u201eTr\u00e4umeln, wir nennen es Tr\u00e4umeln.\u201c &#8211; \u201eJa, genau, Racket. Tr\u00e4umeln ist das richtige Wort daf\u00fcr. Und wie tr\u00e4umelt man richtig, Racket? Kannst du uns das sagen?\u201c &#8211; \u201eJa\u2026eh.., ich\u2026\u201c verlegen schaute er zu Boden. \u201eNein. Ich wei\u00df es nicht.\u201c &#8211; \u201eWei\u00df es jemand?\u201c fragte Mrs. Wedding in die Runde. Niemand meldete sich. \u201eRoy. Kannst du uns sagen, wie man tr\u00e4umelt?\u201c Was sollte Roy ihr antworten? Er war den ersten Tag in dieser Schule und den dritten Tag in diesem merkw\u00fcrdigen Land. Woher sollte er wissen, wie man tr\u00e4umelt? Aber er hatte es ja schon einmal gesehen! So antwortete er mutig: \u201eMan fliegt mit einem Zaubermantel durch die Luft und zerstreut Traumsand und feuert aus einer Kugel Blitze ab.\u201c Mrs. Wedding sah ihn erstaunt und erschrocken an. \u201eWoher wei\u00dft du das, Roy? So werden nur verbotene Tr\u00e4ume getr\u00e4umelt.\u201c Roy sah, wie Ed Fischer ihn durchdringend anstarrte und dabei drohende Worte mit den Lippen formte. \u201eIch habe davon geh\u00f6rt.\u201c log Roy, obwohl ihm dabei sehr unbehaglich zumute war. Aber er wollte nicht schon am ersten Tag \u00c4rger bekommen. \u201eVergiss ganz schnell, was du da geh\u00f6rt hast, Roy. So etwas ist streng verboten hier in Rapperpotz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fuhr sie wieder mit freundlichem Ton fort: \u201eAber es stimmt, dass man zum Tr\u00e4umeln einen Traummantel und eine Kugel, eine Traumkugel, ben\u00f6tigt. Wei\u00df jemand, wie diese Kugel hei\u00dft?\u201c Fragend schaute sie zu Ed Fischer. \u201eEd?\u201c &#8211; \u201eDas ist ein Konkel.\u201c &#8211; \u201eJa, richtig. Und was macht man damit?\u201c &#8211; \u201eIch wei\u00df nicht.\u201c antwortete Ed in einer Art, die Roy merke lie\u00df, dass Ed schon ziemlich gut Bescheid wusste, was das Tr\u00e4umeln anging, mehr als er zuzugeben bereit war. Da es sonst jedoch niemand wusste, erkl\u00e4rte es Mrs. Wedding selbst: \u201eDie Kugel, mit der die Tr\u00e4ume zu den Menschen gebracht werden, ist der Konkel. Ihr werdet sp\u00e4ter lernen, wie man ihn benutzt. Aber etwas fehlt uns noch. Wir haben den Traummantel, der uns zu den Menschen bringt, wir haben den Traumsand und den Konkel, der die Tr\u00e4ume weiterschickt. Was fehlt uns noch? Etwas, das all diese Dinge verbindet. Wer wei\u00df es?\u201c Sie schaute in die Runde. \u201eSem? Wei\u00dft du es?\u201c &#8211; \u201eIch\u2026 ich\u2026. nein.\u201c sagte er sch\u00fcchtern und blickte zu Boden. \u201eDas ist nicht schlimm, Sem. Du bist hier, um es zu lernen. Es sind die Traumspr\u00fcche in unserer eigenen Sprache, in hunduisch. Es ist die Sprache, die alle Dinge miteinander verbindet. Erst sie bringt die Menschen in unser Land, wo sie tr\u00e4umen. Die Traumspr\u00fcche verbinden die Tr\u00e4ume mit dem Konkel und schickt sie zu den Menschen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aufmerksam lauschten alle Kinder Mrs. Wedding. \u201eHunduisch wird das erste sein, das ihr lernen werdet. Wir werden gleich morgen damit anfangen. Doch jetzt werde ich euch die Schule zeigen.\u201c Sie murmelte etwas, und auf einmal begann der Boden zusammen mit der Decke kurz nach rechts und dann nach links zu rucken, so dass sich Roy erschrocken umblickte. Im selben Moment bewegte sich dieses seltsame Zimmer aber auch schon langsam nach oben. Roy sah wie die W\u00e4nde sich ver\u00e4nderten und dabei nach unten zu wandern schienen, w\u00e4hrend das gesamte Zimmer mit all den Sch\u00fclern darin nach oben durch das gesamte Haus gleitete und pl\u00f6tzlich \u00fcber der Schule Rapperpotz schwebte. Und obwohl sie nun ganz oben waren, konnte Roy noch immer nicht die T\u00fcrme des Schlosses sehen, die wahrhaftig irgendwo im Himmel zu stehen schienen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo, Kinder. Von hier aus seht ihr die ganze Schule. Sie wurde von einem der gr\u00f6\u00dften Meister unseres Landes erbaut, von Meister Sotalex.