{"id":5250,"date":"2026-01-29T02:44:44","date_gmt":"2026-01-29T01:44:44","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5250"},"modified":"2026-01-29T02:44:44","modified_gmt":"2026-01-29T01:44:44","slug":"das-wirtshaus-im-spessart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-wirtshaus-im-spessart\/","title":{"rendered":"Das Wirtshaus im Spessart"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Wirtshaus im Spessart<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm Hauff<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Vor vielen Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht so h\u00e4ufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Burschen durch diesen Wald. Der eine mochte achtzehn Jahre alt sein und war ein Zirkelschmied, der andere, ein Goldarbeiter, konnte nach seinem Aussehen kaum sechzehn Jahre haben und tat wohl jetzt eben seine erste Reise in die Welt. Der Abend war schon heraufgekommen, und die Schatten der riesengro\u00dfen Fichten und Buchen verfinsterten den schmalen Weg, auf dem die beiden wanderten. Der Zirkelschmied schritt wacker vorw\u00e4rts und pfiff ein Lied, schwatzte auch zuweilen mit Munter, seinem Hund, und schien sich nicht viel darum zu k\u00fcmmern, dass die Nacht nicht mehr fern, desto ferner aber die n\u00e4chste Herberge sei; aber Felix, der Goldarbeiter, sah sich oft \u00e4ngstlich um. Wenn der Wind durch die B\u00e4ume rauschte, so war es ihm, als h\u00f6re er Tritte hinter sich; wenn das Gestr\u00e4uch am Wege hin und her wankte und sich teilte, glaubte er Gesichter hinter den B\u00fcschen lauern zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Goldschmied war sonst nicht abergl\u00e4ubisch oder mutlos. In W\u00fcrzburg, wo er gelernt hatte, galt er unter seinen Kameraden f\u00fcr einen unerschrockenen Burschen, dem das Herz am rechten Fleck sitze; aber heute war ihm doch sonderbar zumute. Man hatte ihm vom Spessart so mancherlei erz\u00e4hlt; eine gro\u00dfe R\u00e4uberbande sollte dort ihr Wesen treiben, viele Reisende waren in den letzten Wochen gepl\u00fcndert worden, ja man sprach sogar von einigen greulichen Mordgeschichten, die vor nicht langer Zeit dort vorgefallen seien. Da war ihm nun doch etwas bange f\u00fcr sein Leben, denn sie waren ja nur zu zweit und konnten gegen bewaffnete R\u00e4uber gar wenig ausrichten. Oft gereute es ihn, dass er dem Zirkelschmied gefolgt war, noch eine Station zu gehen, statt am Eingang des Waldes \u00fcber Nacht zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und wenn ich heute Nacht totgeschlagen werde und um Leben und alles komme, was ich bei mir habe, so ist&#8217;s nur deine Schuld, Zirkelschmied; denn du hast mich in den schrecklichen Wald hereingeschw\u00e4tzt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sei kein Hasenfu\u00df&#8220;, erwiderte der andere, &#8222;ein rechter Handwerksbursche soll sich eigentlich gar nicht f\u00fcrchten. Und was meinst du denn? Meinst du, die Herren R\u00e4uber im Spessart werden uns die Ehre antun, uns zu \u00fcberfallen und totzuschlagen? Warum sollten sie sich diese M\u00fche geben? Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich im Ranzen habe, oder wegen des Zehrpfennigs von einem Taler? Da muss man schon mit Vieren fahren, in Gold und Seide gekleidet sein, wenn sie es der M\u00fche wert finden, einen totzuschlagen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Halt! H\u00f6rst du nicht etwas pfeifen im Wald?&#8220; rief Felix \u00e4ngstlich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das war der Wind, der um die B\u00e4ume pfeift, geh nur rasch vorw\u00e4rts, lange kann es nicht mehr dauern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, du hast gut reden wegen des Totschlagens&#8220;, fuhr der Goldarbeiter fort. &#8222;Dich fragen sie, was du hast, durchsuchen dich und nehmen dir allenfalls den Sonntagsrock und den Gulden und drei\u00dfig Kreuzer; aber mich, mich schlagen sie gleich anfangs tot, nur weil ich Gold und Geschmeide mit mir f\u00fchre. &#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ei, warum sollten sie dich totschlagen deswegen? K\u00e4men jetzt vier oder f\u00fcnf dort aus dem Busch mit geladenen B\u00fcchsen, die sie auf uns anlegten, und fragten ganz h\u00f6flich: &#8222;Ihr Herren, was habt ihr bei euch?&#8220; und &#8222;Machet es euch bequem, wir wollen&#8217;s euch tragen helfen&#8220;, und was dergleichen anmutige Redensarten sind; da w\u00e4rest du wohl kein Tor, machtest dein R\u00e4nzchen auf und legtest die gelbe Weste, den blauen Rock, zwei Hemden und alle Halsb\u00e4nder und Armb\u00e4nder und K\u00e4mme, und was du sonst noch hast, h\u00f6flich auf die Erde und bedanktest dich f\u00fcrs Leben, das sie dir schenkten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So, meinst du&#8220;, entgegnete Felix sehr eifrig, &#8222;den Schmuck f\u00fcr meine Frau Pate, die vornehme Gr\u00e4fin, soll ich hergeben? Eher mein Leben; eher lass ich mich in kleine St\u00fccke zerschneiden. Hat sie nicht Mutterstelle an mir vertreten und seit meinem zehnten Jahr mich aufziehen lassen? Hat sie nicht die Lehre f\u00fcr mich bezahlt und Kleider und alles? Und jetzt, da ich sie besuchen darf und etwas mitbringe von meiner eigenen Arbeit, das sie beim Meister bestellt hat, jetzt, da ich ihr an dem sch\u00f6nen Geschmeide zeigen k\u00f6nnte, was ich gelernt habe, jetzt soll ich das alles hergeben und die gelbe Weste dazu, die ich auch von ihr habe? Nein, lieber sterben, als dass ich den schlechten Menschen meiner Frau Pate Geschmeide gebe!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sei kein Narr!&#8220; rief der Zirkelschmied. &#8222;Wenn sie dich totschlagen, bekommt die Frau Gr\u00e4fin den Schmuck dennoch nicht. Drum ist es besser, du gibst ihn her und erh\u00e4ltst dein Leben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Felix antwortete nicht; die Nacht war jetzt ganz heraufgekommen, und bei dem ungewissen Schein des Neumonds konnte man kaum auf f\u00fcnf Schritte vor sich sehen; er wurde immer \u00e4ngstlicher, hielt sich n\u00e4her an seinen Kameraden und war mit sich uneinig, ob er seine Reden und Beweise billigen sollte oder nicht. Noch eine Stunde beinahe waren sie fortgegangen, da erblickten sie in der Ferne ein Licht. Der junge Goldschmied meinte aber, man d\u00fcrfe nicht trauen, vielleicht k\u00f6nnte es ein R\u00e4uberhaus sein, aber der Zirkelschmied belehrte ihn, dass die R\u00e4uber ihre H\u00e4user oder H\u00f6hlen unter der Erde haben, und dies m\u00fcsse das Wirtshaus sein, das ihnen ein Mann am Eingang des Waldes beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Karren stand davor, und nebenan im Stalle h\u00f6rte man Pferde wiehern. Der Zirkelschmied winkte seinen Gesellen an ein Fenster, dessen Laden ge\u00f6ffnet waren. Sie konnten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, die Stube \u00fcbersehen. Am Ofen in einem Armstuhl schlief ein Mann, der seiner Kleidung nach ein Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der T\u00fcre sein konnte. An der andern Seite des Ofens sa\u00dfen ein Weib und ein M\u00e4dchen und spannen; hinter dem Tisch an der Wand sa\u00df ein Mensch, der ein Glas Wein vor sich, den Kopf in die H\u00e4nde gest\u00fctzt hatte, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnten. Der Zirkelschmied aber wollte aus seiner Kleidung bemerken, dass es ein vornehmer Herr sein m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie so noch auf der Lauer standen, schlug ein Hund im Hause an. Munter, des Zirkelschmieds Hund, antwortete, und eine Magd erschien in der T\u00fcre und schaute nach den Fremden heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Man versprach, ihnen Nachtessen und Betten geben zu k\u00f6nnen; sie traten ein und legten die schweren B\u00fcndel, Stock und Hut in die Ecke und setzten sich zu dem Herrn am Tische. Dieser richtete sich bei ihrem Gru\u00dfe auf, und sie erblickten einen feinen jungen Mann, der ihnen freundlich f\u00fcr ihren Gru\u00df dankte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr seid sp\u00e4t auf der Bahn&#8220;, sagte er, &#8222;habt Ihr Euch nicht gef\u00fcrchtet, in so dunkler Nacht durch den Spessart zu reisen? Ich f\u00fcr meinen Teil habe lieber mein Pferd in dieser Schenke eingestellt, als dass ich nur noch eine Stunde geritten w\u00e4re.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da habt Ihr allerdings recht gehabt, Herr!&#8220; erwiderte der Zirkelschmied. &#8222;Der Hufschlag eines sch\u00f6nen Pferdes ist Musik in den Ohren dieses Gesindels und lockt sie auf eine Stunde weit; aber wenn ein paar arme Burschen wie wir durch den Wald schleichen, Leute, welchen die R\u00e4uber eher selbst etwas schenken k\u00f6nnten, da heben sie keinen Fu\u00df auf!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist wohl wahr&#8220;, entgegnete der Fuhrmann, der, durch die Ankunft der Fremden erweckt, auch an den Tisch getreten war, &#8222;einem armen Mann k\u00f6nnen sie nicht viel anhaben seines Geldes willen; aber man hat Beispiele, dass sie arme Leute nur aus Mordlust niederstie\u00dfen oder sie zwangen, unter die Bande zu treten und als R\u00e4uber zu dienen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun, wenn es so aussieht mit diesen Leuten im Wald&#8220;, bemerkte der junge Goldschmied, &#8222;so wird uns wahrhaftig auch dieses Haus wenig Schutz gew\u00e4hren. Wir sind nur zu viert und mit dem Hausknecht f\u00fcnf; wenn es ihnen einf\u00e4llt, zu zehnt uns zu \u00fcberfallen, was k\u00f6nnen wir gegen sie? Und \u00fcberdies&#8220;, setzte er leise und fl\u00fcsternd hinzu, &#8222;wer steht uns daf\u00fcr, dass diese Wirtsleute ehrlich sind?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da hat es gute Wege&#8220;, erwiderte der Fuhrmann. &#8222;Ich kenne diese Wirtschaft seit mehr als zehn Jahren und habe nie etwas Unrechtes darin versp\u00fcrt. Der Mann ist selten zu Hause, man sagt, er treibe Weinhandel; die Frau aber ist eine stille Frau, die niemand B\u00f6ses will; nein, dieser tut Ihr unrecht, Herr!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und doch&#8220;, nahm der junge vornehme Herr das Wort, &#8222;doch m\u00f6chte ich nicht so ganz verwerfen, was er gesagt. Erinnert Euch an die Ger\u00fcchte von jenen Leuten, die in diesem Wald auf einmal spurlos verschwunden sind. Mehrere davon hatten vorher gesagt, sie w\u00fcrden in diesem Wirtshaus \u00fcbernachten, und als man nach zwei oder drei Wochen nichts von ihnen vernahm, ihrem Weg nachforschte und auch hier im Wirtshaus nachfragte, da soll nun keiner gesehen worden sein; verd\u00e4chtig ist es doch.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wei\u00df Gott&#8220;, rief der Zirkelschmied, &#8222;da handelten wir ja vern\u00fcnftiger, wenn wir unter dem n\u00e4chsten Baum unser Nachtlager n\u00e4hmen als hier in diesen vier W\u00e4nden, wo an kein Entspringen zu denken ist, wenn sie einmal die T\u00fcre besetzt haben; denn die Fenster sind vergittert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren alle durch diese Reden nachdenklich geworden. Es schien gar nicht unwahrscheinlich, dass die Schenke im Wald, sei es gezwungen oder freiwillig, im Einverst\u00e4ndnis mit den R\u00e4ubern war. Die Nacht schien ihnen daher gef\u00e4hrlich; denn wie manche Sage hatten sie geh\u00f6rt von Wanderern, die man im Schlaf \u00fcberfallen und gemordet hatte; und sollte es auch nicht an ihr Leben gehen, so war doch ein Teil der G\u00e4ste in der Waldschenke von so beschr\u00e4nkten Mitteln, dass ihnen ein Raub an einem Teil ihrer Habe sehr empfindlich gewesen w\u00e4re. Sie schauten verdrie\u00dflich und d\u00fcster in ihre Gl\u00e4ser. Der junge Herr w\u00fcnschte, auf seinem Ross durch ein sicheres, offenes Tal zu traben, der Zirkelschmied w\u00fcnschte sich zw\u00f6lf seiner handfesten Kameraden, mit Kn\u00fctteln bewaffnet, als Leibgarde, Felix, der Goldarbeiter, trug bange mehr um den Schmuck seiner Wohlt\u00e4terin als um sein Leben; der Fuhrmann aber, der einige Mal den Rauch seiner Pfeife nachdenklich vor sich hingeblasen, sprach leise: &#8222;Ihr Herren, im Schlaf wenigstens sollen sie uns nicht \u00fcberfallen. Ich f\u00fcr meinen Teil will, wenn nur noch einer mit mir h\u00e4lt, die ganze Nacht wach bleiben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das will ich auch&#8220; &#8211; &#8222;ich auch&#8220;, riefen die drei \u00fcbrigen; &#8222;schlafen k\u00f6nnte ich doch nicht&#8220;, setzte der junge Herr hinzu. &#8222;Nun, so wollen wir etwas treiben, dass wir wach bleiben&#8220;, sagte der Fuhrmann, &#8222;ich denke, weil wir doch gerade zu viert sind, k\u00f6nnten wir Karten spielen, das h\u00e4lt wach und vertreibt die Zeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich spiele niemals Karten&#8220;, erwiderte der junge Herr, &#8222;darum kann ich wenigstens nicht mithalten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und ich kenne die Karten gar nicht&#8220;, setzte Felix hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was k\u00f6nnen wir denn aber anfangen, wenn wir nicht spielen&#8220;, sprach der Zirkelschmied, &#8222;singen? Das geht nicht und w\u00fcrde nur das Gesindel herbeilocken; einander R\u00e4tsel und Spr\u00fcche aufgeben zum Erraten? Das dauert auch nicht lange. Wisst ihr was? Wie w\u00e4re es, wenn wir uns etwas erz\u00e4hlten? Lustig oder ernsthaft, wahr oder erdacht, es h\u00e4lt doch wach und vertreibt die Zeit so gut wie Kartenspiel.