{"id":5173,"date":"2026-01-28T03:01:19","date_gmt":"2026-01-28T02:01:19","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5173"},"modified":"2026-01-28T03:01:19","modified_gmt":"2026-01-28T02:01:19","slug":"der-stein-der-zwerge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-stein-der-zwerge\/","title":{"rendered":"Der Stein der Zwerge"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Stein der Zwerge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Martin rennt, er rennt die Wiese hinauf und schaut sich nicht mehr um. Weg, nur weg, nichts mehr h\u00f6ren von diesem Spott und diesem dummen Gel\u00e4chter. Nein, das sind keine Freunde mehr. Sein Herz klopft heftig und ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl von Schmerz und Wut steigt vom Bauch \u00fcber die Brust zum Hals hinauf bis zu den Augen. Jetzt nur nicht weinen, denkt er und hastet weiter aufw\u00e4rts. Dabei hatte er Ludwig und Mark doch nur von der Meise erz\u00e4hlt, die ihm gestern oben im kleinen W\u00e4ldchen begegnet war. \u201eDu hast ja selbst eine Meise\u201c, hatte Mark gesagt und gegrinst. Es war zwecklos den beiden Freunden das eigenartige Verhalten des kleinen Vogels zu schildern. Sie glaubten ihm nicht, dass die Meise unentwegt um ihn herum geflattert war und ihn locken wollte mit ihrem st\u00e4ndigen Weet-weet. \u201eEin Lockv\u00f6gelchen, piep, piep, merkst du was? Bei dir piept es auch\u201c, spotteten die beiden Freunde.<br>Martin holt tief Luft und merkt, dass in seinem Innern noch immer dieses Zittern ist. \u201eDenen werde ich es beweisen\u201c brummelt er vor sich hin. Oben bei dem kleinen W\u00e4ldchen setzt er sich ins Gras, um zu verschnaufen. Still und friedlich liegt das Dorf da unten und von den beiden Freunden ist nichts mehr zu sehen. \u201eWeet, weet\u201c, was ist das? Die Meise, da ist sie wieder. Martin springt auf. \u201eJa\u201c, sagt er \u201eich wei\u00df, du willst mir etwas zeigen. \u201e Weet, weet\u201c zwitschert die Meise und h\u00fcpft von ihrem Ast. \u201eFlieg nur voraus, ich komme nach\u201c und Martin folgt dem kleinen Vogel, der jetzt \u00fcber die Wiese auf den dunklen Berg zufliegt. Tannenberg nennen die Leute unten im Tal den Berg, weil bis hinauf zu seinem Gipfel Tannenb\u00e4ume wachsen; die stehen so dicht an dicht, dass es aussieht, als w\u00fcrde der Berg eine M\u00fctze tragen. An einer Stelle hat die M\u00fctze ein gro\u00dfes Loch, das ist dort, wo mitten im Wald die steile Felswand aufragt.<br>Hier oben war ich noch nie, denkt Martin und w\u00e4hrend er hinter der Meise aufw\u00e4rts steigt, f\u00e4llt ihm die Geschichte ein, die ihm die Gro\u00dfmutter einmal erz\u00e4hlt hat. Vor langer Zeit ist das gewesen, als Martins Gro\u00dfmutter selbst noch ein Kind war. Damals sind an sch\u00f6nen Sommersonntagen die jungen Burschen des Dorfes zum Tannenberg hinauf gestiegen, um in der steilen Felswand zu klettern. Es muss ihnen viel Spa\u00df gemacht haben, denn oft sind sie bis es dunkel wurde oben am Berg geblieben. Die Eltern der jungen Burschen waren sehr besorgt, denn die Felswand war wegen ihres br\u00fcchigen Gesteins t\u00fcckisch und gef\u00e4hrlich. Die \u00e4lteren Leute im Dorf munkelten sogar von einem Geist, der in der Wand hause, und den man nicht st\u00f6ren d\u00fcrfe. Aber weder die \u00c4ngste der M\u00fctter und V\u00e4ter, noch die Schauerm\u00e4rchen der Alten konnten die Burschen davon abhalten weiterhin in der Wand zu klettern.