{"id":5325,"date":"2026-01-30T01:38:39","date_gmt":"2026-01-30T00:38:39","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5325"},"modified":"2026-01-30T01:41:24","modified_gmt":"2026-01-30T00:41:24","slug":"das-waldhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-waldhaus\/","title":{"rendered":"Das Waldhaus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Waldhaus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gebr. Grimm<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein armer Holzhauer lebte mit seiner Frau und drei T\u00f6chtern in einer kleinen H\u00fctte an dem Rande eines einsamen Waldes. Eines Morgens, als er wieder an seine Arbeit wollte, sagte er zu seiner Frau: &#8222;Lass&#8216; mir mein Mittagbrot von dem \u00e4ltesten M\u00e4dchen hinaus in den Wald bringen, ich werde sonst nicht fertig. Und damit es sich nicht irrt&#8220;, setzte er hinzu, &#8222;will ich einen Beutel mit Hirse mitnehmen und die K\u00f6rner auf den Weg streuen.&#8220; Als nun die Sonne mitten \u00fcber dem Walde stand, machte sich das M\u00e4dchen mit einem Topf voll Suppe auf den Weg. Aber die Feld- und Waldsperlinge, die Lerchen und Finken, Amseln und Zeisige hatten die Hirse schon l\u00e4ngst aufgepickt, und das M\u00e4dchen konnte die Spur nicht finden. Da ging es auf gut Gl\u00fcck immer fort, bis die Sonne sank und die Nacht einbrach. Die B\u00e4ume rauschten in der Dunkelheit, die Eulen schnarrten, und es fing an, ihm angst zu werden. Da erblickte es in der Ferne ein Licht, das zwischen den B\u00e4umen blinkte. &#8222;Dort sollten wohl Leute wohnen&#8220;, dachte es, &#8222;die mich \u00fcber Nacht behalten&#8220;, und ging auf das Licht zu. Nicht lange, so kam es an ein Haus, dessen Fenster erleuchtet waren. Es klopfte an, und eine rauhe Stimme rief von innen: &#8222;Herein!&#8220; Das M\u00e4dchen trat auf die dunkle Diele und pochte an der Stubent\u00fcr. &#8222;Nur herein!1&#8242; rief die Stimme, und als es \u00f6ffnete, sa\u00df da ein alter, eisgrauer Mann an dem Tische, hatte das Gesicht auf beide H\u00e4nde gest\u00fctzt, und sein wei\u00dfer Bart floss \u00fcber den Tisch herab fast bis auf die Erde. Am Ofen aber lagen drei Tiere, ein H\u00fchnchen, ein H\u00e4hnchen und eine bunt gescheckte Kuh. Das M\u00e4dchen erz\u00e4hlte dem Alten sein Schicksal und bat um ein Nachtlager. Der Mann sprach:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Sch\u00f6n H\u00fchnchen,<br>Sch\u00f6n H\u00e4hnchen,<br>Und du, sch\u00f6ne bunte Kuh,<br>Was sagst du dazu?&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8222;Duks!&#8220; antworteten die Tiere, und das musste wohl hei\u00dfen: &#8222;Wir sind es zufrieden&#8220;, denn der Alte sprach weiter: &#8222;Hier ist H\u00fclle und F\u00fclle, geh&#8216; hinaus an den Herd und koch&#8216; uns ein Abendessen.&#8220; Das M\u00e4dchen fand in der K\u00fcche \u00dcberfluss an allem und kochte eine gute Speise; aber an die Tiere dachte es nicht. Es trug die volle Sch\u00fcssel auf den Tisch, setzte sich zu dem grauen Mann, a\u00df und stillte seinen Hunger. Als es satt war, sprach es: &#8222;Aber jetzt bin ich m\u00fcde, wo ist ein Bett, in das ich mich legen und schlafen kann?&#8220; Die Tiere antworteten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Du hast mit ihm gegessen,<br>Du hast mit ihm getrunken,<br>Du hast an uns gar nicht gedacht,<br>Nun sieh&#8216; auch, wo du bleibst die Nacht.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da sprach der Alte: &#8222;Steig&#8216; nur die Treppe hinauf, so wirst du eine Kammer mit zwei Betten finden, sch\u00fcttle sie auf und decke sie mit wei\u00dfem Linnen, so will ich auch kommen und mich schlafen legen.&#8220; Das M\u00e4dchen stieg hinauf, und als es die Betten gesch\u00fcttelt und frisch gedeckt hatte, legte es sich in das eine, ohne weiter auf den Alten zu warten. Nach einiger Zeit aber kam der graue Mann, beleuchtete das M\u00e4dchen mit dem Licht und sch\u00fcttelte mit dem Kopfe. Und als er sah, dass es fest eingeschlafen war, \u00f6ffnete er eine Fallt\u00fcre und lie\u00df es in den Keller sinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Holzhauer kam am sp\u00e4ten Abend nach Hause und machte seiner Frau Vorw\u00fcrfe, dass sie ihn den ganzen Tag habe hungern lassen. &#8222;Ich habe keine Schuld&#8220;, antwortete sie, &#8222;das M\u00e4dchen ist mit dem Mittagessen hinausgegangen, es muss sich verirrt haben; morgen wird es schon wiederkommen.