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin&#8217;s zufrieden, wenn Ihr anfangen wolltet&#8220;, sagte der junge Herr l\u00e4chelnd. &#8222;Ihr Herren vom Handwerk kommt in allen L\u00e4ndern herum und k\u00f6nnet schon etwas erz\u00e4hlen; hat doch jede Stadt ihre eigenen Sagen und Geschichten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, ja, man h\u00f6rt manches&#8220;, erwiderte der Zirkelschmied, &#8222;daf\u00fcr studieren Herren wie Ihr flei\u00dfig in den B\u00fcchern, wo gar wundervolle Sachen geschrieben stehen; da w\u00fcsstet Ihr noch Kl\u00fcgeres und Sch\u00f6neres zu erz\u00e4hlen als ein schlichter Handwerksbursche wie unsereiner. Mich m\u00fcsste alles tr\u00fcgen, oder Ihr seid ein Student, ein Gelehrter.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ein Gelehrter nicht&#8220;, l\u00e4chelte der junge Herr, &#8222;wohl aber ein Student und will in den Ferien nach der Heimat reisen; doch was in unsern B\u00fcchern steht, eignet sich weniger zum Erz\u00e4hlen, als was Ihr hier und dort geh\u00f6ret. Darum hebet immer an, wenn anders diese da gerne zuh\u00f6ren!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noch h\u00f6her als Kartenspiel&#8220;, erwiderte der Fuhrmann, &#8222;gilt bei mir, wenn einer eine sch\u00f6ne Geschichte erz\u00e4hlt. Oft fahre ich auf der Landstra\u00dfe lieber im elendesten Schritt und h\u00f6re einem zu, der nebenher geht und etwas Sch\u00f6nes erz\u00e4hlt; manchen habe ich schon im schlechten Wetter auf den Karren genommen, unter der Bedingung, dass er etwas erz\u00e4hle, und einen Kameraden von mir habe ich, glaube ich, nur deswegen so lieb, weil er Geschichten wei\u00df, die sieben Stunden lang und l\u00e4nger dauern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So geht es auch mir&#8220;, setzte der junge Goldarbeiter hinzu, &#8222;erz\u00e4hlen h\u00f6re ich f\u00fcr mein Leben gerne, und mein Meister in W\u00fcrzburg musste mir die B\u00fccher ordentlich verbieten, dass ich nicht zuviel Geschichten las und die Arbeit dar\u00fcber vernachl\u00e4ssigte. Darum gib nur etwas Sch\u00f6nes preis, Zirkelschmied, ich wei\u00df, du k\u00f6nntest erz\u00e4hlen von jetzt an, bis es Tag wird, ehe dein Vorrat ausginge.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zirkelschmied trank, um sich zu seinem Vortrag zu st\u00e4rken, und hub alsdann also an:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist die Sage von dem Hirschgulden&#8220;, endete der Zirkelschmied, &#8222;und wahr soll sie sein. Der Wirt in D\u00fcrrwangen, das nicht weit von den drei Schl\u00f6ssern liegt, hat sie meinem guten Freund erz\u00e4hlt, der oft als Wegweiser \u00fcber die schw\u00e4bische Alb ging und immer in D\u00fcrrwangen einkehrte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00e4ste gaben dem Zirkelschmied Beifall. &#8222;Was man doch nicht alles h\u00f6rt in der Welt&#8220;, rief der Fuhrmann. &#8222;Wahrhaftig, jetzt erst freut es mich, dass wir die Zeit nicht mit Kartenspielen verderbten, so ist es wahrlich besser; und gemerkt habe ich mir die Geschichte, dass ich sie morgen meinen Kameraden erz\u00e4hlen kann, ohne ein Wort zu fehlen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mir fiel da, w\u00e4hrend Ihr so erz\u00e4hltet, etwas ein&#8220;, sagte der Student.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O erz\u00e4hlet, erz\u00e4hlet!&#8220; baten der Zirkelschmied und Felix.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gut&#8220;, antwortete jener, &#8222;ob die Reihe jetzt an mich kommt oder sp\u00e4ter, ist gleichviel; ich muss ja doch heimgehen, was ich geh\u00f6rt. Das, was ich erz\u00e4hlen will, soll sich wirklich einmal begeben haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzte sich zurecht und wollte eben anheben zu erz\u00e4hlen, als die Wirtin den Spinnrocken beiseite setzte und zu den G\u00e4sten an den Tisch trat. &#8222;Jetzt, ihr Herren, ist es Zeit, zu Bette zu gehen&#8220;, sagte sie, &#8222;es hat neun Uhr geschlagen, und morgen ist auch ein Tag.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ei, so gehe zu Bette!&#8220; rief der Student, &#8222;setze noch eine Flasche Wein f\u00fcr uns hierher, und dann wollen wir dich nicht l\u00e4nger abhalten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mitnichten&#8220;, entgegnete sie gr\u00e4mlich, &#8222;solange noch G\u00e4ste in der Wirtsstube sitzen, k\u00f6nnen Wirtin und Dienstboten nicht weggehen. Und kurz und gut, ihr Herren, machet, dass ihr auf eure Kammern kommet; mir wird die Zeit lange, und l\u00e4nger als neun Uhr darf in meinem Hause nicht gezecht werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was f\u00e4llt Euch ein, Frau Wirtin?&#8220; sprach der Zirkelschmied staunend, &#8222;was schadet es denn Euch, ob wir hier sitzen, wenn Ihr auch schon l\u00e4ngst schlafet; wir sind rechtliche Leute und werden Euch nichts hinwegtragen, noch ohne Bezahlung fortgehen. Aber so lasse ich mir in keinem Wirtshaus ausbieten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau rollte zornig die Augen: &#8222;Meint ihr, ich werde wegen jedem Lumpen von Handwerksburschen, wegen jedem Stra\u00dfenl\u00e4ufer, der mir zw\u00f6lf Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung \u00e4ndern? Ich sag&#8216; euch jetzt zum letzten Mal, dass ich den Unfug nicht leide!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal wollte der Zirkelschmied etwas entgegnen; aber der Student sah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den \u00fcbrigen. &#8222;Gut&#8220;, sprach er, &#8222;wenn es denn die Frau Wirtin nicht haben will, so lasst uns auf unsere Kammern gehen. Aber Lichter m\u00f6chten wir gerne haben, um den Weg zu finden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Damit kann ich nicht dienen&#8220;, entgegnete sie finster, &#8222;die andern werden schon den Weg im Dunkeln finden, und f\u00fcr Euch ist dies St\u00fcmpfchen hier hinl\u00e4nglich; mehr habe ich nicht im Hause.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Schweigend nahm der junge Herr das Licht und stand auf. Die andern folgten ihm, und die Handwerksburschen nahmen ihre B\u00fcndel, um sie in der Kammer bei sich niederzulegen. Sie gingen dem Studenten nach, der ihnen die Treppe hinanleuchtete.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Als sie oben angekommen waren, bat sie der Student, leise aufzutreten, schloss sein Zimmer auf und winke ihnen herein. &#8222;Jetzt ist kein Zweifel mehr&#8220;, sagte er, &#8222;sie will uns verraten; habt ihr nicht bemerkt, wie \u00e4ngstlich sie uns zu Bett zu bringen suchte, wie sie uns alle Mittel abschnitt, wach und beisammen zu bleiben? Sie meint wahrscheinlich, wir werden uns jetzt niederlegen und dann werde sie um so leichteres Spiel haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber meint Ihr nicht, wir k\u00f6nnten noch entkommen?&#8220; fragte Felix. &#8222;Im Wald kann man doch eher auf Rettung denken als hier im Zimmer.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Fenster sind auch hier vergittert&#8220;, rief der Student, indem er vergebens versuchte, einen der Eisenst\u00e4be des Gitters loszumachen. &#8222;Uns bleibt nur ein Ausweg, wenn wir entweichen wollen, durch die Haust\u00fcre; aber ich glaube nicht, dass sie uns fortlassen werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es k\u00e4me auf den Versuch an&#8220;, sprach der Fuhrmann, &#8222;ich will einmal probieren, ob ich bis in den Hof kommen kann. Ist dies m\u00f6glich, so kehre ich zur\u00fcck und hole euch nach.&#8220; Die \u00fcbrigen billigten diesen Vorschlag, der Fuhrmann legte die Schuhe ab und schlich sich auf den Zehen nach der Treppe; \u00e4ngstlich lauschten seine Genossen oben im Zimmer; schon war er die eine H\u00e4lfte der Treppe gl\u00fccklich und unbemerkt hinabgestiegen; aber als er sich dort um einen Pfeiler wandte, richtete sich pl\u00f6tzlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die H\u00f6he, legte ihre Tatzen auf seine Schultern und wies ihm, gerade seinem Gesicht gegen\u00fcber, zwei Reihen langer, scharfer Z\u00e4hne . Er wagte weder vor- noch r\u00fcckw\u00e4rts auszuweichen; denn bei der geringsten Bewegung schnappte der entsetzliche Hund nach seiner Kehle. Zugleich fing er an zu heulen und zu bellen, und alsobald erschienen der Hausknecht und die Frau mit Lichtern .<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wohin, was wollt Ihr?&#8220; rief die Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe noch etwas in meinem Karren zu holen&#8220;, antwortete der Fuhrmann, am ganzen Leibe zitternd; denn als die T\u00fcre aufgegangen war, hatte er mehrere braune, verd\u00e4chtige Gesichter, M\u00e4nner mit B\u00fcchsen in der Hand, im Zimmer bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das h\u00e4ttet Ihr alles auch vorher abmachen k\u00f6nnen&#8220;, sagte die Wirtin m\u00fcrrisch. &#8222;Fassan, daher! Schlie\u00df die Hoft\u00fcre zu, Jakob, und leuchte dem Mann an seinen Karren!&#8220; Der Hund zog seine greuliche Schnauze und seine Tatzen von der Schulter des Fuhrmanns zur\u00fcck und lagerte sich wieder quer \u00fcber die Treppe; der Hausknecht aber hatte das Hoftor zugeschlossen und leuchtete dem Fuhrmann. An ein Entkommen war nicht zu denken. Aber als er nachsann, was er denn eigentlich aus dem Karren holen sollte, fiel ihm ein Pfund Wachslichter ein, die er in die n\u00e4chste Stadt \u00fcberbringen sollte. &#8222;Das St\u00fcmpfchen Licht oben kann kaum noch eine Viertelstunde dauern&#8220;, sagte er zu sich, &#8222;und Licht m\u00fcssen wir dennoch haben!&#8220; Er nahm also zwei Wachskerzen aus dem Wagen, verbarg sie in dem \u00c4rmel und holte dann zum Schein seinen Mantel aus dem Karren, womit er sich, wie er dem Hausknecht sagte, heute nacht bedecken wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklich kam er wieder auf dem Zimmer an. Er erz\u00e4hlte von dem gro\u00dfen Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den M\u00e4nnern, die er fl\u00fcchtig gesehen, von allen Anstalten, die man gemacht, um sich ihrer zu versichern, und schloss damit, dass er seufzend sagte: &#8222;Wir werden diese Nacht nicht \u00fcberleben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das glaube ich nicht&#8220;, erwiderte der Student, &#8222;f\u00fcr so t\u00f6richt kann ich diese Leute nicht halten, dass sie wegen des geringen Vorteils, den sie von uns h\u00e4tten, vier Menschen ans Leben gehen sollten. Aber verteidigen d\u00fcrfen wir uns nicht. Ich f\u00fcr meinen Teil werde wohl am meisten verlieren; mein Pferd ist schon in ihren H\u00e4nden, es kostete mich f\u00fcnfzig Dukaten noch vor vier Wochen; meine B\u00f6rse, meine Kleider gebe ich willig hin; denn mein Leben ist mir am Ende doch lieber als alles dies.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr habt gut reden&#8220;, erwiderte der Fuhrmann, &#8222;solche Sachen, wie Ihr sie verlieren k\u00f6nnt, ersetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der Bote von Aschaffenburg und habe allerlei G\u00fcter auf meinem Karren, und im Stall zwei sch\u00f6ne Rosse, meinen einzigen Reichtum.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich kann unm\u00f6glich glauben, dass sie Euch ein Leides tun werden&#8220;, bemerkte der Goldschmied, &#8222;einen Boten zu berauben, w\u00fcrde schon viel Geschrei und L\u00e4rmen im Land machen. Aber daf\u00fcr bin ich auch, was der Herr dort sagt; lieber will ich gleich alles hergeben, was ich habe, und mit einem Eid versprechen, nichts zu sagen, ja niemals zu klagen, als mich gegen Leute, die B\u00fcchsen und Pistolen haben, um meine geringe Habe wehren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fuhrmann hatte w\u00e4hrend dieser Reden seine Wachskerzen hervorgezogen. Er klebte sie auf den Tisch und z\u00fcndete sie an. &#8222;So lasst uns in Gottes Namen erwarten, was \u00fcber uns kommen wird&#8220;, sprach er, &#8222;wir wollen uns wieder zusammen niedersetzen und durch Sprechen den Schlaf abhalten.