<br>So waren sie auch an jenem Tag aufgebrochen, an dem das Ungl\u00fcck geschah. Es war fr\u00fch am Tag gewesen. Die ersten Sonnenstrahlen hatten die Wand mit einem roten Schimmer \u00fcberzogen und vom Tal herauf war das Gel\u00e4ut der Kirchenglocken zu h\u00f6ren. Rudi, Sepp, Franz und Xaver, die vier Kletterfreunde waren bereits bis zur H\u00e4lfte hoch gestiegen, als Franz sich kurz umdrehte und bemerkte, dass Rudi nicht mehr da war. Wie konnte das sein? Rudi war bis jetzt dicht hinter ihm hochgeklettert. Wo war der Freund? Franz rief den anderen zu, nicht mehr h\u00f6her zu steigen, Rudi sei nicht mehr da. Alle waren wie gel\u00e4hmt. Wenn Rudi abgest\u00fcrzt w\u00e4re, h\u00e4tte er doch geschrieen und das Krachen und Gepolter des herabst\u00fcrzenden Gesteins w\u00e4re doch auch zu h\u00f6ren gewesen. War er vielleicht in eine Felsspalte gefallen, aber in der ganzen Wand gab es keine solche Spalte. Die Freunde waren ratlos. Langsam kletterten sie nach unten, suchten dabei st\u00e4ndig mit den Augen die Wand ab und riefen immer wieder nach dem Freund, aber Rudi war und blieb verschwunden.<br>In den folgenden Tagen war das halbe Dorf oben am Berg. Mit Suchhunden und erfahrenen Bergsteigern wurde die Wand und der Bergwald abgesucht, aber von Rudi fehlte jede Spur. Der Freund blieb verschwunden. Dieser ganze Vorfall war so gruselig, dass von diesem Tag an keiner von den Burschen mehr den Mut hatte in der Wand zu klettern. Das Verschwinden des jungen Bergsteigers blieb ein Geheimnis, das die Felswand am Tannenberg bis zum heutigen Tage nicht preisgegeben hat. So kam es, dass an manchen Tagen, wenn die Morgensonne die schroffe Wand in glutrotes Licht getaucht hatte, die Leute unten im Dorf sagten: \u201eJetzt blutet sie wieder.\u201c<br>All das geht Martin durch den Kopf w\u00e4hrend er aufw\u00e4rts steigt und die unheimliche Felswand immer n\u00e4her kommt. Die kleine Meise mit ihrem Weet-weet flattert voraus, setzt sich ab und zu vor ihm ins Gras und wartet, bis er nachkommt. Inzwischen ist er oben am Fu\u00df des Berges angekommen. Ein scharfer Wind f\u00e4hrt durch die dunklen Tannen und Martin meint ein b\u00f6ses Tuscheln und Fauchen zu h\u00f6ren. Vorsichtig biegt er die herabh\u00e4ngenden Zweige zur\u00fcck, um die Meise nicht aus den Augen zu verlieren, die ihn mit ihrem Gezwitscher immer tiefer in das Walddickicht hinein lockt. Um vorw\u00e4rts zu kommen muss er sich oft b\u00fccken, muss kleine \u00c4ste abbrechen, die ihm den Weg versperren oder auf allen Vieren kriechen. So stolpert er eine Weile hinter der Meise her, bis es auf einmal heller wird und der Wald sich lichtet. Martin sieht inzwischen aus wie ein Igel. Er sch\u00fcttelt sich und zupft die Tannennadeln aus den Haaren und aus seinem Pullover und tritt hinaus auf die Lichtung und da ragt sie vor ihm auf, die geheimnisvolle Felswand vom Tannenberg. Staunend schaut er hoch zu den steilen, glatten Felsen und malt sich aus, wie die jungen Burschen da oben herum geklettert sind. Wie still und einsam es hier ist. Jetzt f\u00e4llt ihm auf, dass der Lockruf der Meise nicht mehr zu h\u00f6ren ist. Wo ist der kleine Vogel hingeschwirrt? \u201eWeet, weet\u201c ruft Martin und schaut sich \u00e4ngstlich um. Aber von der Meise ist nichts zu h\u00f6ren und zu sehen.