{"id":5335,"date":"2026-01-30T01:58:24","date_gmt":"2026-01-30T00:58:24","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5335"},"modified":"2026-01-30T01:58:25","modified_gmt":"2026-01-30T00:58:25","slug":"der-graue-wackenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-graue-wackenstein\/","title":{"rendered":"Der graue Wackenstein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der graue Wackenstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein armer Bauersmann hatte nur einen einzigen Sohn, den erzog er christlich und ehrlich, wie es sich geb\u00fchrt. Als der Knabe aber gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer wurde, da wurde ihm seines Vaters Haus zu enge und er wollte in die weite Welt. Sein Vater war ganz trostlos dar\u00fcber und gab ihm die himmelsbesten Worte, er solle im Lande bleiben und sich redlich n\u00e4hren, aber das half alles nichts, er blieb dabei, er wolle sich die Welt beschauen. Da erz\u00fcrnte sein Vater zuletzt und sprach: \u00bbEi so wollte ich, dass du drei Tage und drei N\u00e4chte in einem fort laufen m\u00fcsstest und k\u00f6nntest nicht aufh\u00f6ren. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Vater gesagt hatte, so geschah es. Der Bursche musste laufen und immerfort laufen drei Tage und drei N\u00e4chte hindurch. Die Sonne stach am Tage hei\u00df und Nachts taute es k\u00fchl und nass, der Hunger und der Durst plagten ihn, aber Alles half nichts, denn \u00c4ltern Fluch f\u00e4hrt nicht in den Wind: er musste laufen bis zum Ende des dritten Tages. Zuletzt sank er m\u00fcde und matt nieder und war zum Sterben schwach; wo er Essen hernehmen sollte, das wusste er nicht, denn er lag in einem dichten Walde. Da kam pl\u00f6tzlich ein kleines graues M\u00e4nnchen daher gegangen, das blieb bei ihm stehen und frug ihn, was ihm denn fehle: \u00bbAch\u00ab, sprach er, \u00bbich habe so argen Hunger und Durst, dass ich es nicht l\u00e4nger aushalten kann. \u00ab \u00bbWenn das Alles ist, darin ist dir leicht geholfen\u00ab, sprach das M\u00e4nnchen; \u00bbgeh nur mit mir und du sollst vollauf haben, so viel du willst. \u00ab Da raffte er seine letzten Kr\u00e4fte zusammen und hinkte hinter dem M\u00e4nnchen drein. Sie waren kaum f\u00fcnfzig Schritt weit gegangen, da kamen sie an ein ungeheuer gro\u00dfes, kohlrabenschwarzes Schloss; da gingen sie hinein, die breiten Treppen hinauf und durch eine ungeheuere T\u00fcr in einen hohen Saal. In dem ganzen Schloss war kein Mensch zu h\u00f6ren noch zu sehen, alles war totenstill, in dem Saal aber stand trotzdem ein k\u00f6stliches Mahl auf einem hohen, hohen Tische und um denselben drei hohe, hohe St\u00fchle. \u00bbNun lass uns nach Herzenslust essen und trinken\u00ab, sprach das M\u00e4nnchen, \u00bbaber rasch, denn allzu lange d\u00fcrfen wir uns nicht aufhalten. \u00ab Da kletterten sie so schnell sie konnten an den Stuhlbeinen in die H\u00f6he, marschierten auf der Tafel zwischen den Tellern und Sch\u00fcsseln umher und a\u00dfen sich rundsatt. Dann rutschten sie an den Stuhlbeinen wieder herab, liefen die Treppen hinunter und zur T\u00fcr hinaus. Es war aber auch die h\u00f6chste Zeit, denn die T\u00fcr fuhr so hart hinter ihnen zu, dass sie den Schuhabsatz des J\u00fcnglings abschlug. Der war jetzt wieder munter und guter Dinge und hatte alles Ungemach der drei Tage rein vergessen. Er sprang mit dem M\u00e4nnchen in den Wald hinein, immer weiter bis an ein recht dichtes Pl\u00e4tzchen. Da gab das M\u00e4nnchen dem J\u00fcngling ein St\u00f6ckchen und sprach: \u00bbIn dem Schlosse wohnen drei Riesen, das sind Menschenfresser. Wenn die nach Hause kommen und sehen, dass jemand aus ihrer Sch\u00fcssel gegessen und aus ihren Bechern getrunken hat, dann kommen sie in den Wald und suchen. Wenn nun einer kommt und dich findet, dann muss er sich b\u00fccken, um dich aufzuheben und zu fressen. Sei aber dann bei der Hand und schlage ihn mit dem St\u00f6ckchen auf den Kopf, sogleich f\u00e4llt er hin und regt kein Glied mehr.