&#8220; &#8222;Das wollen wir&#8220;, antwortete der Student, &#8222;und weil vorhin die Reihe an mir stehengeblieben war, will ich euch etwas erz\u00e4hlen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesen Worten wurde der Erz\u00e4hler durch ein Ger\u00e4usch vor der Schenke unterbrochen. Man h\u00f6rte einen Wagen anfahren, mehrere Stimmen riefen nach Licht, es wurde heftig an das Hoftor gepocht, und dazwischen heulten mehrere Hunde. Die Kammer, die man dem Fuhrmann und den Handwerksburschen angewiesen hatte, ging nach der Stra\u00dfe hinaus; die vier G\u00e4ste sprangen auf und liefen dorthin, um zu sehen, was vorgefallen sei. Soviel sie bei dem Schein einer Laterne sehen konnten, stand ein gro\u00dfer Reisewagen vor der Schenke; soeben war ein gro\u00dfer Mann besch\u00e4ftigt, zwei verschleierte Frauen aus dem Wagen zu heben, und einen Kutscher in Livree sah man die Pferde abspannen, ein Bediensteter aber schnallte den Koffer los. &#8222;Diesen sei Gott gn\u00e4dig&#8220;, seufzte der Fuhrmann. &#8222;Wenn diese mit heiler Haut aus der Schenke kommen, so ist mir f\u00fcr meinen Karren auch nicht mehr bange.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Stille!&#8220; fl\u00fcsterte der Student. &#8222;Mir ahnet, dass man eigentlich nicht uns, sondern dieser Dame auflauert; wahrscheinlich waren sie unten schon von ihrer Reise unterrichtet. Wenn man sie nur warnen k\u00f6nnte! Doch halt! Es ist im ganzen Wirtshaus kein anst\u00e4ndiges Zimmer f\u00fcr die Damen als das neben dem meinigen. Dorthin wird man sie f\u00fchren. Bleibet ihr ruhig in dieser Kammer; ich will die Bediensteten zu unterrichten suchen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann schlich sich auf sein Zimmer, l\u00f6schte die Kerzen aus und lie\u00df nur das Licht brennen, das ihm die Wirtin gegeben. Dann lauschte er an der T\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald kam die Wirtin mit den Damen die Treppe herauf und f\u00fchrte sie mit freundlichen, sanften Worten in das Zimmer nebenan. Sie redete ihren G\u00e4sten zu, sich bald niederzulegen, weil sie von der Reise ersch\u00f6pft sein w\u00fcrden; dann ging sie wieder hinab. Bald darauf h\u00f6rte der Student schwere m\u00e4nnliche Tritte die Treppe heraufkommen. Er \u00f6ffnete behutsam die T\u00fcre und erblickte durch eine kleine Spalte den gro\u00dfen Mann, welcher die Damen aus dem Wagen gehoben. Er trug ein Jagdkleid und hatte einen Hirschf\u00e4nger an der Seite und war wohl der Reisestallmeister oder Begleiter der fremden Damen. Als der Student merkte, dass dieser allein heraufgekommen war, \u00f6ffnete er schnell die T\u00fcr und winkte dem Mann, zu ihm einzutreten. Verwundert trat dieser n\u00e4her, und ehe er noch fragen konnte, was man von ihm wolle, fl\u00fcsterte ihm jener zu: &#8222;Mein Herr! Sie sind heute nacht in eine R\u00e4uberschenke geraten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann erschrak; der Student zog ihn aber vollends in seine T\u00fcre und erz\u00e4hlte ihm, wie verd\u00e4chtig es in diesem Hause aussehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00e4ger wurde sehr besorgt, als er dies h\u00f6rte; er belehrte den jungen Mann, dass die Damen, eine Gr\u00e4fin und ihre Kammerfrau, anf\u00e4nglich die ganze Nacht durch haben fahren wollen; aber etwa eine halbe Stunde von dieser Schenke sei ihnen ein Reiter begegnet, der sie angerufen und gefragt habe, wohin sie reisen wollten. Als er vernommen, dass sie gesonnen seien, die ganze Nacht durch den Spessart zu reisen, habe er ihnen abgeraten, indem es gegenw\u00e4rtig sehr unsicher sei. &#8222;Wenn Ihnen am Rat eines redlichen Mannes etwas liegt&#8220;, habe er hinzugesetzt, &#8222;so stehen Sie ab von diesem Gedanken; es liegt nicht weit von hier eine Schenke; so schlecht und unbequem sie sein mag, so \u00fcbernachten Sie lieber daselbst, als dass Sie sich in dieser dunklen Nacht unn\u00f6tig der Gefahr preisgeben.&#8220; Der Mann, der ihnen dies geraten, habe sehr ehrlich und rechtlich ausgesehen, und die Gr\u00e4fin habe in der Angst vor einem R\u00e4uberanfall befohlen, an dieser Schenke stille zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00e4ger hielt es f\u00fcr seine Pflicht, die Damen von der Gefahr, worin sie schwebten, zu unterrichten. Er ging in das andere Zimmer, und bald darauf \u00f6ffnete er die T\u00fcre, welche von dem Zimmer der Gr\u00e4fin in das des Studenten f\u00fchrte. Die Gr\u00e4fin, eine Dame von etwa vierzig Jahren, trat, vor Schrecken bleich, zu dem Studenten heraus und lie\u00df sich alles noch einmal von ihm wiederholen. Dann beriet man sich, was in dieser misslichen Lage zu tun sei, und beschloss, so behutsam als m\u00f6glich die zwei Bediensteten, den Fuhrmann und die Handwerksburschen herbeizuholen, um im Fall eines Angriffs wenigstens gemeinsame Sache machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dieses bald darauf geschehen war, wurde das Zimmer der Gr\u00e4fin gegen den Hausflur hin verschlossen und mit Kommoden und St\u00fchlen verrammelt. Sie setzte sich mit ihrer Kammerfrau aufs Bette, und die zwei Bediensteten hielten bei ihr Wache. Die fr\u00fcheren G\u00e4ste aber und der J\u00e4ger setzten sich im Zimmer des Studenten um den Tisch und beschlossen, die Gefahr zu erwarten. Es mochte jetzt etwa zehn Uhr sein, im Hause war alles ruhig und still, und noch machte man keine Miene, die G\u00e4ste zu st\u00f6ren. Da sprach der Zirkelschmied: &#8222;Um wach zu bleiben, w\u00e4re es wohl das beste, wir machten es wieder wie zuvor; wir erz\u00e4hlten n\u00e4mlich, was wir von allerlei Geschichten wissen, und wenn der Herr J\u00e4ger nichts dagegen hat, so k\u00f6nnten wir weiter fortfahren.&#8220; Der J\u00e4ger aber hatte nicht nur nichts dagegen einzuwenden, sondern um seine Bereitwilligkeit zu zeigen, versprach er, selbst etwas zu erz\u00e4hlen. Er hub an:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Bei solcher Unterhaltung k\u00e4me mir kein Schlaf in die Augen, wenn ich auch zwei, drei und mehrere N\u00e4chte wach bleiben m\u00fc\u00dfte&#8220;, sagte der Zirkelschmied, als der J\u00e4ger geendigt hatte. &#8222;Und oft schon habe ich dies bew\u00e4hrt gefunden. So war ich in fr\u00fcherer Zeit als Geselle bei einem Glockengie\u00dfer. Der Meister war ein reicher Mann und kein Geizhals; aber eben darum wunderten wir uns nicht wenig, als wir einmal eine gro\u00dfe Arbeit hatten, und er, ganz gegen seine Gewohnheit, so knickerig als m\u00f6glich erschien. Es wurde in die neue Kirche eine Glocke gegossen, und wir Jungen und Gesellen mussten die ganze Nacht am Herd sitzen und das Feuer h\u00fcten. Wir glaubten nicht anders, als der Meister werde sein Mutterf\u00e4sschen anstechen und uns den besten Wein vorsetzen. Aber nicht also. Er lie\u00df nur alle Stunden einen Umtrank tun und fing an, von seiner Wanderschaft, von seinem Leben allerlei Geschichten zu erz\u00e4hlen; dann kam es an den Obergesellen, und so nach der Reihe, und keiner von uns wurde schl\u00e4frig, denn begierig horchten wir alle zu. Ehe wir uns dessen versahen, war es Tag. Da erkannten wir die List des Meisters, dass er uns durch Reden habe wach halten wollen. Denn als die Glocke fertig war, schonte er seinen Wein nicht und holte ein, was er weislich in jener Nacht vers\u00e4umte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist ein vern\u00fcnftiger Mann&#8220;, erwiderte der Student, &#8222;gegen den Schlaf, das ist gewiss, hilft nichts als Reden. Darum m\u00f6chte ich diese Nacht nicht einsam bleiben, weil ich mich gegen elf Uhr hin des Schlafes nicht erwehren k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das haben auch die Bauersleute wohlbedacht&#8220;, sagte der J\u00e4ger, &#8222;wenn die Frauen und M\u00e4dchen in den langen Winterabenden bei Licht spinnen, so bleiben sie nicht einsam zu Hause, weil sie da wohl mitten unter der Arbeit einschliefen, sondern sie kommen zusammen in den sogenannten Lichtstuben, setzen sich in gro\u00dfer Gesellschaft zur Arbeit und erz\u00e4hlen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja&#8220;, fiel der Fuhrmann ein, &#8222;da geht es oft recht greulich zu, dass man sich ordentlich f\u00fcrchten m\u00f6chte, denn sie erz\u00e4hlen von feurigen Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen und Vieh \u00e4ngstigen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da haben sie nun freilich nicht die beste Unterhaltung&#8220;, entgegnete der Student. &#8222;Mir, ich gestehe es, ist nichts so verhasst als Gespenstergeschichten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ei, da denke ich gerade das Gegenteil&#8220;, rief der Zirkelschmied. &#8222;Mir ist es recht behaglich bei einer rechten Schauergeschichte. Es ist gerade wie beim Regenwetter, wenn man unter dem Dach schl\u00e4ft . Man h\u00f6rt die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegel herunterrauschen und f\u00fchlt sich recht warm im Trockenen. So, wenn man bei Licht und in Gesellschaft von Gespenstern h\u00f6rt, f\u00fchlt man sich sicher und behaglich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber nachher?&#8220; sagte der Student. &#8222;Wenn einer zugeh\u00f6rt hat, der dem l\u00e4cherlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, wird er sich nicht grauen, wenn er allein ist und im Dunkeln? Wird er nicht an alles das Schauerliche denken, was er geh\u00f6rt? Ich kann mich noch heute \u00fcber diese Gespenstergeschichten \u00e4rgern, wenn ich an meine Kindheit denke. Ich war ein munterer, aufgeweckter Junge und mochte vielleicht etwas unruhiger sein, als meiner Amme lieb war. Da wusste sie nun kein anderes Mittel, mich zum Schweigen zu bringen, als sie machte mich f\u00fcrchten. Sie erz\u00e4hlte mir allerlei schauerliche Geschichten von Hexen und b\u00f6sen Geistern, die im Hause spuken sollten, und wenn eine Katze auf dem Boden ihr Wesen trieb, fl\u00fcsterte sie mir \u00e4ngstlich zu: &#8222;H\u00f6rst du, S\u00f6hnchen? Jetzt geht er wieder Treppe auf, Treppe ab, der tote Mann. Er tr\u00e4gt seinen Kopf unter dem Arm, aber seine Augen gl\u00e4nzen doch wie Laternen; Krallen hat er statt der Finger, und wenn er einen im Dunkeln erwischt, dreht er ihm den Hals um.&#8220;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4nner lachten \u00fcber diese Geschichten, aber der Student fuhr fort: &#8222;Ich war zu jung, als dass ich h\u00e4tte einsehen k\u00f6nnen, dies alles sei unwahr und erfunden. Ich f\u00fcrchtete mich nicht vor dem gr\u00f6\u00dften Jagdhund, warf jeden meiner Gespielen in den Sand; aber wenn ich ins Dunkle kam, dr\u00fcckte ich vor Angst die Augen zu, denn ich glaubte, jetzt werde der tote Mann heranschleichen. Es ging soweit, dass ich nicht mehr allein und ohne Licht aus der T\u00fcre gehen wollte, wenn es dunkel war, und wie manchmal hat mich mein Vater nachher gez\u00fcchtigt, als er diese Unart bemerkte. Aber lange Zeit konnte ich diese kindische Furcht nicht loswerden, und allein meine t\u00f6richte Amme trug die Schuld.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, das ist ein gro\u00dfer Fehler&#8220;, bemerkte der J\u00e4ger, &#8222;wenn man die kindlichen Gedanken mit solchem Aberwitz f\u00fcllt. Ich kann versichern, dass ich brave, beherzte M\u00e4nner gekannt habe, J\u00e4ger, die sich sonst vor drei Feinden nicht f\u00fcrchteten wenn sie nachts im Wald auf Wild lauern sollten oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen oft pl\u00f6tzlich an Mut; denn sie sahen einen Baum f\u00fcr ein schreckliches Gespenst, einen Busch f\u00fcr eine Hexe und ein paar Gl\u00fchw\u00fcrmer f\u00fcr die Augen eines Unget\u00fcms an, das im Dunklen auf sie laure.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und nicht nur f\u00fcr Kinder&#8220;, entgegnete der Student, &#8222;halte ich Unterhaltungen dieser Art f\u00fcr h\u00f6chst sch\u00e4dlich und t\u00f6richt, sondern auch f\u00fcr jeden; denn welcher vern\u00fcnftige Mensch wird sich \u00fcber das Treiben und Wesen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur im Hirn eines Toren wirklich sind. Dort spukt es, sonst nirgends. Doch am allersch\u00e4dlichsten sind diese Geschichten unter dem Landvolk. Dort glaubt man fest und unabweichlich an Torheiten dieser Art, und dieser Glaube wird in den Spinnstuben und in der Schenke gen\u00e4hrt, wo sie sich enge zusammensetzen und mit furchtbarer Stimme die allergreulichsten Geschichten erz\u00e4hlen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, Herr!&#8220; erwiderte der Fuhrmann. &#8222;Ihr m\u00f6get nicht unrecht haben; schon manches Ungl\u00fcck ist durch solche Geschichten entstanden, ist ja doch sogar meine eigene Schwester dadurch elendiglich ums Leben gekommen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie das? An solchen Geschichten?