{"id":5312,"date":"2026-01-30T01:27:32","date_gmt":"2026-01-30T00:27:32","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5312"},"modified":"2026-01-30T01:31:00","modified_gmt":"2026-01-30T00:31:00","slug":"der-waldschrat-und-die-grottennix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-waldschrat-und-die-grottennix\/","title":{"rendered":"Der Waldschrat und die Grottennix"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Waldschrat und die Grottennix<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Waldm\u00e4rchen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>In einem abgelegenen Wald am Fu\u00df eines felsigen H\u00fcgels im Frankenlande lebte einst ein Waldschrat, nicht sehr wild anzusehen und auch eher sanft von Gem\u00fct, aber doch so haarig und rau im Wuchs, dass er eine junge Maid eher erschrecken als anziehen konnte. In seinem Wald hatte er alles, wessen er bedurfte, der Boden lag voller Eicheln und Eckern, saftige Beeren gaben dem Tag ihre s\u00fc\u00dfe W\u00fcrze, duftende Kr\u00e4uter standen auf den Wiesen, am Ende des Sommers kamen noch schmackhafte Pilze hinzu und Quellen entsprangen so reichlich, dass der Schrat keine Viertelstunde gehen musste, um seinen Durst an k\u00f6stlichem Felsenwasser zu stillen. Ging die Sonne unter und seine Glieder wurden ihm schwer, kannte er schon alle Ecken und Nischen des Waldes, wo dichter Farn ihn vor den Blicken neugieriger Spazierg\u00e4nger oder umherstreifender Waidm\u00e4nner verbarg und ein weiches Lager von samtigem Moos ihm eine erquickende Nachtruhe bescherte. So lebte der Schrat schon viele Jahrhunderte, und gern h\u00e4tte er mehr von seinem heimatlichen Fleckchen Erde gesehen, doch er wusste, dass er an den St\u00e4tten, wo die Menschen wohnten, gro\u00dfes Erstaunen und arges Grausen bewirkt h\u00e4tte. Denn die, die ihm bisher begegnet waren, hatten oft mit blankem Entsetzen fluchtartig den Wald verlassen, und wenn ihn auch manchmal ein Pilzsucher ein St\u00fcck des Weges begleitete, so endete der gemeinsame Gang meist dann, wenn er anhub, ein paar S\u00e4tze zu reden, denn seine Art zu sprechen war der des Menschen doch recht fremd. So mieden die Bewohner der umliegenden Fluren und D\u00f6rfer seinen Wald und er war verrufen als Kinderschreck und Nachtgespenst, das einsamen Wanderern auflauerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch er mied einen Winkel seines Waldes, wo ein Wesen hauste, das ihm nicht geheuer war. Dort, an einem Quell in der steilen Felsenwand, hauste ein eigenartiges Wesen, kein wahrer Mensch, aber auch nicht recht Gespenst, nur n\u00e4chtlich wahrzunehmen, mit geschmeidigen Bewegungen im silbrigen Schein des Mondes. Niemals verlie\u00df es das Wasser, und kam jemand in seine N\u00e4he, h\u00f6rte er nur ein kurzes Rauschen und sah h\u00f6chstens ein kurzes Aufblitzen eines wendigen K\u00f6rpers mit langen, goldenen Haaren, die seine Konturen ganz bedeckten, bevor es wie vom Erdboden verschluckt war. In einer mondhellen Nacht, als der Schrat einmal in die N\u00e4he des Felsens geriet, sah er es pl\u00f6tzlich vor sich und er glaubte, statt der F\u00fc\u00dfe zur Fortbewegung ein Flosse wie die eines Fischs zu sehen. Da aber stie\u00df das Wesen einen klagenden Schrei aus, wirbelte eine Wasserwolke auf und verschwand vor seinen Augen. Er aber wusste nicht, ob es wirklich entschwunden war oder sich nur durch Zauber seinen Blicken entzogen hatte, zumal er auf seinem R\u00fcckweg st\u00e4ndig glaubte, neben und hinter sich ein Rascheln und Wassergepl\u00e4tscher zu h\u00f6ren, so dass er eine unruhige Nacht verbrachte und seither gro\u00dfe Furcht vor dem seltsamen Gesch\u00f6pf hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>So streifte der Schrat weiter durch seinen Wald, und wenn er doch alles hatte, was er zum Leben brauchte, so wurde er doch zusehends rastloser und missmutiger, denn auch wenn er ges\u00e4ttigt oder ausgeruht war, merkte er doch, dass ihm etwas fehlte und er f\u00fchlte es jedes Mal gerade dann, wenn er sah, dass Menschen in trauter Zweisamkeit den Wald betreten hatten; wenn sie sich liebkosten und ihre H\u00e4nde hielten, wusste er nicht, welches Ziel sie damit verfolgten und dennoch bereitete es ihm einen seltsamen Schmerz, wenn es ihm bewusst wurde, dass keiner seine Hand halten, seine Lippen ber\u00fchren oder das Lager mit ihm teilen w\u00fcrde. Als er so an einem lauen Sommerabend in der D\u00e4mmerung mit frisch gesammelten Wurzeln, Beeren, aber auch seltenen Steinen und Zauberkr\u00e4utern sein Lager aufsuchen wollte, geschah es: In einem Augenblick der Unachtsamkeit stie\u00df er unvermittelt im hohen Gras auf das gef\u00fcrchtete Wasserwesen, das sich zu ihm umwandte und ebenso wie er erstarrte. Heftig klopfte sein Herz, seine H\u00e4nde wurden schwach, die Furcht w\u00fcrgte ihm die Luft ab. W\u00fcrde er jetzt nicht nur die gesammelten Sch\u00e4tze, sondern auch sein Wohlergehen oder gar sein leben verlieren? W\u00fcrde er sein Dasein verzaubert oder verkr\u00fcppelt im Verborgenen weiter fristen m\u00fcssen, in st\u00e4ndiger Angst vor der Rachsucht eines