{"id":5407,"date":"2026-02-03T02:28:21","date_gmt":"2026-02-03T01:28:21","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5407"},"modified":"2026-02-03T02:28:21","modified_gmt":"2026-02-03T01:28:21","slug":"das-maerchen-von-rosenblaettchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen-von-rosenblaettchen\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von Rosenbl\u00e4ttchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das M\u00e4rchen von Rosenbl\u00e4ttchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Clemens Brentano<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der Herzog von Rosmital hatte eine sehr sch\u00f6ne Schwester, die er \u00fcber alles liebte und der er alles zu Gefallen tat. Sie hatte eine au\u00dferordentliche Liebe zu Blumen, besonders zu Rosen, und ihr Bruder verwandelte deswegen beinahe sein ganzes Land in einen einzigen Rosengarten; au\u00dferdem hatte sie noch eine andere Leidenschaft, und das war, ihre sch\u00f6nen Haare immer zu flechten und zu k\u00e4mmen, und sie hatte zu diesem Zweck eine Menge Kammerfr\u00e4ulein, welche eigentlich Kammfr\u00e4ulein hie\u00dfen und goldene K\u00e4mme anh\u00e4ngen hatten. Ihre ganze Besch\u00e4ftigung war, sich k\u00e4mmen zu lassen und dann mit den Kammfr\u00e4ulein im Garten herumzuspringen, bis ihre Haare wieder in Unordnung waren und sie sich von neuem k\u00e4mmen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie einst morgens unter den H\u00e4nden ihrer sechs Kammfr\u00e4ulein im Garten sa\u00df, welche ihr sechs Z\u00f6pfe flochten, trat ihr Bruder, der Herzog von Rosmital, vor sie und f\u00fchrte ihr an der Hand den Prinzen Immer und ewig zu und redete sie also an: \u00bbLiebe Schwester! ich habe dir schon oft von meinem vertrautesten Freund, dem Prinzen Immer und ewig, erz\u00e4hlt, und du wei\u00dft, dass ich von jeher w\u00fcnschte, du m\u00f6chtest dich mit ihm verm\u00e4hlen, damit er immer und ewig bei mir bliebe! Hier stelle ich ihn dir vor und bitte dich, ihm dein Herz zu schenken. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Augenblick raufte eines der Kammfr\u00e4ulein die Prinzessin Rosalina, wor\u00fcber sie sehr ungeduldig wurde und gegen sie ausrief: \u00bbDu raufst mich immer und ewig! \u00ab Das Kammfr\u00e4ulein entschuldigte sich fein, indem es sagte: \u00bbJa, Prinzessin, der Prinz Immer und ewig raufte Euch, denn sein Auftreten hat mich zerstreut. \u00ab Der Prinz begann sich schon zu entschuldigen, als wieder eine andere sie raufte, so dass Rosalina ganz aus der Fassung kam und dem armen Immer und ewig sagte: \u00bbMein verehrter Prinz und mein geliebter Bruder! ich erkl\u00e4re, dass ich mich ebenso wenig als ein Rosenstock mit einem K\u00fcrbis mit dem Prinzen Immer und ewig verm\u00e4hlen werde! \u00ab Und nach diesen Worten lief sie weg und die zopfflechtenden Kammfr\u00e4ulein ihr nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Herzog konnte seinem Freunde keinen Trost geben: \u00bbDenn\u00ab, sagte er, \u00bbihre Worte sind unverbr\u00fcchlich. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSind sie das\u00ab, sagte Immer und ewig, \u00bbso will ich mein Heil versuchen\u00ab, umarmte dann den Herzog und reiste ab zu seiner Muhme, der Frau Nimmermehr, welche eine gro\u00dfe Zauberk\u00fcnstlerin war, und er holte sich Rats bei ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Wochen nachher spazierte einst Rosalina im Garten umher, da sah sie eine alte Frau, die einen Rosenstock nach dem andern betrachtete und bei jedem den Kopf sch\u00fcttelte. Rosalina ging zu ihr und fragte sie, warum sie immer den Kopf sch\u00fcttelte. \u00bbWeil bei allen den Rosen doch die sch\u00f6nste fehlt\u00ab, sagte die Alte, \u00bbn\u00e4mlich die immer und ewig bl\u00fchende