&#8220; riefen die M\u00e4nner erstaunt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jawohl, an solchen Geschichten&#8220;, sprach jener weiter. &#8222;In dem Dorf, wo unser Vater wohnte, ist auch die Sitte, dass die Frauen und die M\u00e4dchen in den Winterabenden zum Spinnen sich zusammensetzen. Die jungen Burschen kommen dann auch und erz\u00e4hlen mancherlei. So kam es eines Abends, dass man von Gespenstern und Erscheinungen sprach, und die jungen Burschen erz\u00e4hlten von einem alten Kr\u00e4mer, der schon vor zehn Jahren gestorben sei, aber im Grab keine Ruhe finde. Jede Nacht werfe er die Erde von sich ab, steige aus dem Grab, schleiche langsam und hustend, wie er im Leben getan, nach seinem Laden und w\u00e4ge dort Zucker und Kaffee ab, indem er vor sich hinmurmle:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Drei Vierling, drei Vierling um Mitternacht<\/p>\n\n\n\n<p>Haben bei Tag ein Pfund gemacht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele behaupteten, ihn gesehen zu haben, und die M\u00e4dchen und Weiber fingen an, sich zu f\u00fcrchten. Meine Schwester aber, ein M\u00e4dchen von sechzehn Jahren, wollte kl\u00fcger sein als die andern und sagte: &#8222;Das glaube ich alles nicht; wer einmal tot ist, kommt nicht wieder!&#8220; Sie sagte es, aber leider ohne \u00dcberzeugung; denn sie hatte sich oft schon gef\u00fcrchtet. Da sagte einer von den jungen Leuten: &#8222;Wenn du dies glaubst, so wirst du dich auch nicht vor ihm f\u00fcrchten; sein Grab ist nur zwei Schritte von K\u00e4thchens, die letzthin gestorben. Wage es einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von K\u00e4thchens Grab eine Blume und bringe sie uns, so wollen wir glauben, dass du dich vor dem Kr\u00e4mer nicht f\u00fcrchtest!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwester sch\u00e4mte sich, von den andern verlacht zu werden, darum sagte sie, &#8222;oh! das ist mir ein leichtes; was wollt ihr denn f\u00fcr eine Blume?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es bl\u00fcht im ganzen Dorf keine wei\u00dfe Rose als dort; darum bring&#8216; uns einen Strau\u00df von diesen&#8220;, antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie stand auf und ging, und alle M\u00e4nner lobten ihren Mut; aber die Frauen sch\u00fcttelten den Kopf und sagten: &#8222;Wenn es nur gut abl\u00e4uft!&#8220; Meine Schwester ging dem Kirchhof zu; der Mond schien hell, und sie fing an zu schaudern, als es zw\u00f6lf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte \u00f6ffnete.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stieg \u00fcber manchen Grabh\u00fcgel weg, den sie kannte, und ihr Herz wurde bange und immer banger, je n\u00e4her sie zu K\u00e4thchens wei\u00dfen Rosen und zum Grab des gespenstigen Kr\u00e4mers kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war sie da, zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen ab. Da glaubte sie ganz in der N\u00e4he ein Ger\u00e4usch zu vernehmen; sie sah sich um; zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grabe hinweg, und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor. Es war ein alter, bleicher Mann mit einer wei\u00dfen Schlafm\u00fctze auf dem Kopf. Meine Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich zu \u00fcberzeugen, ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit n\u00e4selnder Stimme anfing zu sprechen: &#8222;Guten Abend, Jungfer; woher so sp\u00e4t?&#8220; da erfasste sie ein Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang \u00fcber die Gr\u00e4ber hin nach jenem Hause, erz\u00e4hlte beinahe atemlos, was sie gesehen, und wurde so schwach, dass man sie nach Hause tragen musste. Was n\u00fctzte es uns, dass wir am andern Tage erfuhren, dass es der Totengr\u00e4ber gewesen sei, der dort ein Grab gemacht und zu meiner armen Schwester gesprochen habe? Sie verfiel, noch ehe sie dies erfahren konnte, in ein hitziges Fieber, an welchem sie nach drei Tagen starb. Die Rosen zu ihrem Totenkranz hatte sie sich selbst gebrochen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fuhrmann schwieg, und eine Tr\u00e4ne hing in seinen Augen, die andern aber sahen teilnehmend auf ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So hat das arme Kind auch an diesem K\u00f6hlerglauben sterben m\u00fcssen&#8220;, sagte der junge Goldarbeiter, &#8222;mir f\u00e4llt da eine Sage bei, die ich euch wohl erz\u00e4hlen m\u00f6chte und die leider mit einem solchen Trauerfall zusammenh\u00e4ngt&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mitternacht ist l\u00e4ngst vor\u00fcber&#8220;, sagte der Student, als der junge Goldarbeiter seine Erz\u00e4hlung geendigt hatte, &#8222;jetzt hat es wohl keine Gefahr mehr, und ich f\u00fcr meinen Teil bin so schl\u00e4frig, dass ich allen raten m\u00f6chte, niederzuliegen und getrost einzuschlafen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Vor zwei Uhr morgens m\u00f6cht&#8216; ich doch nicht trauen&#8220;, entgegnete der J\u00e4ger, &#8222;das Sprichwort sagt, von elf bis zwei Uhr ist Diebes Zeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das glaube ich auch&#8220;, bemerkte der Zirkelschmied, &#8222;denn wenn man uns etwas anhaben will, ist wohl keine Zeit gelegener als die nach Mitternacht. Darum meine ich, der Studiosus k\u00f6nnte an seiner Erz\u00e4hlung fortfahren, die er noch nicht ganz vollendet hat.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich str\u00e4ube mich nicht&#8220;, sagte dieser, &#8222;obgleich unser Nachbar, der Herr J\u00e4ger, den Anfang nicht geh\u00f6rt hat.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich muss ihn mir hinzudenken, fanget nur an!&#8220; rief der J\u00e4ger.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun denn&#8220;, wollte eben der Student beginnen, als sie durch das Anschlagen eines Hundes unterbrochen wurden. Alle hielten den Atem an und horchten; zugleich st\u00fcrzte einer der Bediensteten aus dem Zimmer der Gr\u00e4fin und rief, dass wohl zehn bis zw\u00f6lf bewaffnete M\u00e4nner von der Seite her auf die Schenke zuk\u00e4men.<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00e4ger griff nach seiner B\u00fcchse, der Student nach seiner Pistole, die Handwerksburschen nach ihren St\u00f6cken, und der Fuhrmann zog ein langes Messer aus der Tasche. So standen sie und sahen ratlos einander an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Lasst uns an die Treppe gehen!&#8220; rief der Student, &#8222;zwei oder drei dieser Schurken sollen doch zuvor ihren Tod finden, ehe wir \u00fcberw\u00e4ltigt werden.&#8220; Zugleich gab er dem Zirkelschmied seine zweite Pistole und riet, dass sie nur einer nach dem anderen schie\u00dfen wollten. Sie stellten sich an die Treppe; der Student und der J\u00e4ger nahmen gerade ihre ganze Breite ein; seitw\u00e4rts neben dem J\u00e4ger stand der mutige Zirkelschmied und beugte sich \u00fcber das Gel\u00e4nder, indem er die M\u00fcndung seiner Pistole auf die Mitte der Treppe hielt: Der Goldarbeiter und der Fuhrmann standen hinter ihnen, bereit, wenn es zu einem Kampf Mann gegen Mann kommen sollte, das ihrige zu tun. So standen sie einige Minuten in stiller Erwartung: Endlich h\u00f6rte man die Haust\u00fcre aufgehen, sie glaubten auch das Fl\u00fcstern mehrerer Stimmen zu vernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt h\u00f6rte man Tritte vieler Menschen der Treppe nahen; man kam die Treppe herauf, und auf der ersten H\u00e4lfte zeigten sich drei M\u00e4nner, die wohl nicht auf den Empfang gefasst waren, der ihnen bereitet war. Denn als sie sich um die Pfeiler der Treppe wandten, schrie der J\u00e4ger mit starker Stimme: &#8222;Halt! Noch einen Schritt weiter, und ihr seid des Todes. Spannet die Hahnen, Freunde, und gut gezielt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00e4uber erschraken, zogen sich eilig zur\u00fcck und berieten sich mit den \u00fcbrigen. Nach einer Weile kam einer davon zur\u00fcck und sprach: &#8222;Ihr Herren! Es w\u00e4re Torheit von euch, umsonst euer Leben aufopfern zu wollen, denn wir sind unserer genug, um euch v\u00f6llig aufzureiben; aber ziehet euch zur\u00fcck, es soll keinem das Geringste zuleide geschehen; wir wollen keines Groschen Wert von euch nehmen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was wollt ihr denn sonst?&#8220; rief der Student. &#8222;Meint ihr, wir werden solchem Gesindel trauen? Nimmermehr! Wollt ihr etwas holen, in Gottes Namen, so kommet, aber den ersten, der sich um die Ecke wagt, brenne ich auf die Stirne, dass er auf ewig keine Kopfschmerzen mehr haben soll!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gebt uns die Dame heraus, gutwillig!&#8220; antwortete der R\u00e4uber. &#8222;Es soll ihr nichts geschehen; wir wollen sie an einen sicheren und bequemen Ort f\u00fchren, ihre Leute k\u00f6nnen zur\u00fcckreiten und den Herrn Grafen bitten, er m\u00f6ge sie mit zwanzigtausend Gulden ausl\u00f6sen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Solche Vorschl\u00e4ge sollen wir uns machen lassen?&#8220; entgegnete der J\u00e4ger, knirschend vor Wut, und spannte den Hahn. &#8222;Ich z\u00e4hle drei, und wenn du da unten nicht bei drei hinweg bist, so dr\u00fccke ich los, eins, zwei -&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Halt!&#8220; schrie der R\u00e4uber mit donnernder Stimme. &#8222;Ist das Sitte, auf einen wehrlosen Mann zu schie\u00dfen, der mit euch friedlich unterhandelt? T\u00f6richter Bursche, du kannst mich totschie\u00dfen, und dann hast du erst keine gro\u00dfe Heldentat getan; aber hier stehen zwanzig meiner Kameraden, die mich r\u00e4chen werden. Was n\u00fctzt es dann deiner Frau Gr\u00e4fin, wenn ihr tot oder verst\u00fcmmelt auf dem Flur lieget? Glaube mir, wenn sie freiwillig mitgeht, soll sie mit Achtung behandelt werden; aber wenn du, bis ich drei z\u00e4hle, nicht den Hahnen in Ruhe setzest, so soll es ihr \u00fcbel ergehen. Hahnen in Ruh&#8216;, eins, zwei, drei!&#8220; &#8222;Mit diesen Hunden ist nicht zu spa\u00dfen&#8220;, fl\u00fcsterte der J\u00e4ger, indem er den Befehl des R\u00e4ubers befolgte, &#8222;wahrhaftig, an meinem Leben liegt nichts; aber wenn ich einen niederschie\u00dfe, k\u00f6nnten sie meine Dame um so h\u00e4rter behandeln. Ich will die Gr\u00e4fin um Rat fragen. Gebt uns&#8220;, fuhr er mit lauter Stimme fort, &#8222;gebt uns eine halbe Stunde Waffenstillstand, um die Gr\u00e4fin vorzubereiten; sie w\u00fcrde, wenn sie es so pl\u00f6tzlich erf\u00e4hrt, den Tod davon haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Zugestanden&#8220;, antwortete der R\u00e4uber und lie\u00df zugleich den Ausgang der Treppe mit sechs M\u00e4nnern besetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Best\u00fcrzt und verwirrt folgten die ungl\u00fccklichen Reisenden dem J\u00e4ger in das Zimmer der Gr\u00e4fin; es lag dieses so nahe, und so laut hatte man verhandelt, dass ihr kein Wort entgangen war. Sie war bleich und zitterte heftig; aber dennoch schien sie fest entschlossen, sich in ihr Schicksal zu ergeben. &#8222;Warum soll ich nutzlos das Leben so vieler braver Leute aufs Spiel setzen?&#8220; fragte sie. &#8222;Warum euch zu einer vergeblichen Verteidigung auffordern, euch, die ihr mich gar nicht kennet? Nein, ich sehe, dass keine andere Rettung ist, als den Elenden zu folgen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man war allgemein von dem Mut und dem Ungl\u00fcck der Dame ergriffen; der J\u00e4ger weinte und schwur, dass er diese Schmach nicht \u00fcberleben k\u00f6nne. Der Student aber schm\u00e4hte auf sich und seine Gr\u00f6\u00dfe von sechs Fu\u00df. &#8222;W\u00e4re ich nur um einen halben Kopf kleiner&#8220;, rief er, &#8222;und h\u00e4tte ich keinen Bart, so w\u00fcsste ich wohl, was ich zu tun h\u00e4tte; ich lie\u00dfe mir von der Frau Gr\u00e4fin Kleider geben, und diese Elenden sollten sp\u00e4t genug erfahren, welchen Missgriff sie getan.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf Felix hatte das Ungl\u00fcck dieser Frau gro\u00dfen Eindruck gemacht. Ihr ganzes Wesen kam ihm so r\u00fchrend und bekannt vor; es war ihm, als sei es seine fr\u00fche verstorbene Mutter, die sich in dieser schrecklichen Lage bef\u00e4nde. Er f\u00fchlte sich so gehoben, so mutig, dass er gerne sein Leben f\u00fcr das ihrige gegeben h\u00e4tte. Doch als der Student jene Worte sprach, da blitzte auf einmal ein Gedanke in seiner Seele auf; er verga\u00df alle Angst, alle R\u00fccksichten, und er dachte nur an die Rettung dieser Frau. &#8222;Ist es nur dies&#8220;, sprach er, indem er sch\u00fcchtern und err\u00f6tend hervortrat, &#8222;geh\u00f6rt nur ein kleiner K\u00f6rper, ein bartloses Kinn und ein mutiges Herz dazu, die gn\u00e4dige Frau zu retten, so bin ich vielleicht auch nicht zu schlecht dazu; ziehet in Gottes Namen meinen Rock an, setzet meinen Hut auf Euer sch\u00f6nes Haar und nehmet mein B\u00fcndel auf den R\u00fccken und ziehet als Felix, der Goldarbeiter, Eure Stra\u00dfe!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Alle waren erstaunt \u00fcber den Mut des J\u00fcnglings, der J\u00e4ger aber fiel ihm freudig um den Hals. &#8222;Goldjunge&#8220;, rief er, &#8222;das wolltest du tun? Wolltest dich in meiner gn\u00e4digen Frau Kleider stecken lassen und sie retten? Das hat dir Gott eingegeben; aber allein sollst du nicht gehen, ich will mich mit gefangen geben, will bei dir bleiben an deiner Seite als dein bester Freund, und solange ich lebe, sollen sie dir nichts anhaben d\u00fcrfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Auch ich ziehe mit dir, so wahr ich lebe!