{"id":530,"date":"2015-10-14T01:30:06","date_gmt":"2015-10-13T23:30:06","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=530"},"modified":"2025-12-27T23:22:41","modified_gmt":"2025-12-27T22:22:41","slug":"die-glueckliche-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-glueckliche-familie\/","title":{"rendered":"Die gl\u00fcckliche Familie"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas gr\u00f6\u00dfte gr\u00fcne Blatt hier zu Lande ist sicherlich das Klettenblatt; h\u00e4lt man es vor seinen kleinen Leib, so ist es gerade wie eine ganze Sch\u00fcrze, und legt man es auf seinen Kopf, dann ist es im Regenwetter fast ebenso gut wie ein Regenschirm, denn es ist ungeheuer gro\u00df. Nie w\u00e4chst eine Klette allein, nein! Wo eine w\u00e4chst, da wachsen auch mehrere, es ist eine gro\u00dfe Herrlichkeit, und all&#8216; diese Herrlichkeit ist Schneckenspeise. Die gro\u00dfen wei\u00dfen Schnecken, woraus vornehme Leute in fr\u00fcheren Zeiten Leckerbissen bereiten lie\u00dfen, speisten und sagten: \u00bbHm! Schmeckt das pr\u00e4chtig!\u00ab \u2013 denn sie glaubten nun einmal, dass dieselben gut schmecken \u2013 diese Schnecken lebten von Klettenbl\u00e4ttern und deswegen wurden die Kletten ges\u00e4et.<\/p>\n<p>Nun gab es da ein altes Rittergut, wo man keine Schnecken mehr speiste, diese waren beinahe ganz ausgestorben, aber die Kletten waren nicht ausgestorben, sie wuchsen \u00fcber alle G\u00e4nge und Beete, man konnte ihrer nicht mehr Meister werden. Es war ein f\u00f6rmlicher Klettenwald, hin und wieder stand ein Apfel- und ein Pflaumenbaum, sonst h\u00e4tte man gar nicht vermuten k\u00f6nnen, dass dies ein Garten gewesen sei. Alles war Klette und drinnen wohnten die beiden letzten steinalten Schnecken.<\/p>\n<p>Sie wussten selbst nicht, wie alt sie waren, aber sie konnten sich sehr wohl erinnern, dass ihrer weit mehr gewesen, dass sie von einer Familie aus fremden L\u00e4ndern abstammten und dass f\u00fcr sie und die Ihrigen der ganze Wald gepflanzt worden war. Sie waren nie aus demselben hinaus gekommen, aber sie wussten doch, dass es au\u00dferdem noch etwas in der Welt gab, was der Herrenhof hie\u00df, und da oben wurde man gekocht, und dann wurde man schwarz, und dann wurde man auf eine silberne Sch\u00fcssel gelegt, was aber dann weiter geschah, das wussten sie nicht. Wie das \u00fcbrigens war, gekocht zu werden und auf einer silbernen Sch\u00fcssel zu liegen, das konnten sie sich nicht denken, aber sch\u00f6n sollte es sein, und au\u00dferordentlich vornehm. Weder die Maik\u00e4fer, noch die Kr\u00f6ten oder die Regenw\u00fcrmer, welche sie darum befragten, konnten ihnen Bescheid dar\u00fcber geben; keiner von ihnen war gekocht worden oder hatte auf einer silbernen Sch\u00fcssel gelegen.<\/p>\n<p>Die alten, wei\u00dfen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, das wussten sie; der Wald war ihrethalben da, und der Herrenhof war da, damit sie gekocht und auf eine silberne Sch\u00fcssel gelegt werden konnten.<\/p>\n<p>Sie lebten nun sehr einsam und gl\u00fccklich, und da sie selbst keine Kinder hatten, so hatten sie eine kleine, gew\u00f6hnliche Schnecke angenommen, die sie wie ihr eigenes Kind erzogen; aber die Kleine wollte nicht wachsen, denn es war nur eine gew\u00f6hnliche Schnecke. Die Alten, besonders die Mutter, die Schneckenmutter, glaubte doch zu bemerken, dass sie zunahm, und sie bat den Vater, wenn er das nicht sehen k\u00f6nnte, so m\u00f6ge er doch nur das kleine Schneckenhaus anf\u00fchlen, und dann f\u00fchlte er und fand, dass die Mutter recht habe.<\/p>\n<p>Eines Tages regnete es stark.<\/p>\n<p>\u00bbH\u00f6re, wie es auf den Kletten tromme-romme-rommelt!\u00ab sagte der Schneckenvater.<\/p>\n<p>\u00bbDa kommen auch Tropfen!\u00ab sagte die Schneckenmutter. \u00bbEs l\u00e4uft ja gerade am Stengel herab! Du wirst sehen, dass es hier nass werden wird. Ich bin froh, dass wir unsere guten H\u00e4user haben und dass der Kleine auch eins hat! F\u00fcr uns ist freilich mehr getan, als f\u00fcr alle andern Gesch\u00f6pfe, man kann also sehen, dass wir die Herren der Welt sind! Wir haben ein Haus von der Geburt ab und der Klettenwald ist unsertwegen ges\u00e4et! \u2013 Ich m\u00f6chte wohl wissen, wie weit er sich erstreckt und was au\u00dferhalb desselben ist!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDa ist nichts au\u00dferhalb!\u00ab sagte der Schneckenvater. \u00bbBesser als bei uns kann es nirgends sein, und ich habe nichts zu w\u00fcnschen!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa,\u00ab sagte die Schneckenmutter, \u00bbich m\u00f6chte wohl nach dem Herrenhof kommen, gekocht und auf eine silberne Sch\u00fcssel gelegt werden, das ist allen unsern Vorfahren widerfahren, und glaube mir, es ist ganz etwas Besonderes dabei!