\u201c Roy horchte auf. Dies war der Name des Mannes, den Roy suchen sollte. Wie Guckifix ihm prophezeite, wird Sotalex ihm den heiligen Somnel geben k\u00f6nnen. Und dieser Sotalex hatte Rapperpotz erbaut? Roy nahm sich vor, mehr dar\u00fcber herauszufinden. Doch erst h\u00f6rte er weiter aufmerksam den Worten Mrs. Weddings zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHinter der Schule befindet sich ein gro\u00dfes Tr\u00e4umelfeld. Dort \u00fcben sonst vor allem die j\u00fcngeren Sch\u00fcler das Tr\u00e4umeln. Aber unser Fluglehrer ist gerade in Traumania unterwegs.\u201c Trotzdem blickte Mrs Wedding und all die Kinder nach hinten auf das Feld, das etwa so gro\u00df war wie ein Fu\u00dfballfeld. Doch es war nicht mit gr\u00fcnen Rasen bedeckt, sondern ganz und gar gelb, wie ein riesig gro\u00dfer Sandkasten. \u201eAh, wie ich sehe, ist Mr. Finley gerade mit seiner Klasse dort. Naja. Viel scheinen sie bei ihm ja nicht gelernt zu haben.\u201c Roy sah mehrere Gestalten in der Luft hin- und herfliegen. Einige stie\u00dfen zusammen und krachten auf den Boden. Doch kurz darauf flogen sie schon wieder durch die Luft. Anscheinend war nichts Ernsthaftes passiert. \u201eSo, Kinder, jetzt werden wir noch durch einige Klassenzimmer gehen.\u201c Schon w\u00e4hrend sie dies aussprach, bewegte sich das Zimmer nach unten, stoppte und gab den Blick in einen der anderen R\u00e4ume frei. \u201eDies ist die Klasse, in der der richtige Umgang mit Traumsand gelehrt wird und hier hinten\u2026\u201c Sie drehte sich um und alle Sch\u00fcler taten es ihr nach. \u201eHier hinten seht ihr die Klasse f\u00fcr Tiertr\u00e4ume, daneben die f\u00fcr Kindertr\u00e4ume und direkt darunter ist die f\u00fcr Erwachsenentr\u00e4ume, aber dorthin werdet ihr erst viel sp\u00e4ter kommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So zogen sie durchs ganze Haus. Mrs. Wedding zeigte ihnen noch die Zimmer f\u00fcr Tr\u00e4ume der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, sie zeigte ihnen Klassenr\u00e4ume, in denen hunduisch gelehrt wurde und wie man den Konkel und den Zaubermantel richtig benutzt, sie zeigte ihnen die Klasse f\u00fcr Traumgeschichte und f\u00fcr die Geschichte der Menschheit, was ein besonders schweres und wichtiges Fach sei, wie sie betonte. Roy konnte sich das alles kaum merken. Diese Schule musste unz\u00e4hlige Klassenzimmer haben! Roy zweifelte schon daran, dies jemals alles zu erlernen. Aber dann kamen sie schlie\u00dflich doch im letzten Zimmer an und Mrs. Wedding verk\u00fcndete feierlich: \u201eIn diesem Zimmer, meine Lieben, wird \u00fcbermorgen die Aufnahmepr\u00fcfung stattfinden.\u201c Ein Raunen ging durch die Schar der Sch\u00fcler. Racket wurde k\u00e4sewei\u00df. \u201e\u00dcbermorgen schon? Oh Gott. Ich werde bestimmt wieder durchfallen.\u201c Das Zimmer war winzig klein und hatte keine Fenster. Roy musste sich anstrengen, um etwas zu erkennen. An der hinteren Wand hing ein gro\u00dfer Spiegel, sonst konnte er nichts weiter sehen, keine St\u00fchle, keine Tische, gar nichts. Der Raum war v\u00f6llig leer. Seltsam. Das konnte doch unm\u00f6glich ein Klassenzimmer sein, oder? Was sollte dies f\u00fcr eine Aufnahmepr\u00fcfung sein? Doch noch bevor er sich weiter den Kopf dar\u00fcber zerbrechen konnte, bewegten sie sich schon wieder und im Nu war das Zimmer wieder an seinem alten Platz, wo die Reise durch die Schule Rapperpotz begann. \u201eSo, jetzt kennt ihr die Schule Rapperpotz. Ich hoffe, sie wird euch gefallen, vorausgesetzt, ihr besteht die Aufnahmepr\u00fcfung \u00fcbermorgen.\u201c Racket fing schon wieder an zu schnauben. Er konnte das Wort \u201eAufnahmepr\u00fcfung\u201c schon nicht mehr h\u00f6ren. \u201eHabt ihr noch irgendwelche Fragen?