{"id":5206,"date":"2026-01-29T01:13:55","date_gmt":"2026-01-29T00:13:55","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5206"},"modified":"2026-01-29T01:13:55","modified_gmt":"2026-01-29T00:13:55","slug":"der-wunschring","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-wunschring\/","title":{"rendered":"Der Wunschring"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Wunschring<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Bauer, mit dem es in der Wirtschaft nicht recht vorw\u00e4rtsgehen wollte, sa\u00df auf seinem Pflug, ruhte einen Augenblick aus und wischte sich den Schwei\u00df vom Gesicht. Da kam eine alte Hexe vorbeigeschlichen und rief ihm zu: ,,Was plagst du dich und bringst&#8217;s doch zu nichts? Geh zwei Tage lang geradeaus, bis du an eine gro\u00dfe Tanne kommst, die frei im Walde steht und alle anderen B\u00e4ume \u00fcberragt. Wenn du sie umschl\u00e4gst, ist dein Gluck gemacht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bauer lie\u00df sich das nicht zweimal sagen, nahm sein Beil und machte sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne. Er ging sofort daran, sie zu f\u00e4llen. Als sie umst\u00fcrzte und mit Gewalt auf den Boden schlug, fiel aus ihrem h\u00f6chsten Wipfel ein Nest mit zwei Eiern heraus. Die Eier rollten auf den Boden und zerbrachen. Und wie sie zerbrachen, kam aus dem einen Ei ein junger Adler heraus, und aus dem andern fiel ein kleiner goldener Ring. Der Adler begann sogleich zu wachsen, bis er wohl halbe Mannesh\u00f6he hatte, sch\u00fcttelte die Fl\u00fcgel, als wollte er sie probieren, erhob sich etwas \u00fcber die Erde und rief dann.<\/p>\n\n\n\n<p>,,Du hast mich erl\u00f6st! Nimm zum Dank den Ring, der in dem andern Ei gewesen ist &#8211; es ist ein Wunschring. Wenn du ihn am Finger umdrehst und dabei einen Wunsch aussprichst, wird er alsbald in Erf\u00fcllung gehen. Aber es ist nur ein einziger Wunsch in dem Ring. lst der getan, so hat der Ring alle weitere Kraft verloren und ist nur wie ein gew\u00f6hnlicher Ring. Darum \u00fcberlege dir wohl, was du dir w\u00fcnscht, auf dass es dich nicht nachher gereue.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf erhob sich der Adler hoch in die Luft, schwebte lange noch in gro\u00dfen Kreisen \u00fcber dem Haupt des Bauern und schoss dann wie ein Pfeil der Sonne zu, bis er verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bauer nahm den Ring, steckte ihn an den Finger und machte sich auf den Heimweg. Als es Abend war, langte er in einer Stadt an. Da stand der Goldschmied im Laden und hatte viele k\u00f6stliche Ringe feil. Da zeigte ihm der Bauer seinen Ring und fragte ihn, was er wohl wert sei. ,,Einen Pappenstiel !&#8220; versetzte der Goldschmied. Da lachte der Bauer laut auf und erz\u00e4hlte ihm, dass es ein Wunschring sei und mehr wert als alle Ringe zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Goldschmied war ein falscher, r\u00e4nkevoller Mann. Er lud den Bauern ein, \u00fcber Nacht bei ihm zu bleiben, und sagte: ,,Einen Mann wie dich mit solchem Kleinod zu beherbergen, bringt Gl\u00fcck. Bleib bei mir !&#8220; Und er bewirtete ihn aufs sch\u00f6nste mit Wein und glatten Worten. Nachts zog er ihm unbemerkt den Ring vom Finger und steckte ihm statt dessen einen ganz gleichen, gew\u00f6hnlichen Ring an.