{"id":5339,"date":"2026-01-30T02:05:33","date_gmt":"2026-01-30T01:05:33","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5339"},"modified":"2026-01-30T02:05:33","modified_gmt":"2026-01-30T01:05:33","slug":"das-voeglein-das-die-wahrheit-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-voeglein-das-die-wahrheit-erzaehlt\/","title":{"rendered":"Das V\u00f6glein, das die Wahrheit erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das V\u00f6glein, das die Wahrheit erz\u00e4hlt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen aus der Schweiz<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Erwacht an einem sch\u00f6nen Morgen ein reicher M\u00fcller ob dem Stillstehen des gro\u00dfen M\u00fchlrades. Der brave Mann eilt hinab in den M\u00fchlraum, um nach der Ursache der St\u00f6rung zu sehen. Da findet er auf dem gro\u00dfen Rade eine sch\u00f6n gezimmerte Kiste und in derselben drei wunderh\u00fcbsche Kindlein, zwei Knaben und ein M\u00e4dchen. Dieselben trugen goldenes Haar und ein goldenes Sternlein auf der heiteren Stirne. Der M\u00fcller rief seine Frau herbei, die bei dem seltenen Anblicke die H\u00e4nde vor Verwunderung \u00fcber den Kopf zusammenschlug, und da die beiden Leutchen ohne Kinder waren, beschlossen sie, die fremden als ihre eigenen zu pflegen und zu erziehen. So verging manches Jahr des Friedens, und die Kleinen wuchsen fr\u00f6hlich und kr\u00e4ftig heran zur gro\u00dfen Freude der guten Pflegeeltern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als aber die Knaben ins zwanzigste Jahr kamen, da glaubte der M\u00fcller ihnen die volle Wahrheit sagen zu m\u00fcssen, und er erz\u00e4hlte ihnen, wie er sie gefunden und dass sie nicht ihre, der M\u00fcllersleute, eigene Kinder seien. Die Geschwister verlangten aber zu wissen, von wo sie k\u00e4men und wer ihnen Vater und Mutter sei, und sie bedr\u00e4ngten mit ihren Fragen den gutm\u00fctigen Alten gar sehr, der ihnen endlich sagte, sie sollten die Burg aufsuchen, wo das V\u00f6glein sei, das die Wahrheit erz\u00e4hle; dort w\u00fcrden sie die gew\u00fcnschte Auskunft erlangen. Und als der fr\u00fche Morgen kam, ritt der j\u00fcngere der beiden Knaben, ungeachtet aller Bitten und Tr\u00e4nen der Pflegeeltern, auf des M\u00fcllers stattlichem Rappen von dannen. Als aber Wochen und Monate vergingen, ohne dass eine Nachricht kam, da weinten die M\u00fchlenbewohner gar hei\u00dfe Tr\u00e4nen, und es zog an einem fr\u00fchen Herbstmorgen, von den besten Segensw\u00fcnschen begleitet, auf einem stolzen Braunen reitend, der \u00e4ltere Bruder aus, um den Verlorenen und das wunderbare V\u00f6glein aufzusuchen. Es verging der Herbst, es kam der Winter, und wieder wurde es Fr\u00fchling, aber von den Fernen kam keine Nachricht in die stille Bergm\u00fchle. Nun hielt sich das zur Jungfrau empor gebl\u00fchte Schwesterlein, welches sich die sch\u00f6nen Augen um die verschollenen Br\u00fcder schier ausgeweint hatte, nicht l\u00e4nger, und sie bat um das schneewei\u00dfe Pferd des M\u00fcllers, um das Br\u00fcderpaar aufzusuchen. Vergebens flehte der alternde M\u00fcller, vergebens rang die gute M\u00fcllerin die H\u00e4nde, um den Liebling zur\u00fcckzuhalten; eines Morgens war die treue Schwester in die Ferne geritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrte sie \u00fcber Wiesen und Felder, und als sie durch einen langen, finstern Wald trabte, kam ihr von ungef\u00e4hr ein altes Weib entgegen und sagte zur Jungfrau, es wisse wohl, wen sie suche; auch ihre Br\u00fcder seien des gleichen Weges gegangen, um das V\u00f6glein zu suchen, das die Wahrheit spreche und welches zu finden sei in einem funkelnden Schlosse auf dem steilen H\u00fcgel neben dem Bergsee. Allein die Br\u00fcder und mit ihnen Tausende und abermals Tausende von Rittern und Edelfr\u00e4ulein seien niemals zur\u00fcckgekehrt, weil sie der Warnungen nicht geachtet. \u00bbSch\u00f6ne Jungfrau,\u00ab schloss die Alte, \u00bbwollt Ihr gl\u00fccklich das Werk vollbringen und die Retterin der Verzauberten im Bergschloss werden, so geht Euren Weg und schaut Euch nicht um, was auch hinter Euch gerufen werden mag, denn wendet Ihr nach r\u00fcckw\u00e4rts Euer Antlitz, so werdet Ihr in einen Stein verwandelt.