{"id":5298,"date":"2026-01-30T01:03:46","date_gmt":"2026-01-30T00:03:46","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5298"},"modified":"2026-01-30T01:03:46","modified_gmt":"2026-01-30T00:03:46","slug":"das-weisse-hemd-das-schwere-schwert-und-der-goldene-ring","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-weisse-hemd-das-schwere-schwert-und-der-goldene-ring\/","title":{"rendered":"Das wei\u00dfe Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das wei\u00dfe Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein K\u00f6nig hatte eine Frau genommen, die war zwar von hoher Geburt, aber nicht von hohem Sinn und brach ihm ihre Treue jeden Tag. Nach einem Jahre gebar sie dem K\u00f6nig einen Sohn, der war wei\u00df und rot gleich Milch und Blut und wurde mit jedem Tage sch\u00f6ner. Je mehr er heranwuchs, umso mehr zeigte er sich seines Vaters w\u00fcrdig; er war einer der kl\u00fcgsten und zugleich der edelsten und tugendhaftesten J\u00fcnglinge im ganzen Reich und alle, welche ihn kannten, sprachen, er sei eben so sch\u00f6n wie brav. Als er achtzehn Jahre alt war und so recht in seiner sch\u00f6nsten Bl\u00fcte stand, da fasste die K\u00f6nigin pl\u00f6tzlich eine verbrecherische Liebe zu ihm und sprach zu sich selber: Er muss mein Gemahl werden, es mag gehen wie es wolle. Sie wusste wohl, dass sie dies nicht in ihrem Schlosse erreichen konnte und f\u00fcrchtete auch, der J\u00fcngling k\u00f6nne es seinem Vater sagen, wenn sie ihm davon spreche; darum machte sie einen Anschlag, ihn in ein fremdes fernes Land zu entf\u00fchren, dort dachte sie, werde sie schon leicht ihr Ziel erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf war der Geburtstag des sch\u00f6nen Prinzen und der K\u00f6nig befahl, dass man ihn mit gro\u00dfen Festen feiere. Morgens sollten die Musikanten von allen Regimentern seines Heeres in der Kirche beim Gottesdienst spielen, Mittags um zwei Uhr sollte ein Gastmahl sein, zu welchem viele tausend G\u00e4ste geladen wurden, und Abends sollten alle H\u00e4user der Stadt und das Schloss und alle G\u00e4rten am Schloss erleuchtet und \u00fcberall Feuerwerke abgebrannt werden. Also geschah es auch. Als nun die Kirche aus war, da f\u00fchrte die K\u00f6nigin ihren Sohn in den Garten und plauderte ihm gar s\u00fc\u00df vor, so dass er gar nicht bemerkte, dass sie stets weiter von dem Schloss abkamen. Endlich standen sie ehe er sich&#8217;s versah, an einem Wasser, das war so gro\u00df, dass man das andere Ufer nicht sehen konnte, und am Ende lag ein pr\u00e4chtiges Schiff. &#8222;Ach welch ein sch\u00f6nes Haus da auf dem Wasser schwimmt!&#8220; rief der Prinz, der noch nie ein Schiff gesehen hatte. &#8222;Du siehst das Haus nur von au\u00dfen,&#8220; sprach die K\u00f6nigin, &#8222;von innen ist es noch viel sch\u00f6ner, als unser Schloss.&#8220; &#8222;Ach das m\u00f6chte ich sehen!&#8220; sprach der J\u00fcngling und da f\u00fchrte sie ihn auf das Schiff und ging mit ihm aus einem Zimmer in das andere und setzte sich in jedem nieder. Als sie so ein paar Stunden auf dem Schiffe zugebracht hatten, sagte der Prinz: &#8222;Liebe Mutter, jetzt wird das Mahl bald beginnen, darum m\u00fcssen wir eilen, dass wir nach Hause kommen, damit mein Vater und die G\u00e4ste nicht auf uns warten m\u00fcssen.&#8220; &#8222;Es hat noch Zeit&#8220; antwortete die K\u00f6nigin, aber er wollte fort und stieg hinauf auf das Verdeck. Wie erschrak der Prinz aber, als er von dem Garten keine Spur und ringsum nur Himmel und Wasser sah. Die K\u00f6nigin hatte n\u00e4mlich mit dem Schiffmann ausgemacht, dass er am Schlossgarten zu der bestimmten Stunde halten und sobald sie auf dem Schiffe w\u00e4ren, die Anker l\u00f6sen m\u00fcsse, um sie in ein anderes Land zu fahren. Der Prinz lief vor Schrecken au\u00dfer sich zu seiner Mutter und rief: &#8222;Mutter, das schwimmende Haus ist ein R\u00e4uberhaus und die R\u00e4uber haben uns entf\u00fchrt.&#8220; &#8222;Sei ruhig, mein Sohn,&#8220; sprach die K\u00f6nigin, &#8222;ich wollte dich nur ein wenig erschrecken, bald kommen wir schon wieder an das Land.&#8220; Darin hatte sie wohl Recht, es dauerte nicht lange, da sah der Prinz ein schwarzes P\u00fcnktchen in der Ferne, das wurde immer gr\u00f6\u00dfer und als sie n\u00e4her kamen, war es ein pr\u00e4chtiger Eichenwald. Das Schiff fuhr gerade darauf zu und legte an, die K\u00f6nigin nahm ihren Sohn bei der Hand und sprach: &#8222;Hier steigen wir aus und du wirst schon bald zufrieden gestellt sein.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Also traten sie ans Land und gingen in den sch\u00f6nen Wald. Der Prinz frug wohl oft, ob das denn auch noch ein Lustgarten von des K\u00f6nigs Schloss sei und ob sie nun bald zu Hause w\u00e4ren, doch wusste sie ihn immer abzuschweigen, bis sie an einen freien Platz kamen. Da sprach sie: &#8222;Lieber Sohn, ich bin m\u00fcde, lass uns hier ein wenig ausruhen.