{"id":5374,"date":"2026-01-30T02:40:11","date_gmt":"2026-01-30T01:40:11","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5374"},"modified":"2026-01-30T02:40:11","modified_gmt":"2026-01-30T01:40:11","slug":"die-verwuenschte-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-verwuenschte-stadt\/","title":{"rendered":"Die verw\u00fcnschte Stadt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die verw\u00fcnschte Stadt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Auf hohem Alpengebirge lag eine gro\u00dfe bl\u00fchende Stadt, umgeben von hochragenden Bergzackenh\u00f6rnern, die ewiger Schnee bedeckte, die Stadt aber lag auf einer weithingebreiteten sonnigen Matte, auf welcher zahlloses Vieh weidete, denn das Volk, das jene Alpenstadt bewohnte, war ein Hirtenvolk, das fast ganz abgesondert lebte von den Bewohnern der tieferen Gegenden. Selten zog ein Wanderer oder ein Saumro\u00df die Gebirgspfade, die \u00fcber jene Hochalpen hinweg nach Welschland f\u00fchrten, selten sahen die Bewohner jener Gebirgsstadt einen Fremdling.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages aber sahen sie einen fremden Wanderer durch ihren Ort schreiten, eine hohe ernste Gestalt; sein Gesicht war br\u00e4unlich von Farbe, aber bleich, mit langem Barte, sein Haar schwarz mit grau gemischt, sein Gewand ein langer brauner Talar, mit einem St\u00fcck umg\u00fcrtet, seine Fu\u00dfbekleidung starke Schuhe, mit Riemen um die Kn\u00f6chel befestigt. M\u00fcde schien der Mann und der Ruhe sehr bed\u00fcrftig, aber er trug einen Fluch, dass er sich nicht setzen und weilen durfte, bevor ihn jemand sitzen und verweilen hie\u00df. Die Bewohner der Hochgebirgsstadt sahen den fremden Mann mit einer eigenen Scheu an, und er fl\u00f6\u00dfte ihnen ein seltsames Grauen ein. Und der Mann ging von Haus zu Haus und stand vor jeder T\u00fcre und harrte, dass jemand zu ihm sage: \u00bbSitze nieder und raste\u00ab -aber niemand sprach solche Worte, wohl aber sammelte sich des Volkes mehr und mehr und gaffte ihn neugierdevoll an. Und der m\u00fcde Mann stand und seufzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da trat der Stadt\u00e4lteste heran, der zugleich ein Priester war, der sprach zu ihm: \u00bbH\u00f6re, du fremder Mann, wer du bist, das wissen wir und sehen es dir an. Du bist kein anderer als der ewige Jude. Du bist verdammt, zu wandern ewiglich, weil du den Heiland der Welt auf seinem Gange zum bittern Kreuzestode die kurze Ruhe auf der Steinbank vor deinem Hause zu Jerusalem versagt hast &#8211; darum so hebe dich von hinnen aus unserer Stadt, denn du kannst allda nicht weilen und darfst nicht weilen, und wir k\u00f6nnen und d\u00fcrfen dich nicht hegen und beherbergen, zu unserem eigenen Leid. Gehe mit Gott!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da \u00f6ffnete der ewige Jude seine bleichen Lippen und sprach: \u00bbIch werde gehen jetzt und ihr bleibt, ihr aber werdet vergehen, und ich werde bleiben. Wann ich werde wiederkommen an diesen Ort, so werde ich hier finden zwar eine St\u00e4tte, aber keine Stadt &#8211; und wann ich werde kommen zum drittenmale, so werde ich auch nicht mehr finden die St\u00e4tte, da eure Stadt gestanden hat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Alle, die das Wort h\u00f6rten, erschraken und traten scheu zur Seite, als der finstere Mann seinen Stab sch\u00fcttelte und durch ihre gedr\u00e4ngten Reihen schritt und m\u00fcden Ganges aus dem Orte wanderte, hoch hinauf in das unwirtbare Gebirge. Keiner von allen sah in wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit diesem Tage wurde kein neues Haus mehr errichtet in jener Stadt &#8211; keine Herde mehrte sich &#8211; kein Kindlein wurde geboren &#8211; manches Haus starb bald aus &#8211; nach einer Reihe von Jahren standen viele H\u00e4user ganz leer und verfielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Bergen st\u00fcrzten Lawinen herab und zerschmetterten die H\u00e4user. Bergst\u00fcrze ereigneten sich, und m\u00e4chtige Felsbl\u00f6cke lagen jetzt da, wo fr\u00fcher in den Stra\u00dfen