Zauberwesens, in dessen Reich er eingedrungen war und dessen wohlgeh\u00fctetes Geheimnis er unversehens gewahr wurde? Doch auch dem Wesen stand die Angst im Gesicht: wehrlos war es, zu weit entfernt vom sch\u00fctzenden Wasserlauf, ausgeliefert einem Unhold mit B\u00e4renkr\u00e4ften und wildem \u00c4u\u00dferen, der die kr\u00e4ftigsten Wurzeln dem Boden entrei\u00dfen und selbst noch den h\u00e4rtesten Stein spalten und in St\u00fccken an sich nehmen konnte? Unendlich lang ruhten ihre Blicke aufeinander, und der Schrat sah schlie\u00dflich, dass er ein weibliches Wesen vor sich hatte. Nicht wusste er jetzt, was folgen w\u00fcrde, doch er nahm die Hand der Nixe und strich sie mit der derselben Z\u00e4rtlichkeit, wie er es bei den Menschen auf ihrem Weg durch den Wald gesehen hatte. Er f\u00fchlte, wie sie zitterte, doch sie sp\u00fcrte, dass von dieser Hand W\u00e4rme ausging und dass im Blick des Fremden kein B\u00f6ses lag. Da nahm sie sich ein Herz, sprach ein Wort, und es zeigte sich, dass ihre Sprache die gleiche war. So f\u00fchlten sie, dass sie, wenn auch niemand von ihnen von nun an im Reich des anderen dauerhaft leben konnte, doch nicht allein waren. Lange verweilten sie beieinander und sprachen kein Wort. Ihre Wege teilten sich dann wieder, aber ebenso fanden sich erneut, denn ihre W\u00e4rme und das Gef\u00fchl, ein gleiches Schicksal zu teilen und f\u00fcreinander zu empfinden, f\u00fchrte sie immer wieder zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso, wie sie voreinander die Furcht verloren hatten, verloren nun aber auch die Menschen die Furcht vor dem Wald. Immer h\u00e4ufiger sahen Wanderer, spielende Kinder und Spazierg\u00e4nger das trauliche Paar und so manches mal sa\u00dfen Rastende und die beiden Waldwesen zusammen und es wurde ihnen gar nicht gewahr, dass es der einen an den menschlichen Gliedma\u00dfen, dem anderen an der rechten Bekleidung und Umgangsformen mangelte. Da so mancher sich aber doch erschrak, vor allem wenn er glaubte, ein paar Worte wechseln zu k\u00f6nnen, bedeckten sie sich und schwiegen, wenn sie G\u00e4ste hatten und f\u00fchlten sich doch wohl zusammen mit den fremdartigen Wesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch bewegte jeden der beiden der Gedanke: auch wenn wir uns so noch gut bedecken und unsere Art verbergen, es sind doch andere Gesch\u00f6pfe. Nie werden wir eins mit ihnen sein und zu ihrer Gemeinschaft geh\u00f6ren. Und auch wenn sie unsere Gesellschaft dulden, sp\u00e4testens wenn sie die Unterhaltung suchen, zeigt sich unsere Fremdartigkeit und l\u00f6st gro\u00dfes Erschrecken aus. So befiel sie, wenn sie nun auch so viel Gl\u00fcck erlebt hatten, doch wieder etwas Traurigkeit. In einer Nacht aber, als der Himmel klar und voller Sterne war, zog eine Sternschnuppe ihre Bahn und jeder der beiden hatte den gleichen Gedanken. Als die Morgensonne durch die Wipfel brach, sah man an der Stelle, wo die Wanderer letztmalig mit den beiden Waldwesen zusammen gesessen waren, zwei Felsen, wie eine Nixe und wie ein breiter Schrat, doch auch wie zwei Sitzb\u00e4nke, mit warmem Moos bedeckt, mit Kuhlen und Lehnen, so dass Kinder und auch liebende sich auf ihnen wohlf\u00fchlen konnten und so mancher Wanderer es vorzog, sich auf ihnen statt auf den lieblos gezimmerten B\u00e4nken in der Umgebung niederzulassen. Von nicht wenigen h\u00f6rte man dann, wenn sie auf ihnen sitzend sich liebkost oder ausgesprochen h\u00e4tten, dass sie das Gl\u00fcck ihres Lebens oder auch eine verlorene Liebe wieder gefunden h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>So hei\u00dft die Ecke heute der Nixenstein, im Volksmund hei\u00dft sie aber treffender die Insel der Liebenden. Und wenn zwei Menschen sich ihrer Gef\u00fchle nicht sicher sind, suchen sie auch diese Stelle auf, denn zuweilen haben die Gl\u00fccksfelsen auch schon die bei ihnen Ratsuchenden vor gro\u00dfen Dummheiten bewahrt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dieses M\u00e4rchen wurde mit von Hartmut Haas-Hyronimus (<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/members.aol.com\/yronimus\" rel=\"noreferrer noopener\">http:\/\/members.aol.com\/yronimus<\/a>&nbsp;) zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem abgelegenen Wald am Fu\u00df eines felsigen H\u00fcgels im Frankenlande lebte einst ein Waldschrat, nicht sehr wild anzusehen und auch eher sanft von Gem\u00fct, aber doch so haarig und rau im Wuchs, dass er eine junge Maid eher erschrecken als anziehen konnte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5315,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,215,133],"tags":[],"class_list":["post-5312","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-maerchen","category-waldmaerchen","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5312"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5312\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5316,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5312\/revisions\/5316"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5315"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}