&#8220; rief der Student.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kostete lange \u00dcberredung, um die Gr\u00e4fin zu diesem Vorschlag zu \u00fcberreden. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ein fremder Mensch f\u00fcr sie sich aufopfern sollte; sie dachte sich im Falle einer sp\u00e4teren Entdeckung die Rache der R\u00e4uber, die ganz auf den Ungl\u00fccklichen fallen w\u00fcrde, schrecklich. Aber endlich siegten teils die Bitten des jungen Menschen, teils die \u00dcberzeugung, im Falle sie gerettet w\u00fcrde, alles aufbieten zu k\u00f6nnen, um ihren Retter wieder zu befreien. Sie willigte ein. Der J\u00e4ger und die \u00fcbrigen Reisenden begleiteten Felix in das Zimmer des Studenten, wo er sich schnell einige Kleider der Gr\u00e4fin \u00fcberwarf. Der J\u00e4ger setzte ihm noch zum \u00dcberfluss einige falsche Haarlocken der Kammerfrau und einen Damenhut auf, und alle versicherten, dass man ihn nicht erkennen w\u00fcrde. Selbst der Zirkelschmied schwur, dass, wenn er ihm auf der Stra\u00dfe begegnete, er flink den Hut abziehen und nicht ahnen w\u00fcrde, dass er vor seinem mutigen Kameraden sein Kompliment mache.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4fin hatte sich indessen mit Hilfe ihrer Kammerfrau aus dem R\u00e4nzchen des jungen Goldarbeiters mit Kleidern versehen. Der Hut, tief in die Stirne gedr\u00fcckt, der Reisestock in der Hand, das etwas leichter gewordene B\u00fcndel auf dem R\u00fccken machten sie v\u00f6llig unkenntlich, und die Reisenden w\u00fcrden ,zu jeder anderen Zeit \u00fcber diese komische Maskerade nicht wenig gelacht haben. Der neue Handwerksbursche dankte Felix mit Tr\u00e4nen und versprach die schleunigste Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nur noch eine Bitte habe ich&#8220;, antwortete Felix, &#8222;in diesem R\u00e4nzchen, das Sie auf dem R\u00fccken tragen, befindet sich eine kleine Schachtel; verwahren Sie diese sorgf\u00e4ltig! Wenn sie verlorenginge, w\u00e4re ich auf immer und ewig ungl\u00fccklich; ich muss sie meiner Pflegmutter bringen und -&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gottfried, der J\u00e4ger, wei\u00df mein Schloss&#8220;, entgegnete sie, &#8222;es soll Euch alles unbesch\u00e4digt wieder zur\u00fcckgestellt werden; denn ich hoffe, Ihr kommet dann selbst, edler junger Mann, um den Dank meines Gatten und den meinigen zu empfangen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ehe noch Felix darauf antworten konnte, ert\u00f6nten von der Treppe her die rauhen Stimmen der R\u00e4uber; sie riefen, die Frist sei verflossen und alles zur Abfahrt der Gr\u00e4fin bereit. Der J\u00e4ger ging zu ihnen hinab und erkl\u00e4rte ihnen, dass er die Dame nicht verlassen werde und lieber mit ihnen gehe, wohin es auch sei, ehe er ohne seine Gebieterin vor seinem Herrn erschiene . Auch der Student erkl\u00e4rte, diese Dame begleiten zu wollen. Sie beratschlagten sich \u00fcber diesen Fall und gestanden es endlich zu unter der Bedingung, dass der J\u00e4ger sogleich seine Waffen abgebe. Zugleich befahlen sie, dass die \u00fcbrigen Reisenden sich ruhig verhalten sollten, wenn die Gr\u00e4fin hinweggef\u00fchrt werde Felix lie\u00df den Schleier nieder, der \u00fcber seinen Hut gebreitet war, setzte sich in eine Ecke, die Stirne in die Hand gest\u00fctzt, und in dieser Stellung eines tief Betr\u00fcbten erwartete er die R\u00e4uber. Die Reisenden hatten sich in das andere Zimmer zur\u00fcckgezogen, doch so, dass sie, was vorging, \u00fcberschauen konnten; der J\u00e4ger sa\u00df anscheinend traurig, aber auf alles lauernd in der anderen Ecke des Zimmers, das die Gr\u00e4fin bewohnt hatte. Nachdem sie einige Minuten so gesessen, ging die T\u00fcre auf, und ein sch\u00f6ner, stattlich gekleideter Mann von etwa sechsunddrei\u00dfig Jahren trat in das Zimmer. Er trug eine Art von milit\u00e4rischer Uniform, einen Orden auf der Brust, einen langen S\u00e4bel an der Seite, und in der Hand hielt er einen Hut, von welchem sch\u00f6ne Federn herabwallten. Zwei seiner Leute hatten gleich nach seinem Eintritt die T\u00fcre besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ging mit einer tiefen Verbeugung auf Felix zu; er schien vor einer Dame dieses Ranges etwas in Verlegenheit zu sein, er setzte mehrere Male an, bis es ihm gelang, geordnet zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gn\u00e4dige Frau&#8220;, sagte er, &#8222;es gibt F\u00e4lle, in die man sich in Geduld schicken muss. Ein solcher ist der Ihrige. Glauben Sie nicht, dass ich den Respekt vor einer so ausgezeichneten Dame auch nur auf einen Augenblick aus den Augen setzen werde; Sie werden alle Bequemlichkeiten haben, Sie werden \u00fcber nichts klagen k\u00f6nnen als vielleicht \u00fcber den Schrecken, den Sie diesen Abend gehabt.&#8220; Hier hielt er inne, als erwartete er eine Antwort; als aber Felix beharrlich schwieg, fuhr er fort: &#8222;Sehen Sie in mir keinen gemeinen Dieb, keinen Kehlenabschneider. Ich bin ein ungl\u00fccklicher Mann, den widrige Verh\u00e4ltnisse zu diesem Leben zwangen. Wir wollen uns auf immer aus dieser Gegend entfernen; aber wir brauchen Reisegeld. Es w\u00e4re uns ein leichtes gewesen, Kaufleute oder Postwagen zu \u00fcberfallen; aber dann h\u00e4tten wir vielleicht mehrere Leute auf immer ins Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt. Der Herr Graf, Ihr Gemahl, hat vor sechs Wochen eine Erbschaft von f\u00fcnfmalhunderttausend Talern gemacht. Wir erbitten uns zwanzigtausend Gulden von diesem \u00dcberfluss, gewiss eine gerechte und bescheidene Forderung. Sie werden daher die Gnade haben, jetzt sogleich einen offenen Brief an Ihren Gemahl zu schreiben, worin Sie ihm melden, dass wir Sie zur\u00fcckgehalten, dass er die Zahlung so bald als m\u00f6glich leisten m\u00f6ge, widrigenfalls &#8211; Sie verstehen mich, wir m\u00fcssten dann etwas h\u00e4rter mit Ihnen selbst verfahren. Die Zahlung wird nicht angenommen, wenn sie nicht unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit von einem einzelnen Manne hier hergebracht wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Szene wurde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit von allen G\u00e4sten der Waldschenke, am \u00e4ngstlichsten wohl von der Gr\u00e4fin beobachtet. Sie glaubte jeden Augenblick, der J\u00fcngling, der sich f\u00fcr sie geopfert, k\u00f6nnte sich verraten. Sie war fest entschlossen, ihn um einen gro\u00dfen Preis loszukaufen; aber ebenso fest stand ihr Gedanke, um keinen Preis der Welt auch nur einen Schritt weit mit den R\u00e4ubern zu gehen. Sie hatte in der Rocktasche des Goldarbeiters ein Messer gefunden. Sie hielt es ge\u00f6ffnet krampfhaft in der Hand, bereit, sich lieber zu t\u00f6ten als eine solche Schmach zu erdulden. Jedoch nicht minder \u00e4ngstlich war Felix selbst. Zwar st\u00e4rkte und tr\u00f6stete ihn der Gedanke, dass es eine m\u00e4nnliche und w\u00fcrdige Tat sei, einer bedr\u00e4ngten, hilflosen Frau auf diese Weise beizustehen; aber er f\u00fcrchtete, sich durch jede Bewegung, durch seine Stimme zu verraten. Seine Angst steigerte sich, als der R\u00e4uber von einem Briefe sprach, den er schreiben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sollte er schreiben? Welche Titel dem Grafen geben, welche Form dem Briefe, ohne sich zu verraten?<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Angst stieg aber aufs h\u00f6chste, als der Anf\u00fchrer der R\u00e4uber Papier und Feder vor ihn hinlegte, ihn bat, den Schleier zur\u00fcckzuschlagen und zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Felix wusste nicht, wie h\u00fcbsch ihm die Tracht passte, in welche er gekleidet war; h\u00e4tte er es gewusst, er w\u00fcrde sich vor einer Entdeckung nicht im mindesten gef\u00fcrchtet haben. Denn als er endlich notgedrungen den Schleier zur\u00fcckschlug, schien der Herr in Uniform, betroffen von der Sch\u00f6nheit der Dame und ihren etwas m\u00e4nnlichen, mutigen Z\u00fcgen, sie nur noch ehrfurchtsvoller zu betrachten. Dem klaren Blick des jungen Goldschmieds entging dies nicht; getrost, dass wenigstens in diesem gef\u00e4hrlichen Augenblick keine Entdeckung zu f\u00fcrchten sei, ergriff er die Feder und schrieb an seinen vermeintlichen Gemahl nach einer Form, wie er sie einst in einem alten Buche gelesen; er schrieb:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mein Herr und Gemahl!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ungl\u00fcckliche Frau bin auf meiner Reise mitten in der Nacht pl\u00f6tzlich angehalten worden, und zwar von Leuten, welchen ich keine gute Absicht zutrauen kann. Sie werden mich solange zur\u00fcckhalten, bis Sie, Herr Graf, die Summe von 20 000 Gulden f\u00fcr mich niedergelegt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedingung ist dabei, dass Sie nicht im mindesten \u00fcber die Sache sich bei der Obrigkeit beschweren noch ihre Hilfe nachsuchen, dass Sie das Geld durch einen einzelnen Mann in die Waldschenke im Spessart schicken; widrigenfalls ist mir mit l\u00e4ngerer und harter Gefangenschaft gedroht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es fleht Sie um schleunige Hilfe an<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre ungl\u00fcckliche Gemahlin.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er reichte den merkw\u00fcrdigen Brief dem Anf\u00fchrer der R\u00e4uber, der ihn durchlas und billigte. &#8222;Es kommt nun ganz auf Ihre Bestimmung an&#8220;, fuhr er fort, &#8222;ob Sie Ihre Kammerfrau oder Ihren J\u00e4ger zur Begleitung w\u00e4hlen werden. Die eine dieser Personen werde ich mit dem Briefe an Ihren Herrn Gemahl zur\u00fcckschicken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der J\u00e4ger &#8218;und dieser Herr hier werden mich begleiten&#8220;, antwortete Felix.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gut&#8220;, entgegnete jener, indem er an die T\u00fcre ging und die Kammerfrau herbeirief, &#8222;so unterrichten Sie diese Frau, was sie zu tun habe!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kammerfrau erschien mit Zittern und Beben. Auch Felix erblasste, wenn er bedachte, wie leicht er sich auch jetzt wieder verraten k\u00f6nnte. Doch ein unbegreiflicher Mut, der ihn in jenen gef\u00e4hrlichen Augenblicken st\u00e4rkte, gab ihm auch jetzt wieder seine Reden ein. &#8222;Ich habe dir nichts weiter aufzutragen&#8220;, sprach er, &#8222;als dass du den Grafen bittest, mich sobald als m\u00f6glich aus dieser ungl\u00fccklichen Lage zu rei\u00dfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und&#8220;, fuhr der R\u00e4uber fort, &#8222;dass Sie dem Herrn Grafen aufs genaueste und ausdr\u00fccklichste empfehlen, dass er alles verschweige und nichts gegen uns unternehme, bis seine Gemahlin in seinen H\u00e4nden ist. Unsere Kundschafter w\u00fcrden uns bald genug davon unterrichten, und ich m\u00f6chte dann f\u00fcr nichts stehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die zitternde Kammerfrau versprach alles. Es wurde ihr noch befohlen, einige Kleidungsst\u00fccke und Linnenzeug f\u00fcr die Frau Gr\u00e4fin in ein B\u00fcndel zu packen, weil man sich nicht mit vielem Gep\u00e4cke beladen k\u00f6nne, und als dies geschehen war, forderte der Anf\u00fchrer der R\u00e4uber die Dame mit einer Verbeugung auf, ihm zu folgen. Felix stand auf, der J\u00e4ger und der Student folgten ihm, und alle drei stiegen, begleitet von dem Anf\u00fchrer der R\u00e4uber, die Treppe hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Waldschenke standen viele Pferde; eines wurde dem J\u00e4ger angewiesen, ein anderes, ein sch\u00f6nes kleines Tier, mit einem Damensattel versehen, stand f\u00fcr die Gr\u00e4fin bereit, ein drittes gab man dem Studenten. Der Hauptmann hob den jungen Goldschmied in den Sattel, schnallte ihn fest und bestieg dann selbst sein Ross. Er stellte sich zur Rechten der Dame auf, zur Linken hielt einer der R\u00e4uber; auf gleiche Weise waren auch der J\u00e4ger und der Student umgeben. Nachdem sich auch die \u00fcbrige Bande zu Pferde gesetzt hatte, gab der Anf\u00fchrer mit einer hellt\u00f6nenden Pfeife das Zeichen zum Aufbruch, und bald war die ganze Schar im Walde verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gesellschaft, die im oberen Zimmer versammelt war, erholte sich nach diesem Auftritt allm\u00e4hlich von ihrem Schrecken. Sie w\u00e4ren, wie es nach gro\u00dfem Ungl\u00fcck oder pl\u00f6tzlicher Gefahr zu geschehen pflegt, vielleicht sogar heiter gewesen, h\u00e4tte sie nicht der Gedanke an ihre drei Gef\u00e4hrten besch\u00e4ftigt, die man vor ihren Augen hinweggef\u00fchrt hatte. Sie brachen in Bewunderung des jungen Goldschmieds aus, und die Gr\u00e4fin vergoss Tr\u00e4nen der R\u00fchrung, wenn sie bedachte, dass sie einem Menschen so unendlich viel zu verdanken habe, dem sie nie zuvor Gutes getan, den sie nicht einmal kannte. Ein Trost war es f\u00fcr alle, dass der heldenm\u00fctige J\u00e4ger und der wackere Student ihn begleitet hatten, konnten sie ihn doch tr\u00f6sten, wenn sich der junge Mann ungl\u00fccklich f\u00fchlte, ja, der Gedanke lag nicht gar zu ferne, dass der verschlagene Waidmann vielleicht Mittel zu ihrer Flucht finden k\u00f6nnte. Sie berieten sich noch miteinander, was zu tun sei. Die Gr\u00e4fin beschloss, da ja sie kein Schwur gegen den R\u00e4uber binde, sogleich zu ihrem Gemahl zur\u00fcckzureisen und alles aufzubieten, den Aufenthalt der Gefangenen zu entdecken, sie zu befreien; der Fuhrmann versprach, nach Aschaffenburg zu reiten und die Gerichte zur Verfolgung der R\u00e4uber anzurufen. Der Zirkelschmied aber wollte seine Reise fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reisenden wurden in der Nacht nicht mehr beunruhigt; Totenstille herrschte in der Waldschenke, die noch vor kurzem der Schauplatz so schrecklicher Szenen gewesen war. Als aber am Morgen die Bediensteten der Gr\u00e4fin zu der Wirtin hinabgingen, um alles zur Abfahrt fertig zu machen, kehrten sie schnell zur\u00fcck und berichteten, dass sie die Wirtin und ihr Gesinde in elendem Zustande gefunden h\u00e4tten; sie l\u00e4gen gebunden in der Schenke und flehten um Beistand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reisenden sahen sich bei dieser Nachricht erstaunt an. &#8222;Wie?