{"id":5220,"date":"2026-01-29T02:01:55","date_gmt":"2026-01-29T01:01:55","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5220"},"modified":"2026-01-29T02:01:55","modified_gmt":"2026-01-29T01:01:55","slug":"der-zauber-wettkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-zauber-wettkampf\/","title":{"rendered":"Der Zauber-Wettkampf"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Zauber-Wettkampf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Einstmals ging ein junger Buchbindergeselle in die Fremde und wanderte, bis kein Kreuzerlein mehr in seiner Tasche klimperte. Da endlich n\u00f6tigte ihn sein gespanntes Verh\u00e4ltnis mit dem schlaff gewordenen Geldbeutel, ernstlich der Arbeit nachzufragen, und bald ward er auch von einem Meister angenommen und bekam es sehr, sehr gut. Sein Meister sprach zu ihm: &#8222;Gesell, du wirst es gut bei mir haben; die Arbeit, die du t\u00e4glich zu tun hast, ist ganz geringe &#8211; Du kehrst nur die B\u00fccher hier alle Tage recht s\u00e4uberlich ab und stellst sie dann nach der Ordnung wieder auf. Aber dieses eine B\u00fcchlein, welches hier apart steht, darfst du nicht anr\u00fchren, viel weniger hineingehen, sonst ergeht dir&#8217;s schlimm, Bursche, merk dir&#8217;s. Dagegen kannst du in den andern B\u00fcchern lesen, so viel du nur magst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geselle beherzigte die Worte seines Meisters sehr wohl und hatte zwei Jahre lang die besten Tage, indem er t\u00e4glich nur die B\u00fccher s\u00e4uberte, dann in manchem derselben las und dabei die vortrefflichste Kost hatte &#8211; jenes verbotene B\u00fcchlein lie\u00df er g\u00e4nzlich unanger\u00fchrt. Dadurch erwarb er sich das volle Vertrauen seines Herrn, so dass dieser \u00f6fters tagelang vom Hause entfernt blieb und auch zuweilen eine Reise unternahm. Aber wie stets dem Menschen nach Verbotenem gel\u00fcstet, so regte sich einstmals, als der Meister auf mehrere Tage verreist war, in dem Gesellen eine m\u00e4chtige Begierde, endlich doch zu wissen, was in dem B\u00fcchlein stehe, das immer ganz heilig an seinem bestimmten Orte lag. Denn alle andern B\u00fccher hatte er bereits durchgelesen. Zwar str\u00e4ubte sich sein Gewissen, das Verbotene zu tun, aber die Neugierde war m\u00e4chtiger; er nahm das B\u00fcchlein, schlug es auf und fing an darinnen zu lesen. In dem B\u00fcchlein standen die gr\u00f6\u00dften kostbarsten Geheimnisse, die gr\u00f6\u00dften Zauberformeln waren darinnen enthalten, und es stellte sich dem staunenden, h\u00f6chst verwundenen Gesellen nach und nach alles so sonnenklar heraus, dass er schon anfing, Versuche im Zaubern zu machen. Alles gelang. Sprach der Bursche ein kr\u00e4ftiges Zauberspr\u00fcchlein aus diesem B\u00fcchlein, so lag im Nu das Gew\u00fcnschte vor ihm da. Auch lehrte das B\u00fcchlein jede menschliche Gestalt in eine andere zu verwandeln. Nun probierte er mehr und mehr, und zuletzt machte er sich zu einer Schwalbe, nahm das B\u00fcchlein und flog im schnellsten Fluge seiner Heimat zu. Sein Vater war nicht wenig erstaunt, als eine Schwalbe zu seinem Fenster einflog und pl\u00f6tzlich dann aus ihr sein Sohn wurde, den er zwei Jahre lang nicht gesehen. Der Bursche aber dr\u00fcckte den Alten herzlich an seine Brust und sprach: &#8222;Vater, nun sind wir gl\u00fccklich und geborgen, ich bringe ein Zauberb\u00fcchlein mit, durch das wir die reichsten Leute werden k\u00f6nnen.