<br>Warum hat sie mich hierher gelockt? Wollte sie mir nur die Felswand zeigen? Er wirft noch einmal einen Blick hinauf zu den schroffen Felsen und sp\u00fcrt wie ein mulmiges Gef\u00fchl in ihm hoch steigt. Dann wendet er sich zum Gehen. Aber was ist das? Dort hoch oben an einem Felsvorsprung blinkt und blitzt es. Martin geht ein paar Schritte zur Seite und schaut erneut hoch, tats\u00e4chlich es blitzt und funkelt noch immer. Was kann das sein? Es sieht aus als w\u00fcrde jemand mit einer Taschenlampe ein Signal geben. Martin steigt \u00fcber einige gr\u00f6\u00dfere Steine, h\u00e4lt sich an Wurzeln und Grasb\u00fcscheln fest und kraxelt weiter, um dem seltsamen Licht n\u00e4her zu kommen.<br>\u201eNa, da bist du ja endlich!\u201c Martin zuckt zusammen. Woher kommt diese raue, schnarrende Stimme? Da &#8211; auf dem Vorsprung sitzt ein kleiner Kerl, etwa so gro\u00df wie die Puppe seiner Schwester. Er hat borstige graue Haare und ein lustiges Gesicht mit einer dicken roten Nase. In seinen H\u00e4nden h\u00e4lt er einen Stein, der m\u00e4chtig funkelt.<br>\u201eWeetina hat mir schon von dir erz\u00e4hlt.\u201c \u201eWeetina, wer ist Weetina?\u201c fragt Martin ganz verdattert \u201eund wer bist du?\u201c \u201eWeetina ist unsere Kundschafterin\u201c sagt der Kleine und deutet auf seine Schulter. \u201eAch sieh mal an\u201c, sagt Martin, \u201eda ist ja die kleine Meise.\u201c \u201eWeet, weet\u201c zwitschert die Meise und l\u00e4sst sich auf Martins Hand nieder. \u201eAber wer bist du?\u201c fragt Martin den Zwerg. \u201eIch bin Stoffel, einer von den Lichtbringern\u201c und er zeigt Martin einen gl\u00e4nzenden Stein. \u201eLichtbringer, das habe ich noch nie geh\u00f6rt und was machst du da mit diesem Stein?\u201c \u201eJa wei\u00dft du im Innern des Berges von wo ich komme, da ist es ganz dunkel, deshalb muss immer einer von den Zwergen hinaus und mit diesem Stein hier das Sonnenlicht einfangen, damit wir in unserer Bergh\u00f6hle etwas sehen k\u00f6nnen. Nach einiger Zeit erlischt das Licht im Stein, dann muss ein anderer hinaus und den Stein aufs Neue mit Sonnenlicht aufladen.\u201c \u201eDas muss ein ganz besonderer Stein sein\u201c sagt Martin \u201ekann ich ihn einmal n\u00e4her ansehen?\u201c<br>\u201eOh, nein, das ist viel zu gef\u00e4hrlich, du w\u00fcrdest dir die Augen verderben und k\u00f6nntest sogar blind werden.\u201c \u201eWas macht ihr eigentlich, wenn die Sonne nicht scheint? \u201eOh, das ist eine schlimme Zeit, in der wir sehr lange schlafen.\u201c \u201eIch w\u00fcrde zu gerne einmal sehen, wie ihr Zwerge lebt im Innern des Berges.\u201c\u201e Tja\u201c, sagt Stoffel und reibt sich seine dicke rote Nase \u201edas kannst du schon, nur musst du vorher eine mpu wegen alkohol.\u201c<br>\u201eUnd was ist das f\u00fcr eine Pr\u00fcfung?