&#8220; rief der Zirkelschmied, &#8222;so sollten diese Leute dennoch unschuldig sein? So h\u00e4tten wir ihnen unrecht getan, und sie st\u00e4nden nicht im Einverst\u00e4ndnis mit den R\u00e4ubern?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich lasse mich aufh\u00e4ngen statt ihrer&#8220;, erwiderte der Fuhrmann, &#8222;wenn wir nicht dennoch recht hatten. Dies alles ist nur Betrug, um nicht \u00fcberwiesen werden zu k\u00f6nnen. Erinnert ihr euch nicht der verd\u00e4chtigen Mienen dieser Wirtschaft? Erinnert ihr euch nicht, als ich hinabgehen wollte, wie mich der abgerichtete Hund nicht loslie\u00df, wie die Wirtin und der Hausknecht sogleich erschienen und m\u00fcrrisch fragten, was ich denn noch zu tun h\u00e4tte? Doch sie sind unser, wenigstens der Frau Gr\u00e4fin Gl\u00fcck. H\u00e4tte es in der Schenke weniger verd\u00e4chtig ausgesehen, h\u00e4tte uns die Wirtin nicht so misstrauisch gemacht, wir w\u00e4ren nicht zusammengestanden, w\u00e4ren nicht wach geblieben. Die R\u00e4uber h\u00e4tten uns \u00fcberfallen im Schlafe, h\u00e4tten zum wenigsten unsere T\u00fcre bewacht, und diese Verwechslung des braven jungen Burschen w\u00e4re nimmer m\u00f6glich geworden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stimmten mit der Meinung des Fuhrmanns alle \u00fcberein und beschlossen, auch die Wirtin und ihr Gesinde bei der Obrigkeit anzugeben. Doch um sie desto sicherer zu machen, wollten sie sich jetzt nichts merken lassen. Die Bediensteten und der Fuhrmann gingen daher hinab in das Schenkzimmer, l\u00f6sten die Bande der Diebeshehler auf und bezeugten sich so mitleidig und bedauernd als m\u00f6glich. Um ihre G\u00e4ste noch mehr zu vers\u00f6hnen, machte die Wirtin nur eine kleine Rechnung f\u00fcr jeden und lud sie ein, recht bald wiederzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fuhrmann zahlte seine Zeche, nahm von seinen Leidensgenossen Abschied und fuhr seine Stra\u00dfe. Nach diesem machten sich die beiden Handwerksburschen auf den Weg. So leicht das B\u00fcndel des Goldschmieds war, so dr\u00fcckte es doch die zarte Dame nicht wenig. Aber noch viel schwerer wurde ihr ums Herz, als unter der Haust\u00fcre die Wirtin ihre verbrecherische Hand hinstreckte, um Abschied zu nehmen. &#8222;Ei, was seid Ihr doch ein junges Blut&#8220;, rief sie beim Abschied des zarten Jungen, &#8222;noch so jung und schon in die Welt hinaus! Ihr seid gewiss ein verdorbenes Kr\u00e4utlein, das der Meister aus der Werkstatt jagte. Nun, was geht es mich an, schenket mir die Ehre bei der Heimkehr, gl\u00fcckliche Reise!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4fin wagte vor Angst und Beben nicht zu antworten, sie f\u00fcrchtete, sich durch ihre zarte Stimme zu verraten. Der Zirkelschmied merkte es, nahm seinen Gef\u00e4hrten unter den Arm, sagte der Wirtin ade und stimmte ein lustiges Lied an, w\u00e4hrend er dem Walde zuschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt erst bin ich in Sicherheit!&#8220; rief die Gr\u00e4fin, als sie etwa hundert Schritte entfernt waren. &#8222;Noch immer glaubte ich, die Frau werde mich erkennen und durch ihre Knechte festnehmen. Oh, wie will ich euch allen danken! Kommet auch Ihr auf mein Schloss, Ihr m\u00fcsst doch Euern Reisegenossen bei mir wieder abholen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zirkelschmied sagte zu, und w\u00e4hrend sie noch sprachen, kam der Wagen der Gr\u00e4fin ihnen nachgefahren; schnell wurde die T\u00fcre ge\u00f6ffnet, die Dame schl\u00fcpfte hinein, gr\u00fc\u00dfte den jungen Handwerksburschen noch einmal, und der Wagen fuhr weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dieselbe Zeit hatten die R\u00e4uber und ihre Gefangenen den Lagerplatz der Bande erreicht. Sie waren durch eine ungebahnte Waldstra\u00dfe im schnellsten Trab weggeritten; mit ihren Gefangenen wechselten sie kein Wort, auch unter sich fl\u00fcsterten sie nur zuweilen, wenn die Richtung des Weges sich ver\u00e4nderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einer tiefen Waldschlucht machte man endlich halt. Die R\u00e4uber sa\u00dfen ab, und ihr Anf\u00fchrer hob den Goldarbeiter vom Pferd, indem er sich f\u00fcr den harten und eiligen Ritt entschuldigte und fragte, ob doch die gn\u00e4dige Frau nicht gar zu sehr angegriffen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Felix antwortete ihm so zierlich als m\u00f6glich, dass er sich nach Ruhe sehne, und der Hauptmann bot ihm den Arm, ihn in die Schlucht zu fuhren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging einen steilen Abhang hinab; der Fu\u00dfpfad, welcher hinunterf\u00fchrte, war so schmal und absch\u00fcssig, dass der Anf\u00fchrer oft seine Dame unterst\u00fctzen musste, um sie vor der Gefahr, hinabzust\u00fcrzen, zu bewahren. Endlich langte man unten an. Felix sah vor sich beim matten Schein des anbrechenden Morgens ein enges, kleines Tal von h\u00f6chstens hundert Schritten im Umfang, das tief in einem Kessel hoch hinanstrebender Felsen lag. Etwa sechs bis acht kleine H\u00fctten waren in dieser Schlucht aus Brettern und abgehauenen B\u00e4umen aufgebaut. Einige schmutzige Weiber schauten neugierig aus diesen H\u00f6hlen hervor, und ein Rudel von zw\u00f6lf gro\u00dfen Hunden und ihren unz\u00e4hligen Jungen umsprang heulend und bellend die Ankommenden. Der Hauptmann f\u00fchrte die vermeintliche Gr\u00e4fin in die beste dieser H\u00fctten und sagte ihr, diese sei ausschlie\u00dflich zu ihrem Gebrauch bestimmt; auch erlaubte er auf Felix&#8216; Verlangen, dass der J\u00e4ger und der Student zu ihm gelassen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00fctte war mit Rehfellen und Matten ausgelegt, die zugleich zum Fu\u00dfboden und Sitze dienen mussten. Einige Kr\u00fcge und Sch\u00fcsseln, aus Holz geschnitzt, eine alte Jagdflinte und in der hintersten Ecke ein Lager, aus ein paar Brettern gezimmert und mit wollenen Decken bekleidet, welchem man den Namen eines Bettes nicht geben konnte, waren die einzigen Ger\u00e4te dieses gr\u00e4flichen Palastes. Jetzt erst, allein gelassen in dieser elenden H\u00fctte, hatten die drei Gefangenen Zeit, \u00fcber ihre sonderbare Lage nachzudenken. Felix, der zwar seine edelm\u00fctige Handlung keinen Augenblick bereute, aber doch f\u00fcr seine Zukunft im Falle einer Entdeckung bange war, wollte sich in lauten Klagen Luft machen; der J\u00e4ger aber r\u00fcckte ihm schnell n\u00e4her und fl\u00fcsterte ihm zu: &#8222;Sei um Gottes willen stille, lieber Junge; glaubst du denn nicht, dass man uns behorcht?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aus jedem Wort, aus dem Ton deiner Sprache k\u00f6nnten sie Verdacht sch\u00f6pfen&#8220;, setzte der Student hinzu. Dem armen Felix blieb nichts \u00fcbrig, als stille zu weinen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Glaubt mir, Herr J\u00e4ger&#8220;, sagte er, &#8222;ich weine nicht aus Angst vor diesen R\u00e4ubern oder aus Furcht vor dieser elenden H\u00fctte; nein, es ist ein ganz anderer Kummer, der mich dr\u00fcckt. Wie leicht kann die Gr\u00e4fin vergessen, was ich ihr schnell noch sagte, und dann h\u00e4lt man mich f\u00fcr einen Dieb, und ich bin elend auf immer!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber was ist es denn, was dich so \u00e4ngstigt?&#8220; fragte der J\u00e4ger, verwundert \u00fcber das Benehmen des jungen Menschen, der sich bisher so mutig und stark betragen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;H\u00f6ret zu, und ihr werdet mir recht geben&#8220;, antwortete Felix. &#8222;Mein Vater war ein geschickter Goldarbeiter in N\u00fcrnberg, und meine Mutter hatte fr\u00fcher bei einer vornehmen Frau gedient als Kammerfrau, und als sie meinen Vater heiratete, wurde sie von der Gr\u00e4fin, welcher sie gedient hatte, trefflich ausgestattet. Diese blieb meinen Eltern immer gewogen, und als ich auf die Welt kam, wurde sie meine Pate und beschenkte mich reichlich. Aber als meine Eltern bald nacheinander an einer Seuche starben und ich ganz allein und verlassen in der Welt stand und ins Waisenhaus gebracht werden sollte, da vernahm die Frau Pate unser Ungl\u00fcck, nahm sich meiner an und gab mich in ein Erziehungshaus; und als ich alt genug war, schrieb sie mir, ob ich nicht des Vaters Gewerbe lernen wollte. Ich war froh dar\u00fcber und sagte zu, und so gab sie mich meinem Meister in W\u00fcrzburg in die Lehre. Ich hatte Geschick zur Arbeit und brachte es bald so weit, dass mir der Lehrbrief ausgestellt wurde und ich auf die Wanderschaft mich r\u00fcsten konnte. Dies schrieb ich der Frau Pate, und flugs antwortete sie, dass sie das Geld zur Wanderschaft gebe. Dabei schickte sie prachtvolle Steine mit und verlangte, ich solle sie fassen zu einem sch\u00f6nen Geschmeide, ich solle dann solches als Probe meiner Geschicklichkeit selbst \u00fcberbringen und das Reisegeld in Empfang nehmen. Meine Frau Pate habe ich in meinem Leben nicht gesehen, und ihr k\u00f6nnet denken, wie ich mich auf sie freute. Tag und Nacht arbeitete ich an dem Schmuck, er wurde so sch\u00f6n und zierlich, dass selbst der Meister dar\u00fcber erstaunte. Als es fertig war, packte ich alles sorgf\u00e4ltig auf den Boden meines R\u00e4nzels, nahm Abschied vom Meister und wanderte meine Stra\u00dfe nach dem Schlosse der Frau Pate. Da kamen&#8220;, fuhr er in Tr\u00e4nen ausbrechend fort, &#8222;diese sch\u00e4ndlichen Menschen und zerst\u00f6rten all meine Hoffnung. Denn wenn Eure Frau Gr\u00e4fin den Schmuck verliert oder vergisst, was ich ihr sagte, und das schlechte R\u00e4nzchen wegwirft, wie soll ich dann vor meine gn\u00e4dige Frau Pate treten? Mit was soll ich mich ausweisen? Woher die Steine ersetzen? Und das Reisegeld ist dann auch verloren, und ich erscheine als ein undankbarer Mensch, der anvertrautes Gut so leichtfertig weggegeben. Und am Ende &#8211; wird man mir glauben, wenn ich den wunderbaren Vorfall erz\u00e4hle?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;\u00dcber das letztere seid getrost!&#8220; erwiderte der J\u00e4ger. &#8222;Ich glaube nicht, dass bei der Gr\u00e4fin Euer Schmuck verloren gehen kann; und wenn auch, so wird sie sicherlich ihn ihrem Retter wieder erstatten und ein Zeugnis \u00fcber diese Vorf\u00e4lle ausstellen. Wir verlassen Euch jetzt auf einige Stunden; denn wahrhaftig, wir brauchen Schlaf, und nach den Anstrengungen dieser Nacht werdet Ihr ihn auch n\u00f6tig haben. Nachher lasst uns im Gespr\u00e4ch unser Ungl\u00fcck auf Augenblicke vergessen oder, besser noch, auf unsere Flucht denken!