&#8220; Als sie nun so neben einander im Grase lagen, da k\u00fcsste sie ihn und sprach ihm von ihrer Liebe, sagte ihm auch, dass sie ihn entf\u00fchrt habe und jetzt m\u00fcsse er ihr Gemahl werden, wenn sie nicht auf der Stelle sterben solle. Aber der Prinz verwies ihr streng dies sch\u00e4ndliche Begehren und sprach: &#8222;Liebe Mutter, gedenke der gro\u00dfen S\u00fcnde, welche wir beide taten, das kann nun und nimmermehr geschehen.&#8220; Dabei blieb er auch standhaft, wie viel die K\u00f6nigin ihm auch noch vorschwatzte. Als sie nun sah, dass Alles vergebens war, da fasste sie einen Hass auf ihn, der war eben so gro\u00df und noch gr\u00f6\u00dfer, als ihre Liebe gewesen war. Sie lie\u00df sich aber nichts merken und tat so freundlich, wie zuvor, sprach, sie habe seine Tugend nur auf die Probe stellen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sie nun ausgeruht hatten, gingen sie zusammen weiter in dem Walde bis gegen Abend; da \u00f6ffnete sich der Forst und sie sahen in der Ferne ein hohes, sch\u00f6nes Schloss liegen. Der Prinz sprach: &#8222;Liebe Mutter, bleibe du hier zur\u00fcck, ich will zuerst in das Schloss gehen und sehen, wer da wohnt; wenn es kein R\u00e4uberhaus ist, dann hole ich dich bald wieder ab.&#8220; Sie war damit zufrieden und er ging hin. Die Thore standen offen, er kam in den Hof und in die Zimmer, aber alle Leute, welche er sah, lagen im tiefsten Schlaf, die Bedienten und die Kammerjungfern, Koch und K\u00f6chin, Stallknecht und Vieh Magd. Nachdem er fast das ganze Schloss durchwandert hatte, kam er zuletzt in einen hohen und herrlichen Saal, darin stand in der Mitte ein runder goldener Tisch und auf dem Tische lag ein wei\u00dfes Hemd und ein goldener Ring. Rund um den Tisch lief aber eine silberne Schrift, welche hie\u00df: &#8222;Wer dieses Hemd anzieht, der kann das Schwert an der Wand regieren. Wer diesen Ring in den Mund nimmt, versteht die Sprache der V\u00f6gel.&#8220; Er schaute auf, da sah er an der Wand ein m\u00e4chtiges, breites Schwert und da er in den Waffen sehr ge\u00fcbt war, wollte er es nehmen und ein paar Kreuzhiebe durch die Luft machen, aber er konnte es nicht einmal heben und vom Nagel langen. Da zog er das wei\u00dfe Hemd an und steckte den Ring an den Finger; sogleich war ihm, als w\u00fcrde er ein ganz andrer Mensch und als fl\u00f6sse ganz neues, frisches Blut in seinen Adern. Er sprang in einem Satz an die Wand, fasste das Schwert und schwang es, wie einen Zierdegen, desgleichen die Hofherren zu tragen pflegen.<\/p>\n\n\n\n<p>In demselben Augenblick h\u00f6rte er in dem Schloss ein Laufen und Rennen, als wenn hunderte von Leuten durcheinander liefen, die Th\u00fcr flog auf und drei Diener in pr\u00e4chtigen Anz\u00fcgen kamen herein und fragten: &#8222;Was befiehlt unser K\u00f6nig und Herr?&#8220; Im ersten Augenblick stutzte der Prinz, aber er fasste sich bald und sprach: &#8222;Es soll der sch\u00f6nste Wagen an den Wald fahren und meine Mutter abholen.&#8220; Die Diener verneigten sich und eilten fort. Jetzt sah er sich weiter in dem hohen Saale um und fand in einer Ecke ein Bett, das stand hinter einem Vorhang und darin schlief ein alter Mann mit grauen Haaren, aber mit einem falschen Gesicht, aus welchem man nicht viel Gutes herauslas. Der Prinz versuchte ihn zu wecken, aber der Greis brummte nur so etwas in den wei\u00dfen Bart hinein, dann wandte er sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Jetzt kam seine Mutter an und freute sich recht \u00fcber das sch\u00f6ne Schloss, darin sie nun wohnen sollte, aber in ihrem b\u00f6sen Herzen br\u00fctete sie \u00fcber der Rache und dachte Tag und Nacht nur nach, wie sie den guten Prinzen verderben k\u00f6nne. Sie tat aber nur umso freundlicher gegen ihn und sagte ihm jeden Tag aufs Neue vor, wie sie so gl\u00fccklich sei, einen solchen Sohn zu haben und dass sie ihn mehr liebe, als Alles in der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Prinz schon ein paar Tage in dem Schlosse gewesen war, ging er eines Tages auf dem Wall spazieren. Da h\u00f6rte er ein j\u00e4mmerliches \u00c4chzen und St\u00f6hnen, das lautete grade, als k\u00e4me es aus der Erde. Er schwang sein Schwert, da kamen die Diener und er frug sie, woher diese T\u00f6ne k\u00e4men und wer also \u00e4chze. Die Diener sprachen: &#8222;Wir wissen es nicht, das wei\u00df nur der Greis, welcher in dem Saale schl\u00e4ft, denn er hat die Schl\u00fcssel zu den unterirdischen G\u00e4ngen.&#8220; Der Prinz befahl ihnen, den Greis zu holen, allein der wollte nicht hervor, bis der Prinz ihm drohen lie\u00df, er werde ihn mit Gewalt holen lassen. Da kam er und brachte ein Bund Schl\u00fcssel. Er r\u00fcckte an einem Stein in der Mauer, da erschien eine kleine T\u00fcre, welche er aufschloss und die in einen dunkeln Gang f\u00fchrte. &#8222;Geht nun hinein&#8220; sprach er m\u00fcrrisch zu dem Prinzen, doch dieser h\u00fctete sich wohl und zwang den Greis, voran zu gehen. Je weiter sie in dem Gange kamen, umso n\u00e4her lautete das \u00c4chzen. Endlich standen sie vor einer zweiten eisernen Th\u00fcr und als der Greis auch diese aufschloss, war da ein halbfinsteres Loch, worin das schmutzige Wasser und alle Unreinlichkeit aus dem Schlosse zusammenfloss. In diesem schrecklichen Aufenthalt sa\u00df ein M\u00e4dchen, dem die Kleider am Leibe fast verfault waren. Als es den Greis erblickte, rief es: &#8222;Gehe nur weg oder gib mir den Tod, damit meine Qualen ein Ende nehmen.