{"id":5416,"date":"2026-02-03T02:46:10","date_gmt":"2026-02-03T01:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5416"},"modified":"2026-02-03T02:46:10","modified_gmt":"2026-02-03T01:46:10","slug":"rotkehlchen-und-kohlmeischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/rotkehlchen-und-kohlmeischen\/","title":{"rendered":"Rotkehlchen und Kohlmeischen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Rotkehlchen und Kohlmeischen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Moritz Arndt<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Rotkehlchen und Kohlmeischen waren einst ein paar h\u00fcbsche Dirnen, T\u00f6chter einer alten frommen &nbsp;Witwe, die sich vom Spinnen, N\u00e4hen und Waschen und von anderer Arbeit knapp aber doch ehrlich ern\u00e4hrte. Sie hatte nur diese beiden Kinder, von welchen die \u00e4lteste Gretchen und die j\u00fcngste Katrinchen hie\u00df. Sie hielt, wie sauer es ihr auch ward, die Kinder immer nett und reinlich in Kleidung und schickte sie flei\u00dfig zu Kirche und Schule, und als sie gr\u00f6\u00dfer wurden, unterwies sie sie in allerlei k\u00fcnstlicher Arbeit mit der Schere und Nadel und hielt sie still in ihrem K\u00e4mmerlein in aller Ehrbarkeit und Tugend. Und Gretchen und Katrinchen gediehen, dass es eine Freude war, und wurden ebenso h\u00fcbsch und fein, als sie flei\u00dfig und ehrbar waren; so dass alle Menschen ihre Lust an ihnen hatten und die Nachbarn sie ihren T\u00f6chtern als rechte Muster zeigten und lobten. Die Witwe starb und die beiden Schwestern blieben in ihrem H\u00e4uschen und lebten, wie sie mit der Mutter bisher getan, von ihrer H\u00e4nde Arbeit. Aber es blieb nicht lange mehr so still in dem H\u00e4uschen, als es sonst gewesen war. Die Falken und Habichte, welche auf sch\u00f6nes junges Blut lauren, merkten, dass die H\u00fcterin weg war, welche die T\u00e4ubchen sonst bewacht hatte, und es fanden sich h\u00e4ufig lose junge Gesellen ein, welche die M\u00e4dchen zu T\u00e4nzen und Gelagen und zu Spazierg\u00e4ngen auf die D\u00f6rfer verlocken wollten. Die beiden Schwestern wehrten sich einige Wochen tapfer, aber endlich lie\u00dfen sie sich bewegen und gingen mit und dachten, es kann doch wohl keine S\u00fcnde sein, was so viele Frauen und M\u00e4dchen tun, die niemand unehrlich nennt. Zuerst kam es ihnen bei diesen T\u00e4nzen doch zu wild vor und sie sahen nicht einmal lange zu sondern gingen fr\u00fch weg und waren vor Sonnenuntergang wieder zu Hause und lie\u00dfen sich nicht bis in die Nacht hinein halten, wie viel die, welche sie mitgenommen hatten, auch locken mochten. Das zweite und dritte Mal tanzten sie schon mit, gingen aber bei Tage heim, und mit etwas schwerem Herzen, und nahmen sich deswegen vor, den n\u00e4chsten Sonntag zu Hause zu bleiben. Aber das Worthalten war schwer, denn die jungen Gesellen kamen immer wieder und baten zu sch\u00f6n. Das vierte und f\u00fcnfte Mal blieben sie schon bis nach Sonnenuntergang, und das sechste und siebente Mal hatte die Glocke zw\u00f6lf geschlagen, als sie heim kamen, und sie mussten ihre Wirtin herauspochen, dass sie ihnen die T\u00fcre aufschl\u00f6sse, und als die alte Frau sie ermahnte und sie ihrer seligen Mutter erinnerte, lachten sie schon und sprachen: Ach! die Mutter und ihr! wann die M\u00e4use keine Z\u00e4hne mehr haben, schelten sie auf die Nussknacker; ihr werdet auch getanzt haben, als ihr jung wart.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4dchen waren zu Hause noch immer sehr flei\u00dfig, auch hatten sie noch nichts Unehrbares getan noch gelitten, aber die T\u00fcre zum B\u00f6sen war ge\u00f6ffnet, und Leichtsinn und Leichtfertigkeit nahmen von Tage zu Tage zu, und nun ward auch schon mancher kostbare Wochentag mit Nichtstun und Herumprangen vert\u00e4ndelt und verqu\u00e4ndelt, den sie sonst auf n\u00fctzliche Arbeit verwendet hatten. Auch in ihrem K\u00e4mmerchen musste alles anders werden; die V\u00f6gel waren lustig und bunt geworden, es musste alles blankere und zierlichere Federn anziehen: neue Tische, neue St\u00fchle, neue Vorh\u00e4nge, feinere Kleider und Schuhe. Aber mit dem alten Hausrat schien auch der m\u00fctterliche Segen, der bisher sichtbar auf den Kindern geruht hatte, aus dem Hause gezogen zu sein. So schlich sich das Ungl\u00fcck mit dem Leichtsinn ein; erst hielt sie der B\u00f6se nur an einem d\u00fcnnen seidenen F\u00e4dchen, zuletzt hat er sie mit einem dicken Kabeltau der S\u00fcnde umflochten und sie haben die Schwere und den Schmutz desselben gar nicht mehr