&#8220; Das gefiel dem Alten wohl, denn er lebte sehr d\u00fcrftig. Bald darauf machte sich der junge Zauberer zu einem \u00fcberaus gro\u00dfen, fetten Ochsen und sprach zu seinem Vater: &#8222;Nun f\u00fchret mich zum Markt und verkauft mich, aber fordert ja viel, recht viel, man wird mich teuer bezahlen, und vergesset ja nicht das kleine Stricklein, welches um meinen linken Hinterfu\u00df gebunden ist, abzul\u00f6sen und wieder mit heimzunehmen, sonst bin ich verloren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das machte der Vater alles so; er verkaufte den Ochsen f\u00fcr ein schweres Geld, denn als er nun mit ihm auf dem Markte erschien, versammelte sich gleich ein Haufen Volkes um ihn, alles bewunderte den Rarit\u00e4ts-Ochsen, und Christen und Juden schlugen sich darum, ihn zu kaufen. Der K\u00e4ufer aber, der das h\u00f6chste Gebot tat und bezahlte und den Ochsen im Triumph von dannen f\u00fchrte, hatte am andern Morgen statt des herrlichen Ochsen ein B\u00fcndlein Stroh in seinem Stalle liegen. Und der Buchbindergeselle &#8211; der war wohlgemut wieder daheim bei seinem Vater und lebte mit ihm herrlich und in Freuden von dem Gelde. Manch einer macht sich auch zu einem gro\u00dfen fetten Ochsen, aber keiner kauft ihn teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf verzauberte der Bursch sich in einen pr\u00e4chtigen Rappen und lie\u00df sich von seinem Vater auf den Rossmarkt f\u00fchren und verkaufen. Da lief wieder das Volk zusammen, um das wundersch\u00f6ne, gl\u00e4nzend schwarze Ross zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jener Meister Buchbinder aber, als er nach Hause zur\u00fcckgekehrt war, hatte gleich gesehen, was vorgegangen, und da er eigentlich kein Buchbinder, sondern ein m\u00e4chtiger Zauberer war, der nur zum Schein diese Besch\u00e4ftigung trieb, so wusste er auch gleich, wie viel es geschlagen hatte, und setzte dem Entflohenen nach. Auf jenem Rossmarkt nun war der Meister unter den K\u00e4ufern, und da er alle St\u00fccklein des Zauberb\u00fcchelchens kannte, so merkte er alsobald, was es f\u00fcr eine Bewandtnis mit dem Pferd habe, und dachte: Halt, jetzt will ich dich fangen. Und so suchte er f\u00fcr jeden Preis das Pferd zu kaufen, was ihm auch ohne gro\u00dfe M\u00fche gelang, weil er es gleich um den ersten Kaufpreis annahm. Der Vater kannte den K\u00e4ufer nicht, aber das Pferd fing an, heftig zu zittern und zu schwitzen, und geb\u00e4rdete sich \u00e4u\u00dferst scheu und \u00e4ngstlich, doch es konnte der Vater die nun so gef\u00e4hrliche Lage seines Sohnes nicht ahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Pferd des neuen Eigent\u00fcmers eingef\u00fchrt und an den f\u00fcr dasselbe bestimmten Platz gestellt war, wollte der Vater wieder das Stricklein abl\u00f6sen; aber der K\u00e4ufer lie\u00df dieses durchaus nicht zu, da er sehr wohl wusste, dass es dann um seinen Fang geschehen w\u00e4re. So musste denn der Vater ohne Stricklein abziehen und dachte in seinem Sinn: er wird sich schon selbst helfen, kann er so viel, dass er sich zu einem Pferde macht, kann er sich gewiss auch wieder durch seine Zauberkunst dort in dem Stall losmachen und heimkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In jenem Pferdestall aber war ein m\u00e4chtiges Gedr\u00e4nge von Menschen; gro\u00df und klein, alt und jung &#8211; alles wollte das ausgezeichnet sch\u00f6ne Ross beschauen. Ein kecker Knabe wagte sogar, das Pferd zu streicheln und liebkosend zu klopfen, und es lie\u00df sich dieses, wie es schien, gar gerne gefallen, und als dieser Knabe sich immer vertraulicher n\u00e4herte und das Pferd am Kopf und am Hals streichelte, da fl\u00fcsterte es dem Knaben ganz leise zu: &#8222;Liebster Junge, hast du kein Messerchen einstecken?