&#8220; Vor Tag aber stand der Holzhauer auf, wollte in den Wald und verlangte, die zweite Tochter sollte ihm diesmal das Essen bringen. &#8222;Ich will einen Beutel mit Linsen mitnehmen&#8220;, sagte er, &#8222;die K\u00f6rner sind gr\u00f6\u00dfer als Hirse, das M\u00e4dchen wird sie besser sehen und kann den Weg nicht verfehlen.&#8220; Zur Mittagszeit trug auch das M\u00e4dchen die Speise hinaus, aber die Linsen waren verschwunden: die Waldv\u00f6gel hatten sie, wie am vorigen Tag, aufgepickt und keine \u00fcbriggelassen. Das M\u00e4dchen irrte im Wald umher, bis es Nacht ward, da kam es ebenfalls zu dem Hause des Alten, ward hineingerufen und bat um Speise und Nachtlager. Der Mann mit dem wei\u00dfen Barte fragte wieder die Tiere:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Sch\u00f6n H\u00fchnchen,<br>Sch\u00f6n H\u00e4hnchen,<br>Und du, sch\u00f6ne bunte Kuh,<br>Was sagst du dazu?&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Tiere antworteten abermals: &#8222;Duks&#8220;, und es geschah alles wie am vorigen Tag. Das M\u00e4dchen kochte eine gute Speise, a\u00df und trank mit dem Alten und k\u00fcmmerte sich nicht um die Tiere. Und als es sich nach seinem Nachtlager erkundigte, antworteten sie:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Du hast mit ihm gegessen,<br>Du hast mit ihm getrunken,<br>Du hast an uns gar nicht gedacht,<br>Nun sieh&#8216; auch, wo du bleibst die Nacht.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Als es eingeschlafen war, kam der Alte, betrachtete es mit Kopfsch\u00fctteln und lie\u00df es in den Keller hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>Am dritten Morgen sprach der Holzhauer zu seiner Frau: &#8222;Schicke mir heute unser j\u00fcngstes Kind mit dem Essen hinaus; das ist immer gut und gehorsam gewesen, das wird auf dem rechten Wege bleiben und nicht wie seine Schwestern, die wilden Hummeln, herumschw\u00e4rmen.&#8220; Die Mutter wollte nicht und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Soll ich mein liebstes Kind auch noch verlieren?&#8220; &#8211; &#8222;Sei ohne Sorge&#8220;, antwortete er, &#8222;das M\u00e4dchen verirrt sich nicht, es ist zu klug und verst\u00e4ndig; zum \u00dcberfluss will ich Erbsen mitnehmen und ausstreuen, die sind noch gr\u00f6\u00dfer als Linsen und werden ihm den Weg zeigen.&#8220; Aber als das M\u00e4dchen mit dem Korbe am Arm hinauskam, hatten die Waldtauben die Erbsen schon im Kropf, und es wusste nicht, wohin es sich wenden sollte. Es war voll Sorgen und dachte best\u00e4ndig daran, wie der arme Vater hungern und die gute Mutter jammern w\u00fcrde, wenn es ausbliebe. Endlich, als es finster ward, erblickte es das Lichtchen und kam an das Waldhaus. Es bat ganz freundlich, sie m\u00f6chten es \u00fcber Nacht beherbergen, und der Mann mit dem wei\u00dfen Barte fragte wieder seine Tiere:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Sch\u00f6n H\u00fchnchen,<br>Sch\u00f6n H\u00e4hnchen<br>Und du, sch\u00f6ne bunte Kuh,<br>Was sagst du dazu?&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8222;Duks&#8220;&#8218; sagten sie. Da trat das M\u00e4dchen an den Ofen, wo die Tiere lagen, und liebkoste H\u00fchnchen und H\u00e4hnchen, indem es mit der Hand \u00fcber die glatten Federn hinstrich, und die bunte Kuh kraulte es zwischen den H\u00f6rnern. Und als es auf Gehei\u00df des Alten eine gute Suppe bereitet hatte und die Sch\u00fcssel auf dem Tische stand, da sprach es: &#8222;Soll ich mich s\u00e4ttigen und die guten Tiere sollen nichts haben? Drau\u00dfen ist die H\u00fclle und F\u00fclle, erst will ich f\u00fcr sie sorgen.&#8220; Da ging es, holte Gerste und streute sie dem H\u00fchnchen und H\u00e4hnchen vor und brachte der Kuh wohlriechendes Heu, einen ganzen Arm voll &#8222;Lasst&#8217;s euch schmecken, ihr lieben Tiere&#8220;, sagte es, &#8222;und wenn ihr durstig seid, sollt ihr auch einen frischen Trunk haben.