\u201c \u201eDu darfst zu keinem Menschen etwas sagen, was du hier erlebt hast, nichts von Weetina und nichts von mir.\u201c \u201eDu kannst ganz sicher sein, ich kann schweigen wie ein Grab\u201c sagt Martin und denkt dabei an seine Freunde, die ihm sowieso nichts glauben und die ihn nur auslachen w\u00fcrden, wenn er ihnen das erz\u00e4hlte. \u201eGut\u201c, sagte Stoffel \u201e dann komme an zwei Tagen an denen die Sonne scheint wieder hierher, den Weg kennst du ja bereits. Am dritten Tage werden wir dich dann mitnehmen in unser Reich im Innern des Berges.\u201c Martin schaut bei diesen Worten an der Felswand hoch und \u00fcberlegt, wo der Einstieg ins Innere des Berges sein k\u00f6nnte. Als er sich wieder dem Kleinen zuwendet ist dieser verschwunden. Martin sucht die Stelle ab, auf der Stoffel sa\u00df, aber weder der Zwerg, noch der Lichtstein sind zu finden und auch von der Meise Weetina fehlt jede Spur.<br>Die n\u00e4chsten Tage sind regnerisch und die Sonne blinzelt nur hin und wieder hinter den dicken Wolken hervor. Martin steht am Fenster und schaut nach dem Wetter, denn es muss ein sonniger Tag sein an dem er wieder hinauf zur Felswand gehen kann. Also wartet er, wartet voller Ungeduld auf die Sonne.<br>Mit seinen Freunden hat er sich inzwischen ausges\u00f6hnt. \u201eWir haben das doch nicht b\u00f6se gemeint\u201c, hat sich Ludwig entschuldigt \u201eund vielleicht hast du ja auch recht mit der Meise; Tiere benehmen sich manchmal sehr merkw\u00fcrdig.\u201c Als Ludwig das sagte, war Martin nahe dran, ihm sein Geheimnis zu verraten, aber er schwieg, denn er wusste, dass er dann die Pr\u00fcfung nicht bestehen w\u00fcrde.<br>Nach drei Tagen scheint endlich wieder die Sonne. Gleich nach der Schule steigt Martin hinauf zum Tannenberg. Schon im Anmarsch sieht er das Blinken und Funkeln in der Felswand. Er ist da, er ist wirklich da, sein Herz h\u00fcpft vor Aufregung. Tats\u00e4chlich auf dem Felsvorsprung sitzt wieder der Zwerg und h\u00e4lt den Lichtstein der Sonne entgegen. \u201eServus Stoffel, ich bin wieder da\u201c, keucht Martin, der noch ganz au\u00dfer Atem ist. \u201eIch bin Jockel\u201c, kommt es mit einer n\u00e4selnden Stimme von oben. \u201eO, Verzeihung, ihr seht euch so \u00e4hnlich\u201c, sagte Martin \u201enur deine Stimme ist anders\u201c. \u201eWir sind drei, drei Lichtbringer\u201c, n\u00e4selt der Kleine, \u201ehat dir das der Stoffel nicht gesagt oder hast du nicht richtig zugeh\u00f6rt?\u201c \u201eDoch, doch\u201c stottert Martin und f\u00fchlt sich auf einmal sehr unbehaglich. Warum ist der Stoffel nicht gekommen, denkt er den fand er viel netter. \u201ePass auf\u201c, sagt jetzt der Zwerg und leuchtet Martin mit dem Stein ins Gesicht, \u201eStoffel hat zu dir gesagt, dass du zu keinem Menschen etwas sagen darfst, du hast dein Wort gehalten und geschwiegen, wir wissen es. Du hast also die erste Pr\u00fcfung bestanden, aber das ist noch nicht alles. \u201eWas denn noch?\u201c fragt Martin und h\u00e4lt sich die Hand vors Gesicht, weil ihn der Gnom noch immer anblendet. \u201eDu musst noch einmal kommen, dann wird der dritte Lichtbringer hier sitzen und er wird dich mit in unser Reich nehmen, aber nur wenn du ihm etwas mitbringst.