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen; Felix blieb allein zur\u00fcck und versuchte, dem Rat des J\u00e4gers zu folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als nach einigen Stunden der J\u00e4ger mit dem Studenten zur\u00fcckkam, fand er seinen jungen Freund gest\u00e4rkter und munterer als zuvor. Er erz\u00e4hlte dem Goldschmied, dass ihm der Hauptmann alle Sorgfalt f\u00fcr die Dame empfohlen habe, und in wenigen Minuten werde eines der Weiber, die sie unter den H\u00fctten gesehen hatten, der gn\u00e4digen Gr\u00e4fin Kaffee bringen und ihre Dienste zur Aufwartung anbieten. Sie beschlossen, um ungest\u00f6rt zu sein, diese Gef\u00e4lligkeit nicht anzunehmen, und als das alte, h\u00e4ssliche Zigeunerweib kam, das Fr\u00fchst\u00fcck versetzte und mit grinsender Freundlichkeit fragte, ob sie nicht sonst noch zu Diensten sein k\u00f6nnte, winkte ihr Felix zu gehen, und als sie noch zauderte, scheuchte sie der J\u00e4ger aus der H\u00fctte. Der Student erz\u00e4hlte dann weiter, was sie sonst noch von dem Lager der R\u00e4uber gesehen. &#8222;Die H\u00fctte, die Ihr bewohnt, sch\u00f6nste Frau Gr\u00e4fin&#8220;, sprach er, &#8222;scheint urspr\u00fcnglich f\u00fcr den Hauptmann bestimmt. Sie ist nicht so ger\u00e4umig, aber sch\u00f6ner als die \u00fcbrigen. Au\u00dfer dieser sind noch sechs andere da, in welchen die Weiber und Kinder wohnen; denn von den R\u00e4ubern sind selten mehr als sechs zu Hause. Einer steht nicht weit von dieser H\u00fctte Wache, der andere unten am Weg in der H\u00f6he, und ein dritter hat den Lauerposten oben am Eingang in die Schlucht. Von zwei zu zwei Stunden werden sie von den drei \u00fcbrigen abgel\u00f6st. Jeder hat \u00fcberdies zwei gro\u00dfe Hunde neben sich liegen, und sie alle sind so wachsam, dass man keinen Fu\u00df aus der H\u00fctte setzen kann, ohne dass sie anschlagen. Ich habe keine Hoffnung, dass wir uns durchstehlen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Machet mich nicht traurig, ich bin nach dem Schlummer mutiger geworden&#8220;, entgegnete Felix, &#8222;gebet nicht alle Hoffnung auf, und f\u00fcrchtet Ihr Verrat, so lasset uns lieber jetzt von etwas anderem reden und nicht lange voraus schon kummervoll sein! Herr Student, in der Schenke habt Ihr angefangen, etwas zu erz\u00e4hlen, fahret jetzt fort; denn wir haben Zeit zum Plaudern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kann ich mich doch kaum erinnern, was es war&#8220;, antwortete der junge Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ihr erz\u00e4hltet die Sage von dem kalten Herz und seid stehengeblieben, wie der Wirt und der andere Spieler den Kohlenpeter aus der T\u00fcre werfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gut, jetzt entsinne ich mich wieder&#8220;, entgegnete er, &#8222;nun, wenn ihr weiter h\u00f6ren wollet, will ich fortfahren&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<p>Es mochten etwa schon f\u00fcnf Tage vergangen sein, w\u00e4hrend Felix, der J\u00e4ger und der Student noch immer unter den R\u00e4ubern gefangen sa\u00dfen. Sie wurden zwar von dem Hauptmann und seinen Untergebenen gut behandelt, aber dennoch sehnten sie sich nach Befreiung, denn je mehr die Zeit fortr\u00fcckte, desto h\u00f6her stieg auch ihre Angst vor Entdeckung. Am Abend des f\u00fcnften Tages erkl\u00e4rte der J\u00e4ger seinen Leidensgenossen, dass er entschlossen sei, in dieser Nacht loszubrechen, und wenn es ihn auch das Leben kosten sollte. Er munterte seine Gef\u00e4hrten zum gleichen Entschluss auf und zeigte ihnen, wie sie ihre Flucht ins Werk setzen k\u00f6nnten. &#8222;Den, der uns zun\u00e4chst steht, nehme ich auf mich; es ist Notwehr, und Not kennt kein Gebot, er muss sterben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sterben!&#8220; rief Felix entsetzt. &#8222;Ihr wollt ihn totschlagen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das bin ich fest entschlossen, wenn es darauf ankommt, zwei Menschenleben zu retten. Wisset, dass ich die R\u00e4uber mit besorglicher Miene habe fl\u00fcstern h\u00f6ren, im Wald werde nach ihnen gestreift, und die alten Weiber verrieten in ihrem Zorn die b\u00f6se Absicht der Bande; sie schimpften auf uns und gaben zu verstehen, wenn die R\u00e4uber angegriffen w\u00fcrden, so m\u00fcssten wir ohne Gnade sterben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gott im Himmel!&#8220; schrie der J\u00fcngling entsetzt und verbarg sein Gesicht in die H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noch haben sie uns das Messer nicht an die Kehle gesetzt&#8220;, fuhr der J\u00e4ger fort, &#8222;drum lasst uns ihnen zuvorkommen! Wenn es dunkel ist, schleiche ich auf die n\u00e4chste Wache zu; sie wird anrufen; ich werde ihm zufl\u00fcstern, die Gr\u00e4fin sei pl\u00f6tzlich sehr krank geworden, und indem er sich umsieht, sto\u00dfe ich ihn nieder. Dann hole ich Euch ab, junger Mann, und der zweite kann uns ebenso wenig entgehen; und beim dritten haben wir zu zweit leichtes Spiel.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00e4ger sah bei diesen Worten so schrecklich aus, dass Felix sich vor ihm f\u00fcrchtete. Er wollte ihn bereden, von diesem blutigen Gedanken abzustehen, als die T\u00fcre leise aufging und schnell eine Gestalt hereinschl\u00fcpfte. Es war der Hauptmann. Behutsam schloss er wieder zu und winkte den beiden Gefangenen, sich ruhig zu verhalten. Er setzte sich neben Felix nieder und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Frau Gr\u00e4fin, Ihr seid in schlimmer Lage. Euer Herr Gemahl hat nicht Wort gehalten, er hat nicht nur das L\u00f6segeld nicht geschickt, sondern er hat auch die Regierungen umher aufgeboten; bewaffnete Mannschaft streift von allen Seiten durch den Wald, um mich und meine Leute auszuheben. Ich habe Eurem Gemahl gedroht, Euch zu t\u00f6ten, wenn er Miene macht, uns anzugreifen; doch es muss ihm entweder an Eurem Leben wenig liegen, oder er traut unseren Schw\u00fcren nicht. Euer Leben ist in unserer Hand, ist nach unseren Gesetzen verwirkt. Was wollet Ihr dagegen einwenden?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Best\u00fcrzt sahen die Gefangenen vor sich nieder, sie wussten nicht zu antworten, denn Felix erkannte wohl, dass ihn das Gest\u00e4ndnis \u00fcber seine Verkleidung nur noch mehr in Gefahr setzen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist mir unm\u00f6glich&#8220;, fuhr der Hauptmann fort, &#8222;eine Dame, die meine vollkommene Achtung hat, also in Gefahr zu sehen. Darum will ich Euch einen Vorschlag zur Rettung machen, es ist der einzige Ausweg, der Euch \u00fcbrig bleibt: Ich will mit Euch entfliehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Erstaunt, \u00fcberrascht blickten ihn beide an; er aber sprach weiter: &#8222;Die Mehrzahl meiner Gesellen ist entschlossen, nach Italien zu ziehen und unter einer weitverbreiteten Bande Dienste zu nehmen. Mir f\u00fcr meinen Teil behagt es nicht, unter einem anderen zu dienen, und darum werde ich keine gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen. Wenn Ihr mir nun Euer Wort geben wolltet, Frau Gr\u00e4fin, f\u00fcr mich gut zusprechen, Eure m\u00e4chtigen Verbindungen zu meinem Schutze anzuwenden, so kann ich Euch noch freimachen, ehe es zu sp\u00e4t ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Felix schwieg verlegen; sein redliches Herz str\u00e4ubte sich, den Mann, der ihm das Leben retten wollte, geflissentlich einer Gefahr auszusetzen, vor welcher er ihn nachher nicht sch\u00fctzen k\u00f6nnte. Als er noch immer schwieg, fahr der Hauptmann fort: &#8222;Man sucht gegenw\u00e4rtig \u00fcberall Soldaten; ich will mit dem geringsten Dienst zufrieden sein. Ich wei\u00df, dass Ihr viel verm\u00f6get; aber ich will ja nichts weiter als Euer Versprechen, etwas f\u00fcr mich in dieser Sache zu tun.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun denn&#8220;, antwortete Felix mit niedergeschlagenen Augen, &#8222;ich verspreche Euch, was ich tun kann, was in meinen Kr\u00e4ften steht, anzuwenden, um Euch n\u00fctzlich zu sein. Liegt doch, wie es Euch ergehe, ein Trost f\u00fcr mich darin, dass Ihr diesem R\u00e4uberleben Euch selbst freiwillig entzogen habt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ger\u00fchrt k\u00fcsste der Hauptmann die Hand dieser g\u00fctigen Dame, fl\u00fcsterte ihr noch zu, sich zwei Stunden nach Anbruch der Nacht bereitzuhalten, und verlie\u00df dann ebenso vorsichtig, wie er gekommen war, die H\u00fctte. Die Gefangenen atmeten freier, als er hinweggegangen war. &#8222;Wahrlich!&#8220; rief der J\u00e4ger, &#8222;dem hat Gott das Herz gelenkt! Wie wunderbar sollen wir errettet werden! H\u00e4tte ich mir tr\u00e4umen lassen, dass in der Welt noch etwas dergleichen geschehen k\u00f6nnte und dass mir ein solches Abenteuer begegnen sollte?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wunderbar, allerdings!&#8220; erwiderte Felix. &#8222;Aber habe ich auch recht getan, diesen Mann zu betr\u00fcgen? Was kann ihm mein Schutz frommen? Saget selbst, J\u00e4ger, hei\u00dft es ihn nicht an den Galgen locken, wenn ich ihm nicht gestehe, wer ich bin?&#8220; &#8222;Ei, wie m\u00f6gt Ihr solche Skrupel haben, lieber Junge!&#8220; entgegnete der Student. &#8222;Nachdem Ihr Eure Rolle so meisterhaft gespielt! Nein, dar\u00fcber d\u00fcrft Ihr Euch nicht \u00e4ngstigen, das ist nichts anderes als erlaubte Notwehr. Hat er doch den Frevel begangen, eine angesehene Frau sch\u00e4ndlicherweise von der Stra\u00dfe hinwegf\u00fchren zu wollen, und w\u00e4ret Ihr nicht gewesen, wer wei\u00df, wie es um das Leben der Gr\u00e4fin st\u00e4nde? Nein, Ihr habt nicht unrecht getan; \u00fcbrigens glaube ich, er wird bei den Gerichten sich einen Stein im Brett gewinnen, wenn er, das Haupt dieses Gesindels, sich selbst ausliefert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser letztere Gedanke tr\u00f6stete den jungen Goldschmied. Freudig bewegt und doch wieder voll banger Besorgnis \u00fcber das Gelingen des Planes durchlebten sie die n\u00e4chsten Stunden. Es war schon dunkel, als der Hauptmann auf einen Augenblick in die H\u00fctte trat, ein B\u00fcndel Kleider niederlegte und sprach: &#8222;Frau Gr\u00e4fin, um unsere Flucht zu erleichtern, m\u00fcsst Ihr notwendig diese M\u00e4nnerkleidung anlegen. Machet Euch fertig! In einer Stunde treten wir den Marsch an.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesen Worten verlie\u00df er die Gefangenen, und der J\u00e4ger hatte M\u00fche, nicht laut zu lachen. &#8222;Das w\u00e4re nun die zweite Verkleidung&#8220;&gt; rief er, &#8222;und ich wollte schw\u00f6ren, diese steht Euch noch besser als die erste!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie \u00f6ffneten das B\u00fcndel und fanden ein h\u00fcbsches Jagdkleid mit allem Zubeh\u00f6r, das Felix trefflich passte. Nachdem er sich ger\u00fcstet, wollte der J\u00e4ger die Kleider der Gr\u00e4fin in einen Winkel der H\u00fctte werfen, Felix gab es aber nicht zu; er legte sie zu einem kleinen B\u00fcndel zusammen und \u00e4u\u00dferte, er wolle die Gr\u00e4fin bitten, sie ihm zu schenken, und sie dann sein ganzes Leben hindurch zum Andenken an diese merkw\u00fcrdigen Tage aufbewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich kam der Hauptmann. Er war vollst\u00e4ndig bewaffnet und brachte dem J\u00e4ger die B\u00fcchse, die man ihm abgenommen, und ein Pulverhorn. Auch dem Studenten gab er eine Flinte, und Felix reichte er einen Hirschf\u00e4nger, mit der Bitte, ihn auf den Fall der Not umzuh\u00e4ngen. Es war ein Gl\u00fcck f\u00fcr die drei, dass es sehr dunkel war; denn leicht h\u00e4tten die leuchtenden Blicke, womit Felix diese Waffe empfing, dem R\u00e4uber seinen wahren Stand verraten k\u00f6nnen. Als sie behutsam aus der H\u00fctte getreten waren, bemerkte der J\u00e4ger, dass der gew\u00f6hnliche Posten an der H\u00fctte diesmal nicht besetzt sei. So war es m\u00f6glich, dass sie unbemerkt an den H\u00fctten vorbeischleichen konnten; doch schlug der Hauptmann nicht den gew\u00f6hnlichen Pfad ein, der aus der Schlucht in den Wald hinausf\u00fchrte, sondern er n\u00e4herte sich einem Felsen, der ganz senkrecht und, wie es schien, unzug\u00e4nglich vor ihnen lag. Als sie dort angekommen waren, machte der Hauptmann auf eine Strickleiter aufmerksam, die an dem Felsen herabgespannt war. Er warf seine B\u00fcchse auf den R\u00fccken und stieg zuerst hinan; dann rief er der Gr\u00e4fin zu, ihm zu folgen, und bot ihr die Hand zur Hilfe, der J\u00e4ger stieg zuletzt herauf. Hinter diesem Felsen zeigte sich ein Fu\u00dfpfad, den sie einschlugen und rasch vorw\u00e4rts gingen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Dieser Fu\u00dfpfad&#8220;, sprach der Hauptmann, &#8222;f\u00fchrt nach der Aschaffenburger Stra\u00dfe. Dorthin wollen wir uns begeben; denn ich habe genau erfahren, dass Ihr Gemahl, der Graf, sich gegenw\u00e4rtig dort aufh\u00e4lt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Schweigend zogen sie weiter, der R\u00e4uber immer voran, die drei anderen dicht hinter ihm. Nach drei Stunden hielten sie an; der Hauptmann lud Felix ein, sich auf einen Baumstamm zu setzen, um auszuruhen. Er zog Brot, eine Feldflasche mit altem Wein hervor und bot es den Erm\u00fcdeten an. &#8222;Ich glaube, wir werden, ehe eine Stunde vergeht, auf den Kordon sto\u00dfen, den das Milit\u00e4r durch den Wald gezogen hat. In diesem Fall bitte ich Sie, mit dem Anf\u00fchrer der Soldaten zu sprechen und gute Behandlung f\u00fcr mich zu verlangen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Felix sagte auch dies zu, obwohl er sich von seiner Verwendung geringen Erfolg versprach. Sie ruhten noch eine halbe Stunde und brachen dann auf. Sie mochten etwa wieder eine Stunde gegangen sein und n\u00e4herten sich schon der Landstra\u00dfe; der Tag fing an heraufzukommen, und die D\u00e4mmerung verbreitete sich schon im Wald, als ihre Schritte pl\u00f6tzlich durch ein lautes: &#8222;Halt! Steht!