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen konnte es der Goldschmied kaum erwarten, dass der Bauer weiterzog. Er weckte ihn schon in der fr\u00fchesten Morgenstunde und sprach: ,,Du hast einen weiten Weg vor dir. Es ist besser, wenn du dich fr\u00fch aufmachst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald der Bauer fort war, ging er eiligst in seine Stube, schloss die L\u00e4den, damit niemand etwas s\u00e4he, riegelte dann auch noch die T\u00fcr hinter sich zu, stellte sich mitten in die Stube, drehte den Ring und rief: ,,Ich will gleich hunderttausend Taler haben !&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte er dies ausgesprochen, so \u00a3ing es an, Taler zu regnen, harte, blanke Taler, und die Taler schlugen ihm auf Kopf, Schultern und Arme. Er fing kl\u00e4glich an zu schreien und wollte zur T\u00fcr springen. Doch ehe er sie erreichen und aufriegeln kannte, st\u00fcrzte er, am ganzen Leib blutend, zu Boden. Aber das Talerregnen nahm kein Ende. Bald brach von der Last die Diele zusammen, und der Goldschmied mitsamt dem Geld st\u00fcrzte in den tiefen Keller. Darauf regnete es immer weiter, bis die Hunderttausend voll waren, und zuletzt lag der Goldschmied tot im Keller und auf ihm das viele Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem L\u00e4rm kamen die Nachbarn herbeigeeilt, und als sie den Goldschmied tot unter dem Geld liegen fanden, sprachen sie: ,,Es ist doch ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck, wenn der Segen kn\u00fcppeldick kommt!&#8220; Darauf kamen die Erben und teilten das Geld unter sich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterdes ging der Bauer vergn\u00fcgt nach Hause und zeigte seiner Frau den Ring. ,,Nun kann es uns gar nicht fehlen, liebe Frau, sagte er, ,,unser Gl\u00fcck ist gemacht. Wir wollen uns nur recht \u00fcberlegen, was wir uns w\u00fcnschen wollen.&#8220; Doch die Frau wusste gleich guten Rat. ,,Was meinst du&#8220;, sagte sie ,,wenn wir uns noch etwas Acker w\u00fcnschten? Wir haben gar so wenig. Da reicht so ein Zwickel gerade zwischen unsere \u00c4cker hinein, den wollen wir uns wunschen.<\/p>\n\n\n\n<p>,,Das w\u00e4re der M\u00fche wert&#8220;, erwiderte der Mann. ,,Wenn wir ein Jahr lang t\u00fcchtig arbeiten und etwas Gl\u00fcck haben, k\u00f6nnen wir ihn uns vielleicht kaufen.&#8220; Darauf arbeiteten Mann und Frau ein Jahr lang mit aller Anstrengung. Und die Ernte war noch nie so reich wie dieses Mal, sodass sie sich den Zwickel kaufen konnten und noch ein St\u00fcck Geld \u00fcbrigblieb. ,,Siehst du&#8220;, sagte der Mann, ,,wir haben den Zwickel, und der Wunsch ist immer noch frei.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da meinte die Frau, es w\u00e4re wohl gut, wenn sie sich noch eine Kuh w\u00fcnschten und ein Pferd dazu. ,,Frau&#8220;, entgegnete abermals der Mann, indem er mit dem \u00fcbriggebliebenen Geld in der Hosentasche klimperte, ,,was wollen wir wegen solch einer Lumperei unsern Wunsch vergebenl Die Kuh und das Pferd kriegen wir auch so.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und richtig, nach abermals einem Jahr waren die Kuh und das Pferd reichlich verdient. Da rieb sich der Mann vergn\u00fcgt die H\u00e4nde und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>,,Wieder ein Jahr den Wunsch gespart und doch alles bekommen, was man sich w\u00fcnschte. Was wir f\u00fcr ein Gl\u00fcck haben !