\u201c \u201eJa und was soll ich ihm mitbringen?\u201c\u201e Etwas Lebendiges?\u201c Martin schrickt zusammen, \u201eetwas Lebendiges? Was soll das sein, ein Hund oder eine Katze?\u201c fragt er vorsichtig. Aber er erh\u00e4lt keine Antwort. Pl\u00f6tzlich ist das Licht, das ihn geblendet hat erloschen und von dem Zwerg auf dem Felsvorsprung ist nichts mehr zu sehen.<br>Nachdenklich macht sich Martin auf den Heimweg, denn die Frage, wohin die Zwerge immer so schnell und spurlos verschwinden, geht ihm nicht aus dem Sinn. Und dann dieses \u201eLebendige\u201c, was k\u00f6nnte damit gemeint sein? Lulu etwa, seine schwarz-wei\u00df gefleckte Katze? Nein, die liebt er viel zu sehr, um sie f\u00fcr solch ein Experiment herzugeben. Dann f\u00e4llt ihm Viktor ein, der Wellensittich, aber der Gedanke, dass der kleine Vogel bei den Zwergen wie eine Fledermaus im Finsteren herum fliegen m\u00fcsste, erf\u00fcllt ihn mit Grauen. Martin ist ratlos.<br>So vergehen einige Tage und Martin hat noch immer nichts Lebendiges gefunden, was er den Zwergen mitbringen k\u00f6nnte. Er sitzt \u00fcber seinen Hausaufgaben und gr\u00fcbelt. Wenn er nur mit seinen Freunden dar\u00fcber reden k\u00f6nnte, vielleicht h\u00e4tten die eine Idee, aber er darf ja zu niemandem etwas sagen. Ob es nicht besser w\u00e4re, das ganze Unternehmen aufzugeben? &#8211; Aber was ist das? Dieser schwarze Fleck dort an der Wand? Eine Spinne! Martin springt auf. Ja, ja das ist es, ich Trottel, warum bin ich denn nicht gleich darauf gekommen? Schnell ein leeres Marmeladeglas, schwupp, \u00fcber die Spinne gest\u00fclpt, dann ein Papier drunter geschoben und schon krabbelt die Spinne in ihr gl\u00e4sernes Gef\u00e4ngnis. Jetzt noch den Deckel drauf, geschafft. \u201eIch hab`s, ich hab`s\u201c, jubelt Martin und st\u00fcrmt aus dem Haus.<br>Oben auf der Felsennase sitzt wieder ein Zwerg mit seinem Glitzerstein. \u201eIch hab`s\u201c ruft Martin und h\u00e4lt ihm schon von weitem das Glas mit der Spinne entgegen. \u201eNur langsam, junger Freund und nicht so st\u00fcrmisch\u201c h\u00f6rt Martin jetzt eine quieksende Stimme.<br>\u201eAha, du bist also der Dritte. Stoffel und Jockel haben mir schon von dir erz\u00e4hlt. Aber wie hei\u00dft du denn?\u201c \u201eIch bin Steffel\u201c. \u201eAlso Steffel, ich habe das Lebendige mitgebracht, hier\u201c und Martin \u00fcberreicht dem Zwerg das Glas mit der Spinne. \u201eDas ist gut\u201c, sagt Steffel, schraubt den Deckel ab und l\u00e4sst die Spinne frei. \u201eDu staunst? Das ist nur die Probe gewesen, ob du zuverl\u00e4ssig bist, genauso wie die erste Probe, ob du schweigen kannst. Beide Proben hast du bestanden und deshalb darfst du jetzt mit mir kommen. Bevor wir aber in den Berg gehen musst du mir versprechen, zu allem was du sehen wirst keine Fragen zu stellen. Ist das klar?