&#8220; Da trat der Prinz hervor aus dem dunkeln Gange, und befahl dem Greise, das M\u00e4dchen herauszuf\u00fchren. Er z\u00f6gerte Anfangs, aber da hob der Prinz sein Schwert und nun folgte er dem Befehl. Die Jungfrau aber rief flehentlich: &#8222;Ach f\u00fchret mich nicht an das Licht des Tages, bevor ich Kleider habe, oder lasset mich hier sterben.&#8220; Der Prinz tr\u00f6stete sie mit freundlichen Worten und sprach: &#8222;Ihr seid gerettet aus eurer H\u00f6hle, und sollt Alles haben, was ihr begehrt.&#8220; Dann trieb er den Greis ins Schloss zur\u00fcck und schickte der Jungfrau zwei Dienerinnen mit Wasser zum Waschen, mit sch\u00f6nen Kleidern und mit guter kr\u00e4ftiger Nahrung, damit sie sich ein wenig erhole. \u00dcber eine Weile trat sie aus dem dunkeln Gang hervor und wie war sie so sch\u00f6n. Ihre Haare waren so goldig, als ob sie der Sonne ihre Strahlen genommen h\u00e4tte, um ihr Haupt damit zu zieren und ihre Augen waren so blau, wie der Himmel am Abend, ihr Gesicht war aber grade, als ob es mit Lilien und Rosen bemalt w\u00e4re. Der Prinz war so entz\u00fcckt, als er sie sah, dass er sich nicht halten konnte und auf sie zueilte, um ihr die Hand zum freundlichen Gru\u00dfe zu bieten. Er nahm sie mit sich in das Schloss, da frug er sie, woher sie sei und wie sie in das schreckliche Gef\u00e4ngnis komme. Sie erz\u00e4hlte ihm: &#8222;Ich bin eine K\u00f6nigstochter und meines Vaters K\u00f6nigreich liegt weit jenseits der See. Eines Tages ging ich mit meinen Dienerinnen am Ufer der See spazieren, da kam pl\u00f6tzlich ein Schiff mit Seer\u00e4ubern, welche mich raubten und auf ihr Schiff schleppten. Sie verkauften mich dem falschen Greis, welcher damals in diesem Schlosse herrschte und dieser lie\u00df mir nun Tag und Nacht keine Ruhe und wollte, ich solle seine Gemahlin werden. Als ich aber seine Hand verschm\u00e4hte und nichts von ihm wissen wollte, da warf er mich in jenes schreckliche Loch, wo er mir nur alle drei Tage Brod und Wasser brachte und mich dabei fragte, ob ich meinen Sinn bald \u00e4ndere. Da ich das nicht wollte, so lie\u00df er mich dort, bis ich in den Zustand kam, in welchem ihr mich gefunden habt.&#8220; Da nun Mitleid und Liebe gute Freundschaft halten und der Prinz schon gleich als er sie gesehen f\u00fcr sie eingenommen war, so entbrannte er nun in hei\u00dfer Liebe zu ihr und sprach: &#8222;Habet ihr des Greises Hand verschm\u00e4ht, so biete ich euch nun die meine an, denn ohne euch kann ich nicht mehr leben und wenn ihr nicht meine Gattin werden wollt, so will ich nie eine andere Frau.&#8220; Der sch\u00f6nen Prinzessin gefiel der Prinz besser als der Greis, sie sprach in ihrer Unschuld: &#8222;Ich habe euch so lieb, dass ich nie einen andern zum Gemahl m\u00f6chte, als euch.&#8220; Da k\u00fcssten sie einander und sprangen fr\u00f6hlich herum und zu der alten K\u00f6nigin. Der war es nat\u00fcrlich ein Stich durchs Herz, als sie das h\u00f6rte und jetzt hasste sie den Prinzen doppelt und dreifach. Sie sprach mit heuchlerischer Miene: &#8222;Ach wie freue ich mich, dass du eine so sch\u00f6ne und tugendhafte Jungfrau gefunden hast, mein Sohn, und ich eine so sch\u00f6ne Schwiegertochter. Wenn mir selbst das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck auf der Welt zugefallen w\u00e4re, k\u00f6nnte ich nicht so froh sein, wie ich jetzt bin. Nun macht auch bald Hochzeit, meine lieben Kinder, ich sorge f\u00fcr Alles; seit nur recht gl\u00fccklich, dann bin ich es auch.&#8220; Und sie umarmte den Prinzen und die sch\u00f6ne Jungfrau und dr\u00fcckte sie an sich, aber heimlich dachte sie in ihrem Herzen: Wartet nur, ich will\u2019s euch eintr\u00e4nken! Da sprach die Jungfrau: &#8222;Die Hochzeit halten wir nicht hier, die muss bei meinen Eltern gefeiert werden, nach denen ich mich gar sehr sehne und die um mich in gro\u00dfen Sorgen sind. Lasset mich zu ihnen gehen, dann kommt mein Br\u00e4utigam nach.&#8220; Die K\u00f6nigin sprach: &#8222;Jetzt habe ich dich noch lieber, weil du eine so liebevolle Tochter bist. Tue also; binnen Jahr und Tag komme ich mit meinem lieben Sohne dir nach und wir feiern die Hochzeit in Lust und Freuden.&#8220; Heimlich dachte sie aber: Bist du nur erst aus dem Wege, mit ihm will ich schon fertig werden. Rasch lie\u00df der Prinz ein Schiff ausr\u00fcsten und binnen drei Tagen fuhr die Prinzessin ab. Die alte K\u00f6nigin aber hatte den Schiffskapit\u00e4n bestochen, er m\u00fcsse machen, dass ihn die Prinzessin heirate, gehe es nun wie es wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Schiff auf hoher See war, kam der Kapit\u00e4n zu ihr und wollte ihre Liebe und Gunst gewinnen, aber sie wies ihn erz\u00fcrnt zur\u00fcck. Da sprach er: &#8222;Eins von Beiden m\u00f6gt ihr euch w\u00e4hlen: wollt ihr mich zum Mann und dem K\u00f6nig eurem Vater sagen, ich habe euch gerettet, oder wollt ihr ins Meer geworfen werden? Ihr habt drei Tage Bedenkzeit.