\u00ab Da w\u00e4re dem J\u00fcngling fast das Herz in die Schuhe gefallen, er bat das M\u00e4nnchen: \u00bbAch bleibe doch bei mir, dann f\u00fcrchte ich mich weniger. \u00ab Aber das M\u00e4nnchen sprach: \u00bbDu brauchst dich nicht zu f\u00fcrchten, sie tun dir nichts, wenn du es machst, wie ich dir gesagt habe. Ich darf nicht dabei sein, sonst w\u00e4re Alles umsonst. \u00ab Da schlupfte das M\u00e4nnchen in eine H\u00f6hle, welche nahebei war und wartete dort ab, was geschehe. Bald drauf rauschte es im Wald und knackte und krachte, das war einer der Riesen, wohin der ging, musste er sich zuvor Luft machen und strich so mit seinen H\u00e4nden die \u00c4ste zur Seite, dass sie und mit ihnen ganze Baumwipfel brachen. Als er dem J\u00fcngling nahe kam und ihn sah, schrie er: \u00bbAch hab ich dich nun, hast du aus meiner Sch\u00fcssel gefressen, so will ich jetzt dich selber fressen. \u00ab Er b\u00fcckte sich um ihn zu fassen, doch da schlug der J\u00fcngling ihn mit dem St\u00f6ckchen vor die Stirn und plumps, da lag er und streckte alle viere von sich. In einem Satze war das M\u00e4nnchen da und rief: \u00bbSchnell, dass wir ihn verstecken, bevor die andern kommen! \u00ab Sie zogen ihn bei den Haaren tiefer ins Geb\u00fcsch und bedeckten den ganzen Kerl mit d\u00fcrrem Laub.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile drauf tobte und tappte es wiederum durch den Wald als ob der Sturm hindurch fahre. Das war der zweite Riese, der kam mit gro\u00dfen Schritten heran, denn er war nicht wenig b\u00f6se. Als er den J\u00fcngling fand, schrie er: \u00bbAch du hast aus meiner Sch\u00fcssel gefressen, so will ich jetzt dich selber fressen. \u00ab Damit b\u00fcckte er sich, aber der J\u00fcngling traf ihn so wohl an die Stirn, dass er hinst\u00fcrzte und keinen Laut mehr von sich gab. Husch war das M\u00e4nnchen wieder bei der Hand und rief: \u00bbSchnell weg mit ihm, ehe der dritte kommt! \u00ab Da zogen sie ihn bei den Haaren zu seinem Kameraden und warfen d\u00fcrres Laub drauf, so dass man keine Fingerspitze von den zwei Kerlen sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Das graue M\u00e4nnchen hatte Recht, wenn es eilte, dass der Riese auf die Seite kam. Kaum lag er unter dem Laube, als es durch den Wald schrie und l\u00e4rmte. Das war der dritte Riese und der hatte einen Tritt, dass die Erde davon erbebte. Als er den J\u00fcngling fand, rief er w\u00fctend: \u00bbDu hast aus meiner Sch\u00fcssel gefressen, so will ich dich jetzt selber fressen. \u00ab Als er sich aber b\u00fcckte, den J\u00fcngling zu packen, traf dieser ihn so gut mit seinem St\u00f6ckchen an die Stirn, dass er hinfiel und keinen Pieps mehr tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sprang das M\u00e4nnchen gar fr\u00f6hlich aus seiner H\u00f6hle heraus und sprach: \u00bbDer mag liegen bleiben, denn das ist der letzte; jetzt lass uns wieder in das Schloss gehen, da sind wir Herren und Meister. Du musst mir jedoch vorher versprechen, dass du mir in Allem getreulich folgen willst, was ich dir sage oder auftrage. Du hast gesehen, dass es nur zu deinem Besten ausschl\u00e4gt. \u00ab Der J\u00fcngling versprach dies mit Freuden und folgte dem M\u00e4nnchen zu dem kohlrabenschwarzen Riesenschloss. Sie traten hinein und kamen durch viele Zimmer endlich in eine Kammer, da hing ein gro\u00dfes, blankes, scharfes Schwert an der Wand. Das M\u00e4nnchen sprach: \u00bbNimm dies Schwert herunter\u00ab und als der J\u00fcngling es getan, sprach es weiter: \u00bbNun haue mir den Kopf ab. \u00ab \u00bbAch wie k\u00f6nnte ich das! Du hast mir ja nichts zu Leide getan\u00ab, rief der J\u00fcngling, doch das M\u00e4nnchen erz\u00fcrnte und rief: \u00bbWillst du mir den Kopf abhauen oder soll ich ihn dir abhauen? \u00ab Da konnte der J\u00fcngling wohl nicht anders, er nahm das Schwert in beide H\u00e4nde und schlug dem M\u00e4nnchen den Hals durch und durch. Als aber der alte Kopf des M\u00e4nnchens herunter fiel, fielen die grauen Kleider mit ab, wie einem Schmetterling die garstigen Puppenkleider und da stand eine Jungfrau vor dem J\u00fcngling, die war so wundersch\u00f6n, dass er