\u201c Martin nickt und sein Herz klopft zum Zerspringen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZwerge hurtig aufgemacht,<br>lasst mich ein in Berg und Nacht,<br>bring euch hellen Tagesschein<br>mit dem Funkel-Glitzerstein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hat Steffel dieses Spr\u00fcchlein gemurmelt, da \u00f6ffnet sich ein Spalt in der Felswand und Martin blickt in eine tiefe dunkle H\u00f6hle. Steffel h\u00fcpft mit dem Lichtstein voraus \u00fcber kleine Stufen und Steinplatten und ermuntert den Jungen ihm zu folgen. \u201eEs ist so dunkel\u201c, st\u00f6hnt Martin \u201eich kann nichts sehen, du musst bei mir bleiben mit deinem Lichtstein, sonst werde ich stolpern\u201c.<br>\u201ePst, leise\u201c, zischelt der Zwerg \u201ebei uns wird nicht laut gesprochen! Wenn sich deine Augen an das Dunkel gew\u00f6hnt haben, wirst du auch bald besser sehen und jetzt komm weiter!\u201c Und wahrhaftig! Allm\u00e4hlich bemerkt Martin in welch wunderbare Welt ihn der Zwerg jetzt f\u00fchrt. Da h\u00e4ngen seltsame Gebilde von der Decke der H\u00f6hle, die sehen aus wie versteinerte Eiszapfen. Andere Versteinerungen scheinen aus dem Boden zu wachsen, die haben die Form von Tannenb\u00e4umen oder Palmenzweigen. \u201eDas ist unser Wald\u201c, erkl\u00e4rt Steffel dem staunenden Martin, \u201edu erkennst Zweige und Bl\u00e4tter, Bl\u00fcten und Gr\u00e4ser, Farne und Moose alles genauso wie oben auf der Erde, nur dass sie bei uns aus versintertem Kalkstein sind.\u201c Vor einer kleinen \u00d6ffnung macht der Zwerg halt. Eine schr\u00e4ge Felsplatte f\u00fchrt in einen finsteren Abgrund. \u201eKomm\u201c, sagt Steffel, er setzt sich auf den Hosenboden und rutscht nach unten. Mit einem bangen Gef\u00fchl im Herzen folgt Martin ihm nach. \u201eDas ist das Spielzimmer der Zwerge\u201c sagt Steffel als sie unten ankommen sind und leuchtet mit seinem Stein eine neue H\u00f6hle aus. Diesmal h\u00e4ngen m\u00e4chtige steinerne Vorh\u00e4nge von der Decke herab. Auch ringsum an den W\u00e4nden sind in gro\u00dfen Falten solche Steingardinen drapiert. Martin malt sich aus, wie lustig es sein muss, wenn die Zwerge hier Verstecken spielen.<br>\u201eSuch mich, such mich!\u201c ruft er und stellt sich hinter einen Steinvorhang. Aber was ist das? Hundertmal kommt es jetzt von den W\u00e4nden zur\u00fcck und klingt so h\u00e4sslich und verzerrt, dass er sich die Ohren zuhalten muss. \u201eBegreifst du jetzt, warum bei uns nur gefl\u00fcstert werden darf? Aber komm weiter, ich werde dir unser Schlafzimmer zeigen.\u201c<br>Martin muss sich jetzt b\u00fccken, denn die Nische in der sich der Schlafraum der Zwerge befindet ist sehr niedrig. Dicht nebeneinander stehen die kleinen Bettchen. Die Matratzen sind aus versteinerten Halmen geflochten und feine kalkverkrustete Zweige bilden die Bettrahmen. Wo sind denn die anderen Zwerge? Wollte Martin gerade fragen, da f\u00e4llt ihm blitzartig ein, dass er ja keine Fragen stellen darf.<br>Sie gehen weiter. Steffel mit seinem Leuchtstein eilt voraus und lotst ihn durch enge Felsspalten, sie tasten sich an feuchten W\u00e4nden entlang und schl\u00fcpfen durch schmale G\u00e4nge. Pl\u00f6tzlich ist ein Pl\u00e4tschern und Rauschen zu h\u00f6ren. Durch eine \u00d6ffnung treten sie auf einen breiten Felsenbalkon und jetzt sieht Martin tief unter sich eine schwarzgl\u00e4nzende Wasserfl\u00e4che. \u201eDas ist unser Badesee\u201c sagt Steffel. Im dunklen Wasser spiegeln sich die bizarren Spitzen und Steinzapfen, mit denen W\u00e4nde und Decke gespickt sind. Martin schaut \u00e4ngstlich nach oben und unten, er kommt sich vor wie im riesigen Maul eines Ungeheuers. Von irgendwoher weht ihn ein kalter Luftzug an. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite hat sich wie von Zauberhand eine breite Felsspalte ge\u00f6ffnet und Martin blickt in einen weiten hohen H\u00f6hlensaal. Riesige versinterte Pilze h\u00e4ngen wie Lampenschirme von der Decke. Mit unz\u00e4hligen Mulden, die wie Muscheln aussehen sind Boden und W\u00e4nde \u00fcbers\u00e4t, dazwischen erheben sich kleine versteinerte Krater mit einem Loch in der Mitte. Steffel gibt Martin einen Wink n\u00e4her zu treten und h\u00e4lt dabei den Finger an den Mund. Aber was ist das? Woher kommt dieses Wispern und Fl\u00fcstern, dieses Raunen und Tuscheln, das sich anh\u00f6rt wie das Rascheln der Gr\u00e4ser im Wind oder das leise Surren der Libellen. Der Lichtschein des Funkelsteins erhellt jetzt die H\u00f6hle und pl\u00f6tzlich entdeckt Martin, woher die Ger\u00e4usche kommen: Es sind die Zwerge. Sie sitzen in Scharen auf den Lampenschirmpilzen, lugen aus den L\u00f6chern der Krater oder haben sich in eine Muschel gekuschelt. Andere laufen gesch\u00e4ftig umher, tragen glitzernde Edelsteine auf ihrem R\u00fccken oder kehren mit niedlichen Reisigbesen den Boden der H\u00f6hle. Aber sie sehen so anders aus als Steffel, Stoffel und Jockel und auch anders als Martin sich Zwerge vorgestellt hat. Manche haben lange wei\u00dfe B\u00e4rte wie uralte M\u00e4nner, andere wieder sehen aus wie kleine Kinder mit lockigen Flaumhaaren, krummgebeugte Gnome und Trolle mit wilden Gesichtern sind darunter. Dort dr\u00fcben stehen einige dunkelh\u00e4utige Afrikaner beisammen und sogar Chinesenzwerge tauchen auf. Manche tragen Tierfelle und haben gr\u00fcne Katzenaugen. Die auf den Pilzen sitzen sehen V\u00f6geln \u00e4hnlich mit einer Schnabelnase und Krallen an den H\u00e4nden. Aus den Kraterl\u00f6chern kriechen welche mit Eidechsenk\u00f6pfen und Flederm\u00e4use mit gro\u00df\u00e4ugigen M\u00e4dchengesichtern und feinen langen Spinnwebhaaren schwirren durch die H\u00f6hle. Martin ist v\u00f6llig verwirrt, er wei\u00df gar nicht wohin er zuerst schauen soll. Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrt er ein Stupsen und Zerren an seinen Hosenbeinen und sieht sich umringt von einer quirligen Schar der kleinen Gesellen. Sie schieben und dr\u00e4ngen ihn bis zur Mitte des Saales, wo auf einem Sockel ein gro\u00dfer, gl\u00e4nzender Kristallblock steht. Die Kleinen schubsen Martin n\u00e4her und n\u00e4her an den durchsichtigen Quader heran. Aber was ist das? Martin stockt der Atem. Eingegossen in das gl\u00e4serne Geh\u00e4use liegt ein Mensch, ein junger Mann, das bleiche Gesicht umrahmt von dunklen Locken. Er hat die H\u00e4nde \u00fcber der Brust gefaltet und scheint zu schlafen. Nein, Martin durchf\u00e4hrt ein eisiger Schauer, er schl\u00e4ft nicht, er ist tot. Wie lange er den Toten in dem Glassarg angestarrt hat, wei\u00df er nicht mehr.<br>\u201eWer ist das?