Monatsrose. \u00ab \u2013 \u00bbWer hat sie? \u00ab fragte Rosalina, \u00bbich muss sie haben um jeden Preis. \u00ab \u2013 \u00bbNun, nun\u00ab, sagte die Alte, \u00bbum ein gutes Wort steht sie Euch zu Diensten\u00ab, und zog den Deckel von ihrem Handkorb und zeigte der Prinzessin einen K\u00fcrbis, in welchen sie das bl\u00fchende Rosenreischen gesteckt hatte, damit es frisch bleiben m\u00f6ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosalina war in der gr\u00f6\u00dften Freude \u00fcber das Rosenst\u00f6ckchen, und als sie die Alte fragte, was sie daf\u00fcr verlange, sagte diese: \u00bbZwei Dinge: erstens, dass du mein Gast seist bei meinem Mittagbrot, und zweitens, dass du alle Monate, so oft dir das Rosenst\u00f6ckchen eine Rose bringt, mit deinen Kammfr\u00e4ulein ein Fest begehst, wobei ihr alle \u00fcber das Rosenst\u00f6ckchen wegspringt, ohne dass ihr ein Rosenbl\u00e4ttchen mit euern Kleidern abstreift, damit keines an die Erde f\u00e4llt; und bei welcher eines an die Erde f\u00e4llt, die muss ein paar t\u00fcchtige Hiebe mit Rosenzweigen auf die H\u00e4nde bekommen, welche ihnen der Rosenstock schon geben wird, so sie zu ihm sprechen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">R\u00f6slein, R\u00f6slein,<br>Triff mich fein!<br>Triff mich mit der Rut!<br>Weil ich sprang nicht gut;<br>Triff mich mit der Rute recht!<br>R\u00f6slein! weil ich sprang so schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinzessin lachte hier\u00fcber und willigte in alles ein. Da nahm die Alte einen h\u00f6lzernen L\u00f6ffel aus der Tasche, trennte den K\u00fcrbis damit in zwei Teile und nahm einen L\u00f6ffel voll von seinen Kernen, den sie der Prinzessin zum Essen vorhielt. Diese machte anfangs einen schiefen Mund, als sie es aber einmal versucht hatte, schmeckte es ihr vortrefflich, und sie a\u00df ziemlich viel von den Kernen. Hierauf pflanzte die Alte den Rosenstock unter ihr Fenster, und weil er bereits ein volles R\u00f6schen trug, sagte sie: \u00bbPrinzessin Rosalina! rufet Eure Kammfr\u00e4ulein und beginnet das erste Fest vom Rosensprung. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da ging Rosalina und erz\u00e4hlte alles ihrem Bruder, dem Herzog; der bestellte Pauker und Trompeter und richtete das ganze Fest zu. Als Rosalina und ihre Kammfr\u00e4ulein erschienen waren, losten sie, wer zuerst springen sollte, und es traf sich, dass Rosalina die allerletzte war.<\/p>\n\n\n\n<p>Manches Fr\u00e4ulein sprang gl\u00fccklich hin\u00fcber, aber alle jene, welche die Prinzessin gerauft hatten, da der Prinz Immer und ewig um ihre Hand bat, streiften mit ihren langen Schleppen ein paar Bl\u00e4tter von der Rose ab und mussten ihre H\u00e4nde mit den Worten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">R\u00f6slein, R\u00f6slein,<br>Triff mich fein!<br>Triff mich mit der Rut!<br>Weil ich sprang nicht gut;<br>Triff mich mit der Rute recht!<br>R\u00f6slein! weil ich sprang so schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>dem Rosenstock darbieten, welcher ihnen zur Bewunderung aller Anwesenden mit seinen Zweigen ein paar so t\u00fcchtige Hiebe \u00fcber die Finger gab, dass ihnen das Wasser in die Augen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Als nun die Reihe zum Sprung an Rosalinen kam, nahm sie einen t\u00fcchtigen Anlauf und w\u00e4re auch gl\u00fccklich hin\u00fcbergekommen, wenn sich ihr im Sprunge nicht die Haarflechten aufgel\u00f6st h\u00e4tten, die ein Bl\u00e4ttchen von der Rose abschlugen, welches sie aber im Sprung, ehe es zur Erde fiel, erhaschte und verschluckte, so dass ihr von der ganzen Gesellschaft Beifall zugeklatscht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierauf ward noch lustig geschmaust und getanzt, und als gegen das Ende der Tafel allerlei Gesundheiten getrunken wurden, hob die alte Frau ihr Glas in die H\u00f6he und sprach zu Rosalinen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Weil K\u00fcrbiskern und Rosenblatt<br>Dein roter Mund gegessen hat,<br>Weil Ros und K\u00fcrbis sich verband,<br>Verlierst du deine stolze Hand<br>An meinen Freund, den Immer und ewig;<br>Leb wohl! im Abendschimmer entschweb ich.