&#8220; Dann trug es einen Eimer voll Wasser herein, und H\u00fchnchen und H\u00e4hnchen sprangen auf den Rand, steckten den Schnabel hinein und hielten den Kopf dann in die H\u00f6he, wie die V\u00f6gel trinken, und die bunte Kuh tat auch einen herzhaften Zug. Als die Tiere gef\u00fcttert waren, setzte sich das M\u00e4dchen zu dem Alten an den Tisch und a\u00df, was er ihm \u00fcbriggelassen hatte. Nicht lange, so fing H\u00fchnchen und H\u00e4hnchen an, das K\u00f6pfchen zwischen die Fl\u00fcgel zu stecken, und die bunte Kuh blinzelte mit den Augen. Da sprach das M\u00e4dchen: &#8222;Sollen wir uns nicht zur Ruhe begeben?&#8220; &#8211;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Sch\u00f6n H\u00fchnchen,<br>Sch\u00f6n H\u00e4hnchen<br>Und du, sch\u00f6ne bunte Kuh,<br>Was sagst du dazu?&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Tiere antworteten: &#8222;Duks&#8216;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">Du hast mit uns gegessen,<br>Du hast mit uns getrunken,<br>Du hast uns alle wohl bedacht,<br>Wir w\u00fcnschen dir eine gute Nacht.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da ging das M\u00e4dchen die Treppe hinauf, sch\u00fcttelte die Federkissen und deckte frisches Linnen auf, und als es fertig war, kam der Alte und legte sich in das eine Bett, und sein wei\u00dfer Bart reichte ihm bis an die F\u00fc\u00dfe. Das M\u00e4dchen legte sich in das andere, tat sein Gebet und schlief ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es schlief ruhig bis Mitternacht, da ward es so unruhig in dem Hause, dass das M\u00e4dchen erwachte. Da fing es an, in den Ecken zu knittern und zu knattern, und die T\u00fcr sprang auf und schlug an die Wand; die Balken dr\u00f6hnten, als wenn sie aus ihren Fugen gerissen w\u00fcrden, und es war, als wenn die Treppe herabst\u00fcrzte, und endlich krachte es, als wenn das ganze Dach zusammenfiele. Da es aber wieder still wurde und dem M\u00e4dchen nichts zuleide geschah, so blieb es ruhig liegen und schlief wieder ein. Als es aber am Morgen bei hellem Sonnenschein aufwachte, was erblickten seine Augen? Es lag in einem gro\u00dfen Saal, und ringsumher gl\u00e4nzte alles in k\u00f6niglicher Pracht: An den W\u00e4nden wuchsen auf gr\u00fcnseidenem Grunde goldene Blumen in die H\u00f6he, das Bett war von Elfenbein und die Decke darauf von rotem Samt, und auf dem Stuhl daneben standen ein Paar mit Perlen gestickte Pantoffeln. Das M\u00e4dchen glaubte, es w\u00e4re ein Traum, aber es traten drei reichgekleidete Diener herein und fragten, was es zu befehlen h\u00e4tte. &#8222;Geht nur&#8220;, antwortete das M\u00e4dchen, &#8222;ich will gleich aufstehen und dem Alten eine Suppe kochen und dann auch sch\u00f6n H\u00fchnchen, sch\u00f6n H\u00e4hnchen und die sch\u00f6ne bunte Kuh f\u00fcttern.&#8220; Es dachte, der Alte w\u00e4re schon aufgestanden, und sah sich nach seinem Bette um, aber er lag nicht darin, sondern ein fremder Mann. Und als es ihn betrachtete und sah, dass er jung und sch\u00f6n war, erwachte er, richtete sich auf und sprach: &#8222;Ich bin ein K\u00f6nigssohn und war von einer b\u00f6sen Hexe verw\u00fcnscht worden, als ein alter, eisgrauer Mann in dem Walde zu leben; niemand durfte um mich sein als meine drei Diener in der Gestalt eines H\u00fchnchens, eines H\u00e4hnchens und einer bunten Kuh. Und nicht eher sollte die Verw\u00fcnschung aufh\u00f6ren, als bis ein M\u00e4dchen zu uns k\u00e4me, so gut von Herzen, dass es nicht gegen die Menschen allein, sondern auch gegen die Tiere sich liebreich bezeigte, und das bist du gewesen, und heute um Mitternacht sind wir durch dich erl\u00f6st und das alte Waldhaus ist wieder in meinen k\u00f6niglichen Palast verwandelt worden.&#8220; Und als sie aufgestanden waren, sagte der K\u00f6nigssohn den drei Dienern, sie sollten hinfahren und Vater und Mutter des M\u00e4dchens zur Hochzeitsfeier herbeizuholen. &#8222;Aber wo sind meine zwei Schwestern?&#8220; fragte das M\u00e4dchen. &#8222;Die habe ich in den Keller gesperrt, und morgen sollen sie in den Wald gef\u00fchrt werden und sollen bei einem K\u00f6hler so lange als M\u00e4gde dienen, bis sie sich gebessert haben und auch die armen Tiere nicht hungern lassen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein armer Holzhauer lebte mit seiner Frau und drei T\u00f6chtern in einer kleinen H\u00fctte an dem Rande eines einsamen Waldes. 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