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der froh verwundene Knabe antwortete: &#8222;O ja, ich habe ein recht scharfes.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da sprach der Rappe wieder ganz leise: &#8222;Schneide einmal das Stricklein an meinem linken Hinterfu\u00df ab&#8220;, und schnell schnitt es der Knabe entzwei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in diesem Augenblicke fiel das sch\u00f6ne Ross vor aller Augen zusammen und ward ein B\u00fcndlein Stroh, und daraus flog eine Schwalbe hervor, und aus dem Stall empor in die hohen blauen L\u00fcfte. Der Meister hatte das Ross nur einen Augenblick au\u00dfer acht gelassen, jetzt war keine Zeit zu verlieren. Er brauchte seine Kunst, verwandelte sich rasch in einen Geier und schoss der fl\u00fcchtigen Schwalbe nach. Es bedurfte nur noch einer kleine Weile, so hatte der Geier die Schwalbe in seinen Klauen, aber das Schw\u00e4lblein merkte den Feind, blickte nieder auf die Erde und sah da gerade unter sich ein sch\u00f6nes Schloss, und vor dem Schloss sa\u00df eine Prinzessin, und flugs verwandelte sich das Schw\u00e4lblein in einen goldenen Fingerreif, fiel nieder und gerade der holden Prinzessin auf den Scho\u00df. Die wusste nicht, wie ihr geschah, und steckte das Ringlein an den Finger. Aber die scharfen Augen des Geiers hatten alles gesehen, und rasch verwandelte sich der Zaubermeister aus einem Geier in einen schmucken Junker und trat heran zur Prinzessin und bat sie h\u00f6flichst und untert\u00e4nigst, dieses Ringlein, mit welchem er soeben ein Kunstst\u00fcck gemacht habe, ihm wieder einzuh\u00e4ndigen. Die sch\u00f6ne Prinzessin l\u00e4chelte err\u00f6tend, zog das Ringlein vom Finger und wollte es dem K\u00fcnstler \u00fcberreichen, doch siehe, da entfiel es ihren zarten Fingern und rollte als ein winziges Hirsek\u00f6rnlein in eine Steinritze. Im Augenblicke verwandelte sich der Junker und wurde ein stolzer G\u00fcckelhahn, der mit seinem Schnabel emsig in der Steinritze nach dem Hirsek\u00f6rnlein pickte, aber gleich darauf wurde aus dem Hirsek\u00f6rnlein ein Fuchs, und dieser biss dem G\u00fcckel den Kopf ab. Und somit war der Zaubermeister besiegt. Jetzt aber nahm der junge Geselle wieder seine Gestalt an, sank der Prinzessin zu F\u00fc\u00dfen und pries sie dankend, dass sie ihn an ihrem Finger getragen und sich so mit ihm verlobt habe. Die Prinzessin war \u00fcber alles, was vorgegangen war, m\u00e4chtig erschrocken, denn sie war noch sehr jung und unerfahren und schenkte ihm ihr Herz und ihre Hand, doch unter der Bedingung, dass er fortan aller Verwandlung entsage und ihr unwandelbar treu bleibe. Dies gelobte der J\u00fcngling und opferte sein Zauberb\u00fcchlein den Flammen, woran er indes sehr \u00fcbel tat, denn er h\u00e4tte es ja dir, lieber Leser, oder mir schenken und vermachen k\u00f6nnen; in Ochsen h\u00e4tten wir zwei uns gewisslich nicht verwandelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zauber-Wettkampf Ludwig Bechstein Einstmals ging ein junger Buchbindergeselle in die Fremde und wanderte, bis kein Kreuzerlein mehr in seiner Tasche klimperte. Da endlich n\u00f6tigte ihn sein gespanntes Verh\u00e4ltnis mit dem schlaff gewordenen Geldbeutel, ernstlich der Arbeit nachzufragen, und bald ward er auch von einem Meister angenommen und bekam es sehr, sehr gut. 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