&#8220; Als sie wieder allein war, warf sie sich auf ihre Knie nieder und bat Gott um Rettung aus dieser neuen Not und Gefahr. Da kam ihr ein guter Gedanke und als der Kapit\u00e4n am dritten Tage wieder vor sie trat und frug, wozu sie nun entschlossen sei, sprach sie: &#8222;Jahr und Tag will ich Frist haben, dann mag die Hochzeit sein.&#8220; Damit war der Kapit\u00e4n zufrieden. Als sie ans Land kamen f\u00fchrte er sie zu ihren Eltern, erz\u00e4hlte ihnen, wie er sie aus einer finstern H\u00f6hle gerettet habe und begehrte ihre Hand. Der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin waren so froh, ihr Kind wieder zu haben, dass sie alsbald einwilligten, und \u00fcber Jahr und Tag sollte die Hochzeit gehalten werden. Da sprach die Jungfrau: &#8222;Als ich in meiner H\u00f6hle lag habe ich ein Gel\u00fcbde getan, das muss ich jetzt halten. Ich habe gelobt, wenn ich erl\u00f6st w\u00fcrde, Jahr und Tag ein Wirtshaus an offener Stra\u00dfe zu halten, darin sollte jeder arme Wanderer und Pilger ein freies Unterkommen finden und ich selber wolle sie bedienen.&#8220; Der K\u00f6nig war sehr dagegen, sprach, das schicke sich nicht f\u00fcr eine Prinzessin aus k\u00f6niglichem Stamme, aber die K\u00f6nigin sagte: &#8222;Was man Gott dem Herrn verspricht, das darf man nicht brechen, sonst folgt die Strafe auf dem Fu\u00dfe. Richte ihr ein Wirtshaus ein und lass sie darin hantieren, wie sie gelobt hat, es wird ihr Schaden nicht sein.&#8220; Da wurde das Wirtshaus gebaut und mancher arme Reisende und Pilger fand da Labung und segnete die fromme K\u00f6nigstochter und betete zu Gott, dass er es ihr lohnen m\u00f6ge. Jetzt wollen wir sie in dem Wirtshaus lassen und sehen, wie es dem Prinzen erging.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Prinzessin weg war und die falsche K\u00f6nigin gar nicht wusste, wie sie den Prinzen verderben k\u00f6nne, offenbarte sie sich zuletzt dem Greise und der war gleich bei der Hand, ihr dabei zu helfen, nur musste sie ihm versprechen, seine Gemahlin zu werden und das tat sie gern. Er sprach: &#8222;Siehe zu, dass er in die L\u00f6wengrube gehe, welche in dem Schloss graben ist, dann werden ihn die L\u00f6wen zerrei\u00dfen.&#8220; Da legte sich die K\u00f6nigin auf ihr Bett und tat, als sei sie todkrank. Der Prinz war in tiefer Bek\u00fcmmernis um sie und frug eines \u00fcber das andere Mal, womit ihr wohl geholfen werden k\u00f6nne? Sie sprach: &#8222;Ach lieber Sohn mir kann geholfen werden, aber es ist Gefahr dabei und du k\u00f6nntest leicht dabei zu Schaden kommen, da m\u00f6chte ich jedoch lieber sterben, als dass dir etwas zu Leide gesch\u00e4he.&#8220; &#8222;Ich kenne keine Gefahr, liebste Mutter,&#8220; sprach der Prinz, &#8222;wenn es um dein Leben geht.&#8220; Sie antwortete: &#8222;Was bist du f\u00fcr ein guter Sohn! So will ich es dir denn sagen: Wenn ich eins von den L\u00f6wenwelpen an meine Brust lege, dann zieht die Kraft in mich hinein und ich werde in Zeit von einem Tage gesund.&#8220; Der Prinz lief auf der Stelle zu der L\u00f6wengrube, trat unerschrocken hinein und da ein L\u00f6we edlem Blut kein Leid antut, so lie\u00dfen ihn die alten L\u00f6wen ruhig gew\u00e4hren. Als er ein Junges fasste, da br\u00fcllte die L\u00f6win und erhob sich, doch der Prinz sah sie mit einem so scharfen Blick an, dass sie sich augenblicklich wieder hinlegte. Die K\u00f6nigin setzte den jungen L\u00f6wen an ihre Brust und rief: &#8222;Ich f\u00fchle ordentlich, wie ich neue Kraft bekomme, jetzt bin ich gerettet.&#8220; Als der L\u00f6we aber nicht ruhig blieb und seine Krallen ausstreckte, schrie sie: &#8222;Es ist jetzt gut, nimm ihn weg und mache ihn tot, ich kann ihn nicht l\u00e4nger an mir leiden.&#8220; Der Prinz nahm den L\u00f6wen und sprach: &#8222;Warum sollte ich das arme Tierchen t\u00f6ten, da es doch meiner lieben Mutter Leben gerettet hat? Ich will es seiner Mutter heimbringen, wie ich es ihr genommen habe.&#8220; So trug er den jungen L\u00f6wen wieder in die Grube zur\u00fcck und die alte L\u00f6win br\u00fcllte laut vor Freude, als sie ihr Welpchen wieder hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da dieser Plan also fehlgeschlagen war, beriete die K\u00f6nigin wieder mit dem Greise, wie sie den Prinzen verderben k\u00f6nnten und der Greis sprach: &#8222;Es gibt nur ein Mittel, du musst ihm das Hemd ausziehen, dann hat er keine Kraft mehr, das Schwert zu schwingen und wir werden seiner bald Meister.&#8220; Die K\u00f6nigin lud eine Menge von G\u00e4sten zu sich ein, ging zu dem Prinzen und sprach: &#8222;Da du mich vom Tode gerettet hast, lieber Sohn, so habe ich dir zu Ehren ein gro\u00dfes Mahl anstellen lassen, komm nun und setze dich neben mich, damit wir uns zusammen freuen.&#8220; Der Prinz folgte ihr hocherfreut zu dem Saal, wo die G\u00e4ste schon beisammen waren. Als er nun gegen Ende des Mahles recht eifrig mit den G\u00e4sten sprach, goss sie rasch einen Schlaftrunk in seinen Becher. Dann hob sie ihr Glas und rief: &#8222;Mein lieber Sohn soll leben, der mich vom Tode gerettet hat.