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDer Herrenhof ist vielleicht zusammengest\u00fcrzt,\u00ab sagte der Schneckenvater, \u00bboder der Klettenwald ist dar\u00fcber hinweg gewachsen, so dass die Menschen nicht herauskommen k\u00f6nnen. \u00dcbrigens hat das keine Eile, Du eilst immer gewaltig und der Kleine f\u00e4ngt auch schon damit an; er ist nun in drei Tagen an dem Stiel hinaufgekrochen, mir wird schwindlig, wenn ich zu ihm hinaufsehe!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDu musst nicht schelten!\u00ab sagte die Schneckenmutter. \u00bbEr kriegt so besonnen; wir werden noch Freude an ihm erleben, und wir Alten haben ja nichts anderes, wof\u00fcr wir leben k\u00f6nnen! Hast Du aber wohl daran gedacht, wo wir eine Frau f\u00fcr ihn hernehmen? Glaubst Du nicht, dass da weit hinein in den Klettenwald noch Jemand von unserer Art sein m\u00f6chte?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSchwarze Schnecken, glaube ich, werden wohl da sein,\u00ab sagte der Alte; \u00bbschwarze Schnecken ohne Haus, aber das ist gemein, und doch sind sie stolz. Aber wir k\u00f6nnten die Ameisen damit beauftragen, die laufen hin und her, als ob sie etwas zu tun h\u00e4tten, sie wissen sicher eine Frau f\u00fcr unsern Kleinen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch wei\u00df freilich die allersch\u00f6nste,\u00ab sagte eine der Ameisen, \u00bbaber ich f\u00fcrchte, es geht nicht, denn sie ist eine K\u00f6nigin!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas schadet nichts!\u00ab sagten die Alten. \u00bbHat sie ein Haus?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSie hat ein Schloss,\u00ab sagte die Ameise, \u00bbdas sch\u00f6nste Ameisenschloss mit siebenhundert G\u00e4ngen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSch\u00f6nen Dank!\u00ab sagte die Schneckenmutter. \u00bbUnser Sohn soll nicht in einen Ameisenhaufen! Wisst Ihr nichts besseres, so geben wir den Auftrag den wei\u00dfen M\u00fccken, die fliegen bei Regen und Sonnenschein weit umher und kennen den Klettenwald von innen und au\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWir haben eine Frau f\u00fcr ihn!\u00ab sagten die M\u00fccken. \u00bbHundert Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerstrauch eine kleine Schnecke mit einem Hause, sie ist ganz allein, und alt genug, sich zu verheiraten. Es sind nur hundert Menschenschritte!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa, lasst sie zu ihm kommen,\u00ab sagten die Alten, \u00bber hat einen Klettenwald, sie hat nur einen Strauch!\u00ab<\/p>\n<p>Sie holten das kleine Schneckenfr\u00e4ulein. Es w\u00e4hrte acht Tage, ehe sie eintraf, aber das war gerade das Vornehme dabei, daran konnte man sehen, dass sie von der rechten Art war.<\/p>\n<p>Dann hielten sie Hochzeit. Sechs Johannisw\u00fcrmer leuchteten so gut sie konnten; \u00fcbrigens ging es im Ganzen still zu, denn die alten Schnecken konnten Schw\u00e4rmen und Lustbarkeiten nicht ertragen. Aber eine sch\u00f6ne Rede wurde von der Schneckenmutter gehalten; der Vater konnte nicht reden, er war zu bewegt, und dann gaben sie ihnen den ganzen Klettenwald zur Erbschaft und sagten, was sie immer gesagt hatten, dass es das beste in der Welt sei und wenn sie redlich und ordentlich lebten und sich vermehrten, dann w\u00fcrden sie und ihre Kinder einst nach dem Herrenhofe kommen, schwarz gekocht und auf eine silberne Sch\u00fcssel gelegt werden.<\/p>\n<p>Nachdem die Rede gehalten war, krochen die Alten in ihre H\u00e4user und kamen nie wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte im Walde und erhielt eine gro\u00dfe Nachkommenschaft, aber sie wurden nie gekocht und sie kamen nie auf eine silberne Sch\u00fcssel, woraus sie den Schluss zogen, dass der Herrenhof zusammengest\u00fcrzt sei und dass alle Menschen in der Welt ausgestorben seien, und da ihnen niemand widersprach, so m\u00fcsste es ja wahr sein. Der Regen schlug auf die Klettenbl\u00e4tter, um f\u00fcr sie eine Trommelmusik zu veranstalten, und die Sonne schien, um den Klettenwald f\u00fcr sie zu beleuchten, und sie waren sehr gl\u00fccklich und die ganze Familie war gl\u00fccklich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-530","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/530","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=530"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/530\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":531,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/530\/revisions\/531"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=530"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=530"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=530"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}