<\/p>\n\n\n\n<p>So sprach sie, und vor den Augen aller verschwand sie pl\u00f6tzlich. Rosalina aber, auf welche alle Augen gerichtet, tat einen lauten Schrei und fiel in Ohnmacht. Man brachte sie nach ihrer Stube, und sie bedachte mit vieler Angst, dass sie dem Prinzen gesagt, sie wolle ihn nehmen, wenn Rose und K\u00fcrbis sich verm\u00e4hlten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht hatte sie sehr wunderbare Tr\u00e4ume: es war ihr immer, als w\u00fcchsen ihr Rosen aus dem Munde, und sie hatte Magen weh. Diese Tr\u00e4ume hatte sie oft, und immer \u00e4ngstlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der kleine Monatsrosenstock wieder eine Rose brachte und sie wieder hin\u00fcbersprang, war sie ganz melancholisch und krank; Essen und Trinken schmeckten ihr nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem dritten Rosenfest hatte sie getr\u00e4umt, sie w\u00fcrde ein K\u00fcrbis, und ihr Bruder musste ihr das mit vieler M\u00fche ausreden. Aber gegen das vierte Rosenfest setzte sie sich den Gedanken noch viel fester in den Kopf, dass sie ein K\u00fcrbis sei, und wollte deswegen auf keine Weise mehr \u00fcber den Rosenstock springen. Bei dem f\u00fcnften Rosenfest war sie nicht mehr aus der Stube zu bringen und weinte den ganzen Tag dar\u00fcber, dass sie ein K\u00fcrbis geworden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Herzog war sehr betr\u00fcbt \u00fcber ihre Einbildung und versammelte alle \u00c4rzte um sie: aber es war ihr nicht mehr auszureden. Das sechste Rosenfest kam, da war der Rosenstock schon so gro\u00df geworden, dass an kein Springen mehr zu denken war, und besonders, weil sie den ganzen Tag trauerte, dass sie ein K\u00fcrbis sei. Am siebenten Rosenfest guckte der Rosenstock ihr ins Fenster; am achten wuchsen seine Zweige schon um ihr Bett, und am neunten breitete er eine ganze Rosenlaube \u00fcber sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Da tr\u00e4umte sie so lebendig, sie sei ein K\u00fcrbis und m\u00fcsse sterben, dass sie ihren Bruder zu sich rufen lie\u00df, der mit Licht hereintrat. Aber wie gro\u00df war ihr Erstaunen, als sie morgens neben ihrem Lager einen halben gro\u00dfen goldenen K\u00fcrbis stehen sah, in welchem, wie in einer Wiege, ein sch\u00f6nes kleines M\u00e4gdlein schlummerte. Da war die Prinzessin sehr ger\u00fchrt und sagte: \u00bbAch! wenn der gute Prinz Immer und ewig da w\u00e4re, ich wollte gern seine Gemahlin werden! \u00ab Da rauschten die Rosen um sie, und sie h\u00f6rte eine Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Als Rose starb ich, als Rose leb ich,<br>Rose bin ich nun Immer und ewig.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ward die Prinzessin sehr betr\u00fcbt, denn sie h\u00f6rte wohl, dass der gute Prinz ihr zulieb ein Rosenstock geworden war, und sie gab dem M\u00e4gdlein den Namen Rosenbl\u00e4ttchen und trug es mit seinem Bettchen in ihre geheimste Kammer, wo sie es erziehen wollte; denn sie hatte es so lieb, dass sie keinem Menschen es zu sehen g\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosalina, welche bald wieder ganz lustig geworden war, sa\u00df am folgenden Tage im Bett und lie\u00df sich von ihren Kammerfr\u00e4ulein ihre Haare, die sie sonst in einen Kranz geflochten getragen hatte, auf eine andere Weise flechten; denn sie wollte nun eine goldene Haube aufsetzen. Sie hatte kaum