\u201c Mrs. Wedding schaute in die Runde. Roy hatte heute so viel gesehen, dass ihm ganz schwindlig zumute war. Obwohl er nat\u00fcrlich tausend Fragen hatte, wusste er nun gar nicht so recht, was er eigentlich fragen sollte. Doch noch bevor er seine Gedanken ordnen konnte, sprang Marie neben ihm auf und polterte los. \u201eWarum sind in allen Fenstern so seltsame Gestalten, die sich bewegen, wenn man daran vorbei geht?\u201c Roy horchte auf. Auch Marie hatte diese merkw\u00fcrdigen Bilder in den Fenstern bemerkt! Also ging es nicht nur ihm so. \u201eIch habe schon auf diese Frage gewartet, Marie. Nein, das sind keine seltsamen Gestalten. Das seid ihr. Habt ihr vergessen, Kinder? Ihr sind im Land der Tr\u00e4ume, und in jedem Traum kommt der wahre Mensch zum Vorschein, offenbart sich der eigene Charakter und das wahre Wesen eines Menschen. Denjenigen, den ihr in diesen Fenstern seht, das seid ihr selbst, ihr seht euer wahres Ich.\u201c &#8211; \u201eDas bin ich in diesem Fenster?\u201c fragte Marie erstaunt. \u201eAber sie sieht mir doch gar nicht \u00e4hnlich.\u201c &#8211; \u201eDas ist erstaunlich, nicht wahr?\u201c Mrs. Wedding l\u00e4chelte Marie an. \u201eSie spiegelt ja auch nicht dein \u00c4u\u00dferes, sondern dein Inneres wider. Verstehst du?\u201c &#8211; \u201eAber die Spiegelbilder der anderen sehen doch alle ganz normal aus?\u201c &#8211; \u201eJa, das stimmt. F\u00fcr dich sehen sie normal aus, weil du sie nicht sehen kannst, Marie. Da jeder seinen eigenen Traum hat, kann auch nur jeder sein eigenes Spiegelbild sehen und nicht das der anderen.\u201c Marie setzte sich etwas verdutzt wieder hin. \u201eIch soll das sein? Mein Inneres? Dieses h\u00e4\u00dfliche Ding?\u201c &#8211; \u201eSchau sie dir ganz genau an, Marie. Du wirst \u00fcberrascht sein, was du sehen wirst.\u201c Roy h\u00f6rte fasziniert zu. \u201eSo, liebe Kinder. Morgen werdet ihr den ersten Tr\u00e4umelspruch lernen. F\u00fcr heute ist es genug. Also los, hurtig hinaus.\u201c Mrs. Wedding stand auf und wollte das Zimmer verlassen. Als sie schon fast aus der T\u00fcr war, hatte Roy doch noch eine Frage: \u201eWoher kommt der Regen, Mrs. Wedding?\u201c Roy sah ihr nettes Gesicht pl\u00f6tzlich sehr ernst werden. Sie \u00fcberlegte, was sie erwidern sollte. \u201eNiemand in Traumania wei\u00df, woher der Regen eigentlich kommt, Roy. Aber ich hoffe &#8211; wir alle hoffen \u2013 dass du uns eines Tages die Antwort darauf geben wirst.\u201c Sie drehte sich um und verlie\u00df den Raum. Roy, Racket und Romi gingen zur\u00fcck in ihr Zimmer, wo sie noch lange \u00fcber diese seltsame Schule sprachen, \u00fcber die vielen Unterrichtsf\u00e4cher und Klassen, in denen sie das Tr\u00e4umeln lernen w\u00fcrden und \u00fcber dieses kleine Zimmer, in dem ihre Aufnahmepr\u00fcfung stattfinden sollte, wobei Racket wieder schlecht wurde. Roy war mit seinen Gedanken wieder ganz woanders. Was hatte Mrs. Wedding ihm gesagt? Er wird wissen, woher dieser furchtbare Regen kam? Er? Ausgerechnet er? Roy Rapperpotz? Aber woher sollte gerade er das wissen? Sp\u00e4t l\u00f6schten sie das Licht und legten sich schlafen. Roy zog seine Decke tief \u00fcber den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Copyright by Tiras Rapkeve, April 2002 published in Germany <a href=\"http:\/\/www.traeumeschenken.com\">http:\/\/www.traeumeschenken.com<\/a><br><a href=\"mailto:Tiras-Rapkeve@gmx.net\">Tiras-Rapkeve@gmx.net<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roy Raperpotz ist ein Prinz aus Traumania, dem sagenumwobenen Land der Tr\u00e4ume, einem Ort, an dem all unserer Tr\u00e4ume in einem geheimnisvollen Meer verborgen liegen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5420,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,221],"tags":[],"class_list":["post-5418","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-maerchen","category-tiras-rapkeve"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5418"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5421,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5418\/revisions\/5421"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}