gef\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gretchen und Katrinchen hatten immer viele sch\u00f6ne Arbeit und kostbare Zeuge unter H\u00e4nden, woraus sie Schmuck und Kleider stickten und n\u00e4hten. Sie gebrauchten jetzt mehr Geld als sonst, sie fingen allm\u00e4hlich an zu mausen, ach! sie stahlen zuletzt. Einmal hatten sie einen bunten seidenen Rock gestohlen, der in einem Nachbarhause am Fenster hing, und an einen herumziehenden Juden verkauft. Ein armer Schneidergesell, bei welchem man viele bunte Lappen und Streifen Zeug gefunden, die er auch wohl gemaust haben mochte, war dar\u00fcber angeklagt, gerichtet und geh\u00e4ngt worden. Er hing und baumelte an dem lichten Galgen. Eines Abends sp\u00e4t kamen die beiden Dirnen mit andern Gesellen und Gesellinnen von einem Dorftanze zur\u00fcck und der Weg ging an dem Galgen vorbei. Da rief einer aus der Schaar, ein leichtfertiger Gesell: Fritz Schneiderlein! Fritz Schneiderlein! wie teuer wird dir dein bunter Rock! Kaum aber hatte er das Wort gesprochen, so schlug die S\u00fcnde wie ein Blitz in die beiden Dirnen, die schuld waren an des armen Schneiders Tod. Sie st\u00fcrzten beide wie tot zur Erde hin, und die andern, die es sahen, liefen voll Schrecken weg, als h\u00e4tten ihnen alle Galgenv\u00f6gel schon in dem Nacken gesessen. Sie haben die Geschichte in der Stadt erz\u00e4hlt, und die Leute sind hingegangen, aber die beiden Dirnen haben sie nimmer gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie h\u00e4tten sie sie finden sollen? Sie waren in V\u00f6gel verwandelt und m\u00fcssen nun in der weiten Welt herumfliegen. Gretchen ist ein Rotkehlchen geworden und Katrinchen ein Kohlmeischen; denn Gretchen trug immer ein rotes seidenes Tuch um den Hals und Katrinchen ein gelbes. So m\u00fcssen sie nun als kleine V\u00f6gel in den W\u00e4ldern rundfliegen und Hunger und Durst leiden, Hitze und K\u00e4lte aushalten und vor Sperbern und Falken, vor Schlangen und Ottern, vor J\u00e4gern und wilden Buben zittern. Das hatte ihre Mutter wohl nicht gedacht, als sie so sittig und fein mit ihr in dem K\u00e4mmerlein sa\u00dfen und stickten und webten und n\u00e4heren und Abends und Morgens bei dein Zubettgehen und Aufstehen mit heller Stimme geistliche Lieder sangen. Aber die armen Kinder sind zuerst verlockt dann verf\u00fchrt und so endlich in schwere S\u00fcnden gefallen, und haben kaum gewusst, wie sie dazu gekommen sind: so leise und sanft hat der Leichtsinn sie seinen Schlangenblumenweg gef\u00fchrt. dass diese kleinen V\u00f6gel einst Menschen gewesen, ist ganz nat\u00fcrlich, und man kann es auch daraus sehen, dass sie immer um die H\u00e4user der Menschen fliegen, auch oft durch die offenen Fenster in die Zimmer kommen und sich da fangen lassen, auch dass sie im Walde, so wie sich nur Menschen da sehen lassen, sogleich um sie herumflattern und herumzwitschern. Sie haben auch die alte Unart im Vogelkleide noch nicht abgelegt und k\u00f6nnen das Mausen nicht lassen sondern sind noch immer Erzdiebe, und wo nur etwas Buntes und Neues und Schimmerndes ausgeh\u00e4ngt wird, da fliegen und schnappen sie darnach, und werden daher keine V\u00f6gel leichter in Fallen und Schlingen gefangen als diese beiden, und m\u00fcssen Gretchens und Kathrinchen gefederte Urenkel es noch entgelten, dass sie einst zu viel auf Kirmisse und T\u00e4nze gegangen und den bunten Rock gestohlen haben, worum der Schneider hangen musste. Die Menschen jammert es sehr, wann sie Rotkehlchen und Kohlmeischen in den Schlingen hangen sehen, und sie rufen wohl: ach! die armen niedlichen V\u00f6gelein! Denn sie sind wirklich sehr niedlich und h\u00fcbsch, und waren einst auch niedliche und h\u00fcbsche Dirnen, ehe sie von b\u00f6sen Buben verf\u00fchrt wurden, und lebten als fromme einf\u00e4ltige Kinder und meinten und wussten nichts Arges.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Geschichte lernt man, dass es wohl wahr ist, was weise Leute sagen, dass mancher einen bunten Rock tr\u00e4gt, worin ihm nicht wohl ist, und dass manche bunte R\u00f6cke tragen, wozu sie nicht gut gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rotkehlchen und Kohlmeischen Ernst Moritz Arndt Rotkehlchen und Kohlmeischen waren einst ein paar h\u00fcbsche Dirnen, T\u00f6chter einer alten frommen &nbsp;Witwe, die sich vom Spinnen, N\u00e4hen und Waschen und von anderer Arbeit knapp aber doch ehrlich ern\u00e4hrte. Sie hatte nur diese beiden Kinder, von welchen die \u00e4lteste Gretchen und die j\u00fcngste Katrinchen hie\u00df. 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