begonnen, als es an ihrer T\u00fcre pochte und man ihr sagte, die Alte, welche den K\u00fcrbis und den Rosenstock gebracht, sei draus und wolle das Rosenbl\u00e4ttchen sehen. Sie lie\u00df ihr aber sagen, sie solle warten, bis sie gek\u00e4mmt sei. Nach einer Viertelstunde pochte die Alte wieder und erhielt dieselbe Antwort, und das noch f\u00fcnfmal. Da ward die Alte bei dem siebenten Mal sehr zornig und rief ihr durch das Schl\u00fcsselloch hinein:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Sieben Viertelstund hab ich geharrt,<br>Sieben Viertelstund ward ich genarrt;<br>So k\u00e4mme denn noch sieben Jahr,<br>Dann bringt dein Kamm dich in Gefahr,<br>Du k\u00e4mmst dich dann in gro\u00dfe Not<br>Und k\u00e4mmst das Rosenbl\u00e4ttchen tot.<\/p>\n\n\n\n<p>So sagte die Alte im Zorn und verschwand. Rosalina achtete wenig hierauf und dachte an nichts als an ihr Rosenbl\u00e4ttchen, welches t\u00e4glich gr\u00f6\u00dfer und freundlicher ward und wie seine Mutter besonders sch\u00f6ne lange Haare hatte; und diese zu k\u00e4mmen, war Rosalinens h\u00f6chste Kunst, wenn sie sich allein mit dem Rosenbl\u00e4ttchen eingesperrt hatte.un war das Kind beinahe schon sieben Jahre alt geworden, und die Zeit nahte sich, wo der Ungl\u00fcckswunsch des alten Zauberweibes:<br>Du k\u00e4mmst dich dann in gro\u00dfe Not.<\/p>\n\n\n\n<p>Und k\u00e4mmst das Rosenbl\u00e4ttchen tot, wahr werden sollte; aber Rosalina dachte nicht daran und k\u00e4mmte das Rosenbl\u00e4ttchen nach wie vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie nun einstens das M\u00e4gdlein zwischen ihren Knieen hatte und ihm den spitzigen goldnen Kamm durch die langen goldnen Locken zog, f\u00fchlte sie auf einmal einen gro\u00dfen Neid in sich erwachen, weil das Kind viel sch\u00f6nere Haare hatte als sie, und sagte ungeduldig:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Ach! h\u00e4ttest du einen kahlen Kopf,<br>Und ich h\u00e4tte all deine Haare im Zopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum aber hatte sie dieses gesagt, als sie vom Himmel gestraft wurde; denn eine unsichtbare Schere kam \u00fcber sie her und ritsch ritsch schnitt sie ihr alle Haare vom Kopf herab, wor\u00fcber sie so zusammenfuhr, dass sie mit der Hand zuckte und dem armen Rosenbl\u00e4ttchen den spitzen Kamm so tief in das H\u00e4uptlein stie\u00df, dass es mit einem Schrei tot zu ihren F\u00fc\u00dfen sank. \u2013 Da fiel der ungl\u00fccklichen Rosalina der Zauberfluch der alten Frau ein; aber es war zu sp\u00e4t. Ihr geliebtes Rosenbl\u00e4ttchen lag tot an der Erde, und ihre sch\u00f6nen langen Haare, die sie so lange und mit so vieler Eitelkeit hatte k\u00e4mmen lassen, lagen abgeschnitten umher, und sie rang ihre H\u00e4nde verzweiflungsvoll \u00fcber ihrem kahlen Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sie lange geweint hatte, stopfte sie ein Bettchen mit ihren langen Haaren und ein Kopfkissen mit Rosenbl\u00e4ttern, und legte das tote Rosenbl\u00e4ttchen darauf mit gefalteten H\u00e4nden in einen Kasten von Kristallglas, und lie\u00df noch sechs andere Kasten von Kristall dar\u00fcber machen und verschloss sie in der Kammer, wovon niemand etwas wusste als eine vertraute Dienerin.<\/p>\n\n\n\n<p>So lebte sie noch einige Jahre in best\u00e4ndiger Trauer. Der Rosenstock verdorrte auch in der Stube, und als sie f\u00fchlte, dass die Stunde ihres Todes herannahte, lie\u00df sie ihren Bruder, den Herzog von Rosmital, zu sich kommen und sagte: \u00bbGeliebter Bruder! das Ziel meines Lebens ist gekommen; ich wollte, ich w\u00e4re nicht so eigensinnig und eitel gewesen; aber jetzt ist es zu sp\u00e4t; ich bitte Gott, er m\u00f6ge sich meiner erbarmen. Alles, was ich besessen habe, geh\u00f6rt nun dein; aber eines schw\u00f6re mir zu, damit ich ruhig sterben kann. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Herzog schwur ihr unter Tr\u00e4nen, alles zu tun, was sie verlange; denn er liebte sie \u00fcber alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gab sie ihm einen Schl\u00fcssel und sagte: \u00bbDieses ist der Schl\u00fcssel zu der letzten Kammer meiner Wohnung; bewahre ihn getreu und \u00f6ffne diese Kammer niemals. \u00ab Der Bruder beteuerte nochmals, sein Versprechen zu halten, und da sagte Rosalina: \u00bbLebe wohl und bete f\u00fcr mich\u00ab; dann wendete sie sich um und war tot; worauf sie der Herzog mit gro\u00dfem Gepr\u00e4nge bei dem Monatsrosenstock begraben lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Monate nachher verm\u00e4hlte sich der Herzog mit einer sch\u00f6nen, aber nicht gutm\u00fctigen Dame, und als er einstens eine kleine Reise machen musste, bat er seine Gemahlin, das Haus wohl in Ordnung zu halten und um alles in der Welt die letzte Kammer, deren Schl\u00fcssel er in seinem Schreibtische verwahrt habe, nicht zu \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie versprach alles; aber kaum hatte er den R\u00fccken gewendet, als sie, von der Neugierde getrieben, den Schl\u00fcssel nahm und sich die verbotene Kammer \u00f6ffnete. Wie gro\u00df war aber ihr Zorn, da sie durch die gl\u00e4sernen Kasten Rosenbl\u00e4ttchen auf der Matratze liegen sah, die, seit sie hier von ihrer Mutter als tot war eingeschlossen worden, mitsamt den gl\u00e4sernen Kasten gewachsen war und wie ein sch\u00f6nes schlummerndes Fr\u00e4ulein von vierzehn Jahren aussah; denn das alte Zauberweib hatte sie die langen Jahre hindurch im Schlafe lebend erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die b\u00f6se Herzogin riss die Kasten zornig auf und sprach: \u00bbHa! ha! drum soll ich nicht in die Kammer, damit die Jungfer ruhig schlafen kann; aber wart! ich will das Murmeltierchen wecken! \u00ab Und nun riss sie Rosenbl\u00e4ttchen bei den Haaren auf, so dass der Kamm, welcher noch von damals ihr im Kopf stak, herabfiel und das arme M\u00e4gdlein aus ihrem Zauberschlaf erwachte mit dem Geschrei: \u00bbAch Mutter! liebe Mutter! wie hast du mir weh getan! \u00ab<br>\u00bbIch will dich muttern und vatern\u00ab, sagte die Herzogin, \u00bbdass du dein Lebtag dran denken sollst!\u00ab und riss das zitternde und weinende Rosenbl\u00e4ttchen aus dem Kristallkasten und schlug und misshandelte sie auf alle Weise mit der Drohung, wenn sie ein Wort gegen irgend einen Menschen redete, was ihr hier geschehen sei, solle sie ins Wasser geworfen werden. Dann schnitt sie ihr die sch\u00f6nen langen Haare ab, machte ihr ein kurzes Kleid von Sackleinwand, lie\u00df sie Holz und Wasser tragen, \u00d6fen heizen und Stuben scheuern und gab ihr t\u00e4glich so viele Nasenst\u00fcber, Kopfn\u00fcsse, Ohrfeigen und Maulschellen, dass das arme Rosenbl\u00e4ttchen so braun und blau im Gesicht aussah, als ob sie Heidelbeeren gegessen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Herzog von Rosmital zur\u00fcckkam und die Herzogin fragte, wer das arme M\u00e4dchen sei, das er t\u00e4glich so gewaltig von ihr misshandelt sehe, sagte sie: \u00bbEs ist eine Sklavin, welche mir meine Muhme zugesendet; aber sie ist so boshaft und so dumm und faul, dass ich sie unaufh\u00f6rlich strafen muss.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit reiste der Herzog auf einen gro\u00dfen Jahrmarkt und lie\u00df nach seiner Gewohnheit alles, was im Schlosse lebte, bis auf die Katzen und Hunde vor sich rufen, um jeden zu fragen, was er ihm vom Jahrmarkte zum Geschenke mitbringen sollte, da denn der eine dieses, der andere jenes begehrte; als endlich auch das arme Rosenbl\u00e4ttchen in seinem groben Sklavenkittel hervortrat und der Herzog sie eben anreden wollte, unterbrach ihn seine b\u00f6se Gemahlin mit den Worten: \u00bbMuss der Schmutzkittel auch \u00fcberall dabei sein? Sollen wir alle mit der faulen groben Sklavin \u00fcber einen Kamm geschoren werden? Fort mit dem widerw\u00e4rtigen T\u00f6lpel! Ich wei\u00df nicht, wie du ein so niedriges Wesen solcher Auszeichnung w\u00fcrdigen magst! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da liefen dem armen Rosenbl\u00e4ttchen vor Kummer die Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen herab, und der Herzog, der sehr g\u00fctig und mitleidig war, sagte ger\u00fchrt zu ihr: \u00bbWeine nicht, du armes Kind! sondern sage mir von Herzen, was ich dir mitbringen soll, denn niemand soll mich hindern, dir eine Freude zu machen. \u00ab Da sagte Rosenbl\u00e4ttchen: \u00bbHerzog! bringe mir eine Puppe mit und ein Messerchen und einen Schleifstein, und so du dieses vergisst, so w\u00fcnsche ich, dass du nicht \u00fcber den ersten Fluss, der dir in den Weg kommt, her\u00fcbergelangen k\u00f6nnest. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Herzog reiste nun nach dem Jahrmarkt und kaufte alles ein, nur die Puppe, das Messerchen und den Schleifstein f\u00fcr Rosenbl\u00e4ttchen verga\u00df er.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er nun auf der R\u00fcckreise an einen Fluss kam, entstand ein solcher Sturm in den Wellen, dass kein Schiffer es wagte, ihn \u00fcberzufahren; da fiel ihm die Verw\u00fcnschung Rosenbl\u00e4ttchens ein. Er kehrte daher gleich zur\u00fcck und kaufte alles, was sie bestellt hatte, und gelangte dann gl\u00fccklich nach seinem Schloss, wo er alle Geschenke richtig austeilte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Rosenbl\u00e4ttchen ihre Geschenke erhalten hatte, trug sie alles in die K\u00fcche, stellte die Puppe auf den Herd, setzte sich vor sie hin und weinte bitterlich, und begann ihr, gerade als ob sie eine lebendige Person w\u00e4re, alle ihre Leiden und Qualen, die sie von der Herzogin erdulden musste, nach der Reihe vorzuerz\u00e4hlen, und sagte immer dazwischen: \u00bbNicht wahr? Verstehst du? H\u00f6rst du? Geld, das ist betr\u00fcbt! Nun, was sagst du dazu? \u00ab Als aber die Puppe nicht antworten wollte, nahm Rosenbl\u00e4ttchen ihr Messerchen und wetzte es auf ihrem Schleifstein und sagte: \u00bbPuppe! wenn du mir nicht antworten willst, so steche ich mir das Messerchen ins Herz, denn ich habe keinen Freund auf Erden als dich. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da schwoll die Puppe nach und nach an wie ein Dudelsack, wenn man ihn aufbl\u00e4st, und schnurrte endlich: \u00bbVersteh dich schon, versteh dich schon; versteh, versteh, versteh dich schon viel besser als ein Tauber. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da nun diese Musik der Puppe und das Klagen Rosenbl\u00e4ttchens vor ihr mehrere Tage hintereinander von dem Herzog geh\u00f6rt wurden, der eine Stube dicht neben der K\u00fcche hatte, machte er sich ein Loch in die T\u00fcre, wo er sehen und h\u00f6ren konnte, wie Rosenbl\u00e4ttchen weinend vor der Puppe sa\u00df und ihr erz\u00e4hlte: vom Prinzen Immer und ewig, von den K\u00fcrbiskernen, vom Rosensprung, vom Rosenblatt, von dem Goldk\u00fcrbis, worin sie gelegen, vom K\u00e4mmen der Mutter, von der Verw\u00fcnschung des Zauberweibs, vom Einsto\u00dfen des Kamms in den Kopf, von ihrem Zauberschlaf, vom Liegen in den sieben Glaskasten, vom Schl\u00fcsselgeben an den Herzog und dem Verbot, die Kammer nicht zu \u00f6ffnen, vom Tod der Prinzessin Rosalina, von der Reise des Herzogs, von der Neugierde der Herzogin, von der \u00d6ffnung der Kammer, dem Herausrei\u00dfen des Kamms, dem Haarabschneiden und der argen Misshandlung, die sie st\u00fcndlich ertragen m\u00fcsse; dann sagte sie wieder: \u00bbAntworte, oder ich bringe mich um!