&#8220; Da nahm er seinen Becher und trank ihn in einem Zuge leer. Bald darauf gingen die G\u00e4ste nach Hause, der Prinz aber f\u00fchlte sich gar m\u00fcde und legte sich zu Bette, wo er bald fest einschlief. Nun schlich die K\u00f6nigin mit dem Alten in das Zimmer, da zogen sie ihm das wei\u00dfe Hemd aus und der Alte zog es an. Dann nahm dieser ein Messer, gab es der K\u00f6nigin und sprach: &#8222;Nun stich ihm das linke Auge aus.&#8220; Sie tat es, der Alte grub ihm das rechte Auge auch noch aus und dann warfen sie ihn in die L\u00f6wengrube.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Schmerz war der Prinz sogleich erwacht und hatte wohl gesehen, wie gro\u00df die Falschheit seiner Mutter war und auch geh\u00f6rt, wie der Alte \u00fcber ihn triumphierte. Als er f\u00fchlte, dass man ihn in die L\u00f6wengrube warf, war er froh, denn er glaubte nicht anders, als die L\u00f6wen w\u00fcrden ihn sofort verschlingen und das w\u00e4re ihm recht gewesen, denn er war des Lebens gar satt. Das geschah aber nicht, sondern die L\u00f6win kam zu ihm und br\u00fcllte so recht traurig und die L\u00f6wenwelpen kamen und leckten ihm die Augen, bis sie ganz heil waren. Jeden Tag brachte die L\u00f6win ihm ein St\u00fcck Fleisch, das legte sie auf seine Knie und er nahm es und a\u00df es roh, das war seine ganze Nahrung. Das Fleisch holten sich die L\u00f6wen aber durch einen Erdgang, der lief aus der L\u00f6wengrube in den Wald. Als der Prinz nun eines Tages so in der Grube herumtappte, entdeckte er den Gang und kroch hinein. Lange sp\u00fcrte er nur eine dumpfe, schwere Luft, dann aber wurde ihm das Atmen immer leichter und endlich merkte er, wie sich der Gang erweiterte, wie frische Waldluft ihn anwehte. Er h\u00f6rte die V\u00f6glein in den B\u00e4umen singen, die Hirsche und Rehe springen und f\u00fchlte die Sonne warm auf sein Angesicht scheinen. Er dankte Gott auf den Knien f\u00fcr seine Rettung und schaffte sich dann weiter, so gut es eben ging. Gegen Abend rauschte es in der Ferne, darauf ging er zu und gelangte also an das gro\u00dfe Weltmeer. Dort hatte grade ein Schiff angelegt, um frisches Wasser einzunehmen. Als der Schiffskapit\u00e4n ihn sah, dauerte ihn der arme blinde J\u00fcngling, der so verlassen da herum schlich und er frug ihn, ob er mitfahren wolle? &#8222;Ja das will ich gern, denn hier m\u00fcsste ich ja Hungers sterben,&#8220; sprach der Prinz und stieg in das Schiff, wo ihn der gute Kapit\u00e4n auf das Beste hielt und pflegte, so dass er von Tag zu Tage frischen Mutes wurde. Als das Schiff anlegte, nahm er unter vielem Dank von dem Kapit\u00e4n Abschied und schlich auf der Landstra\u00dfe weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages kam er an eine gro\u00dfe Stadt. Vor dem Tore rief eine Frau: &#8222;Kommt herein in mein Haus, hier werden alle armen Reisenden und Pilger gepflegt.&#8220; Er streckte seine Hand aus und lie\u00df sich in das Haus f\u00fchren, wo er ein gutes Essen und ein pr\u00e4chtiges Bett bekam. Ehe er schlafen ging, kam die Frau, setzte sich zu ihm und sprach: &#8222;Erz\u00e4hlt mir jetzt eure Geschichte, das ist meine Bezahlung.&#8220; &#8222;Die m\u00f6chte ich lieber verschweigen,&#8220; antwortete der Prinz, &#8222;denn sie ist sehr traurig, aber wenn ihr sie h\u00f6ren wollt, so erz\u00e4hle ich sie.&#8220; Und nun fing er an und legte ihr Alles auseinander, wie es ihm ergangen war. Die Wirtin wurde immer aufmerksamer, als er aber daran kam, wie er die sch\u00f6ne Jungfrau aus dem Loche erl\u00f6st und sich mit ihr verlobt hatte, da schloss sie ihn in ihre Arme und rief unter blutigen Tr\u00e4nen: &#8222;O mein lieber Br\u00e4utigam, ach dass ich dich also wiederfinden muss!&#8220; Wie war das eine so gro\u00dfe Freude und dabei eine so tiefe Betr\u00fcbnis, als er ihr erz\u00e4hlte, wie seine Mutter und der falsche Greis an ihm gehandelt hatten. Die sch\u00f6ne Jungfrau konnte ihrer Tr\u00e4nen nicht Herr werden, wenn sie ihn ansah und die eingesunkenen leeren Augenh\u00f6hlen erblickte. Als er seine Erz\u00e4hlung zu Ende hatte, lie\u00df sie ihn sch\u00f6n kleiden, f\u00fchrte ihn zu ihrem Vater und sprach: &#8222;Lieber Vater, heut ist mein sch\u00f6nster Lebenstag, denn der liebe Gott hat mir meinen rechten Erl\u00f6ser und einzigen Br\u00e4utigam wiedergegeben;&#8220; und sie lie\u00df ihn dem K\u00f6nige die ganze Geschichte erz\u00e4hlen. Der K\u00f6nig glaubte ihm zwar, doch da die erste Freude des Wiedersehens seiner Tochter vor\u00fcber war, so \u00e4rgerte er sich, dass sie einen blinden Prinzen heiraten wollte. Jedenfalls war ihm der J\u00fcngling als Prinz lieber, als der Schiffskapit\u00e4n, darum tat dieser wohl, sich sogleich aus dem Staube zu machen, als die Sache bekannt wurde. Nun wurde in einer abgelegenen Gegend des Schlossgartens ein kleines Schloss gebaut, die Hochzeit des Prinzen mit der Prinzessin ganz heimlich gefeiert und dann zogen sie in das Schl\u00f6sschen und bekamen nichts als das Essen von dem K\u00f6nige; ihre Kleider mussten sie sich selber stellen, daran spann und webte die Prinzessin Tag und Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hofherren \u00e4rgerten sich aber nicht wenig \u00fcber diese Heirat, denn der Prinz konnte ihnen