\u00ab Die Jungfrau dankte und ritt weiter. Es ging nicht gar lange, so kam sie an den Fu\u00df eines steilen Berges, wo sie ihr Pferd zur\u00fccklassen musste Mutig stieg sie den steilen Pfad hinan, vor ihr auf stolzer H\u00f6he das pr\u00e4chtige Zauberschloss Da erhob sich hinter ihr ein Donner wie die Brandung des Meeres, und es wurde ihr Name gerufen von unz\u00e4hligen schmeichelnden und drohenden Stimmen. Aber die Mutige schaute nicht zur\u00fcck und stieg weiter, bis sie an das Schlosstor gelangte, wo ein entsetzlicher Riese mit m\u00e4chtiger Tanne in der Hand ihr den Weg versperren wollte. Aber die Jungfrau schl\u00fcpfte beh\u00e4nde durch und entkam gl\u00fccklich in das Innere des Schlosses. Durch die Prunkgem\u00e4cher irrend, f\u00fchrte sie weiter gutes Geschick in einen gro\u00dfen Saal, wo unz\u00e4hlige, reich befiederte V\u00f6gel in goldenen und silbernen K\u00e4figen im wunderlichsten und doch verst\u00e4ndlichen Kauderwelsch ihr zuschrien, sie allein k\u00f6nnten die Wahrheit offenbaren. Nur in einer Ecke lag ein graues unscheinbares V\u00f6glein in einfachem Zwinger und schwieg, die fremde Jungfrau mit seinen klugen \u00c4uglein anschauend. An dieses wandte sich die fast Zagende, und sie erfuhr von ihm, dass es selbst allerdings der Vogel sei, der die Wahrheit offenbare und sie ihm nun zu folgen habe. Dann gingen die beiden in den Garten; auf das Gehei\u00df des Vogels hob die Jungfrau hart am Rand eines Springbrunnens eine Rute empor, mit der sie die Steinbl\u00f6cke im Garten und auf dem Berge ber\u00fchrte. Und siehe, kaum war das Gehei\u00dfene getan, dass der Zauber wich und lebenswarme Menschen in gl\u00e4nzender Hoftracht, Ritter und Damen, fr\u00f6hlich die Jungfrau um standen, in unmittelbarer N\u00e4he aber die beiden hei\u00dfgeliebten Br\u00fcder, welche die treue Schwester schluchzend umhalsten. Und vom n\u00e4chsten Baum herab sang in wunderbaren T\u00f6nen das graue V\u00f6gelein die Geschichte der Geschwister: sie seien K\u00f6nigskinder, aber w\u00e4hrend der Abwesenheit des Vaters habe ein b\u00f6ser Ohm, der nach der Herrschaft trachtete, sie ausgesetzt und dem vom Kriege zur\u00fcckkehrenden K\u00f6nig die M\u00e4r vorgelogen, es habe die K\u00f6nigin selbst drei Katzen geboren, weshalb sie im Gef\u00e4ngnis schmachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Emp\u00f6rt ob der grauenhaften Tat des schlimmen Oheims schworen die Br\u00fcder Rache und S\u00fchnung f\u00fcr die arme Mutter, und sie brachen auf, von einem gl\u00e4nzenden Gefolge umringt, der K\u00f6nigsstadt entgegen, die Schwester voran, von den edelsten Jungfrauen geleitet. Und als sie vor das K\u00f6nigsschloss traten, da fanden sie, auf marmornem Stuhle sitzend, den noch stattlichen, aber kummervollen Vater und neben ihm, wie eine zischende Schlange, den aalglatten Ohm. Das Erkennen war das freudigste, und am andern Tage sa\u00df der K\u00f6nig und seine befreite Gemahlin auf dem Throne, neben ihnen die wiedergefundenen Kinder und das herbeigeholte schlichte M\u00fcllerpaar, weinend vor Lust und Freude und jubelnd begr\u00fc\u00dft vom ganzen Hofe. Die k\u00fchne Tochter aber ist eine gro\u00dfe K\u00f6nigin geworden, und die beiden Br\u00fcder, gewaltige Helden, teilten sich nach dem Tode der Eltern in das Reich und herrschten lange und gl\u00fccklich. \u2013 Den Ohm erreichte das verdiente Schicksal: er starb am Tage nach dem Wiederfinden durch Henkershand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das V\u00f6glein, das die Wahrheit erz\u00e4hlt M\u00e4rchen aus der Schweiz Erwacht an einem sch\u00f6nen Morgen ein reicher M\u00fcller ob dem Stillstehen des gro\u00dfen M\u00fchlrades. Der brave Mann eilt hinab in den M\u00fchlraum, um nach der Ursache der St\u00f6rung zu sehen. 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