der Stadt ein reges fr\u00f6hliches Leben war. Die gro\u00dfe Stadt war noch f\u00fcnfzig Jahr ein Alpdendorf mit weit und zerstreut voneinander liegenden H\u00e4usern, mit d\u00fcrftiger Nahrung, magern Herden, siechen Bewohnern. Sie kamen nicht mehr herab zu den tiefer gelegenen Ortschaften, und niemand stieg aus letzteren zu ihnen hinauf &#8211; und so wurde endlich alles droben w\u00fcst und leer &#8211; und \u00fcber die letzten Toten w\u00f6lbte sich kein Grabesh\u00fcgel, sondern die brechenden H\u00e4user begruben sie unter Tr\u00fcmmern, dann begruben Steinrutschen, welche im Alpenlande Muren hei\u00dfen, wiederum jene Tr\u00fcmmer, oder Schlammb\u00e4che von den Berggipfeln quollen nieder und deckten alles zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach hundert Jahren kam der Wanderer wieder; an der Lage der Bergr\u00fccken umher erkannte er die St\u00e4tte, hohe B\u00e4ume waren gewachsen aus den Tr\u00fcmmern, hie und da stand noch ein Mauerrest, man konnte aber nicht mehr recht unterscheiden, ob es Felsen waren oder Werke von Menschenhand. M\u00e4chtige Str\u00e4ucher mit bunten Alpenblumen waren da emporgeschossen, wo vordessen Stra\u00dfe war, und Gras stand da, wo sonst der Menschen friedliche Wohnst\u00e4tte gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der ewige Jude seufzte und sprach: \u00bbWas hat gesungen einst David, der K\u00f6nig \u00fcber Israel? Er hat gesungen: &#8218;Wenn Du nach des Gottlosen St\u00e4tte sehen wirst, wird er weg sein.&#8217;\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und hob den Fu\u00df und wandelte wieder rast- und ruhelos \u00fcber das Hochgebirge.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die St\u00e4tte jener Stadt blieb nicht dieselbe, wie sie gewesen, sie wurde immer \u00f6der, kahler, schauriger, doch ganz allm\u00e4hlich und so langsam, Jahr um Jahr. Die Alpenstr\u00e4ucher gingen aus, das Gras verdorrte, es fiel in dieser hohen Bergregion kein Regen mehr hinweg, auch wenn die Sommersonne am h\u00f6chsten stand. Die Quellen, die von den h\u00f6heren Spitzen des Gebirgs fr\u00fcher als reizende Wasserf\u00e4lle niederrauschten, gefroren und bildeten \u00fcber sich Decken von gr\u00fcnlichem Eis; sie wurden zu Gletschern, und diese Gletscher wurden gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer und schoben sich \u00fcber die einst so herrlich gr\u00fcnen sonnigen Matten mehr und mehr und bedeckten sie ganz.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der ruhelose Wanderer, nachdem abermals hundert Jahre vergangen waren, wieder hinauf kam auf das Gebirge, da fand und erkannte er die St\u00e4tte nicht mehr, auf welcher einst die bl\u00fchende Stadt gestanden hatte, und tat seinen Mund auf und sprach: \u00bbErf\u00fcllt ist nun das Wort des Herrn, das er tat durch den Mund des Propheten, seines Knechts: &#8218;Ich will meine Hand \u00fcber sie ausstrecken und das Land w\u00fcst und \u00f6de machen.&#8217;\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die verw\u00fcnschte Stadt Ludwig Bechstein Auf hohem Alpengebirge lag eine gro\u00dfe bl\u00fchende Stadt, umgeben von hochragenden Bergzackenh\u00f6rnern, die ewiger Schnee bedeckte, die Stadt aber lag auf einer weithingebreiteten sonnigen Matte, auf welcher zahlloses Vieh weidete, denn das Volk, das jene Alpenstadt bewohnte, war ein Hirtenvolk, das fast ganz abgesondert lebte von den Bewohnern der tieferen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[90,85],"tags":[],"class_list":["post-5374","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ludwig-bechstein","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5374","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5374"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5374\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5375,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5374\/revisions\/5375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5374"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5374"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}