keine gro\u00dfen Gastm\u00e4hler geben, worauf sie sehr viel hielten, und B\u00e4lle und Tanzbelustigungen wurden gleichfalls keine gehalten, worauf ihre Frauen sehr viel gaben. Zudem wollte es ihnen nicht gefallen, dass sie einmal von einem blinden K\u00f6nig regiert werden sollten. Sie verschwuren sich also, sie wollten das Schl\u00f6sschen, wo der Prinz mit seiner Frau wohnte in die Luft sprengen, und das sollte bald geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends gingen die Beiden aus ihrem Schl\u00f6sschen in ihr kleines G\u00e4rtchen, wo sie der frischen K\u00fchle genie\u00dfen wollten, und setzten sich unter einen hohen Lindenbaum. Da zog der Prinz sein Einziges vom Finger, was er aus seinem Schloss gerettet hatte, den goldenen Ring und steckte ihn in den Mund, denn er wollte sich einen Zeitvertreib machen und h\u00f6ren, was sich die V\u00f6gel wohl erz\u00e4hlten. Da flogen drei Kr\u00e4hen auf den Lindenbaum, die fingen an zu schw\u00e4tzen und die erste sprach: &#8222;Ich wei\u00df etwas, wenn ihr das w\u00fcsstet!&#8220; &#8222;Was ist das denn?&#8220; fragten die beiden andern, &#8222;wir wissen auch etwas.&#8220; &#8222;Dr\u00fcben beim Schulthei\u00df ist ein Pferd gefallen, das wird ein k\u00f6stliches Aas, ah das soll mal schmecken,&#8220; sprach die erste Kr\u00e4he. Da begann die zweite und sprach: &#8222;Ich wei\u00df etwas andres, wenn das die zwei w\u00fcssten, die da unterm Baume sitzen, dann s\u00e4\u00dfen sie nicht da.&#8220; &#8222;Was ist das?&#8220; fragten die beiden andern. &#8222;Diesen Abend um zehn Uhr wird das Schl\u00f6sschen, worin sie wohnen, in die Luft gesprengt, das haben die Hofherren ihnen gebraut.&#8220; Nun sprach die dritte Kr\u00e4he: &#8222;Ich wei\u00df etwas, wenn das der blinde Prinz da drunten w\u00fcsste, der w\u00e4re erst froh!&#8220; &#8222;Was ist das?&#8220; fragten die beiden andern. &#8222;Diese Nacht zwischen elf und zw\u00f6lf Uhr f\u00e4llt ein Tau vom Himmel, wer sich damit die Augen bestreicht, der wird auf der Stelle sehend. Nun kommt zu dem toten Gaul, bevor ihn andre holen.&#8220; Da erhoben sie sich wieder und flogen weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prinz steckte seinen Ring wieder an und sprach zu seiner Frau: &#8222;Komm, wir wollen ein St\u00fcckchen weiter in den Wald hinein gehen, der Abend ist ja so sch\u00f6n.&#8220; Da folgte sie ihm. Als sie kaum eine Viertelstunde weit waren, blitzte es pl\u00f6tzlich und dann tat&#8217;s einen Knall, als wenn tausend Kanonen auf einmal losgeschossen w\u00fcrden. Die Prinzessin erschrak, so dass sie fast ohnm\u00e4chtig zusammen gesunken w\u00e4re; als der Prinz ihr aber die ganze Geschichte erz\u00e4hlte, da freute sie sich und beide dankten Gott f\u00fcr ihre Lebensrettung, und legten sich unter einem Baum im Walde zur Ruhe nieder. Die Prinzessin entschlummerte bald, der Prinz aber wachte. Als es gegen die zw\u00f6lfte Stunde ging, tastete er im Grase umher und strich sich den Tau zusammen, damit wusch er sich die Augen. Je mehr er wusch, umso heller wurde es vor ihm und als er dreimal gewaschen hatte, da sah er den Mond wieder, wie seine Strahlen durch die B\u00e4ume fielen, und sah seine liebe Frau wieder, wie sie so wundersch\u00f6n im Mondschein dalag. Er k\u00fcsste sie vor lauter Wonne, da erwachte sie und schaute ihren Mann an und fast h\u00e4tte sie ihn nicht wieder erkannt, so klar und sch\u00f6n gl\u00e4nzten seine Augen sie an. Jetzt f\u00fcllte er auch seine Wasserflasche noch mit dem Tau und hing sie um, denn er dachte: Wer wei\u00df ob ich&#8217;s nicht einmal gebrauchen kann. Also wuchs ihnen aus gro\u00dfem Ungl\u00fcck ein noch viel gr\u00f6\u00dferes Gl\u00fcck und sie waren nun \u00fcberreich bei ihrer gr\u00f6\u00dften Armut. Aber sie sollten noch viel gr\u00f6\u00dfere Leiden ertragen und die Zeit ihrer Pr\u00fcfung war noch nicht zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen am Morgen immer weiter im Walde fort und n\u00e4hrten sich von Wurzeln und Kr\u00e4utern. Da die Prinzessin des Gehens aber ungewohnt war, so wurde sie bald m\u00fcde und gegen Mittag setzte sie sich unter eine Eiche, legte ihren Kopf in den Schoos des Prinzen und schlief ein. Er betrachtete sie mit wonniglichen Blicken, wie sie in Sch\u00f6nheit strahlte; da sah er an ihrem Halse ein S\u00e4ckchen an einer Schnur h\u00e4ngen und als er es \u00f6ffnete, fand er darin einen Karfunkelstein, der gefiel ihm so gut, dass er leise die Schnur l\u00f6ste und ihn lange betrachtete. Er h\u00e4tte ihn aber auch gern einmal in der Sonne spielen sehen, darum legte er ihn neben sich ins Gras, hob sanft der Prinzessin Haupt von seinem Scho\u00df und legte es auf ein Kissen von Laub und Moos, welches er eilig zurecht machte. Als er aber wiederum nach seinem Steine langen wollte, hatte ein Rabe ihn genommen und spielte damit. Er sprang dem Raben nach, da flog derselbe auf und setzte sich weit weg auf einen Baum. Der Prinz verfolgte ihn, und warf mit Steinen nach ihm, da sprang der Rabe von Ast zu Ast und von Baum zu Baum, bis er zuletzt im Geb\u00fcsch verschwand. Betr\u00fcbt suchte der Prinz den R\u00fcckweg auf, aber er fand ihn nicht und verirrte sich immer tiefer in den Wald hinein und wurde immer trostloser. Da kam ein feiner Herr des Weges daher, den frug er nach dem Baume, worunter er seine liebe Frau im Schlafe hatte liegen lassen. Der Herr wusste ihm aber keinen Rat und sprach: &#8222;Solcher B\u00e4ume gibt\u2019s tausend im Walde, den findest du nicht wieder. Geh mit mir und du sollst es nicht schlecht haben.