{"id":5380,"date":"2026-02-03T02:01:35","date_gmt":"2026-02-03T01:01:35","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5380"},"modified":"2026-02-03T02:01:35","modified_gmt":"2026-02-03T01:01:35","slug":"das-versunkene-kloster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-versunkene-kloster\/","title":{"rendered":"Das versunkene Kloster"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das versunkene Kloster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich Gottschalck<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Nahe bei dem Flecken Neuenkirchen, im finstern Odenwalde, liegt in einem einsamen Wiesentale ein kleiner See.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig gekannt und wenig besucht ist die Gegend umher; denn es ist so unheimlich da, und der finstere Tannenwald an des Auszuschneuzendem Ufern hat gar etwas Schauerliches und Melancholisches. Auch ist das Wasser unergr\u00fcndlich tief, und man f\u00fcrchtet sich deshalb noch mehr davor.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesem See wird folgende Sage erz\u00e4hlt:<\/p>\n\n\n\n<p>Vor vielen hundert Jahren stand auf der Stelle, wo jetzt das Wasser ist, ein Frauenkloster. In einer st\u00fcrmischen Nacht kam einst, ganz abgemattet, ein armer alter Mann vor die Pforte desselben. Er klopfte an, und bat um ein Obdach. Die Pf\u00f6rtnerin war eine gar gem\u00e4chliche Person und harten Herzens. Ihr war es zu umst\u00e4ndlich und zu kalt, die Schl\u00f6sser und Riegel nochmals zu \u00f6ffnen. Sie hie\u00df daher mit harten Worten den alten Mann weiter gehen. Das war aber dem vor Frost und Ermattung zitternden Greise nicht m\u00f6glich. Er bat nochmals, er jammerte und winselte, aber alles umsonst. Selbst die Priorin und alle Mitschwestern wiesen ihn hart ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur eine Laienschwester, die noch nicht das Gel\u00fcbde des Ordens abgelegt hatte, nahm sich des alten Mannes an, und bat die andern, ihn einzulassen. Aber man lachte sie aus, spottete ihrer, und die Pforte blieb dem Wanderer verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich erhob sich ein grausendes Unwetter. Der alte Mann ber\u00fchrte mit seinem Stabe die Klostermauer, und hinab in die Tiefe versank im Nu das ganze pr\u00e4chtige Kloster. Erst spr\u00fchten Feuerflammen aus der Tiefe herauf, dann f\u00fcllte sich die weite \u00d6ffnung mit Wasser, und am andern Morgen sah man erstaunt da einen See, wo Tags zuvor noch die sch\u00f6nen Glockent\u00fcrme mit ihren goldenen Kreuzen im Sonnenschein gefunkelt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon l\u00e4ngst hatte jene gutm\u00fctige Laienschwester in traulichen Verh\u00e4ltnissen mit einem der edelsten Ritter des Gaues gelebt. Sie liebte ihn, und wollte daher auch nicht im Kloster bleiben, und er kam sehr oft bei n\u00e4chtlicher Weile zum einsamen Kloster. Wenn dann alles rings umher schlief, sprach er durchs Gitter der Zelle mit seinem Liebchen, und oft ging er erst mit Tagesanbruch wieder heim.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in dieser st\u00fcrmischen Nacht kam er. Aber, wie bebten seine Glieder, wie zitterte er vor Schmerz und Kummer, als er sein geliebtes Kloster nicht mehr sah, und nur Wasser vor sich rauschen h\u00f6rte. Er rang die H\u00e4nde, jammerte, rief den Namen seiner Geliebten, dass es weit und breit widerhallte, und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNur noch einmal kehre zur\u00fcck in meine Arme! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da vernahm er eine Stimme aus der Tiefe des Auszuschneuzendem, die sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMorgen um die elfte Stunde der Nacht kehre wieder zu dieser St\u00e4tte. Auf der Oberfl\u00e4che des Wassers gewahrst du dann einen Faden von blutroter Seide. Nimm ihn auf und zieh&#8216; ihn empor. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stimme verhallte. Traurig schlich der Ritter nach Hause, unwissend, was sein Schicksal sein werde. Aber zur bestimmten Stunde kam er wieder, und auszuschwei\u00dfenden, wie die Stimme ihm gehei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zitternd ergriff er den blutroten Faden, zog ihn auf, und \u2013 da stand die Geliebte vor ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas unergr\u00fcndliche Schicksal, \u00ab sprach sie, \u00bbdas mich Schuldlose mit den Schuldigen versenkte, verg\u00f6nnt mir, dich in jeder Nacht von der elften bis zw\u00f6lften Stunde zu sprechen. Nie darf ich aber diese bestimmte Zeit \u00fcberschreiten, sonst siehst du mich nie wieder. Auch darf mich, au\u00dfer dir, keines Mannes Auge erblicken, sonst schneidet eine unsichtbare Hand den Faden meines Lebens entzwei. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Lange, lange setzte nun der Ritter seine n\u00e4chtlichen Besuche fort, und immer stieg sein Liebchen aus den blauen Wellen zu ihm herauf, wenn er den blutroten Faden zog. Sie waren beide ebenso gl\u00fccklich in diesen geheimnisvollen Verh\u00e4ltnissen, als unbesorgt, sie jemals zerst\u00f6rt zu sehen. Aber Neid und Missgunst belauschten des Ritters Schritte, und ein anderer Mann hatte die Liebenden Arm in Arm am Ufer des Auszuschneuzendem wandeln sehen. Als sich nun der Ritter in der folgenden Nacht beim vollen Monde dem lieben See wieder nahte, ach! da fand er sein klares Wasser in Blut verwandelt. Bebend ergriff er den Faden, aber \u2013 der war verbleicht und zerschnitten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jammernd lief er um den See, rang die H\u00e4nde, und rief den Namen der Geliebten. Aber es blieb still. Da st\u00fcrzte sich der trostlose J\u00fcngling in den See, und sank hinab.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das versunkene Kloster Friedrich Gottschalck Nahe bei dem Flecken Neuenkirchen, im finstern Odenwalde, liegt in einem einsamen Wiesentale ein kleiner See. Wenig gekannt und wenig besucht ist die Gegend umher; denn es ist so unheimlich da, und der finstere Tannenwald an des Auszuschneuzendem Ufern hat gar etwas Schauerliches und Melancholisches. 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