&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Frau redete ihrem Mann ernstlich zu, endlich einmal an den Wunsch zu gehen. ,,Ich kenne dich gar nicht wieder&#8220;, sagte sie \u00e4rgerlich. ,,Fr\u00fcher hast du immer geklagt und gebarmt und dir alles m\u00f6gliche gew\u00fcnscht, und letzt, wo du&#8217;s haben kannst, wie du&#8217;s willst, plagst und schindest du dich, bist mit allem zufrieden und l\u00e4sst die sch\u00f6nsten Jahre vergehen. K\u00f6nig, Kaiser, Graf, ein gro\u00dfer, dicker Bauer k\u00f6nntest du sein, alle Truhen voll Geld haben &#8211; und kannst dich nicht entschlie\u00dfen, was du w\u00e4hlen willst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>,,Lass doch dein ewiges Dr\u00e4ngen und Treiben&#8220;, erwiderte der Bauer. ,,Wir sind beide noch jung, und das Leben ist lang. E i n Wunsch ist nur in dem Ring, und der ist bald vertan. Wer wei\u00df, was uns noch einmal zust\u00f6\u00dft, wowir den Ring brauchen. Fehlt es uns denn an etwas? Sind wir nicht,seit wir den Ring haben, schon so hinaufgekammen, dass sich alle Welt wundert? Also sei vern\u00fcnftig. Du kannst dir ja mittlerweile \u00fcberlegen, was wir uns w\u00fcnschen k\u00f6nnten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit hatte die Sache vorl\u00e4ufig ein Ende. Und es war wirklich, als wenn mit dem Ring der volle Segen ins Haus gekommen w\u00e4re, denn die Scheuern und Kammern wurden von Jahr zu Jahr voller und voller. Nach einer l\u00e4ngeren Reihe von Jahren war aus dem kleinen, armen Bauern ein gro\u00dfer, dicker Bauer geworden, der den Tag \u00fcber mit den Knechten schaffte und arbeitete, als wolle er die ganze Welt verdienen, nach der Vesper aber beh\u00e4big und zufrieden vor der Haust\u00fcr sa\u00df und sich von den Leuten guten Abend w\u00fcnschen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>So verging Jahr um Jahr. Dann und wann, wenn sie ganz allein waren und niemand es h\u00f6rte, erinnerte zwar die Frau ihren Mann immer noch an den Ring und machte ihm allerhand Vorschl\u00e4ge. Da er aber jedes Mal erwiderte, es habe noch vollauf Zeit und das Beste falle einem stets zuletzt ein, so tat sie es immer seltener, und zuletzt kam es kaum noch vor, dass auch nur von dem Ring gesprochen wurde. Zwar der Bauer selbst drehte den Ring wohl zwanzigmal am Finger um und besah ihn sich, aber er h\u00fctete sich, einen Wunsch dabei auszusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und drei\u00dfig und vierzig Jahre vergingen, und der Bauer und seine Frau waren alt und schneewei\u00df geworden, der Wunsch aber war noch nicht getan. Da erwies ihnen Gott eine Gnade und lie\u00df sie beide in einer Nacht selig sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kinder und Kindeskinder standen um ihre beiden S\u00e4rge und weinten. Als eins von ihnen den Ring abziehen und aufheben wollte, sagte der \u00e4lteste Sohn: ,,Lass den Vater seinen Ring mit ins Grab nehmen. Er hat sein Lebtag seine Heimlichkeit mit ihm gehabt. Es ist wohl ein liebes Andenken. Und die Mutter besah sich den Ring auch so oft. Am Ende hat sie ihn dem Vater in ihren jungen Tagen geschenkt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde denn der alte Bauer mit dem Ring begraben, der ein Wunschring sein sollte und keiner war und doch so viel Gl\u00fcck ins Haus gebracht hatte, wie ein Mensch sich nur w\u00fcnschen kann. Denn es ist eine eigene Sache mit dem, was richtig und was falsch ist. Und schlecht Ding in guter Hand ist immer noch sehr viel mehr wert als gut Ding in schlechter.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein junger Bauer, mit dem es in der Wirtschaft nicht recht vorw\u00e4rtsgehen wollte, sa\u00df auf seinem Pflug, ruhte einen Augenblick aus und wischte sich den Schwei\u00df vom Gesicht. 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