&#8220; Da folgte er dem Herrn zu einem sch\u00f6nen wei\u00dfen Waldhause, darin sa\u00dfen elf Burschen an einem reichgedeckten Tische und lie\u00dfen sich\u2019s wohl sein. Der Herr sprach: &#8222;Nun ist eure Zahl voll, jetzt seit ihr zw\u00f6lf. Ihr bleibt nun Jahr und Tag hier und sollt Alles vollauf haben, aber am Ende des Jahres m\u00fcsst ihr mir drei R\u00e4tsel l\u00f6sen. Wer das kann, bekommt einen Geldbeutel, der nie leer wird, wer es aber nicht kann, der muss sterben.&#8220; Da jubelten die elf Burschen und lie\u00dfen den Herrn hochleben und sie jubelten also fort das ganze Jahr hindurch. Oft riefen sie dem Prinzen, er solle Teil an ihrer Lustbarkeit nehmen, aber der war still und in sich gekehrt, a\u00df und trank wenig, sprach noch weniger, aber dachte ohne Unterlass an seine arme Frau. Jetzt wollen wir sehen, wie es mit ihr ergangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie erwachte und ihren Mann nicht fand, rief sie ihm lange und nat\u00fcrlich vergebens. Da f\u00fchlte sie pl\u00f6tzlich, dass ihr das S\u00e4ckchen am Halse fehle. Ach sollte er mir den Stein geraubt haben und damit entflohen sein? dachte sie, und was konnte sie auch anders denken? Der Gedanke betr\u00fcbte sie gar zu sehr und w\u00e4re sie nicht so fromm gewesen, sie h\u00e4tte sich den bitteren Tod angetan. Nun aber gab sie ihr trauriges Schicksal in des Himmels Hand und ging weiter im Walde gar m\u00fchsame Wege, bis sie an das Meer kam. Da lag ein Schiff vor Anker, das nahm sie um Gotteswillen auf und setzte sie nach vielen Wochen in einem fremden Lande an das Ufer. Sie ging und ging, bis sie in der Ferne ein Schloss sah und als sie n\u00e4her kam, erkannte sie, dass es das Schloss war, wo der Prinz sie gerettet hatte. Da wurde sie frohen Mutes, denn sie dachte ihr Mann werde wieder dort sein und wenn er sie wieder sehe, k\u00f6nne er sie ja nicht versto\u00dfen. Also ging sie in das Schloss und fragte nach dem Prinzen; die Diener wollten ihr eben sein trauriges Schicksal erz\u00e4hlen, da kam die K\u00f6nigin hinzu und erkannte sie. &#8222;Ei bist du hier und was hast du denn hier zu suchen?&#8220; frug das b\u00f6se Weib; da erz\u00e4hlte die Prinzessin, wie sie ihren Mann suche, den sie im Walde verloren habe. &#8222;Komm mit herein,&#8220; sprach die K\u00f6nigin; als die Prinzessin ihr folgte, schloss sie schnell die Th\u00fcr ab und rief den Greis. Sie fassten die Prinzessin, gruben ihr abends die Augen aus und warfen sie in die L\u00f6wengrube. &#8222;Da kannst du deinen Mann suchen,&#8220; riefen sie ihr nach und verh\u00f6hnten sie. Die L\u00f6wen fra\u00dfen sie aber nicht, sondern die jungen L\u00f6wen leckten ihr die Augen heil und die Alten brachten ihr Nahrung, so dass sie am Leben blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterdessen war das Jahr in dem Waldhause fast verstrichen und die elf Bursche dachten nicht einmal an die drei R\u00e4tsel; um desto mehr dachte der Prinz daran und sann und sann, was es wohl sein k\u00f6nne, aber er konnte nichts herausfinden. Eines Abends setzte er sich in den Wald unter eine Eiche, da flogen drei Atzeln heran und lie\u00dfen sich in dem Laub der Eiche nieder. Was m\u00f6gen die wohl schwatzen? dachte der Prinz, legte seinen Ring unter die Zunge und horchte ihnen zu. &#8222;Heisa ihr Br\u00fcder!&#8220; rief die Eine, &#8222;morgen gibt\u2019s einen Festtag f\u00fcr uns, elf fette Handwerksburschen und einen magern Prinzen.&#8220; &#8222;Wie meinst du das?&#8220; fragte die Zweite. &#8222;Morgen m\u00fcssen sie die drei R\u00e4tsel l\u00f6sen und sie wissen nicht eins davon,&#8220; sprach die Dritte. &#8222;Wisst ihr sie denn?&#8220; fragte die Zweite und da schrien die beiden andern: &#8222;Ja, ja, ich will sie sagen, nein ich will sie sagen.&#8220; &#8222;Fang du an,&#8220; sprach die Zweite und die Erste begann: &#8222;Das eine R\u00e4tsel ist, wovon das Haus gebaut sei, das andere, woher sie das Essen gehabt h\u00e4tten und das dritte, warum es in dem Hause nie Nacht werde?&#8220; &#8222;Nun rate du sie,&#8220; sprach die Zweite und die Dritte plapperte: &#8222;Das Haus ist von Armes\u00fcnderknochen gebaut, das Essen kommt von des K\u00f6nigs Tafel und das helle Tageslicht im Hause von dem Karfunkelstein, welchen der Zauberer als Rabe dem armen Prinzen im Walde gestohlen hat und der nun an der Decke h\u00e4ngt.&#8220; Als sie so geplappert hatten, hoben sie die Fl\u00fcgel und flogen weiter. Der Prinz aber erfreut legte sich zum ersten Mal seit einem ganzen Jahre ruhig schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Morgen tafelten und spielten die elf Bursche wieder, da kam der Herr durch den Wald daher und rief schon von weitem: &#8222;Nun ihr Bursche, stellt euch in Reih und Glied, jetzt m\u00fcsst ihr die R\u00e4tsel l\u00f6sen.