&#8220; gefesselt wurden. Sie hielten, und f\u00fcnf Soldaten r\u00fcckten gegen sie vor und bedeuteten ihnen, sie m\u00fcssten folgen und vor dem kommandierenden Major sich \u00fcber ihre Reise ausweisen. Als sie noch etwa f\u00fcnfzig Schritte gegangen waren, sahen sie links und rechts im Geb\u00fcsch Gewehre blitzen, eine gro\u00dfe Schar schien den Wald besetzt zu haben. Der Major sa\u00df mit mehreren Offizieren und anderen M\u00e4nnern unter einer Eiche. Als die Gefangenen vor ihn gebracht wurden und er eben anfangen wollte, sie zu examinieren \u00fcber das &#8222;Woher&#8220; und &#8222;Wohin&#8220;, sprang einer der M\u00e4nner auf und rief: &#8222;Mein Gott, was sehe ich? Das ist ja Gottfried, unser J\u00e4ger!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jawohl, Herr Amtmann!&#8220; antwortete der J\u00e4ger mit freudiger Stimme, &#8222;da bin ich, und wunderbar gerettet aus der Hand des schlechten Gesindels.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Offiziere erstaunten, ihn hier zu sehen; der J\u00e4ger aber bat den Major und den Amtmann, mit ihm auf die Seite zu treten, und erz\u00e4hlte in kurzen Worten, wie sie errettet worden und wer der dritte sei, welcher ihn und den jungen Goldschmied begleitete.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfreut \u00fcber diese Nachricht, traf der Major sogleich seine Ma\u00dfregeln, den wichtigen Gefangenen weiter transportieren zu lassen; den jungen Goldschmied aber f\u00fchrte er zu seinen Kameraden, stellte ihn als den heldenm\u00fctigen J\u00fcngling vor, der die Gr\u00e4fin durch seinen Mut und seine Geistesgegenwart gerettet habe, und alle sch\u00fcttelten Felix freudig die Hand, lobten ihn und konnten nicht satt werden, sich von ihm und dem J\u00e4ger ihre Schicksale erz\u00e4hlen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen war es v\u00f6llig Tag geworden. Der Major beschloss, die Befreiten selbst bis in die Stadt zu begleiten; er ging mit ihnen und dem Amtmann der Gr\u00e4fin in das n\u00e4chste Dorf, wo sein Wagen stand, und dort musste sich Felix zu ihm in den Wagen setzen; der J\u00e4ger, der Student, der Amtmann und viele andere Leute ritten vor und hinter ihnen, und so zogen sie im Triumph der Stadt zu. Wie ein Lauffeuer hatte sich das Ger\u00fccht von dem \u00dcberfall in der Waldschenke, von der Aufopferung des jungen Goldarbeiters in der Gegend verbreitet, und ebenso rei\u00dfend ging jetzt die Sage von seiner Befreiung von Mund zu Mund. Es war daher nicht zu verwundern, dass in der Stadt, wohin sie zogen, die Stra\u00dfen gedr\u00e4ngt voll Menschen standen, die den jungen Helden sehen wollten. Alles dr\u00e4ngte sich zu, als der Wagen langsam hereinfuhr. &#8222;Das ist er&#8220;, riefen sie, &#8222;seht ihr ihn dort im Wagen neben dem Offizier! Es lebe der brave Goldschmiedsjunge!&#8220; Und ein tausendstimmiges &#8222;Hoch!&#8220; f\u00fcllte die L\u00fcfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Felix war besch\u00e4mt, ger\u00fchrt von der rauschenden Freude der Menge. Aber noch ein r\u00fchrenderer Anblick stand ihm auf dem Rathause der Stadt bevor. Ein Mann von mittleren Jahren, in reichen Kleidern, empfing ihn an der Treppe und umarmte ihn mit Tr\u00e4nen in den Augen. &#8222;Wie kann ich dir vergelten, mein Sohn!&#8220; rief er. &#8222;Du hast mir viel gegeben, als ich nahe daran war, unendlich viel zu verlieren! Du hast mir die Gattin, meinen Kindern die Mutter gerettet; denn ihr zartes Leben h\u00e4tte die Schrecken einer solchen Gefangenschaft nicht ertragen.&#8220; Es war der Gemahl der Gr\u00e4fin, der diese Worte sprach. So sehr sich Felix str\u00e4uben mochte, einen Lohn f\u00fcr seine Aufopferung zu bestimmen, so unerbittlich schien der Graf darauf bestehen zu wollen. Da fiel dem J\u00fcngling das ungl\u00fcckliche Schicksal des R\u00e4uberhauptmanns ein; er erz\u00e4hlte, wie er ihn gerettet, wie diese Rettung eigentlich der Gr\u00e4fin gegolten habe. Der Graf, ger\u00fchrt nicht sowohl von der Handlung des Hauptmanns als von dem neuen Beweis einer edlen Uneigenn\u00fctzigkeit, den Felix durch die Wahl seiner Bitte ablegte, versprach, das Seinige zu tun, um den R\u00e4uber zu retten .<\/p>\n\n\n\n<p>Noch an demselben Tag aber f\u00fchrte der Graf, begleitet von dem wackeren J\u00e4ger, den jungen Goldschmied nach seinem Schlosse, wo die Gr\u00e4fin, noch immer besorgt um das Schicksal des jungen Mannes, der sich f\u00fcr sie geopfert, sehnsuchtsvoll auf Nachrichten wartete. Wer beschreibt ihre Freude, als ihr Gemahl, den Retter an der Hand, in ihr Zimmer trat? Sie fand kein Ende, ihn zu befragen, ihm zu danken; sie lie\u00df ihre Kinder herbeibringen und zeigte ihnen den hochherzigen J\u00fcngling, dem ihre Mutter so unendlich viel verdanke, und die Kleinen fassten seine H\u00e4nde, und der zarte Sinn ihres kindlichen Dankes, ihre Versicherungen, dass er ihnen nach Vater und Mutter auf der ganzen Erde das Liebste sei, waren ihm die sch\u00f6nste Entsch\u00e4digung f\u00fcr manchen Kummer, f\u00fcr die schlaflosen N\u00e4chte in der H\u00fctte der R\u00e4uber.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die ersten Momente des frohen Wiedersehens vor\u00fcber waren, winkte die Gr\u00e4fin einem Diener, welcher bald darauf jene Kleider und das wohlbekannte R\u00e4nzchen herbeibrachte, welche Felix der Gr\u00e4fin in der Waldschenke \u00fcberlassen hatte. &#8222;Hier ist alles&#8220;, sprach sie mit g\u00fctigem L\u00e4cheln, &#8222;was Ihr mir in jenen furchtbaren Augenblicken gegeben; es ist der Zauber, womit Ihr mich umh\u00fcllt habt, um meine Verfolger mit Blindheit zu schlagen. Es steht Euch wieder zu Diensten; doch will ich Euch den Vorschlag machen, diese Kleider, die ich zum Andenken an Euch aufbewahren m\u00f6chte, mir zu \u00fcberlassen und zum Tausch daf\u00fcr die Summe anzunehmen, welche die R\u00e4uber zum L\u00f6segeld f\u00fcr mich bestimmten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Felix erschrak \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe dieses Geschenkes; sein edler Sinn str\u00e4ubte sich, einen Lohn f\u00fcr das anzunehmen, was er aus freiem Willen getan. &#8222;Gn\u00e4dige Frau&#8220;, sprach er bewegt, &#8222;ich kann dies nicht gelten lassen. Die Kleider sollen Euer sein, wie Ihr es befehlet; jedoch die Summe, von der Ihr sprechet, kann ich nicht annehmen. Doch, weil ich wei\u00df, dass Ihr mich durch irgend etwas belohnen wollet, so erhaltet mir Eure Gnade statt anderen Lohnes, und sollte ich in den Fall kommen, Eurer Hilfe zu bed\u00fcrfen, so k\u00f6nnt Ihr darauf rechnen, dass ich Euch darum bitten werde.&#8220; Noch lange drang man in den jungen Mann; aber nichts konnte seinen Sinn \u00e4ndern. Die Gr\u00e4fin und ihr Gemahl gaben endlich nach, und schon wollte der Diener die Kleider und das R\u00e4nzchen wieder wegtragen, als Felix sich an das Geschmeide erinnerte, das er im Gef\u00fchl so vieler freudiger Szenen ganz vergessen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Halt!&#8220; rief er. &#8222;Nur etwas m\u00fcsst Ihr mir noch aus meinem R\u00e4nzchen zu nehmen erlauben, gn\u00e4dige Frau; das \u00fcbrige ist dann ganz und v\u00f6llig Euer.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schaltet nach Belieben&#8220;, sprach sie, &#8222;obgleich ich gerne alles zu Eurem Ged\u00e4chtnis behalten h\u00e4tte, so nehmet nur, was Ihr etwa davon nicht entbehren wollet! Doch, wenn man fragen darf, was liegt Euch denn so sehr am Herzen, dass Ihr es mir nicht \u00fcberlassen m\u00f6get?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00fcngling hatte w\u00e4hrend dieser Worte sein R\u00e4nzchen ge\u00f6ffnet und ein K\u00e4stchen von rotem Saffian herausgenommen. &#8222;Was mein ist, k\u00f6nnet Ihr alles haben&#8220;, erwiderte er l\u00e4chelnd, &#8222;doch dies geh\u00f6rt meiner lieben Frau Pate; ich habe es selbst gefertigt und muss es ihr bringen. Es ist ein Schmuck, gn\u00e4dige Frau&#8220;, fuhr er fort, indem er das K\u00e4stchen \u00f6ffnete und ihr hinbot, &#8222;ein Schmuck, an welchem ich mich selbst versucht habe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nahm das K\u00e4stchen; aber nachdem sie kaum einen Blick darauf geworfen, fuhr sie betroffen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie? Diese Steine!&#8220; rief sie. &#8222;Und f\u00fcr Eure Pate sind sie bestimmt, sagtet Ihr?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jawohl&#8220;, antwortete Felix, &#8222;meine Frau Pate hat mir die Steine geschickt; ich habe sie gefasst und bin auf dem Wege, sie selbst zu \u00fcberbringen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ger\u00fchrt sah ihn die Gr\u00e4fin an; Tr\u00e4nen drangen aus ihren Augen. &#8222;So bist du Felix Perner aus N\u00fcrnberg?&#8220; rief sie.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jawohl! Aber woher wisst Ihr so schnell meinen Namen?&#8220; fragte der J\u00fcngling und sah sie best\u00fcrzt an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Oh, wundervolle F\u00fcgung des Himmels!&#8220; sprach sie ger\u00fchrt zu ihrem staunenden Gemahl. &#8222;Das ist ja Felix, unser Patchen, der Sohn unserer Kammerfrau Sabine! Felix! Ich bin es ja, zu der du kommen wolltest; so hast du deine Pate gerettet, ohne es zu wissen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie? Seid denn Ihr die Gr\u00e4fin Sandau, die so viel an mir und meiner Mutter getan? Und dies ist das Schloss Mayenburg, wohin ich wandern wollte? Wie danke ich dem g\u00fctigen Geschick, das mich so wunderbar mit Euch zusammentreffen lie\u00df; so habe ich Euch doch durch die Tat, wenn auch in geringem Ma\u00dfe, meine gro\u00dfe Dankbarkeit bezeugen k\u00f6nnen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du hast mehr an mir getan&#8220;, erwiderte sie, &#8222;als ich je an dir h\u00e4tte tun k\u00f6nnen; doch so lange ich lebe, will ich dir zu zeigen suchen, wie unendlich viel wir alle dir schuldig sind. Mein Gatte soll dein Vater, meine Kinder deine Geschwister und ich selbst will deine treue Mutter sein, und dieser Schmuck, der dich zu mir f\u00fchrte in der Stunde der h\u00f6chsten Not, soll meine beste Zierde werden; denn er wird mich immer an dich und deinen Edelmut erinnern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So sprach die Gr\u00e4fin und hielt Wort. Sie unterst\u00fctzte den gl\u00fccklichen Felix auf seinen Wanderungen reichlich. Als er zur\u00fcckkam als ein geschickter Arbeiter in seiner Kunst, kaufte sie ihm in N\u00fcrnberg ein Haus, richtete es vollst\u00e4ndig ein, und ein nicht geringer Schmuck in seinem besten Zimmer waren sch\u00f6n gemalte Bilder, welche die Szenen in der Waldschenke und Felix&#8216; Leben unter den R\u00e4ubern vorstellten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort lebte Felix als ein geschickter Goldarbeiter; der Ruhm seiner Kunst verband sich mit der wunderbaren Sage von seinem Heldenmut und verschaffte ihm Kunden im ganzen Reiche. Viele Fremde, wenn sie durch die sch\u00f6ne Stadt N\u00fcrnberg kamen, lie\u00dfen sich in die Werkstatt des ber\u00fchmten Meisters Felix f\u00fchren, um ihn zu sehen, zu bewundern, wohl auch ein sch\u00f6nes Geschmeide bei ihm zu bestellen. Die angenehmsten Besuche waren ihm aber der J\u00e4ger, der Zirkelschmied, der Student und der Fuhrmann. So oft der letztere von W\u00fcrzburg nach F\u00fcrth fuhr, sprach er bei Felix ein; der J\u00e4ger brachte ihm beinahe alle Jahre Geschenke von der Gr\u00e4fin, der Zirkelschmied aber lie\u00df sich, nachdem er in allen L\u00e4ndern umhergewandert war, bei Meister Felix nieder. Eines Tages besuchte sie auch der Student. Er war indessen ein bedeutender Mann im Staat geworden, sch\u00e4mte sich aber nicht, bei Meister Felix und dem Zirkelschmied ein Abendessen zu verzehren. Sie erinnerten sich an alle Szenen der Waldschenke; und der ehemalige Student erz\u00e4hlte, er habe den R\u00e4uberhauptmann in Italien wiedergesehen; er habe sich g\u00e4nzlich gebessert und diene als braver Soldat dem K\u00f6nig von Neapel.<\/p>\n\n\n\n<p>Felix freute sich, als er dies h\u00f6rte. Ohne diesen Mann w\u00e4re er zwar vielleicht nicht in jene gef\u00e4hrliche Lage gekommen, aber ohne ihn h\u00e4tte er sich auch nicht aus R\u00e4uberhand befreien k\u00f6nnen. Und so geschah es, dass der wackere Meister Goldschmied nur friedliche und freundliche Erinnerungen hatte, wenn er zur\u00fcckdachte an das Wirtshaus im Spessart.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor vielen Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht so h\u00e4ufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Burschen durch diesen Wald. 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