vor lauter Staunen und Entz\u00fccken kein Wort sprechen konnte. Er glaubte nicht anders, als es sei ein Traum, aber da reichte sie ihm die Hand und sprach: \u00bbSiehst du nun, dass du Recht daran tatest, mir zu folgen? \u00ab Dann erz\u00e4hlte sie ihm ihre ganze Geschichte, die war sehr traurig. Vor vielen Jahren waren die drei Riesen in die Gegend gekommen, wo ihr Vater als Graf auf dem Schlosse wohnte. Sie hatten das Schloss \u00fcberfallen und alles gefressen, was sie da fanden, die ganze Familie der sch\u00f6nen Jungfrau, den ganzen Hofstaat und alles Gesinde, nur sie selbst hatten die Ungeheuer verschont, weil sie so sch\u00f6n war. Sie wollten ihren Willen mit ihr haben, als sie aber mit Gottes H\u00fclfe den Riesen stets entfloh, da verw\u00fcnschten sie die Jungfrau in ein graues M\u00e4nnchen; seitdem wurde das Schloss kohlrabenschwarz. Alsdann fuhr sie fort: \u00bbDu hast mich erst halb erl\u00f6st, da das Schloss noch nicht erl\u00f6st ist, darum sollst du jetzt dein Werk ganz vollenden. Im Walde steht die gro\u00dfe Rieseneiche, diese musst du aufsuchen. Sie hat sieben L\u00f6cher \u00fcber einander in ihrem Stamm und in dem siebenten sitzt eine Taube auf zwei Eiern. Die Eier musst du nehmen und mir an dem Kopf entzwei werfen. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00fcngling tat wie sie ihm gehei\u00dfen. Er fand die Eiche und an der Eiche die sieben L\u00f6cher und in dem obersten Loch die Taube und unter der Taube die Eier. Diese brachte er mit und warf sie der Jungfrau an den Kopf. Im selben Augenblick krachte es in dem ganzen Schloss, als sollte die Welt versinken und es war wieder wei\u00df, wie Schnee, als ob es eben erst gebaut worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00fcngling feierte nun rasch seine Hochzeit mit der sch\u00f6nen Gr\u00e4fin, er nahm viele Diener an und ein neues sch\u00f6nes Leben kehrte in dem Schlosse ein. Nach einem Jahr sollte der Beiden Gl\u00fcck vollst\u00e4ndig werden, denn die Gr\u00e4fin f\u00fchlte, dass sie bald eines Kindes genesen werde. Als aber der Augenblick da war und sie geb\u00e4ren sollte, da brachte sie statt eines Kindes einen grauen Wackenstein zur Welt. Ihr Mann war au\u00dfer sich vor Jammer als er den Stein sah, doch sie tr\u00f6stete ihn und sprach: \u00bbDies ist noch eine Folge der Verw\u00fcnschung, welche die Riesen \u00fcber mich ausgesprochen haben, aber sei zufrieden, denn du kannst uns leidlich helfen. Trage den Stein in den Keller und zerhaue ihn dort mit dem Schwerte, womit du mir den Kopf abgeschlagen hast, als ich noch ein graues M\u00e4nnchen war. \u00ab Er tat nach ihrem Willen, und als das Schwert durch den Stein fuhr, da sprang das helle rote Blut heraus, wor\u00fcber er sich so entsetzte, dass er den Stein liegen lie\u00df und wieder zu seiner Frau eilte, um ihr das zu sagen. Sie sprach: \u00bbDu hast ganz recht getan, nun gehe nach sieben Tagen wiederum in den Keller und schau einmal nach. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das Herz klopfte ihm nicht wenig, als er nach sieben Tagen die Kellert\u00fcr \u00f6ffnete, doch was war das f\u00fcr eine Freude, als er an der Stelle des blutigen Steines ein wundersch\u00f6nes kleines M\u00e4gdlein liegen sah, das blickte ihn mit klugen Augen an und streckte ihm die \u00c4rmchen entgegen. Er hob es auf und trug es voller Freude zu seiner Frau. Sobald diese wieder gesund war, reiste er aber nach Hause und holte seinen Vater und das ganze Dorf ab, welches sehr arm war. Er schenkte jedem Bauern ein gro\u00df St\u00fcck Wald, was er sich ausroden und anbauen konnte und lebte als Graf mit seiner lieben Frau noch lange und gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der graue Wackenstein Johann Wilhelm Wolf Ein armer Bauersmann hatte nur einen einzigen Sohn, den erzog er christlich und ehrlich, wie es sich geb\u00fchrt. Als der Knabe aber gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer wurde, da wurde ihm seines Vaters Haus zu enge und er wollte in die weite Welt. 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