{"id":5330,"date":"2026-01-30T01:50:28","date_gmt":"2026-01-30T00:50:28","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5330"},"modified":"2026-01-30T01:50:28","modified_gmt":"2026-01-30T00:50:28","slug":"wahrheit-und-luege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wahrheit-und-luege\/","title":{"rendered":"Wahrheit und L\u00fcge"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wahrheit und L\u00fcge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es traf sich, dass sich in einer gro\u00dfen Stadt zwei arme Schlucker befanden, Fremdlinge, Zugewanderte, Faulpelze, Kneipbr\u00fcder, Taugenichtse. Der eine hie\u00df Wahrheit und der andere L\u00fcge. Sie waren eines Sinnes, verkehrten miteinander wie Kameraden und eng verbr\u00fcderte Freunde. Sie waren \u00fcbereingekommen, hatten sich das Wort gegeben und abgenommen, dass den Vorrang der \u00e4ltere von ihnen, Wahrheit, haben sollte, und wenn es ihnen nicht gut ginge, sollte zu ihrem Vorteil L\u00fcge den Vorrang haben und gut Kommando f\u00fchren. Aber sie hatten keinen Par\u00e1 (kleinste M\u00fcnze) in ihrem Beutel, weder der eine noch der andere. Sie trieben sich in der Stadt den ganzen Tag umher von Gasse zu Gasse alles umsonst und vergebens. Es wurde Abend, und der Abend ging vor\u00fcber, und ihr Bauch knurrte, um es kurz zu sagen und keine Umschweife zu machen; denn die Nacht war nahe, wo die Kinder schlafen und die alten Weiber die Ohren spitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die guten Freunde hungerten sehr und gingen in eine Gark\u00fcche und setzten sich, um zu essen. Und Wahrheit, der den Vorrang hatte, rief den Koch und sagte zu ihm, ob er ihnen zu essen geben wolle und sie ihn bezahlen d\u00fcrften, wenn sie Geld bek\u00e4men, denn sie h\u00e4tten keines. Der Koch war damit nicht einverstanden, dass er ihnen etwas geben solle, da sie doch niemand kenne noch f\u00fcr sie einstehe. Und sie standen auf, betr\u00fcbt und verzweifelt, und gingen hinaus und weiter und begaben sich in eine andere Gark\u00fcche; aber auch da hatten sie dasselbe Schicksal. Sie machen \u00fcberall die Runde in den Gark\u00fcchen &#8211; alles umsonst! Der Abend ging vor\u00fcber; sie zitterten vor K\u00e4lte und Frost und begaben sich in ein Chan, eine Herberge, ohne gegessen zu haben, elend und verzweifelt. Sie lie\u00dfen sich auf ein Lager nieder und drehten und w\u00e4lzten sich die ganze Nacht und schlossen kein Auge.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es Tag geworden und der Chanwirt die Chant\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte, und sie auf gestanden und herausgegangen waren, da sprach L\u00fcge zu Wahrheit: \u00bbGestern, Kamerad, ist es uns \u00fcbel ergangen, und wir sind ins Elend geraten: unter diesen Umst\u00e4nden werde ich das Kommando f\u00fchren.\u00ab Sie gingen geradenwegs ganz fr\u00fch beim Morgengrauen in eine Gark\u00fcche f\u00fcr Hammelf\u00fc\u00dfe. Sie setzten sich: L\u00fcge ruf t keck den Wirt und bestellt bei ihm allerlei Speisen. Er bereitet sie, brachte sie auf den Tisch, und sie a\u00dfen sich satt und pflegten sich. L\u00fcge jedoch erblickt einen Gast, der aufstand, zum Ladentisch des Wirts ging, einen Napoleon (Goldst\u00fcck) gab, den Rest herausbekam und wegging; und der Wirt warf den Napoleon in die Kasse. Da rief L\u00fcge den Wirt, er solle die Rechnung machen, damit er ihn bezahle. Der Wirt rechnete zusammen und sagte zu ihm: \u00bbMit Verlaub, f\u00fcnf Piaster! \u00ab Als eine Weile vergangen war, ruft er ihn wieder und sagt zu ihm, er solle ihm den Rest bringen. \u00bbWas f\u00fcr einen Rest?\u00ab fragt der Wirt. L\u00fcge schreit laut: \u00bbDen Rest von dem Napoleon, den ich dir gegeben habe! \u00ab Der arme Wirt wurde verwirrt und best\u00fcrzt, und nachdem er sich gefasst hatte, erwiderte er: \u00bbWann hast du mir einen Napoleon gegeben, Meister?\u00ab &#8211; \u00bbDamals, als der gro\u00dfe Wind ging\u00ab, sagte L\u00fcge sp\u00f6ttisch. \u00bbH\u00f6re, Verkehrtester, meinst du dies im Ernst?\u00ab L\u00fcge schrie wie verr\u00fcckt: \u00bbHimmel und H\u00f6lle, gib mir den Rest heraus, dass ich dich nicht l\u00e4cherlich mache!\u00ab Und mit einem Satz springt er auf, schreitet zum Schanktisch, zieht die Kasse heraus, streckt die Hand aus und holt aus der Kasse den Napoleon heraus und zeigt ihn den Anwesenden dies alles mit einer gro\u00dfen Sicherheit und einer Zunge, scharf wie eine englische Schere. Der Wirt ergreift, um vor seinen G\u00e4sten nicht \u00fcbel dazustehen, eine Handvoll Geldst\u00fccke aus der Kasse, streut sie auf den Ladentisch, z\u00e4hlt nach und gibt L\u00fcge auf einen Napoleon heraus mit Abzug der f\u00fcnf Piaster. Dann seufzt der Arme tief auf und sagt: \u00bbIch bedaure vielmals, Meister.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als Wahrheit aus der Gark\u00fcche auf den Platz hinaustrat und auch L\u00fcge erschien, hielt sich Wahrheit nicht mehr zur\u00fcck und sagte: \u00bbHier ist auch die Wahrheit, Unseliger, aber sie sprach nicht, denn sie lie\u00df uns gestern den ganzen Tag ohne Nahrung, und wir waren nahe daran, Hungers zu sterben, w\u00e4hrend die L\u00fcge es zu Geld brachte.\u00ab Damit gingen sie auf und davon und machen noch immer ihren Weg.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrheit und L\u00fcge Es traf sich, dass sich in einer gro\u00dfen Stadt zwei arme Schlucker befanden, Fremdlinge, Zugewanderte, Faulpelze, Kneipbr\u00fcder, Taugenichtse. Der eine hie\u00df Wahrheit und der andere L\u00fcge. Sie waren eines Sinnes, verkehrten miteinander wie Kameraden und eng verbr\u00fcderte Freunde. 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