\u201c Zu Tode erschrocken \u00fcber seine Frage, h\u00f6rt er jetzt die eigene Stimme hundertfach von den W\u00e4nden widerhallen. \u201eWER \u2013 WER \u2013 IST \u2013 IST \u2013 DAS \u2013 DAS \u2013 DAS?\u201c Gleichzeitig ersch\u00fcttert ein m\u00e4chtiger Donnerschlag die H\u00f6hle. Martin h\u00f6rt noch wie der gl\u00e4serne Sarg klirrend zersplittert und er sieht wie die steinernen Riesenpilze von der Decke st\u00fcrzen. Dann trifft ihn der Blendstrahl des Funkelsteins und er verliert er das Bewusstsein.<br>Als er wieder zu sich kommt, sitzt er am Fu\u00df der gro\u00dfen Felswand. Erst allm\u00e4hlich erinnert er sich an seine Erlebnisse im Reich der Zwerge und an den Toten im gl\u00e4sernen Sarg. Aber was ist das? Ein gewaltiges Get\u00f6se und L\u00e4rmen ist aus dem Innern des Berges zu h\u00f6ren. Der Boden zittert und pl\u00f6tzlich sieht Martin wie sich aus der Felswand Steine und Felsbrocken l\u00f6sen und herab st\u00fcrzen. Da packt ihn eine wilde Angst und ohne sich umzuschauen beginnt er zu rennen wie ein gehetztes Tier. Er sp\u00fcrt nicht die Tannenzweige, die ihm ins Gesicht schlagen und die Dornb\u00fcsche, die ihm die Hose zerrei\u00dfen. Nur weg von hier, schnell, schnell weg! Er rast den Berg hinunter als w\u00e4ren die b\u00f6sen Geister hinter ihm her. V\u00f6llig ersch\u00f6pft und au\u00dfer Atem kommt er zu Hause an und l\u00e4uft als erstes seiner Gro\u00dfmutter in die Arme. \u201eAber Martin, wo kommst du denn her und wie du aussiehst.\u201c \u201eOma, ich muss mit dir reden.\u201c<br>\u201eGewiss mein Junge, aber sag mir doch zuerst, wo du herkommst.\u201c \u201eJetzt kann mir niemand mehr verbieten zu reden\u201c. \u201eAber wer hat dir denn verboten zu reden, Martin?\u201c<br>\u201eOma, ich werde dir alles erz\u00e4hlen, alles was ich am Tannenberg erlebt habe\u201c. \u201eDu warst da oben am Tannenberg?\u201c \u201eJa, Oma\u201c und dann erz\u00e4hlt Martin von den drei Zwergen mit dem Lichtstein, von Stoffel, Jockel und Steffel und von den Pr\u00fcfungen die er bestehen musste. Er schildert ihr, wie es im Innern des Berges ausgesehen hat, und wie er zuletzt den Toten im gl\u00e4sernen Sarg gefunden hat. Die Gro\u00dfmutter hat ihm sehr aufmerksam zugeh\u00f6rt und als er geendet hat, sagt sie zu ihm. \u201eWei\u00dft du was ich glaube, Martin, du hast wahrscheinlich den toten Rudi gefunden, den Kletterer von dem ich dir erz\u00e4hlt habe. Manchmal kommt es vor, dass nach einem Unwetter oder bei einem Bergrutsch ein toter Bergsteiger wieder aufgefunden wird. Vielleicht ist das auch in diesem Falle so. \u201eDann glaubst du mir also meine Geschichte mit den Zwergen, Oma?\u201c \u201eJa, mein Junge, weil ich finde, dass es auch Dinge geben muss, die wir uns nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, Geheimnisse eben, denn wenn es keine Geheimnisse g\u00e4be, g\u00e4be es keine Geschichten und das w\u00e4re doch schade.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Stein der Zwerge Martin rennt, er rennt die Wiese hinauf und schaut sich nicht mehr um. Weg, nur weg, nichts mehr h\u00f6ren von diesem Spott und diesem dummen Gel\u00e4chter. Nein, das sind keine Freunde mehr. 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