\u00ab und setzte das Messer an ihr Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Herzog sprang zur T\u00fcre herein und riss es ihr aus der Hand, umarmte sie z\u00e4rtlich als seine Schwestertochter und brachte sie aus dem Schlosse zu der Gemahlin seines Ministers, wo sie herrlich gekleidet und gepflegt ward.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie sich nach einigen Monaten wieder recht erholt hatte von den Qualen und schweren Arbeiten, welche ihr die b\u00f6se Herzogin auferlegt hatte, lie\u00df er eine pr\u00e4chtige Mahlzeit in seinem Schlosse anstellen, bei welcher er Rosenbl\u00e4ttchen, die niemand mehr in ihrem Glanze erkannte, als seine Nichte mit erscheinen lie\u00df. Nach Tisch wurde ein Zuckerhaus aufgetragen, und jedermann h\u00e4tte gern gewusst, wer drin sa\u00df. Da sagte der Herzog zur Herzogin: \u00bbWollt Ihr wohl das Zuckerhaus \u00f6ffnen?\u00ab und sie tat es; da lag die kleine Puppe drin in sieben Glask\u00e4stchen, wie Rosenbl\u00e4ttchen gelegen hatte, und die Herzogin erschrak sehr und schlug vor Zorn die Glask\u00e4stchen entzwei und riss die Puppe heraus; aber die lief ihr weg und setzte sich auf Rosenbl\u00e4ttchens Schulter und blies sich dick, dick auf wie ein Dudelsack, und erz\u00e4hlte der Herzogin alle ihre Grausamkeiten ins Gesicht und ward immer gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer und stand endlich wieder als das alte Zauberweib auf dem Tisch, welches oft in dieser Geschichte vorkommt, und flog zum Fenster hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Da lie\u00df der Herzog seine b\u00f6se Frau in eine Kutsche setzen und sie wieder zu ihren Eltern hinfahren, wo er sie einst hergeholt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rosenbl\u00e4ttchen aber ward die Gemahlin eines vornehmen Prinzen und erhielt das ganze Herzogtum Rosmital zum Brautschatz, und da bl\u00fchte der Rosenstock Immer und ewig wieder auf. Und als Rosenbl\u00e4ttchen einstens nachts den s\u00fc\u00dfen Duft roch, trat sie mit ihrem Gemahl an das Fenster und sah ihre Mutter und die Kammfr\u00e4ulein \u00fcber den Rosenstock springen, und der Prinz Immer und ewig war auch dabei. \u00bbAch! \u00ab rief sie aus, \u00bbliebste Eltern! Gott segne euch! \u00ab Da riefen die von unten wieder herauf: \u00bbAch! liebste Kinder! Gott segne euch! \u00ab und verschwanden in der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wurde Rosenbl\u00e4ttchen sehr still und fromm und lie\u00df sich eine Wiege machen wie einen goldenen K\u00fcrbis, und da bescherte ihr der Himmel einen kleinen Prinzen hinein, und der hat mir alles dieses f\u00fcr einen einzigen Pfefferkuchen erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen von Rosenbl\u00e4ttchen Clemens Brentano Der Herzog von Rosmital hatte eine sehr sch\u00f6ne Schwester, die er \u00fcber alles liebte und der er alles zu Gefallen tat. Sie hatte eine au\u00dferordentliche Liebe zu Blumen, besonders zu Rosen, und ihr Bruder verwandelte deswegen beinahe sein ganzes Land in einen einzigen Rosengarten; au\u00dferdem hatte sie noch eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[131,85],"tags":[],"class_list":["post-5407","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-clemens-von-brentano","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5407","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5407"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5407\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5408,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5407\/revisions\/5408"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5407"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5407"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}