&#8220; Die Elf folgten gutes Mutes, der Prinz stellte sich ans Ende. Der Herr frug: &#8222;Woraus ist das Haus gebaut?&#8220; &#8222;Ei von Backstein&#8220; sagte der Erste, &#8222;von Bruchstein&#8220; der Zweite, &#8222;von Lehm und Holz&#8220; der Dritte und so weiter bis es an den Prinzen kam, der sprach: &#8222;Von Armes\u00fcnderknochen.&#8220; &#8222;Du hast\u2019s geraten&#8220; sagte der Herr. &#8222;Jetzt sagt mir weiter, woher kam euer Essen?&#8220; &#8222;Aus der Gark\u00fcche,&#8220; schrien alle elf, aber der Prinz sagte: &#8222;Von des K\u00f6nigs Tafel.&#8220; &#8222;Du hast\u2019s geraten&#8220; sagte der Herr. &#8222;Nun sagt mir zum Dritten, warum war euer Haus bei der Nacht so hell, wie bei Tage?&#8220; &#8222;Von einer Lampe&#8220; schrien die Elf zugleich, aber der Prinz sprach: &#8222;Von dem Karfunkelstein, den du mir als Rabe gestohlen hast und der an der Decke h\u00e4ngt.&#8220; &#8222;Du hast\u2019s geraten und hier ist dein Geldbeutel, der nie leer wird,&#8220; sprach der Herr und gab ihm den Beutel, den Elfen aber schlug er die K\u00f6pfe ab. Unterdessen ging der Prinz in das Haus und nahm den Karfunkelstein wieder, dann wanderte er seines Weges weiter im Walde fort, bis er an das Meer kam. Dort ging er weiter bis zur n\u00e4chsten Seestadt, mietete sich ein Schiff und fuhr nach dem Schloss, wo seine Mutter zur\u00fcckgeblieben war. Habe ich bei allem Ungl\u00fcck so viel Gl\u00fcck gehabt, dachte er, wer wei\u00df ob ich das Schloss nicht wieder Gewinne und meine Frau dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war dunkler Abend, als das Schiff in der N\u00e4he des Schlosses vor Anker ging. Er verkleidete sich in einen Matrosen, stieg ans Land, und ging auf das Schloss zu. Leise schlich er hinein und auf den Boden. Als Alles im Schlafe lag, stieg er auf das Dach und lie\u00df sich durch einen Schornstein in das Zimmer hinab, wo er den Greis schlafend gefunden hatte. Das Erste was er sah, war das wei\u00dfe Hemd, welches auf dem runden goldenen Tische lag. Er zog es an, fasste das Schwert, welches an der Wand hing und durchsuchte das Zimmer; da lag der Greis in demselben Bette, wie das Erste Mal und bei ihm die K\u00f6nigin. Dreimal schwang der Prinz das Schwert, da st\u00fcrzten die Diener herein und begr\u00fc\u00dften ihn freudig als ihren K\u00f6nig und Herrn. &#8222;Bindet die Beiden zusammen und werfet sie in einen K\u00e4fig, wo sie gleich Vieh gehalten werden sollen!&#8220; rief der Prinz und es geschah. Die K\u00f6nigin suchte zwar wieder durch neue L\u00fcgen und R\u00e4nke den Prinzen zu bestricken, aber es gelang ihr nicht; sie wurde gebunden in den K\u00e4fig geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erste was die Diener ihm sagten, war, dass die Prinzessin da gewesen sei und nach ihm gefragt habe. Da hob sich sein Herz in neuer Hoffnung. Er lie\u00df die K\u00f6nigin fragen, wo die Prinzessin geblieben sei, aber sie wollte es nicht sagen und vergebens wurde in dem alten Loche gesucht. In seiner Betr\u00fcbnis kam ihm da der Gedanke, er wolle sich den guten L\u00f6wen dankbar beweisen und ihnen einmal eine reichliche Mahlzeit geben. Es wurden Ochsen und Rinder geschlachtet und die Diener mussten ihm das Fleisch in gro\u00dfen Mulden nachtragen. So ging er zum L\u00f6wenzwinger, um es ihnen selbst zu geben. Aber ach du Jammer, als er die T\u00fcr \u00f6ffnete und seine liebe Frau blind in der L\u00f6wengrube wiederfand. Er st\u00fcrzte auf sie zu und schloss sie in seine Arme und das war wieder einmal viel Ungl\u00fcck bei viel Gl\u00fcck. Er f\u00fchrte sie sogleich mit sich in das Schloss, da wusch er vor Allem ihre Augen mit dem Tau, welchen er einst in der Flasche gesammelt hatte und wie lachte sie ihn da so Seelig an! Jetzt war Beider Gl\u00fcck vollkommen und er gab ein Fest nach dem andern zur Feier ihres Wiedersehens. Dann schrieb er seinem Vater Alles nach der Ordnung, wie es sich begeben hatte und reiste mit seiner lieben Frau zu dem alten K\u00f6nig; den K\u00e4fig mit der K\u00f6nigin und dem Greise lie\u00df er nachkommen und \u00fcbergab Beide seinem Vater zur Bestrafung. Da wurden sie auf einem Scheiterhaufen \u00f6ffentlich verbrannt. Der Prinz aber folgte seinem Vater in der Regierung, erbte sp\u00e4ter auch das K\u00f6nigreich seiner Frau und da an dem Schloss auch ein K\u00f6nigreich hing, so war er Herr \u00fcber drei K\u00f6nigreiche.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein K\u00f6nig hatte eine Frau genommen, die war zwar von hoher Geburt, aber nicht von hohem Sinn und brach ihm ihre Treue jeden Tag<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[92,85],"tags":[],"class_list":["post-5298","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-johann-wilhelm-wolf","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5298"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5299,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5298\/revisions\/5299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}